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Lotti, die Uhrmacherin

Marie Freifrau von Ebner-Eschenbach: Lotti, die Uhrmacherin - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
booktitleLotti, die Uhrmacherin
authorMarie von Ebner-Eschenbach
year1999
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-007463-0
titleLotti, die Uhrmacherin
pages3-131
created20010718
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1880
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12

Lotti ging heim, und als der Friede ihres stillen Hauses sie wieder umfing, atmete sie befreit auf. Sie trat rasch in ihr kühles, von einer Hängelampe freundlich erleuchtetes Stübchen und geradenweges auf die Uhrensammlung zu. Eine Weile stand sie sinnend davor und wiederholte mehrmals im leisen Selbstgespräch: »Nein, nein, das könnt ich doch nicht, das nicht.«

Agnes trug das Abendessen auf und erzählte, daß Gottfried dagewesen sei und sich über das lange Ausbleiben des Fräuleins sehr gewundert habe. Er hatte etwas mitgebracht, ein Buch, ein neues, noch unaufgeschnittenes Buch – Halwigs letztes Werk.

Mit einer Empfindung des Mißmuts nahm es Lotti in Empfang.

Sie hätte sich jetzt gar zu gern des Gedankens an Halwig und alles, was sich auf ihn bezog, entschlagen. Warum mußte sie von neuem an ihn gemahnt werden? Warum mußte sogar die liebevollste Hand sie in ein Bereich der Sorge und Peinlichkeit zurückgeleiten, aus dem sie sich eben erst, mühsam genug, losgemacht?

Sie legte das Buch auf einen Schrank am Ende des Zimmers, doch holte sie es von dort wieder, aus Rücksicht auf Gottfried. Sie wollte ihm wenigstens sagen können, daß sie versucht, darin zu lesen. Sie tat es mit widerstrebendem Gefühl, aber mit stets wachsender Spannung. Sie war gefesselt, umstrickt, aber mit beengenden, mit unlauteren Banden. Ihr Blut erstarrte bei manchen Schilderungen.

Da war dem Tier im Menschen jede Regung abgelauscht und mit schamloser Genauigkeit auseinandergesetzt. Da war eine erzwungene, erlogene Sinnlichkeit, aus der die offenbare Ohnmacht mit bleicher Fratze hervorgrinste. Da war die Fülle niederer Wirklichkeit aus dem seichten Strom des gemeinen Lebens geschöpft, da fehlte alle höchste Wahrheit, die der Poesie. Da war endlich der Notbehelf, der armselige, einer lahmen Phantasie: das mit photographischer Treue und Verzerrung gezeichnete Porträt; Persönlichkeiten, aus dem Schutz des Hauses gerissen und an den Pranger gestellt, zur Augenweide eines Publikums, demjenigen verwandt, das sich zu den Hinrichtungen drängt.

Im großen ganzen – die klägliche Mißgeburt des schreiblustigen Jahrhunderts: der Sensationsroman.

Und dennoch! durch diese unreine Atmosphäre, diese matte, erschlaffende Luft, durch dieses fahle Farbenspiel der Fäulnis, brach es manchmal herein wie ein zitternder Strahl sonnigen Lichtes. Das mißbrauchte, zugrunde gerichtete Talent besann sich einen Augenblick auf sich selbst... Du armes Talent! dachte Lotti, wie hat sich an dir versündigt, der zu deinem Hüter bestellt worden!

Der Morgen begann zu grauen, und sie wachte noch über ihrem Buche. Ihre Stirn, ihre Augen brannten, und ihre Hände bebten vor Frost.

Die Lampe knisterte und flackerte; vom verkohlten Docht stiegen Funken im angerauchten Zylinder empor. Lotti löschte das sterbende Licht und suchte ihr Lager auf. Wie wohltätig wäre ein wenig Schlaf gewesen. Sie schloß die Augen und bemühte sich, regungslos zu liegen; da begannen alle ihre Pulse zu pochen, eine fürchterliche Beängstigung beklemmte ihr den Atem. Ihr war, als riefe eine flehende Stimme um Rettung zu ihr, die klagte, die sprach: Du hast mich gekannt in meiner Reinheit, rette eine verlorene Seele!... Verloren, weil du dich von ihr gewandt. Du warst die Starke, und ich war schwach, du hättest mich nicht verlassen sollen. Aber du suchtest Ruhe, du rangst nach Frieden und gabst mich auf, und ich sank und sinke immer tiefer ohne dich... Beweine mich nicht nur – rette mich!

