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Lucrezia Borgia

Ferdinand Gregorovius: Lucrezia Borgia - Kapitel 13
Quellenangabe
typetractate
authorFerdinand Gregorovius
year1982
publisherC. H. Beck'sche Verlagsbuchhandlung
addressMünchen
isbn3-406-08959-3
titleLucrezia Borgia
created20040228
sendergerd.bouillon
firstpub1874
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Die Stürme, welche alsbald über Alexander hereinbrachen, berührten Lucrezia nicht; denn am 8. Juni 1494 zog sie mit ihrem Gemahl in Pesaro ein. Bei strömendem Regen, wodurch die Feier des Empfangs gestört wurde, nahm sie Besitz von dem Palast der Sforza, der jetzt ihre Residenz sein sollte.

Dies ist in Kürze die Geschichte Pesaros bis auf jene Zeit:

Das alte Pisaurum soll von den Siculern gegründet worden sein und seinen Namen vom Fluß empfangen haben, der sich unweit der Stadt ins Meer ergießt und heute Foglia heißt. Im Jahre 570 Roms wurde diese Stadt eine römische Kolonie. Sie gehörte seit Augustus zur vierten Region Italiens, seit Constantin zur Provinz Flaminia. Nach dem Falle des römischen Reichs erlitt sie die Schicksale aller anderen italienischen Städte, zumal in dem großen Krieg der Goten mit dem griechischen Kaiser. Vitiges zerstörte sie; Belisar stellte sie wieder her.

Nach dem Sturz der Gotenherrschaft wurde Pesaro dem Exarchat einverleibt, indem es mit vier anderen Städten am adriatischen Meere, Ancona, Fano, Sinigaglia und Rimini, die Pentapolis bildete. Als Ravenna in die Gewalt des Langobardenkönigs Aistulf gefallen war, wurde auch Pesaro langobardisch, dann aber kam es infolge der Schenkungen Pipins und Karls in den Besitz des Papstes.

Die spätere Geschichte der Stadt ist in jene des Reiches, der Kirche und der Markgrafschaft Ancona verflochten. Lange Zeit residierten dort kaiserliche Grafen. Innocenz III. belieh mit ihr Azzo von Este, den Herrn jener Mark. Dann war sie während des Kampfes der Hohenstaufen mit dem Papsttum bald in kaiserlicher, bald in kirchlicher Gewalt, bis am Ende des 13. Jahrhunderts die Malatesta erst ihre Podestaten, dann ihre Signoren wurden. Dieses berühmte Guelfengeschlecht aus dem Kastell Verrucchio, welches zwischen Rimini und S. Marino liegt, erwarb im Gebiet von Pesaro zuerst die Burg Gradara und breitete seine Herrschaft allmählich bis gegen Ancona aus. Im Jahr 1285 wurde Gianciotto Malatesta Herr von Pesaro. Nach seinem Tode im Jahre 1304 erbte seine Gewalt sein Bruder Pandolfo.

Seither beherrschten die Malatesta, Signoren im nahen Rimini, nicht allein Pesaro, sondern einen großen Teil der Mark, welchen sie an sich rissen, als die Päpste in Avignon saßen. Sie sicherten sich den Besitz von Rimini, Pesaro, Fano und Fossombrone durch einen Vertrag zur Zeit des berühmten Gil d'Albornoz, welcher sie dort als Vikare der Kirche bestätigte. Ein Nebenzweig dieses Hauses residierte in Pesaro bis auf Galeazzo Malatesta. Bedroht von seinem Verwandten Gismondo, dem Tyrannen Riminis, und unfähig, Pesaro gegen dessen Angriffe zu behaupten, verkaufte er die Stadt im Jahr 1445 für zwanzigtausend Goldfloren dem Grafen Francesco Sforza, und dieser belieh damit vertragsgemäß seinen Bruder Alessandro, den Gemahl einer Nichte Galeazzos. Sforza war jener große Condottiere, welcher nach dem Ausgang der Visconti als erster Herzog seines Hauses den Thron von Mailand bestieg. Während er dort die Linie der Herzöge Sforza gründete, wurde sein Bruder Alessandro der Stifter des Herrenhauses von Pesaro.

Dieser tapfere Kapitän nahm im März 1445 von Pesaro Besitz; zwei Jahre später erhielt er die päpstliche Investitur. Er war mit Costanza Varano vermählt, einer jener durch Schönheit und Geist ausgezeichneten Frauen in der Frührenaissance Italiens.

