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Lucrezia Borgia

Ferdinand Gregorovius: Lucrezia Borgia - Kapitel 17
Quellenangabe
typetractate
authorFerdinand Gregorovius
year1982
publisherC. H. Beck'sche Verlagsbuchhandlung
addressMünchen
isbn3-406-08959-3
titleLucrezia Borgia
created20040228
sendergerd.bouillon
firstpub1874
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XIV

Lucrezia konnte über die längere Abwesenheit ihres Bruders nur froh sein. Es war stiller im Vatikan geworden, und nur Don Jofré hielt neben ihr Hof mit Donna Sancìa, die ihre Rückkehr durchgesetzt hatte.

Wir möchten diese Ruhepause benutzen, um uns eine Vorstellung von dem Privatleben Lucrezias, der Einrichtung ihres Hofes und den Personen ihres Umganges zu machen. Aber das ist schwer. Denn kein Zeitgenosse hat davon geredet. Burkard selbst zeigt uns Lucrezia nur selten und immer nur im Zusammenhang mit Ereignissen im Vatikan. Nur einmal führte er uns flüchtig in ihren Palast, am 27. Februar 1496, wo die neuernannten Kardinäle Martinus von Segovia, Juan Lopez, Juan Borgia und Juan de Castro ihr Besuch machten.

Keiner der fremden Diplomaten berichtete in jener Zeit, soviel wir ihre Depeschen kennen, vom Privatleben Lucrezias. Aus ihrer römischen Periode besitzen wir nur wenige Briefe von ihr und kein an sie gerichtetes oder von ihr redendes Gedicht, es sei denn jene giftigen Epigramme von Sannazar und Pontanus, welche sie als die zuchtloseste Hetäre gebrandmarkt haben. Wenn aber je ein junges Weib die Phantasie von Poeten zu entzünden fähig war, so war es sicherlich Lucrezia Borgia in der Blüte ihrer Jugend und Schönheit. Ihre Beziehung zum Vatikan, das Geheimnis, welches sie umgab, die Schicksale, die sie erlitt, machten sie zu dem anziehendsten Weibe jener Zeit in Rom. Irgendwo in Bibliotheken liegen wohl noch die Verse begraben, welche ihr einst die Dichter Roms widmeten, und zahlreich mögen solche sich an den Hof der Papsttochter gedrängt haben, ihrer Schönheit zu huldigen und ihre Protektion zu suchen.

Lucrezia konnte gerade in Rom den Umgang vieler geistvoller Menschen genießen, und selbst unter der Herrschaft der Borgia waren die Musen weder vom Vatikan noch am wenigsten aus Rom verbannt. An den weltlichen Höfen Italiens konnten freilich fürstliche Frauen sich den Interessen der Kultur lebhafter hingeben als am Hofe eines Papstes; auch Lucrezia konnte erst später, in Ferrara, dem Beispiel der Prinzessinnen von Mantua und Urbino nachstreben. In ihrer römischen Zeit war sie selbst zu jung, und war ihr Hauswesen zu unfrei und zu eingeschränkt, als daß sie Einfluß auf die literarischen und künstlerischen Kreise Roms haben konnte. Doch mußte sie durch ihre Stellung mit ihnen wohl in Berührung kommen.

Ihr Vater war nicht unempfänglich für geistige Genüsse. Er hatte sogar seine Hofsänger und Hofdichter. Der gefeierte Aurelio Brandolini improvisierte zur Laute bei Gastmählern im Vatikan, und ohne Frage ließ er sich auch im Palast Lucrezias hören. Er starb im Jahre 1497. Dieselbe Ehre suchte der Liebling Cesars, Serafino von Aquila, der Petrarca jener Zeit. Er starb jung zu Rom im Jahre 1500.

