Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Ferdinand Gregorovius >

Lucrezia Borgia

Ferdinand Gregorovius: Lucrezia Borgia - Kapitel 16
Quellenangabe
typetractate
authorFerdinand Gregorovius
year1982
publisherC. H. Beck'sche Verlagsbuchhandlung
addressMünchen
isbn3-406-08959-3
titleLucrezia Borgia
created20040228
sendergerd.bouillon
firstpub1874
Schließen

Navigation:

XIII

Seit dem Juli 1498 lebte Lucrezia, jetzt Herzogin von Biselli, neben einem neuen Gemahl, einem Jüngling von erst siebzehn Jahren, während sie selbst das achtzehnte vollendet hatte. Sie ging mit ihrem Gatten nicht nach Neapel, sondern blieb in Rom; denn wie der mantuanische Agent seinem Herrn meldete, war es ausdrücklich festgestellt, daß Don Alfonso ein Jahr lang in Rom wohnen sollte, und daß Lucrezia, so lange als ihr Vater lebte, nicht gezwungen werden konnte, ins Königreich Neapel zu gehen.

Der junge Alfonso war liebenswürdig und schön; den schönsten jungen Mann, welcher je in Rom gesehen wurde, nennt ihn Talini, ein römischer Chronist jener Zeit. Lucrezia faßte eine wirkliche Neigung zu ihm; das berichtete der Agent Mantuas schon im August. Aber der jähe Wechsel der Dinge gestattete ihr nicht den ruhigen Genuß eines häuslichen Glücks, wenn von solchem überhaupt die Rede sein konnte.

Das bewegende Prinzip im Vatikan war der maßlose Ehrgeiz Cesars, welcher vor Ungeduld brannte, ein mächtiger Fürst zu werden. Am 13. August 1498 legte er die Kardinalswürde nieder, und jetzt rüstete er seine Abreise nach Frankreich, wo ihm Ludwig XII., seit dem April Nachfolger Karls VIII., den Titel eines Herzogs von Valence und die Hand einer französischen Prinzessin zugesagt hatte. Mit königlicher Verschwendung betrieb Alexander die Ausrüstung seines Sohnes.

Es ereignete sich dabei eines Tages, daß eine Karawane von Maultieren, welche Seiden- und Goldstoffe für Cesar nach Rom führten, von den Leuten des Kardinals Farnese und seines Vetters Pier Paolo im Walde von Bolsena ausgeplündert wurde. Der Papst erließ deshalb heftige Breven an den Kardinal, auf dessen Gütern der Raub, wie er sich beschwerte, in Verwahrung gebracht worden sei.

Im Dienst der Farnese befanden sich viele Korsen, teils ihre Söldner und Bravi, teils ihre Feldarbeiter, und diese überall gefürchteten Menschen mochten jene Güter geplündert haben. Denn kaum wird man glauben dürfen, daß der Kardinal Alessandro diesen Raub auf seine eigene Rechnung unternehmen ließ. Es scheint aber damals eine Spannung zwischen den Farnese und den Borgia bestanden zu haben; der Kardinal lebte meist auf den Gütern seines Hauses, und von seiner Schwester Julia verlautete um jene Zeit nichts. Wir wissen nicht einmal, ob sie in Rom wohnte und ihre Verhältnis zum Papst fortsetzte, doch wird das durch spätere Andeutungen wahrscheinlich. Der Kardinal und seine Schwester werden uns in Rom wieder sichtbar am 2. April 1499, wo im Palast Farnese ein Eheverlöbnis geschlossen wurde zwischen Laura Orsini, der siebenjährigen Tochter Julias, und Federigo Farnese, dem zwölfjährigen Sohn des verstorbenen Condottiere Raymund Farnese, einem Neffen von Pier Paolo. Bei diesem Akt war der vermeintliche Vater Lauras, Ursinus Orsini, anwesend.

