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Lucrezia Borgia

Ferdinand Gregorovius: Lucrezia Borgia - Kapitel 36
Quellenangabe
typetractate
authorFerdinand Gregorovius
year1982
publisherC. H. Beck'sche Verlagsbuchhandlung
addressMünchen
isbn3-406-08959-3
titleLucrezia Borgia
created20040228
sendergerd.bouillon
firstpub1874
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XI

In demselben Jahre, wo dieser letzte Sohn ihres Vaters an ihrem Hofe erschien, erfuhr Lucrezia auch den Tod ihrer Mutter. Vannozza war schon verwitwet gewesen, als Alexander VI. starb. Sie begab sich damals, noch während dessen Krankheit, in den Schutz des Kriegsvolks ihres Sohnes Cesar. So konnte sie wohl bis zu diesem selbst gelangen, da er ebenfalls krank daniederlag. Dokumente zeigen, daß sie gleich nach dem Tode Alexanders und während der Sedisvakanz im Palast des Kardinals von S. Clemente im Borgo wohnte. Als Cesar sich nach Nepi begeben mußte, begleitete sie ihn dorthin, und sie kehrte mit ihm nach der Wahl Piccolominis nach Rom zurück.

Nach Neapel folgte sie ihren Söhnen nicht; sie blieb in Rom. Die Verhältnisse wurden hier wieder normal, seitdem Rovere Papst war. Freilich fürchteten die Anhänger der Borgia die Einleitung von Prozessen. Am 6. März 1504 wurde ein Kämmerer des vergifteten Kardinals von S. Angelo zum Tode verurteilt, und mit lauter Stimme gestand er, daß er diesen Mord auf den ausdrücklichen Befehl Alexanders und Cesars vollführt habe. Die Kardinäle Romolini und Ludovico Borgia flohen damals nach Neapel. Don Micheletto, der Vollstrecker der Blutbefehle Cesars, saß gefangen in der Engelsburg. Der venezianische Botschafter Giustinian meldete im Mai 1504 seiner Regierung, daß man Micheletto verhöre, um den Tatbestand des Todes vieler Personen zu ermitteln, wie vor allem des Herzogs von Gandìa, des Varano von Camerino, des Astorre und Ottaviano Manfredi, des Herzogs von Biselli, des jungen Bernardino von Sermoneta, des Bischofs von Tagli und vieler anderer Unglücklicher. In der Tat wurde Micheletto dem Stellvertreter des Senats zur Examination übergeben. Er trotzte zuerst der Folter; dann bekannte er unter anderem, daß es der Papst Alexander selbst gewesen sei, welcher die Ermordung des jungen Alfonso von Biselli befohlen habe. Dies meldete jene Magistratsperson sofort nach Ferrara.

Als Cesar hinweg war, konnte Vannozza noch immer auf den Schutz mächtiger Freunde rechnen, wie namentlich der Farnese und Cesarini und mehrerer Kardinäle. Sie fürchtete die Konfiskation ihrer Güter, von denen wohl manche nicht durch die besten Rechtstitel mochten gedeckt sein. Im Anfange des Jahres 1504 wurde gegen sie Ludovico Mattei klagbar; er beschuldigte sie, im März 1503, während Cesar die Orsini bekriegte, 1160 Schafe durch dessen Soldknechte gewaltsam geraubt zu haben, welche Herde Maria d'Aragona, die Gemahlin des Johann Jordan Orsini auf die Felder Matteis geschickt hatte, um sie dort sicherzustellen. Vannozza wurde in den Schadenersatz verurteilt.

Sie suchte ihr Hab und Gut auf jede Weise zu retten. Am 4. Dezember 1503 stellte sie der Kirche S. Maria del Popolo eine Schenkung aus, worin sie ihre Häuser auf dem Platz Pizzo di Merlo ihrer Familienkapelle vermachte, gegen lebenslängliche Nutznießung. Die Augustiner verpflichteten sich dafür, eine Totenmesse am 24. März für Carlo Canale, am 13. Oktober für Giorgio de Croce, eine dritte am eigenen Todestage Vannozzas zu lesen. Sie nennt sich in diesem Instrument die Witwe Carlos Canale von Mantua, apostolischen Skriptors und Soldans des verstorbenen Alexanders VI., und sie bezeichnet Giorgio de Croce als ihren ersten Mann. Dieser Akt wurde im Borgo des S. Peter vollzogen in der Wohnung des Agapitus von Amelia. Es geht daraus hervor, daß Vannozza am Ende des Dezember noch im Borgo und im Schutz jenes langjährigen Kanzlers ihres Sohnes lebte, während Cesar selbst in der Torre Borgia im Vatikan gefangen war. Erst nachdem dieser am 16. Februar 1504 Rom für immer verlassen hatte, wird sie aus dem vatikanischen Borgo hinweggezogen sein.

