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Lucrezia Borgia

Ferdinand Gregorovius: Lucrezia Borgia - Kapitel 7
Quellenangabe
typetractate
authorFerdinand Gregorovius
year1982
publisherC. H. Beck'sche Verlagsbuchhandlung
addressMünchen
isbn3-406-08959-3
titleLucrezia Borgia
created20040228
sendergerd.bouillon
firstpub1874
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IV

Das Verhältnis des Kardinals zu Vannozza dauerte noch etwa bis zum Jahre 1482 fort, denn nach der Geburt Lucrezias gab sie ihm noch einen Sohn, nämlich Jofré, der im Jahre 1481 oder 1482 geboren wurde.

Seither erlosch die Leidenschaft Borgias für dieses Weib von nun vierzig Jahren. Aber er ehrte in ihm die Mutter seiner Kinder und die Vertraute von vielen seiner Geheimnisse.

Ihrem Gatten Georg de Croce hatte Vannozza einen Sohn geboren, mit Namen Octavian; wenigstens galt dieses Kind für das seinige. Sie vermehrte ihre Einkünfte mit Hilfe des Kardinals. In gerichtlichen Urkunden erscheint sie als Pächterin von einigen Osterien in Rom, und sie kaufte auch bei S. Lucia in Selce im Viertel der Subura einen Weinberg und ein Landhaus, wie es scheint von den Cesarini. Noch heute bezeichnet man jenen malerischen Palast mit dem Durchgangsbogen über der Treppe, welche von der Subura zu S. Pietro in Vincola emporführt, als den Palast Vannozzas, oder den der Lucrezia Borgia. Georg de Croce war reich geworden; er legte für sich und seine Familie eine Kapelle in S. Maria del Popolo an. Im Jahre 1486 starb er, und in derselben Zeit starb auch sein Sohn Octavian.

Dieser Todesfall brachte eine Veränderung in den Verhältnissen Vannozzas hervor, denn der Kardinal eilte, die Mutter seiner Kinder nochmals zu vermählen, um ihr einen Beschützer zu geben und ein anständiges Hauswesen zu sichern. Der neue Gatte war ein Mantuaner, Carlo Canale. Ehe derselbe nach Rom kam, hatte er sich bereits in den humanistischen Kreisen Mantuas durch seine Bildung bekannt gemacht. Wir besitzen noch den Brief Angelo Polizianos, worin dieser junge Dichter jenem Canale seinen Orfeo empfahl; denn das Manuskript dieses ersten dramatischen Versuchs, mit welchem die Renaissance des italienischen Theaters ihren Anfang nahm, befand sich in den Händen Canales, und dieser ermunterte den noch zaghaften Poeten, indem er den Wert seines Werkes anerkannte. Poliziano hatte das Gedicht auf Verlangen des Kardinals Francesco Gonzaga, eines großen Gönners der schönen Literatur, verfaßt und in nur zwei Tagen hingeworfen, und Carlo Canale war dieses Kardinals Kämmerer. Der Orfeo entstand um 1471. Als nun Gonzaga im Jahr 1483 starb, ging Canale nach Rom, und hier trat er in die Dienste des Kardinals Sclafetano von Parma. Als Vertrauter und Untertan der Gonzaga, blieb er mit diesem Fürstenhause in Verbindung. Er unterstützte in seiner neuen Stellung die Bemühungen des Ludovico Gonzaga, eines Bruders Francescos, als derselbe im Jahre 1484, zum Bischof von Mantua erwählt, nach Rom kam, um den Purpur zu erlangen.

Borgia war wohl mit Canale schon in der Zeit bekannt geworden, als derselbe noch in Diensten Gonzagas stand, und dann traf er ihn im Hause Sclafetanos. Wenn er ihn zum Gatten seiner verwitweten Freundin ausersah, so geschah dies wohl deshalb, weil ihm derselbe durch seine Talente und Verbindungen nützlich werden konnte. Canale wiederum konnte auf den Antrag, der Gemahl Vannozzas zu werden, nur aus Habsucht eingehen, und seine Einwilligung bewies, daß seine bisherige Stellung als Höfling von Kardinälen ihn nicht reich gemacht hatte.

