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Lucrezia Borgia

Ferdinand Gregorovius: Lucrezia Borgia - Kapitel 14
Quellenangabe
typetractate
authorFerdinand Gregorovius
year1982
publisherC. H. Beck'sche Verlagsbuchhandlung
addressMünchen
isbn3-406-08959-3
titleLucrezia Borgia
created20040228
sendergerd.bouillon
firstpub1874
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XI

Am Anfang des September 1494 rückte Karl VIII. in Piemont ein, und alsbald veränderten sich alle Verhältnisse Italiens. Der Papst, dessen Verbündeter Alfonso und Piero Medici sahen sich in kurzer Zeit fast wehrlos. Schon am 17. November hielt der König seinen Einzug in Florenz. Alexander wollte ihm noch seine und die neapolitanischen Truppen bei Viterbo entgegenstellen, wo sich der Kardinal Farnese als Legat befand, aber die Franzosen breiteten sich ungehindert im Patrimonium aus. Dort fielen sogar die Geliebte des Papstes, ihre Schwester Girolama und Madonna Adriana, diejenigen Frauen, welche Alexanders »Herz und Augen« waren, in die Hände eines französischen Streifkorps.

Der mantuanische Agent Brognolo berichtete darüber seinem Herrn in einer Depesche vom 29. November 1494: »Es hat sich ein Vorfall zugetragen, welcher eine große Beschimpfung für den Papst ist. Denn vorgestern zogen Madonna Hadriana und Madonna Julia mit ihrer Schwester von ihrem Schloß Capodimonte aus, um sich zu deren Bruder, dem Kardinal, nach Viterbo zu begeben; etwa in der Entfernung einer Millie von jenem Ort stießen sie auf einen Trupp französischer Reiterei, und von diesem wurden sie gefangengenommen und nach Montefiascone geführt, samt ihrer Begleitung von fünfundzwanzig bis dreißig Personen zu Pferde.«

Der französische Kapitän, welcher diesen kostbaren Fang machte, war Monseigneur d'Allegre, vielleicht jener Ivo, der später in die Dienste Cesars trat. »Als er erfuhr, wer diese schöne Dame sei, legte er ihr ein Lösegeld von dreitausend Dukaten auf, und meldete durch einen Brief dem Könige Karl, wen er gefangen habe, doch dieser wollte sie nicht sehen. Madonna Julia schrieb hierauf nach Rom, sie werde sehr wohl behandelt, man solle ihr das Lösegeld schicken.«

Die Kunde von diesem Vorfall versetzte Alexander in die größte Bestürzung. Er schickte sofort einen Kammerherrn nach Marino, wo sich damals im Hauptquartier der Colonna der Kardinal Ascanio befand, der auf seine dringenden Bitten am 2. November zurückgekommen war und mit dem Könige Karl unterhandelt hatte. Er beschwerte sich bei diesem Kardinal über den ihm zugefügten Schimpf und forderte seine Verwendung für die Befreiung der Gefangenen. Er schrieb auch an Galeazzo von Sanseverino, welcher den König nach Siena begleitete, und diesen Herren willfahrend, befahl Karl VIII. die Freilassung jener Frauen. Mit einer Bedeckung von vierhundert Franzosen wurden sie bis an die Tore Roms geführt und hier am 1. Dezember von Juan Marades, dem Kämmerer des Papstes, in Empfang genommen.

