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Lotti, die Uhrmacherin

Marie Freifrau von Ebner-Eschenbach: Lotti, die Uhrmacherin - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
booktitleLotti, die Uhrmacherin
authorMarie von Ebner-Eschenbach
year1999
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-007463-0
titleLotti, die Uhrmacherin
pages3-131
created20010718
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1880
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9

»Wohin geht denn unser Fräulein in solchem Staat?« sprach das Schneiderlein im vierten Stock des Nachbarhauses.

»Macht gewiß Visiten«, meinte Leopoldine und beugte sich recht weit aus dem Fenster, um Lotti nachzublicken, die soeben über den Platz schritt.

Der Alte folgte dem Beispiel seiner Tochter und rief in Begeisterung: »Schau, schau! Es gibt doch nichts Schöneres als ein schwarzes Seidenkleid... Aber Falten muß es haben, muß sich so gewiß ausbreiten – das ist anständig, das ist elegant!«

»Nein, elegant ist es just nicht!« erwiderte Leopoldine, ihr kleines, breites Näschen rümpfend.

»Nicht? Kannst du dir das Fräulein denken in so einer modernen Ofenröhre, wie du da hast?« rief der Schneider, indem er verächtlich auf das enge Kleid deutete, das seine Tochter trug.

»Sie nicht – sie freilich nicht –«

»Freilich nicht!« spottete der Vater ihr nach, »und hätte doch eher als tausend Jüngere die Gestalt dazu, ist ja gewachsen wie eine Tanne.«

»Nein, nein, sie soll nur bei ihren alten Moden bleiben, ihr steht's, ein anderes dürft's nicht tragen.«

»Und warum nicht? Weil es praktisch ist? Weil es geschmackvoll ist?« polterte der Alte, und der Zank zwischen den beiden entbrannte.

»Sagt, was Ihr wollt!« platzte das Mädchen plötzlich heraus, »wenn Ihr einmal tot seid, halte ich mir doch ein französisches Modejournal!«

»Dann kannst du's tun«, schrie der Vater gereizt, aber nicht gekränkt durch diese brutale Äußerung.

Seine Tochter biß sich auf die Lippen, aus ihren dunkeln Augen schoß ein Strahl innigster Liebe: »Deswegen braucht Ihr noch nicht zu sterben«, sprach sie.

»Fällt mir auch gar nicht ein.«

Und sie gingen an die Beendigung eines höchst unmodern gestreiften Sommerkleides.

Im gegenüberstehenden Hause hatten die Horatier im Fenster gelegen und Lotti, als sie vorüberkam, mit lautem Jubelgeschrei begrüßt. Auch die weiße Katze hatte ihr vom Dache herunter nachgeschaut und dabei ein derart gescheites Gesicht geschnitten, als ob sie allerlei interessante Dinge wüßte, von denen andere sterbliche Wesen niemals etwas erfahren.

Lotti aber schritt dahin, erfüllt von den verschiedenartigsten und dennoch so gleich mächtigen Empfindungen, daß sie nicht vermocht hätte zu sagen, welche die vorherrschende sei. Vielleicht war es ein geheimer Tatendrang – der Wunsch, Einfluß auf die Frau Halwigs zu gewinnen, und die Hoffnung, wenn das gelang, durch sie dem Selbstzerstörungswerk Einhalt zu tun, in dem der Dichter begriffen war. Sollte jene aber nichts wissen von seinen schweren Seelenkämpfen? Sollte sie, wenn er auch schweigt – nichts davon erraten haben? Ist es nicht offenbarer Unverstand, sich einzubilden, daß eine Fremde kommen müsse, um der Gattin die Augen zu öffnen? Und dennoch – dennoch – trotz aller Einwendungen ihres Verstandes blieb Lotti von einer Ahnung durchdrungen, für die ihr jeder Grund, jeder Anhaltspunkt fehlte, der Ahnung: die Frau, die er liebt, weiß nichts von seinem inneren Leben.

