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Lucrezia Borgia

Ferdinand Gregorovius: Lucrezia Borgia - Kapitel 37
Quellenangabe
typetractate
authorFerdinand Gregorovius
year1982
publisherC. H. Beck'sche Verlagsbuchhandlung
addressMünchen
isbn3-406-08959-3
titleLucrezia Borgia
created20040228
sendergerd.bouillon
firstpub1874
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XII

Die Lage des Staates Ferrara war wieder sehr schwierig geworden. Denn Leo X. ging auf den Spuren Alexanders VI. fort, indem er für seinen Nepoten Lorenzo Medici ein Königreich zusammenzuraffen suchte. Er hatte denselben schon im Jahre 1516 zum Herzog von Urbino gemacht, nachdem er den legitimen Erben Guidobaldos mit Waffengewalt von dort verjagt hatte. Francesco Maria Rovere, seine Gemahlin und seine Adoptivmutter Elisabetta befanden sich in Mantua, dem allgemeinen Asyl flüchtiger Fürsten. Leo brannte vor Verlangen, auch die Este aus Ferrara zu verjagen, und nur die Protektion Frankreichs schützte Alfonso vor einem Kriege mit dem Papst. Der Herzog, welchem dieser die Städte Modena und Reggio wider Vertrag nicht herausgab, ging deshalb im November 1518 an den Hof Ludwigs XII., ihm seine Angelegenheiten zu empfehlen. Im Februar 1519 kehrte er nach Ferrara zurück. Er erfuhr hier den am 20. desselben Monats erfolgten Tod seines Schwagers, des Markgrafen Francesco Gonzaga von Mantua. Der verwitweten Isabella schrieb Lucrezia am letzten März wie folgt:

»Erlauchteste Herrin, meine Schwägerin und geehrteste Schwester. Der bittere Verlust durch den Tod des Erlauchtesten Gemahls Ew. Exzellenz seligen Angedenkens hat mir um unendlicher Beziehungen willen so viel Trauer und Schmerz verursacht, daß ich eher des Trostes bedürftig bin als solchen geben kann, zumal Eurer Exzellenz, welcher dieser große Verlust den schwersten Kummer bereiten muß. Ich trauere demnach mit Ew. Exzellenz um dieses Unglück, und ich kann es niemals aussprechen, wie sehr dasselbe mich bedrückt und betrübt. Da nun aber dies eine vollendete Tatsache ist und es Unserm Herrn so gefallen hat, müssen wir uns seinem Willen fügen, und so bitte und ermahne ich Ew. Herrlichkeit, diesen Fall so standhaft zu tragen, als es Ihrer Klugheit geziemt, und ich weiß, daß Sie so tun werden. Nichts anderes will ich Ihnen für jetzt sagen, außer daß ich mich Ihnen zu aller Zeit empfehle und erbiete. Ferrara, am letzten März 1519. Schwägerin Lucrezia Herzogin von Ferrara.«

Der Nachfolger des Markgrafen wurde sein ältester Sohn Federigo. Im Jahre 1530 erhob ihn der Kaiser Karl V. zum ersten Herzog von Mantua. Ein Jahr später vermählte er sich mit Margherita von Montferrat: es war derselbe Federigo, welcher ehedem zum Gemahl von Cesars Tochter Luise bestimmt gewesen war. Seine berühmte Mutter Isabella lebte noch als Witwe bis zum 13. Februar 1539.

Alfonso hatte seine Gemahlin in einem sehr leidenden Zustande wiedergefunden. Sie ging ihrer Entbindung entgegen. Am 14. Juni (1519) gebar sie ein totes Kind. Ihr Ende voraussehend, diktierte sie acht Tage darauf einen Brief an den Papst Leo. Es ist der letzte Brief Lucrezias, und weil im Sterben verfaßt, der am tiefsten und wahrsten empfundene. Er läßt in ihre Seele blicken, durch welche noch zum letztenmal die Erinnerungen der Vergangenheit zogen, von deren Schrecken und Verirrungen sie selbst sich schon gereinigt hatte.

»Heiligster Vater und mein zu verehrender Herr.