In ganz Italien machte dieses romantische Ereignis Aufsehen. Man gönnte dem Papst den erlittenen Skandal und verlachte ihn. Ein Brief Trottis, des ferrarischen Gesandten am Hof von Mailand, an den Herzog Ercole mag zeigen, wie Ludovico der Mohr, der Usurpator des Throns seines von ihm vergifteten Neffen, bei dieser Gelegenheit vom Papste urteilte. »Er tadelte heftig Monsignor Ascanio und den Kardinal Sanseverino wegen dieser Zurückgabe von Madonna Julia, Madonna Adriana und Hieronyma an Se. Heiligkeit; denn da diese Frauen das Herz und die Augen des Papstes seien, so würden sie als die besten Geiseln dazu gedient haben, Se. Heiligkeit zu allem, was man wünschen mochte, zu zwingen, da er ohne sie nicht leben will. Die Franzosen, welche sie fingen, haben nicht mehr als dreitausend Dukaten Lösegeld bekommen, und doch würde der Papst mehr als fünfzigtausend gezahlt haben, um sie nur wieder zu erhalten. Der genannte Herr Herzog hat Nachrichten aus Rom, auch von Angelo aus Florenz, welcher dort war, daß, als die Frauen eintrafen, Se. Heiligkeit ihnen entgegenging, gekleidet in ein schwarzes Wams mit Leisten von Goldbrokat, mit einem schönen Gürtel spanischer Mode, und mit seinem Dolch und Degen. Er trug spanische Stiefel und ein samtenes Barett, gar galant. Der Herzog fragte mich lächelnd, was ich dazu dächte, und ich entgegnete ihm ebenso, daß, wenn ich Herzog von Mailand wäre, wie er, ich versuchen wollte, durch den König von Frankreich und auf jedem anderen Wege Se. Heiligkeit unter Vorwand des Akkords zu umgarnen und zu überlisten und mit schönen Worten, wie er selbst getan, ihn und die Kardinäle gefangenzunehmen, was sehr leicht sein würde. Wer den Knecht hat, so sagt man bei uns zu Hause, hat auch den Wagen mitsamt den Ochsen; und ich erinnerte ihn an jenen Vers des Catull, welcher sagt: tu quoque fac simile ars deluditur arte

Ludovico, der würdige Zeitgenosse der Borgia, einst mit Alexander VI. innig befreundet, haßte jetzt diesen Papst, seitdem er sich von ihm und Frankreich abgewendet hatte, und zumal damals war er über die verräterische Gefangennahme seines Bruders Ascanio tief erbittert. Am 28. Dezember schrieb derselbe Gesandte an Ercole: »Der Herzog Ludovico sagte mir, daß er stündlich erwarte, Messer Bartolommeo da Calco mit einer Stafette ankommen zu sehen, ihm zu melden, der Papst sei festgenommen und enthauptet worden. Es bleibt dem Leser überlassen, anzunehmen oder nicht, daß Ludovico aus eben diesem Haß sich Verleumdungen oder doch Übertreibungen in betreff des Papstes erlaubte, als er jenes Zwiegespräch mit Trotti hatte, oder als er öffentlich in seinem Staatsrat behauptete: »daß sich der Papst soeben drei Frauen hat kommen lassen; die eine ist eine Nonne aus Valencia, die andere ist Castilianerin, die dritte ist ein bildschönes Mädchen aus Venedig, fünfzehn oder sechzehn Jahre alt«. »Man spricht hier in Mailand«, so fügte Trotti in seiner Depesche hinzu, »öffentlich über diesen Papst solche Schmähungen aus, wie man sie etwa in Ferrara über den Torta auslassen würde.«

Es ist in anderen Geschichten zu lesen, wie Karl VIII. siegreich, ohne zu siegen, bis nach Rom und Neapel vordrang. Sein Eroberungszug durch Italien ist vielleicht die demütigendste aller Invasionen, welche dieses Land erlitten hat; aber sie lehrt, daß, wenn Staaten und Völker zum Untergange reif geworden sind, auch die Kraft eines schwachköpfigen Knaben ausreicht, sie zu Fall zu bringen. Der Papst überlistete diesen Monarchen Frankreichs, welcher, statt ihn durch ein Konzil absetzen zu lassen, vor ihm auf die Knie fiel, ihn als den Statthalter Christi anerkannte und mit ihm einen Vertrag schloß.

