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Lucrezia Borgia

Ferdinand Gregorovius: Lucrezia Borgia - Kapitel 9
Quellenangabe
typetractate
authorFerdinand Gregorovius
year1982
publisherC. H. Beck'sche Verlagsbuchhandlung
addressMünchen
isbn3-406-08959-3
titleLucrezia Borgia
created20040228
sendergerd.bouillon
firstpub1874
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VI

Am 25. Juli 1492 trat dasjenige Ereignis ein, welches die Borgia längst mit Sehnsucht erwartet hatten: der Tod Innocenz' VIII. Vier Kardinale waren jetzt vor allen anderen die Kandidaten des Papsttums: Rafael Riario und Julian Rovere, die beiden mächtigen Nepoten Sixtus' IV., sodann Ascanio Sforza und Rodrigo Borgia.

Es gingen Tage fieberhafter Spannung für die Familie dieses Kardinals hin, ehe die neue Wahl entschieden wurde. Von seinen Kindern befanden sich damals nur Lucrezia und Jofré in Rom und wohl beide im Hause der Madonna Adriana. Vannozza lebte in dem ihrigen mit ihrem Gatten Canale, welcher seit einiger Zeit das Amt eines Skriptors der Penitenziaria bekleidete. Sie war jetzt fünfzig Jahre alt und hatte nichts mehr vom Leben zu fordern, als die Erlangung ihres letzten und höchsten Wunsches, den Vater ihrer Kinder auf den Papstthron steigen zu sehen. Wie mag sie damals nicht die Heiligen des Himmels um die Erfüllung dieses Wunsches mit Gebeten und Gelübden bestürmt haben! Wie mögen das gleiche Madonna Adriana, Lucrezia und Julia Farnese getan haben.

Am frühen Morgen des 11. August konnten atemlose Boten diesen Frauen die Kunde aus dem Vatikan bringen, daß Rodrigo Borgia das große Los gewonnen habe. An ihn, den Meistbietenden, war das Papsttum verkauft worden. Der Kardinal Ascanio Sforza hatte bei der Wahl den Ausschlag gegeben, und dafür empfing er als Lohn die Stadt Nepi, das Amt des Vizekanzlers und den Palast Borgia. Noch heute trägt dieser den Namen Sforza-Cesarini.

Als am Morgen dieses Glückstages Alexander VI. vom Konklavesaal in den S. Peter hinabgetragen wurde, um hier die ersten Huldigungen zu empfangen, mag sein freudestrahlender Blick in der dichtgedrängten Menge nach seinen Angehörigen gespäht haben. Denn sie waren wohl eilends herbeigekommen, diesen großen Triumph zu feiern. Seit langer Zeit hatte Rom keinen neuen Papst von solcher Majestät und Schönheit der Gestalt gesehen. Sein Lebenswandel war stadtkundig, doch niemand kannte ihn in dieser Stunde genauer, als jenes Weib Vannozza Catanei, welches im S. Peter auf ihren Knien liegen mochte, während unter den heiligen Klängen der Messe Bilder einer sündhaften Vergangenheit durch ihre Seele zogen.

Nicht alle Mächte nahmen die Wahl Borgias mit Argwohn auf. In Mailand ließ Ludovico der Mohr öffentliche Feste feiern; er glaubte jetzt durch den Einfluß seines Bruders Ascanio selbst »halber Papst« zu sein. Die Medici erwarteten viel von Alexander, wenig die Aragonen Neapels. Bitter sprach sich Venedig aus. Der Gesandte dieser Republik in Mailand erklärte offen schon im August: daß der Heilige Stuhl mit Simonie und tausend Betrügereien verkauft worden sei, und daß die Signorie Venedigs überzeugt sei, Frankreich und Spanien würden dem Papst die Obedienz verweigern, sobald sie von solchen Freveln Kunde erhalten hätten.

Indes Alexander VI. empfing die Anerkennung aller Staaten Italiens unter überschwenglichen Huldigungen. Das Fest seiner Krönung am 26. August wurde mit ungewöhnlichem Pomp gefeiert. Das Wappen Borgia, ein weidender Stier, erschien bei dieser Gelegenheit in so viel Emblemen und Figuren und wurde mit so viel Epigrammen besungen, daß ein Satiriker hätte sagen dürfen, man feiere in Rom die Auffindung des heiligen Apis. Der Bos Borgia ist später oft genug die Zielscheibe der giftigsten Satire geworden, aber am Anfange der Regierung Alexanders war er in naivster Weise der bildliche Träger der Herrlichkeit des Papstes. Eine solche Symbolik würde heute nur Spott und Gelächter erregen, doch der plastische Sinn der damaligen Italiener nahm keinen Anstoß daran.