Mit aller nur möglichen Ehrfurcht der Seele küsse ich die heiligen Füße Ew. Seligkeit und empfehle mich demutsvoll in Ihre heilige Gnade. Nachdem ich durch eine schwierige Schwangerschaft mehr als zwei Monate lang viel gelitten hatte, gebar ich, wie es Gott gefiel, am 14. dieses in der Morgenfrühe eine Tochter und hoffte, nach dieser Geburt auch von meinen Leiden befreit zu sein; doch das Gegenteil davon ist eingetreten, so daß ich der Natur den Tribut zahlen muß. Und so groß ist die Gunst, welche mir Unser gnädigster Schöpfer schenkt, daß ich das Ende meines Lebens erkenne und fühle, wie ich in wenigen Stunden ihm entnommen sein werde, nachdem ich zuvor alle die heiligen Sakramente der Kirche werde empfangen haben. Und an diesem Punkt angelangt, erinnere ich mich als Christin, obwohl eine Sünderin, daran, Ew. Heiligkeit zu bitten, daß Sie in Ihrer Gnade geruhen, mir aus dem geistlichen Schatz eine Unterstützung zuzuwenden, indem Sie meiner Seele die heilige Benediktion erteilen: und so bitte ich Sie darum in Demut und empfehle Ew. heiligen Gnade meinen Herrn Gemahl und meine Kinder, welche alle Ew. Heiligkeit Diener sind. In Ferrara am 22. Juni 1519, in der vierzehnten Stunde. Ew. Heiligkeit demütige Dienerin Lucrezia von Este.«

Der Brief ist so ruhig und würdevoll, so ganz frei von jeder Überspannung des Gefühls, daß man wohl fragen darf: ob ihn ein sterbendes Weib hätte schreiben können, wenn sein Gewissen mit jenen Freveln belastet war, deren man die unglückliche Tochter Alexanders beschuldigt hat.

Sie starb im Beisein Alfonsos am 24. Juni in der Nacht. Ihren Tod zeigte der Herzog in einem eigenhändigen Schreiben sofort seinem Neffen Federigo Gonzaga an:

»Erlauchtester Herr, mein zu verehrender Bruder und Neffe. Gott Unserem Herrn hat es gefallen, in dieser Stunde die Seele der Erlauchtesten Frau Herzogin, meiner teuersten Gattin, zu sich zu rufen, was ich Ew. Exzellenz mitzuteilen nicht unterlassen kann, um unserer gegenseitigen Liebe willen, welche mich glauben macht, daß Glück und Unglück des einen auch die des anderen sind. Und nicht ohne Tränen kann ich dies schreiben, so schwer wird es mir, mich einer so lieben und süßen Gefährtin beraubt zu sehen, denn das war sie mir durch ihre guten Sitten und die zärtliche Liebe, die zwischen uns bestand. Bei so bitterem Verlust würde ich wohl in dem Trost Ew. Exzellenz eine Hilfe suchen, aber ich weiß, daß auch Sie Ihren Teil am Schmerze nehmen werden, und mir wird es lieber sein, jemand zu haben, der eher meine Tränen mit den seinigen begleitet, als mir Trostworte spendet. Ew. Herrlichkeit empfehle ich mich. Ferrara am 24. Juni 1519, in der fünften Stunde der Nacht. Alfonsus, Herzog von Ferrara.«

Der Markgraf Federigo schickte seinen Oheim Giovanni Gonzaga nach Ferrara, und dieser schrieb ihm von dort wie folgt: »Ew. Exzellenz möge sich nicht verwundern, wenn ich Ihnen sage, daß ich morgen von hier abreise, denn die Exequien finden nicht statt, nur in den Pfarrkirchen hat man die Offizien gehalten. Doch Se. Exzellenz der Herr Herzog hat seine Erlauchte Gemahlin persönlich zu Grabe begleitet. Sie ist bestattet im Kloster der Schwestern von Corpus Christi in derselben Gruft, worin auch seine Mutter beigesetzt ist. Ihr Tod hat in dieser ganzen Stadt viel Bedauern erregt, und vor allem legte Se. Herzogliche Hoheit einen besonderen Schmerz an den Tag. Hier spricht man große Dinge über ihr Leben, und daß sie seit vielleicht zehn Jahren das Cilizio getragen hat und seit zwei Jahren täglich beichtete und jeden Monat drei- oder viermal die Kommunion nahm. Und so sei ich Ew. Exzellenz Gunst beständig empfohlen. Ferrara am 28. Juni 1519. Johannes de Gonzaga, Markgraf.«

Unter den vielen Beileidsbriefen, welche der Herzog Alfonso empfing, bemerken wir nur einen, den aus Poissy in Frankreich datierten, in spanischer Sprache geschriebenen Brief des rätselhaften Infanten Don Giovanni Borgia. Der Herzog selbst hatte ihm den Tod seiner Gemahlin angezeigt, und Don Giovanni beklagte den Verlust seiner »Schwester«, welche auch seine größte Beschützerin gewesen war.