Er brach dann nach Neapel auf, und dieses Land fiel nach kurzer Zeit in seine Gewalt. Als sich sodann Italien ermannte und die Liga wider ihn schloß, mußte Karl VIII. seinen Rückzug nehmen. Alexander entwich vor ihm erst nach Orvieto und dann nach Perugia. Dorthin rief er Johann Sforza, welcher am 16. Juni 1495 mit seiner Gemahlin kam, vier Tage daselbst blieb und dann nach Pesaro zurückkehrte. Der König von Frankreich schlug sich hierauf am Taro glücklich durch die Armee der Liga, und entrann so mit Ehren dem Tod oder der Gefangenschaft.

Nach Rom zurückgekehrt, setzte sich Alexander VI. nur um so fester auf den Heiligen Stuhl, um welchen er seine ehrgeizigen Bastarde versammelte, und diese Borgia erhoben sich um so furchtloser, als eben die Erschütterung aller Verhältnisse Italiens durch die Invasion Karls VIII. es ihnen leichter machte, ihre Absichten durchzuführen.

Lucrezia blieb noch einige Zeit in Pesaro mit ihrem Gemahl, welchen Venedig für die Liga in Sold genommen hatte. Doch weder in der Schlacht am Taro noch bei der Belagerung Novaras war Giovanni Sforza persönlich erschienen. Als nun im Oktober 1495 der Friede zwischen Karl VIII. und dem Herzog von Mailand geschlossen war, wodurch der Krieg in Oberitalien zum Stillstand kam, mochte Sforza seine Gemahlin nach Rom zurückführen. Marin Sanudo berichtet von ihrer Anwesenheit in dieser Stadt am Ende des Oktober, und Burkard zeigt uns hier Lucrezia am Weihnachtsfest.

Im Dienst der Liga befehligte Sforza dreihundert Mann Fußvolk und hundert schwere Reiter. Mit diesem Korps sollte er im Frühling des folgenden Jahres nach Neapel abrücken, wo die bündische Armee den jungen König Ferrante II. im Kampfe wider die Franzosen unter Montpensier kräftig unterstützte. Dorthin zog selbst der Generalkapitän Venedigs, der Marchese von Mantua, welcher am 26. März 1496 in Rom eintraf. Am 15. April kam auch Sforza mit seinem Söldnerhaufen und rückte am 28. April von Rom ab, indem er hier seine Gemahlin zurückließ. Am 4. Mai erreichte er Fundi.

Noch immer befanden sich damals die beiden Söhne Alexanders, Don Juan und Don Jofré, im Auslande. Jener, der Herzog von Gandìa, war gleichfalls von Venedig in Sold genommen und wurde von Spanien her erwartet, um den Oberbefehl über vierhundert Mann zu übernehmen, welche für ihn sein Leutnant Alovisio Bacheto versammelte. Der andere, Don Jofré, war, wie wir gesehen haben, im Jahre 1494 nach Neapel gegangen, wo er sich mit Donna Sancìa vermählt hatte und zum Prinzen von Squillace ernannt worden war. Als Mitglied des Hauses Aragon teilte er auch die Gefahren der sinkenden Dynastie, um dadurch den Papst zu bewegen, diese nicht preiszugeben. Er begleitete den König Ferrante auf seiner Flucht und folgte auch dessen Fahnen, als derselbe nach dem Rückzuge Karls VIII. mit Hilfe Spaniens, Venedigs und des Papstes sich seines Königreichs wieder bemächtigte und im Sommer 1495 in Neapel einzog.

Erst im folgenden Jahre kam Don Jofré mit seiner Gemahlin nach Rom. Beide hielten ihren Einzug am 20. Mai 1496 mit königlichem Gepränge. Die Gesandten, die Kardinäle, die Magistrate der Stadt, viele Barone zogen ihnen vor das Lateranische Tor entgegen. Auch Lucrezia kam mit ihrem Hofstaate. So wurde das junge Paar nach dem Vatikan geführt. Der Papst empfing Sohn und Schwiegertochter auf seinem Thron, von elf Kardinälen umgeben. Zu seiner Rechten ließ er Lucrezia, zu seiner Linken Sancìa auf Kissen niedersitzen. Es war die Pfingstzeit. An diesem Fest sah man beide Prinzessinnen und deren Hofdamen im S. Peter, wo sie sich dreist auf den Sitzen der Domherren niederließen und dadurch, nach der Bemerkung Burkards, dem Volk ein öffentliches Ärgernis gaben.