Das neue Ehebündnis wurde am 8. Juni 1486 vom Notar des Hauses Borgia, Camillo Beneimbene, gerichtlich vollzogen. Zeugen waren Francesco Maffei, apostolischer Skriptor und Domherr von S. Peter, Lorenzo Barberini de Catellinis, römischer Bürger, Giuliano Gallo, ein namhafter römischer Kaufmann, die Herren Burcardo Barberini, de Carnariis und mehrere andere. Als Mitgift brachte Vannozza ihrem Gatten neben anderen Gaben die Summe von tausend Goldgulden und das kostenfreie Diplom der Stelle eines Sollizitators päpstlicher Bullen. Das Instrument bezeichnet diese Ehe ausdrücklich als die zweite Vannozzas. Würde es dieselbe nicht als dritte oder im allgemeinen als neue vermerkt haben, wenn jene angeblich erste Ehe mit Domenico von Angnano als wirkliche anerkannt war?

In diesem Aktenstück wird als Wohnung Vannozzas, worin die Vermählung vollzogen wurde, ihr Haus im Viertel Regola bezeichnet, am Platz de Branchis, und dieser trägt noch heute seinen Namen von einer ausgestorbenen Familie de Branca. Demnach mußte sie nach dem Tode ihres früheren Gatten dessen Haus auf Pizzo di Merlo verlassen und jenes auf dem Platz Branca bezogen haben. Dasselbe mochte ihr Eigentum sein, denn ihr zweiter Gatte erscheint als ein unbemittelter Mann, welcher erst durch seine Heirat und die Protektion des mächtigen Kardinals sein Glück zu machen hoffte.

Aus einem Brief jenes Ludovico Gonzaga vom 19. Februar 1488 geht hervor, daß diese neue Ehe Vannozzas nicht kinderlos blieb. Denn der Bischof von Mantua beauftragte darin seinen Agenten in Rom, an seiner Stelle die Gevatterschaft bei Carlo Canale zu übernehmen, um welche Ehre ihn dieser ersucht hatte. Der Brief gibt nichts Näheres an, doch kann das Bemerkte wohl nur in solchem Sinn verstanden werden.

Wir wissen nicht, in welcher Zeit Lucrezia das Haus ihrer Mutter verließ, um der Bestimmung des Kardinals gemäß in die Obhut einer Frau zu kommen, welche großen Einfluß auf ihn und die ganze Familie Borgia ausübte.

Diese Frau war Adriana vom Haus der Mila, die Tochter Don Pedros, eines Neffen Calixts des III. und leiblichen Vetters Rodrigos. Welche Stellung derselbe in Rom einnahm, ist uns unbekannt.

Er vermählte seine Tochter Adriana mit einem Mitglied des edlen Hauses der Orsini, mit Ludovico, Herrn von Bassanello bei Civitacastellana. Weil der aus dieser Ehe stammende Sohn Adrianas, Ursinus Orsini, sich im Jahr 1489 vermählte, so ergibt sich daraus, daß seine Mutter mindestens sechzehn Jahre früher die Gemahlin ihres Gatten geworden war. In demselben Jahr 1489 war Ludovico Orsini bereits tot.

Als seine Gattin und dann Witwe bewohnte Adriana einen der Paläste der Orsini in Rom und wahrscheinlich jenen auf Monte Giordano diesseits der Engelsbrücke. Denn später wird in der Erbschaft ihres Sohnes Ursinus dessen Anteil gerade an diesem Palast verzeichnet.

Der Kardinal Rodrigo lebte im innigsten Verkehr mit Adriana: sie war mehr als seine Verwandte, sie war die Vertraute seiner Sünden, seiner Intrigen und Pläne und blieb das bis an seinen Tod.

Ihr gab er auch seine Tochter Lucrezia und wohl schon in frühem Lebensalter zur Erziehung. Daß dies geschah, ist zweifellos. Wir erfahren es aus einem Brief, welchen der ferrarische Gesandte in Rom, Gianandrea Boccaccio, Bischof von Modena, im Jahre 1493 an den Herzog Ercole schrieb, und worin er von Madonna Adriana Ursina bemerkte, daß sie Lucrezia »immer in ihrem eigenen Hause erzogen hat«. Unter diesem haben wir uns eben den Palast Orsini auf Monte Giordano zu denken, welcher der Wohnung des Kardinals Borgia sehr nahelag.