Die Gräber Lucrezias, Alfonsos und vieler anderer Mitglieder des Hauses Este in Ferrara sind verschwunden. Vergebens sucht man dort oder in Modena nach dem Porträt der berühmten Frau. Keines hat sich erhalten, und doch haben sie sicherlich namhafte Maler gemalt; in Ferrara gab es ja deren genug, wie die Dossi, Garofalo, Cosma und andere. Auch Tizian wird diese schöne Herzogin gemalt haben. Sein Porträt der Isabella d'Este Gonzaga, der Nebenbuhlerin Lucrezias in Beziehung auf Schönheit, bewahrt die Galerie Belvedere in Wien; es stellt ein reizendes Frauenantlitz dar, von schönem Oval und sehr regelmäßigen Linien, mit braunen Augen und einem Ausdruck sanftester Weiblichkeit. Ein Porträt Lucrezias von der Hand dieses Meisters findet sich nicht; denn jenes, welches ihm in der Galerie Doria zu Rom zugeschrieben wird, oder welches andere nach Paul Veronese benennen, obwohl dieser Künstler erst im Jahr 1528 geboren wurde, ist eine der vielen Erdichtungen, die man in Galerien antrifft. In derselben Galerie Doria zeigt man auch die lebensgroße Gestalt eines amazonenhaften Weibes mit einem Helm in der Hand und benennt dies Bild, welches Dosso Dossi gemalt haben soll, dreist Vannozza.

Einige Wahrscheinlichkeit könnte ein Porträt in Öl für sich beanspruchen, welches sich im Besitz des Monsignor Antonelli, Direktors des Münzkabinetts von Ferrara, befindet, nicht weil es mit dem Namen Lucrezia Borgia in etwas altertümlichen Charakteren bezeichnet ist, sondern weil es einige Züge hat, die denen der Medaille Lucrezias ähnlich erscheinen. Aber dieses Porträt (die Augen der in ihm dargestellten Dame sind von grauer Farbe) ist durchaus fraglich, und ebenso sind es zwei Bildnisse auf Majolika, im Besitz des Engländers Rawdon Brown in Venedig und nach seiner Hypothese Arbeiten des Herzogs Alfonso selber, welcher ein Dilettant in der Anfertigung von Majoliken war. Selbst wenn diese Ansicht begründet werden könnte, was nicht möglich ist, so würden solche Porträts in der nur dekorativen Majolikamalerei doch kaum eine Ähnlichkeit darbieten.

Auch das für Lucrezia Borgia ausgegebene Porträt in einem Bilde der Dresdner Galerie kann nicht beglaubigt werden. Es gibt keine anderen sicheren Bildnisse dieser Frau, als die uns einige in ihrer ferrarischen Epoche geprägte Medaillen darbieten. Eine davon, die vorzüglichste unter ihnen, ist überhaupt eine der merkwürdigsten Münzen der Renaissance. Wie es scheint, wurde sie nach der Heirat Lucrezias im Jahre 1502 von Filippino Lippi gefertigt. Die Rückseite enthält eine nicht nur für jene Zeit, sondern auch für Lucrezia selbst charakteristische Vorstellung: man sieht Amor mit zerzausten Flügeln an einen Lorbeerbaum festgebunden, neben welchem eine Violine und ein Notenheft aufgerichtet sind; der Köcher des Liebesgottes hängt zerbrochen an einem Lorbeerast, und sein Bogen liegt mit zerrissener Sehne auf der Erde. Die Umschrift dieser Rückseite lautet: Virtuti Ac Formae Pudicitia Praeciosissimum. Vielleicht wollte der Künstler mit dieser Symbolik sagen, daß die Zeit der freien Spiele Amors nun vorüber sei, und unter dem Lorbeerbaum dachte er sich das ruhmvolle Haus Este. Wenn ein solches etwas kühne Gleichnis für jede andere Braut recht wohl passend war, so mußte es sich ganz besonders für Lucrezia Borgia eignen.

