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Lucrezia Borgia

Ferdinand Gregorovius: Lucrezia Borgia - Kapitel 28
Quellenangabe
typetractate
authorFerdinand Gregorovius
year1982
publisherC. H. Beck'sche Verlagsbuchhandlung
addressMünchen
isbn3-406-08959-3
titleLucrezia Borgia
created20040228
sendergerd.bouillon
firstpub1874
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III

Sechs Tage lang, während des Karnevals, dauerten die Vermählungsfeste in Ferrara. Der geistige Gehalt von Hoffesten in der Renaissancezeit war kaum bedeutender als der ähnlicher Feierlichkeiten unserer Gegenwart; aber das prächtige Kostüm, ein idealer Schönheitssinn und die feinere Etikette gaben Festen in dem Zeitalter, aus welchem der Cortegiano Castigliones hervorging, doch einen höheren Charakter.

In manchen Produktionen stand das 16. Jahrhundert hinter dem unsrigen zurück, so im Theater, im Feuerwerk und der Konzertmusik. Man kannte wohl Beleuchtungen, man führte Fackeltänze zu Pferde aus und brannte Raketenschwärme ab, aber ein illuminiertes Gartenfest, wie es in unseren Tagen der österreichische Kaiser dem Schah von Persien in Schönbrunn veranstaltete, würde damals nicht möglich gewesen sein. Dasselbe gilt von Musikaufführungen, namentlich kombinierter Konzerte, die noch unbekannt waren. Die damalige Gesellschaft würde freilich die Massenmusik unserer Zeit verabscheut haben, und die ohrenzerreißenden Zapfenstreiche würden dem Italiener der Renaissance so gut barbarisch erschienen sein, wie die militärischen Paraden, welche noch immer die beliebtesten Produktionen sind, mit denen vornehme Gäste an den großen Höfen Europas geehrt oder eingeschüchtert werden. Man führte damals an italienischen Höfen sogar nur selten Turniere auf, bisweilen aber Zweikämpfe, wobei die Gewandtheit des Streiters bewundert werden konnte.

Der Herzog hatte das Programm der Hochzeitsfeste mit seinen Zeremonienmeistern lange reiflich überlegt. Im Grunde konnte es doch nur, wie bei gleichen Veranlassungen in unserer Zeit, in drei wesentlichen Belustigungen bestehen, in Banketten, Bällen und theatralischen Aufführungen. Und gerade von dem letzten Teile seines Programms versprach sich Ercole die größte Wirkung und den ehrenvollsten Ruf in der ganzen gebildeten Welt.

Er war einer der leidenschaftlichsten Begründer des Renaissancetheaters. Er hatte schon viele Jahre zuvor von Dichtern an seinem Hof Stücke des Plautus und Terenz in terza rima übersetzen und dann aufführen lassen. Guarino, Berardo, Collenuccio, selbst Bojardo hatten für ihn zu diesem Zwecke gearbeitet. Schon im Jahr 1486 waren die Menächmen, das beliebteste Stück des Plautus, in einer italienischen Umarbeitung zu Ferrara aufgeführt worden. Im Februar 1491, wo Ercole die glänzenden Feste der Vermählung seines Sohnes Alfonso mit Anna Sforza gefeiert hatte, waren dieselben Menächmen dargestellt, dann an den folgenden Tagen eine Komödie des Terenz und der Amphitruo gegeben worden, welchen Collenuccio für die Bühne eingerichtet hatte.

Es gab zwar noch kein stehendes Theater in Ferrara, aber doch ein temporäres, das für die Aufführung von Stücken diente, und solche fand außer bei ungewöhnlichen Gelegenheiten nur während des Karnevals statt. Ercole hatte dazu einen Saal im Palast des Podestà eingerichtet, einem großen der Langseite des Doms gegenüberstehenden Gebäude von gotischer Architektur, welches noch erhalten ist und Palazzo della Ragione hieß. Dieser Saal stand mit der Residenz selbst durch einen Gang in Verbindung.

Die erhöhte Bühne, welche man Tribunale nannte, war etwa vierzig Ellen lang und fünfzig Ellen breit. Sie zeigte Häuser von bemaltem Holz und das Nötige von Szenerie, Felsen, Bäume und dergleichen. Gegen den Zuschauerraum war sie durch eine hölzerne Wand mit einem mauerartigen Zinnenaufsatz abgeschlossen. Auf dem vorderen Teil der Bühne, der Orchestra, saßen die fürstlichen Personen, während der Zuschauerraum ein Amphitheater von dreizehn Sitzreihen bildete. Diese waren mit Polstern gedeckt, und so abgeteilt, daß die Frauen in der Mitte, die Männer zu beiden Seiten saßen. Der ganze Raum faßte etwa dreitausend Personen.