Der italienischen Sitte gemäß, die bis heute fortgedauert hat, wurde die Erziehung von Töchtern Frauen eines Klosters übertragen, worin junge Mädchen einige Jahre zuzubringen pflegten, um dann aus ihm in die Ehe und in die Welt zu treten. Wenn aber die Schilderung Infessuras von dem Zustand der Nonnenklöster Roms wahr ist, so möchte der Kardinal doch Anstand genommen haben, sein Kind solchen Heiligen anzuvertrauen. Es gab indes wohl auch Frauenklöster, worin keine solche Zuchtlosigkeit eingerissen war, vielleicht San Silvestro in Capite, wo die Colonna manche ihrer Töchter erziehen ließen, oder S. Maria Nuova, oder S. Sisto an der Via Appia. Als Borgia Papst war, wählte einmal Lucrezia gerade dieses letzte Kloster zu ihrem Asyl, vielleicht aus dem Grunde, weil sie dort als Kind eine Zeitlang ihre religiöse Erziehung erhalten hatte.

Kirchliche Frömmigkeit war zu allen Zeiten die Grundlage der Erziehung einer italienischen Frau. Sie war nicht Herzens- und Seelenbildung, sondern eine schöne Form religiösen Anstandes, innerhalb welcher der Glaube dem Weibe einen moralischen Halt geben konnte. Das Sündigen machte kein Weib häßlich, aber selbst von der ausgelassensten Sünderin forderte die Sitte, daß sie allen kirchlichen Pflichten genügte und als eine wohlgeschulte Christin erschien. Skeptische oder freigeistige Frauen gab es kaum; sie würden in der damaligen Gesellschaft unmöglich gewesen sein. Der gottlose Tyrann Gismondo Malatesta von Rimini baute eine prächtige Kirche und in ihr eine Kapelle zu Ehren seiner Geliebten Isotta, welche sicherlich eine fleißige Kirchgängerin war. Vannozza baute und schmückte eine Kapelle in S. Maria del Popolo. Sie stand im Ruf der Frömmigkeit und wohl nicht erst nach dem Tode Alexanders VI. Ihre größte mütterliche Sorge, wie die Adrianas, war ohne Frage darauf gerichtet, ihrer Tochter jenen christlichen Anstand zu geben, und Lucrezia besaß ihn in solcher Vollendung, daß später ein Gesandter Ferraras ihre katholische Erscheinung besonders rühmen konnte.

Es ist irrig, solches Wesen nur als Maske aufzufassen; denn dies würde ein selbständiges Denken über religiöse Fragen oder einen moralischen Prozeß voraussetzen, welcher dem damaligen Weibe fremd war und noch heute den Frauen Italiens fremd ist. Die Religion war und ist hier Erziehungsform, und welchen geringen ethischen Wert diese auch haben mag, so war sie doch immer eine schöne Gesetzmäßigkeit, von welcher das tägliche Leben wie von einem Rahmen sicher umfaßt wurde.

Den Unterricht in den Studien der Humanität konnten die Töchter bemittelter Häuser nicht in Klöstern erhalten; sie empfingen ihn durch Lehrer, die ihnen vielleicht zusammen mit den Söhnen gegeben wurden. Es ist keine Übertreibung zu sagen, daß die Frauen der guten Gesellschaft im 15. und 16. Jahrhundert eine gründlichere und gelehrtere Bildung besaßen, als sie in unserer Zeit besitzen. Dies lag nicht in der Größe, sondern in der Einseitigkeit oder Beschränktheit der damaligen Kultur. Denn es fehlte ihr der heute kaum zu übersehende Vorrat an Bildungsstoffen, welche die Entwicklung des europäischen Geistes im Fortschritt dreier Jahrhunderte erzeugt hat. Die Bildung der Frauen in der Renaissance war wesentlich auf das klassische Altertum angewiesen, gegen welches alles, was damals modern genannt werden konnte, in die Unbedeutsamkeit herabsank. Sie war deshalb eine gelehrte zu nennen. Umgekehrt ist die heutige Frauenkultur keine solche mehr, sondern sie zieht ihre Nahrung ausschließlich aus dem modernen Bildungsschatz. Aber gerade die Vielseitigkeit dessen, was ihr dieser darbietet, erzeugt den Mangel jener Sicherheit, welche den Frauen der Renaissance der beschränkte Kreis der Erziehung gab. Die gegenwärtige Frauenbildung, selbst in dem durch seine Schulen gepriesenen Deutschland, ist durchschnittlich grundlos und oberflächlich, wissenschaftlich sogar nichtig zu nennen. Sie kommt meistens doch nur auf die Erlernung zweier moderner Konversationssprachen und auf das Klavierspiel hinaus, worauf eine unverhältnismäßige Zeit verwendet wird. Auch läßt die Massenhaftigkeit der Journallektüre, der Belletristik und des Romans bei unseren Frauen eine ernsthafte Bildung kaum mehr zu.

