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Lucrezia Borgia

Ferdinand Gregorovius: Lucrezia Borgia - Kapitel 18
Quellenangabe
typetractate
authorFerdinand Gregorovius
year1982
publisherC. H. Beck'sche Verlagsbuchhandlung
addressMünchen
isbn3-406-08959-3
titleLucrezia Borgia
created20040228
sendergerd.bouillon
firstpub1874
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XV

Das Jubeljahr 1500 war ein Glücksjahr für Cesar, aber ein Unglücksjahr für Lucrezia. Sie begann es am 1. Januar mit einem festlichen Zuge nach dem Lateran, wohin sie zum Gebete ritt, die vorschriftsmäßige Wallfahrt nach den Kirchen Roms zu tun. Zweihundert Reiter, edle Herren und Frauen, bildeten ihre Kavalkade. Sie ritt auf einem reich geschmückten Zelter, zu ihrer Linken ihren Gemahl Don Alfonso, zur Rechten eine Dame ihres Hofes, und hinter sich den Kapitän der Palastwache Rodrigo Borgia. Als sie mit dieser Prozession über die Engelsbrücke zog, stand ihr Vater in einer Loge des Kastells, um sich an dem Anblick seiner geliebten Tochter zu erfreuen.

Nichts als frohe Botschaften brachte Alexander das neue Jahr, wenn man eine einzige ausnehmen will: den Tod des Kardinallegaten Juan Borgia, Bischofs von Melfi und Erzbischofs von Capua, welchen man zum Unterschied von einem anderen Kardinal desselben Namens den »Jüngeren« nannte. Er starb in Urbino am 8. Januar 1500, wie es scheint, durch einen Fieberanfall hingerafft. Dies meldete Elisabetta, die Gemahlin Guidobalds, ihrem Bruder Gonzaga in einem Brief desselben Tags aus Fossombrone.

Cesar befand sich gerade in Forli, als er an demselben Morgen des 12. Januar, wo sich ihm diese Zitadelle ergab, die Nachricht vom Tode des Kardinals erhielt; er schickte sie sofort dem Herzog von Ferrara in einem Brief, worin er sagte, daß Juan Borgia, vom Papst nach Rom gerufen, dorthin von Forli abgereist, und sodann in Urbino an einem Katarrh gestorben sei. Die Tatsache, daß er sich im Lager Cesars befunden hatte, und daß er, wie aus dem Brief Elisabettas hervorgeht, bereits krank in Urbino eingetroffen war, gab dem Argwohn von einer Vergiftung durch jenen Wahrscheinlichkeit.

Es ist auffallend, daß Cesar in seinem Brief an den Herzog jenen Toten seinen Bruder nannte. Ercole kondolierte ihm am 18. Januar wegen desselben Kardinals, den auch er den »Bruder« Cesars nannte. Sollen wir deshalb glauben, daß der jüngere Juan Borgia ein Sohn Alexanders VI. gewesen war? Noch mehr: der ferrarische Chronist Zambotto nennt an der Stelle, wo er den Tod jenes Kardinals verzeichnet, diesen ausdrücklich »Sohn des Papstes Alexander«. Wenn dies der Fall gewesen wäre, so würde sich die Zahl der Söhne desselben noch beträchtlicher vermehren, denn auch Ludovico Borgia war dann sein Sohn. Dieser Borgia wurde nämlich der Erbe der Benefizien Juans, auch Erzbischof von Valencia, und dann Kardinal. Er zeigte seine Beförderung dem Marchese von Mantua in einem Briefe an, worin er durchaus, wie Cesar Borgia, jenen Verstorbenen seinen »Bruder« nannte.

Doch alles dieses kann die bisher geltende Ansicht von der Abkunft des jüngeren Juan Borgia nicht zweifelhaft machen; denn sicherlich irrte Zambotto; das in jenen Briefen gebrauchte Wort fratre bedeutet nichts anderes als leiblicher Vetter, fratello cugino.

Am 14. Januar kam Meldung in den Vatikan, daß Cesar die Burg Forli bezwungen habe. Nach tapferer Verteidigung hatte sich ihm dort Catarina Sforza Riario mit ihren zwei Brüdern ergeben müssen. Diese Enkelin des großen Francesco Sforza von Mailand, die natürliche Tochter Galeazzos Maria, und die illegitime Schwester Biancas, der Gemahlin des Kaisers Maximilian, konnte als Ideal jener heroischen Weiber Italiens gelten, welche nicht nur in den romantischen Dichtungen Bojardos und Ariostos, sondern in der Wirklichkeit angetroffen wurden. Ihr Wesen tritt aus den Grenzen des Weiblichen und streift deshalb an die Karikatur. Um die Entstehung solcher Frauencharaktere zu begreifen, in denen Schönheit und Bildung, Mut und Verstand, Wollust und Grausamkeit sich zu einer fremdartigen Erscheinung vereinigten, muß man die Zeitverhältnisse kennen, aus denen sie hervorgingen. Und schon die Schicksale, welche Catarina Sforza der Reihe nach erlebte, mußten sie zu einer Amazone machen.

