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Lucrezia Borgia

Ferdinand Gregorovius: Lucrezia Borgia - Kapitel 22
Quellenangabe
typetractate
authorFerdinand Gregorovius
year1982
publisherC. H. Beck'sche Verlagsbuchhandlung
addressMünchen
isbn3-406-08959-3
titleLucrezia Borgia
created20040228
sendergerd.bouillon
firstpub1874
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XIX

Lucrezia befand sich unterdes im Palast am S. Peter mit ihrem Kinde Rodrigo. Wenn sie noch um ihren Gemahl trauerte, so ließ ihr Vater ihr keine Zeit, sentimentalen Gefühlen nachzuhängen. Er weckte ihren Leichtsinn oder ihre Eitelkeit auf; denn der tote Alfonso sollte durch einen zweiten größeren Alfonso ersetzt werden. Kaum war der Herzog von Biselli beseitigt, so wurde an eine neue Hochzeit gedacht. Schon im November des Jahres 1500 begann man davon zu reden, daß Lucrezia mit dem Erbprinzen von Ferrara sich vermählen solle, welcher seit 1497 ein kinderloser Witwer war und erst vierundzwanzig Jahre zählte. Von diesem Plan berichtete am 26. jenes Monats zuerst Marin Zorzi, der neue Botschafter Venedigs in Rom, an seine Signorie. Aber schon viel früher, ja zweifellos noch als ihr Gemahl lebte, war im Vatikan an diese neue Verbindung gedacht worden. Man sprach in der Weihnachtszeit des Jahres 1500 freilich auch von einer Heirat mit dem Herzog von Gravina. Dieser Orsini war durch die Schicksale zweier Männer Lucrezias so wenig abgeschreckt, daß er im Dezember nach Rom kam, um ihre Hand zu werben. Man lockte ihn vielleicht nur mit dieser Aussicht, um sich der Dienste der Orsini versichert zu halten.

Der Plan, Lucrezia mit Alfonso von Ferrara zu vermählen, war von Alexander ausgegangen. Er begehrte diese Heirat sowohl zugunsten seiner geliebten Tochter als zum Vorteile Cesars; denn sie sicherte diesem nicht nur den Besitz der Romagna, den ihm die Republik Venedig entreißen konnte, sondern sie bot ihm mehr Aussicht, seine Absichten auf Bologna und Florenz durchzuführen. Sie zog zugleich die mit Ferrara verschwägerten Dynastien von Mantua und Urbino in das Interesse der Borgia. Sie konnte der Ausgangspunkt für eine größere Liga werden, welche Frankreich, den Papst, die Staaten Cesars, Ferrara, Mantua und Urbino umfaßte, und diese Bundesgenossen waren stark genug, um Alexander und sein Haus gegen alle Feinde sicherzustellen.

Vor allem bedurfte der König von Frankreich des Papstes, wenn er seine Stellung in Italien behaupten wollte. Hier besaß er Mailand, und sollte er die Hälfte des Königreichs Neapel erobern und fortan als Lehnsmann der Kirche besitzen; denn schon hatten Frankreich und Spanien jenen ruchlosen Teilungsvertrag über Neapel abgeschlossen, welchem Alexander VI. noch seine Zustimmung geben oder verweigern konnte.

Um den Herzog von Ferrara für seinen Antrag zu gewinnen, bediente sich Alexander zunächst des ihm ganz ergebenen Modenesen Giambattista Ferrari, eines langjährigen Dieners Ercoles, den er zum Datar, dann zum Kardinal ernannt hatte. Ferrari wagte es, dem Herzog jenen Heiratsvorschlag zu machen, aus Rücksicht, so schrieb er ihm, auf die großen Vorteile, die daraus seinem Staat erwachsen müßten. Ercole geriet durch diesen Antrag in eine nicht geringere Verlegenheit, als sie in ähnlichem Falle der König Federigo von Neapel empfunden hatte. Sein Stolz empörte sich. Seine Tochter, die edle Markgräfin Isabella von Mantua und deren Schwägerin Elisabetta von Urbino waren außer sich. Der junge Alfonso offenbarte den tiefsten Widerwillen. Überdies war es im Plan, diesen Erbprinzen mit einer Fürstin des königlichen Hauses von Frankreich zu vermählen, mit Louise, der Witwe des Herzogs von Angouleme. Ercole wies den Antrag entschieden zurück.