Nach den Angaben Strozzis, Ariostos, Calcagninis und anderer Humanisten Ferraras mochte Ercole dieses Theater eingerichtet haben; sie und andere Akademiker übernahmen vielleicht einige Rollen, aber auch von auswärts, von Mantua, Siena und Rom wird der Herzog Schauspieler herbeigerufen haben. Denn ihr gesamtes Personal bestand aus hundertundzehn Männern und Frauen, für welche er eine neue Garderobe hatte anfertigen lassen. Die Erwartung von dieser Produktion bei einer so glanzvollen Gelegenheit mußte daher sehr groß sein. Am 3. Februar nahmen die Feste ihren Anfang, und bald zeigte es sich, daß sie ihr Licht von der Schönheit der drei hervorragenden Frauen empfingen, Lucrezias, Isabellas und der Herzogin von Urbino. Alle drei zählte man zu den schönsten Damen ihrer Zeit, und namentlich mochten Kenner zweifeln, ob Isabella oder Lucrezia des Parisapfels würdiger sei. Die edle Markgräfin von Mantua war freilich sechs Jahre älter als ihre Schwägerin, aber eine vollendete Frauengestalt. Mit weiblicher Eifersucht beobachtete sie die Erscheinung Lucrezias. In ihren Briefen, welche sie ihrem Gemahl nach Mantua täglich schrieb, schilderte sie genau den jedesmaligen Anzug ihrer Nebenbuhlerin, aber sie sagte kein Wort von ihren Reizen. »Von der Gestalt der Madonna Lucrezia«, so schrieb sie schon am 1. Februar, »schweige ich, da ich weiß, daß Ew. Herrlichkeit sie von Ansehen kennen.« In einem anderen Brief vom 3. Februar gab sie ihrem Gatten voll Selbstgefühl zu verstehen, daß sie hoffe, in bezug auf ihre Persönlichkeit und ihre Begleitung, den Vergleich mit anderen auszuhalten und wohl gar den Preis davonzutragen. Mit demselben Urteil tröstete den Markgrafen von Mantua eine Hofdame seiner Gemahlin, die Marchesana von Cotrone, welche ihm schrieb: »Die Braut ist nicht besonders schön, aber von anmutigem Gesicht, und trotz ihrer vielen Damen und trotz der erlauchten Madonna von Urbino, welche sehr schön ist und in Wahrheit beweist, daß sie die Schwester Ew. Exzellenz ist, trägt doch meine erlauchte Herrin Isabella nach der Ansicht der Unseren und derer, welche mit dieser Herzogin Ferraras gekommen sind, den Preis der Schönsten davon; und dies ist zweifellos, denn neben ihrer Herrlichkeit waren alle anderen nichts. Demnach werden wir das Pallium in das Haus meiner Gebieterin davontragen.«

Am ersten Festabend wurde im großen Saal der Residenz ein Ball gegeben, unter solchem Zudrange von Personen, daß der Raum nicht ausreichte. Lucrezia saß unter einem Thronhimmel auf einer Tribüne, auf welcher auch die Fürstinnen von Mantua und Urbino und andere vornehme Damen, endlich auch die Gesandten Platz nahmen. Man konnte daher die strahlende Schönheit dieser Frauen, ihre reichen Gewänder und ihre Brillanten trotz des Gedränges bewundern. Ein Ball in der Renaissancezeit hatte nicht die steifen Formen unserer Mode: dieses Vergnügen war natürlicher und einfacher; oft tanzten nur Frauen miteinander, und zwar Einzeltänze. Die Tanzweisen selbst waren bereits vorwiegend französisch, wie überhaupt schon damals Frankreich seine Moden anderen Völkern zu diktieren begann; doch führte man auch spanische und nationalitalienische Tänze auf. Lucrezia war eine zierliche Tänzerin und zeigte gern ihre Kunst und Anmut. Sie stieg von der Tribüne herab und tanzte wiederholt römische und spanische Tänze zum Schall der Tamburine.

