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Lucrezia Borgia

Ferdinand Gregorovius: Lucrezia Borgia - Kapitel 30
Quellenangabe
typetractate
authorFerdinand Gregorovius
year1982
publisherC. H. Beck'sche Verlagsbuchhandlung
addressMünchen
isbn3-406-08959-3
titleLucrezia Borgia
created20040228
sendergerd.bouillon
firstpub1874
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V

Aufmerksam verfolgte Alexander alles, was in Ferrara vorging. Er verlor seine Tochter nicht aus dem Auge. Sie und seine Agenten unterrichteten ihn über jedes Zeichen von Gunst oder Mißgunst, welches sie empfing. Wohl folgten auf die Ernüchterung nach den Hochzeitsfesten für Lucrezia peinvolle Zeiten, wo sie dem Neide und dem Argwohn mit Takt zu begegnen und sich einen festen Boden am Hof zu erringen hatte. Ihre Meldungen befriedigten Alexander, namentlich in bezug auf das Verhalten Alfonsos. Er setzte nicht voraus, daß der Erbprinz von Ferrara seine Tochter liebe; es kam ihm nur darauf an, daß er sie als seine Gattin behandelte und zur Mutter eines Prinzen machte. Mit großer Befriedigung sprach er sich zum ferrarischen Gesandten aus, nachdem er gehört hatte, daß Don Alfonso zur Nachtzeit Lucrezia besuche: »Er geht zwar am Tage anderswohin seinen Freuden nach, da er jung ist, doch daran tut er sehr recht«, so urteilte Se. Heiligkeit.

Er setzte es auch durch, daß der Herzog seiner Schwiegertochter statt einer Rente von sechstausend Dukaten, wie er wollte, eine größere Summe auswarf. Denn Lucrezia war liberal und brauchte viel. Doch mehr als zehntausend Dukaten erlangte sie von ihrem Schwiegervater nicht.

Unterdes schickte sich Cesar an, die Unternehmungen durchzuführen, deren Erfolg ihm die Verschwägerung mit Ferrara und die Zustimmung Frankreichs sicherten. Nachdem er den jungen Astorre Manfredi in der Engelsburg hatte erwürgen lassen, brach er am 13. Juni nach der Romagna auf. Er umgarnte den arglosen Guidobald von Urbino und bewältigte dann plötzlich dessen Staat. Dies geschah am 21. Juni. Der flüchtige Herzog erreichte das Asyl von Mantua; dann ging er mit seiner Gemahlin nach Venedig.

Jetzt wandte sich Cesar gegen Camerino: Er überlistete dort die Varano und ließ dann diese Signoren abtun; nur ein einziger entkam. Von allen diesen Taten gab er dem Hof von Ferrara Meldung, und der Herzog errötete nicht, ihm zu Freveln Glück zu wünschen, wodurch ihm befreundete, ja nahe verwandte Fürsten den Untergang gefunden hatten. Aus Urbino schrieb Cesar diesen Brief an seine Schwester:

»Erlauchte Herrin und unsere teuerste Schwester. Ich halte für gewiß, daß es für die augenblickliche Krankheit Ew. Exzellenz keine wirksamere und heilsamere Medizin geben kann, als gute und glückliche Nachrichten zu bekommen. Wir geben Ihnen kund, daß wir in diesem Augenblick die Gewißheit von der Einnahme Camerinos empfangen haben. Wir bitten Sie diese Neuigkeit dadurch zu ehren, daß Ihr Zustand sich wirklich bessert, und dies uns wissen zu lassen. Denn Ihre Unpäßlichkeit verwehrt uns, sowohl über diese als über andere Nachrichten Freude zu empfinden. Wir bitten Sie auch, Gegenwärtiges dem Erlauchten Herrn Don Alfonso, Ihrem Gemahl und unserem Schwager, als unserem geliebtesten Bruder mitzuteilen, welchem wir aus Eile diesmal nicht selber schreiben. Urbino, am 20. Juli 1502. Ew. Herrlichkeit Bruder, der Sie wie sich selbst liebt. Cesar.«

Bald darauf überraschte er seine Schwester durch einen Besuch im Palast Belfiore, wo er verkleidet mit fünf Reitern am 28. Juli eintraf. Er blieb kaum zwei Stunden bei ihr, und reiste dann, von seinem Schwager Alfonso bis nach Modena begleitet, eilig ab, um sich zum Könige Frankreichs nach der Lombardei zu begeben.

