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Lucrezia Borgia

Ferdinand Gregorovius: Lucrezia Borgia - Kapitel 34
Quellenangabe
typetractate
authorFerdinand Gregorovius
year1982
publisherC. H. Beck'sche Verlagsbuchhandlung
addressMünchen
isbn3-406-08959-3
titleLucrezia Borgia
created20040228
sendergerd.bouillon
firstpub1874
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IX

Die Hoffnungen Alfonsos auf Nachkommenschaft waren bisher durch einen zweimaligen Unglücksfall seiner Gemahlin vereitelt worden: da gebar sie am 4. April 1508 einen Sohn. Man gab ihm den Taufnamen seines Großvaters.

Ercole Strozzi feierte in der Geburt dieses Thronerben die Erfüllung seiner Weissagungen. In einem Gedicht Genethliakon schmeichelte er der Herzogin mit dem Wunsche, daß diesem Sohne einst die Taten seines Oheims Cesar und seines mütterlichen Großvaters Alexander ein Vorbild sein möchten; denn beide würden ihn an Camill und die Scipionen und die Helden Griechenlands gemahnen.

Nur wenige Wochen später fand der geniale Dichter ein schreckliches Ende. Seine Neigung zu Lucrezia war wohl nur die des höfischen Kavaliers oder des Poeten, welcher der Schönheit huldigt; seine Leidenschaft hatte er Barbara Torelli zugewendet, der jungen Witwe des Ercole Bentivoglio. Sie gab ihm den Vorzug vor einem anderen Edelmann in Ferrara, und der beglückte Strozzi vermählte sich mit ihr im Mai 1508.

Dreizehn Tage nachher, am Morgen des 6. Juni, fand man den Dichter an der Ecke des Palastes Este, welcher heute Pareschi heißt, tot niedergestreckt, gehüllt in seinen Mantel, mit zerrauftem Haar und bedeckt mit zweiundzwanzig Wunden. Ganz Ferrara war bestürzt: denn Strozzi war der Ruhm dieser Stadt, einer der geistvollsten Dichter seiner Zeit, ein Liebling aller Mitstrebenden, Freund Bembos und Ariostos, Günstling der Herzogin, hochangesehen bei Hofe. Nach seines Vaters Titus Tode bekleidete er dessen Stelle als Haupt der zwölf Richter Ferraras. Er stand noch in der Blüte seines Lebens; erst siebenundzwanzig Jahre hatte er erreicht.

Dies schreckliche Ereignis mußte Lucrezia jenen Tag ins Gedächtnis zurückrufen, wo ihr Bruder Gandìa war ermordet worden, und wie dessen Ermordung mit einem nie aufgeklärten Geheimnis bedeckt blieb, ganz so blieb es auch der Tod Strozzis. »Niemand nannte den Urheber des Mordes, denn der Prätor schwieg«, so sagte später Paul Jovius im Elogium auf den Dichter. Wer aber konnte die Gerichte schweigen machen, wenn nicht diejenigen, welche allein die Macht dazu besaßen?

Man hat Alfonso die Tat zugeschrieben; die einen behaupteten, daß er Strozzi umbringen ließ aus Leidenschaft, welche er selbst für dessen Gemahlin gefaßt hatte, die anderen, daß er an ihm die Gunst rächte, die ihm Lucrezia schenkte. Sogar die neuesten Schriftsteller, welche dieses Geheimnis zu ergründen sich bemüht haben, und die sich auf vertrauliche Korrespondenzen jener Zeit berufen, geben Alfonso die Schuld der Tat. Daß sie der Herzog, welcher nicht allein die Verschwörung gegen sein eigenes Leben so grausam gestraft hatte, sondern überhaupt mit schonungsloser Strenge die Gesetze aufrechthielt, nicht vor die Tribunale zog, ist freilich einer der stärksten Verdachtsgründe wider ihn.