Drei Monate später, am 10. August 1496, hielt auch der älteste Sohn Alexanders, Don Juan Herzog von Gandìa seinen Einzug in Rom, um fortan daselbst zu bleiben, wo ihn sein Vater zu einem großen Fürsten zu machen beschlossen hatte. Nirgends wird gesagt, daß er seine Gemahlin Donna Maria mit sich brachte.

So hatte damals Alexander VI. zum erstenmal alle seine Kinder um sich versammelt, und es gab im vatikanischen Borgo nicht weniger als drei Nepotenhöfe. Juan residierte im Vatikan; Lucrezia im Palast S. Maria in Porticu; Jofré im Haus des Kardinals von Aleria an der Engelsburg, und Cesar in demselben Borgo.

Alle diese Menschen waren Emporkömmlinge, die nach Ehren, Macht und Genuß gierten, alle waren sie jung und schön, fast alle auch lasterhaft, anmutsvoll beredte Frevler und, wie solche im alten Rom, von den liebenswürdigsten und feinsten Formen der Geselligkeit. Denn nur das bornierte Urteil, welches nichts sieht als die grellen Taten jener Menschen, mag sich in den Borgia eine wilde und rohe Brut als wie von Tigerkatzen durch Natur ausmalen. Sie waren privilegierte Verbrecher, gleich vielen Prinzen und Herren in ihrer Zeit. Sie gebrauchten Gift und Dolch erbarmungslos; sie räumten fort, was ihrer Leidenschaft im Wege stand, und lachten, wenn die diabolische Tat gelang.

Wenn wir die Mysterien des Lebens kennten, welches jene ausgelassenen Bastarde um den Vatikan her aufführten, in dessen Gemächern jetzt ihr Vater im Bewußtsein seiner Sicherheit und Größe thronte, so würden wir freilich befremdende Dinge vor uns sehen. Es war ein geradezu unerhörtes Schauspiel, welches dieser Bezirk des Sankt Peter darbot, wo zwei junge und schöne Frauen glänzenden Hof hielten, wo man täglich Schwärme von spanischen und italienischen Kavalieren und Damen in Bewegung sah, und die elegante Welt Roms, Adel und Monsignoren, sich herzudrängten, diesen Frauen zu huldigen. Von ihnen war Lucrezia erst sechzehn, Sancìa kaum mehr als siebzehn Jahre alt.

Man mag sich darstellen, welche Liebesränke in den Palästen dieser jugendlichen Weiber alsbald gesponnen wurden, und wie dort Eifersucht und Ehrgeiz ihr verworrenes Spiel trieben. Denn niemand wird glauben, daß diese Prinzessinnen voll Jugendlust und Übermut wie Nonnen oder Heilige im Schatten des Sankt Peter lebten. Ihre Paläste erschallten vielmehr von Musik und Tanz, von Banketten und Maskenspielen. Man sah diese Frauen in prachtvollen Kavalkaden durch Rom und zum Vatikan ziehen; man sah den Papst in täglichem Verkehr mit ihnen, sei es, daß er sie in Person besuchte und an ihren Festen Anteil nahm, oder daß er sie bald privaterweise, bald mit offiziellem Gepränge als Prinzessinnen seines Hauses empfing. Alexander selbst liebte, sosehr er der Sinnlichkeit ergeben war, keine schwelgerischen Gelage. Im Jahre 1495 schrieb von ihm der ferrarische Gesandte Boccaccio an seinen Herrn: »Der Papst ißt nur von einem Gericht, obschon dies reichlich sein muß. Es ist daher eine Pein, mit ihm zu speisen. Ascanio und andere, zumal der Kardinal Monreale, welche die Tischgenossen Sr. Heiligkeit zu sein pflegten, und so auch Valenza, haben sich, weil ihnen solche Kargheit nicht gefällt, dieser Genossenschaft entzogen und fliehen dieselbe, wo und wie sie das nur immer tun können.«