Auf den Ball folgte die sehnlich erwartete dramatische Vorstellung. Der Herzog ließ erst das gesamte Theaterpersonal vortreten, in Larven und Kostümen, um über dasselbe die Musterung abzuhalten. Der Dramaturg oder der Direktor der Truppe trat dabei als Plautus auf und rezitierte kurz sein Theaterprogramm, das heißt das Argument aller Stücke, welche an fünf Abenden gespielt werden sollten. Die Auswahl von Komödien lebender Dramendichter konnte im Jahr 1502 dem Herzog keine Schwierigkeit bereiten, denn es gab deren noch keine namhafte; die Calandra Dovizis, welche wenige Jahre später so viel Aufsehen machte, war noch nicht geschrieben. Wohl hatte Ariosto bereits seine Cassaria und die Suppositi verfaßt, aber sein Name war damals noch nicht so groß, daß er die Ehre ihrer Aufführung beim Hochzeitsfest erlangt hätte. Auch wollte der Herzog eine durchaus klassische Produktion; die Welt sollte von ihr reden; und in der Tat war sie eine theatralische Leistung, wie man solche bisher in Italien kaum gesehen hatte. Wir haben genaue Schilderungen davon, welche in der Geschichte des Theaters noch nicht verwertet worden sind. Sie zeigen deutlicher als spätere Berichte vom vatikanischen Theater unter Leo X. das Wesen dramatischer Vorstellungen in der Renaissance und sind davon ein klassisches Zeitgemälde.

Wenn man nach jenen Berichten Cagnolos, Zambottos und Isabellas sich dies glänzende Publikum von Hochzeitsgästen vorstellt, die in reichsten Kostümen auf den Sitzreihen Platz genommen haben, so hat man eine der schönsten und vornehmsten Festversammlungen der Renaissance vor sich. Diese ganze formen- und farbenreiche Szene, verbunden mit der antikisierenden Bühne und dem, was auf ihr vorgestellt wird, nämlich der Plautinischen Komödie und der in den Zwischenakten eingelegten Pantomime oder Moresca von mythologischem, rein phantastischem und bis zur Zote burleskem Charakter, ist so romantisch, daß wir uns in den Sommernachtstraum Shakespeares versetzt glauben und den Herzog Ercole von Ferrara mit Theseus, dem Herzog von Athen, verwechseln, vor welchem und den glücklichen Brautpaaren Komödien und Ballette aufgeführt werden.

Nach dem Theaterprogramm sollten hintereinander vom 3. bis zum 8. Februar, mit Auslassung eines Abends, fünf Stücke von Plautus gegeben werden. Die Pausen sollten musikalische Vorträge und Moresken ausfüllen. Die Moresca war das, was wir heute das Ballett nennen, die getanzte Pantomime. Ihr Ursprung stammt aus dem Altertum, und ihr Gebrauch wird schon im dunkelsten Mittelalter sichtbar. Sie war ursprünglich ein kostümierter Waffentanz und erhielt sich als solcher bis in unsere Zeit; denn noch im Jahre 1852 sah ich sie öffentlich am Hafen von Genua tanzen. Ihren Namen erhielt sie, wie ich glaube, davon, daß in allen jenen romanischen Ländern, welche die Invasion der Sarazenen erlitten hatten, das Waffenspiel der Tänzer als ein Kampf zwischen Mauren und Christen vorgestellt wurde, und diese Mauren pflegte man schon um des Gegensatzes willen als Mohren darzustellen. Man dehnte dann den Begriff der Moresca auf das Ballett überhaupt aus: man führte tanzend zum Takt von Flöten und Violinen allerlei Szenen auf, aus der antiken Mythe, dem Rittertum, wie aus dem wirklichen Leben. Es gab auch Rüpeltänze von phantastischen Ungeheuern, von Tölpeln und Bauern, von Wilden und Satyrn, wo man in der rohesten Weise Prügel austeilte. Das antik-romantische Ballett scheint gerade in Ferrara eine besondere Kultur entwickelt zu haben, denn diese Stadt war das Vaterland des romantischen Epos, des Mambriano und des Orlando. Es ist unnötig zu sagen, daß ganz wie bei uns das Ballett die meiste Anziehung auf das Publikum ausübte, welches, wenn es aufrichtig war, bei dieser Plautinischen Komödie, die auf modern empfindende Menschen nur wie ein Spiel von Holzpuppen wirken kann, eine herzliche Langeweile empfand. Und vier bis fünf Stunden hindurch, von sechs oder sieben Uhr des Abends bis zur Mitternacht, dauerten diese Vorstellungen.