In der Renaissance war das Klavier unbekannt; aber jede wohlerzogene Frau übte das Lautenspiel. Die Laute hat den Vorzug, daß sie in den Händen der Dame, die darauf spielt, ein wohlgefälliges Bild zum Anschauen darbietet, während das Klavier nur eine Maschine ist, welche die Frau und den Mann, die es handhaben, stets in häßlicher und oft in lächerlicher Bewegung erscheinen läßt. Der Roman zeigte sich während der Renaissance nur in seinen Anfängen. Noch heute ist Italien dasjenige Land, wo die wenigsten Romane produziert und gelesen werden. Novellen gab es seit Boccaccio, aber sehr sparsam. Gedichte werden massenhaft geschrieben, doch zur Hälfte in lateinischer Sprache. Der Buchhandel und die Presse befanden sich in der Kindheit. Das Theater war erst im Entstehen, und meist nur einmal im Jahr gab es zur Karnevalszeit dramatische Vorstellungen, und auch diese nur auf privaten Bühnen. Was wir heute internationale Literatur oder Bildung nennen, bestand damals in dem mit Leidenschaft betriebenen Studium der Klassiker. Was in unserer Frauenerziehung die fremden Sprachen bedeuten, das war damals die Kenntnis der lateinischen und griechischen Sprache.

Das Vorurteil, daß die Bekanntschaft mit diesen, daß gelehrtes Wissen den Zauber der Weiblichkeit zerstöre, daß Frauen überhaupt auf einer unteren Stufe der Bildung zu halten seien, war den Italienern der Renaissance unbekannt. Dies Vorurteil ist, wie so manches andere innerhalb der Gesellschaft, germanischen Ursprungs. Als Ideal der Weiblichkeit erschien den Deutschen stets das liebevolle Walten der Mutter im Familienkreise. Die deutschen Frauen scheuten lange die Öffentlichkeit, aus Schamgefühl und Sittsamkeit. Ihre Talente blieben im Verborgenen, wenn nicht besondere Verhältnisse, zumal höfischer und dynastischer Natur, sie zwangen hervorzutreten. Bis auf die neueren Zeiten zeigte auch die Kulturgeschichte der germanischen Völker keine so große Zahl öffentlich berühmter Frauencharaktere, als Italien, das bevorzugte Land der Persönlichkeit, sie in der Renaissance besessen hat. Der Einfluß, welchen hochbegabte Frauen in den italienischen Salons des 15. und 16. Jahrhunderts, oder in den französischen späterer Zeit auf die geistige Entwicklung der Gesellschaft ausgeübt haben, war in England und Deutschland unbekannt.

Später trat jedoch die weibliche Bildung in germanischen und romanischen Ländern in ein umgekehrtes Verhältnis. Sie stieg dort, und sie sank hier, namentlich in Italien. Das italienische Weib, welches sich während der Renaissance an die Seite des Mannes stellte, mit ihm um die Palme der Bildung rang und sich an jedem geistigen Fortschritt beteiligte, trat in den Hintergrund zurück. Es nahm seit zwei Jahrhunderten keinen oder wenigen Anteil mehr an dem höchsten Leben der Nation; es wurde viel eher zu einem Werkzeug geistiger Knechtschaft in den Händen der Priester. Den germanischen Frauen aber gab die Reformation mehr persönliche Freiheit. Zumal seit dem Beginn des 18. Jahrhunderts stellten auch Deutschland und England eine Reihe hochgebildeter und selbst gelehrter Frauen auf. Es ist in Deutschland nicht die Schuld der Kirche, sondern der Mode, der Gesellschaft, und wohl auch des mangelnden Reichtums in unseren Familien, wenn die Bildung der Frauen im Durchschnitt nur eine mittelmäßige zu nennen ist.

