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Lucrezia Borgia

Ferdinand Gregorovius: Lucrezia Borgia - Kapitel 5
Quellenangabe
typetractate
authorFerdinand Gregorovius
year1982
publisherC. H. Beck'sche Verlagsbuchhandlung
addressMünchen
isbn3-406-08959-3
titleLucrezia Borgia
created20040228
sendergerd.bouillon
firstpub1874
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II

Der magnetischen Kraft des Kardinals Rodrigo fiel etwa um das Jahr 1466 oder 1467 eine Römerin zum Opfer, Vannozza Catanei. Wir wissen, daß sie im Juli 1442 geboren war, aber ihre Familienverhältnisse kennen wir nicht. Autoren jener Zeit gaben ihr auch die Taufnamen Rosa und Catarina, doch sie selbst nannte sich in authentischen Aktenstücken Vannozza Catanei. Obwohl Jovius annimmt, daß Vanotti ihr Familiennamen war, und obwohl es ein solches Popolanengeschlecht in Rom gab, so ist doch diese Angabe irrig. Vannozza war vielmehr die gebräuchliche Abkürzung von Giovanna, und so begegnet man in Urkunden jener Zeit einer Vannozza de Nardis, einer Vannozza de Zanobeis, de Pontianis und anderen.

Es gab ein Geschlecht Catanei in Rom, wie in Ferrara, in Genua und anderswo, und dieser häufige Name entstand aus dem Titel Capitaneus. In einem Notarinstrument des Jahres 1502 wird der Name der Geliebten Alexanders VI. noch in altertümlicher Form geschrieben: Vanotia de Captaneis.

Litta, welchem Italien das große Werk über seine geschichtlichen Familien verdankt – ein Werk, welches trotz seiner Irrtümer und Mängel bewundernswürdig ist –, stellte die Meinung auf, daß Vannozza dem Hause der Farnese angehörte und eine Tochter Ranuccios war. Doch das ist vollkommen irrig. In Schriften jener Zeit wird dieses Weib ausdrücklich genannt: Madonna Vannozza de casa Catanei.

Kein Zeitgenosse hat bemerkt, welche Eigenschaften es waren, durch die Vannozza den genußsüchtigsten der Kardinale in so starken Banden zu halten vermochte, daß sie die Mutter vieler seiner von ihm anerkannten Kinder werden konnte. Es steht uns frei, sie uns vorzustellen als eine jener mächtigen und üppigen Frauengestalten, wie man sie noch in Rom sieht. Sie haben nichts von der Grazie der Frauenideale der umbrischen Malerei; sie haben etwas von der Großartigkeit Roms; Juno und Venus scheinen in ihnen vereint. Sie würden den Idealen Tizians und Paul Veroneses nahekommen, wenn nicht das schwarze Haar und das dunklere Kolorit sie davon entfernte. Blondes und rötliches Haar ist unter den Römern stets selten gewesen.

Von großer Schönheit und glühender Leidenschaft war Vannozza gewiß, denn wie hätte sie sonst einen Rodrigo Borgia entflammt, und auch ihr geistiges Wesen, obwohl ohne Kultur, mußte von nicht gewöhnlicher Energie sein, denn wie hätte es ihr ohne diese geglückt, ihr Verhältnis zu ihm zu behaupten?

Man darf die oben angegebene Zeit als den Beginn dieser Verbindung festhalten, wenn man nämlich dem spanischen Geschichtsschreiber Mariana glauben will, welcher sagt, daß Vannozza die Mutter des Don Pedro Luis, des ältesten Sohnes Rodrigos, war. Denn in einem Notarinstrument von 1482 wird dieser Sohn des Kardinals ein Jüngling (adolescens) genannt, was doch ein Alter von vierzehn, wenn nicht fünfzehn Jahren voraussetzt.

In welchen Verhältnissen Vannozza lebte, als sie Borgia kennenlernte, wissen wir nicht. Sie konnte kaum dem in Rom zahlreichen und keineswegs verachteten Stande vornehmerer Hetären angehört haben, welche durch die Gunst ihrer Anbeter ein glänzendes Leben führten. Denn wäre sie als solche zu ihrer Zeit berühmt gewesen, so hätten wohl Novellisten und Epigrammdichter von ihr geredet.

Der Chronist Infessura, welcher Vannozza persönlich kennen mußte, erzählt, daß Alexander VI., willens, seinen Bastard Cesar zum Kardinal zu machen, durch falsche Zeugen erhärten ließ, derselbe sei der eheliche Sohn eines gewissen Domenico von Arignano, und er bemerkt dazu, daß er Vannozza ebendiesem Manne vermählt hatte. Das Zeugnis eines Zeitgenossen und Römers ist von Gewicht, aber kein anderer Schriftsteller außer Mariana, dessen Gewährsmann offenbar Infessura ist, erwähnt diesen Domenico, und wir werden bald sehen, daß wenigstens von einer gerichtlich anerkannten Ehe Vannozzas mit diesem Unbekannten nicht die Rede sein kann. Sie war wohl längere Zeit die Geliebte des Kardinals, ehe ihr dieser einen offiziellen Gatten gab, um sein eigenes Verhältnis zu ihr zu verschleiern und zu gleicher Zeit zu erleichtern. Denn dieses dauerte auch dann noch fort, als sie bereits einen rechtmäßigen Gemahl hatte.