Als der Herzog am ersten Abend seine Gäste in den Theatersaal geführt und diese ihre Sitze eingenommen hatten, trat erst Plautus vor das fürstliche Brautpaar und rezitierte ein Kompliment. Darauf begann die Vorstellung des Epidicus. Nach der Vollendung des ersten Akts, und so nach jedem folgenden wurde das Ballett aufgeführt. Dem Epidicus wurden fünf »sehr schöne Moresken« beigegeben. Es traten zuerst zehn Gladiatoren auf; sie tanzten zum Schall von Tamburinen einen Tanz mit abwechselnden Waffen. Es folgte ein zweites Fechterspiel von zwölf Personen in anderem Kostüm. Die dritte Moresca führte einen Wagen auf, den ein von einer Jungfrau gelenktes Einhorn zog. Oben sah man einige Personen an einen Stamm gebunden und vier Lautenschläger unter Büschen sitzend. Die Jungfrau löste die Gefesselten, welche herabstiegen und tanzten, während die Lautenschläger schöne Kanzonen sangen. So versicherte wenigstens Cagnolo, aber die feingebildete Markgräfin von Mantua urteilte, daß diese Musik so trist war, daß sie kaum Erwähnung verdiente. Isabella erscheint überhaupt in ihren merkwürdigen Briefen als eine scharfe Rezensentin nicht allein des Festtheaters, sondern auch der Hochzeitsfeste selbst. Die vierte Moresca tanzten zehn Mohren, brennende Kerzen im Munde; die fünfte wieder zehn phantastisch gekleidete Männer mit Federn auf den Köpfen und Lanzen in der Hand, auf deren Spitzen Flammen brannten. Am Schluß des Epidicus wurde ein Jongleurspiel zum besten gegeben.

Am 4.Februar, dem Freitag, zeigte sich Lucrezia nicht vor dem Nachmittage. Der Herzog führte unterdes seine Gäste in der Stadt umher. Man machte einer Heiligen, der Schwester Lucia von Viterbo, Besuch, welche der strenggläubige Ercole als eine Rarität nach Ferrara gezogen hatte. Diese Nonne erlebte nämlich an jedem Freitag die Passion Christi, da sich die fünf Wundmale an ihrem Leibe darstellten. In der Tat beschenkte sie den französischen Gesandten mit einigen Lappen, welche jene Male berührt hatten, und Monseigneur Rocca Berti nahm sie mit großer Andacht an sich. Sodann wurde das alte Kastell in Augenschein genommen, worin der Herzog seinen Gästen die ferrarische Artillerie vorzeigte, und diese war der Lieblingsgegenstand der Studien Alfonsos. Man machte hierauf Madonna Lucrezia Aufwartung, welche später, von allen Gesandten begleitet, im großen Saal erschien. Bis sechs Uhr abends wurde hier getanzt; sodann fand die Aufführung der Bacchiden statt, und diese währte fünf Stunden lang. Isabella fand die ganze Vorstellung erstaunlich lang und langweilig. Man gab Ballette ähnlicher Art wie beim Epidicus; in fleischfarbene Trikots gekleidete Personen hielten tanzend Fackeln in den Händen, woraus wohlriechendes Feuer strömte; andere phantastische Figuren führten ein Kampfspiel mit einem Drachen auf.

Am folgenden Tage blieb Lucrezia unsichtbar. Sie war damit beschäftigt, sich den Kopf zu waschen und Briefe zu schreiben. Die Hochzeitsgäste vergnügten sich, Ferrara zu durchstreifen. Es fanden keine öffentlichen Feierlichkeiten statt. Der französische Gesandte schickte Geschenke an die Prinzen des Hauses im Namen des Königs von Frankreich: dem Herzog einen goldenen Schild mit dem Bilde des Heiligen Franciscus in Email, eine Pariser Arbeit von hohem Wert; dem Erbprinzen Alfonso einen ähnlichen Schild mit dem Bilde der Maria Magdalena, wozu der genannte Botschafter bemerken ließ, daß Se. Herrlichkeit sich eine Gemahlin erwählt habe, welche Magdalena an Tugend und Anmut ähnlich sei: quae multum meruit, quia multum credidit. Vielleicht war es eine absichtliche Ironie des französischen Königs, wenn er dieses auf Magdalena bezügliche Geschenk Alfonso machte. Außerdem erhielt derselbe eine schriftliche Anweisung zum Guß von Kanonen. Don Ferrante wurde ebenfalls mit einem goldenen Schild beschenkt. Lucrezia erhielt einen Rosenkranz von goldenen mit Moschus gefüllten Kugeln. Ihre reizende Hofdame Angela wurde mit einer kostbaren Kette beehrt.

