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Lucrezia Borgia

Ferdinand Gregorovius: Lucrezia Borgia - Kapitel 35
Quellenangabe
typetractate
authorFerdinand Gregorovius
year1982
publisherC. H. Beck'sche Verlagsbuchhandlung
addressMünchen
isbn3-406-08959-3
titleLucrezia Borgia
created20040228
sendergerd.bouillon
firstpub1874
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Der Krieg um Ferrara war durch die Kraft Alfonsos und die äußerste Anstrengung des Staates wohl gestillt worden, aber von diesem hatte Julius II. doch Modena und Reggio abgerissen, ein so großer Verlust für das Haus Este, daß sich die Geschichte Ferraras viele Jahre hindurch um den Wiedergewinn jener Städte bewegte. Zum Glück für Alfonso starb Julius II. im Februar 1513. Leo X. bestieg den Heiligen Stuhl. Er hatte bisher freundliche Beziehungen zu den Fürsten von Urbino und von Ferrara unterhalten, die auch nur Freundliches von ihm erwarteten, jedoch beide Häuser sollten gerade durch diesen falschen Medici, welcher alle Welt hinterging, bitter getäuscht werden. Alfonso eilte zur Krönung Leos nach Rom, und mit den besten Hoffnungen auf eine vollkommene Aussöhnung mit dem Heiligen Stuhl, kehrte er nach Ferrara zurück.

Hier hatte sich Lucrezia allgemeine Achtung und Zuneigung erworben. Sie war die Mutter des Volkes geworden. Alle Leidende fanden bei ihr Gehör und Hilfe. Hungersnot und Teuerung und die Erschöpfung der Finanzen waren die Folgen des Krieges; sie entäußerte sich ihres Juwelenschmuckes, indem sie ihn verpfändete. Sie entsagte, wie Jovius ihr nachrühmte, dem Pomp und den Eitelkeiten der Welt, an die sie von Jugend auf gewöhnt war. Sie ergab sich religiöser Andacht und stiftete klösterliche Anstalten und Hospitäler. Daß sie alles dies tat, lag ebensowohl in der Natur des Weibes, als in jener ihrer Vergangenheit und der von ihr erlittenen Schicksale. Die meisten Frauen, welche viel gelebt und geliebt haben, werden Betschwestern, und Bigotterie ist oft nur die letzte Form, welche die weibliche Eitelkeit zu wählen hat. Die Erinnerung an eine Welt von Lastern und Verbrechen, verübt durch ihre Nächsten, und wohl auch die an eigene Verschuldungen, konnte niemals aufhören, die Seele Lucrezias zu beunruhigen. In denselben Gemütszustand fielen und dasselbe Bedürfnis religiöser Tröstung empfanden auch jene anderen Frauen, welche mit und neben ihr zu den Hauptpersonen in der Geschichte der Borgia gehört hatten: die Witwe Cesars beschloß ihr Leben im Kloster; die Witwe Gandìas tat dasselbe; die Witwe Alexanders VI. wurde eine alte Betschwester; und wohl würden wir auch die Ehebrecherin Julia Farnese am Ende ihres Lebens, wenn nicht als Heilige in einem Kloster, so doch in tägliche Andachtsübungen versenkt wiederfinden, wenn uns Nachrichten von ihr erhalten wären.

Das Jahr 1513, wo der Krieg um Ferrara ein Ende nahm, machte einen Abschnitt in dem Leben Lucrezias, denn seither nahm sie entschieden diese fromme Richtung. Dieselbe artete jedoch nicht in Fanatismus aus; denn daran hinderten sie der kräftige Alfonso, ihre Kinder und die Pflichten des Hofes. Der Hof von Ferrara hatte durch den Krieg viel von seinem Glanz verloren, aber er blieb doch einer der angesehensten Fürstenhöfe Italiens. Alfonso selbst wandte in den folgenden Friedensjahren manches auf die Kultur der Künste. Es arbeiteten für ihn im Kastell und in den Schlössern von Belriguardo und Belfiore die besten Meister Ferraras: Dossi, Garofalo und Michele Costa. Tizian, welcher ab und zu Gast in Ferrara war, malte für ihn, und der Herzog gab auch Rafael Aufträge zu Bildern. Er legte sogar ein Museum von Altertümern an. Einen Kupido Michelangelos besaß Lucrezia in ihrem Kabinett. Doch war die Neigung der Herzogin in dieser Richtung keine besonders lebhafte und nicht entfernt mit der Leidenschaft ihrer Schwägerin Isabella von Mantua zu vergleichen, welche mit allen hervorragenden Künstlern ihrer Zeit in Verbindung stand und in allen großen Städten Italiens ihre Agenten hatte, durch die sie von allem Schönen, das erschaffen wurde, sich unterrichten ließ.