Lotti war im neuen Stadtteil vor dem neuen Hause angekommen, das Halwig bewohnte. Nett wie ein Schächtelchen stand es da; alles darin frisch und blank und fast blendend vor Glanz und Farbenpracht, alles geschmackvoll und schön: die Malereien an den Wänden und am kuppelartigen Gewölbe des Stiegenhauses, die vergoldete Rampe, die schneeweißen Treppenstufen. Die einfache Lotti, die Freundin des Alten, sah sich um in all der bunten, jungen Herrlichkeit und meinte im stillen, das Neue könne einem doch auch gefallen.

Sie bemühte sich, den Außendingen recht viel Aufmerksamkeit zu schenken, sie hoffte sich dadurch von der seltsamen Beklemmung zu befreien, die sich ihrer bemächtigt hatte. Doch half es wenig, und Lottis Herz pochte fast laut, als sie das erste Geschoß erreicht hatte und den Drücker neben einer hohen, hübsch stilisierten Tür berührte, die sich nach wenig Augenblicken vor ihr erschloß. Derselbe Diener, der gestern das Billett Frau von Halwigs überbracht, starrte Lotti mit derselben dummdreisten Miene an, forderte sie jedoch auf einzutreten.

Er schritt ihr voran durch ein getäfeltes Speisezimmer. Majoliken und Zinnschüsseln, Bierkrüge, Becher und Kelche auf dem Büfett, geschnitzte Stühle, schwerfällige Tische und Schränke: altdeutsch. Durch einen kleinen Salon mit hellgelben Figuren und blumenreichen Tapeten, Pagoden, Vasen, Lüster, Armleuchtern aus Porzellan, zahllosen Kästchen aus vieux laque: chinesisch. An der dritten Tür blieb der Bediente stehen, öffnete sie und rief laut: »Fräulein von Feßler«, und gab der von ihm unversehens Geadelten einen feierlichen Wink.

Lotti trat in ein großes, freundliches Gemach, in dessen Mitte auf einer mit lichtblauem Atlas überzogenen Chaiselongue eine junge Dame lag.

»Wie schön von Ihnen«, sprach diese und richtete sich, wie es schien nicht ohne Anstrengung, mit dem Oberkörper auf. Eine kleine hilflose Kinderhand streckte sich aus der Flut von Spitzen, welche die Ärmel des weißen Schlafrocks umgaben, der Besucherin entgegen.

»Wie schön von Ihnen, daß Sie kommen... aber ich hab's gewußt, ich habe wirklich auf die Erfüllung meiner Bitte gezählt...«

»Sie sehen, wie recht Sie gehabt...«

»Wenn sie so ist, wie ich glaube, dacht ich mir, als ich meinen Brief fortschickte, kommt sie sogleich – und Sie wollten ja auch sogleich kommen?«

»Gewiß.«

»Gestern konnt ich Sie aber nicht sehen – ich war zu leidend –«

»Das hörte ich mit Bedauern«, erwiderte Lotti teilnehmend, aber auch erstaunt. Leidend, dieses schöne, blühende Geschöpf mit den rosig angehauchten Wangen, den frischen, schwellenden Lippen?

»Und – was fehlt Ihnen?«

»Ich bin sehr, sehr nervenkrank. Hermann weiß nichts davon, man darf es ihm auch nicht sagen; aber mein Arzt ist um mich besorgt«, versicherte Agathe mit einschmeichelnder, klagender, um Mitleid bittender Stimme.

Sie verschönerte sich noch im Sprechen, ihren Mund umspielte dabei ein so lieblicher Zug, ein so kluger und unschuldiger Ausdruck, daß Lotti dachte: Dich müßte ein Tauber beredsam finden!

Die Gesichtsbildung der jungen Frau erinnerte an die der Cäcilie von Albano, deren Bild Kestner seinen römischen Studien vorangestellt hat. Ihre reichen dunklen Haare waren zurückgekämmt und in einem schweren Knoten am Hinterhaupte zusammengehalten. Sie schien groß; die edlen Formen ihrer vollen und schlanken Gestalt zeichneten sich deutlich unter dem weichen, anschmiegenden Stoff des langen, weit über die Füße reichenden Gewandes, in das sie sich, wie frierend, hüllte.

Lotti stand vor ihr und staunte sie mit jener reinen, fast demütigen Bewunderung an, die gute und warmherzige Menschen gerade den Vorzügen gegenüber, die ihnen selbst versagt geblieben sind, am lebhaftesten empfinden.