Es mochten wohl Adriana und Julia sein, welche das Haus der Orsini mit den Borgia zu versöhnen suchten. Nachdem jene Barone aus ihrem Krieg mit dem Papst siegreich hervorgegangen waren, hatten sie im Frühjahr 1498 einen wütenden Kampf mit ihren Erbfeinden, den Colonna, unternommen, der jedoch für sie mit einer Niederlage endete. Beide Häuser hatten sich hierauf im Juli ausgesöhnt, worüber Alexander in nicht geringe Furcht geriet; denn die feindliche Trennung der zwei mächtigsten Geschlechter Roms war stets eine Bedingung für die weltliche Herrschaft der Päpste über diese Stadt, ihre Vereinigung stets die größte Gefahr für sie. Er suchte daher dieses Bündnis wieder aufzulösen, und es gelang ihm auch, die Orsini in sein Interesse zu ziehen, was diese Herren bald bereuen sollten. Er gewann sie so weit, daß sie sich mit den Borgia verschwägerten. Paul Orsini, der Bruder des Kardinals Giambattista, vermählte am 8. September 1498 seinen Sohn Fabio mit Hieronyma Borgia, einer Schwester des Kardinals Juan Borgia des Jüngeren. Vor einer glänzenden Versammlung wurde dieser Ehebund im Vatikan in Gegenwart des Papstes geschlossen, und dort erschien auch als offizieller Zeuge Don Alfonso von Biselli: er hielt das Schwert über dem jungen Paar.

Bald darauf am 1. Oktober schiffte sich Cesar Borgia nach Frankreich ein; dort ward er Herzog von Valence und er vermählte sich im Mai 1499 mit Charlotte d'Albret, der Schwester des Königs von Navarra. An jenem Hofe fand er zwei Männer, welche später in seine Schicksale entscheidend eingreifen sollten, Georg von Amboise, den Erzbischof von Rouen, dem er den Kardinalshut mitgebracht hatte, und Julian Rovere. Rovere, bisher der erbitterte Feind Alexanders, ließ sich jetzt durch den König Frankreichs für die Interessen der Borgia gewinnen; ja er gab sich sogar zum Werkzeug der Größe Cesars her.

Diese Aussöhnung sollte auch durch Verschwägerung beider Familien besiegelt werden. Denn am 2. September 1500 verlobte der Stadtpräfekt Johann Rovere, der Bruder Julians, seinen achtjährigen Sohn Francesco Maria mit Angela Borgia.

Angelas Vater, Jofré, war ein Sohn Giovannas, der Schwester Alexanders VI. und des Guglielmo Lançol. Ihre Brüder waren Juan Borgia der Jüngere, der Kardinal Ludovico und Rodrigo, der Kapitän der päpstlichen Wache. Ihre Schwester Hieronyma hatte sich, wie bemerkt ist, mit Fabio Orsini vermählt. Die Verlobung Angelas fand im Vatikan statt, in Gegenwart der Gesandten Frankreichs.

Ludwig XII. hatte mit Venedig eine Liga gemacht, deren Zweck die Vertreibung Ludovicos des Mohren aus Mailand war, und ihr trat der Papst unter der Bedingung bei, daß Frankreich seinem Sohn zur Eroberung der Romagna verhalf.

Ascanio Sforza, welcher das Verderben von Mailand nicht abzuwenden vermochte und sein eigenes Leben in Rom bedroht sah, entfloh am 13. Juli (1499) nach Genazzano und dann weiter nach Genua.

Seinem Beispiel folgte aber auch der junge Gemahl Lucrezias. Wir kennen die Vorgänge im Vatikan nicht, die Don Alfonso veranlaßten, sich heimlich aus Rom zu entfernen, nachdem er hier erst ein Jahr lang mit Lucrezia gelebt hatte. Im allgemeinen mußte sein Entschluß durch die Richtung bestimmt werden, welche die Politik des Papstes genommen hatte. Die Expedition Ludwigs XII. hatte nicht nur den Sturz der Sforza in Mailand zu ihrem Ziel, sondern auch die Eroberung Neapels; denn sie sollte die Fortsetzung jener Unternehmung Karls VIII. sein, die an dem Widerstand der großen Liga gescheitert war. Der junge Prinz kannte die Absichten des Papstes, seinen Oheim Federigo zu verderben, der ihn durch die Verweigerung der Hand Carlottas für Cesar tief beleidigt hatte, und seitdem dies geschehen war, mußte sich auch die Stellung des Gemahls Lucrezias zum Papst ganz verwandelt haben.