Wenn man diesen reizenden Kopf mit dem lang aufgelösten Haar betrachtet, so wird man sich überrascht finden. Denn kein Gegensatz kann größer sein als der zwischen diesem Bildnis und demjenigen, welches sich wohl jeder von Lucrezia Borgia nach der hergebrachten Vorstellung ihres Charakters gemacht hat. Dieses Bild zeigt ein mädchenhaftes, fast kindliches Gesicht von fremdartigem Ausdruck, ohne klassische Linien des Profils. Man kann es nicht einmal schön nennen. Die Marchesana von Cotrone sagte die Wahrheit, als sie Francesco Gonzaga schrieb, daß Lucrezia nicht besonders schön sei, aber das besitze, was man dolce ciera nennt. Ihr Kopf hat wenig oder keine Ähnlichkeit mit dem ihres Vaters, wie ihn dessen beste Medaille zeigt, es sei denn in der stark profilierten Nase. Die Stirnlinie Lucrezias ist gewölbt, während sie bei Alexander VI. flach ist, und das Kinn tritt bei ihr etwas zurück, während es bei jenem mit dem Munde in gerader Linie steht.

Eine andere Medaille stellt Lucrezia nicht mit aufgelöstem Haare dar, sondern zeigt den Kopf mit einem Netz umsponnen und von der sogenannten Lenza, einem mit Edelsteinen oder Perlen besetzten Stirnbande umfaßt. Das Haar bedeckt das Ohr und geht dann vom Nacken ab in einem langen geflochtenen Zopfe aus, ganz in der damals üblichen Weise, wie man sie zum Beispiel auf einer schönen Medaille der Elisabetta Gonzaga von Urbino sehen kann.

Die Urkunden, welche das Material für dieses Buch geworden sind, setzen jeden Leser in den Stand, sich ein Urteil über Lucrezia Borgia zu bilden. Dasselbe wird annähernd richtig sein, oder doch richtiger als die traditionelle Ansicht über diese Frau. Menschen der Vergangenheit sind nur Probleme für ihren Beurteiler. Wenn wir schon in der Auffassung uns bekannter Zeitgenossen die größten Irrtümer begehen, um wieviel mehr sind wir dem Irrtum ausgesetzt, sobald wir uns das Wesen von Menschen darstellen, die nur noch als Schatten vor uns stehen. Denn alle Bedingungen ihres persönlichen Lebens, das ganze Gewebe von Natur, Zeit und Umgebung, woraus sie selbst geworden sind, und die innersten Geheimnisse ihres Seins liegen uns nur als eine fragmentarische Reihe von Tatsachen vor, aus denen wir einen Charakter formen sollen. Im Sinne des Gesetzes der Kausalität ist die Geschichte das Weltgericht: aber die Geschichtsschreibung selbst ist oft nur das unwissendste Tribunal. Viele historische Charaktere würden das von ihnen in Büchern gezeichnete Porträt für eine Verzerrung erklären und das über sie gefällte Urteil belachen.

Vielleicht würde Lucrezia Borgia demjenigen beistimmen, der nach den Akten ihrer Zeit auszusprechen wagt, daß sie ein liebenswürdiges und sanftmütiges, ein leichtsinniges und unglückliches Weib gewesen ist. Ihr Unglück im Leben bestand in ihren zum Teil nicht verschuldeten Schicksalen, nach dem Tode aber in der Meinung, die sich über ihren Charakter bildete. Das Brandmal, welches man auf ihre Stirn gepreßt hatte, löschte sie selbst als Herzogin von Ferrara aus, aber es erschien wieder, als sie tot war. Wie bald das geschah, zeigt, was die Rovere in Urbino von ihr urteilten. Im Jahr 1532 sollte sich Guidobaldo (II.), der Sohn Francescos Maria und der Eleonora Gonzaga, mit Giulia Varano vermählen, aber er begehrte die Hand einer Orsini. Sein Vater hielt ihm die Mißheiraten von Fürsten entgegen, unter anderen auch die Alfonsos von Ferrara: es habe sich dieser, so sagte er ihm, mit Lucrezia Borgia verbunden, einem Weibe »von jener Sorte, die jedermann kennt«; und er habe dann auch seinem Sohn ein Monstrum (Renea) zur Gattin gegeben. Guidobaldo bestätigte dieses Urteil; er erwiderte, daß er wohl wisse, einen Vater zu besitzen, der ihn niemals zwingen könne, ein Weib gleich Lucrezia Borgia zu nehmen, »von jener schlimmen Art, als sie gewesen ist, und von so vielen schmählichen Verhältnissen«. So wirkte die Meinung fort, und Lucrezia Borgia wurde zum Typus aller weiblichen Verworfenheit, bis sie endlich Victor Hugo in seinem Drama und Donizetti in seiner Oper in solcher Gestalt auf die Bühne brachten.

