Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Ferdinand Gregorovius >

Lucrezia Borgia

Ferdinand Gregorovius: Lucrezia Borgia - Kapitel 6
Quellenangabe
typetractate
authorFerdinand Gregorovius
year1982
publisherC. H. Beck'sche Verlagsbuchhandlung
addressMünchen
isbn3-406-08959-3
titleLucrezia Borgia
created20040228
sendergerd.bouillon
firstpub1874
Schließen

Navigation:

III

Die ersten Jahre ihrer Kindheit verbrachte Lucrezia ohne Zweifel im Hause ihrer Mutter. Dieses Haus auf dem Platze Pizzo di Merlo stand wenige Schritte vom Palast des Kardinals entfernt. Das Viertel Ponte, wozu es gehörte, war eines der lebhaftesten Quartiere Roms, weil es zur Engelsbrücke und zum Vatikan führte. Dort saßen viele Kaufleute und die Bankherren von Florenz, Genua und Siena; viele päpstliche Beamte wohnten daselbst, und auch die vornehmsten Hetären hatten dort ihren Sitz. Dagegen war die Zahl alter Adelsgeschlechter in Ponte nicht groß, vielleicht weil sie die Orsini nicht aufkommen ließen. Denn diese mächtigen Barone saßen seit langer Zeit in dieser Region, in ihrem großen Palast auf Monte Giordano. Nicht weit davon stand ihre ehemalige Burg, die Torre di Nona, welche ursprünglich zu den Stadtmauern am Tiberfluß gehört hatte. Jetzt war sie das Verließ für Staatsverbrecher und andere Unglückliche.

Wir können uns die Einrichtung des Hauses Vannozzas deutlich vorstellen, denn das römische Hauswesen in der Frührenaissance war von dem noch heute üblichen nicht zu sehr verschieden. Im ganzen ist es noch jetzt schwerfällig und düster. Massive Treppen von Peperinstein führten zu der eigentlichen Wohnung, welche aus einem Hauptsaal und Nebengemächern bestand, mit nackten Fußböden aus Fliesen, mit Decken aus Balken und Holzgetäfel, welches man bemalte. Die Wände der Zimmer waren weiß übertüncht, und nur in den reichsten Häusern bekleidete man sie mit gewirkten Tapeten, und dies auch nur bei festlichen Gelegenheiten. Der Schmuck von Wandbildern war im 15. Jahrhundert noch selten und beschränkte sich nur auf wenige Familienporträts. Wenn Vannozza ihren Saal mit solchen zierte, so wird darunter das Bildnis des Kardinals Rodrigo nicht gefehlt haben. Auf keine Weise fehlten ein Reliquienschrein und das Bildnis der Madonna mit der vor ihm brennenden ewigen Lampe.

Schwerfällige Möbel, große breite Betten mit einem Himmel darüber, hohe hölzerne Stühle aus braunem Schnitzwerk, über die man Polster legte, massive Tische mit marmornen oder aus buntem Holz zusammengesetzten Platten, standen an den Wänden umher. Unter den mächtigen Truhen ragte im Hauptsaal eine kolossale aus bemaltem Holz hervor, welche die Aussteuer an Linnenzeug enthielt. Es war in einem solchen Kasten, der Truhe seiner Schwester, wo sich der unglückliche Ritter Stefano Porcaro versteckt hielt, als er sich nach seinem mißglückten Aufstandsversuch am 5. Januar 1453 durch die Flucht zu retten suchte. Seine Schwester und eine andere Frau saßen auf diesem Kasten zu besonderer Verwahrung des Flüchtlings, aber die Häscher zogen ihn daraus hervor.

Wenn Vannozza Sinn für Altertümer besaß, den wir freilich nur der Mode wegen bei ihr voraussetzen können, so werden in ihrem Salon solche nicht gefehlt haben. Man sammelte sie damals mit Leidenschaft. Es war die Zeit der ersten Ausgrabungen; der Boden Roms gab seine Schätze täglich her, und von Ostia, von Tivoli und der Villa Hadrians, von Porto d'Anzo und Palestrina wurden Altertümer massenweise in die Stadt gebracht. Aber wenn Vannozza oder ihr Gatte solche Leidenschaft nicht mit anderen Römern teilten, so wird man in ihrem Hause nicht vergebens nach Kostbarkeiten der modernen Kunstindustrie gesucht haben, nach Schalen und Vasen aus Marmor und Porphyr und nach dem Goldschmuck der Juweliere. Der wesentliche Bestandteil eines anständig versorgten römischen Hauses war zunächst die Credenza, ein großer Schrank mit Tafel- und Trinkgeschirr von Gold und Silber und von schönen Majoliken. Bei Gastmählern pflegte man dieses Geschirr förmlich zur Schau zu stellen.

Wir dürfen kaum annehmen, daß die Geliebte Rodrigos auch eine Bibliothek besaß; denn Privatbibliotheken waren damals in bürgerlichen Häusern eine große Seltenheit. Erst seit kurzem wurde ihre Anschaffung in Rom durch die billigeren Drucke erleichtert, welche hier die deutschen Buchdrucker besorgten.

Das Hauswesen Vannozzas war ohne Zweifel reichlich, aber nicht glänzend zu nennen. Sie mochte den Kardinal bisweilen bewirten, oder die Freunde der Familie bei sich sehen, vor allen die intimsten Vertrauten Borgias, die Spanier Juan Lopez, Caranza und Marades, und von Römern die Orsini, Porcari, Cesarini und Barberini. Der Kardinal selbst war ein sehr nüchterner Mann, aber großartig in allem, was die Repräsentation seiner Stellung betraf. Das vornehmste Bedürfnis eines Kardinals jener Zeit war zunächst: eine fürstliche Wohnung zu besitzen, und diese mit einem zahlreichen Hofstaat auszufüllen.