Sie gebar ihm Costanzo und eine Tochter Battista, und auch diese glänzte später als Gemahlin Federigos von Urbino durch ihre Tugenden und ihr Genie. Die benachbarten Höfe von Pesaro und Urbino verschwägerten sich, und sie wetteiferten miteinander in der Pflege schöner Künste und Wissenschaften. Eine andere nicht legitime Tochter Alessandros war Ginevra Sforza, zu ihrer Zeit ein nicht minder bewundertes Weib, berühmt als Gemahlin erst des Sante, dann des Giovanni Bentivoglio, der Herren Bolognas.

Nach dem Tode seiner Gattin vermählte sich Alessandro Sforza zum zweitenmal, mit Sveva Montefeltre, einer Tochter Guidantonios von Urbino. Nach einer glücklichen Regierung hinterließ er dann sein Land am 3. April 1473 seinem Sohn.

Costanzo Sforza vermählte sich ein Jahr später mit Camilla Marzana d'Aragona, einer schönen und geistvollen Prinzessin vom königlichen Hause Neapels. Er selbst war glänzend und liberal. Er starb im Jahr 1483, erst sechsunddreißig Jahre alt, ohne legitime Erben; denn seine Söhne Giovanni und Galeazzo waren natürliche Kinder. Die Regierung Pesaros führte hierauf seine Witwe Camilla für sich und ihren Stiefsohn Giovanni, bis sie dieser im November 1489 nötigte, ihm allein das Regiment zu überlassen.

Dies war die Geschichte der Familie Sforza von Pesaro, in welche jetzt Lucrezia Borgia als Gemahlin eben jenes Giovanni eintrat.

Die Herrschaft dieses Hauses umfaßte damals die Stadt Pesaro und eine Reihe von kleineren Gemeinden, die man Kastelle oder Villen nannte: nämlich S. Angelo in Lizzola, Candelara, Montebaroccio, Tomba di Pesaro, Montelabbate, Gradara, Monte S. Maria, Novilara, Fiorenzuola, Castel di Mezzo, Ginestreto, Gabicce, Monteciccardo und Monte Gaudio. Außerdem war von den Malatesta her auch Fossombrone an die Sforza gekommen.

Das Fürstentum gehörte, wie wir sahen, seit alters der Kirche, von welcher es erst die Malatesta, dann die Sforza unter dem Titel von Vikaren zu Erblehen trugen, gegen den Jahreszins von siebenhundertfünfzig Goldgulden. Die Tochter eines Papstes mußte daher für den Tyrannen Pesaros die passendste Gemahlin sein, die er unter den damaligen Verhältnissen nur wünschen konnte, wo die Päpste danach strebten, jene illegitimen Herrschaften im Kirchenstaat auszurotten. Wenn Lucrezia den Umfang und die Bedeutung ihres kleinen Reiches betrachtete, so konnte sie sich freilich sagen, daß sie hinter jenen Frauen zurückstand, welche in Urbino, Ferrara und Mantua oder in Mailand und Bologna residierten, aber immerhin war sie unter der Oberhoheit des Papstes, ihres eigenen Vaters, eine selbständige Fürstin geworden. Und wenn ihr Besitztum auch nur wenige Quadratmeilen umfaßte, so war es doch ein köstlicher Fruchtgarten Italiens.

Pesaro liegt frei und eben in einem weiten Tal. Eine Kette grüner Hügel bildet um dasselbe einen sanft gebogenen Halbkreis wie eines Theaters, dessen Szene das Meer begrenzt. In dieses hinein lagern sich an den Enden des Halbkreises zwei schroffe Vorgebirge, der Monte Accio und der Ardizio. Der Fluß Foglia durchzieht das Tal. An seinem rechten Ufer liegt die freundliche Stadt mit ihren Türmen und Mauern und dem Kastell am weißen Meeresstrand ausgebreitet. Nordwärts gegen Rimini hin drängen die Berge näher an die See, südwärts ist das Ufer freier, und dort tauchen aus dem Meeresduft die Türme von Fano auf. Weiterhin wird das Kap Anconas sichtbar.

Jene sonnigen Hügel und ihr lachendes Tal, der blaue Himmel darüber und das strahlende Meer bilden zusammen ein Gemälde, über welches der Odem entzückender Lieblichkeit ergossen ist. Es ist die heiterste Idylle am adriatischen Strand. Die Lüfte scheinen hier von Land und See einen lyrischen Wohllaut herzuwehen, welcher das Herz erweitert und Bilder von Glück und Schönheit in die Seele spiegelt. Pesaro ist die Wiege Rossinis und Terenzios Mamiani, des reich begabten Dichters und Staatsmannes, welcher noch heute der Wiedergeburt Italiens seine edlen Kräfte widmen kann.