Seit dem Jahre 1513 erlitt Ferrara auch durch den Hof Leos X. eine nicht geringe Einbuße und wurde durch ihn in Schatten gestellt; denn die Kunstschwelgerei dieses Medici zog die glänzendsten Talente Italiens nach Rom. Dorthin ging der Dichter Tebaldeo, dort lebten Sadoleto und Bembo, jetzt Leos Sekretäre. Die beiden Strozzi waren tot. Aldus, auf dessen Laufbahn als Gelehrter und Drucker Lucrezia in früheren Jahren nicht ohne fördernden Einfluß gewesen war, lebte in Venedig; doch unterhielt er von hier aus eine literarische Verbindung mit seiner Gönnerin. Ferrara treu blieb Celio Calcagnini. Auch blühte die Universität fort. Sehr befreundet war Lucrezia mit Trissino, dem edlen Vicentiner, dem nicht glücklichen Nebenbuhler Ariostos im Epos. Es gibt fünf Briefe Trissinos an sie aus ihren letzten Lebensjahren. Der Stolz Ferraras aber war Ariosto, und dessen vollen Ruhm erlebte noch Lucrezia. Er weihte seine Dichtung weder ihr noch Alfonso, sondern dem unwürdigen Kardinal Hippolyt, in dessen Dienst ihn zufällige Verhältnisse gebracht hatten. Kein Fürstenhaus erfuhr jemals eine Verherrlichung, wie es diese ist, welche Ariosto dem der Este gab; denn durch seinen Orlando Furioso ist dasselbe für alle Zeiten, so lange als die Sprache Italiens dauert, in der Literatur unsterblich und monumental geworden. Auch Lucrezia hat in seinem Gedicht einen Ehrenplatz gefunden, aber so schön auch die Stelle ist, die sie dort einnimmt, so dürfte doch Ariosto ihr eine noch wärmere und öftere Huldigung dargebracht haben, wenn sie ihn selbst durch einen wirklich begeisterten Anteil dazu ermuntert hätte.

Das Verhältnis der Herzogin zu ihrem Gemahl, nicht auf Liebe gegründet und wohl nie von leidenschaftlicher Natur, scheint sich immer günstiger für sie gestaltet zu haben. Im April 1514 hatte sie ihm einen dritten Sohn Alessandro geboren, welcher schon nach zwei Jahren starb; am 4. Juli 1515 gebar sie eine Tochter Leonora, und am 1. November 1516 noch einen Sohn Francesco. Mit Genugtuung sah sich Alfonso als Vater von Kindern, die seine legitimen Erben waren. Er ging seinen privaten Freuden nach, aber es befriedigte ihn, die Achtung, ja selbst die Bewunderung wahrzunehmen, welche seiner Gemahlin entgegengebracht wurde. Wenn diese Huldigungen früher ihrer jugendlichen Schönheit gegolten hatten, so wurden sie jetzt ihren Tugenden gewidmet. Das einst vielleicht bescholtenste Weib ihrer Zeit nahm jetzt den ersten Platz im Ehrentempel der Frauen ein. Caviceo konnte es sogar wagen, der gefeierten Isabella Gonzaga mit diesem Urteil zu schmeicheln, daß er sie hinlänglich preise, wenn er sage, sie nähere sich der Vollkommenheit Lucrezias. Die Vergangenheit schien im Erinnern der Menschen so ganz erloschen, daß selbst ihr Name Borgia nur mit Ehren genannt wurde.