Schon am 1. April 1504 wird als ihre Wohnung ein Haus auf dem Platz der zwölf Apostel in der Region Trevi angegeben, also in dem Bezirk, wo die Colonna mächtig waren, diejenigen Großen, welche von Cesar am wenigsten gelitten und durch Vertrag mit ihm nach dem Tode Alexanders ihre Güter zurückerhalten hatten. Vannozza hatte andere Häuser, deren Eigentümerin sie war, dem Römer Giuliano de Lenis verkauft, aber am 1. April 1504 kassierte dieser den Scheinverkauf mit der ausdrücklichen Erklärung, daß derselbe nur aus Furcht vor Gewaltsamkeiten infolge des Todes Alexanders geschehen war.

Als sie nichts mehr zu befürchten hatte, bezog sie ihr früheres Haus auf dem Platz Branca wieder. Denn in einem Instrument vom November 1512 wird sie genannt »Donna Vannozza de Cataneis von der Region Regola«, in welcher eben jenes Haus gelegen war. Es handelte sich um eine Klage, die der Goldschmied Nardo Antonazzi von eben jener Region gegen sie erhob.

Dieser Künstler beanspruchte Zahlung für ein silbernes Kreuz, welches er für Vannozza im Jahr 1500 gearbeitet hatte; er beschuldigte dieselbe, dieses Kunstwerk ohne weiteres an sich genommen zu haben, was sie sich, wie er sagte, erlauben durfte »in jener Zeit, wo der Herzog von Valence die ganze Stadt und fast ganz Italien beherrschte«. Die Akten dieses Streites liegen uns nicht vollständig vor, aber aus Erklärungen von Zeugen der beklagten Partei scheint hervorzugehen, daß die Angeschuldigte eine Verleumdung zu beweisen imstande war.

Vannozza war durch Alexander VI. in den Besitz wenn nicht des Kastells Bleda bei Viterbo, so doch vieler Rechte in ihm gesetzt worden. Am 6. Juli 1513 erhob sie vor dem Kardinalvikar Rafael Riario Klage wider die Gemeinde dieses Kastells, von der sie gewisse Summen beanspruchte. Dieses Aktenstück auf Pergament ist in einer pomphaften Sprache abgefaßt und richtet sich an alle nur irgend mit Namen und Titeln benannte Behörden der Welt.

Vannozza konnte noch unter drei Nachfolgern Alexanders VI. den Wechsel der Dinge im Vatikan beobachten, wo den Platz ihrer einst allmächtigen Kinder nacheinander die Rovere und die Medici einnahmen. Sie sah das Papsttum zu einer weltlichen Macht aufsteigen, von der sie selbst das Bewußtsein hatte, daß sie ohne die Taten Alexanders und Cesars nicht möglich sein konnte. Wenn sie diesen gewaltigen Julius II. aus der Ferne erblickte, etwa damals, als er nach der Eroberung Bolognas mit dem Gepränge eines Imperators seinen Einzug in Rom hielt, so mußte sich das unter der Menge des Volkes verlorene Weib mit bitterer Ironie sagen, daß ihr eigener Sohn Cesar Anteil an diesem Triumph hatte, ja daß er Julius dem II. zum Papsttum verholfen hatte. Mit Genugtuung hatte sie das Lob vernehmen können, mit welchem dieser Papst die Bedeutung ihres Sohnes anerkannte, als er den Florentinern im November 1503 schrieb, daß er den Herzog der Romagna »wegen seiner ausgezeichneten Tugenden und seiner ruhmvollen Verdienste« mit väterlicher Liebe umfasse. Sie konnte selbst noch von dem »Fürsten« Machiavellis Kenntnis nehmen, worin dieser geniale Staatsmann ihren Sohn zum Ideal eines Regenten erhob.