Die Leidenschaften der Tyrannen dieser Stadt waren nicht so schrecklich, wie die anderer Dynasten ihrer Zeit, vielleicht auch, weil ihr Land für grausame Taten des Ehrgeizes zu klein war. Denn der menschliche Geist formt sich nicht immer nach den Einflüssen der Natur. Einer der gräßlichsten Frevler war Gismondo Malatesta in dem milden und schönen Rimini. Die Sforza in Pesaro aber scheinen als gute und glückliche Herrscher, wenn man sie mit ihren Vettern in Mailand vergleicht. Ihren kleinen Hof schmückte eine Reihe von edlen Frauen, denen nachzueifern jetzt auch Lucrezia Borgia sich verpflichtet fühlen konnte.

Als sie Pesaro betrat, mußte sie, wenn ihre Seele in so jungem Alter noch nicht für ein bescheidenes Glück verdorben war, zum erstenmal das beseligende Gefühl der Freiheit empfinden. Hier konnte ihr das düstere Rom mit dem unheimlichen Vatikan und seinen Verbrechen und Leidenschaften wie ein Kerker erscheinen, dem sie entronnen war. Freilich war alles, was sie in Pesaro umgab, kleinlich im Vergleich zu den Größenverhältnissen Roms, aber hier war sie dem unmittelbaren Einfluß des Willens ihres Vaters und Bruders entrückt, von dem sie der Apennin und eine damals weite Entfernung trennten.

Die Stadt Pesaro, welche heute über zehntausend und mit ihrem Gebiet gegen zwanzigtausend Einwohner zählt, mochte damals etwa die Hälfte davon umfassen. Sie hatte gerade Straßen und Plätze mit noch wesentlich gotischer Architektur, die indes schon durch manche Paläste im Stil der Renaissance unterbrochen wurde. Einige Klöster und Kirchen, die noch heute ihre altertümlichen Portale bewahrt haben, wie S. Domenico, S. Francesco, S. Agostino und Sankt Johann, gaben der Stadt ein ehrwürdiges Ansehen, obwohl keine besonders schön zu nennen war.

Die größten Monumentalgebäude Pesaros waren die Denkmäler des regierenden Tyrannenhauses, die Burg am Meer und der Palast auf dem Stadtplatz. Jene hatte Costanzo Sforza im Jahr 1474 gegründet und dann baute sie sein Sohn Giovanni vollkommner aus. Noch heute liest man über dem Eingangstor dessen Namen auf einer Marmortafel. Das Kastell mit seinen vier stumpfen Rundtürmen oder Bastionen, ganz flach gelegen, von einem Graben umringt, steht an der Ecke der Stadtmauern gegen das Meer hin, und nur dessen damals unmittelbare Nähe konnte ihm einige Festigkeit geben. Trotzdem erscheint es so unbedeutend, daß man sich verwundern muß, wie es auch in jener Zeit, wo die Ausbildung der Artillerie noch sehr unvollkommen war, als widerstandsfähig gelten konnte.

Der Palast der Sforza steht noch auf dem zierlichen Stadtplatz, dessen eine Seite er einnimmt. Er ist ein ansehnlicher, doch nicht imposanter Bau mit zwei großen Höfen. Die Rovere, Nachfolger der Sforza in Pesaro, verschönerten ihn im 16. Jahrhundert. Sie bauten auch die stattliche Fassade, welche auf einer Halle von sechs Rundbogen ruht. Die Wappen der Sforza sind im Palast verschwunden, aber oft genug sieht man über Portalen und an Zimmerdecken die Inschrift Guidobaldus II. Dux und das Wappen Rovere. Zur Zeit Lucrezias bestand schon der prachtvolle Festsaal, die schönste Zierde dieses Palastes, so groß und weit, daß er des mächtigsten Monarchen würdig wäre. Der Mangel an Schmuck der Wände oder der Türen mit edler Marmoreinfassung, wie solche im Schloß zu Urbino Bewunderung erregen, zeigt aber auch hier die kleineren Verhältnisse der Dynastie Pesaros. Die reiche Decke des Saals aus vergoldetem und bemaltem Holzwerk stammt vom Herzog Guidobald her.