Diese Frau, wie war sie schön! und wie malerisch, und wie eigentümlich war ihre ganze Umgebung! Das Gemach glich einem Wintergarten, von Blütenduft und Sonnenschein durchtränkt.

In den Vertiefungen der vier hohen, im rechten Winkel aufeinanderstehenden Fenster prangten dichte, üppige Gruppen der seltensten Blumen. In einer Ecke breitete eine riesige Fächerpalme ihre zackigen Blätter aus, in der anderen wiegten sich in den Ringen ihrer vergoldeten Käfige ein Arras mit kühnem Schopf und ein blauer Papagei. Eine zierliche Voliere beherbergte ein Dutzend brasilianischer Vögelchen mit schimmerndem Gefieder. In einem Aquarium schwammen Gold- und Silberfische, hockten langweilige Schildkröten, und aus den Spalten des kleinen künstlichen Felsens, der sich in der Mitte desselben erhob, guckten grüne Eidechsen und gelb gefleckte Salamander mit scheuer Neugier hervor. Zu Füßen der Herrin lag ein weißes Hündchen, dessen Stirnhaare höchst kokett mit einer blauen Schleife zusammengebunden waren. Einige Schritte von ihm befand sich seine Villa, ein Zelt aus demselben blauen Seidenstoff, aus dem die Tür- und Fenstervorhänge bestanden. Mit diesen stimmte nur das Ruhebett überein. Alle übrigen Möbel schienen je ein Muster von ganz verschiedenen Gattungen. Persische, indische, türkische Stoffe und Stickereien schmückten reich geschnitzte oder eingelegte Gestelle, prangten auf den Kissen, waren über die Tische gebreitet. Das Zimmer war überfüllt, drei Dinge jedoch hätte man darin vergeblich gesucht: ein Gemälde, ein Buch und – eine weibliche Handarbeit. Dagegen waren mehrere Etageren vorhanden, ganz bedeckt mit Rauch- und Reitrequisiten. Zigarettenvorräte hoch aufgespeichert, abenteuerlich geformte Pfeifchen, kleine Tschibuks mit kostbaren, edelsteingeschmückten Mundstücken, Reitpeitschen und Reitstöcke, köstlich damaszierte Pistolen, mit Schaft aus Elfenbein, daneben in einem Futteral ein goldener Sporn.

Die Besitzerin all dieser Herrlichkeiten sah voll Vergnügen das Interesse, das Lotti denselben schenkte.

Es gefällt dir bei mir! sagten ihre großen langbewimperten Augen, dunkelbraun wie der Flügel des Trauermantels, und mit denselben schwimmenden spielenden Lichtern...

»Nehmen Sie doch einen Fauteuil – nicht den, der ist unbequem, den andern – dort! So ist's recht. Und jetzt setzen Sie sich hierher – mir gegenüber, und lassen Sie uns schwatzen, liebes Fräulein.«

Sie neigte den Kopf ein wenig zur Seite und sah vor sich nieder.

»Ich muß Ihnen sagen – ich war gestern nicht nur ungewöhnlich leidend – leg dich, Gipsy«, unterbrach sie sich, um zu ihrem Hündchen zu sprechen, das sich auf den Hinterpfoten aufgerichtet hatte und die herabhängende Hand seiner Herrin mit ungestümer Zärtlichkeit leckte. Gipsy gehorchte.

»Ich muß Ihnen sagen«, begann Agathe wieder, »ich war nicht nur leidend, sondern auch...« sie zögerte ein Weilchen, »sondern auch sehr bekümmert.«

»Um Ihren Mann?« fragte Lotti hastig.

»Ach – nein...« lautete die Antwort, in der eine unaussprechliche Verwunderung lag, »ach nein, der macht mir keinen Kummer, der macht mir nur Freude und Ehre.«

»Sie sind also stolz auf ihn – auf seinen Ruf, auf seinen Namen?«

»Seinen Namen?... nun – die Halwigs sind gut, viel besser, als man in meiner Familie zugeben will... Aber gerade stolz brauche ich...«

»Ich meine seinen Namen als Schriftsteller«, fiel Lotti ein. Sie lächelte über dieses seltsame Mißverstehen und dachte: Ein Kind – das ist ja ein Kind.