Cesar selbst liebte Poesie und Künste, entweder wie jeder wohlerzogene Mensch in der Renaissance, oder doch wie jeder große Herr und Tyrann. Sein Hofdichter war Francesco Sperulo, der unter seinen Fahnen diente und seinen Krieg in der Romagna und um Camerino besungen hat. Manche römische Dichter, welche später berühmt geworden sind, werden vor Lucrezia ihre Verse rezitiert haben, so Emilio Boccabella und Evangelista Fausto Maddaleni. Es glänzten bereits als Poeten und Rhetoren die drei Brüder Mario, Girolamo und Celso Mellini. Es waren gleich namhaft die Brüder vorn Haus Porcaro, Camillo, Valerio und Antonio. Wir begegneten schon Antonio als Zeugen bei der Vermählung Girolamas Borgia im Jahre 1482, und dann als Prokurator Lucrezias bei ihrer Verlobung mit Centelles im Jahre 1491. Dies zeigt, wie innig die Verbindung der Porcari mit den Borgia war und blieb.

Dieses römische Geschlecht war in der Geschichte der Stadt durch das Schicksal Stefanos, des Epigonen von Cola di Rienzo, berühmt geworden. Von den Catonen wollten die Porcari abstammen und deshalb nannten sie sich Porcius. Mit den Borgia eng befreundet, behaupteten sie auch, mit diesen verwandt zu sein. Denn Isabella, die Mutter Alexanders VI., sollte von römischen Porcari abstammen, die irgendwie nach Spanien gekommen waren. Die Ähnlichkeit des Klanges in den latinisierten Namen Borgius und Porcius gab wohl zu dieser Spielerei Veranlassung.

Neben Antonio war auch Hieronymus Porcius einer der glühendsten Anhänger der Borgia. Gleich nach seiner Thronbesteigung machte ihn Alexander zum Auditor der Rota. Er verfaßte eine im September 1493 zu Rom gedruckte Schrift unter dem Titel Commentarius Porcius, welche er dem Königspaar von Spanien widmete. Sie enthält die Beschreibung der Wahl und Krönung Alexanders VI. und stellt die Obedienzreden in freiem Auszuge zusammen, welche italienische Oratoren an den Papst richteten. Die höfische Schmeichelei kann unmöglich weiter getrieben werden, als es hier Hieronymus getan hat, ein affektierter Pedant, eitler Prahler und fanatischer Papist. Alexander machte ihn zum Bischof von Andria und zum Governator der Romagna, und dort verfaßte Hieronymus im Jahre 1497 zu Cesena einen Dialog, dessen Gegenstand Savonarola und seine »Irrlehre von der Gewalt des Papstes« bilden. Der Kern des Ganzen ist der Grundsatz der Infallibilisten, daß nur derjenige ein Christ ist, welcher dem Papst blindlings gehorcht.

Porcius versuchte sich auch als Poet; in Versen »auf den Stier Borgia« verherrlichte er den Papst und den Kardinal Cesar, welchen er seinen größten Wohltäter nannte. Wahrscheinlich schrieb er auch das Klagelied auf den Tod des Herzogs von Gandìa, welches uns erhalten ist.

Durch die Porcari mochte der junge Phädra Inghirami mit den Borgia und so auch mit Lucrezia in Berührung gekommen sein. Es ist derselbe Ciceronianer, welchen Erasmus bewunderte und Rafael durch sein Porträt unsterblich gemacht hat. Schon damals erregte er die Aufmerksamkeit Roms. Bei dem Totenamt, welches am 16. Januar 1498 der Botschafter Spaniens für den Infanten Don Juan in S. Jacob auf der Navona feiern ließ, hielt Inghirami eine bewunderte Rede. Er glänzte auch als Schauspieler auf dem Theater des Kardinals Rafael Riario.

Das Drama war damals im ersten Aufschwung, nicht allein am Hof der Gonzaga und der Este, sondern auch in Rom. Alexander selbst liebte dasselbe, schon aus Sinnlichkeit. Bei jedem Familienfeste im Vatikan ließ er Komödien und Ballette aufführen. Die Schauspieler mochten junge Akademiker aus der Schule des Pomponius Lätus sein, und nichts hindert uns anzunehmen, daß Inghirami, die Mellini und die Porcari im Vatikan auftraten, so oft ihnen Gelegenheit dazu geboten wurde. Bei diesen Produktionen konnte auch Carlo Canale, der Gatte Vannozzas, gute Dienste leisten, da er von Mantua her mit dem Theater wohl bekannt war, und nicht minder konnte es Pandolfo Collenuccio, welcher mehrmals als Agent Ferraras in Rom war, wo er mit den Borgia in persönliche Beziehungen kam.