Das Andenken an die Zeit, wo Lucrezia Borgia dieses Schloß bewohnte, ist erloschen; es beleben dasselbe nur andere Erinnerungen aus dem späteren Hofleben der Rovere, wo Bembo, Castiglione und Tasso mehrmals hier zu Gast waren. Die weiten Räume des Palastes konnte Lucrezia mit ihrem Hofstaat nicht ausfüllen, denn einen solchen brachte sie mit sich, und nur kurze Zeit hielten sich bei ihr ihre Mutter, Madonna Adriana und Julia Farnese auf. Eine junge Spanierin ihres Gefolges, Donna Lucrezia Lopez, die Nichte des Datars und dann Kardinals Juan Lopez, vermählte sie in Pesaro mit Gianfrancesco Ardizio, dem Arzt und Vertrauten Giovanni Sforzas.

Sie fand im Palast kaum andere Verwandte ihres Gemahls vor als dessen jüngeren Bruder Galeazzo, denn diese Dynastie war nicht fruchtbar und neigte sich dem Aussterben zu. Auch Camilla d'Aragona, die Stiefmutter Giovannis, teilte nicht ihre Gesellschaft, da sie schon im Jahre 1489 Pesaro für immer verlassen und sich auf ein Schloß bei Parma zurückgezogen hatte.

In der Sommerzeit konnte die schöne Landschaft der jungen Fürstin manche Unterhaltung gewähren. Sie mochte den Hof des nahen Urbino besuchen, wo Guidobald von Montefeltre und seine Gemahlin Elisabetta in dem herrlichen Schloß residierten, welches der geistvolle Federigo zu einem Mittelpunkt der Kultur gemacht hatte. Es lebte in Urbino damals Rafael, eine Knabe von elf Jahren, emsig lernend in der Schule seines Vaters Sanzio.

Lucrezia bezog im Sommer eine der schönen Villen auf den Hügeln der Umgegend. Der Lieblingsaufenthalt ihres Gemahls war Gradara, ein hoch gelegenes Schloß über der Straße von Rimini, welches mit seinen roten Mauern und Türmen noch heute unversehrt dasteht. Aber der herrlichste Landsitz war die Villa Imperiale. Sie liegt eine halbe Stunde von Pesaro entfernt auf dem Monte Accio, von wo sie weit in das Land und das Meer niederschaut, ein köstlicher Sommerpalast für große Signoren und für glückliche Menschen von vornehmer Muße und schöner Genußfähigkeit. Einem Garten der Armida muß diese Villa ähnlich gewesen sein. Alessandro Sforza baute sie im Jahr 1464; der von seiner römischen Krönung heimkehrende Kaiser Friedrich III. legte ihren Grundstein, woher sie den Namen Villa Imperiale erhielt. Ihre Vollendung gab ihr später Eleonora Gonzaga, die Gemahlin Francescos Maria Rovere, des Erben Urbinos und des Nachfolgers von Giovanni Sforza in der Herrschaft von Pesaro. Berühmte Maler zierten sie mit allegorischen und historischen Gemälden, Bembo und Bernardo Tasso besangen sie in Versen, und Torquato las dort vor dem Hof der Rovere sein Schäferspiel Aminta vor. Heute ist auch diese Villa in kläglichem Verfall.

Was Pesaro sonst einer jungen Dame, die durch die Gesellschaft Roms verwöhnt war, an Unterhaltung darbot, konnte nicht viel sein. Diese kleine Stadt besaß keinen Adel von Bedeutung. Die Häuser der Brizi, der Ondedei, der Giontini, Magistri, Lana, Ardizi und andere konnten in ihren patriarchalischen Verhältnissen Lucrezia keinen Ersatz für den aufregenden Umgang mit den Großen Roms bieten. Von der humanistischen Kulturbewegung Italiens drang wohl auch eine Welle nach Pesaro hinüber. Es blühte dort und in den Nachbarstädten am adriatischen Meer und bis nach Umbrien hinein die Kunstindustrie der Majolikamalerei, der in ihrer Vollendung nicht unwürdigen Nachfolgerin der Vasenkunst Großgriechenlands und Etruriens. Schon zur Zeit der Sforza war sie entwickelt. Eine der ältesten Majoliken im Museo Correr zu Venedig, Salomo vor einem Idol in Verehrung darstellend, trägt die Jahreszahl 1482. Sogar schon im 14. Jahrhundert betrieb man diese Kunst in Pesaro, und sie war dort im Aufschwung, als Camilla d'Aragona regierte. Noch heute bewahrt das Stadthaus Pesaros einige Reste aus dem Reichtum der alten Fabriken dieser Stadt.