Das Treiben im Vatikan mußte tausend Gerüchte erzeugen, und in Rom stand die Skandalsucht seit Alters in üppiger Blüte. Schon im Oktober 1496 erzählte man in Venedig, daß der Herzog von Gandìa seinem Vater eine Spanierin zugeführt habe, mit welcher er lebe; und man meldete dorthin einen frevelhaften Vorgang, der fast unglaublich scheint, aber doch vom venezianischen Botschafter und anderen Personen berichtet wurde.

Viel machte bald Donna Sancìa von sich reden. Sie war schön und leichtfertig; sie fühlte sich als die Tochter eines Königs. Von dem lasterhaftesten der Höfe war sie in das verderbte Rom versetzt, als Gemahlin eines unreifen Knaben. Man erzählte, daß ihre Schwäger Gandìa und Cesar sich um ihren Besitz stritten und ihn abwechselnd erwarben, und daß sich junge Barone oder junge Kardinäle wie Hippolyt von Este ihrer Gunst rühmen konnten.

Wohl mochte Savonarola auch diese Nepotenhöfe im Auge haben, wenn er auf der Kanzel zu S. Marco in Florenz mit glühender Entrüstung gegen das römische Sodom eiferte.

Auch wenn nicht die Stimme des großen Predigers zu ihr drang, von dessen Ruf damals Italien widerhallte, konnte Lucrezia aus eigener Erfahrung wissen, daß die Welt, in der sie lebte, ruchlos war. Sie sah um sich her Laster, die sich schamlos entschleierten oder mit Würde umhüllten; Ehrgeiz und Habsucht, die vor keinem Verbrechen zurückbebten, eine Religion heidnischer als das Heidentum, einen kirchlichen Kultus, in welchem jene heiligen Schauspieler, deren Lebenswandel hinter der Szene sie ganz genau kannte, die Priester, die Kardinäle, ihr Bruder Cesar, ihr eigener Vater die Mysterien der Gottheit mit Pomp und Anstand zu vollziehen wußten. Das alles sah Lucrezia, aber diejenigen irren, welche glauben, daß sie oder andere ihresgleichen es so sah und beurteilte, wie wir heute Lebenden, oder wie wenige damals Lebende von reiner Gesinnung. Denn den Blick der gewöhnlichen Menschen stumpft Erziehung und Gewohnheit für die Erkenntnis des Wahren zu allen Zeiten ab. Zu jener Zeit aber waren selbst die Begriffe von der Religion, vom Schicklichen und Moralischen nicht die heute geltenden.

Nachdem sich in der Renaissance der erste Bruch mit dem Mittelalter und seiner asketischen Kirche vollzogen hatte, trat eine schrankenlose Emanzipation der Leidenschaften ein. Alles, was für heilig gegolten hatte, wurde verlacht. Die italienischen Freigeister erschufen eine Literatur, deren nackter Zynismus nirgend seinesgleichen hat. Von dem Hermaphroditus des Beccadelli bis zu Berni und Pietro Aretino herab breitete sich in Novellen, Epigrammen und Komödien ein literarischer Sumpf aus, vor dessen Anblick der ernste Dante wie vor einem höllischen Pfuhle würde zurückgebebt sein.