In jener Zeit wurde Lucrezia noch durch ein ihr nahestehendes Familienmitglied an jene römische Vergangenheit erinnert. Es war das Giovanni Borgia, der rätselhafte »römische Infant«, einst Herzog von Nepi und Camerino und Schicksalsgefährte des kleinen in Bari verstorbenen Rodrigo. Seit dem Jahre 1508 war er unserem Blick entschwunden. Wo er seither geblieben, wissen wir nicht. Aber im Jahre 1517 kam er, jetzt ein junger Mann von neunzehn oder zwanzig Jahren, wie es scheint von Neapel her nach der Romagna, wo er Schiffbruch litt. Sein von der Gemeinde Pesaros bei dieser Gelegenheit eingezogenes Gepäck reklamierte ein Bevollmächtigter Lucrezias am 2. Dezember, und in diesem Akt wird Giovanni Borgia ihr »Bruder« genannt. Andere Dokumente tun dar, daß derselbe sich seit dem Dezember 1517 wirklich am Hof seiner Schwester befand. Ihr Gemahl hinderte sie demnach nicht, diesen nahen Verwandten bei sich aufzunehmen. Don Giovanni ging sodann im Dezember 1518 nach Frankreich, wo ihn der Herzog Alfonso dem Könige vorstellte. Lucrezia hatte ihm Geschenke für diesen und die Königin mitgegeben. Am französischen Hofe blieb er auch einige Zeit, sein Glück zu suchen, das er nicht fand.

Seither verschwindet der »römische Infant« wieder, bis er im Jahre 1530 in Rom als Prätendent des Herzogtums Camerino sichtbar wird. Der letzte Varano, Giammaria, war nach Cesars Sturz dorthin zurückgekehrt und von Julius II. als Lehnsvasall der Kirche anerkannt worden. Leo X. erhob ihn sogar im April 1515 zum Herzog von Camerino und vermählte ihn mit seiner eigenen Nichte, der schönen Catarina Cibò. Giammaria starb im August 1527 und hinterließ als einzige Erbin seine unmündige Tochter Giulia. Ein Bastard des Hauses Varano machte hierauf mit den Waffen in der Hand Ansprüche auf Camerino, aber zugleich erhob solche im Wege des Prozesses Giovanni Borgia, der ehemalige erste Herzog jenes Landes. Alfonso von Ferrara unterstützte ihn in diesen Bemühungen. Er gab ihm mehrere Aktenstücke aus der Zeit Alexanders VI. heraus, welche seine Rechte auf Camerino betrafen und von Lucrezia Borgia in die Kanzlei des Hauses Este waren niedergelegt worden. Don Giovanni hatte sich sogar zu Karl V. nach Bologna begeben, als sich dort seit dem Dezember 1529 der berühmte Kongreß versammelte. Der Kaiser hatte ihm geraten, seine Sache in Rom selbst beim Papst im Wege des Rechts durchzuführen, und von Rom aus schrieb der »Infant« im Jahre 1530 einen Brief an den Herzog Alfonso, worin er ihm von seinen Angelegenheiten Kunde gab und ihn ersuchte, im Archiv Este weitere Nachforschungen nach ihn betreffenden Papieren machen zu lassen.

Don Giovanni machte seinen Prozeß anhängig. In einem massenhaften Schriftstück vom 29. Juni 1530, welches diesen enthält, wird er nicht nur als Domicellus Romanus principalis bezeichnet, sondern er nennt sich selbst Orator des Papstes. Hieraus geht hervor, daß dieser Bastard Alexanders damals als ein vornehmer Herr in Rom lebte und sogar in päpstlichen Diensten stand. Die römische Rota entschied den Prozeß zum Nachteil Giovannis und verurteilte ihn in die gerichtlichen Kosten. Durch ein Breve vom 7. Juni 1532 verbot ihm Clemens VII., mit weiteren Ansprüchen Giulia Varano und deren Mutter zu belästigen. Seither verlautet nichts mehr von den Schicksalen dieses Borgia. Nur aus einem vom 19. November 1547 aus Rom datierten Briefe, den, wie es scheint, ein ferrarischer Agent an den damaligen Herzog Ercole II. richtete, erfahren wir den Tod des Don Giovanni. Der Brief lautet:

»Don Giovanni Borgia ist zu Genua gestorben; wie es heißt, hatte er viele tausend Dukaten in Valencia angelegt. Hier (in Rom) hat er wenige Kleidungsstücke, zwei Pferde und einen Weinberg im Wert von etwa 300 Dukaten. Da er kein Testament gemacht hat, so wird seine Hinterlassenschaft Ew. Exzellenz und Ihren Herren Brüdern zu einem Teile zukommen, zum anderen den hiesigen Edelleuten Mattei, zum anderen dem Herzog von Gandìa und den Kindern des Herzogs von Valence, wenn ihnen nicht der Umstand entgegensteht, daß sie natürliche Kinder sind. Ich werde nicht ermangeln, mich wegen der Gelder in Valencia zu erkundigen, und dann Ew. Exzellenz davon benachrichtigen.«

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