Man schmeichelte dem Stellvertreter Frankreichs auf jede Weise. An demselben Sonnabend lud ihn die Markgräfin von Mantua zur Abendtafel, wo er zwischen ihr und der Herzogin von Urbino seinen Platz hatte. Man unterhielt sich, so erzählt Cagnolo, mit galanten Reden in den feinsten Formen. Nach Tische sang die Frau Markgräfin die schönsten Lieder zur Laute, dem Herrn Botschafter zu Gefallen. Sie nahm ihn dann mit sich in ihre Kammer, wo sie sich im Beisein zweier Hoffräulein mit ihm fast eine Stunde lang vertraulich unterhielt. Dann zog sie ihre Handschuhe aus und reichte sie ihm mit zierlichen Worten huldvoll zum Geschenk, »und der Herr Botschafter empfing sie mit Ehrerbietung und Liebe, da sie einen so reizenden Ursprung hatten. In Wahrheit, er verwahrt sie im Reliquienschrein bis zum Ende der Welt«. Wir wollen Cagnolo glauben und sogar annehmen, daß der beglückte Botschafter Frankreichs diese Reliquien einer schönen und blühenden Dame fast so kostbar fand als die Lappen, welche ihm die arme Heilige Lucia verehrt hatte.

Am Sonntag, den 6.Februar, fand ein feierliches Hochamt im Dome statt; ein päpstlicher Kammerherr übergab dort Don Alfonso den ihm von Alexander VI. geschickten geweihten Hut und Degen, mit welchen ihn der Erzbischof vor dem Altar bekleidete. Nachmittags holten die Prinzen Este und die Fürstinnen Madonna Lucrezia aus ihren Gemächern ab und führten sie nach dem Festsaal. Man tanzte zwei Stunden lang. Mit einem Hoffräulein tanzte Lucrezia einige französische Tänze. Am Abend wurde der Miles Gloriosus aufgeführt. Eine der hier eingelegten Moresken mochte ein wirklicher Rüpeltanz sein, wobei zehn Schäfer mit Widderhörnern an den Köpfen miteinander kämpften.

Am 7.Februar wurde auf dem Domplatz zwischen einem Bolognesen und einem Imolesen ein Turnier zu Pferde abgehalten und ohne Blutvergießen beendigt. Abends gab man die Asinaria mit einer gar wunderlichen Moreske. Es traten vierzehn Satyrn auf, von denen einer einen versilberten Eselskopf in Händen trug, in welchem eine Spieluhr angebracht war. Die Rüpel tanzten zu deren Melodie und führten dann eine Jagd von allerhand Vögeln und wilden Tieren aus. Auf dieses Satyrspiel folgte im zweiten Zwischenakt eine Produktion von acht Sängern und Sängerinnen, unter denen eine Virtuosin aus Mantua sich auf drei Lauten hören ließ. Den Schluß machte eine Moresca von Tänzern, die der Reihe nach die Verrichtungen des Landbaues darstellten, ackerten, die Saat ausstreuten, Getreide sichelten und ausstampften und den Ernteschmaus hielten. Dieses heitere Ballett, vielleicht das gelungenste von allen anderen, schloß mit einem ländlichen Tanz zum Spiel der Sackpfeife.

