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Heinrich Laube: Louison - Kapitel 1
Quellenangabe
typenovelette
booktitleLouison
authorHeinrich Laube
yearca. 1905
firstpub1881
publisherMax Hesses Verlag
addressLeipzig
titleLouison
pages213
created20080526
sendergerd.bouillon@t-online.de
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3Erstes Kapitel.

Es war Frühling, und die Sonne schien. Sie schien zu Brüssel in ein großes Gemach, welches artig möbliert war und in dessen Mitte ein großer Tisch stand, ein Arbeitstisch zum Schreiben. Links und rechts lagen Folianten auf dem Tische.

An diesem Tische saß und schrieb ein schöner Mann in sauberer Kleidung. Er hatte einen schwarzen Lockenkopf; sein Antlitz war edel geformt und im unteren Teile von einem glänzend schwarzen Vollbarte bedeckt.

Der Mann hieß Rambert und war ein Professor aus Paris. Seit einem Vierteljahre fast war er in Brüssel und wohnte in einem Gartenhause der Vorstadt. Er war ein Geschichtschreiber und studierte in den Archiven und Bibliotheken Brüssels die Zeit Karls V., dessen Geschichte er schreiben wollte; oder richtiger: aus dessen Geschichte er einen Essay, eine Charakteristik Karls V. bilden wollte. Er war eine Künstlernatur, und er suchte sich für seine historische Wissenschaft künstlerische Formen. Lange Bücher waren ihm zuwider.

Um gute Luft zu haben, hatte er sich in Brüssel nach einer Gartenwohnung umgesehen und sie beim Gärtner Miot gefunden mitten in einem großen Garten. Papa Miot und dessen Frau bewohnten das Parterre, Professor Rambert den ersten Stock, in welchen jetzt die Frühlingssonne breit hereinschien.

4Herrn Rambert war dies angenehm, denn der Winter war sehr kalt gewesen, und die Sonne verkündete nun denn doch dessen Ende. So las er mit Behagen ein Aktenstück, welches ihm einige besondere Details über Karl V. verriet, wie er sie just für seine Schilderung brauchte – da klopfte es an seiner Tür. Es war ihm unangenehm, gerade jetzt gestört zu werden, aber er war ein in französischer Höflichkeit auferzogener Mann, und er rief nicht unfreundlich: »Herein!«

Es war Frau Miot, die Hausfrau, welche unter Verbeugungen eintrat. Sie war nicht groß, aber dick. Das Antlitz mochte in der Jugend hübsch gewesen sein, die Jugend jedoch war schon lange dahin, und jetzt war es fast gewöhnlich. Auch die Stimme war nicht gerade angenehm, aber sie hätte sich anhören lassen, wenn die Rede kürzer gewesen wäre, als sie zu sein pflegte.

Jetzt entschuldigte sie sich beim Herrn Professor wegen ihrer zudringlichen Störung oder, wie sie sich unnützerweise verbesserte, wegen ihrer störenden Zudringlichkeit, aber sie und ihr stiller Mann bäten um die Unterstützung des Herrn Professors.

»Unterstützung? Womit? wozu?«

»In Sachen unserer Tochter, der Louison.«

»Was fehlt Ihrer Louison?«

»Alles mögliche. Zunächst Verstand, Bescheidenheit und Geduld.«

»Mehr nicht?«

»Nein, mehr nicht. Sie ist heut' morgen aus dem Kloster entlassen worden. Die Zeit ihrer Erziehung dort, die wir redlich bezahlt haben, ist abgelaufen; jetzt ist sie gebildet.«

»Ist sie das?«

»Ja; sie ist fertig. Sie hat alles Erdenkliche gelernt, viel mehr als ich. Nun aber geht der Spektakel los.«

»Wie so?«

5»Sie will aufs Theater.«

»Ah?!«

»Sie kennen sie ja, werter Herr Rambert, Sie haben sie jedesmal gesehen und gehört, wenn sie Ferientage hatte und hier war. Sie wissen, daß sie hübsch ist, sehr hübsch.«

»Allerdings.«

»Daß sie eine helle Stimme hat und schön singt.«

»Nicht immer richtig.«

»Das macht die Jugend; das findet sich. Sie ist ja kaum sechzehn Jahre alt. Na, und lustig ist sie und urkomisch. Sie kann lachen, daß man absolut mit lachen muß, und weinen kann sie auch, daß es einen Stein erbarmt. Das konnte sie von frühauf, wenn ihr etwas abgeschlagen wurde und sie sich kreuzunglücklich fühlte. Man hielt ihr Weinen nicht aus, so erbärmlich wurde einem dabei zumute; man mußte nachgeben, mußte ihr ihren Willen tun.«