Als der erste beglaubigte Gatte Vannozzas wird im Jahre 1480 ein Mailänder, Giorgio de Croce, sichtbar, für welchen der Kardinal Rodrigo das Amt eines apostolischen Skriptors bei Sixtus dem IV. erlangt hatte. In welcher Zeit sie mit diesem Manne sich verband, ist ungewiß. Sie wohnte als seine Gattin in einem Hause auf dem Platz Pizzo di Merlo, welcher heute Sforza Cesarini heißt, und in dessen Nähe eben der Palast des Kardinals Borgia stand.

In jenem Jahre 1480 war aber Vannozza bereits die Mutter von mehreren anerkannten Kindern des Kardinals: Juan, Cesar und Lucrezia. Sie sind als solche zweifellos, während die Abstammung des ältesten der Geschwister, Pedro Luis, von derselben Mutter nur sehr wahrscheinlich ist. Das Datum der Geburt dieser Bastarde Borgia ist bisher unbekannt gewesen und verschieden angegeben worden; ich entdeckte in zweifellosen Urkunden dasjenige Cesars und Lucrezias, wodurch viele Irrtümer in bezug auf die Genealogie und selbst die Geschichte jenes Hauses für immer beseitigt sind. Cesar war an einem ungenannten Tage des Monats April im Jahre 1476, Lucrezia am 18. April 1480 geboren. Ihr Vater gab so das Alter dieser Geschwister an, als er Papst war: denn im Oktober 1501 sprach er einmal davon mit dem Gesandten Ferraras, und dieser schrieb dem Herzog Ercole: »Der Papst ließ mich wissen, daß dieselbe Herzogin (Lucrezia) im Alter von zweiundzwanzig Jahren steht, welche sie im nächsten April vollenden wird; in welcher Zeit auch der Erlauchteste Herzog der Romagna (Cesar) sechsundzwanzig Jahre erreichen wird.«

Wenn die Genauigkeit der Angabe des Vaters vom Alter seiner eigenen Kinder noch einen Zweifel zulassen sollte, so würden diesen andere Berichte und Urkunden beseitigen. In Depeschen, die ein Gesandter Ferraras, viel früher, nämlich im Februar und März 1493, an denselben Herzog aus Rom richtete, gab er das Alter Cesars zu jener Zeit auf sechzehn bis siebzehn Jahre an, was mit jener Aussage von dessen Vater übereinstimmt. Der Sohn Alexanders VI. war um einige Jahre jünger, als man bisher für ihn berechnet hat, und diese Tatsache ist wichtig für die Geschichte seines kurzen und schrecklichen Lebens. Demnach irrten Mariana und andere ihm nachfolgende Autoren, indem sie behaupteten, daß Cesar der zweitgeborene Sohn Rodrigos, also älter als sein Bruder Juan war. Vielmehr muß Don Juan wirklich zwei Jahre älter als Cesar gewesen sein. Venezianische Berichte aus Rom nennen ihn im Oktober 1496 einen jungen Mann von zweiundzwanzig Jahren; er war demnach im Jahre 1474 geboren.

Lucrezia selbst kam zur Welt am 18. April 1480. Dies genaue Datum findet sich in einem valencianischen Dokument. Ihr Vater war damals neunundvierzig, ihre Mutter achtunddreißig Jahre alt. Die römischen oder spanischen Astrologen mochten nach der augenblicklichen Konstellation des Himmels diesem Kinde das Horoskop gestellt und dem Kardinal Rodrigo mit Glückwünschen zu dem Glanz geschmeichelt haben, welchen die Sterne seiner Tochter bestimmt hatten.

Es war die Osterzeit eben vorüber; prächtige Feste waren gefeiert worden zu Ehren des Kurfürsten Ernst von Sachsen, welcher am 22. März nach Rom gekommen war, begleitet vom Herzog von Braunschweig und von Wilhelm von Henneberg. Mit einem Gefolge von zweihundert Reitern waren diese Herren eingezogen. In einem Hause im Viertel Parione hatte man ihnen Wohnung gegeben. Der Papst Sixtus IV. hatte sie mit Ehren überhäuft, und großes Aufsehen erregte eine glänzende Jagd, welche Girolamo Riario, der allmächtige Nepot, ihnen bei Malliana am Tiber zum besten gab. Am 14. April waren diese Fürsten von Rom wieder abgereist.

Das Papsttum gestaltete sich damals zur politischen Tyrannis, und das Nepotenwesen nahm jenen Charakter an, welchem später Cesar Borgia seine ganze Furchtbarkeit geben sollte. Sixtus IV., ein Kraftmensch viel mächtigeren Gepräges, als es selbst Alexander VI. besaß, befand sich noch im Kriege mit Florenz, wo er die Verschwörung der Pazzi angezettelt hatte, um die Medici ermorden zu lassen und Girolamo Riario zu einem großen Fürsten in der Romagna zu erheben. Ebendiese Wege sollte dann später Alexander VI. seinem Sohne Cesar bahnen.

Die Zeit, in welche die Geburt Lucrezias fiel, war in Wahrheit schrecklich zu nennen: das Papsttum aller priesterlichen Heiligkeit entkleidet, die Religion ganz materiell geworden, die Sittenlosigkeit zügellos. Wildester Geschlechterkrieg wütete in der Stadt, zumal in den Vierteln Ponte, Parione und Regola, wo täglich durch Mord verfehdete Sippschaften bewaffnet einherzogen. Und gerade im Jahre 1480 erhoben sich auch die alten Faktionen der Guelfen und Ghibellinen in Rom, dort Savelli und Colonna gegen den Papst, hier die Orsini für ihn, während die von Blutrache entflammten Geschlechter der Valle, Margana und Santa Croce sich diesen Parteien anschlossen.

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