Man hat sogar Lucrezia als die Urheberin des Mordes bezeichnet, sei es aus Eifersucht gegen Barbara Torelli, sei es aus Furcht, Strozzi könne ihr Verhältnis zu Bembo, dessen Mitwisser er gewesen sein soll, verraten, zumal der Dichter durch den Einfluß der Herzogin die Kardinalswürde zu erlangen gehofft habe, worin er dann durch sie getäuscht worden sei. Dieser unsinnigen Anklage haben jene Neueren keinen Glauben geschenkt. Es glaubte an sie auch nicht Ariosto, denn wie würde er es sonst gewagt haben, in jenem Ehrentempel der Frauen des Hauses Este der Statue Lucrezias gerade Ercole Strozzi als Herold ihres Ruhmes beizugesellen. Selbst wenn er diese Stanze, was nicht wahrscheinlich ist, schon vor des Dichters Tode geschrieben hätte, so würde er ihr unter jener Voraussetzung eine andere Fassung gegeben haben, ehe er das Gedicht im Jahre 1516 veröffentlichte.

Es glaubte an die Schuld Lucrezias auch nicht Aldo Manuzio, denn gerade ihr widmete er im Jahre 1513 die Ausgabe der Poesien beider Strozzi, des Vaters und des Sohnes, mit einer Einleitung, worin er sie selbst zu den Sternen erhob.

Unterdes hatte Julius II. die Liga von Cambray zustande gebracht, deren Zweck die Zerstörung der Macht Venedigs war. Auch Ferrara war diesem Bunde beigetreten. Der Krieg beschäftigte daher Alfonso vielfach außerhalb seiner Residenz und seines Staates, so daß er Lucrezia während seiner Abwesenheit zur Regentin machte. In der Tat war sie das jetzt in einem anderen Sinne, als sie es in früheren Zeiten im Vatikan und in Spoleto gewesen war. Sie sah im Jahre 1509 das Kriegsgewitter sich sogar Ferrara nähern, wo ihr Gemahl und der Kardinal die venezianische Flotte auf dem Po besiegten. Am 25. August dieses Jahres gebar Lucrezia einen zweiten Sohn, Hippolyt.

Die Kriege, welche Italien umwälzten, rissen fortan auch Ferrara in die große Bewegung hinein, die sich spät und erst dann beruhigte, als Karl V. den italienischen Dingen eine neue Ordnung gab. Das fernere Leben Lucrezias wurde daher durch die Politik beeinflußt. Ihre ersten ruhigen Jahre in Ferrara waren dahin, gleich ihrer Jugend. Sie widmete sich jetzt der Erziehung ihrer Kinder, der Prinzen von Este, und auch den Staatsangelegenheiten, so oft sie ihr Gemahl damit betraute. Sie war eine kluge Frau; ihr Vater hatte sich in ihrem Verstande nie getäuscht. Auch als Regentin von Ferrara erwarb sie sich Anerkennung. Als solche erscheint sie zum erstenmal schon im Mai 1506, und zwar in einer für sie höchst ehrenvollen Weise. Die Juden waren in Ferrara mißhandelt worden: Lucrezia erließ deshalb ein Gesetz zu ihrem Schutz, und sie befahl die strenge Bestrafung der Schuldigen. In der Widmung der Poesien der Strozzi an sie rühmte Aldus neben allen ihren anderen Eigenschaften, wie ihrer Gottesfurcht, ihrer Wohltätigkeit gegen Arme und ihrer Güte gegen die ihr Nächsten, ganz besonders auch dies, daß sie eine treffliche Regentin sei, deren »scharfes Urteil und durchdringenden Geist die Bürger bewunderten«. Selbst wenn man einen Teil dieses Lobes als Schmeichelei in Abzug bringen will, so wird noch ein anderer zurückbleiben, welcher der Wahrheit gehört.