Wir erlebten in unserer Zeit den ersten Versuch der Renaissance gelehrter Frauenbildung, wie sie einst Italien besaß, auf einer deutschen Hochschule in der Schweiz. Er scheiterte, weil sich andere als nur Bildungszwecke damit verbanden, und weil er nicht einmal von germanischen Frauen ausging. Aber so zweifelhaft auch ein solcher scholastischer Versuch, der Anlage und Bestimmung des Weibes gegenüber, sein mußte, so war er doch vielleicht das Zeichen einer beginnenden Reformation in der weiblichen Bildung.

Eine gelehrte Frau, vor welcher heute Männer mehr Grauen als Respekt zu haben pflegen, nennen wir, zumal wenn sie Bücher schreibt, einen Blaustrumpf. In der Renaissance nannte man sie eine Virago. Dieses Prädikat war durchaus ehrenvoll. Als Auszeichnung gebraucht es stets Jacob von Bergamo in seiner Schrift: »Von den berühmten Frauen«, die er um 1496 verfaßte. Nur selten finden sich bei Italienern Stellen, wo dieses Wort wirklich das bedeutet, was wir gewöhnlich darunter verstehen, nämlich ein »Mannweib«. Virago hieß damals diejenige Frau, welche sich durch Mut, Verstand und Bildung über die Mehrzahl ihres Geschlechts erhob. Man feierte sie um so mehr, wenn sie mit diesen Vorzügen auch Schönheit und Anmut vereinigte. Denn die gelehrte oder klassische Bildung war bei den Italienern nicht die Feindin der weiblichen Grazie, vielmehr sie erhöhte dieselbe. Jacob von Bergamo hebt es von dieser oder jener Frau ganz besonders hervor, daß, so oft sie als Dichterin oder Rednerin sich öffentlich vernehmen ließ, es gerade »die unglaubliche Schamhaftigkeit und Züchtigkeit« ihres Wesens war, was die Zuhörer bezauberte. So rühmt er das von Cassandra Fedeli und so preist er an Ginevra Sforza die Eleganz der Form, die außerordentliche Grazie in jeder körperlichen Bewegung, die gelassene königliche Art und die sittliche Schönheit überhaupt. Dasselbe rühmt er von Hippolyta Sforza, der Gemahlin Alfonsos von Aragon, welche die feinste Bildung, die ausgezeichnetste Beredsamkeit, eine seltene Schönheit und die höchste Schamhaftigkeit des Weibes in sich vereinigte. Was man damals Schamhaftigkeit (pudor) nannte, war wohl die Kultur der natürlichen Anmut eines hochbegabten Weibes durch die Erziehung, die durchgebildete Grazie. In hohem Maße besaß sie Lucrezia Borgia. Sie entsprach im Weibe demjenigen, was im Manne der vollkommene Anstand des Kavaliers war. Vielleicht wird man nur mit Erstaunen lesen, daß Zeitgenossen an dem verrufenen Cesar gerade als eine seiner hervortretenden Eigenschaften die »Bescheidenheit« rühmten. Unter ihr aber ist eben die Kultur der Persönlichkeit zu verstehen, worin die Bescheidenheit beim Manne und die Schamhaftigkeit beim Weibe eine wesentliche Erziehungs- und Erscheinungsform war.

Im 15. oder 16. Jahrhundert saßen freilich nicht emanzipierte Frauen auf den Bänken der Hörsäle von Bologna, Ferrara und Padua, wie vor kurzem solche in Zürich gesehen wurden, um praktische Fachstudien zu betreiben; aber dieselben humanistischen Wissenschaften, welche Jünglinge und Männer studierten, waren ein Erfordernis auch der höheren weiblichen Bildung. Wie man im Mittelalter kleine Mädchen Heiligen des Klosters weihte, um sie zu Nonnen zu machen, so geschah es wohl in der Renaissance, daß man selten begabte Kinder den Musen darbrachte. So drückt sich einmal Jacob von Bergamo über Trivulzia von Mailand aus, eine Zeitgenossin Lucrezias, welche schon mit vierzehn Jahren als Rednerin unglaubliches Aufsehen erregte. »Als ihre Eltern die ungewöhnlichen Gaben des Kindes bemerkten, gelobten sie dasselbe schon in seinem siebenten Jahre den Musen, und sie übergaben es diesen zur Erziehung.«

Die wissenschaftlichen Studien der Frauen umfaßten damals die klassischen Sprachen und ihren Literaturschatz, die Beredsamkeit, die Poesie, das heißt die Kunst Verse zu machen, und die Musik. Der Dilettantismus in den zeichnenden Künsten stellte sich von selbst ein, und die große Fülle künstlerischer Schöpfungen der Renaissance machte jede gebildete Frau Italiens mühelos zu einer Kennerin des Kunstschönen.