Der berühmte Pomponius, welchem Rom die Renaissance des Theaters verdankte, verlebte seine letzten Lebensjahre in hohem Ansehen unter der Regierung Alexanders. Vielleicht war dieser selbst sein Schüler gewesen, wie es der Kardinal Farnese bestimmt gewesen ist. Pomponius starb am 6. Juni 1498, und derselbe Papst, welcher eben erst Savonarola hatte verbrennen lassen, schickte seinen Hof in die Kirche von Aracöli, zu den Exequien jenes Meisters des antiken Heidentums. Auch diese letzte Ehrenbezeigung möchte dartun, daß Pomponius den Borgia persönlich bekannt war. Außerdem war einer seiner eifrigsten Schüler, Michael Fernus, schon seit langem ein enthusiastischer Anhänger Alexanders. Obwohl dieser Papst im Jahre 1501 das erste Zensuredikt erließ, war er doch kein Feind wissenschaftlicher Bildung. Er pflegte die römische Universität, wo zu seiner Zeit bedeutende Männer lehrten, wie Petrus Sabinus und Johann Argyropulos. Selbst eines der größten Genies, von dem die ganze Menschheit Licht empfangen hat, schmückte ein Jahr lang diese Universität und die Regierung dieses Papstes. Es war im Jubeljahre 1500, wo Kopernikus aus dem fernen Preußenlande nach Rom kam und hier Vorlesungen über Mathematik und Astronomie hielt.

Unter den Höflingen Alexanders gab es hervorragende Männer, mit denen Lucrezia notwendig in Verkehr kommen mußte. Der Zeremonienmeister Burkard regelte bei allen Festlichkeiten, in welchen die Papsttochter im Vatikan zu erscheinen hatte, die vorschriftliche Form. Er mochte ihr häufige Besuche abstatten, und sie selbst ahnte nicht, daß noch nach Jahrhunderten die Aufzeichnungen dieses Elsässers der Spiegel sein sollten, in welchem die Nachwelt die Gestalten der Borgia erblickt hat. Jedoch sein Tagebuch gibt keinen Aufschluß über das Privatleben Lucrezias, denn davon zu berichten war nicht seines Amtes.

Nie gab es einen Diarienschreiber, der so kurz und bündig, so nüchtern und gefühllos die Ereignisse seiner Gegenwart beschrieben hat, welche den Stoff für einen Tacitus darboten. Daß Burkard nicht Freund dieser Borgia war, zeigt die Weise, in der er seine Berichte abgefaßt hat, die übrigens keineswegs Fälschungen sind. Aber dieser Mann verstand es, seine Empfindungen zu verbergen, wenn sie nicht überhaupt unter dem Formelkram seines Amtes längst vertrocknet waren. Er ging als eine Maschine des Zeremoniells täglich im Vatikan aus und ein und behauptete dort unter fünf Päpsten seine Stellung. Burkard muß den Borgia als ein durchaus ungefährlicher Pedant erschienen sein, denn wie hätten sie sonst ihm zu beobachten, zu schreiben und zu leben erlaubt. Selbst das wenige, was er in seinem Tagebuch von Ereignissen niederschrieb, würde hingereicht haben, ihn um seinen Kopf zu bringen, wenn Alexander oder Cesar davon gewußt hätten. Es scheint aber, daß solche Tagebücher der Zeremonienmeister keiner amtlichen Aufsicht unterlagen. Cesar würde ihn sonst nicht verschont haben, da er doch den Liebling seines Vaters, Pedro Calderon Perotto, erstach und auch jenen Ritter Cervillon umbringen ließ, den man bei Festen im Vatikan mehrmals in den ehrenvollsten Funktionen erscheinen sah.

