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Lucrezia Borgia

Ferdinand Gregorovius: Lucrezia Borgia - Kapitel 12
Quellenangabe
typetractate
authorFerdinand Gregorovius
year1982
publisherC. H. Beck'sche Verlagsbuchhandlung
addressMünchen
isbn3-406-08959-3
titleLucrezia Borgia
created20040228
sendergerd.bouillon
firstpub1874
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IX

Am Ende des Jahres 1493 hatte Alexander VI. für die Zukunft aller seiner Kinder reichlich gesorgt. Don Cesar war Kardinal; Don Juan ein Herzog in Spanien; Don Jofré bald ein Prinz von Neapel. Dieser jüngste Sohn des Papstes vermählte sich mit Donna Sancìa in Neapel schon am 7. Mai 1494, an demselben Tage, wo sein Schwiegervater Alfonso als Nachfolger des Königs Ferdinand den Thron bestieg und vom Kardinallegaten Juan Borgia gekrönt wurde. Don Jofré blieb in Neapel; er wurde Prinz von Squillace. Auch Juan erhielt große Lehen in jenem Königreich; er nannte sich davon Herzog von Suessa und Prinz von Teano.

Noch eine Zeitlang wohnte der Gemahl Lucrezias in Rom, wo ihn der Papst in Sold genommen hatte, gemäß dem früheren Bundesvertrag mit Ludovico dem Mohren, in dessen Condotta derselbe Sforza stand. Aber schon begann seine Stellung am Hofe Alexanders zweideutig zu werden. Seine Oheime hatten ihn mit Lucrezia vermählt, um den Papst zum Genossen und Mitschuldigen ihrer Politik zu machen, welche auf eine Umwälzung in Neapel gerichtet war. Nun aber schloß sich Alexander eng an diese Dynastie Aragon an, er gab dem König Alfonso die Investitur jenes Landes und erklärte sich zum Gegner der beabsichtigten Expedition Karls VIII.

Sforza geriet deshalb in nicht geringe Verlegenheit; am Anfang des April 1494 gab er seinem Oheim Ludovico Meldung von seiner verzweifelten Lage.

»Gestern«, so schrieb er ihm, »sagte mir Se. Heiligkeit in Gegenwart von Monsignore (dem Kardinal Ascanio): Nun siehe da, Herr Giovanni Sforza, was hast du mir zu sagen? Ich antwortete: Heiliger Vater, in ganz Rom glaubt man, daß Ew. Heiligkeit mit dem Könige (von Neapel) einverstanden sei, und dieser ist der Feind des Staates von Mailand. Sollte dem so sein, so befinde ich mich in einer schlimmen Lage, da ich im gemeinsamen Solde Ew. Heiligkeit und des genannten Staates stehe. Wenn nun die Dinge so fortgehen, so weiß ich nicht, wie ich dem einen Teile dienen soll, ohne vom anderen abzufallen, und doch wollte ich mich von keinem lossagen. Ich bitte, Ew. Heiligkeit möge geruhen, meine Stellung derart zu regeln, daß ich nicht zum Feinde meines eigenen Blutes werde und nicht den Verpflichtungen entgegenhandle, die ich meiner Kapitulation gemäß gegen Ew. Heiligkeit und den erlauchten Staat von Mailand eingegangen bin. Er entgegnete mir, daß ich mich zu viel um seine eigenen Angelegenheiten bekümmere, und daß ich den Sold von dem einen und vom anderen Teil hinnehmen solle, meinem Vertrage gemäß. Und so befahl er dem genannten Monsignor an Ew. Exzellenz zu schreiben, wie Sie denn das weitere aus den Briefen Sr. Herrlichkeit ersehen werden. Mein Herr, wenn ich geglaubt hätte, in diese Lage zu geraten, so würde ich eher das Stroh unter meinem Leibe aufgegessen als mich auf solche Weise gebunden haben. Ich werfe mich in Ihre Arme: ich bitte Ew. Exzellenz, mich nicht zu verlassen, sondern die Lage zu erwägen, in der ich mich befinde, mir Hilfe, Gunst und Rat zu erteilen, damit ich Ew. Exzellenz guter Diener bleibe. Erhalten Sie mir das Ansehen und dies kleine Nest, welches mir durch die Gnade Mailands meine Vorfahren zurückgelassen haben, der ich mit meiner Person und meinem Kriegsvolk stets Ew. Exzellenz zu Dienste verharren werde. Rom, April 1494. Giovanni Sforza.«

Der Brief gibt offenbar noch andere tiefer versteckte Besorgnisse zu erkennen, solche für die Fortdauer seiner Lehnsherrschaft in Pesaro. Die Pläne des Papstes, alle diese kleinen Tyrannen und Vikare im Kirchenstaat zu vertilgen, mochten wohl schon damals hier und da erkennbar werden.

Kurze Zeit darauf, am 23. April, entwich der Kardinal Rovere aus Ostia nach Frankreich, dort Karl den VIII. zum Kriegszuge nach Italien aufzustacheln, nicht um Neapel umzuwälzen, sondern um diesen simonistischen Papst vor ein Konzil zu stellen und abzusetzen.

Am Anfange des Juli verließ auch Ascanio Sforza die Stadt, jetzt in völligem Zerwürfnis mit Alexander. Er begab sich zu den Colonna nach Genazzano, welche im Solde Frankreichs standen. Schon rüstete sich Karl VIII. zum Einmarsch in Italien; der Papst aber und der König Alfonso hielten zu Vicovaro bei Tivoli am 14. Juli eine Zusammenkunft.