Als Alexander bei seinem Festzuge nach dem Lateran am Palast seiner fanatischen Anhänger, der Porcari, vorüberkam, deklamierte ein Knabe dieses Hauses mit ernsthaftem Pathos Distichen, deren Schlußverse lauteten:

Vive diu bos, vive diu celebrande per annos,
    Inter Pontificum gloria prima choros.

Man muß die Berichte des Michael Fernus und die des Hieronymus Porcius über dieses Krönungsfest und die Obedienzreden der Gesandten Italiens lesen – um zu erkennen, wie weit man damals die Schmeichelei trieb. Wir können uns freilich heute nur noch schwer die imposante Erscheinung vorstellen, in welcher ein von der Natur glänzend ausgestatteter Papst auf der römischen Schaubühne in jener Zeit auftrat, wo das Papsttum seine letzte Höhe erstieg. Auf diese hatten es nicht die kirchlichen Triebe, nicht die längst profanisierte Religion, sondern der Luxus der Zeit und die moderne Politik gehoben, während es vom Mittelalter her noch eine traditionelle innere Ausrüstung behalten hatte, welche Gläubige zur Verehrung zwang.

Fernus bemerkte einmal, daß die gesamte Geschichte der Erde nichts darbiete, was dieser Erhabenheit der Papsterscheinung und diesem Kultus einer Person irgend zu vergleichen sei. Dieser Autor war kein bigotter Papist, sondern ein eifriger Schüler des Pomponius Lätus, und wie alle jene Romantiker des Klassizismus besaß er die lebhafteste Empfänglichkeit für jeden theatralischen Effekt. Er hat nicht Worte genug, einen Zug Alexanders nach S. Maria del Popolo zu schildern: diese sich entfaltenden feierlichen Massen reich geschmückter Menschen, diese siebenhundert Geistlichen und Kardinäle mit ihrer Dienerschaft, diese Ritter und Granden Roms in strahlenden Aufzügen, diese Scharen von Bogenschützen und türkischen Reitern, diese Palastwache mit langen Lanzen und blitzenden Schilden, die zwölf mit Gold gezäumten weißen Pferde, welche reiterlos dahergeführt werden und andere zahllose Dekorationen des Schaugepränges. Solchen Zug, der einem Triumphe gleicht, zu dessen Herstellung heute eine lange Vorbereitung nötig sein würde, kann der Papst im Augenblick improvisieren, denn stets sind die Schauspieler und ihre Garderobe bereit. Er setzt ihn in Bewegung, nur um sich einmal den Römern zu zeigen, auf daß seine Majestät dem Volk zu einem erheiternden Festspiel diene.

Fernus schildert dann diesen Borgia selbst, wie einen daherkommenden Halbgott. »Er sitzt auf einem schneeweißen Pferde mit heiterer Stirn, mit augenblicklich zwingender Würde; so stellt er sich dem Volke dar; so segnet er alle; so wird er vom Blick aller aufgefaßt; so durchdringt auch sein Blick alles; so erfreut er alles; so ist seine Erscheinung gute Vorbedeutung für alle. Wie wunderbar ist die milde Gelassenheit seiner Mienen; der Adel dieses Angesichts ohne Fehl; sein Blick wie liberal. Dieser Wuchs und diese Haltung von zwangloser Schönheit und die unverkümmerte Gesundheitsfülle des Leibes, wie steigern sie die Verehrung, die er einflößt.« So und nicht anders muß sich, nach der Meinung des Fernus, einst Alexander der Große dargestellt haben. Es war ein Götzendienst, der mit dem Papsttum fortdauernd getrieben wurde, und niemand fragte, wie das innere und persönliche Wesen dieses prunkenden Idols beschaffen war.

Am Fest seiner Krönung ernannte Alexander seinen Sohn Don Cesar, einen Jüngling von sechzehn Jahren, zum Bischof von Valencia. Er tat dies ohne der Bestätigung Ferdinands des Katholischen sicher zu sein, und in Wirklichkeit sträubte sich auch dieser Monarch lange dagegen, sie zu erteilen; denn die Borgia brachten so das erste Bistum Spaniens gleichsam in ihren Besitz. Cesar befand sich indes am Krönungsfeste seines Vaters nicht in Rom. Am 22. August, also schon elf Tage nach der Wahl Alexanders, meldete der ferrarische Gesandte Manfredi in Florenz der Herzogin Eleonora von Este: »Der Sohn des Papstes, Bischof von Pamplona, welcher sich auf der Universität zu Pisa befand, ist gestern am Morgen von dort auf dessen Befehl abgereist und in die Burg Spoleto gegangen.«