Obwohl die Macht der Borgia dahin und ihre Kinder tot oder entfernt waren, so lag doch der Eindruck von deren Größe noch immer auf der Stadt, so lange als Vannozza lebte. Diese Vergangenheit machte sie zu einer der merkwürdigsten Erscheinungen in Rom, die wohl jeder Mensch kennenzulernen begierig war. Wenn hier ein Vergleich durch Größe verschiedener, aber doch an Schicksal und Bedeutung einander ähnlicher Verhältnisse erlaubt ist, so war damals Vannozza in Rom in derselben Lage, in der hier Madama Letizia Bonaparte sich befand, nachdem sie den Sturz ihrer mächtigen Kinder erlebt hatte.

Mit Stolz blickte sie auf ihre Tochter Lucrezia, die Herzogin von Ferrara, la plus triomphante princesse, wie sie der Biograph Bayards nannte. Sie sah sie niemals mehr, denn schwerlich wagte sie es, an den Hof Ferraras zu reisen; aber sie unterhielt mit ihr einen brieflichen Verkehr. Das Archiv des Hauses Este bewahrt neun Briefe Vannozzas aus den Jahren 1515, 1516 und 1517. Von ihnen sind sieben an den Kardinal Hippolyt gerichtet, zwei an Lucrezia. Alle diese Briefe, nicht eigenhändig geschrieben, sondern diktiert, offenbaren einen kräftigen Willen, eine fast roh zu nennende Gemütsart und einen selbstsüchtigen, schlauen Sinn. Sie betreffen meist praktische Anliegen oder Forderungen. Dem Kardinal von Este schickte sie einmal zum Geschenk zwei antike Säulen, welche sie in ihrem Weinberg hatte ausgraben lassen. Sie blieb auch mit ihrem Sohne Jofré, dem Prinzen von Squillace, in Verbindung; im Jahre 1515 hatte sie in ihrem Hause in Rom dessen zehnjährigen Sohn, welchen sie, wie es scheint, erziehen sollte.

Es spricht die Stimmung und auch die Stellung Vannozzas aus, wenn sie sich in ihren Briefen unterzeichnet: »Die glückliche und unglückliche Vannozza Borgia de Cataneis«; oder »Eure glückliche und unglückliche Mutter Vannozza Borgia«, denn diesen Familiennamen hatte auch sie, nicht in offiziellen, wohl aber in privaten Verhältnissen angenommen.

Ihr letzter Brief an Lucrezia, vom 19. Dezember 1515, betrifft den ehemaligen Sekretär ihres Sohnes Cesar, Agapitus von Amelia. Er lautet, wie folgt:

»Erlauchte Herrin, Gruß und Empfehlung. Ew. Exzellenz wird sich wohl der Dienste des Messer Agapito von Amelia guten Angedenkens erinnern, die er Sr. Exzellenz weiland Unseres Herzogs gewidmet hat, und der Liebe, mit der er ganz besonders Uns ergeben war. Deshalb verdient er, daß man die Seinigen unterstützt und begünstigt, nicht nur in geringen, sondern in allen und jeden Dingen. Nun hat derselbe vor seinem Tode zugunsten seiner Neffen alle seine Benefizien an Giambattista von Aquila abgetreten; unter diesen befinden sich einige von wenig Wert im Erzbistum Capua; dies tat der Verstorbene zu mehrerer Begünstigung seiner Nepoten, da er niemals denken konnte, daß dieselben durch den Ehrwürdigen und Erlauchten Herrn Kardinal Euern genannten Erzbischof würden beeinträchtigt werden. Wenn nun Ew. Exzellenz mir einen Gefallen erweisen will, so bitte ich aus allen besagten Gründen die vorgenannten Nepoten bei Sr. Ehrwürdigen Herrlichkeit begünstigen zu wollen. Über das Nötige wird Ew. Exzellenz von Nicola dem Überbringer dieses, welcher selbst Neffe des genannten Agapytus ist, hinlänglich aufgeklärt werden. Und so lebe Ew. Exzellenz wohl, der ich mich empfehle. Rom am 19. Dezember 1515.«

»Postskripta. Ew. Exzellenz wird in dieser Angelegenheit nach Gutdünken verfahren, denn ich habe dies aus Nötigung geschrieben. Deshalb mögen Sie nur dasjenige tun, was Sr. Ehrwürden wohl anstehen wird, und was Gegenwärtiges betrifft, so mögen Sie antworten, wie es Ihnen gut erscheint. Ew. Erlauchten Herrlichkeit Vannozza, die ewig für Sie betet.«

Man sieht, daß Vannozza der diplomatischen Schule der Borgia Ehre machte.