Alexander sah diesen Widerstand voraus, aber er zweifelte nicht, ihn zu brechen. Nur noch dringender ließ er dem Herzog die Vorteile jener Verbindung und die Nachteile der Weigerung vorstellen: dort die Sicherung der Staaten Ferraras und ihren Zuwachs, hier die Feindschaft des Papstes und Cesars, und vielleicht auch die Frankreichs. So gewiß war er seines Sieges, daß er aus dem Heiratsplan kein Hehl machte, und sogar im Konsistorium davon wie von einer Tatsache mit Genugtuung redete. Es kam darauf an, den französischen Hof für diesen Plan zu gewinnen, und das war nicht schwierig, weil Ludwig XII. eben seine Armee aus Toscana durch den Kirchenstaat nach Neapel wollte vorgehen lassen, und dies nicht ohne das innigste Einverständnis mit dem Papst tun konnte. Vor allem durfte dieser auf die Unterstützung des Kardinals Amboise rechnen, welchem Cesar Borgia einst den roten Hut nach Frankreich gebracht hatte, und dessen ehrgeizige Gedanken auf den Papstthron gerichtet waren. Diesen aber hoffte er nach dem Tode Alexanders eben durch den Einfluß seines Freundes Cesar und der spanischen Kardinäle einzunehmen.

Und doch ist es Tatsache, daß Ludwig XII. anfangs entschieden gegen diese Heirat war und sie sogar zu hintertreiben suchte. Er selbst wollte keineswegs die Vergrößerung der Macht Cesars und des Papstes, sondern er wünschte seinen Einfluß auf Ferrara durch die Verbindung Alfonsos mit einer französischen Prinzessin dauernd zu befestigen. Alexander hatte im Mai einen Sekretär nach Frankreich geschickt, den König zu bewegen, daß er die Heirat vermittle: aber Ludwig XII. zeigte sich abgeneigt. Dagegen wollte er es in Ferrara durchsetzen, daß Don Ferrante, Alfonsos Bruder, sich mit Lucrezia vermähle und mit dem Lande Piombino ausgestattet werde. Er hatte auch dem Umsichgreifen Cesars in Mittelitalien Einhalt getan, so daß dessen Versuche auf Bologna und Florenz fehlgeschlagen waren.

Das ganze Eheprojekt würde gescheitert sein, wenn nicht gerade in diese Zeit die französische Expedition nach Neapel gefallen wäre. Wir dürfen annehmen, daß die Zustimmung des Papstes zu ihr neben anderem auch an die Einwilligung des Königs in diese Heirat geknüpft wurde.

Am 13. Juni 1501 kam Cesar selbst, von seinem Vater bereits zum Herzog der Romagna ernannt, heimlich nach Rom, wo er drei Wochen lang blieb, und auch seinerseits alle Künste in Bewegung setzte, um den Plan durchzuführen. Hierauf folgte er mit seinem Kriegsvolk dem französischen Marschall Aubigny, welcher aus der Nähe Roms mit der Armee nach Neapel aufbrach zu einem der gottlosesten Eroberungskriege, in dessen Greueln das Haus Aragon in der kürzesten Zeit seinen Untergang fand.

Schon im Juni gab der französische Hof dem Verlangen des Papstes nach, indem er seinen Einfluß in Ferrara geltend zu machen begann. Dies geht aus einer Depesche des ferrarischen Gesandten in Frankreich vom 22. Juni hervor. Er meldete Ercole, daß er dem König vorgestellt habe, wie der Papst drohe, dem Herzog seinen Staat zu nehmen, wenn er nicht in die Heirat willige, worauf der König erwidert habe, daß Ferrara in seinem Schutze stehe und nur mit Frankreich untergehen könne. Der Gesandte äußerte Furcht, daß der Papst sich der Investitur Neapels, welche der König begehre, bedienen werde, um diesen für seinen Plan zu gewinnen. Er schrieb endlich dem Herzog, daß Monsignor de Trans, der einflußreichste Mann an des Königs Hof, ihm den Rat erteile, in die Heirat zu willigen unter der Bedingung der Zahlung von zweimalhunderttausend Dukaten, des Erlasses des Jahreszinses für Ferrara, und gewisser Benefizien für die Mitglieder des Hauses Este.