Unterdes hatte Alexander über das eroberte Camerino eine Bestimmung getroffen, die den Absichten Cesars geradezu widersprach und ihm bewies, daß der Wille seines Vaters denn doch nicht ganz in seiner Gewalt stehe. Am 2. September 1502 verlieh er Camerino als Herzogtum jenem Infanten Giovanni Borgia, welchen er bald seinen, bald Cesars Sohn nannte und bereits mit Nepi ausgestattet hatte. Alle diese Besitzungen verwaltete für das Kind sein Vormund, der Kardinal von Cosenza, Francesco Borgia. Es gibt Münzen dieses ephemeren Herzogs von Camerino.

Am 5.September gebar Lucrezia eine tote Tochter, zum tiefen Verdruß Alexanders, welcher auf die Geburt eines Thronerben gehofft hatte. Sie erkrankte auf den Tod. Ihr Gemahl Alfonso bewies ihr die innigste Zuneigung; er entfernte sich kaum von ihrem Krankenlager. Am 7. September kam Cesar, seine Schwester zu besuchen. Es gab davon an diesem Tage der Sekretär Castellus dem Herzog Ercole Nachricht, welcher sich in Reggio befand, wo er mit dem aus der Lombardei rückkehrenden Cesar eine Zusammenkunft gehabt hatte. »Heute«, so schrieb er ihm, »haben wir um die zwanzigste Stunde Madonna am rechten Fuß die Ader geschlagen; dies war unglaublich mühevoll, und ohne den Herzog der Romagna, welcher ihr den Fuß hielt, wäre es nicht möglich gewesen. Ihre Herrlichkeit hat sich zwei Stunden lang mit dem Herzog erheitert, der sie zum Lachen bringt und ihr guten Mut einflößt.« Lucrezia fügte ein Kodizill zu ihrem Testament, welches sie bereits vor ihrer Abreise von Rom nach Ferrara gemacht hatte, im Beisein des Sekretärs ihres Bruders und einiger Mönche. Doch sie erholte sich. Cesar blieb zwei Tage bei ihr, dann begab er sich nach Imola. Als der Herzog Ercole selbst eintraf, fand er seine Schwiegertochter in der Behandlung des geschicktesten der Ärzte Alexanders, des Bischofs von Venosa, und außer Gefahr.

Weil sich Lucrezia in dem Kastell Vecchio bedrückt fühlte und eine bessere Luft zu atmen wünschte, zog sie am 8. Oktober in das Kloster Corpus Domini. Der ganze Hof geleitete sie dorthin. Sie stellte ihre Gesundheit her, so daß sie schon am 22. Oktober ihre Residenz im Schloß wieder beziehen konnte, zur großen Freude aller, wie der Herzog Ercole selbst nach Rom schrieb. Alfonso ging sogar nach Loretto, um ein Gelübde zu lösen, welches er für die Herstellung seiner Gattin gemacht hatte. Die Achtung und Teilnahme, die man Lucrezia bei dieser Gelegenheit bewies, zeigte, daß sie in Ferrara beliebt zu werden anfing.