Rodrigo Borgia lebte in seinem Palast als einer der reichsten Kirchenfürsten mit entsprechendem Glanz. Sein Zeitgenosse Jakob von Volterra machte um 1486 folgende Schilderung von ihm: »Er ist ein Mann von einem für alle Dinge geschickten Geist und von großem Sinn; fertig in der Rede, die er bei mittelmäßiger Literatur sehr wohl zu stilisieren weiß; von Natur verschlagen und von wunderbarer Kunst in der Behandlung der Geschäfte. Er ist außerordentlich reich, und die Protektion von vielen Königen und Fürsten gibt ihm Ruf. Er bewohnt einen schönen und bequemen Palast, den er sich in der Mitte zwischen der Engelsbrücke und Campo di Fiore erbaut hat. Aus seinen kirchlichen Ämtern, vielen Abteien in Italien und Spanien, und aus drei Bistümern, von Valencia, Portus und Carthago, bezieht er unermeßliche Einkünfte, während ihm das Amt des Vizekanzlers allein, wie man sagt, jährlich achttausend Goldgulden einträgt. Die Menge seines Silbergeschirrs, seiner Perlen, seiner in Gold und Seide gestickten Decken und seiner Bücher jeder Wissenschaft ist sehr groß, und alles dies von einer glänzenden Pracht, welche eines Königs oder Papsts würdig wäre. Ich spreche nicht einmal von dem zahllosen Schmuck seiner Betten und dem seiner Pferde und von all solchem Zierrat aus Gold, Silber und Seide, noch von seiner kostbaren Garderobe, noch von den großen Massen geprägten Goldes in seinem Besitz. Man glaubt in der Tat, daß er alle Kardinäle, mit Ausnahme des einen Estouteville, an Gold und Reichtum jeder Art übertrifft.«

So war der Kardinal Rodrigo reich genug, seinen Kindern die glänzendste Erziehung zu geben, während er sie unter bescheidenen Verhältnissen als seine Nepoten aufwachsen ließ. Erst wenn die Zeit seiner eigenen Größe gekommen war, konnte er sie daraus an das Licht ziehen.

Im Jahre 1482 bewohnte er nicht sein Haus in der Region Ponte, vielleicht weil er in ihm Bauten ausführen ließ. Er residierte vielmehr in jenem Palast im Viertel Parione, welchen Stefano Nardini im Jahre 1475 vollendet hatte. Er heißt heute Palazzo del Governo Vecchio. Hier lebte Rodrigo im Januar 1482. Wir erfahren das aus einem Instrument des Notars Beneimbene, dem Ehekontrakt zwischen Gianandrea Cesarini und Girolama Borgia, einer natürlichen Tochter desselben Kardinals Rodrigo. In Gegenwart des Vaters der Braut und im Beisein der Kardinäle Stefan Nardini und Giambattista Savelli und der edlen Römer Virginius Orsini, Julian Cesarini und Antonio Porcaro wurde diese Heirat daselbst gerichtlich vollzogen.

Der Akt vom Januar 1482 ist das erste authentische Dokument von den intimen Familienverhältnissen des Kardinals Borgia. Er bekannte sich darin als Vater der »edlen Jungfrau Hieronyma«, und diese wird als Schwester des »edlen Jünglings Petrus Lodovicus de Borgia und des Kindes Johannes de Borgia« bezeichnet. Da diese beiden, offenbar hier als die ältesten Söhne genannt, uneheliche Kinder waren, so konnte ihrer Mutter nicht gedacht werden. Auch Cesar wurde übergangen, weil er ein Kind von sechs Jahren war.

Girolama war noch unmündig und wohl nur dreizehn Jahre alt, und kaum dem Knabenalter entwachsen war auch ihr Verlobter Johann Andreas, Sohn Gabriel Cesarinis und der Godina Colonna. Das edle Haus der Cesarini trat durch diese Vermählung in die nahe Verwandtschaft mit den Borgia, woraus es später große Vorteile zog. Ihre beiderseitige Freundschaft schrieb sich schon von der Zeit Calixts her, denn der Protonotar Georg Cesarini war es gewesen, der beim Tode jenes Papstes dem Bruder Rodrigos Don Pedro Luis zur Flucht aus Rom verholfen hatte. Girolama Borgia starb schon im Jahre 1483, gleichzeitig mit ihrem jungen Gemahl.

Stammte sie von derselben Mutter wie Lucrezia und Cesar? Wir wissen es nicht und halten es für unwahrscheinlich. Um es vorweg zu sagen: so gibt es nur ein einziges authentisches Zeugnis, welches die Kinder Rodrigos zugleich mit ihrer Mutter nennt. Es ist das die Grabschrift Vannozzas aus S. Maria del Popolo zu Rom, worin diese Frau die Mutter von Cesar, Juan, Jofré und Lucrezia genannt wird, während weder von dem ältesten dieser Geschwister, Don Pedro Luis, noch von Girolama die Rede ist.

Rodrigo hatte übrigens noch eine dritte Tochter, Isabella mit Namen, und auch deren Mutter kann nicht Vannozza gewesen sein. Er vermählte dieselbe am 1. April 1483 mit dem edlen Römer Piergiovanni Mattuzi von der Region Parione.

 << Kapitel 5  Kapitel 7 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.