In ihr befand sich Cesar sogar noch am 5. Oktober, denn an diesem Tage schrieb er von dort einen Brief an Piero Medici. Dieses Schreiben an den Sohn Lorenzos, den Bruder des Kardinals Johann, ist von solcher Art, daß es eine große Vertraulichkeit zwischen ihm und Cesar voraussetzt. Derselbe sagte darin, daß er wegen seiner plötzlichen Abreise von Pisa nicht mehr mündlich mit ihm sich habe besprechen können, sondern daß sein Präceptor Giovanni Vera seine Stelle habe vertreten müssen. Er empfahl ihm seinen vertrauten Familiar Francesco Romolini zur Anstellung als Professor des kanonischen Rechts in Pisa, da dieser gelehrte Mann eine solche Laufbahn der geistlichen vorziehe. Der Brief ist unterzeichnet: »Als wie Ew. Bruder Cesar de Borja, Erwählter von Valencia.«

Offenbar wollte Alexander dadurch, daß er seinen Sohn nicht sofort nach Rom kommen ließ, dasjenige bestätigen, was er feierlich erklärt hatte, nämlich sich vom Nepotismus rein zu erhalten. Vielleicht gab es einen Augenblick, wo die Mahnung an das Beispiel von Calixt, von Sixtus und Innocenz ihn zum Nachdenken brachte, und wo er den Vorsatz faßte, seine Verwandtenliebe zu mäßigen. Jedoch, schon die Ernennung seines Sohnes zum Bischof an seinem Krönungstage bewies, daß ein solcher Vorsatz nicht ernstlich war. Schon im Oktober mochte sich Cesar im Vatikan einfinden, wo jetzt die Borgia die Stelle einnahmen, welche die erbärmlichen Cibò geräumt hatten.

Am 1. September machte der Papst den älteren Juan Borgia, Bischof von Monreale, zum Kardinal; er war der Sohn seiner Schwester Johanna. Der Vatikan füllte sich mit Spaniern, Verwandten oder Freunden des jetzt allmächtigen Hauses, welche nach Glück und Ehren begierig herbeieilten. »Nicht zehn Papsttümer würden ausreichen, diese Sippschaft zu befriedigen«: so schrieb schon im November 1492 Gianandrea Boccaccio an den Herzog von Ferrara. Von den nächsten Freunden Alexanders wurden Juan Lopez sein Datar, Pedro Caranza und Juan Marades seine geheimen Kämmerer. Rodrigo Borgia, ein Pronepot des Papstes, ward Kapitän der Palastwache, welche vor ihm ein Doria befehligt hatte.

Sofort dachte Alexander daran, seine Tochter glänzender zu versorgen. Er wollte nichts mehr von ihrer Vermählung mit einem spanischen Edelmann wissen; nur ein Fürst sollte ihre Hand erhalten. Ludovico und Ascanio schlugen ihm ihren Verwandten, Giovanni Sforza vor, und er nahm ihn zum Eidam an. Denn obwohl derselbe nur Graf von Cotognola und kirchlicher Vikar Pesaros war, so regierte er doch selbständig, und er gehörte zum erlauchten Hause Sforza. An die Sforza aber schloß sich Alexander in seiner ersten Zeit so fest an, daß der Kardinal Ascanio in Rom allmächtig war. Giovanni, ein Bastard Costanzos von Pesaro, und nur durch die Gnade Sixtus' IV. und Innocenz' VIII. auch sein Nachfolger in jener Herrschaft, war ein Mann von sechsundzwanzig Jahren, wohlgestaltet und von guter Bildung, wie fast alle kleinen Tyrannen Italiens. Im Jahre 1489 hatte er sich mit Maddalena, der schönen Schwester von Elisabetta Gonzaga vermählt, an demselben Tage, als diese sich mit dem Herzog Guidobaldo von Urbino verband. Doch seit dem 8. August 1490, wo seine Gattin an den Folgen einer unglücklichen Entbindung starb, war er verwitwet.

Sforza eilte, die ihm dargebotene Hand der jungen Lucrezia zu ergreifen, ehe sie ein anderer der vielen Bewerber gewann. Er ging aus Pesaro zuerst in die Burg von Nepi, welche Alexander VI. dem Kardinal Ascanio gegeben hatte. Dort hielt er sich einige Tage auf und kam dann am 31. Oktober 1492 heimlich nach Rom. Hier nahm er Wohnung in jenem Palast des Kardinals von S. Clemente, welchen Domenico Rovere im Borgo erbaut hatte, wo er noch wohlerhalten dasteht, gegenüber dem Palast Giraud-Torlonia. Der ferrarische Gesandte meldete die Ankunft Sforzas seinem Herrn mit der Bemerkung: daß derselbe ein großer Mann sein werde, solange als dieser Papst regiere. Er erklärte den Grund der Heimlichkeit, in welcher er sich hielt, durch die Meldung, daß sich zu gleicher Zeit der rechtlich verlobte Bräutigam Lucrezias ebenfalls heimlich in Rom befinde.