Selbst in den minder lasziven Novellen, deren Reihe Piccolomini mit dem Euryalus begann, und in den minder obszönen Komödien sind doch immer Ehebruch und die Verspottung der Ehe das herrschende Motiv. Die Hetäre wurde die Muse der schönen Literatur der Renaissance. Sie stellte sich dreist neben die Heilige der Kirche, mit ihr um die Palme des Ruhms zu streiten. Eine handschriftliche Gedichtsammlung aus der Zeit Alexanders VI. enthält eine fortlaufende Reihe von Epigrammen, welche erst die Jungfrau Maria und viele heilige Frauen feiern, und dann in demselben Atemzuge, ohne Absatz noch Bemerkung, Hetären der Zeit verherrlichen. Denn gleich auf die heilige Paula folgt hier das Epigramm Meretricis Nichine, einer berühmten Kurtisane Sienas; dann eine Reihe ähnlicher Art. Die Heiligen des Himmels und die Jüngerinnen der Venus wurden ohne weiteres nebeneinandergestellt, als berühmte Frauen.

Kein anständiges Weib würde heute bei der Aufführung einer jener Renaissance-Komödien zugegen sein wollen, welche Päpste und Fürsten oftmals Damen zu Ehren in Szene setzen ließen, und ihre Aufführung würde die Sittenzensur jedes Landes von jeder Bühne verbannen, selbst wenn ihr Publikum nur aus Männern bestände.

Die Natürlichkeit, mit welcher Frauen des Südens Dinge behandeln, welche man im Norden zu verschleiern pflegt, setzt noch heute oft in Verwunderung; aber dasjenige, was der Geschmack oder die Sitte in der Renaissance ertrug, ist geradezu unglaublich. Man muß freilich erwägen, daß jene obszöne Literatur damals keineswegs die Verbreitung hatte, welche heute unsere Novellenliteratur besitzt, und außerdem, daß die südliche Gewohnheit an das Natürliche dem Weibe selbst zur Schutzwehr diente. Vieles blieb äußerlich und ward so behandelt, ohne auf die Phantasie einzuwirken. Mitten in den Lastern der städtischen Gesellschaft gab es Frauen edler Art, die sich rein erhielten.

Was die Sittlichkeit der Großen, zumal der Höfe jener Zeit betrifft, so muß man die Geschichte der Visconti und Sforza, der Malatesta von Rimini, der Baglioni von Perugia und der Borgia von Rom lesen, um davon einen Begriff zu haben. Sie waren nicht sittenloser als die Höfe der Zeit Ludwigs XIV. und XV. und Augusts von Sachsen, aber sie waren schrecklicher durch ihre mörderischen Frevel. Der Wert des Menschenlebens stand im niedrigsten Preise, während die verbrecherische Selbstsucht offen mit dem Prädikat der Großsinnigkeit (magnanimitas) bezeichnet wurde, ohne daß man auf die blutigen Opfer sah, welche Ehrgeiz und Habsucht erwürgten. Egoismus und gemütlose Ausbeutung von Verhältnissen und Menschen waren nirgends so an der Regel, als im Vaterland Machiavellis, und die Italiener mögen, wenn sie aufrichtig sein wollen, die Frage beantworten, ob hier diese Fehler nicht auch heute noch öfters zur Erscheinung kommen. Frei von den pedantischen Vorurteilen der Deutschen und deren Verehrung des Standes, Ranges und des Geburtsadels, welche sich bei diesen als eine Angewöhnung vom Mittelalter her festgesetzt hat, haben die Italiener im Gegenteil jede Macht der Persönlichkeit, und mochte sie noch so bastardisch und illegitim sein, sofort anerkannt, aber sie sind auch ebenso leicht die Sklaven des Erfolgs gewesen. Machiavelli behauptet, daß die Schuld des moralischen Verfalls Italiens die Kirche und die Priester trugen, aber waren etwa diese Kirche und diese Priester nicht Produkte Italiens? Er hätte sagen sollen, daß Wesenheiten, welche bei den Germanen innerliche werden, bei den Italienern äußerliche bleiben. Luther konnte unter ihnen nie entstehen. Wer noch daran zweifeln sollte, frage einmal, was und wer hier entstanden ist nach dem letzten Konzil des Jahres 1870.