Amboise schickte den Erzbischof von Narbonne und andere Agenten nach Ferrara, um den Herzog zu überreden; der französische König selbst schrieb an ihn, drang in ihn, seine Einwilligung zu geben, und verweigerte jetzt die Hand der französischen Prinzessin für Don Alfonso. Gleichzeitig mit den Gesandten Frankreichs bedrängten den Herzog die Boten des Papstes und die Agenten Cesars. Er war von einem Gewebe von Intrigen umstrickt, und Furcht bewog ihn endlich nachzugeben.

Schon am 8. Juli ließ er Ludwig XII. erklären, daß er bereit sei, sich seinem Willen zu fügen, wenn er mit dem Papst über die Bedingungen sich vereinigen könne. Nur den Forderungen des Königs wollte er nachgegeben haben, aber auch dieser hatte zu der Heirat nur deshalb geraten, weil er des Papstes bedurfte. In derselben Zeit, wo er Ercole auffordern ließ, seine Einwilligung zu geben, riet er ihm, sich nicht zu übereilen, seinen Sohn Don Ferrante nicht nach Rom zum Abschluß der Sache zu senden, sondern diesen so viel als möglich in die Länge zu ziehen, bis er selbst im September nach der Lombardei gekommen sei. Er ließ sogar Ercole versichern, daß er seine Zusage der Hand von Madonna d'Angouleme für Don Alfonso festhalte, und ganz offen zeigte er sein Mißfallen über dieses Ehebündnis. Dem ferrarischen Gesandten sagte er, daß er den Herzog für unklug halten würde, wenn er seinen Sohn mit der Tochter des Papstes vermählen wollte; denn an dem Tage, wo dieser gestorben sei, würde er nicht mehr wissen, mit wem er diese Verwandtschaft abgeschlossen habe, und noch viel unverständiger würde Alfonso handeln.

In der Tat beeilte sich auch der Herzog keineswegs; er schickte zwar seinen Sekretär Hector Bellingeri nach Rom, aber nur um dem Papst zu erklären, daß er sich den Wünschen Frankreichs fügen wolle unter der Voraussetzung, daß auch seine Forderungen befriedigt würden. Der Papst und Cesar forderten dagegen den schnellen Abschluß der Heiratsverträge, und sie drangen in den Kardinal Rouen, der sich damals im Mailand befand, es durchzusetzen, daß Ercole seinen Sohn Alfonso dorthin (nach Mailand) absende, damit unter den Augen des Kardinals die Angelegenheit abgeschlossen werde. Dies lehnte der Herzog ab. Vor allen Dingen bestand er darauf, daß der Papst ihm zuvor die Bedingungen zugestehe, die er an seine Einwilligung geknüpft hatte.

Während diese für Lucrezia beschämenden Unterhandlungen langsam vorschritten, war Cesar in Neapel ein Werkzeug und Zuschauer des jähen Sturzes jenes ihm verhaßten Hauses Aragon, auf dessen Thron sich zu schwingen ihm nicht erlaubt war. Alexander aber benutzte die Gelegenheit, sich der Güter der Barone Latiums zu bemächtigen, namentlich jener der Colonna, Savelli und Estouteville, welche alle der neapolitanische Krieg schutzlos gemacht hatte. Die Konfiskation jener Güter hing, wie wir bald sehen werden, mit dem Heiratsplan genau zusammen. Schon im Juni 1501 hatte er viele Städte jener Signoren besetzen lassen, und dies unter dem Druck der noch bei Rom lagernden französischen Armee. Er selbst ging am 27. Juli mit Reitern und Fußvolk nach Sermoneta.

Es war damals, daß er vor seiner Abreise seine Tochter zu seinem Stellvertreter im Vatikan einsetzte. Dies sind die Worte Burkards: »Bevor Se. Heiligkeit unser Herr die Stadt verließ, übertrug er den ganzen Palast und die eingehenden Geschäfte der Donna Lucrezia Borgia, seiner Tochter, und gab ihr Vollmacht, an Se. Heiligkeit einlaufende Briefe zu öffnen; in sehr wichtigen Fällen sollte sie bei dem Herrn Kardinal von Lissabon sich Rat erholen.