Selbst Philosophie und Theologie gehörten zur vollendeten Kultur des Weibes. Disputationen über Fragen aus diesen Disziplinen an den Höfen und in Sälen von Universitäten waren an der Tagesordnung, und auch Frauen suchten den Ruhm, in solchen zu glänzen. Die Venezianerin Cassandra Fedeli, ein Wunder ihrer Zeit, am Ende des 15. Jahrhunderts, war in der Philosophie und Theologie einem gelehrten Manne gleichbewandert; sie disputierte öffentlich mit vieler Anmut unter dem Enthusiasmus der Zuhörer vor dem Dogen Agostino Barbarigo und mehrmals im Hörsaal von Padua. Die schöne Gemahlin Alessandro Sforzas von Pesaro, Costanza Varano, war Dichterin, Rednerin und Philosophin; sie schrieb viele gelehrte Abhandlungen. »In ihren Händen waren täglich die Schriften von Augustinus, Ambrosius, Hieronymus und Gregor, von Seneca, Cicero und Lactantius.« Gleich gelehrt war ihre Tochter Battista Sforza, die edle Gemahlin des hochgebildeten Federigo von Urbino. So wird auch von der berühmten Isotta Nugarola von Verona erzählt, daß sie in den Schriften der Kirchenväter und Philosophen vollkommen heimisch war. Und nicht unbekannt mit solchen waren Isabella Gonzaga und Elisabetta von Urbino, nicht zu reden sodann von bald nach ihnen gefeierten Frauen, wie Vittoria Colonna und Veronica Gambara.

Die Namen dieser und anderer bezeichnen den Gipfel der Frauenbildung in der Renaissance, aber wenn auch ihre Begabung und Bildung zu jeder Zeit eine Ausnahme gewesen wäre, so waren doch jene Studien, welche sie sich in so hohem Grade zu eigen machten, nicht gerade Ausnahmen von dem, was überhaupt dem Bildungskreise der Frauen aus der besten Gesellschaft angehörte. Man betrieb solche Wissenschaften nur, um der Persönlichkeit Vollendung und dem geselligen Dasein Schmuck zu geben. Die Fadheit der Unterhaltung in unseren heutigen Salons ist in der Tat grenzenlos; man hilft der Leere durch Gesang und Klavierspiel nach. Auch in den Sälen der Renaissance wird es nicht immer wie bei den Symposien Platos zugegangen sein, und jene geselligen Disputationen würden uns heute wohl eine unerträgliche Langeweile machen; doch damals waren eben die Bedürfnisse andere. In einem Kreise bedeutender und anmutig gebildeter Menschen ein Gespräch schön und geistreich durchzuführen, und diesem den Wert des Klassischen zu geben, indem man Ansichten antiker Autoren herbeizog, oder über ein gegebenes Thema eine Betrachtung in Wechselreden wohl zu vollenden: das galt als der höchste Genuß der Geselligkeit. Es war die Konversation der Renaissance, welche sich später in Frankreich zu hoher Kunst ausbildete. Das schönste und größte Glück des Menschen nannte sie Talleyrand. Der klassische Dialog lebte wieder auf, nur mit dem Fortschritt, daß sich an diesen Unterhaltungen auch edel gebildete Frauen beteiligten. Als Muster solcher feineren Gesellschaftlichkeit besitzen wir aus jener Zeit den Cortegiano Castigliones und die Asolani, welche Bembo Lucrezia Borgia widmete.