In demselben Monat Oktober fand jene Erhebung der Condottieri Cesars statt, die ihn dem Untergang nahebrachte. Infolge des Abfalls seiner Generale erhob sich auch das Land Urbino, und Guidobaldo konnte am 18. Oktober sogar in seine Hauptstadt wieder einziehen. Aber der Schutz Frankreichs und die Verblendung der Mutlosen retteten den Herzog der Romagna aus der größten Gefahr; am 31. Dezember entledigte er sich jener Barone durch den bekannten Handstreich in Smigaglia. Es war sein Meisterstück. Vitellozzo und Oliverotto ließ er sofort erwürgen; die Orsini, Paul, der Schwiegervater der Hieronyma Borgia, und Francesco, der Herzog von Gravina, welcher ehedem Lucrezias Gatte hatte werden sollen, fanden am 18. Januar 1503 das gleiche Ende.

Der Herzog von Ferrara schickte Cesar Glückwünsche. Auch die Gonzaga taten dasselbe. Selbst Isabella, die ihre geliebte Schwägerin aus Urbino hatte vertreiben und deren Gatten zum zweiten Mal von dort hatte fliehen sehen, schrieb ihm artige Briefe. Mit dessen Tochter Luise wollten die Gonzaga nun wirklich ihren kleinen Erbprinzen Federigo verloben, und schon betrieben sie dieses Geschäft in Rom durch die Vermittlung des Francesco Trochio. Hier ist ein solcher kläglicher Brief Isabellas an Cesar.

»Dem Herrn Herzog von Valence.

Erlauchtester . . . Über die glücklichen Fortschritte Ew. Exzellenz, welche Sie uns mit einem liebevollen Schreiben mitteilten, haben wir all die Freude und Genugtuung empfunden, die der wechselseitigen Freundschaft und dem Wohlwollen entspricht, welches zwischen Ihnen und unserem Erlauchten Herrn Gemahl besteht, und so beglückwünschen wir Sie in seinem und unserem Namen wegen aller Sicherheit und allem Glück, das Ihnen geworden ist, und wir danken Ihnen für die Mitteilung und das Anerbieten, uns die ferneren Vorgänge kund zu tun; worin wir Sie bitten, in Ihrer Güte fortzufahren. Denn da wir Sie so lieben, wie wir tun, wünschen wir öfters von Ihren Unternehmungen zu hören, um uns mit Ihnen über das Wohl und die Erhöhung Ew. Exzellenz freuen zu können. Weil wir glauben, daß Sie nach den Anstrengungen und Mühen, welche Sie bei diesen Ihren ruhmvollen Unternehmungen erduldet haben, auch der Erholung eine Stelle geben wollen, so schien es mir gut, Ihnen durch unseren Kurier Johann hundert Masken zu schicken. Wir erkennen freilich, wie gering dieses Geschenk im Verhältnis zur Größe der Verdienste Ew. Exzellenz und zu unserer Gesinnung ist; doch sei es ein Zeugnis dafür, daß wenn sich in diesem unserem Lande irgend etwas Würdigeres und Passenderes vorfände, wir dasselbe Ihnen viel lieber senden wollten. Wenn außerdem die Masken nicht so schön sein sollten, als sich gebührte, so möge Ew. Hoheit das auf Rechnung der Meister von Ferrara setzen. Denn weil dort schon seit vielen Jahren verboten ist, öffentlich maskiert zu gehen, so haben sie aufgehört, solche zu machen. Möge daher unser guter Wille und unsere Liebe das Mangelnde ersetzen. Was unsere Angelegenheit betrifft, so ist nichts weiteres davon zu sagen, bevor nicht Ew. Exzellenz uns den Entschluß Sr. Heiligkeit unseres Herrn über den Artikel der Garantie mitteilt, welchen wir derselben durch Brognolo haben auseinandersetzen lassen. Und so bleiben wir in Erwartung, um zum Abschluß zu kommen. Wir empfehlen uns Ihnen zu Dienst. Am 15. Januar 1503.«

Cesar antwortete der Markgräfin in folgendem Brief aus Aquapendente:

»Erlauchteste Herrin, Gevatterin und unsere geehrte Schwester. Wir empfingen das Geschenk Ew. Exzellenz von hundert Masken, die mir wegen ihrer großen Mannigfaltigkeit und besonderen Schönheit sehr willkommen sind, und noch mehr, weil gerade Zeit und Ort ihres Eintreffens nicht geeigneter sein konnten, wie als hätte Ew. Exzellenz uns Gesetz und Ordnung unserer Unternehmungen und unserer Rückkehr nach Rom vorgeschrieben. Denn wir hatten an demselben Tage Stadt und Landschaft Sinigaglia mitsamt den Festungen bezwungen, den perfiden Verrat unserer Feinde gerechterweise bestraft, dann auch Città di Castello, Fermo, Cisterna, Montone und Perugia von der Tyrannei befreit und zum Gehorsam Seiner Heiligkeit Unseres Herrn zurückgebracht, und jetzt auch von der Tyrannengewalt, die er sich in Siena angemaßt, Pandolfo Petrucci abgesetzt, der sich gegen Uns als ein so grimmiger Feind erwiesen hat. Und vor allem sind Uns die genannten Masken deshalb sehr lieb, weil sie aus dem brüderlichen und besonderen Wohlwollen herkommen, welches Sie, wir sind dessen gewiß, zugleich mit Ihrem Erlauchtesten Herrn Gemahl für uns hegen; und das zeigen Sie vorzugsweise durch den sehr liebenswürdigen Brief, welchen Sie uns mit diesem Geschenk gesendet haben. Wegen aller dieser Dinge würden Wir Ihnen brieflich unzählige Male danken müssen, wenn die Größe Ihrer Verdienste um Uns und derjenigen Ihres Erlauchten Herrn Gemahls nicht die Demonstration von Worten von sich wiese, da es sich um tatsächliche Wirkungen handelt. Wir werden die Masken gebrauchen, und ihre vollkommene Schönheit wird uns der Mühe überheben, für anderen Schmuck zu sorgen. Was unsere gemeinschaftliche Verschwägerung betrifft, so beharren Wir eifrig darauf; bei diesem unserem Zuge nach Rom werden wir dahin wirken, daß S. Heiligkeit Unser Herr dieselbe zur Ausführung bringt. Dem Gefangenen werden wir, wie Ew. Exzellenz von Uns begehrt, die Freiheit geben. Wir werden uns sofort darüber Information einschicken lassen, und sobald wir diese haben, Eurer Erlauchten Herrlichkeit unverzüglich zu Ihrer Genugtuung willfahren. Der Wir uns empfehlen. Aus dem päpstlichen Lager bei Aquapendente am 1. Februar. Ew. Exzellenz Gevatter und Bruder der Herzog der Romagna usw. Cesar.«

Er näherte sich damals dem Gipfel seiner Wünsche, der Königskrone Mittelitaliens; aber dieser kühne Gedanke blieb ein Traum. Ludwig XII. verbot ihm, weiter um sich zu greifen. Die Orsini (auch der Kardinal dieses Hauses war eben in der Engelsburg vergiftet worden) und andere Barone der römischen Landschaften erhoben sich zu einem Verzweiflungskampf, weshalb er nach Rom eilen mußte. Hier begannen Alexander und sein Sohn sich zu Spanien hinzuwenden, nachdem Consalvo die Franzosen im Königreich Neapel vernichtet hatte und am 14. Mai in die Hauptstadt des Landes eingezogen war. Aber Ludwig XII. sandte zur Wiedereroberung Neapels ein neues Heer unter La Tremouille, wobei in seinem Solde auch der Markgraf von Mantua diente, und diese Armee rückte im August 1503 bis ins Patrimonium Petri vor.

Da erkrankten Alexander und Cesar an einem und demselben Tage. Der Papst starb am 18. August. Daß beide zugleich vergiftet wurden, ist behauptet und geleugnet worden, und so viel Gründe auch für die eine und die andere Ansicht geltend zu machen sind, so bleibt doch die Tatsache unentschieden.