Wenn für uns die Ansicht über Alexander VI. und Cesar wesentlich durch die Moral bestimmt wird, so war das nicht bei Guicciardini und am wenigsten bei Machiavelli der Fall. Sie beurteilten nicht den sittlichen, sondern den politischen Menschen, nicht seine Motive, sondern seine Praxis. Das Schreckliche war nicht abschreckend, wenn es als die Tat eines kühnen Willens erschien, und das Verbrechen nicht schändlich, wenn es sich als ein Kunstwerk bewundern ließ. Die furchtbare Handlungsweise Ferdinands von Neapel in der Verschwörung der Barone seines Königreichs machte diesen Despoten nicht abscheulich, sondern groß, und die Hinterlist, mit welcher später Cesar Borgia seine abtrünnigen Condottieri in Sinigaglia umgarnte, beschrieb Machiavelli wie ein Meisterstück, während es der Bischof Paul Jovius »den schönsten Betrug« nannte. In jener Welt des Egoismus, wo es kein Tribunal der öffentlichen Meinung gab, konnte sich der Mensch nur erhalten, wenn er die Gewalt zu überwältigen und die List zu überlisten suchte. Wenn die Franzosen nichts so sehr scheuten und scheuen als die Lächerlichkeit, so war und ist dem Italiener kein Prädikat abscheulicher als das des »Gimpels«.

Mit einer schrecklichen Aufrichtigkeit gibt einmal Machiavelli in seinen Discorsi (I, 27) seine Herzensmeinung zu erkennen, und was er sagt, beleuchtet die ganze Moral eines Zeitalters. Er erzählt, daß Julius II. sich nach Perugia hineinwagte, obwohl Giampolo Baglione, der, von ihm eingeschüchtert, jene Stadt ihm übergab, darin viel Kriegsvolk versammelt hatte. Er bemerkt wörtlich dazu, wie folgt: »Leute von Urteil, welche mit dem Papst waren, wunderten sich über dessen Tollkühnheit und die Feigheit Giampolos; sie konnten es nicht begreifen, warum dieser nicht zu seinem ewigen Ruhm mit einem einzigen Schlage seinen Feind erdrückte und von der Beute sich reich machte, da den Papst alle Kardinäle mit all ihren Kostbarkeiten begleiteten. Man konnte unmöglich glauben, daß ihn Güte oder eine Gewissensregung davon abhielt; denn das Herz eines ruchlosen Menschen, welcher es mit seiner Schwester hielt, nachdem er Vettern und Neffen umgebracht hatte, um zu herrschen, konnte keinerlei Bedenken aus Pietät zugänglich sein. Doch man kam zu dem Schluß, daß die Menschen weder mit Ehren frevelvoll noch vollkommen gut zu sein verstehen, und wenn ein Verbrechen in sich selbst Größe oder eine gewisse Großartigkeit hat, so wissen sie nicht darauf einzugehen. So geschah es mit Giampolo; er, welcher Inzest und öffentlichen Verwandtenmord für nichts achtete, verstand nicht, oder besser gesagt, er wagte nicht, trotz des berechtigten Augenblickes, eine Tat zu tun, wobei jeder seinen Mut würde bewundert und er einen unsterblichen Namen würde erworben haben. Denn er zuerst würde den Priestern gezeigt haben, wie gering Menschen zu achten sind, welche leben und regieren wie sie, und er zuerst würde eine Tat vollbracht haben, deren Größe jede Schmach und jede Gefahr, die daraus hätte erwachsen können, würde überragt haben.«

Darf man sich wundern, daß bei solcher Herabsetzung der Moral auf die Begriffe von Gewinn, Ruhm und Großartigkeit, wie sie Machiavelli dort und in seinem »Fürsten« ausgestellt hat, Menschen wie die Borgia den weitesten Spielraum für ihre kühnen Verbrechen fanden? Sie wußten wohl, daß die Größe des Frevels dessen Schande deckte. Der gefeierte Dichter Strozzi in Ferrara versetzte Cesar Borgia nach seinem Fall unter die Heroen des Olymp, und der berühmte Bembo, einer der ersten Männer jenes Zeitalters, tröstete Lucrezia nach dem Tode des erbärmlichen kleinen Alexanders VI., den er geradezu ihren »großen« Vater nannte.