Als nun, ich weiß nicht welcher Fall eintrat, wandte sich, so sagt man, Lucrezia an den genannten Kardinal und legte ihm den Auftrag des Papstes und den Fall vor. Hierauf sagte jener zu ihr: so oft der Papst im Konsistorium Vorlagen macht, pflegt solche der Vizekanzler oder für ihn ein anderer Kardinal niederzuschreiben und die Ansichten der Abstimmenden aufzuzeichnen, deshalb ist es auch jetzt nötig, daß jemand das Gesagte niederschreibe. Lucrezia entgegnete, daß sie sehr wohl zu schreiben wisse. Wo ist Eure Feder? fragte der Kardinal; Lucrezia begriff den Scherz und lächelte; und so gaben sie ihrer Konferenz einen passenden Abschluß.«

Man stelle sich diese Szene im Vatikan vor: ein junges, blühendes Weib, des Papstes Tochter, führt den Vorsitz im Konsistorium der Kardinäle! Diese eine Szene reicht hin, die grenzenlose Verderbnis darzutun, in welcher die römische Kirche versunken lag; ja sie sagt mehr davon als tausend Satiren und tausend Berichte der Zeit davon zu sagen vermögen. Die Geschäfte, welche der Papst seiner Tochter übertrug, bezogen sich freilich nur, so wollen wir wenigstens annehmen, auf weltliche, nicht auf kirchliche Dinge, aber doch war diese freche Handlung beispiellos. Solche Auszeichnung, der höchste Beweis von Gunst, den ihr Vater ihr geben konnte, hatte übrigens auch bestimmte Motive. Alexander war nämlich gerade in jenen Tagen der Einwilligung Alfonsos von Este in seine Ehe mit Lucrezia versichert worden, und aus Freude darüber machte er diese zur Regentin im Vatikan. Es war dies der Ausdruck ihrer Anerkennung als einer politischen Person, als der künftigen Herzogin Ferraras. Und darin ahmte er das Beispiel Ercoles und vieler anderer Fürsten nach, welche, wenn sie selbst aus ihren Staaten abwesend waren, ihren Frauen die Staatsgeschäfte zu übertragen pflegten.

Dem Herzog war es nicht leicht geworden, den Widerwillen seines Sohnes zu überwinden. Denn nichts konnte den jungen Prinzen so tief beleidigen, als die Zumutung, Lucrezia Borgia zu seiner Gemahlin zu machen. Nicht ihre uneheliche Geburt schreckte ihn zurück, denn ein solcher Flecken bedeutete nicht viel in jener Blütezeit der Bastarde in allen romanischen Ländern. Viele Dynastien Italiens trugen denselben Mangel an sich, die Sforza, die Malatesta, die Bentivogli, selbst die Aragonen in Neapel; ja sogar der glänzende Borso, der erste Herzog von Ferrara, war der illegitime Bruder seines Nachfolgers Ercole gewesen. Aber Lucrezia war die Tochter eines Papstes, ein Pfaffenkind, und darin lag für das Gefühl der Este das Schmähliche ihrer Geburt, vielleicht sogar ein religiöses Bedenken. Weder die Zuchtlosigkeit ihres Vaters noch die Frevel Cesars konnten schwer in das Gewicht der Moral des Hofes von Ferrara fallen. Aber kein Fürstenhaus war zu keiner Zeit so verderbt, daß ihm der Ruf einer Frau gleichgültig blieb, welche ein hervorragendes Mitglied von ihm zu werden bestimmt war.

Alfonso sollte der Gatte eines jungen Weibes sein, welches im Alter von einundzwanzig Jahren schon so viele Schicksale erlebt hatte. Zweimal war Lucrezia rechtskräftig verlobt, zweimal vermählt gewesen, zweimal unter frevelvollen Umständen zur Witwe geworden. Ihr Ruf war geradezu abschreckend, und niemals konnte Alfonso, er selbst ein galanter Lebemann, an die Tugend dieses jungen Weibes glauben, auch wenn er den schlimmsten Gerüchten über sie den Glauben versagte. Die skandalöse Chronik von allem, was an irgendeinem Hofe geschah, ging damals so schnell von Hof zu Hof, wie am heutigen Tage. Durch seine Agenten war der Herzog und mit ihm sein Sohn von allem unterrichtet worden, was in der Familie Borgia sich Wirkliches zugetragen hatte, oder was über sie erdichtet war. Die schrecklichen Motive, welche der beschimpfte Sforza dem Vater Lucrezias für die Trennung seiner Ehe zugeschrieben hatte, waren auf der Stelle dem Herzog nach Ferrara gemeldet worden. Ein Jahr später hatte ihm sein Agent in Venedig mitgeteilt, »daß man von Rom her versichere, die Tochter des Papstes habe ein uneheliches Kind geboren«. Außerdem, alle jene Satiren, mit denen die Feinde der Borgia auch Lucrezia verfolgten, waren am Hofe Ferraras wohl bekannt und sicherlich unter schadenfrohem Lachen gelesen worden. Soll man nun annehmen, daß die Este jene Gerüchte und Satiren für wirklich begründet hielten und es dennoch über ihre Ehre gewannen, eine Thais in ihr Haus aufzunehmen, statt unter weit geringeren Gefahren dem Beispiel Federigos von Neapel zu folgen, der die Hand seiner Tochter Cesar Borgia standhaft verweigert hatte?