Ascanio war wohl der einzige Freund, welchen der unglückliche Prinz in Rom besaß, und wohl mochte er ihm geraten haben, sich durch die Flucht einem unfehlbaren Verderben zu entziehen, wie das einst sein Vorgänger in der Ehe mit Lucrezia getan hatte. Alfonso entwich am 2. August 1499. Der Papst schickte ihm Reiter nach, doch sie erreichten ihn nicht. Ob Lucrezia um diese Flucht wußte, ist ungewiß. Ein venezianischer Brief aus Rom vom 4. August sagt nur: »Der Herzog von Biseglia, der Gemahl der Madonna Lucrezia, ist heimlich entflohen und zu den Colonna nach Genazzano gegangen; er hat seine Gattin im sechsten Monat der Schwangerschaft zurückgelassen, und sie ist beständig in Tränen.«

Sie war in der Gewalt ihres Vaters, und diesen hatte die Flucht des Prinzen in große Wut versetzt. Jetzt verbannte er auch Alfonsos Schwester, Donna Sancìa, nach Neapel.

Unter diesen Umständen war die Lage Lucrezias eine sehr peinliche. Ihre Tränen verrieten, daß sie ein Herz besaß. Sie liebte, und vielleicht zum ersten Mal. Mit Vorwürfen mochte sie ihr Vater überhäufen, als sei sie die Mitschuldige ihres Gatten. Alfonso schickte ihr von Genazzano dringende Aufforderungen, ihm zu folgen, und diese Schreiben kamen in die Hände des Papstes. Er zwang sie, ihm Briefe zu schreiben, worin sie ihn zur Rückkehr aufforderte. Es waren wohl die Klagen seiner Tochter, welche Alexander bewegen, auch sie aus Rom zu entfernen. Am 8. August ernannte er sie zur Regentin von Spoleto. Diese Stadt und ihr Gebiet hatten bisher päpstliche Legaten, meist Kardinäle, verwaltet; jetzt aber übertrug der Papst deren Amt einem jungen Weibe von neunzehn Jahren, und dieses Weib war seine eigene Tochter! Dorthin schickte er Lucrezia.

Er gab ihr ein Schreiben an die Prioren Spoletos mit, welches lautete:

Geliebte Söhne, Gruß und den apostolischen Segen. Wir haben dieses Amt der Bewahrung des Schlosses wie die Regierung unserer Städte Spoleto und Foligno und ihres Komitats und Distrikts der in Christo geliebten Tochter, der Edelfrau Lucrezia de Borgia, Herzogin von Biseglia übergeben, zum Heil und friedlichen Regiment eben dieser Orte. Vertrauend auf die besondere Klugheit und die vorzügliche Treue wie Redlichkeit derselben Herzogin, wie Wir das des weiteren in Unseren anderen Breven erklärt haben, und auch auf Grund Eures gewohnten Gehorsams gegen Uns und diesen Heiligen Stuhl, hoffen Wir, daß Ihr nach Pflicht eben diese Herzogin Lucrezia als Eure Regentin mit aller Ehrerbietung aufnehmen und ihr in allen Stücken gehorsamen werdet. Indem Wir aber wünschen, daß dieselbe ganz besonders ehren- und achtungsvoll von Euch empfangen und aufgenommen werde, so befehlen wir Euch durch Gegenwärtiges, insofern Ihr Unsere Gnade wert haltet und Unsere Ungnade vermeiden wollet, daß Ihr dieser Herzogin Lucrezia, Eurer Regentin, in allem und im einzelnen, was immer von Rechts und Gewohnheits wegen sich auf die besagte Regierung bezieht, und was sie Euch zu befehlen für gut halten wird, wie Unserer eigenen Person gehorsame! und mit allem Eifer und Fleiß ihre Gebote ausführet, damit Ihr Euch verdiente Billigung Eurer Dienstbarkeit erwerbet. Gegeben zu Rom am Sankt Peter unter dem Fischerring, am 8. August 1499. Hadrianus (Sekretär).