Aus diesen Gründen ist es nicht auffallend, wenn die Persönlichkeit Lucrezias in dieser Epoche fast ganz verschwindet, oder von der politischen Geschichte Ferraras verdeckt wird. Die Chronisten der Stadt erwähnen ihrer nur bei den Geburten ihrer Kinder, und in der ganzen Biographie Alfonsos von Paul Jovius wird sie nur zwei- oder dreimal, doch mit großer Achtung genannt. Das persönliche Interesse, welches die früheren Schicksale dieser Frau erregten, verschwand, als sie selbst keine ähnlichen mehr erlebte. Selbst ihre Briefe an Alfonso und die vielen anderen an ihre Freundin Isabella Gonzaga sind für ihren Biographen fast inhaltsleer. Ganz unbestritten war jetzt das Lob ihrer Tugenden; es vernahm dasselbe auch der Kaiser Maximilian, welcher die Ehe Lucrezias mit Alfonso hatte hintertreiben wollen. Zu Augsburg unterhielt er sich eines Tages, im Februar 1510, mit dem ferrarischen Gesandten Girolamo Cassola; nachdem er vieles über die Frauen und die Feste Augsburgs geredet hatte, fragte er nach den Frauen Italiens und besonders denen Ferraras: »Hierauf wurde viel von der Exzellenz unserer Herzogin gesprochen, ich sage von der Exzellenz ihrer Schönheit und großen Anmut, ihrer Sittsamkeit und Tugenden. Der Kaiser fragte mich, welche andere Schönheiten es in Ferrara gebe, und ich nannte ihm Madonna Diana und Madonna Agnola, die eine Schwester, die andere Gemahlin des Herrn Ercole von Este.« So berichtete der Gesandte nach Ferrara.

Das Gemüt Lucrezias war in der fest gegründeten Welt, der sie nun angehörte, und unter dem Ernst hoher Pflichten zur Ruhe gekommen, und nur noch selten wurde diese durch Ereignisse aufgestört, welche sie mit ihren römischen Erlebnissen wieder in Zusammenhang brachten. Das aber geschah im Jahre 1510 durch den Tod Giovanni Sforzas von Pesaro.

Sforza war nach seiner Rückkehr in seinen Staat durch eine Bulle Julius' II. als Lehnsherr desselben bestätigt worden. Er hatte seither weise zu regieren gesucht, manche Verbesserungen eingeführt, auch die Burg Pesaros neu befestigt. Er war ein gebildeter Mann und dem Studium der Philosophie ergeben. Von ihm, so bemerkt Ratti, ein Biograph des Hauses Sforza, stammt ein Inhaltsverzeichnis des ganzen Archivs von Pesaro. Im Jahre 1504 hatte er sich wieder vermählt mit einer edlen Venezianerin, Ginevra vom Haus Tiepolo, die er in seinem Exil kennenlernte. Sie gebar ihm am 4. November 1505 einen Sohn Costanzo. In welchen Beziehungen er zu den ihm verwandten Este stand, wissen wir nicht; sie können nur frostiger oder peinlicher Art gewesen sein. Seines Lebens mochte Sforza überhaupt nicht mehr froh werden; denn indem sein ganzes berühmtes Haus sich dem Untergange zuneigte oder schon gefallen war, durfte er auf die lange Fortdauer seines eigenen Geschlechts nicht hoffen. Im Schloß Gradara, wo er meist in Einsamkeit zu leben pflegte, starb er einen ruhigen Tod am 27. Juli 1510.