Sie hatte sich jung mit dem rohen Nepoten Sixtus' des IV. vermählt, mit Girolamo Riario, dem Grafen von Forli. Bald darauf wurde ihr gräßlicher Vater von Tyrannenmördern in Mailand umgebracht. Dann fiel ihr Gemahl unter den Dolchen von Verschwörern, die den nackten Leichnam Riarios aus den Fenstern des Schlosses von Forli herabstürzten. Catarina aber wußte mit kühnem Mut die Burg der Stadt für ihre Kinder zu behaupten, und sie rächte ihren Gatten mit schrecklicher Grausamkeit. Seither wurde sie, wie Marin Sanuto sie nennt, »das hochbeherzte Weib, gleichsam eine grausame Virago«. Sie erlebte sechs Jahre später den Untergang ihres Bruders Giangaleazzo durch das Gift Ludovicos des Mohren. Vor ihren Augen wurde auch ihr zweiter, doch nicht offizieller Gatte, Giacomo Feo von Savona, durch Verschwörer in Forli umgebracht. Sie setzte sich auf der Stelle zu Pferde und führte ihre Wachen gegen das Quartier der Mörder, in welchem sie alles Lebende ohne Unterschied, selbst Weiber und Kinder, in Stücke hauen ließ. Sie begrub einen dritten Geliebten, Giovanni Medici, im Jahre 1497.

Mit Klugheit und Kraft hatte diese Amazone ihr kleines Land regiert, bis sie endlich in die Hände Cesars fiel. Wenige mochten ihr Los beklagen. Als die Kunde nach Mailand kam, daß sie in der Gewalt Cesars und somit auch in der des Papstes Alexander sei, sagte der berühmte General Giangiacomo Trivulzio lachend ein freches Wort, welches hinlänglich dartat, wie sehr man ihr solches Schicksal gönnte. Wie eine zweite Königin vom Palmyra führte sie jetzt Cesar, man fabelte in goldenen Ketten, nach Rom, wo er am 26. Februar seinen pomphaften Einzug hielt. Der Papst wies der Gefangenen das Belvedere zur Wohnung an.

Die Stadt erfüllte sich damals mit Pilgern, welche den Jubiläumsablaß selbst von einem Papst Borgia zu nehmen kamen. Unter ihnen befand sich sogar Elisabetta Gonzaga, die Gemahlin Guidobalds von Urbino. Die Pilgerfahrt dieser berühmten Frau war ein kühnes Wagnis, weil der Papst in der Stille auch Urbino auf die Proskriptionsliste der Kirchenlehen gesetzt hatte, und Cesar dieses Land schon als seine Beute betrachtete. Der Gedanke, diesen Borgia in Rom zu begegnen, mußte für sie nicht wenig peinigend sein. Wie leicht konnten jene auch einen Vorwand finden, sie selbst festzuhalten. Ihr Bruder Francesco Gonzaga mahnte sie von ihrem Entschlusse ab, jedoch sie schrieb ihm schon auf der Reise nach Rom einen Brief, der so merkwürdig und so liebenswürdig ist, daß wir ihn mitteilen wollen.