Dort regte sich auch in anderen Richtungen ein geistiges Leben, welches die Sforza oder ihre Frauen befördert hatten, wetteifernd mit Urbino und jenem Rimini, wo Gismondo Malatesta Dichter und Gelehrte um sich versammelte, denen er im Leben Stipendien gab und nach dem Tode an der Außenmauer des Doms einen Sarkophag errichtete. Besonders war es Camilla, die sich um die Kultur der Wissenschaften bemühte. Im Jahr 1489 berief sie nach Pesaro einen edlen Griechen, Georg Diplovatazio aus Korfu, einen Verwandten der Laskari und Vatazes, welcher als Flüchtling vor den Türken nach Italien gekommen war, und schon lebten im gastlichen Pesaro andere griechische Exilierte aus den Geschlechtern der Angeli, der Komnenen und Paleologen. Diplovatazio hatte in Padua studiert; in Pesaro machte ihn Johann Sforza im Jahr 1492 zum Fiskaladvokaten. Seither glänzte er dort als Rechtsgelehrter bis an seinen Tod, im Jahre 1541.

Diesen ausgezeichneten Mann fand demnach Lucrezia in Pesaro vor, und mit ihm und anderen Griechen hätte sie ihre Studien fortsetzen können, wenn sie dazu Reife des Alters oder Neigung besaß. Eine Bibliothek, welche die Sforza gesammelt hatten, bot ihr dazu die Mittel dar. Sie vermißte einen anderen damals nicht minder berühmten Mann, Pandolfo Collenuccio, einen Dichter, Rhetor und Philologen, der durch seine Geschichte Neapels am bekanntesten geworden ist. Er hatte dem Hause Sforza als Sekretär und Diplomat gedient, und seiner Beredsamkeit verdankte es der Gemahl Lucrezias, daß ihm, dem Bastard Costanzos, die Investitur mit Pesaro von Sixtus IV. und Innocenz VIII. erteilt wurde. Aber Collenuccio fiel in seine Ungnade; er wurde von ihm im Jahr 1488 erst ins Gefängnis gesetzt, dann verbannt. Er ging nach Ferrara, wo er dem dortigen Hof seine Dienste widmete. Den Kardinal Hippolyt begleitete er nach Rom, und hier befand er sich gerade im Jahre 1494, und in der Zeit, als Lucrezia ihren Sitz in Pesaro nahm. In Rom mochte sie diesen Mann kennengelernt haben.

In Pesaro war zu ihrer Zeit auch nicht der junge Dichter Guido Posthumus Silvester, weil er damals noch in Padua studierte. Einst sollte es Lucrezia bedauern, daß sie diesen geistvollen und ruhelosen Poeten nicht an ihrem Hof hatte aufnehmen dürfen, denn ihre bezaubernde Anmut würde ihn vielleicht zu ganz anderen Versen begeistert haben, als diejenigen waren, die er später an die Borgia gerichtet hat.

Man kam der schönen Gemahlin Sforzas in Pesaro mit Liebe entgegen, und bald erwarb sie sich dort viele Freunde. Sie stand in dem ersten Reiz ihrer aufblühenden Jugend und noch trübte keines jener Schicksale ihr Leben, welche sie später zum Gegenstand des Argwohns oder des Mitleids machten. Wenn sie in ihrer Ehe mit Sforza ein wirkliches Liebesglück genoß, so würde sie in Pesaro ihre Tage als die beneidenswerte Königin eines Schäferspiels hingebracht haben. Aber dies Los war ihr nicht beschieden. Der finstere Schatten des Vatikan reichte selbst bis zur Villa Imperiale auf dem Monte Accio. Eine Depesche ihres Vaters konnte sie an jedem Tage nach Rom rufen. Und vielleicht begann ihr selbst der Aufenthalt in Pesaro zu einförmig und zu inhaltlos zu werden, zumal auch ihr Gatte durch seinen Dienst als Condottiere bei der Armee des Papstes und der Venezianer öfters genötigt war, sich von seinem Hof zu entfernen.

Die Ereignisse, welche unterdes Italien umgewälzt hatten, führten Lucrezia nach Rom zurück, nachdem sie m Pesaro ein Jahr lang in Ruhe gelebt hatte.

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