Er verschonte auch nicht den Geheimschreiber Francesco Troche, welchen Alexander VI. viel in diplomatischen Geschäften gebrauchte. Troche, den ein venezianischer Bericht Spanier nennt, war ein gebildeter Humanist, wie Canale, und stand gleich diesem in freundlichem Verkehr mit den Gonzaga. Wir lesen noch Briefe von ihm an die Markgräfin Isabella, worin er sich gewisse Sonette von ihr ausbat; und sie selbst schrieb an ihn in ihren Familienangelegenheiten; einmal beauftragte sie ihn, ihr einen antiken Cupido in Rom aufzutreiben. Ohne Frage gehörte er zu den näheren Bekannten Lucrezias. Im Juni 1503 ließ Cesar auch diesen Günstling seines Vaters erwürgen.

Wie Burkard und wie Lorenz Behaim war noch ein anderer Deutscher sehr wohl mit den Familienangelegenheiten der Borgia bekannt, Goritz aus Luxemburg, der später unter Julius II. und Leo X. als der Liebling aller Akademiker gefeiert wurde. Aber schon zur Zeit Alexanders versammelte er in seinem Hause am Forum Trajanum die gebildete Welt zu akademischen Unterhaltungen. Alle Deutschen suchten ihn auf; er empfing bei sich ohne Zweifel schon Reuchlin, der im Jahre 1498 nach Rom kam, dann Kopernikus, später Erasmus und Ulrich von Hutten, welcher seiner dankbar gedenkt; und wohl hat er in seinem gastlichen Hause auch Luther gesehen. Goritz war Supplikenreferent, und schon als solcher kannte er Lucrezia persönlich, weil sich viele Personen mit ihren Anliegen an die einflußreiche Papsttochter wendeten. Auch er hatte Gelegenheit genug, im Vatikan Beobachtungen zu machen, aber von seinen Erfahrungen hat er nichts aufgezeichnet, oder wenn er das tat, so gingen seine Diarien in der Plünderung Roms im Jahre 1527 unter, wo Goritz alle seine Habe verlor.

Es gab noch einen anderen Mann der persönlichsten Bekanntschaft Lucrezias, welcher vielleicht besser als jeder andere die Memoiren der Borgia hätte schreiben können. Dies war der Nestor der römischen Notare, der alte Camillo Beneimbene, die gerichtliche Vertrauensperson Alexanders und fast aller Kardinäle und Großen Roms. Er kannte die Borgia in ihren privaten wie öffentlichen Angelegenheiten, er kannte Lucrezia von ihrer Kindheit an; alle ihre Ehekontrakte sind von ihm ausgefertigt worden. Seine Schreibstube stand auf dem Platz der Lombarden, welcher heute S. Luigi dei Francesi heißt. Dort war er bis zum Jahre 1505 amtlich tätig, denn bis so weit reichen seine Akten. Ein Mann, welcher seit so langer Zeit der amtliche Zeuge und Rechtsbeistand bei den wichtigsten Familienereignissen der Borgia war und deshalb in ihre Geheimnisse tief eingeweiht sein mußte, nahm in ihrem Hause, und besonders Lucrezia gegenüber, sicherlich die Stellung eines väterlichen Freundes ein. Beneimbene hat nichts von seinen Erfahrungen aufgezeichnet, aber sein hochwichtiges Protokollbuch bewahrt noch das Archiv der Notare des Kapitels.

Den Borgia stand sehr nahe ein hochgebildeter Humanist, Hadrian Castelli von Corneto, Geheimschreiber Alexanders, der ihn später zum Kardinal machte. Schon als Sekretär des Papstes mußte er oft mit Lucrezia in Verkehr kommen. Zu ihren näheren Bekannten gehörten auch ohne Zweifel die berühmten Latinisten Cortesi, der junge Sadoleto, Familiär des Kardinals Cibò, der junge Aldus Manutius, die geistvollen Brüder Rafael und Mario Maffei von Volterra, und Egidius von Viterbo. Dieser später berühmte Kanzelredner und Kardinal blieb noch, als Lucrezia Herzogin von Ferrara war, mit ihr in Verbindung. Er hatte großen Einfluß auf die fromme Richtung, der sie sich in dieser zweiten Periode ihres Lebens hingab.