Agapitus dei Gerardi, von dem so viele Schreiben Cesars ausgefertigt sind, den Borgia, wie aus jenem Briefe hervorgeht, unerschütterlich treu geblieben, war am 2. August 1515 in Rom gestorben. Andere ehemalige Freunde, Schmeichler und Schmarotzer ihres Hauses hatte Vannozza sicherlich abfallen sehen; aber manche, und selbst angesehene Personen waren ihr noch anhänglich geblieben. Denn sie selbst hatte, schon als Mutter der Herzogin von Ferrara, immer einigen Einfluß, und sie lebte in vermögenden Verhältnissen als eine angesehene Dame, die man la magnifica e nobile Madonna Vannozza titulierte. Sie blieb auch in Verbindung mit solchen Kardinälen, welche Spanier und Verwandte Alexanders VI. oder dessen Geschöpfe waren; doch erlebte sie den Tod der meisten. Von den Kardinälen Borgia waren die beiden Juan schon in den Jahren 1500 und 1503 gestorben; Francesco und Ludovico starben 1511 und 1512. Auch der Kardinal Julian Cesarini starb 1510. In der Tat überlebte Vannozza alle Günstlinge und Kreaturen Alexanders im Kardinalskollegium mit Ausnahme von Farnese, von Hadrian Castellesi und von Albret, dem Schwager Cesars.

Sie erwarb sich neue Freunde durch diejenige Art von Frömmigkeit, in welcher der Lebenswandel alternder Sünderinnen zu allen Zeiten zu enden pflegt. Sie wurde eine werkheilige Betschwester. Man sah sie häufig in Kirchen und vor den Beichtstühlen und im innigsten Verkehr mit frommen Brüderschaften und Hospitälern. In solchem Tun lernte sie Paul Jovius kennen, der sie eine rechtschaffene Frau (donna dabbene) genannt hat. Wenn sie noch ein Jahrzehnt länger gelebt hätte, so würde sie vielleicht in den Geruch der Heiligkeit gekommen sein. Sie machte viele fromme Stiftungen, so für die Hospitäler von S. Salvator am Lateran, von S. Maria in Porticu und der Consolazione, für die Kompanie der Annunziata in der Minerva und für S. Lorenzo in Damaso, wie das ihr Testament vom 15. Januar 1517 zeigt.

Lange Zeit las man in den Hospitälern des Lateran und der Consolazione Inschriften, welche ihre Stiftungen verzeichneten, nebst der Verpflichtung, für ewige Zeiten an den Jahrestagen des Todes ihrer zwei Gatten und ihres eigenen Seelenmessen zu lesen.

Vannozza starb in Rom am 26. November 1518. Ihr Tod blieb nicht unbemerkt, wie dieser Brief eines Venezianers zeigt:

»Vorgestern starb Madonna Vannozza, einst das Weib des Papstes Alexander und die Mutter des Herzogs von Valence und der Herzogin von Ferrara. In jener Nacht befand ich mich an einem Ort, von wo ich den Todesruf nach römischer Sitte und mit diesen formalen Worten vernehmen konnte: ›Messer Paolo, gebt den Tod kund, denn Madonna Vannozza, die Mutter des Herzogs von Gandìa, ist gestorben, sie gehört zur Kompanie del Gonfalone.‹ Gestern begrub man sie in S. Maria del Popolo, und sie wurde mit allem Pomp begraben, fast wie ein Kardinal. Sie zählte sechsundsechzig Jahre; sie hat all ihr Gut (und dessen war nicht wenig) S. Johann im Lateran vermacht. Bei der Leichenfeier waren die Kämmerer des Papstes zugegen, was sonst nicht zu geschehen pflegt.«

Einen ehrenvollen Nachruf widmete ihr Marcantonio Altieri, einer der angesehensten Männer Roms. Er war Guardian der Kompanie del Gonfalone ad Sancta Sanctorum und verzeichnete als solcher im Jahr 1525 das Eigentum dieser Brüderschaft. In diesem Manuskript, welches das Archiv jener Kompanie bewahrt, schrieb Altieri folgendes:

»Wir dürfen auch nicht die liebevollen Stiftungen vergessen, welche die hochangesehene und hochgeehrte Frau Madonna Vannozza vom Haus Catanei machte, die glückliche Mutter der Erlauchtesten Herren, des Herrn Herzogs von Gandìa, des Herrn Herzogs von Valence, des Prinzen von Squillace und der Madonna Lucrezia, Herzogin von Ferrara. Indem sie die Kompanie mit weltlichen Gütern ausrüsten wollte, ließ sie ihr viele Juwelen von nicht geringem Wert und fügte so viel Unterstützung hinzu, daß die Kompanie sich einige Jahre später von gewissen Verpflichtungen befreite, und zwar durch Vermittlung der edlen Herren Messer Mariano Castellano und meines teueren Messer Rafael Casale, welche kurz zuvor Guardiane waren. Sie traf nämlich ein Übereinkommen mit dem ausgezeichneten und berühmten Silberschmied Caradosso, wonach sie ihm zweitausend Dukaten gab, auf daß er mit seinem herrlichen Kunstwerk dem Wunsche jener hochedlen und geehrten Frau entsprechen konnte. Hierauf ließ sie uns zum Zweck des Schmucks und seiner Ausführung so viel Besitzungen, daß wir daraus für die Dauer die Jahresrente von vierhundert Dukaten beziehen, um davon die leider so große Zahl von Armen und Kranken zu ernähren. Aus Dankbarkeit gegen diesen ihren so frommen und devoten Sinn und diese so segensreiche und liebevolle Unterstützung für so viele Bedürftige, beschloß daher unsere ehrwürdige Genossenschaft einmütig und mit Freuden, nicht allein ihre Exequien mit reichem und ehrenvollem Pomp zu feiern, sondern auch die Tote mit einem stolzen und prachtvollen Grabmal zu ehren. Sodann erließ sie mit öffentlicher Beistimmung den Beschluß, fortan am Begräbnistage und in der Kirche al Popolo, wo sie begraben ward, das Anniversarium zu feiern mit Messen, Zeremonien, mit Zufluß von Menschen bei vielen Fackeln und Kerzen, in aller Devotion; sowohl um Gott das Heil ihrer Seele zu empfehlen, als auch, um der Welt darzutun, daß wir die Undankbarkeit hassen und verabscheuen.«

So hatte dieses Weib einen Stolz darein gesetzt, mit Pracht zu Grabe gebracht zu werden; an diesem Tage sollte ganz Rom von ihr reden, der Geliebten Alexanders VI. und der Mutter so berühmter Kinder. Leo X. gab ihrem Leichenbegängnis schon dadurch öffentliche Bedeutung, daß er seinen Hof an ihm teilnehmen ließ, ja er anerkannte durch diese Auszeichnung offiziell Vannozza als Witwe Alexanders oder doch als die Mutter der Herzogin von Ferrara. Weil zur Kompanie del Gonfalone die angesehensten Männer vom Adel und Bürgerstande Roms gehörten, war geradezu die ganze Stadt bei diesen Exequien vertreten. In S. Maria del Popolo wurde Vannozza in ihrer Familienkapelle beigesetzt, neben ihrem unglücklichen Sohn Juan von Gandìa. Daß sie ein marmornes Denkmal erhielt, ist nicht bekannt; aber ihr Testamentsvollstrecker setzte folgende stolze Inschrift auf ihr Grab:

Der Vanotia Catanea, welcher ihre Kinder Adel verliehen, die Herzoge Cesar von Valence, Juan von Gandìa, Jofred von Squillace und Lucrezia von Ferrara, der durch Rechtschaffenheit, Frömmigkeit, Alter und Klugheit gleicherweise hoch ausgezeichneten, der um das lateranische Hospital hochverdienten, setzte dies Hieronymus Picus Fideikommissar und Testamentsvollstrecker. Sie lebte siebenundsiebzig Jahre, vier Monate, dreizehn Tage. Sie starb im Jahr 1518 am 26. November.

Sicherlich war Vannozza von der Welt geschieden in dem festesten Glauben, mit Gold und Silber und frommen Stiftungen ihre Sündenschuld getilgt und das Himmelreich erkauft zu haben. Sie hatte sich auch den Leichenpomp und eine Lüge auf ihrem Grabstein erkaufen dürfen. Und mehr als zweihundert Jahre lang sangen Priester in S. Maria del Popolo Seelenmessen für sie, bis die geistliche Behörde sie abschaffte, vielleicht weniger auf Grund der Ansicht, daß nun die Seele dieses Weibes davon genug habe, als aus einem erwachenden Bewußtsein historischer Kritik. Auch ihren Grabstein hat später Haß oder Schamgefühl spurlos gemacht.

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