Da sein Sohn noch ein kleines Kind war, übernahm die Regierung Pesaros sein natürlicher Bruder Galeazzo, der sich mit Ginevra, einer Tochter Ercole Bentivoglios, vermählt hatte. Jenes Kind starb schon am 5. August 1512, worauf der Papst Julius dem Galeazzo die Anerkennung entzog. Er zwang diesen Letzten der Sforza von Pesaro zu einem Vertrag, in kraft dessen derselbe am 30. Oktober 1512 Burg und Land dem Francesco Maria Rovere übergab, welcher seit dem April 1508, nach dem Tode Guidobaldos, Herzog von Urbino war. So wurde Pesaro mit diesem Staat vereinigt. Galeazzo starb in Mailand im Jahre 1515, nachdem er den Herzog Maximilian Sforza zu seinem Erben eingesetzt hatte. Die Linie der Herren von Pesaro war somit erloschen, denn Giovanni Sforza hinterließ nur eine natürliche Tochter Isabella; sie vermählte sich im Jahre 1520 mit Sernigi Cipriano, einem edlen Florentiner, und starb als eine durch ihre gelehrte Bildung sehr ausgezeichnete Frau zu Rom im Jahre 1561. Ihre Grabschrift liest man noch auf einem in die Wand eingemauerten Stein im Gange hinter der Tribüne der lateranischen Basilika.

Der Tod ihres ersten Gatten mußte Lucrezia ihre tiefe Verschuldung gegen ihn lebhaft ins Bewußtsein rufen, und jetzt befand sie sich in einem Alter und in einer religiösen Gemütsverfassung, in welcher der Leichtsinn nicht mehr über das Gewissen hinwegkommt. Aber die Zeit war so aufgeregt, daß sie allen ihren Gedanken eine andere Richtung gab. Am 9. August 1510, wenige Tage nach Sforzas Tode, tat Julius II. Alfonso in den Bann und erklärte ihn aller seiner Kirchenlehen verlustig. Dieser Papst nahm damals die Pläne seines Oheims Sixtus wieder auf, welcher im Bunde mit Venedig Ferrara hatte den Este entreißen wollen. Nachdem ihn die Venezianer mit der Abtretung der romagnolischen Städte beschwichtigt, hatte er sich mit der Republik ausgesöhnt und von Alfonso verlangt, der französischen Liga gleichfalls zu entsagen und vom Kriege wider Venedig abzustehen. Die Folge der Weigerung des Herzogs, das zu tun, war der Bann. Seither sah sich Ferrara, im engsten Bündnis mit Frankreich, in jenen wütenden Krieg gezogen, welcher zur berühmten Schlacht von Ravenna (am 11. April 1512) führte, worin die Artillerie Alfonsos den Ausschlag gab.

Es war während dieses Krieges und bei Gelegenheit des Versuchs Julius' II., Ferrara durch einen Handstreich zu nehmen, daß der berühmte Bayard die Bekanntschaft Lucrezias machte. Als die französischen Ritter mit ihren Kampfgenossen, den Ferraresen, nach der Eroberung der Bastei triumphierend in Ferrara einzogen, wurden sie hier mit den höchsten Ehren aufgenommen. In Erinnerung dessen schrieb der Biograph Bayards später dies zum Ruhme Lucrezias nieder: »Vor allen anderen empfing die Franzosen mit großer Auszeichnung die gute Herzogin, welche eine Perle in dieser Welt war, und alle Tage gab sie ihnen wundervolle Feste und Bankette nach italienischer Art. Ich wage es zu sagen, daß es weder zu ihrer Zeit, noch viel früher eine glorreichere Fürstin gab als sie; denn sie war schön und gut, sanft und liebenswürdig zu allen, und nichts ist so sicher als dies, daß, obwohl ihr Gemahl ein kluger und kühner Fürst war, diese genannte Dame ihm durch ihre Liebenswürdigkeit gute und große Dienste geleistet hat.«

Es ist bekannt, daß infolge des Todes Gastons de Foix in der Schlacht von Ravenna die Siege Frankreichs sich in Niederlagen und die Niederlagen des Papstes sich in Triumphe verwandelten. Alfonso sah sich wehrlos; er eilte selbst im Juli 1512 nach Rom, von Julius die Absolution zu erhalten, und obwohl er sie empfing, rettete ihn doch nur die schleunige Flucht vor dem Verderben oder dem Schicksal Cesars Borgia. Mit Hilfe der Colonna, die ihn nach Marino entführten, erreichte er in Verkleidung Ferrara wieder.