 

Zum Schluß nur noch wenige Worte über Alfonso und seine und Lucrezias Nachkommen. Der Herzog von Ferrara überlebte seine Gemahlin noch fünfzehn Jahre lang während stürmischer Zeiten, in denen er sich gegen den Haß der Päpste Medici voll Klugheit zu behaupten wußte. Er rächte sich an Clemens VII. durch den Sacco di Roma, welchen seine Unterstützung der kaiserlichen Armee möglich machte. Karl V. sprach ihm Modena und Reggio zu; so konnte er die Staaten des Hauses Este in ihrem früheren Umfange seinen Erben hinterlassen. Er vermählte sich nicht wieder. Aber eine schöne Bürgerstochter aus Ferrara, Laura Eustochia Dianti, war seine Gefährtin. Sie gebar ihm zwei Söhne, Alfonso und Alfonsino. Er selbst starb am 31. Oktober 1534, achtundfünfzig Jahre alt, nachdem vor ihm seine Brüder, der Kardinal Hippolyt im Jahr 1520 und Don Sigismondo im Jahre 1524, gestorben waren.

Fünf Kinder hatte er von Lucrezia Borgia: Ercole wurde sein Nachfolger; Hippolyt ward Kardinal; er starb am 2. Dezember 1572 in Tivoli, wo die Villa d'Este sein Denkmal ist; Eleonora starb als Nonne im Kloster Corpus Domini am 15. Juli 1575; Francesco endlich wurde Marchese von Massalombarda und starb am 22. Februar 1578.

Der Sohn Lucrezias, Ercole II., regierte bis zum Oktober 1559. Sein Vater hatte ihn im Jahr 1528 mit Renea vermählt, der häßlichen aber geistvollen Tochter Ludwigs XII. Nie hatte Lucrezia ihre Schwiegertochter gesehen, noch überhaupt jemals geahnt, daß Renea dies werden sollte. Das Leben dieser berühmten Herzogin bildet eine merkwürdige Episode in der Geschichte Ferraras: denn sie selbst war die begeisterte Anhängerin jener Reformation, welche endlich in die Welt trat, sie von einer Kirche zu befreien, deren Häupter die Borgia, die Rovere und die Medici gewesen waren. Ein Monstrum nannten sie deshalb die Rovere. An ihrem Hof hielt Renea eine Zeitlang Calvin und Clemens Marot versteckt.

Ein seltsamer Zufall fügte es, daß an eben diesem Hofe des Sohnes Lucrezias im Jahre 1550 ein Mann erschien, welcher dem damals lebenden Geschlecht die schon halb mythisch werdende Familiengeschichte der Borgia lebhaft ins Gedächtnis zurückrief. Es war dies Don Francesco Borgia, Herzog von Gandìa, und jetzt im Jahr 1550 Jesuit. Sein plötzliches Auftreten in Ferrara gibt uns Gelegenheit, die Schicksale dieses Hauses Gandìa kurz zu bezeichnen.

Von allen Nachkommen Alexanders VI. waren die glücklichsten gerade jene, die von dem ermordeten Don Juan abstammten. Seine Witwe Donna Maria lebte eine Zeitlang hochangesehen am Hofe der Königin Isabella von Castilien, dann trat sie, schwermütig und bigott geworden, ins Kloster. Mit ihr wurde auch ihre Tochter Isabella Nonne. Sie selbst starb im Jahre 1537. Ihr einziger Sohn Don Juan war seinem unglücklichen Vater schon als Kind im Herzogtum Gandìa gefolgt und hatte auch seine neapolitanischen Besitzungen behalten. Sie umfaßten ein ausgedehntes Gebiet in der Terra di Lavoro mit den Städten Sessa, Teano, Carinola, Montefuscolo, Fiume und anderen. Diese trat der junge Gandìa im Jahr 1506 für eine Geldentschädigung dem König von Spanien ab: das Fürstentum Sessa erhielt der große Kapitän Consalvo.