Die Tochter Alexanders glänzte später nicht in der Reihe jener klassisch gebildeten Frauen Italiens, denn ihre eigene Bildung scheint sich über das gewöhnliche Maß nicht zu sehr erhoben zu haben. Aber ihre Erziehung war eine für ihre Zeit vollständige. Sie war in den Sprachen, in der Musik, in den zeichnenden Künsten unterrichtet, und noch später bewunderte man in Ferrara die Kunstfertigkeit, mit welcher sie Stickereien in Seide und Gold schön auszuführen wußte. »Sie sprach Spanisch, Griechisch, Italienisch und Französisch, auch ein wenig und ganz gut Lateinisch, und in allen diesen Sprachen schrieb und dichtete sie«; so sagte von ihr im Jahre 1512 der Biograph Bayards. Lucrezia konnte erst in ihrer späteren ruhigen Lebensepoche, unter dem Einfluß Bembos und der Strozzi, ihre Bildung vervollständigen, doch mußte sie den Grund dazu in Rom gelegt haben. Sie war Spanierin und Italienerin zugleich und dieser beiden Sprachen vollkommen mächtig. Von ihren Briefen an Bembo sind zwei spanisch geschrieben; die vielen andern (mehrere Hundert an Zahl), welche wir von ihr noch besitzen, sind in der italienischen Sprache jener Zeit verfaßt, ungezwungen im Ausdruck und leicht hingeworfen. Ihr Inhalt ist nie bedeutend; es zeigt sich darin Seele und Gemüt, doch keine geistige Tiefe. Ihre Handschrift ist wechselnd; bisweilen hat sie starke Züge, die an die auffallend energische Schrift ihres Vaters erinnern, bisweilen ist sie scharf und fein, wie jene der Vittoria Colonna.

Daß Lucrezia Lateinisch verstand, beweist uns keiner ihrer Briefe; daß sie dieser Sprache nicht vollkommen mächtig war, sagte einmal ihr Vater selbst. Aber immerhin mußte sie lateinische Schriften verstehen, denn sonst hätte sie Alexander nicht später zu seiner Stellvertreterin im Vatikan machen können mit der Befugnis, einlaufende Briefe zu öffnen. Auch ihre Studien im Griechischen werden keine ernstlichen gewesen sein, aber sie war mit dieser Sprache nicht ganz unbekannt. In ihrer Jugendzeit blühten noch die Schulen der griechischen Literatur in Rom, welche sich hier seit Chrysoloras und Bessarion entwickelten. Noch immer beherbergte die Stadt viele Griechen, teils Flüchtlinge aus Hellas, teils solche, die mit der Königin Carlotta von Zypern gekommen waren. Diese abenteuerliche Fürstin lebte bis zu ihrem Tode im Juli 1487 in einem Palast im vatikanischen Borgo, wo sie Hof hielt und vielleicht die gebildete Welt Roms um sich versammelte, wie dies viel später die gelehrte Königin Christina von Schweden tat. In ihrem Hause wird der Kardinal Rodrigo unter anderen edlen Zyprioten auch Lodovico Podocatharo kennengelernt haben, einen hochgebildeten Mann, der sein Sekretär wurde. Vielleicht war er es, der die Kinder Borgia im Griechischen unterrichtete.

Im Palast des Kardinals lebte auch ein Humanist deutscher Abkunft, Lorenz Behaim von Nürnberg, welcher zwanzig Jahre lang seinem Hauswesen vorstand; da er Latinist und Mitglied der römischen Akademie des Pomponius Lätus war, so mochte er nicht ohne Einfluß auf die Erziehung der Kinder seines Herrn gewesen sein. Es fehlte in Rom überhaupt nicht an Lehrern in den humanen Wissenschaften. Denn diese standen hier in Blüte, und die Akademie wie die Universität zog eine große Menge von Talenten herbei. Es gab in Rom viele Magister, welche Schulen hielten, und viele junge Gelehrte, aufstrebende Akademiker, suchten ihr Glück am Hof von Kardinälen als ihre Gesellschafter und Sekretäre oder als Lehrer ihrer Bastarde. Von solchen Magistern wurde auch Lucrezia in der klassischen Literatur unterrichtet. Für die italienische Poesie sodann oder die allgemein auch unter Frauen verbreitete Virtuosität, Sonette zu machen, konnte sie ihre Lehrer unter den zahlreichen Poeten finden, die damals in Rom lebten. Sie lernte ohne Zweifel Verse machen, aber nichts berechtigte die Literaturhistoriker Quadrio und Crescimbeni dazu, ihr einen Platz in der italienischen Dichtkunst anzuweisen. Denn weder Bembo, noch Aldus, noch die Strozzi haben sie irgend als Dichterin bezeichnet, noch sind Dichtungen von ihr bekannt. Selbst von der spanischen Canzone, welche sich bei ihren Briefen an Bembo findet, ist es nicht gewiß, daß sie von ihr selbst gedichtet worden sei.

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