Es ist hier der Ort, die Beschuldigungen Lucrezias einer Untersuchung zu unterwerfen, und diese darf nach demjenigen, was Roscoe und andere bereits mit Erfolg davon gesagt haben, kurz sein. Die Reihe ihrer Ankläger unter den Zeitgenossen ist nicht gering. Um nur die bedeutendsten zu nennen, so haben sie des Inzests geradezu oder andeutend beschuldigt: die Dichter Sannazar und Pontanus, die Geschichtsschreiber und Staatsmänner Matarazzo, Marcus Attilius Alexius, Petrus Martyr, Priuli, Machiavelli und Guicciardini. Von ihnen entlehnten ihre Urteile Spätere bis in unsere Zeiten herab. Auf der anderen Seite stehen die Lobredner Lucrezias, ihre Zeitgenossen und deren spätere Nachfolger bis zu unserer Gegenwart.

Hier ist festzustellen: daß die Kläger und die Anklagen Lucrezias nur ihrer römischen Periode angehören können, und daß ihre Bewunderer nur in ihrer zweiten Epoche auftreten, wo sie Herzogin von Ferrara war. Unter diesen gibt es nicht minder berühmte Männer, als unter ihren Klägern: Titus und Hercules Strozzi, Bembo, Aldus Manutius, Tebaldeo, Ariosto, sämtliche Chronisten Ferraras, und der französische Biograph Bayards. Sie alle sind die Zeugen ihrer Ehre in der Epoche von Ferrara, aber nicht die Zeugen derselben in ihrer römischen Vergangenheit. Der Advokat Lucrezias kann daher aus ihren Huldigungen nur negative Beweise ziehen: er darf sagen, daß edle Männer wie Aldus, Bembo und Ariosto trotz ihrer höfischen Schmeichelei doch niemals so schamlos sein konnten, ein Weib als Ideal der Frauen ihrer Zeit zu verherrlichen, wenn sie dasselbe gräßlicher Frevel, die sie vor kurzem sollte begangen haben, für schuldig oder nur für fähig gehalten hätten. In diesem Fall müßte selbst Ariosto für uns zum Abscheu werden.

Wenn wir nun die Ankläger Lucrezias vernehmen wollen, so können von ihnen nur wirklich römische Zeugen Geltung haben. Ihr heftigster Feind, Guicciardini, gehört nicht zu ihnen. Was er ihr nachsagte, hat aber gerade deshalb das Urteil aller Späteren bestimmt, weil er ein berühmter Staatsmann und Geschichtsschreiber war. Er selbst schöpfte seine Meinung entweder aus Gerüchten oder aus den Satiren des Pontanus und Sannazar, und beide Dichter lebten in Neapel und nicht in Rom. Ihre Epigramme beweisen nichts als den begründeten Haß gegen Alexander und Cesar, die Werkzeuge des Sturzes der Aragonen, und außerdem lehren sie, was man frevelhaften Menschen, wie jene waren, zutrauen durfte.

Von weit mehr Gewicht müßte die Stimme Burkards sein, des täglichen Beobachters der Vorgänge im Vatikan. Gegen ihn hat sich die besondere Wut der Papisten gerichtet, denen er noch heute als die vergiftete Quelle gilt, aus welcher die Feinde des Papsttums, zumal die Protestanten, ihre Verleumdungen Alexanders VI. geschöpft haben sollen. Diese Wut ist erklärlich, denn Burkards Diarium ist, außer dem Tagebuch Infessuras, welches schon mit dem Anfange des Jahres 1494 abbricht, die einzige in Rom verfaßte Schrift über den Hof Alexanders, und sie hat sogar einen amtlichen Charakter. Aber die Beschöniger aller päpstlichen Handlungen würden ihren Haß gegen Burkard doch gemindert haben, wenn sie die Berichte der venezianischen Botschafter und die Depeschen so vieler anderen Gesandten, die hier benutzt und mitgeteilt sind, gekannt hätten.