»Mußte sie verziehen.«

»Meinen Sie? Miot meint's auch. Aber wer ist besonders schuld? Miot, mein Mann. Er läßt sich alles von dem Mädchen gefallen, und hinterher schilt er, wenn man ihr alles nachgesehen hat. Kurzum, jetzt ist die Pastete so gut wie gebacken, jetzt heißt's: sie kann lachen und weinen, wie man's auf dem Theater braucht, und jetzt will sie durchaus zum Theater. Und das will nun der Miot nicht zugeben. Warum nicht? Der Moral wegen. Louison könnte unmoralisch werden, das heißt Schulden machen, Liebschaften anfangen und unseren Herrgott vergessen. Das ist nun wohl zu viel auf einmal, aber das eine ist richtig: eine solide Heirat kommt selten zustande mit einer Schauspielerin. Sie tändeln zu viel, wollen zu hoch hinaus, weil sie gar zu schöne Gelegenheit kriegen, und weil sie sich einbilden, die Schönheit und Liebenswürdigkeit könne kein Ende nehmen. Und sparen tun sie ja alle nicht, die Komödianten! Was soll man da sagen?«

6»Man soll zuerst fragen, ob das Mädchen Talent hat!«

»Talent? Na, wie gesagt, das hat sie wohl, das Talent. Aber Miot sagt auch, der Herr Professor Rambert sollte erst gefragt werden, der verstände das mit dem Talente. Sie verstehen's?«

»Das versteht kein Mensch.«

»Warum nicht gar!«

»Man kann nur vermuten. Man kann nur sagen: Es ist wahrscheinlich, oder es ist nicht wahrscheinlich.«

»Das wär' nicht viel – na, da kommt sie ja selbst mit dem Vater! Verzeihen Sie nur unsere Aufdringlichkeit!«

Papa Miot, die Louison an der Hand, trat ein und verbeugte sich. Louison knixte.

Papa Miot hatte schon weißes Haar. Dies Mädchen, sein einziges Kind, war ihm erst spät in der Ehe geboren worden und war sein Herzblättchen. Aber er war ein solider Bürger, welcher sein Gartengeschäft – er zog Sämereien und junge Bäume – ehrlich betrieb und vor einer Theaterlaufbahn seines Kindes eine instinktive Furcht hegte. Das sagte er jetzt mit wenig Worten und bat Herrn Rambert, dem Mädchen die Torheit auszureden.

Das Mädchen lachte dazu, und zwar gutmütig. »Herr Rambert,« sagte sie übrigens, »versteht das besser.«

»So? Woher weißt du denn das?«

»Ei, Sie sind ja aus Paris, wo das Komödienspiel zu Hause ist, und Sie haben mir ja neulich gesagt, daß es eine schöne Kunst sei; neulich, als Sie mich an meinem Ferientage mitgenommen haben ins vornehme Theater in der oberen Stadt. Es war so schön, und der putzige Liebhaber war so komisch!«

Dazu lachte sie wieder, und das stand ihr allerliebst.

Sie war, obwohl kaum sechzehn Jahre alt, von voller Mittelgröße und bildhübsch. Rabenschwarze Haare, schwarze Augenbrauen und dunkle Augen schattierten ein Antlitz und 7einen Hals von blendender Weiße. Die Röte auf den Wangen und dem kleinen schwellenden Munde forderten gleichsam zum Kusse heraus, und wenn sie die Lippen öffnete beim Sprechen oder Lachen und die kleinen blendenden Zähne zeigte, da gefiel sie jedermann über die Maßen. Und über all' diese Äußerlichkeiten strahlte eine unschätzbare Eigenschaft: sie war sympathisch, man hatte sie sogleich lieb.

Auch Professor Rambert hatte sie gern, und es schien ihm nicht besonders ernst zu sein, als er jetzt darauf ausging, ihr abzuraten.

»So schnell geht das nicht mit dem Komödienspiele,« sagte er lächelnd, »da muß Unterricht vorhergehen.«

»Auf den Unterricht wart' ich ja.«

»Und dann kommt die Prüfung, ob Talent vorhanden ist.«

»Talent hab' ich gewiß, das weiß ich.«

»Woher weißt du's?«

»Wir haben im Kloster oft insgeheim Komödie gespielt, und da war ich immer die Beste. Das sagten die anderen alle.«

»Das beweist nur, daß die anderen wenig oder kein Talent hatten. Bis jetzt kannst du noch gar nichts. Du kannst nicht stehen, nicht gehen, dich nicht setzen und kannst vor allen Dingen noch nicht sprechen.«

»Ah!« riefen alle drei, Vater, Mutter und Tochter.

»Geh' einmal da hinüber zum Sofa!«

Sie ging.