»Freilich, natürlich, auf den bin ich stolz«, entgegnete Agathe, »man sagt«, fügte sie halb nachlässig, halb altklug hinzu, »daß ich Ursache dazu habe, und ich glaube es... Wenn Sie wüßten, wie seine Schriften honoriert werden, mit welchen Summen, Sie würden staunen!«

»So?« sprach Lotti; und nach einer Pause noch einmal: »So?« – und dann stellte sie, mit viel weniger Zuversicht, eine zweite Frage. Sie erkundigte sich nach dem Anteil, den die Frau des Poeten an seiner künstlerischen Tätigkeit nehme, und war im voraus von der Wärme und Größe desselben überzeugt.

Darin hatte sie auch vollkommen recht. Agathe wußte alles, was in der Schreibstube ihres Mannes vorging; sie kannte zum Beispiel den Namen des Buches, das er eben unter der Feder hatte. Sie freute sich schon jetzt auf den begeisterten Brief, den der Verleger darüber schreiben werde. Sie würde »alle die Sachen« auch recht gern lesen, allein – der Doktor, dieser Tyrann – erlaubt es durchaus nicht, untersagt ihr durchaus jede Anstrengung ihrer Augen. Und sie fühlt leider, daß er weise daran tut, denn ihre Augen werden mit jedem Tage schwächer. Das kommt vom Aufenthalt in der staubigen Stadt. Agathe müßte aufs Land, und bald, sonst wird sie noch einmal blind wie ihre Großmutter, die auch im zweiundzwanzigsten Jahre...

»Perro! Perro! Perroquet!« rief sie plötzlich dem Papagei zu, der sich von Anfang an in das Gespräch gemischt hatte und dessen Geschrei immer gellender wurde. »Der Vogel ist unerträglich!« Sie wand sich auf ihrem Ruhebett und preßte den Kopf in die Kissen. »O Fräulein, erbarmen Sie sich, haben Sie doch die Güte, den Schal dort, sehen Sie – den dort – über den Käfig dieses Untiers zu werfen.«

»Danke, danke!« sprach sie, nachdem Lotti ihrem Wunsche nachgekommen war und Perroquet, plötzlich in Dunkelheit versetzt, still geworden. »Und jetzt kommen Sie, geben Sie mir Ihre Hand. Aber ohne Handschuh.«

Rasch und geschickt streifte sie selbst den Handschuh herab und hielt die unwillkürlich widerstrebenden Finger Lottis mit einer Kraft fest, die man ihr niemals zugetraut hätte.

»Diese Hand hat mein Hermann oft geküßt«, sprach sie, »ich weiß es... bin aber nicht eifersüchtig – da haben Sie den Beweis...«

Sie hatte sich vorgebeugt und drückte nun ihre Lippen auf Lottis Hand. Sie tat es mit einer gewissen trotzigen Innigkeit, mit einer Gewalt, der sich Lotti nicht zu entziehen vermochte, so gern sie es getan hätte. Diese Huldigung war ihr qualvoll, sie meinte sich noch nie im Leben so beschämt gefühlt zu haben.

»Ich habe Sie lieb!« sagte die junge Frau und warf mit der anmutigsten Bewegung den Kopf in den Nacken, »und wünsche, daß auch Sie mich liebgewinnen und daß auch Sie es mir beweisen.«

»Und wie könnte ich das?«

»Wenn ich es Ihnen sage, wollen Sie es dann tun... Wollen Sie es tun?« wiederholte sie und stieß, nachdem sie eine bejahende Versicherung erhalten hatte, einen leisen Schrei des Jubels aus. Wenn Lotti ihr half, dann war geholfen.

Und jetzt setzte sie dasjenige, um das es sich handelte, klar, deutlich, ohne die geringsten Umschweife auseinander.