»Erlauchter Fürst und Herr, geehrtester Bruder. Ich bin in diesen Tagen von Urbino abgereist und habe mich auf den Weg nach Rom gemacht, um dort den Jubiläumsablaß zu gewinnen, und von dieser meiner Reise habe ich Ew. Exzellenz vor mehreren Tagen benachrichtigt. Heute nun, wo ich mich in Assisi befinde, empfing ich einen Brief von Ihnen; ich entnehme aus dem, was Sie schreiben, daß Sie in mich dringen, von dieser Reise abzustehen; vielleicht in dem Glauben, daß ich mich noch nicht auf den Weg gemacht habe, und dies bereitet mir großen Kummer und unsägliche Pein, da ich doch so wohl in dieser wie in jeder anderen Sache dem Willen Ew. Herrlichkeit nachzugeben wünsche; denn stets habe ich dieselbe nicht anders als wie meinen geehrtesten Vater betrachtet, und nie einen anderen Vorsatz oder Gedanken gehabt, als diesen Ihrem Willen zu gehorsamen. Jedoch andererseits befinde ich mich, wie gesagt, schon auf dem Wege und schon außerhalb des Landes, und ich habe bereits mit Hilfe des Herrn Fabritius (Colonna) und der Madonna Agnesina, meiner geehrtesten Schwägerin und Schwester, für Wohnung in Rom und alles zu dieser Fahrt Nötige gesorgt; ich habe jene auch wissen lassen, daß ich in vier Tagen zu Marino eintreffen werde, und aus diesem Grunde hat sich Herr Fabritius aufgemacht, um mir Geleit zu geben; auch ist schon etwas von meiner Abreise und meiner Fahrt ruchbar geworden: deshalb nun weiß ich nicht, wie ich ohne meiner Ehre und der meines Gemahls zu nahezutreten noch von dieser Reise abstehen könnte, da die Sache bereits so weit vorgeschritten ist, um so mehr, als ich dies mit gutem Wissen und Willen meines vorgenannten Herrn unternommen und alles und jedes zuvor reiflich überlegt habe. Ew. Herrlichkeit darf daher über diese meine Fahrt sich durchaus nicht beunruhigen noch irgendeinen Argwohn fassen, und damit Sie über alles aufgeklärt seien, mögen Sie wissen, daß ich zuerst nach Marino gehe und von dort in Begleitung von Madonna Agnesina mich inkognito nach Rom begebe, um zum Zweck der Erlangung des Ablasses dieses heiligen Jubiläums die Kirchen vorschriftsmäßig zu besuchen. Ich habe nicht nötig, mich dort vor jemand sehen zu lassen, ja nur mit irgendeiner Person zu reden, da ich während meines Aufenthalts in Rom im Hause des verstorbenen Kardinals Savelli wohnen werde. Das Haus ist gut und entspricht vollkommen dem, was ich wünsche, auch liegt es im Bereich des Anhangs der Colonna, obwohl es meine Absicht ist, bald nach Marino zurückzukehren und dort die meiste Zeit zuzubringen. Ew. Herrlichkeit darf daher ohne jeden weiteren Zweifel sich über meine Fahrt beruhigen und keinen Mißfallen daran nehmen. Obwohl nun alle diese Gründe stark genug sind, mich zu bewegen, nicht allein die Reise fortzusetzen, sondern sie zu beginnen, wenn ich das noch nicht getan hätte, so wollte ich doch, wenn ich noch nicht abgereist wäre, davon Abstand nehmen, nicht aus Zweifel über irgend etwas Widerwärtiges, was aus meiner Fahrt entspringen könnte, sondern um dem Schreiben Ew. Herrlichkeit willfährig zu sein, welcher ich in allem ergeben zu sein wünsche. Weil ich aber nun hier angelangt bin, und weil Ew. Exzellenz bald diesen meinen Brief erhalten werden, so bin ich gewiß, daß Sie meiner Reise zustimmen werden, und so bitte ich Sie dringend, dies zu tun, und mich, damit ich mit mehr Befriedigung und Seelenruhe diesen Ablaß empfangen kann, durch einen nach Rom gerichteten Brief zu versichern, daß Sie damit zufrieden sind. Denn sonst würde ich in beständiger Seelenangst und Bekümmernis schweben. Ew. Exzellenz empfehle ich mich hiermit zu gnädigem Wohlwollen, als Ew. Herrlichkeit jüngste Schwester Elisabetta. Assisi am 21. März 1500.«

Agnesina von Montefeltre, von welcher der Brief redet, die geistvolle Schwester Guidobaldos, war mit Fabritius Colonna vermählt, welcher später ein großer Kriegsmann Italiens wurde. Sie war damals achtundzwanzig Jahre alt. Sie lebte mit ihrem Gatten auf dem Schloß Marino im Albanergebirge, und hier hatte sie ihm im Jahre 1490 Vittoria Colonna geboren, die künftige Zierde ihres Hauses. Elisabetta fand dieses schöne Kind bereits als Verlobte von Ferrante d'Avalos, dem Sohn des Marchese Alfonso von Pescara. Denn schon im Jahr 1495 hatte Ferdinand II. von Neapel die Verlobung dieser Kinder vermittelt, um die Colonna, die Anhänger Aragons, sich zu verpflichten.