So wenig boshaft ist Burkard gewesen, daß er von allen geheimen Verhältnissen Alexanders durchaus schweigt. Er verzeichnet nur Tatsachen, niemals Gerüchte, und selbst jene schwächt er ab oder umschleiert sie diplomatisch. Wie Cäsar Borgia den Kammerherrn Perotto unter dem Mantel des Papstes erdolchte, berichtet der venezianische Botschafter Polo Capello, aber Burkard nicht. Daß Cesar seinen Bruder Gandìa umgebracht habe, spricht derselbe Gesandte offen aus, und sagt ein ferrarischer Agent, aber Burkard hat kein Wort davon. Er hat auch keines darüber, daß und wie Cesar seinen Schwager Alfonso aus der Welt schaffte. Die Beziehungen der Mitglieder der Familie Borgia zueinander oder zu fremden Personen wie den Farnese, Pucci und Orsini, das Intrigenspiel am Hof des Papstes, die lange Reihe verübter Frevel, die Gelderpressungen, den Verkauf der Kardinalshüte und so vieles andere, wovon die Depeschen der Gesandten voll sind, das alles erfahren wir nicht von Burkard. Selbst Vannozza nennt er nur einmal und mit nicht genauem Namen. Es sind auch hauptsächlich nur zwei Stellen in jenem Diarium, welche den meisten Anstoß erregt haben: der Bericht vom Gelage der fünfzig Hetären im Vatikan und die Klageschrift gegen die Borgia in dem anonymen Brief an Silvio Savelli. Sie finden sich in allen bekannten Abschriften und stammen ohne Zweifel vom Original des Tagebuchs selbst her. Daß der Brief an Silvio nicht ein Machwerk weder Burkards noch boshafter Protestanten ist, beweist die Tatsache, daß ihn auch Marin Sanuto in sein Tagebuch aufgenommen hat. Daß Burkard oder spätere ebensowenig die Fabel vom vatikanischen Bacchanal erfunden haben, beweist wiederum jener Brief, dessen Verfasser sich darauf als auf eine bekannte Tatsache bezieht. Es beweist dasselbe auch Matarazzo von Perugia. Denn auch er erzählt davon nicht nach Burkard, dessen Handschrift er schwerlich jemals gesehen hat, sondern nach Berichten, die er selbst gehört hatte. Er bemerkt dazu, daß er ihnen vollen Glauben schenke; denn der Vorgang, so sagt er, ist weit und breit bekannt geworden, und weil meine Gewährsmänner nicht allein das römische, sondern auch das italienische Volk sind, so habe ich davon geschrieben.

Diese Bemerkung läßt die Quelle jener skandalösen Erzählung selbst erkennen: es ist die Sage im Volk. Sie mochte auf Grund eines wirklichen Festes entstanden sein, welches Cesar in seiner Wohnung im Vatikan gegeben hatte. Er mag dort eine Orgie solcher oder ähnlicher Art veranstaltet haben; doch wer darf glauben, daß Lucrezia selbst, die schon rechtlich erklärte Gemahlin Alfonsos von Este und schon im Begriff, nach Ferrara abzureisen, die lachende Zuschauerin davon gewesen ist?

Jene Stelle ist die einzige im Diarium Burkards, worin Lucrezia in solchem Licht erscheint. Sonst hat er ihr nichts Unehrenhaftes nachgesagt. Es ist also nicht sein Tagebuch, welches den Anklagen der Neapolitaner und Guicciardinis den Schein der Bestätigung gibt. Man findet solchen auch nicht anderswo; oder man müßte Matarazzo eine Autorität zuschreiben, die er nicht beanspruchen kann. Er erzählt, daß Giovanni Sforza das frevelvolle Verhältnis seiner Gemahlin zu Cesar und zu Don Juan entdeckt habe, wozu ein noch schwärzerer Verdacht gekommen sei; er habe deshalb Gandìa ermordet und sei hierauf aus Rom entflohen: infolgedessen habe Alexander seine Ehe aufgelöst. Abgesehen von der ungeheuerlichen Vorstellung, wonach man sich dasselbe junge Weib in derselben Zeit eines dreifachen Inzests schuldig zu denken hätte, enthält die Erzählung Matarazzos auch eine geschichtliche Unrichtigkeit, denn Sforza hatte schon zwei Monate vor der Ermordung Gandìas Rom verlassen.