Sie hatte einen liebenswürdigen, großmütigen, herrlichen Vater; allein – das war sein Unglück – leichtsinnig wie ein Leutnant, dieser arme Papa! – Und die Mama, die ein Engel ist, und die beiden jungen Brüder, die Kadetten sind bei der Kavallerie, die haben auch alles andere eher erfunden als die Sparsamkeit. Kein Wunder, wenn es Verlegenheiten ohne Ende gibt. Aus den größten hat bisher regelmäßig der ältere Bruder Papas geholfen, der vor fünfzehn Jahren eine unermeßlich reiche Fabrikantentochter aus Liverpool geheiratet und England seitdem nicht mehr verlassen hat. Die Ehe ist kinderlos geblieben, und seit langer Zeit bestehen der Onkel und die englische Tante darauf, daß Agathens Eltern, womöglich auch deren Söhne, zu ihnen kommen, sich ganz bei ihnen etablieren, nur eine Familie mit ihnen bilden möchten. Das soll auch geschehen, der Entschluß ist gefaßt, der Tag der Abreise schon festgesetzt. Allein, der sonst so vernünftige Onkel will nicht begreifen, daß Papa nicht fort kann, ohne einige Zahlungen beglichen zu haben, die wirklich dringend sind... Ehrenschulden an Leute, denen man nicht sagen mag: Warten Sie... die höchstens denken dürften, man habe nur augenblicklich die Kleinigkeit vergessen... Ein Mann wie Papa! – Oh, wenn Lotti ihn kennen würde!... Und, mit einem Wort, es steht so: Papa besitzt ein kleines Gut, sechs Stunden von der Stadt, in der reizendsten Gegend. Unvergleichlicher Reitboden! Es war immer Agathens Lieblingsaufenthalt. Das müßte verkauft werden – gleich, gleich – ohne Verzug und nicht unter seinem Wert. Der Erlös desselben deckt alle Differenzen, und leichten Herzens verlassen Papa und Mama die Heimat, und erhobenen Hauptes treten sie vor die fremde Schwägerin. Ihnen ist die Demütigung erspart, die gräßliche, mit einer Bitte auf den Lippen in dem Hause zu erscheinen, das sich ihnen gastfreundlich erschließt... Genug, das Gütchen muß verkauft werden, und der Käufer muß – Hermann sein, und Lotti, die er so unaussprechlich verehrt, deren Meinung ihm von höchster Wichtigkeit ist, muß ihn dazu bewegen... Will sie es tun? sie will, sie hat es versprochen, sie darf jetzt nicht nein sagen. Sie wird ihren Einfluß geltend machen...

»Sie wollen, Sie werden, Fräulein – nicht wahr? und bald – und heute noch?«

Agathens Blicke hingen an den Lippen der Schweigenden: »Antworten Sie mir – reden Sie!«

»Was soll ich sagen?« sprach Lotti in peinlicher Verwirrung. »Ich weiß nicht, ob man das von ihm verlangen darf – ob ihm die Mittel zu Gebote stehen...« Sie stockte, sie sah Halwig vor sich, wie er am nämlichen Morgen zu ihr gekommen war, alle Zeichen verzweiflungsvoller Pein und tiefster Erschöpfung in seinen Zügen.

»Die Mittel?« rief die junge Frau – »er ist so reich, als er sein will. Die Summe, die er braucht, um meinen allerhöchsten und innigsten Wunsch zu erfüllen und um meine Eltern aus der unangenehmsten Lage zu befreien – die Summe bietet sein Verleger ihm an... Er braucht nur einen Kontrakt zu unterschreiben, in dem er sich verpflichtet... ich kann nicht sagen, wie viele Bände zu liefern in einer bestimmten Zeit... und denken Sie! statt freudig auf den Vorschlag einzugehen, zögert er – kann zu keinem Entschluß kommen, ich –« eine plötzlich aufsteigende Röte, wie eine beschämende Erinnerung sie erweckt, bedeckt ihr Angesicht, »ich habe ihn vergeblich darum gebeten.«

»Wie können Sie glauben«, sagte Lotti, »daß er mir etwas zugestehen wird, das er Ihnen abschlug?«

»Er wird! Er hält soviel auf Sie! verehrt Sie so grenzenlos... Er wird Sie nicht der Parteilichkeit anklagen, wie er es mir tut in seiner Eifersucht auf die Meinen...« erwiderte Agathe melancholisch und fügte mit einem tiefen Seufzer hinzu: »Ach, diese Eifersucht ist schrecklich bei ihm, ist schon eine fixe Idee... und so schwer ich mich von meinen armen Eltern trenne – ich wünschte wahrlich, sie wären drüben über dem Meere, und ich sähe sie nicht mehr, und er hätte nie wieder Gelegenheit, mir vorzuwerfen, daß sie mir lieber sind als er... als er – um den ich sie verlassen habe!«

Was war das für eine kindische und gewiß ungerechte Klage, und dennoch, welches Mitleid erregte sie in derjenigen, der sie mit so weicher bezaubernder Stimme, mit so großen Tränen in den feuchten, flehenden Augen vorgebracht wurde.