Es waren das peinvolle Tage für Lucrezia, und während sie um das Leben ihres Gatten zitterte, empfing sie zugleich die Nachricht von dem Tode ihres fernen und verstoßenen Sohnes. Am 28. August 1512 schrieb der mantuanische Agent Stazio Gadio seinem Herrn Gonzaga aus Rom: »Hier ist sichere Kunde eingetroffen, daß der Herzog von Biseglia, der Sohn der Frau Herzogin von Ferrara und des Alfonso von Aragon, zu Bari gestorben ist, wo die Herzogin von Bari ihn bei sich hatte.« Lucrezia selbst meldete das einer nicht genannten Person in einem Brief vom 1. Oktober, worin sie schrieb: »Ich befinde mich ganz versenkt in Bitterkeit und Tränen um den Tod des Herzogs von Biselli, meines teuersten Sohnes, wovon Ihnen der Überbringer dieses das Nähere auseinandersetzen wird.«

Die Schicksale des armen Rodrigo während der ersten Jahre nach dem Tode Alexanders und der Fortführung Cesars nach Spanien sind uns unbekannt; doch dürfen wir für gewiß annehmen, daß er in Neapel und unter der Vormundschaft der Kardinäle Ludovico Borgia und Romolini von Sorrent lebte. Der König von Spanien anerkannte den Sohn Lucrezias, früheren Verträgen gemäß, als Herzog von Biselli, und noch aus dem September 1505 gibt es Aktenstücke, wonach der Statthalter des kleinen Herzogs den Treueid in die Hände jener beiden Kardinäle ablegte. Vielleicht wurde Rodrigo von Donna Sancìa, seiner leiblichen Tante, erzogen; denn auch diese befand sich mit ihrem Gemahl im Königreich Neapel, wo Don Jofré im Besitz seiner Güter anerkannt war. Sancìa starb kinderlos im Jahr 1506, als eben Ferdinand der Katholische sich in Neapel aufhielt; der König zog deshalb einen großen Teil der Lehen Don Jofrés ein, doch blieb derselbe Prinz von Squillace. Er schloß eine zweite Ehe und hatte Nachkommen. Sein Ende ist uns unbekannt. Eine seiner Urenkelinnen Anna de Borgia, Prinzessin von Squillace, brachte als Letzte ihres Stammes dieses Besitztum am Anfange des 17. Jahrhunderts an das Haus Gandìa in Spanien, durch ihre Vermählung mit Don Francesco Borgia.

Es mochte nach dem Tode Sancìas sein, daß Rodrigo in die Obhut seiner anderen Tante, der älteren Schwester seines Vaters, kam. Dies war Isabella d'Aragona, die unglücklichste der Frauen jener Zeit, die Witwe des von Ludovico dem Mohren vergifteten Giangaleazzo von Mailand. In der Geschichte Italiens jener Epoche, wo mit der Invasion Karls VIII. eine Flut von Schicksalen über die Dynastien jenes Landes hereingebrochen war, gibt es kaum eine gleich tragische Gestalt, als diese Isabellas von Mailand. Denn sie wurde von dem Zusammensturz beider Häuser, Sforza und Aragon, zugleich getroffen, und von diesen beiden Familien kann man sagen, was Caracciolo in seiner Schrift De varietate fortunae von den Sforza gesagt hat: es gibt kein noch so furchtbares Trauerspiel, für welches das Haus Sforza nicht den reichhaltigsten Stoff darböte. Isabella hatte den Fall ihres ganzen einst so mächtigen Hauses erlebt und ihren eigenen Sohn Francesco, von Ludwig XII. gefangen, nach Frankreich abführen sehen, wo er jung und als Geistlicher sterben mußte. Sie selbst hatte sich nach Bari zurückgezogen, welche Stadt Ludovico der Mohr ihr im Jahre 1499 überlassen hatte, und wovon sie bis zu ihrem Tode (am 11. Februar 1524) Herzogin blieb.