Don Juan blieb in Spanien als ein hochangesehener Grande. Er vermählte sich mit Giovanna d'Aragona, einer Prinzessin des gestürzten Königshauses Neapel, und zum zweitenmal im Jahre 1520 mit Donna Francesca de Castro y Pinos, einer Tochter des Visconte von Eval. Die Ehen der Borgia waren meistens sehr fruchtbar; als dieser Enkel Alexanders VI. im Jahre 1543 starb, hinterließ er nicht weniger als fünfzehn Kinder. Seine Töchter vermählten sich mit Granden Spaniens und seine Söhne zählten zu dem höchsten Adel des Landes, wo sie die ersten Würden erlangten. Der älteste, Don Francesco Borgia, geboren im Jahre 1510, ward Herzog von Gandìa, ein großer Herr in Spanien, hochgeehrt am Hofe Karls V., der ihn zum Vizekönig von Catalonien und zum Komtur von San Jago machte. Er begleitete den Kaiser auch auf seinen Kriegszügen nach Frankreich und selbst nach Afrika. Er hatte sich im Jahre 1529 mit Eleonora de Castro, einer Hofdame der Kaiserin, vermählt. Sie gebar ihm fünf Söhne und drei Töchter. Als sie im Jahre 1546 starb, hielt den Herzog von Gandìa nichts mehr zurück, seiner längst gefaßten Leidenschaft für den Orden Jesu nachzufolgen, seiner glanzvollen Stellung für immer zu entsagen und Jesuit zu werden. Es war, als trieb ihn ein geheimer Zug, so die Verbrechen seines Hauses zu sühnen. Aber es ist doch nicht befremdend, einen Urenkel Alexanders VI. im Kleide der Jesuiten zu erblicken; denn dieselbe dämonische Willenskraft, welche jene Borgia ausgezeichnet hatte, lebte auch unter einer anderen Form und auf ein anderes Ziel gerichtet in ihrem Landsmann Loyola. Die Maximen des »Fürsten« Machiavellis wurden dann auch zu dem politischen Teil des Programms der Jesuiten.

Im Jahre 1550 ging der Herzog von Gandìa nach Rom, sich dem Papst zu Füßen zu werfen und Mitglied des Ordens zu werden. Es war damals eben Paul III. gestorben, der Bruder Julias Farnese, und Julius III. del Monte auf den Heiligen Stuhl gestiegen. In Ferrara aber saß auf dem Herzogsthron noch Ercole II., der Vetter Don Francescos. Er erinnerte sich seiner Verwandtschaft und lud den Reisenden ein, über Ferrara nach Rom zu gehen. Drei Tage blieb Francesco am Hof des Sohnes von Lucrezia, und dort empfing ihn demnach auch Renea. Ob der begeisterte Schüler Loyolas Kunde von den religiösen Gesinnungen der Freundin Calvins hatte, ist ungewiß. Die Begegnung beider aber in der Vaterstadt Savonarolas und in den Gemächern Lucrezias ist um des Gegensatzes willen sehr merkwürdig. Francesco ging sodann nach Rom und kehrte bald wieder nach Spanien zurück. Nach dem Tode von Lainez wurde er im Jahre 1565 der dritte General des Ordens Jesu. Er starb als solcher in Rom im Jahr 1572. Die Kirche sprach ihn selig; ein Urenkel Alexanders VI. ward so ein Heiliger.

Die Nachkommenschaft dieses Borgia verzweigte sich unter den größten Geschlechtern Spaniens. Sein ältester Sohn Don Carlos, Herzog von Gandìa, vermählte sich mit Donna Maddalena, der Tochter des Grafen Oliva vom Haus Centelles, und so wurde jene Familie, welcher der erste Verlobte Lucrezias angehört hatte, ein halbes Jahrhundert später doch mit den Borgia verschwägert. Der Stamm Gandìa setzte sich noch bis ins 18. Jahrhundert fort, wo es auch zwei ihm angehörende Kardinäle Borgia gab.