Und jetzt falteten sich die Hände der schönen Frau: »O Fräulein Lotti...«

Da pochte es an der Tür, der Diener erschien und meldete: »Herr von Schweitzer.«

Agathe schnellte empor.

»Soll warten, ich lasse bitten. Er kommt zwar sehr ungelegen, der gute Schweitzer«, fuhr sie fort, nachdem der Diener sich entfernt hatte, »aber dennoch darf man ihn nicht wegschicken. Auch der könnte helfen!... Einen Augenblick, liebstes Fräulein!« Sie stand schon auf ihren Füßen. »In so tiefem Negligé will ich mich vor einem Herrenbesuche nicht sehen lassen. Empfangen Sie ihn an meiner Stelle; der gute Schweitzer, unser Advokat, ein Jugendfreund meines Mannes, bleibt nie lange. Sie aber müssen lange bleiben... Gehen Sie, ich komme Ihnen gleich nach. Ich bitte Sie! ich bitte!... Keine Einwendungen!... Sie dürfen nicht fort – wir behalten Sie zu Tische, das steht in den Sternen geschrieben, dagegen vermögen Sie nichts.«

Sie sprach das alles rasch mit ihrer weichsten Stimme und dabei mit einer Bestimmtheit, die nicht einmal den Versuch eines Widerstandes aufkommen ließ.

»Sei es denn!« sagte Lotti und fügte in Gedanken hinzu: So laßt uns in einem fremden Hause einen fremden Besuch im Namen einer fremden Frau empfangen.

Mitten in dem chinesischen Boudoir, in das sie eintrat, stand ein Mann von etwa vierzig Jahren. Eine gedrungene, untersetzte Gestalt, dunkel, etwas nachlässig gekleidet. Ein mächtiger Kopf, mit dichtem, schon ins Graue spielendem bürstenartig zugestutztem Haar und ebensolchem, bis auf die Brust reichendem Vollbart, saß auf kurzem Halse, von athletisch geformten Schultern stolz getragen. An dem ganzen Menschen sprach alles, die Haltung, die Miene, die breite wie in Erz gegossene Stirn, die kräftige gerade Nase mit den scharf gezeichneten Nasenflügeln, der streng geschlossene Mund, es sprachen die energisch blickenden und tiefliegenden Augen von Festigkeit und unbeugsamem Willen.

Das Befremden, das ihn ergriff, als er statt der erwarteten Hausfrau eine Unbekannte ins Zimmer kommen sah, gab sich in seinen Zügen deutlich und mit einem Mißfallen kund, das Lotti in Verlegenheit setzte. Sie fand nicht gleich ein erklärendes Wort, um derselben ein Ende zu machen, und so standen sie ein Weilchen in höchster Unbehaglichkeit voreinander.

Da öffnete sich ein klein wenig die Tür von Agathens Gemach. Schlank, weiß und schmiegsam, preßte sich die junge Frau, die sich in ihrem Morgenkleide vor einem Herrenbesuche nicht sehen lassen konnte, in den schmalen Zwischenraum.

»Lieber Freund«, sprach sie, »das ist Fräulein Feßler! Mehr brauche ich Ihnen nicht zu sagen.«

Sie war verschwunden.

Derjenige aber, an den sich die Worte gerichtet hatten, starrte die wieder geschlossene Tür mit einem so eigentümlich verlangenden und zugleich wütenden Blicke an, er hatte, als Agathe sich unerwartet in derselben zeigte, auf ihre Lichterscheinung einen so heißen Blick geworfen, einen Blick, so sprühend von Leidenschaft und Groll, daß Lotti, die unerfahrene, weltunkundige Lotti, mit plötzlichem und bangem Begreifen zusammenschrak. Sie dachte: Was ist das? Hilf Himmel – der haßt oder – der liebt sie.

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