An demselben Tag verließ Lucrezia Rom, um sich nach ihrem neuen Bestimmungsort zu begeben. Sie nahm mit sich ein großes Gefolge, ihren Hof, und es begleiteten sie ihr Bruder Don Jofré und Fabio Orsini, jetzt als Gemahl von Hieronyma Borgia ihr Verwandter, mit einer Kompanie von Bogenschützen. Als sie sich zu Pferde vom Vatikan fortbewegte, gaben ihr der Stadtgovernator, der Gesandte Neapels und viele andere Herren das Ehrengeleit; ihr Vater aber stand in einer Loge über dem Portal des vatikanischen Palastes, um seine scheidende Tochter und ihre Kavalkade zu betrachten.

Zum ersten Mal fand er sich in Rom von allen seinen Kindern verlassen.

Lucrezia setzte ihre Reise teils zu Pferde, teils in einer Sänfte fort; sie brauchte nicht weniger als sechs Tage, um die Entfernung zwischen Rom und Spoleto zurückzulegen. Bei Porcaria im Umbrischen fand sie zu ihrer Begrüßung eine Deputation der Spoletaner, und diese Herren geleiteten die Regentin ihrer seit Hannibal berühmten Stadt, worin einst mächtige Langobardenherzöge geherrscht hatten, zu ihrer Residenz. Das Schloß von Spoleto ist alten Ursprungs und schreibt sich wohl in seiner ersten Anlage von einem jener Herzöge Faroald und Grimoald her. Im 14. Jahrhundert baute es der große Gil d'Albornoz, der Zeitgenosse Cola's di Rienzo, neu wieder auf, und seine Vollendung gab ihm sodann Nicolaus V. Es ist ein prächtiger Renaissancebau von edlem Stil, über der altertümlichen Stadt an einer tiefen Schlucht gelegen, welche es von dem Monte Luco trennt. Aus seinen hohen Fenstern überblickt man das Tal des Clitumnus und jenes des Tiber, die reiche umbrische Ebene und das mächtige Waldgebirge der Spoletaner Apenninen.

Am 15. August empfing dort Lucrezia die Prioren der Stadt, denen sie ihre päpstliche Bestallung übergab, und diese Magistrate huldigten ihr, worauf die Gemeinde ihr zu Ehren ein Bankett gab.

Der Aufenthalt Lucrezias in Spoleto war von kurzer Dauer. Ihre dortige Regentschaft konnte überhaupt keinen anderen Sinn haben, als diesen, von jenem Landgebiet tatsächlich Besitz zu nehmen, denn mit ihm wollte Alexander seine Tochter ausstatten.

Ihr Gemahl Alfonso hatte sich unterdes zu seinem Unglück doch entschlossen, dem Befehl des Papstes zu gehorsamen und zu seiner Gattin zurückzukehren, vielleicht weil er diese wirklich liebte. Der Papst gebot ihm über Foligno nach Spoleto zu gehen und dann mit seiner Gemahlin nach Nepi zu kommen, wo auch er sich einfinden wollte. Der Zweck dieser Zusammenkunft war, auch hier seine Tochter zur Herrin einzusetzen.

Nepi war niemals ein Lehn von Baronen gewesen, obwohl die Präfekten von Vico und die Orsini sich dieses Orts vorübergehend bemächtigt hatten. Die Kirche verwaltete ihn und sein Gebiet durch Rektoren. Alexander selbst war als Kardinal von seinem Oheim Calixt dort zum Governator gemacht worden und das bis zu seiner Erhebung auf den Papstthron geblieben. Er hatte hierauf Nepi dem Kardinal Ascanio Sforza verliehen. Im Archiv dieser Stadt bewahrt man noch die sauber auf Pergament geschriebenen Statuten der Gemeinde, welche Ascanio am 1. Januar 1495 bestätigte. Aber im Anfang des Jahres 1499 bemächtigte sich Alexander wieder Nepis, indem er den Kastellan, welcher für den flüchtigen Ascanio die dortige Burg befehligte, zwang, sie ihm auszuliefern. Er investierte nun seine Tochter mit Burg, Stadt und Landgebiet von Nepi. Am 4. September 1499 nahm Francesco Borgia, des Papstes Thesaurar und Bischof von Teano, in ihrem Namen davon Besitz.