Der letzte Festtag, der 8.Februar, war auch das Ende des Karnevals. Die Gesandten, welche bald darauf abreisen wollten, überreichten der Braut Geschenke, teils in schönen Stoffen, teils in gearbeitetem Silber. Das sonderbarste Geschenk machten ihr die Repräsentanten Venedigs. Diese erlauchte Republik hatte zwei edle Herren zu den Festen nach Ferrara geschickt, Nicolò Dolfini und Andrea Foscolo, und sie auf Staatskosten prächtig gekleidet. Die Kleidung war damals so kostbar wie schön; und nur mit Verachtung würden die Kleiderkünstler der Renaissance auf die unserer Gegenwart herabsehen, denn im Zeitalter der höchsten Kunstentfaltung waren auch jene wirkliche Künstler; sie arbeiteten mit den herrlichsten Stoffen von Samt, Seide und Goldstickerei, während die Farbenstimmung, den Faltenwurf und die Form der Gewänder Maler angaben. Die Kleidung war daher etwas, worauf man als auf eine wesentliche Bedingung der Erscheinung schöner Persönlichkeit den höchsten Wert legte. Alle Berichterstatter von den Festen Ferraras bemerkten mit Genauigkeit, in welchen Gewändern bei jeder Feierlichkeit Madonna Lucrezia und andere hervorragende Frauen erschienen, und sie schilderten auch die Kleidung der Männer. Welches Gewicht man diesen Dingen überhaupt und an allen Orten gab, lehren auch Berichte, welche Venezianer darüber nach ihrer Heimat schickten, und die Marin Sanuto in sein Diarium aufgenommen hat. Noch mehr geht dies aus folgendem hervor: ehe die beiden Abgesandten Venedigs nach Ferrara reisten, mußten sie sich vor dem versammelten Senat in ihren neuen Kleidern öffentlich vorstellen, in Mänteln von karmesinrotem Samt mit Pelzbesatz und ähnlichen Kapuzen. Mehr als viertausend Personen bestaunten sie im Saal des Großen Rats, und der Platz von San Marco war von Volk erfüllt, welches sie wie Wundertiere sehen wollte. Von diesen neuen Staatsmänteln enthielt der eine zweiunddreißig, der andere achtundzwanzig Ellen Samt. Ebendiese Mäntel nun brachten die Gesandten der Herzogin Lucrezia zur Brautgabe dar, wie das die venezianische Signorie vorausbestimmt hatte. Das wunderliche Geschenk wurde in der anspruchsvollsten und doch naivsten Weise überreicht, denn diese edlen Herren hielten zuerst, der eine lateinisch, der andere italienisch, eine lange Rede, darauf gingen sie in ein Vorzimmer, zogen dort ihre Prachtmäntel aus und übersandten dieselben der Braut. Dieses Geschenk und die Pedanterie der beiden Venezianer erregten übrigens am Hof von Ferrara Spott und Lachen.

Abends tanzte man zum letztenmal, und wohnte dann der letzten theatralischen Aufführung, der Casina, bei. Ehe diese Komödie begann, wurde eine Musik Rombonzinos ausgeführt, wobei man Barzeletten zum Preise der Vermählten sang. Überhaupt waren gerade in die Casina mehrere Musikstücke eingelegt worden. Im dritten Zwischenakt spielten sechs Violinisten sehr schön, und unter diesen ließ sich Don Alfonso selber als Virtuose hören. Der Erbprinz war ein ausgezeichneter Dilettant auch in der Musik. Das Violinspiel scheint aber gerade in Ferrara besonders ausgebildet gewesen zu sein, denn Cesar Borgia ersuchte, als er im Jahr 1498 an den französischen Hof ging, den Herzog Ercole um einige Violinspieler, welche er nach Frankreich mit sich nehmen wolle, wo solche Künstler sehr gesucht seien.

Das Ballett war ein Tanz von wilden Männern, die um eine schöne Jungfrau stritten, bis der Liebesgott erschien, begleitet von Musikern, welche jene befreiten. Hierauf sah man eine große Kugel, die sich in zwei Hälften zerlegte und von Harmonien zu ertönen begann. Am Schluß traten zwölf Schweizer mit Hellebarden und ihrer Landesfahne auf, und sie hielten kunstvoll tanzend ein Fechterspiel.

Wenn diese Szene, wie Cagnolo berichtet, die dramatischen Aufführungen überhaupt beschloß, so hätte man den Festordnern vorwerfen können, daß sie wenig sinnvoll und geradezu geistlos war. Die Moresken vereinigten in sich den Charakter von Oper und Ballett; sie waren die einzigen selbsterfundenen Festproduktionen bei dieser Hochzeitsfeier. Vergleicht man sie mit jenen, welche zu Ehren der Vermählung Lucrezias im Vatikan aufgeführt worden waren, so erscheinen sie weit niedrigeren Ranges als sie. Denn unter den römischen bemerkten wir Pastoralkomödien mit allegorischen Beziehungen auf Lucrezia, die Fürsten von Ferrara, Cesar und Alexander. Von solchen sinnreichen oder für sinnreich geltenden Szenen ist aber bei den Festspielen in Ferrara nicht die Rede.