Donna Isabella nahm den Sohn Lucrezias zu sich. Daß er schon im März des Jahres 1506 sich bei ihr in Bari befand, geht aus den Registern des Haushalts der Herzogin von Ferrara hervor: denn am 26. jenes Monats und Jahres steht darin verzeichnet: »ein Kleid von Damast und Brokat, welches Ihre Herrlichkeit zum Geschenke schickt an Don Rodrigo ihren Sohn in Bari«. Am 3. April schickte ihm seine Mutter seinen Erzieher Baldassar Bonfiglio zurück, welcher nach Ferrara gekommen war. Derselbe wird im Register der Ausgaben am 25. Februar 1506 auch Erzieher des Don Giovanni genannt, woraus hervorgeht, daß dieses Kind sich damals ebenfalls in Bari befand und mit seinem Gespielen Rodrigo erzogen wurde. Aber im Oktober 1506 entdecken wir den kleinen Giovanni in Carpi, wohin man ihn, vielleicht an den Hof der Pii, gebracht hatte; von dort ließ ihn Lucrezia in der genannten Zeit nach Ferrara kommen. Sie durfte demnach diesen rätselhaften Infanten, aber nicht ihr Kind Rodrigo bei sich sehen. Im November 1506 befand sich Giovanni wiederum in Carpi, denn dorthin schickte ihm Lucrezia feines Linnenzeug.

Im Jahre 1508 müssen beide Kinder wieder in Bari vereinigt gewesen sein; denn in denselben Verzeichnissen des Haushalts werden vom Mai jenes Jahres ab die Ausgaben für beide zugleich bemerkt, und ein Don Bartolommeo Grotto wird als Lehrmeister beider genannt. Bei Donna Isabella starb sodann der Sohn Lucrezias und des von Cesar ermordeten Alfonso zu Bari, in dessen Nähe sein ererbtes Herzogtum Bisceglie gelegen war.

Wir besitzen einen Brief dieser unglücklichen Fürstin Isabella, welchen sie einige Wochen nach dem Tode des jungen Rodrigo an Perot Castellar, den Gubernator von Bisceglie schrieb.

»Monsignor Perot, unser Geliebtester. Dies schreiben Wir nur, um Euch zu bitten, daß Ihr die von Corato nötigen sollet, uns dasjenige zu zahlen, was sie von den Einkünften des Erlauchten Herzogs von Bisceglie, unseres Neffen sel. Angedenkens zu entrichten haben, denn in kurzem wird eine Anweisung der Erlauchtesten Herzogin von Ferrara kommen, und wenn sich die genannten Gelder nicht bar vorfinden, so würde uns das leicht zur Last fallen. Jene von Corato möchten die Sache in die Länge ziehen, und wir müssen die Gelder durchaus sofort beitreiben. Sorget deshalb dafür, sie zu zwingen, so daß wir nachher unbelästigt bleiben und auf der Stelle bezahlt sein können. Damit werdet Ihr uns einen Gefallen tun, und so erbieten Wir uns Euch. Bari, am 14. Oktober 1512. Isabella von Aragon, Herzogin von Mailand, die einzig Unglückliche.«

Die Mutter Rodrigos erhob Ansprüche auf seine Nachlassenschaft, welche sie auch, wie Dokumente zeigen, von Isabella d'Aragona, als der Vormünderin des Verstorbenen, im Betrage von einigen tausend Dukaten gerichtlich einzog. Sie mußte deshalb lange Prozesse führen, und noch im März 1518 beauftragte sie zu solchem Zweck nach Rom und Neapel ihren Agenten Giacomo Naselli, dessen Bericht an den Kardinal Hippolyt sich erhalten hat.

Welches auch die Umstände waren, die Lucrezia zur Entfernung ihres Sohnes gezwungen hatten, für den sie, wie wir gesehen haben, stets mütterlich besorgt blieb, so wirft doch dieses unglückliche Kind einen tiefen Schatten auf sie zurück.

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