Alexander ging dorthin am 25. September, begleitet von vier Kardinälen; in der Burg, welche er ehemals selbst ausgebaut hatte, hielt er seine Zusammenkunft mit Lucrezia, die ihren Gemahl und ihren Bruder Jofré mit sich hatte. Schon am 1. Oktober kehrte er in den Vatikan zurück. Am 10. richtete er von dort ein Breve an die Stadt Nepi, worin er ihr anbefahl, der Donna Lucrezia, Herzogin von Biseglia, als ihrer Herrin fortan zu gehorsamen. Am 12. richtete er auch ein Schreiben an seine Tochter, durch welches er ihr erlaubte, die Nepesiner von gewissen Abgaben zu befreien.

Lucrezia war demnach die Gebieterin zweier großer Landschaften geworden, und dies zeigte wohl, wie hoch sie in der Gnade ihres Vaters stand. Sie kehrte indes nicht mehr nach Spoleto zurück, wo sie das Regiment einem Leutnant überließ. Obwohl Alexander am Anfange des Oktober den Kardinal Gurk zum Legaten für Perugia und Todi machte, so nahm er doch zugunsten seiner Tochter Spoleto von dieser Legation aus. Später, am 10. August 1500, ernannte er zum dortigen Governator Ludovico Borgia, den Erzbischof von Valencia, ohne deshalb die Rechte seiner Tochter zu schmälern, und diese bestanden in den ansehnlichen Einkünften jenes Gebiets.

Schon am 14. Oktober traf Lucrezia wieder in Rom ein. Am 1. November 1499 gebar sie einen Sohn. Man gab ihm den Namen des Papstes, Rodrigo. Die Taufe ihres ersten Kindes wurde am 11. November in der sixtinischen Kapelle mit großem Pomp vollzogen; unter dieser aber ist nicht die heute so genannte zu verstehen, sondern jene, welche Sixtus IV. im S. Peter erbaut hatte. Den Täufling trug Giovanni Cervillon; ihm zu beiden Seiten gingen der Governator Roms und der Botschafter des Kaisers Maximilian. Alle Kardinäle und die Gesandten Englands, Venedigs, Neapels, Savoyens, der Republik Florenz und Sienas wohnten der Zeremonie bei. Der Stadtgovernator hielt das Kind über die Taufe. Paten waren Podocatharo, Bischof von Caputaqua, und der Bischof Ferrari von Modena. Unter Posaunenklängen verließ hierauf der Zug die Taufkapelle.

Unterdes hatte Ludwig XII. am 6. Oktober von Mailand Besitz genommen, nachdem Ludovico Sforza beim Herannahen der französischen Armee zum Kaiser Maximilian entronnen war. Dem Vertrage mit Alexander gemäß, lieh der König hierauf Cesar Borgia Truppen zur Eroberung der Romagna, wo die Vasallen und Vikare der Kirche, die Malatesta von Rimini, die Sforza von Pesaro, die Riarii von Imola und Forli, die Varano von Camerino, die Manfredi von Faenza alsbald vom Papst ihrer Lehen verlustig erklärt wurden.

Cesar kam am 18. November 1499 nach Rom; drei Tage lang blieb er im Vatikan, dann reiste er wieder zu seiner Armee ab, welche Imola belagerte. Er wollte erst diese Stadt nehmen, dann aber Forli angreifen, in dessen Burg die Herrin jener beiden Orte, Catarina Sforza, sich zur Gegenwehr rüstete.

Während er die Romagna bekriegte, versuchte sein Vater den römischen Baronen ihre Stammgüter zu entreißen. Zuerst griff er die Gaetani an. Dieses alte Geschlecht war seit dem Ende des 13. Jahrhunderts in der Campagna und Maritima zu einem großen Landbesitz gelangt. Es hatte sich in verschiedene Zweige geteilt, von denen einer Neapel angehörte. Denn dort waren die Gaetani Herzöge von Traetto, Grafen von Fundi und Caserta, also Lehnsvasallen und Großwürdenträger der Krone Neapel.