Trotz des Aufwandes, welchen der Herzog gemacht hatte, erscheinen uns seine Feste doch ermüdend und monoton; aber sicher befriedigten sie die Mehrzahl der Anwesenden. Ein mißfälliges Urteil fällte freilich Isabella. »In Wahrheit«, so schrieb sie ihrem Gemahl, »das ist eine sehr kühle Hochzeit. Mir scheint es tausend Jahre zu währen, ehe ich wieder in Mantua bin, sowohl um Ew. Herrlichkeit und mein Söhnchen zu sehen, als um mich von hier zu entfernen, wo es auch nicht eine Spur von Vergnügen gibt. Ew. Exzellenz möge mich daher um meine Gegenwart bei dieser Hochzeit nicht beneiden, welche von solcher Frostigkeit ist, daß ich vielmehr diejenigen beneide, die in Mantua geblieben sind.« Das Urteil der edlen Frau war offenbar noch von dem tiefen Widerwillen gegen die Verbindung ihres Bruders mit Lucrezia beeinflußt, aber doch mochte es auch durch den Charakter der Festlichkeiten selbst bestimmt werden; denn die Markgräfin fügte durchaus die Klage über ihre Ermüdung hinzu.

Bald nach den Festen reiste auch die Markgräfin nach Mantua zurück; ihr letzter Brief an ihren Gemahl aus Ferrara datiert vom 9. Februar. Aus Mantua schrieb sie sodann am 18. Februar ihren ersten Brief an ihre Schwägerin Lucrezia:

»Erlauchte Herrin. Die Liebe, welche ich zu Ew. Herrlichkeit hege und der Wunsch, zu erfahren, daß Sie in jener guten Gesundheit fortdauern, in welcher Sie sich bei meiner Abreise befunden haben, machten mich glauben, daß auch Sie in derselben Erwartung in betreff meiner sind, und deshalb benachrichtige ich Sie, in der Hoffnung, Ihnen damit etwas Angenehmes zu erweisen, daß ich am Montag in dieser Stadt wohl und gesund eingetroffen bin, wo ich auch meinen Erlauchtesten Herrn Gemahl in der besten Gesundheit gefunden habe. Es bleibt nur übrig, daß ich auch von Ew. Herrlichkeit Befinden unterrichtet werde, damit ich wie an einer herzlichen Schwester mich dessen erfreue. Und obwohl ich es für überflüssig halte, Ihnen anzubieten, was Ihnen gehört, so will ich Sie doch ein für allemal erinnern, daß Sie über meine Person und mein Vermögen verfügen können, als wie über Ihr Eigentum. Ihnen sei ich immerdar empfohlen, und ich bitte, empfehlen Sie mich Ihrem Erlauchtesten Herrn Gemahl, meinem geehrtesten Bruder.«

Lucrezia antwortete darauf der Markgräfin mit diesem Brief:

»Meine erlauchteste Herrin, Schwägerin und geehrteste Schwester. Obwohl es meine Pflicht gewesen ist, Ew. Exzellenz in dem Beweis von Liebenswürdigkeit zuvorzukommen, welchen Sie mir gegeben haben, so will ich doch diese Unterlassung gern ertragen, nur damit Ew. Erlauchte Herrlichkeit mich um so mehr zu Ihrem Dienst verpflichtet halten. Ich kann Ihnen niemals ausdrücken, mit welcher Freude und Genugtuung ich Ihre glückliche Ankunft in Mantua und das Wohlbefinden Ihres Erlauchten Herrn Gemahls vernommen habe; möge derselbe zugleich mit Ew. Herrlichkeit, wie ich Gott bitte, fortfahren in allem Glück und Zuwachs des Guten, Ihrem Wunsch gemäß. Und um dem Befehle Ew. Herrlichkeit, wie ich wünsche und muß zu gehorsamen, gebe ich Ihnen zu wissen, daß ich mich durch die Gnade Gottes wohl befinde und immer bereit bin, Ihnen zu willfahren.« Ferrara am 22. Februar 1502. Ergebene Schwester, welche Ihnen zu dienen wünscht, Lucrezia Estensis de Borgia.

Mit diesen Schreiben von offizieller Artigkeit begann der Briefwechsel, welchen diese beiden berühmten Frauen durch siebzehn Jahre fortsetzten. Er liefert den Beweis, daß die erst widerstrebende Markgräfin Isabella mit der Zeit die aufrichtige Freundin ihrer Schwägerin wurde.