Unterdes waren im Palast Lucrezias wichtige Veränderungen vor sich gegangen. Ihr Gemahl eilte, sich aus Rom zu entfernen, und er durfte dies tun als Condottiere der Kirche, in welcher Eigenschaft er zu der neapolitanischen Armee sich zu begeben hatte, die sich unter dem Herzog Ferrante von Kalabrien in der Romagna zusammenzog. Die Artikel seines Ehevertrags ermächtigten ihn dazu, seine Gemahlin mit sich nach Pesaro zu nehmen. Mit ihr gingen ihre Mutter Vannozza, Julia Farnese und Madonna Adriana. Alexander selbst befahl ihre Abreise aus Furcht vor der Pest, die sich zu zeigen begann. Das meldete der mantuanische Gesandte in Rom dem Markgrafen Gonzaga schon am 6. Mai, und derselbe schrieb ihm am 15.: »Der erlauchte Herr Giovanni wird unfehlbar Montag oder Dienstag abreisen samt allen drei Damen, welche nach Anordnung des Papstes bis zum August in Pesaro bleiben, und dann zusammen zurückkehren sollen.«

Die Abreise Sforzas mochte am Anfange des Juni vor sich gegangen sein, denn am 11. dieses Monats war ein Brief Ascanios an seinen Bruder nach Mailand gelangt, worin jener meldete, daß der Herr von Pesaro mit seiner Gemahlin, mit Madonna Julia, »der Geliebten des Papstes«, und mit der Mutter des Herzogs von Gandìa und Jofrés von Rom abgereist und nach Pesaro gegangen sei, und daß Se. Heiligkeit Madonna Julia gebeten habe, bald zurückzukehren.

Am 18. Juli war Alexander von Vicovaro nach Rom zurückgekommen, und am 24. schrieb er folgenden Brief an seine Tochter in Pesaro:

»Alexander Papst VI., mit eigener Hand.«

»Donna Lucrezia, teuerste Tochter. Wir haben seit mehreren Tagen keinen Brief von dir; dies setzt Uns sehr in Verwunderung, und daß du es vernachlässigst, Uns öfter zu schreiben, und von deiner Gesundheit und der des Herrn Giovanni, Unseres geliebten Sohnes Nachricht zu geben. In Zukunft sei sorgsamer und fleißiger. Madonna Adriana und Julia sind in Capodimonte eingetroffen, wo sie den Bruder tot gefunden haben. Dieser Todesfall hat sowohl den Kardinal als Julia so tief betrübt und erschüttert, daß sie beide in das Fieber verfallen sind. Wir haben Pietro Caranza abgeschickt, nach ihnen zu sehen, und für Ärzte und alles Nötige gesorgt. Wir hoffen zu Gott und zur glorreichen Madonna, daß sie bald hergestellt sein werden. In Wahrheit, der Herr Giovanni und du habt bei dieser Abreise von Madonna Adriana und Julia wenig Rücksicht auf Uns genommen, da Ihr sie ohne unsere ausdrückliche Erlaubnis abreisen ließet; denn Ihr hättet, wie es Eure Pflicht gebot, bedenken sollen, daß eine so plötzliche Entfernung ohne Unser Wissen Unser höchstes Mißfallen erregen mußte. Und wenn du sagst, daß sie es so gewollt haben, weil es der Kardinal Farnese so befahl, so hättet Ihr anderen bedenken sollen, ob dies dem Papst gefallen würde. Nun ist es geschehen; doch ein anderes Mal werden wir vorsichtiger sein und Uns wohl umsehen, in welche Hand wir unsere Angelegenheiten legen. Wir befinden Uns, Gott und der ruhmvollen Jungfrau sei es gedankt, sehr wohl. Wir haben eine Zusammenkunft mit dem erlauchten Könige Alfonso gehabt, der Uns mit solcher Liebe und solchem Gehorsam behandelt hat, als wäre er unser eigner Sohn. Wir können dir nicht ausdrücken, mit welcher Genugtuung und Zufriedenheit wir beide voneinander geschieden sind. Sei überzeugt, daß S. Majestät zu Unserem Dienst seine eigene Person und alles, was er in dieser Welt besitzt, dahingeben wird.

Wir hoffen, daß jeder Argwohn und alle Differenzen in betreff dieser Colonna in drei oder vier Tagen vollkommen beigelegt sein werden. So bleibt mir diesmal nichts übrig, als dich zu ermahnen, für dein Wohlbefinden zu sorgen und fleißig zur Madonna zu beten. Gegeben in Rom, beim S. Peter, am 24. Juli 1494.«

Dieser Brief ist der erste von den wenigen, uns erhaltenen, welche Alexander an seine Tochter geschrieben hat. Die ihr von demselben zum Vorwurf gemachte Entfernung Julias war wohl die plötzliche und wider die ursprüngliche Bestimmung des Papstes erfolgte Abreise seiner Geliebten von Pesaro, noch vor dem August. Julia ging von dort nach Capodimonte, ihren erkrankten Bruder Angiolo zu besuchen. Nach einem venezianischen Brief bei Marin Sanuto hatte sie überhaupt Rom verlassen, um einer Vermählung bei ihren Verwandten beizuwohnen, und der Schreiber nennt sie bei dieser Gelegenheit »die Favoritin des Papstes, ein junges Weib von großer Schönheit, von Verstand, Klugheit und Sanftmut«.

Der Brief Alexanders läßt erkennen, daß seine Geliebte auch nach ihrer Entfernung aus Rom mit ihm in lebhafter Verbindung blieb.

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