Ercole II. entdeckte die ketzerischen Verbindungen seiner Gemahlin Renea, doch erst im Jahre 1554. Er setzte sie in ein Kloster. Aber die edle Fürstin blieb standhaft der Reformation treu. Als die Inquisition die reformatorische Bewegung in Ferrara erstickte, während ihr Sohn Herzog war, kehrte sie nach Frankreich zurück, wo sie in ihrem Schloß Montargis unter den Hugenotten lebte und im Jahre 1575 starb. Merkwürdigerweise war der Herzog von Guise ihr eigener Schwiegersohn.

Renea hatte ihrem Gemahl mehrere Kinder geboren, den Erbprinzen Alfonso, Luigi, der später Kardinal wurde, Donna Anna, welche sich mit jenem Herzog von Guise vermählte, Donna Lucrezia, die später Herzogin von Urbino wurde, und Donna Leonora, welche unvermählt blieb.

Ihr Sohn Alfonso II. folgte in der Regierung Ferraras im Jahre 1559. Er ist derselbe Herzog, welchen Tasso unsterblich gemacht hat. Wie Ariosto zur Zeit des ersten Alfonso und Lucrezias das Haus der Este in einer monumentalen Dichtung verherrlichte, so setzte jetzt Torquato Tasso diese Huldigung unter den Enkeln fort, als der zweite Alfonso auf dem Herzogthrone Ferraras saß. Der Zufall stellte so die beiden größten Epiker Italiens in den Dienst desselben Hauses. Das Schicksal Tassos ist eine der dunkelsten Erinnerungen im Haus dieser Este und zugleich die letzte von Bedeutung in der Geschichte des Hofes von Ferrara, als dessen Schwanengesang sein Lied dort recht eigentlich erklungen ist. Denn mit dem kinderlosen Alfonso II., dem Enkel der Lucrezia Borgia, erlosch am 27. Oktober 1597 der legitime Stamm des Geschlechts der Este. Don Cesar, ein Enkel Alfonsos I., Sohn jenes Alfonso, welchen ihm Laura Dianti geboren hatte, und der Donna Giulia Rovere von Urbino, bestieg zwar nach dem Tode Alfonsos II. als dessen erklärter Erbe den Herzogsthron Ferraras, aber der Papst anerkannte ihn nicht. Vergebens suchte er zu beweisen, daß sein Großvater kurz vor dem Sterben mit jener Laura Eustochia sich rechtlich vermählt hatte, und daß er selbst dadurch der legitime Erbe des Hauses geworden sei. Es half nichts, daß die Rechtskundigen vor den Tribunalen von Kaiser und Papst die Gültigkeit der Ansprüche Don Cesars verfochten; und es hilft nichts mehr, daß nach dem Vorgange Muratoris noch heute von Ferraresen diese Rechte als gültig behauptet werden. Don Cesar mußte sich dem Ausspruch Clemens des VIII. unterwerfen; am 13. Januar 1598 unterzeichnete der Enkel Alfonsos I. den Verzicht auf das Herzogtum Ferrara. Mit seiner Gemahlin Virginia Medici und seinen Kindern verließ er die Jahrhunderte alte Residenz seiner Ahnen und begab sich nach Modena mit dem Titel eines Herzogs dieser Stadt, wozu auch Reggio und Carpi kamen.

Don Cesar setzte dort die Nebenlinie der Este fort. Sie ging am Ende des 18. Jahrhunderts durch den Erzherzog Ferdinand in das Haus Österreich-Este über. Auch dieses Haus ist in unseren Zeiten entwurzelt und gefallen. Auch die Herrschaft der Päpste in Ferrara ist gefallen. Dort, wo einst das Kastell Tedaldo stand, als Lucrezia Borgia im Jahr 1502 ihren Einzug hielt, und wo dann Clemens VIII. die große Burg erbauen ließ, sieht man heute statt dieser im Jahre 1859 abgetragenen Festung nichts als ein Feld; auf ihm steht vergessen und verloren die melancholische Statue Pauls V., und ringsumher ist Öde. So steht heute auch vor der Burg Giovannis Sforza in Pesaro eine Säule, von welcher man die Statue herabgestürzt hat; auf ihrem Postament liest man: »Urbans VIII. Bildsäule; das ist alles, was von ihr übrig blieb.«

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