Wir werden nicht irren, wenn wir die junge Herzogin von Biselli im lebhaften Umgange mit den vornehmen, feingebildeten oder galanten Kardinälen erblicken, wie Medici, Riario, Orsini, Cesarini und Farnese, von den Borgia und allen spanischen Kardinälen nicht zu reden. Wir dürfen sie auch in den Palästen der römischen Großen bei Festen suchen, wie der Massimi und Orsini, der Santa Croce, Altieri und Valle, oder in den Häusern reicher Bankiers, wie der Altoviti und Spanocchi, und des Mariano Chigi, dessen Söhne Lorenzo und der bald berühmte Agostino mit den Borgia sehr vertraut waren.

Einen besonders lebhaften Anteil konnte Lucrezia an den Schöpfungen der Kunst in Rom nehmen. Auch Alexander beschäftigte große Meister im Vatikan, wo Perugino für ihn malte. Sein Hofmaler war Pinturicchio. Er malte im Vatikan die Ehebrecherin Julia Farnese unter dem Bilde der heiligen Jungfrau und stellte in der Engelsburg viele Familienmitglieder des Hauses Borgia dar.

»In der Engelsburg«, so sagt Vasari, »malte er viele Stanzen a grottesche, aber im Turm unten im Garten Szenen aus der Geschichte Alexanders VI. Er stellte dort die katholische Königin Isabella dar, den Grafen Nicolaus von Pitigliano, Giangiacomo Trivulzio, mit vielen anderen Verwandten und Freunden des Papstes, und besonders Cesar Borgia, den Bruder und die Schwestern und viele bedeutende Menschen jener Zeit.« Lorenz Behaim hat die Epigramme abgeschrieben, welche unter sechs dieser Gemälde »in der Engelsburg unten im päpstlichen Garten« zu lesen waren. Alle stellten Ereignisse aus der Zeit jener Krisis so dar, daß sie Alexander als Sieger über Karl VIII. verherrlichten. Man sah den Fußfall des Königs vor dem Papst in demselben Garten an der Engelsburg; man sah die Obedienzleistung Karls im Konsistorium; die Erteilung der Kardinalswürde an Philipp von Sens und Guillaume von S. Malò; die Messe in S. Peter, wobei Karl VIII. ministrierte; den Zug nach S. Paul, wobei der König dem Papst den Steigbügel hielt; den Auszug Karls nach Neapel, wobei er Cesar Borgia und den Sultan Djem mit sich führte.

Alle diese Gemälde gingen unter und mit ihnen auch die Porträts der Familie Borgia. Mehrmals mag gerade Pinturicchio die schöne Lucrezia gemalt haben. Manche Gestalt in Gemälden dieses Meisters überhaupt mag die Züge der Borgia tragen, ohne daß wir es wissen. So mögen auch noch heute irgendwo in der Bilderkammer eines Antiquars oder unter den vielen alten Porträts, welche man in Palästen Roms und in Schlössern der Campagna reihenweise an den bestäubten Wänden hängen sieht, Porträts von Lucrezia, von Cesar und seinen Brüdern sich befinden, ohne daß der Beschauer eine Ahnung davon hat. Es ist gewiß, daß sich über dem Altar der S. Lucia in der Kirche S. Maria del Popolo ein Gemälde befand, welches Alexander VI. und seine Kinder naturgetreu darstellte; ohne Frage ein Werk Pinturicchios. Als später Alexander VII. jene Kirche restaurieren ließ, wurde dasselbe entfernt und in den Klosterhof gebracht, wo es endlich verlorenging.

Von damals berühmten Künstlern mußte Lucrezia auch Antonio di Sangallo kennen, den Baumeister ihres Vaters, sie kannte auch Antonio Pollajuolo, den angesehensten Bildhauer der Florentiner Schule in Rom in den letzten Dezennien des 15. Jahrhunderts. Hier starb er im Jahre 1498.