»Siehst du! Die Füße stehen einwärts, der Schritt ist ungleich. Wenn dich jemand anstößt, so wirst du umfallen, weil du künstlich gehen willst und kein Gleichgewicht hast. Jetzt setz' dich aufs Sofa! – Ho! das heißt fallen, nicht sich setzen. Steh' auf! – Das ist zu brüsk, das heißt aufspringen. – Und nun sprich!«

»Was denn?«

8»Da aus dem Buche auf dem Sofatische. Das ist die Phèdre von Racine. Schlag auf und lies vor, gleichgültig wo du anfängst.«

Sie las mit lauter Stimme.

»Verstehst du, was du da liesest?«

»Nein.«

»Siehst du! Was der Sprecher nicht versteht, das versteht der Hörer auch nicht. Du mußt also erst verstehen lernen.«

»Ja, das sind Verse, und da steht ›Tragédie‹. Ich will keine Tragödie sprechen, ich will lustig sprechen.«

»Auch um lustig zu sprechen, mußt du gut sprechen können, sonst mögen die Zuschauer deine Lustigkeit nicht.«

Sie ließ die Arme sinken und sah betrübt aus. Dann kam sie langsam bis dicht zu Herrn Rambert: »Helfen Sie mir, daß ich alles lernen kann. Ich werd's schon lernen, wenn's auch noch so schwer ist. Bitte!«

Es trat eine Pause ein. Endlich sagte Herr Rambert: »Zum Gehen und Stehen, zum Niedersetzen und Aufstehen brauchen wir einen Tanzmeister. Den wollen wir im Théâtre de la monnaie suchen, wohin wir heut' abend zusammen gehen wollen.«

Louison jauchzte auf.

»Kauf' eine Loge! Hier hast du Geld dazu. Sprechen werd' ich dich lehren. Des Abends. Adieu!«

Tochter und Mutter gingen ab. Papa Miot aber blieb stehen und schüttelte den Kopf.

»Abwarten, Vater Miot!« sagte Herr Rambert, »abwarten! Wenn kein vollständiges Talent vorhanden, dann werd' ich abraten. Sie müssen dann dafür sorgen, daß mein Abraten was hilft. Das junge Ding hat ersichtlich einen starken Willen, und Sie sind schwach ihr gegenüber.«

»Nein.«

»Ist aber Talent vorhanden, dann liegt eine schöne, reiche Laufbahn vor ihr; denn sie ist sehr hübsch.«

9»Immer eine gefährliche Laufbahn.«

»Allerdings. Alter Freund, wir sind alle täglich und stündlich von Gefahren umringt. Jedenfalls können wir's nicht ändern, denn so ein Beruf pocht unwiderstehlich. Sie ist ja doch in guten Grundsätzen erzogen?«

»Ja.«

»Und ist ehrlich?«

»Grundehrlich.«

»Also abwarten, Papa Miot. Adieu!«

Rambert war nicht vom Sessel aufgestanden und sah jetzt dem langsam abgehenden Gärtner nach, eine ganze Weile. Dann wandte er sich zu seinen Archivschriften und sagte vor sich hin: »Immerhin eine Abwechselung, welche interessieren kann.«

Er hatte viel erlebt, dieser Herr Rambert. Sein stattliches Äußere, seine angenehmen Formen hatten ihm viel Glück gebracht beim weiblichen Geschlechte. Aber er meinte, in diesem Betrachte fertig zu sein mit der Welt. Er trug keinerlei Verlangen, er war ganz kühl geworden, um nicht zu sagen blasiert. Blasiert war er nicht. Aber auch dieser reizenden Knospe Louison gegenüber ging nicht ein Schatten von Liebesgedanken durch seinen Sinn. Es war nur Wohlwollen, es war eine Kunstinteresse, welches er empfand. Sein Wesen war zur Reife eines Künstlersinnes ausgebildet, und seine äußerliche Lage bot ihm alle Hilfsmittel. Er war reich und ganz unabhängig. Er hatte gar keine Verwandte und hatte nie das Bedürfnis einer Heirat empfunden. Behaglich war er durch alle Reize des Lebens hindurchgegangen und hatte an allen teilgenommen. Dichtkunst, Malerei, Bildhauerei, Musik, Theater, alles das war ihm nahe gewesen in Paris. In seiner Wohnung dort hatte er schöne Gemälde und Bildwerke, musikalische Instrumente und eine ausgesuchte Bibliothek. Das Theater hatte ihn stets interessiert; er war aber vorzugsweise ein Habitué des Théâtre français. Die 10künstlerische Tradition dieses ersten Theaters war ihm geläufig, er las selbst Stücke vor mit bester Wirkung – nur die eigene Hervorbringung, das was man Produktion nennt, war ihm versagt in alle dem. »Der Mensch kann nicht alles haben und muß sich begnügen, verstehen und genießen zu können.« So sprach er, und zu der dramaturgischen Aufgabe mit dieser munteren Louison lachte er wie zu einer harmlosen Unterhaltung in seinem stillen Leben zu Brüssel.

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