Kein edler und seiner Bedeutung sich bewußter Mann würde heute in die Dienste eines Fürsten treten wollen, der mit den Verbrechen der Borgia gebrandmarkt wäre, vorausgesetzt, daß ein solcher heute seine fürstliche Stellung behaupten könnte, was unmöglich ist. Aber die besten und genialsten Männer ertrugen oder suchten ohne weiteres die Nähe und die Gunst der Borgia. Pinturicchio und Perugino malten für Alexander VI., und das bewundernswürdigste Genie der Zeit, der große Leonardo da Vinci, trat ohne Bedenken in die Dienste Cesar Borgias als dessen Ingenieur, ihm Festungen in derselben Romagna zu bauen, welche er mit so teuflischen Mitteln erobert hatte.

Die Menschen der Renaissance waren im hohen Grade tatkräftig und schöpferisch; sie gestalteten die Welt um, mit einer revolutionären Energie und fieberhaften Tätigkeit, gegen welche der Prozeß moderner Zivilisation sanft erscheinen muß. Ihre Triebe waren roher und gewaltiger und ihre Nerven stärker als die des heutigen Geschlechts. Es wird immer wunderbar erscheinen, daß die zartesten Blüten der Kunst, die idealsten Schöpfungen der Malerei auf dem Grunde einer Gesellschaft erwuchsen, deren sittliche Verderbnis und innere Brutalität uns heute Lebenden unerträglich sein müßte. Wenn wir einen Menschen, wie ihn unsere Zivilisation erzogen hat, mitten in jene Renaissance versetzten, so würde die tägliche Barbarei, welche an den damals Lebenden eindruckslos vorüberging, sein Nervensystem zugrunde richten und vielleicht seinen Geist verwirren.

Lucrezia Borgia lebte in jener Luft Roms, und sie selbst war nicht besser und nicht schlimmer als die Frauen ihrer Zeit. Sie war lebensfroh und leichtsinnig. Wir wissen nicht einmal, ob sie jemals sittliche Kämpfe durchgekämpft, ob sie sich je im bewußten Widerspruch zu den Tatsachen ihres Lebens und ihren Umgebungen befunden hat. Sie hielt einen Hof, den ihr Vater reichlich wird ausgestattet haben, und sie war im täglichen Verkehr mit den Höfen ihrer Brüder. Sie war die Genossin und die Zierde ihrer Feste; sie wurde die Vertraute der Intrigen im Vatikan, welche sich auf die Größe der Borgia bezogen, und darin mußte sich bald alles dasjenige konzentrieren, was ihr lebhaftestes Interesse bildete.

Sie erscheint zwar nirgends, und auch nicht in späterer Zeit als eine Frau von außerordentlichem Genie; sie hatte keine der Eigenschaften, welche sie zu einer Virago machen konnten, wie Catarina Sforza oder wie Ginevra Bentivoglio; noch besaß sie den ränkevollen Sinn einer Isotta von Rimini, oder das geistige Leben der Isabella Gonzaga. Wenn sie nicht die Tochter Alexanders VI. und die Schwester Cesars gewesen wäre, so würde sie kaum in der Geschichte ihrer Zeit bemerkt worden sein oder nur als ein reizendes vielumworbenes Weib in der Masse der Gesellschaft sich verloren haben. Doch in den Händen ihres Vaters und Bruders wurde sie das Werkzeug und auch das Opfer von politischen Berechnungen, welchen sie kaum einen Widerstand entgegenzusetzen die Kraft besaß.

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