Der Mittelpunkt der gaetanischen Ländereien in der römischen Campagna war Sermoneta, ein alter Ort mit einem Baronalschloß, auf den Vorhöhen des Volskergebirges. Über ihm liegen seitwärts die Trümmer der Zyklopenburg Norba, unten die entzückenden Ruinen von Nymfa, während sich zu Füßen das Sumpfland bis zum Meere ausbreitet. Der größte Teil dieses von der Via Appia durchschnittenen Landes, das Kap der Circe inbegriffen, war das Besitztum der Gaetani und gehört ihnen noch am heutigen Tag.

Zur Zeit, von der wir reden, waren dort Herren die Söhne Honoratus' II., eines kraftvollen Mannes, welcher sein Haus aus dem Verfall wieder aufgerichtet hatte. Er starb im Jahre 1490, und hinterließ seine Witwe Catarina Orsini und die Söhne Nicola, den Protonotar Giacomo und Guglielmo. Seine Tochter Giovanella war die Gemahlin Pierluigi Farneses und die Mutter Julias. Nicola hatte sich mit Eleonora Orsini vermählt; er starb im Jahre 1494, so daß, neben dem Protonotar Giacomo, Guglielmo Gaetani das Haupt des Hauses von Sermoneta war.

Alexander lockte den Protonotar nach Rom, wo er ihn als Rebellen in die Engelsburg setzte und ihm den Prozeß machte. Guglielmo vermochte nach Mantua zu entfliehen, aber Nicolas kleiner Sohn Bernardino wurde von den Soldknechten der Borgia umgebracht. Sie erstürmten Sermoneta, dessen Bevölkerung sich nicht ohne Widerstand ergab.

Schon am 9. März 1499 ermächtigte Alexander die apostolische Kammer, seiner Tochter die Güter der Gaetani um den Preis von achtzigtausend Dukaten zu verkaufen. Er sagte in diesem von achtzehn Kardinälen unterschriebenen Akt, daß die Größe der Ausgaben, die er kurz zuvor für die Kirche gehabt habe, ihn zwinge, einige Kirchengüter zu veräußern; zu diesem Zweck aber böten sich dar Sermoneta, Bassiano, Ninfa und Norma, Tivera, Cisterna, S. Felice (das Kap der Circe) und San Donato, welche auf Grund der Rebellion der Gaetani konfisziert seien. Dieser Kauf wurde im Februar 1500 abgeschlossen, und Lucrezia, welche bereits Herrin von Spoleto und Nepi war, ward so auch Gebieterin von Sermoneta. Vergebens erhob der unglückliche Giacomo Gaetani Protest in seinem Kerker; man vergiftete ihn am 5. Juli 1500. Seine Mutter und seine Schwestern bestatteten ihn in S. Bartolomeo auf der Tiberinsel, wo die Gaetani seit langer Zeit einen Palast besaßen.

Julia Farnese hatte demnach ihre eigenen Oheime nicht retten können. Man erinnere sich, daß Giacomo und Nicola im Jahre 1489 ihre Beistände gewesen waren, als sie sich im Palast Borgia mit dem jungen Orsini vermählte. Wir wissen auch nicht, ob Julia jetzt in Rom lebte. Nur in Epigrammen wird sie bisweilen genannt. So erscheint ihr Name in einer Satire: »Dialog des Todes und des fieberkranken Papstes«, worin dieser Julia zu seiner Rettung anruft, der Tod aber andeutet, daß diese Geliebte ihm drei oder vier Kinder geboren habe. Da die Satire dem Sommer 1500 angehört, wo Alexander am Fieber litt, so muß sein Verkehr mit Julia zu dieser Zeit noch fortgedauert haben.

Cesar, welcher am 1. Dezember 1499 Imola erobert hatte, sah voll Unwillen seine Schwester mit den reichen Ländern der Gaetani ausgestattet, deren Einkünfte er selbst gebrauchen konnte. Er sah ebenso ungern ihren wachsenden Einfluß im Vatikan, wo er allein über den Willen seines Vaters gebieten wollte. Er hatte finstere Pläne, für deren Ausführung bald die Zeit kommen sollte.

 << Kapitel 15  Kapitel 17 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.