Der Tod ihres Vaters war für Lucrezia, abgesehen von allen persönlichen Empfindungen, ein Ereignis, welches ihre Stellung in Ferrara ins Schwanken bringen konnte. Denn die Macht Alexanders war für sie ein fester Halt gewesen, und noch mochte sie der dauernden Zuneigung weder ihres Schwiegervaters noch ihres Gemahles gewiß sein. Vielmehr konnte sich jetzt Alfonso dessen erinnern, was einst Ludwig XII. gesagte hatte, daß er nach dem Tode Alexanders VI. nicht mehr wissen werde, wer die Dame sei, mit der er sich vermählt habe. Derselbe König fragte eines Tages den Gesandten Ferraras an seinem Hof, ob er wisse, wie Madonna Lucrezia den Tod des Papstes aufgenommen habe. Als der Minister dies verneinte, sagte Ludwig zu ihm: »Ich weiß, daß Ihr niemals mit dieser Heirat zufrieden gewesen seid; diese Madonna Lucrezia ist auch nicht die wirkliche Gemahlin des Don Alfonso.«

Es würde Lucrezia erschreckt haben, wenn sie den Brief hätte lesen können, den ihr Schwiegervater an seinen Gesandten im damals französischen Mailand, Giangiorgio Seregni, schrieb, und worin er seinem Gefühl beim Tode Alexanders Ausdruck gab.

»Giangiorgio. Um dich über das aufzuklären, wonach du von vielen gefragt wirst, ob nämlich der Tod des Papstes Uns Kummer bereitet, so geben Wir dir zu wissen, daß er Uns in keiner Weise unlieb ist. Vielmehr zur Ehre Gottes unseres Herrn, und zum allgemeinen Besten der Christenheit haben Wir schon früher gewünscht, daß Gottes Güte und Vorsehung für einen guten und musterhaften Hirten sorgen möge, und daß von seiner Kirche ein so großer Skandal genommen werde. Was Uns im Besonderen betrifft, so können wir nichts anderes wünschen; denn die Rücksicht auf die Ehre Gottes und das allgemeine Wohl wird bei Uns maßgebend sein. Doch außerdem sagen Wir dir, daß es nie einen Papst gab, von welchem Wir weniger Gunstbezeugungen empfangen haben, als von diesem, auch nach der mit ihm geschlossenen Verwandtschaft. Nur mit Not erhielten Wir dasjenige von ihm, wozu er verpflichtet war. Doch in keiner anderen großen oder kleinen Sache ist er Uns gefällig gewesen. Daran ist, so glauben Wir, zum großen Teil der Herzog der Romagna schuld; denn, weil er mit Uns nicht so verfahren konnte, wie er wohl verfahren wollte, behandelte er Uns wie ein Fremder; nie war er offenherzig zu Uns, nie hat er Uns seine Pläne mitgeteilt, noch teilten Wir ihm die unsrigen mit. Zuletzt, da er sich zu Spanien neigte, während Wir gute Franzosen blieben, hatten Wir weder vom Papst, noch von Sr. Herrlichkeit etwas Freundliches zu hoffen. Deshalb hat Uns dieser Todesfall nicht betrübt, weil Wir nichts als Übles von der Größe des vorgenannten Herrn Herzogs zu erwarten hatten. Wir wollen, daß du dieses Unser vertrauliche Bekenntnis wörtlich dem Herrn Großmeister (Chaumont) mitteilst, welchem Wir unsere Empfindungen nicht verhehlen wollen; doch zu anderen sprich davon mit Zurückhaltung, und dann schicke diesen Brief zurück an den ehrwürdigen Herrn Gian Luca unseren Rat. Belriguardo am 24. August 1503.«

Diese Sprache war sehr aufrichtig. Im Angesicht der großen Vorteile, welche seinem Staat aus der Verbindung mit Lucrezia erwachsen waren, hätte man Ercole vielleicht undankbar nennen können, aber er hatte diese Heirat stets nur als ein Geschäft angesehen, und was sein Verhältnis zu Cesar betraf, so war seine Auffassung richtig.