Der junge Graf Gasparo war in der Tat mit seinem Vater nach Rom gekommen, um seine Rechte auf Lucrezia in Besitz zu nehmen, welche ihm gerade jetzt so unermeßliche Vorteile versprachen. Er fand hier einen versteckten, aber schon offenbar gewordenen Nebenbuhler und geriet in Wut, denn der Papst begehrte von ihm einen gerichtlichen Verzicht. Lucrezia, damals erst ein Kind von zwölf und einem halben Jahr, wurde so zum willenlosen Gegenstand des Streites zweier Bewerber, und zugleich zum erstenmal auch zum Gegenstand eines öffentlichen Skandals. Am 5. November schrieb der Bevollmächtigte Ferraras seinem Herrn: »Hier ist ein groß Gerede von dieser Vermählung Pesaros; der erste Bräutigam ist noch da und er macht viel Bravaden als ein Catalan, beteuernd, daß er vor allen Fürsten und Potentaten der Christenheit Klage erheben werde; doch wollend oder nicht, so wird er sich in Geduld ergeben müssen.« Am 9. November schrieb derselbe Gesandte: »Der Himmel gebe, daß diese Heirat Pesaros nicht Unheil anrichte. Es scheint, daß der König (von Neapel) darüber mißvergnügt ist, nach dem zu schließen, was Giacomo, der Neffe Pontanos, vorgestern dem Papst gesagt hat. Die Angelegenheit schwebt noch; beiden Teilen gibt man gute Worte, nämlich dem ersten und dem zweiten Verlobten. Beide sind hier. Jedoch glaubt man, daß Pesaro das Feld behaupten wird, zumal da der Kardinal Ascanio seine Sache führt, und dieser ist in Worten wie in Taten mächtig.«

Indes schon am 8. November wurde der Ehekontrakt zwischen Don Gasparo und Lucrezia gerichtlich aufgelöst. Der Bräutigam und dessen Vater sprachen nur die Hoffnung aus, daß diese Verbindung unter günstigeren Verhältnissen dennoch zustande kommen dürfte, und Gasparo verpflichtete sich deshalb, vor Jahresfrist keine andere Ehe einzugehen. Noch immer war Giovanni Sforza seines Sieges nicht sicher; noch am 9. Dezember schrieb der mantuanische Agent Fioravante Brognolo an den Marchese Gonzaga: »Die Angelegenheit des erlauchten Herrn Giovanni von Pesaro befindet sich noch in der Schwebe; es scheint mir, daß jener spanische Edelmann, welchem die Nichte Sr. Heiligkeit zugesagt war, nicht von ihr abstehen will; er hat auch einen großen Anhang in Spanien, so daß der Papst dieses Geschäft erst will reifen lassen, ehe er dasselbe zum Abschluß bringt.« Selbst noch im Februar 1493 wurde von einer Verbindung Lucrezias mit dem spanischen Conde de Prada gesprochen, und erst wenn dieses Projekt fehlschlug, sollte sie mit Giovanni Sforza vermählt werden.

Sforza war unterdes nach Pesaro zurückgekehrt, von wo er seinen Prokurator Nicolò de Savano nach Rom schickte, um hier die Ehepakten abzuschließen. Der Graf von Aversa wich der Gewalt und ließ sich durch eine Abstandssumme von dreitausend Dukaten beschwichtigen. Sodann wurde am 2. Februar 1493 die Vermählung Sforzas mit Lucrezia durch ein gerichtliches Instrument im Vatikan vollzogen, wobei außer dem Gesandten Mailands wiederum die intimsten Freunde und Diener Alexanders Zeugen waren, Juan Lopez, Juan Casanova, Pedro Caranza und Juan Marades. Die Papsttochter erhielt eine Mitgift von einunddreißigtausend Dukaten: in Jahresfrist sollte sie von ihrem Gemahl in sein Land geführt werden.

Als die Nachricht von diesem Ereignis nach Pesaro kam, gab der beglückte Sforza ein Fest in seinem Palast. Man tanzte dort in dem großen Saal, und tanzend traten die Paare aus dem Schloß heraus, geführt von Monsignor Scaltes, dem Bevollmächtigten des Papstes. So durchtanzte man unter dem Jubel des Volkes die Straßen jener Stadt.

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