Die authentische Depesche des ferrarischen Gesandten in Mailand, vom 23. Juni 1497, hat aber unwiderleglich klargemacht, daß der wahre Urheber jenes Gerüchts über Lucrezia ihr schimpflich verstoßener Gatte war. Sicherlich konnte damals niemand den Charakter und die Lebensweise Lucrezias besser kennen, als ihr eigener Gemahl. Aber trotzdem würde Sforza vor jedem Tribunal jeder Zeit der letzte aller Zeugen sein, dessen Aussage Glauben verdiente. Von Haß und Rache glühend, schrieb er dem lasterhaften Papst jene Motive der Ehescheidung zu. So wurde der von ihm ausgestreute Verdacht zum Gerücht und das Gerücht zur Meinung. Hier ist es aber doch auffallend, daß Guido Posthumus, der treue Anhänger Sforzas, welcher die Beschimpfung seines Herrn in Epigrammen auf Alexander rächte, weder jenen Verdacht ausgesprochen noch überhaupt Lucrezias irgend Erwähnung getan hat.

In keiner der vielen Depeschen jener Zeit wird ein ähnlicher Verdacht laut, es sei denn in einem Privatbrief bei Malipiero aus Rom vom 17. Juni 1497 und in dem Berichte Polos Capello, welcher auf das »Gerücht« von dem frevelhaften Verhältnis der Schwester zum Bruder Juan anspielte. Sollten es nur diese Gerüchte veranlaßt haben, daß sonst niemand Lucrezia ein Liebesverhältnis zu irgendeiner anderen mit Namen genannten Person nachgesagt hat, obwohl in Rom so viele Höflinge, so viele junge Barone oder üppige Kardinäle ihre täglichen Gesellschafter waren? Denn in der Tat, nirgends entdeckt man dort die Spur irgendeiner wirklichen Liebesintrige dieses jungen und schönen Weibes. Selbst die Stimme jenes Gesandten, der nicht aus Rom, sondern aus Venedig nach Ferrara meldete, daß Lucrezia ein Kind geboren habe, ist eine vereinzelte. Sie war damals schon ein Jahr lang von ihrem Gatten Sforza getrennt. Wir wollen selbst annehmen, daß dieses Gerücht begründet war und daß Lucrezia in Rom ein Liebesverhältnis zu einem Manne hatte, dessen Person uns unbekannt geblieben ist. Aber sind nicht solche Verhältnisse und Fehltritte in der Gesellschaft zu allen Zeiten häufig genug? Man verzeiht sie auch heute nirgends leichter als in der vornehmen Welt.

Niemand wird glauben dürfen, daß Lucrezia Borgia mitten in der Verderbnis Roms und in der persönlichen Umgebung, welcher sie angehörte, sich fehllos erhalten konnte. Aber ebensowenig wird jeder unbefangen urteilende Mensch behaupten wollen, daß sie sich jener namenlosen Frevel wirklich schuldig gemacht hat. Wenn man der Natur eines jungen Weibes die unbegreifliche Stärke zutrauen könnte, deren selbst der ruchloseste und in Sünden hart gewordene Mann kaum fähig wäre, nämlich die innere moralische Zerstörung, welche das gräßlichste der Verbrechen in dem ganzen geistigen Wesen anrichten muß, hinter der Maske lachender Anmut zu verbergen, so würde man sagen müssen, daß Lucrezia Borgia in dieser Meisterschaft der Heuchelei eine alle Grenzen des Menschlichen übersteigende Kraft besessen hat. Nichts aber entzückte die Ferraresen so sehr, als die immer heitere Grazie der jungen Gemahlin Alfonsos. Jedes fühlende Weib mag urteilen, ob unter der Voraussetzung solcher Frevel diese Erscheinung Lucrezias möglich war und ob jenes Antlitz, wie es die Braut Alfonsos von Este im Jahre 1502 im Bilde darstellt, das Angesicht der entmenschten Furie im Epigramm des Sannazar sein konnte.

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