Hören wir nun, was ein anderer berühmter und mit den Borgia sehr vertrauter Fürst vom Tode jenes Papstes schrieb. Der Markgraf von Mantua befand sich zur Zeit dieses Ereignisses bei der französischen Armee und in seinem Hauptquartier zu Isola Farnese, wenige Meilen vor Rom. Von dort aus schrieb er seiner Gemahlin Isabella am 22. September 1503:

»Erlauchte Herrin, unsere geliebteste Gemahlin. Damit Ew. Herrlichkeit gleich uns über den Hingang des Papstes unterrichtet sei, teilen wir Ihnen folgendes mit: als er krank wurde, begann er in einer Weise zu reden, daß, wer seine Gedanken nicht verstand, glauben mußte, er rede irre, obwohl er mit vollem Bewußtsein sprach; seine Worte waren: ›Ich komme, es ist so richtig, warte nur noch ein weniges.‹ Diejenigen, welche sein Geheimnis verstanden, klärten es dahin auf, daß er im Konklave, nach dem Tode von Innocenz, mit dem Teufel einen Pakt gemacht und von ihm das Papsttum mit seiner Seele erkauft hatte; unter anderen Artikeln des Pakts lautete einer dahin, daß er auf dem Heiligen Stuhl zwölf Jahre leben sollte, und das ist ihm auch gehalten worden mit einem Zuschuß von vier Tagen. Es gibt auch Menschen, welche versichern, daß sie im Augenblick, da er seinen Geist aufgab, sieben Teufel in seiner Kammer gesehen haben. Als er tot war, begann sein Körper in Gärung zu geraten und sein Mund zu schäumen wie ein Kessel über Feuer; und so dauerte das fort, so lange als er über der Erde war. Er wurde auch ungeheuerlich aufgetrieben, so daß er keine menschliche Gestalt mehr hatte, noch Breite und Länge des Körpers irgend unterscheidbar waren. Zu Grabe wurde er ohne viel Umstände fortgebracht; ein Lastträger schleifte ihn vom Totenbette mit einem Strick am Fuß zu dem Orte hin, wo man ihn begrub, denn niemand wollte ihn berühren. Man gab ihm eine Beisetzung so kläglicher Art, daß jene des zwerghaften Weibes des Lahmen in Mantua dagegen ehrenvoll erscheint. Als Nachruf für ihn findet man täglich die schmachvollsten Epigramme angeheftet.«

Die Berichte Burkards, des venezianischen Botschafters Giustinian, des ferrarischen Gesandten Beltrando und viele andere machen mit fast gleichlautenden Worten dieselbe Schilderung, und die Fabel vom Teufel oder Babuino, welcher Alexander geholt habe, ist auch in einem Bericht im Diarium des Marin Sanuto zu lesen. Der hochgebildete Markgraf Gonzaga hielt sie mit derselben Naivität für wahr, wie das gemeine Volk in Rom.

Die Teufelslegende des Faust und Don Juan, die sich augenblicklich an den Tod Alexanders ansetzte – und es fehlte nicht einmal der im S. Peter ruhelos umherlaufende schwarze Hund – drückte das Urteil der Zeitgenossen über das schreckliche Wesen Borgias und sein grenzenloses Glück im Leben aus. So rätselhaft aber ist die moralische Gestalt Alexanders VI., daß sie auch für den scharfsinnigsten Blick des Psychologen ein Geheimnis bleibt.

Wir entdecken in ihm als Quelle seiner Verbrechen weder Ehrgeiz und Herrschsucht, woraus die meisten Frevel der Könige entsprungen sind, noch Menschenhaß, noch Grausamkeit und Lust am Bösen, sondern die Sinnlichkeit und deren edelste Vergeistigung: die Liebe zu den Kindern. Alle Erfahrungen der Psychologie lassen erwarten, daß die Wucht der Sündenschuld aus Alexander einen von Furcht und Wahnsinn verdüsterten Menschen gemacht habe, wie Tiberius oder Ludwig XI. Statt dessen steht vor uns ein immer genußfroher, heiterer und unerschöpfter Lebemann bis in sein spätestes Alter. »Nichts macht ihm Sorge; er verjüngt sich mit jedem Tage«, so sagte von ihm der venezianische Botschafter kaum zwei Jahre vor dem Tode des Papstes.