Im Schutz ihrer edlen Verwandten besuchte die Herzogin von Urbino wirklich Rom, wo sie ihr Inkognito festhielt und bis zum Ostersonnabend blieb. Auf ihrem Gange nach dem S. Peter richtete sie wohl schmerzliche Blicke zu dem Belvedere, wo die kühnste Frau Italiens, welcher sie selbst befreundet sein mochte, als Gefangene trauerte. Denn daß Catarina Sforza schon seit dem Einzuge Cesars, am 26. Februar, sich im Belvedere befand, zeigt ein Brief des venezianischen Gesandten in Rom an seine Signorie von diesem Datum. Die Empfindungen Elisabettas mußten um so peinvoller sein, weil sowohl ihr eigener Gemahl, als ihr Bruder Gonzaga, beide im Dienste Frankreichs, jene Fürstin dem Verderben hatten preisgeben müssen.

Sie hatte kaum Rom verlassen, so empfing Catarina die Nachricht, daß auch ihre beiden Oheime Ludovico und Ascanio in der Gewalt des Königs von Frankreich seien. Nachdem sie im Februar 1500 mit Schweizertruppen Mailand wieder besetzt hatten, wurden sie von denselben Mietlingen schon am 10. April bei Novara schmählich verraten. Ludovico ward nach Frankreich abgeführt, wo er nach zehn Jahren im Turm zu Loches elend starb, und auch der einst so mächtige Kardinal Ascanio mußte als Gefangener nach Frankreich gehen. Ein großes Trauerspiel vollzog sich im Haus der Sforza. Wie mußte nicht Catarina in ihrem Gefängnis aufgeregt werden, als sie ihr ganzes Geschlecht den Schicksalsgewalten erliegen sah. Wer sich da mitten hinein zu versetzen vermag, atmet die schwüle Luft geschichtlicher Verhängnisse, wie sie Shakespeare um seine Gestalten ausgegossen hat.

Die Kerkermeister Catarinas waren die furchtbarsten Menschen der Zeit, der Papst und sein Sohn. Schon der Gedanke an ihre Nähe mußte sie erschrecken. Sie saß dort im hohen Belvedere in beständiger Furcht vor dem Gifte Cesars; und wohl war es ein Wunder, daß sie leben blieb. Sie machte einen mißglückten Fluchtversuch, worauf sie Alexander in die Engelsburg setzen ließ. Aber französische Herren im Dienst ihres Verderbers, namentlich Ivo d'Allegre, retteten sie durch ritterliche Proteste beim Papst. Nach einer Gefangenschaft von einem und einem halben Jahr gestattete ihr derselbe, Florenz zu ihrem Asyl zu wählen. Er selbst empfahl sie der dortigen Signorie in diesem Brief:

»Geliebte Söhne, Gruß und den apostolischen Segen. Es reist zu Euch die in Christo geliebte Tochter, die edle Frau Catarina Sforza, welche Wir, nachdem Wir dieselbe, wie Ihr wißt, aus gewissen Gründen eine Zeitlang gefänglich festgehalten, nachher in Gnaden entlassen haben. Weil Wir nun gemäß Unserer Gewohnheit und Unseres Hirtenamts gegen dieselbe Catarina nicht nur Gnade geübt haben, sondern so viel Wir mit Gott vermögen auch für ihren Vorteil mit väterlicher Güte zu sorgen wünschen, so haben Wir es für gut erachtet, Euch zu schreiben, indem Wir diese Catarina Eurer Devotion sehr empfehlen: auf daß dieselbe, wie sie im höchsten Vertrauen auf Unser Wohlwollen zu Euch, wie in ihr eigenes Vaterland sich zurückzieht, in ihrer Hoffnung und bei Unserer Empfehlung nicht getäuscht werde. Es wird Uns daher gar lieb sein, zu erfahren, daß sie zum Dank für ihre gegen Eure Stadt bewiesene Ehrerbietung und aus Rücksicht auf Uns von Euch wohl aufgenommen und behandelt sei. Gegeben zu Rom am S. Peter unter dem Fischerring, am 13. Juli 1501. Im neunten Jahr Unseres Pontifikats. Hadrianus.«

Catarina Sforza starb in einem Kloster zu Florenz im Jahr 1509. Sie ließ ihrem Vaterland einen ihr gleich gearteten Sohn Giovanni Medici zurück, den letzten großen Condottiere dieses Landes, der als Führer der schwarzen Banden in der Kriegsgeschichte berühmt geworden ist. Die sitzende Marmorfigur dieses Kapitäns von herkulischer Kraft und mit dem Nacken eines Zentauren steht noch an der Ecke der Kirche S. Lorenzo in Florenz.

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