Der Herzog von Ferrara war herzlich froh, als seine Gäste endlich abreisten. Nur Madonna Adriana, Hieronyma und jene ungenannte Orsini machten noch keine Anstalten, nach Rom zurückzukehren. Alexander hatte diesen Frauen aufgetragen, so lange dort zu bleiben, bis die Gemahlin Cesars ankomme. Dieser sollten sie bis in die Lombardei entgegengehen, und dann dieselbe nach Rom begleiten. Aber die Herzogin der Romagna hatte trotz der dringenden Aufforderungen des Nuntius Frankreich nicht verlassen wollen. Nur ihr Bruder, der Kardinal d'Albret, war am 6. Februar in Ferrara eingetroffen, von wo er bald weiter nach Rom reiste.

Adriana hatte am Hof Ercoles, schon als nahe Verwandte des Papstes und Lucrezias, eine ehrenvolle Behandlung gefunden, und sie war auch zur Markgräfin Isabella in nähere Beziehung gekommen. Das beweist ein Brief, den diese an Adriana an demselben 18. Februar richtete, an dem sie an Lucrezia schrieb. Er bezieht sich auf eine Person, welche ihr Adriana in ihrem Namen und auch in dem von Madonna Julia in Ferrara empfohlen hatte, und daraus geht hervor, daß jene ungenannte Orsini nicht Julia Farnese war.

Ercole wünschte dringend die Abreise jener Frauen.

In einem Brief vom 14.Februar an seinen Gesandten Costabili in Rom beklagte er sich mit einer gewissen Heftigkeit über das »nutzlose« Verbleiben derselben an seinem Hof. »Wir sagen Euch«, so schrieb er ihm, »daß diese Anwesenheit der genannten Madonnen mit sich bringt, daß eine große Zahl anderer Personen, sowohl Männer als Frauen, ebenfalls hier bleiben, weil sie deren Abreise erwarten, und das ist eine große Last und eine unerträgliche Ausgabe. Denn zählt man das Personal der Begleitung dieser Frauen und andere zusammen, so sind noch hier ungefähr vierhundertfünfzig Menschen und dreihundertfünfzig Pferde.« Er möge das dem Papst vorstellen, und daß die Lebensmittel aufgezehrt seien, und die Herzogin der Romagna nicht zu Ostern kommen werde. Er könne die Kosten nicht mehr bestreiten; denn für die Hochzeitsfeier habe er bereits mehr als fünfundzwanzigtausend Dukaten ausgegeben. Der Papst möge daher jene Frauen zurückrufen. In einer Nachschrift desselben Briefs fügte der Herzog hinzu: »Ich habe die Edelleute des Erlauchten Herrn Herzogs der Romagna, nachdem sie zwölf Tage hier gewesen waren, verabschiedet, weil sie impertinent waren, und ihre Anwesenheit weder Sr. Heiligkeit noch dem Herzog einen Vorteil brachte.«

Die unbequemen Frauen reisten endlich ab, aber wie es scheint später, als Ercole lieb war; denn es findet sich eine Depesche des Orators Gerardo Saraceni aus Rom vom 4. Mai, worin er dem Herzog meldet, daß Monsignor von Venosa und Madonna Adriana, aus Ferrara zurückgekehrt, dem Papst ihre Dankbarkeit für den liebevollen Empfang ausgedrückt hätten, der ihnen dort zuteil geworden sei.

An demselben 14.Februar schrieb Ercole dem Papst einen Brief, dessen Ausdruck, wenn man einige Phrasen abzieht, nicht erheuchelt sein mochte:

»Heiligster Vater und Herr.

Bevor die Erlauchte Herzogin, unsere gemeinschaftliche Tochter, hierher kam, war es mein fester Vorsatz sie, wie es sich gebührte, mit Freundlichkeit aufzunehmen und hochzuhalten und es ihr in allen Dingen an besonderer Liebe nicht fehlen zu lassen. Nun, da Ihre Herrlichkeit angekommen ist, hat sie mich durch die Tugenden und würdigen Eigenschaften, welche ich an ihr finde, so sehr befriedigt, daß ich nicht allein in jenem meinem Vorsatz bestärkt bin, sondern daß mein Wille und Wunsch so zu tun in mir sich sehr vermehrt hat, um so mehr, als ich sehe, daß Ew. Heiligkeit durch ein eigenhändiges Schreiben mich liebevoll dazu ermahnt haben. Ew. Heiligkeit möge demnach guten Mutes sein, denn ich werde die Herzogin so behandeln, daß Ew. Heiligkeit erkennen soll, wie ich dieselbe für das Teuerste erachte, was ich auf der Welt besitze.«

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