Das Unbegreifliche seines Wesens liegt nicht in den Leidenschaften, denen er verfallen war, noch in den Handlungen, die er beging, denn gleiche und größere Frevel verübten viele Fürsten vor und nach ihm: sondern es liegt darin, daß er sie als Papst beging. Wie war es möglich, daß Alexander VI. diesen Sinnentaumel und diese erbarmungslosen Taten mit dem täglichen Bewußtsein vereinigte, der Hohepriester der Religion oder der Stellvertreter Gottes auf Erden zu sein, für den er sich selber hielt? Hier sind Abgründe in der Menschenseele, zu denen kein Blick hinunter gelangen kann. Womit beschwichtigte er die Mahnungen und Qualen des Gewissens, und wie deckte er dasselbe mit seiner stets heiteren Miene zu? Konnte er an die Unsterblichkeit der Seele und an das Dasein eines Gottes glauben?

Wenn man auf die lebensfrohe Sorglosigkeit blickt, mit welcher er seine Handlungen begleitete, so möchte man behaupten, daß Alexander VI. Atheist und Materialist aus Überzeugung gewesen ist. Es kann für tiefe philosophische und unglückliche Geister einen Standpunkt geben, auf dem ihnen das ganze Treiben der Menschenwelt als ein zweckloses und erbärmliches Puppenspiel erscheint. Mehr als ein Papst und ein Kaiser konnte das bekannte Wort vanitas omnia vanitas wiederholen, wenn er im Bewußtsein von seinem eigenen ephemeren Dasein diese blöde Torenwelt, die Schalheit ihrer Freuden und Leiden, ihren Wahn und ihre Furcht, ihre Selbstsucht und ihren Götzendienst betrachtete. Aber wir entdecken in Alexander VI. keine Spur eines Faustischen Geistes, nichts von grübelnder Weltverachtung, nichts von titanischer Skepsis, vielmehr scheint sich in ihm eine ungeheuerliche Naivität des Glaubens mit der Fähigkeit zu jedem Verbrechen gepaart zu haben. Derselbe Papst, welcher dem Bilde der Mutter Jesu die Züge der Ehebrecherin Julia Farnese geben ließ, glaubte unter dem besonderen Schutz jener himmlischen Heiligen zu stehen.

Das Leben Alexanders VI. ist der entschiedenste Gegensatz zum Vorbilde Christi. Das ist so unwiderleglich wahr, daß man dafür keiner anderen Beweise bedarf, als des bloßen Vergleichs der Handlungen dieses Papstes mit den Lehren des Evangelium. Man halte jenen nur die zehn Gebote entgegen: du sollst nicht ehebrechen – du sollst nicht töten – du sollst nicht falsch Zeugnis schwören. – –

Die Tatsache, daß Rodrigo Borgia Papst gewesen ist, wird allen Anhängern der Kirche als das unseligste Ereignis in ihr erscheinen, welches sie bitterer zu verklagen haben, als jeden anderen feindlichen Widerspruch, oder jeden offenen Abfall von ihr. Diese Tatsache kann niemals die Ehrwürdigkeit der Kirche selbst zerstören, der in langer Zeit erhabensten Produktion des Menschengeistes; aber zerstört sie nicht eine ganze Reihe von mystischen Vorstellungen, welche sich an die Idee des Papsttums geheftet haben?