Doch die merkwürdigste aller Künstlergestalten jener Zeit in Rom war Michelangelo. Er kam zum erstenmal hierher im Jahre 1496, als ein aufstrebender junger Mann von dreiundzwanzig Jahren. Die Stadt Rom war damals eine Welt voll von bezaubernder Magie für jede geniale Künstlernatur. Ihre feierliche Versunkenheit in ihr großes Vergängnis, was aus Monumenten des Altertums wie des Christentums so mächtig sprach, ihre Majestät und weihevolle Stille, und mitten in dieser der plötzliche Losbruch furienhafter Leidenschaften: das alles können wir heutigen Menschen uns ebensowenig mehr vergegenwärtigen, als den Geisterodem der Renaissance, welcher über diesen Trümmern wehte, als die furchtbare profane Natur des Papsttums und als die gesamte Seelenstimmung eines Geschlechts von schöpferischer wie zerstörender Kraft, die oft das Gepräge der Größe trug. Denn derselbe Trieb, welcher die titanischen Verbrechen erzeugte, erschuf auch die titanischen Werke der Renaissance. In großem Stil trat hier das Gute wie das Böse auf. Schamlos und furchtlos wie Nero zeigte sich ein Alexander VI. vor der Welt, deren Urteil er verachtete.

Die Renaissance wird ewig eines der größten psychologischen Probleme der Zivilisation bleiben: schon wegen der tiefen Widersprüche, welche sie hier ganz naiverweise, dort mit dem vollen Bewußtsein des Unmöglichen vereinigte, und wegen des dämonischen Zuges, der durch ihre Charaktere geht.

Alle Kräfte, alle Tugenden und Laster wurden in ihr vom fieberhaften Verlangen nach dem Genusse von Geist, Schönheit, Macht und Ruhm in Bewegung gesetzt. Mit einem Kulturbacchanal hat man die Renaissance verglichen; blickt man in die Antlitze dieser Bacchanten hinein, so verzerren sich dieselben, wie die der Freier beim Homer, welche ihren Untergang ahnen. Denn diese Gesellschaft, diese Kirche, diese Städte und Staaten, diese gesamte humanistische Kultur taumeln dem Abgrunde zu, der sie unrettbar verschlingen wird.

Es ist aufregend, sich vorzustellen, daß in diesem Rom zu einer und derselben Stunde einhergingen Menschen wie Kopernikus, Michelangelo und Bramante, Alexander VI. und Cesar Borgia.

Sah Lucrezia den jungen Künstler, den späteren Freund der edlen Vittoria Colonna, welche das schöne Gegenbild von ihr werden sollte? Wir wissen es nicht, doch wir bezweifeln es nicht. Mit der Neugier des Künstlers und des Menschen wird Michelangelo den Anblick der anmutigsten Frau von Rom gesucht haben. Obwohl noch ein Anfänger, war er doch schon als vorzügliches Talent bekannt. Als er sodann seine ersten Aufträge von dem Römer Gallo und vom Kardinal La Grolaye erhielt, konnte er selbst ein Gegenstand der Neugierde auch für Lucrezia sein.

Unter den Eindrücken der Tragödien des Hauses Borgia, wie der Ermordung Gandìas, welche er in Rom erlebte, arbeitete Michelangelo an dem seltsamen Werk, welches zuerst die Blicke der Stadt auf ihn lenkte. Es war das die Gruppe der Pietà, die ihm jener Kardinal aufgetragen hatte. Er vollendete dieselbe im Jahre 1499, als auch der große Bramante nach Rom kam. Man muß diese Gruppe auf dem Hintergrunde der Zeit der Borgia betrachten: da hebt sich erst die Pietà in ihrer idealen Bedeutung hervor, und sie erscheint in dieser moralischen Finsternis wie eine reine Opferflamme, die ein großer und ernster Geist im geschändeten Heiligtum der Kirche entzündet hat. Vor dieser Pietà stand auch Lucrezia, und dieses Kunstwerk konnte die unglückliche Tochter eines lasterhaften Papstes zu tieferen Empfindungen erregen, als die Rede ihres Beichtigers oder die Ermahnung der Äbtissin von S. Sisto ihr mitzuteilen imstande waren.

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