Die Flüche gegen ihren Vater, von denen sofort Italien widerhallte, erreichten schwerlich das Ohr Lucrezias, aber sie ahnte dieselben. Ihre Aufregung muß schrecklich gewesen sein. Ihre ganze Vergangenheit in Rom kam ihr noch einmal zum Bewußtsein und belastete ihre Seele. Ihr Vater war erst der Schöpfer ihres Unglücks, dann aber ihres Glücks gewesen. Kindliche Pietät und religiöse Furcht mußten sie zugleich bestürmen. Bembo hat ihren Schmerz oder ihre Qual geschildert. Dieser nachher so berühmte Mann war seit dem Jahre 1503 an den Hof Ferraras gekommen, wo er, ein junger venezianischer Nobile von der feinsten Bildung und der schönsten Erscheinung, freudig aufgenommen wurde und von Leidenschaft für Lucrezia entflammte. Der vollendete Höfling schrieb an sie folgenden Trostbrief:

»Ich kam gestern zu Ew. Herrlichkeit, teils um Ihnen die Größe meines Kummers um Ihr Unglück zu erkennen zu geben, teils um Sie so gut ich konnte zu trösten, und Sie zu bitten, sich zu beruhigen, da ich vernahm, daß Sie einem unmäßigen Schmerze sich hingeben. Doch weder das eine noch das andere vermochte ich. Denn nicht so bald sah ich Sie in diesem verdunkelten Gemach und in diesem schwarzen Gewande traurig und weinend daliegen, so preßte sich auch alles Gefühl so stark in meinem Herzen zusammen, daß ich lange dastand, ohne reden zu können, oder doch ohne zu wissen, was ich reden sollte. Eher bedurfte ich selbst des Trostes, als daß ich ihn geben konnte, und so ging ich davon, in der Seele von diesem mitleidsvollen Anblick erschüttert, halb stumm und halb stammelnd, wie Sie das bemerkt haben oder bemerken konnten. Vielleicht widerfuhr mir das, weil Sie weder meiner Klage noch meiner Tröstung bedurften; denn meine Ergebenheit und Treue wohl kennend, kennen Sie auch meinen Schmerz um Ihren Schmerz, und Sie schöpfen aus Ihrer unendlichen Weisheit von selbst Trost, ohne ihn von anderen zu erwarten. Deshalb will ich nicht so viel mich selbst anklagen, den seine wenige Kraft in jenem Augenblick verließ. Aber wenn ich sowohl hier als dort Ihnen ein scheinbares Zeichen zu geben habe, so hatte wahrlich das Schicksal kein anderes Mittel, mich vollkommen traurig und unglücklich zu machen, als indem es Ihnen Ursache zur Klage und zur Trauer gab; noch konnte keines seiner Geschosse meine Seele so tief durchdringen als jenes, welches von Ihren Tränen naß, mich durchbohrte. Was sodann den Trost betrifft, so kann ich Ihnen nichts anderes sagen, als Sie möchten eingedenk sein, daß die Zeit jeden unserer Schmerzen mildert und mindert. Diese Zeit aber zu verlängern, statt sie mit Verstand zu verkürzen, ziemt Ihnen um so weniger, je größer die Erwartung von Ihrer Klugheit ist, und die täglichen Beweise Ihrer Seelenstärke lassen deren höchsten Grad bei jedem Ereignis erwarten. Denn obwohl Sie jetzt Ihren Vater verloren haben, der so groß war, daß Fortuna selbst keinen größeren Ihnen geben konnte, so ist das doch nicht der erste Schlag, den Sie von einem feindlichen und boshaften Geschick empfangen haben. Denn so viel Schweres haben Sie zuvor erlitten, daß Ihre Seele jetzt gegen das Unglück gestählt sein muß. Außerdem, da die gegenwärtigen Verhältnisse das erfordern, so darf man niemand glauben machen, daß Sie nicht sowohl um den Sturz, als um den noch dauernden Bestand Ihres Glückes weinen. Doch es ist töricht von mir, Ihnen dies zu schreiben; deshalb will ich schließen, indem ich mich demutsvoll Ihnen empfehle. Leben Sie wohl. Am 22. August 1503. In Ostellato.«

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