Eine lange Zeit verfloß – eine wie lange?... Die Uhren schwiegen alle, standen alle still... Lotti hatte vergessen, sie aufzuziehen – zum ersten Male, seitdem es ihr überhaupt oblag, für Uhren Sorge zu tragen, ihrer vergessen... Wie spät war es denn? Wollte der Tag heute gar nicht kommen? Wollte eben heute die sonst so rührige Agnes nicht erwachen? Ja, wenn man die Zeit an Pulsschlägen abzählen könnte, wie die Alten getan... oder wenn Lotti die Sanduhr besäße, welche sich dereinst das Fräulein in Schlesien verfertigt hatte, das Fräulein, das seine Lebenszeit abmaß an der verrinnenden Asche des verstorbenen Verlobten... an diese Sanduhr erinnerte Lotti sich jetzt, und wie paßte der Einfall in das Gewirre von ganz anders wichtigen Gedanken in ihrem fiebernden Hirn?...

Endlich wird die bange Stille im Hause unterbrochen. Agnes ist auf den Beinen und schaltet mit gewohnter Energie in ihrem Küchenbereiche.

Lotti erhebt sich, zieht die Vorhänge hinauf, ruft die Alte ins Zimmer und fragt nach der Zeit. Es ist noch sehr früh am Morgen, noch unmöglich, die Dienerin auszusenden, um die Wohnung des Advokaten Schweitzer zu erfragen – des Advokaten Schweitzer, den Lotti besuchen will.

»Eines Advokaten!?« – Agnes fällt fast um vor Schrecken – das ist ja einer vom Gericht, was hat ihr Fräulein mit dem Gericht zu tun?

Und zwei Stunden später, nachdem Agnes die gewünschte Adresse richtig zustande gebracht und Lotti schweigend und eilends das Haus verlassen hatte, wurde die Magd von solchen Qualen der Neugier erfaßt, daß sie – sie konnte sich nicht anders helfen – in Tränen ausbrach.

Der Weg Lottis war nicht weit, bald schellte sie an Schweitzers Tür. Eine ältliche Dame öffnete und erklärte mit höflichem Bedauern, daß ihr Bruder jetzt nicht zu sprechen sei.

Allein nachdem Lotti sich genannt, und auf ihre dringende Bitte, entschloß die Dame sich dennoch nachzufragen, und wenige Sekunden später erschien Schweitzer selbst.

»Fräulein Feßler!« rief er, »Sie kommen wie ein Schutzgeist.«

Er führte sie durch ein einfach eingerichtetes Wohnzimmer in eine große Stube mit tiefem, dunklem Alkoven. In der Mitte des weitläufigen Gemaches stand ein riesiger Schreibtisch und neben demselben ein ebensolcher geöffneter Geldschrank. In hohen Stößen waren darin Wertpapiere aufgehäuft, hinter eisernen Gittern Geldsäcke und Rollen geschichtet. Er schien gewaltige Reichtümer zu bergen und glich mit seinen schweren Angeln und seinen kunstvollen Schlössern einem Ungeheuer, das Schätze hütet und sie, trotz seines lockend aufgesperrten Rachens, zu verteidigen sehr gesonnen ist.

Schweitzer bot Lotti seinen eigenen Lehnstuhl an, und sie nahm am Schreibtische Platz, während der Advokat, dessen ganzes Wesen die äußerste Aufregung verriet, vor ihr stehenblieb.

»Ich hätte mir Ihren Besuch nicht träumen lassen«, sprach er, »aber weil Sie nun da sind, weiß ich auch, was Sie hierhergeführt... Es ist die Sorge um Halwig.«

Er beantwortete ihr bestätigendes »Ja« mit dem Ausrufe: »Und sie hat guten Grund!«

Der erwartete Brief war eingetroffen, Halwigs gerechter Anspruch abgewiesen.

»Es ist die schmählichste Niederlage meines Lebens!« rief Schweitzer. »Ich habe diesen Ausgang für unmöglich gehalten und deshalb gestern noch – Sie waren Zeuge – nicht jede Hoffnung auf eine günstige Lösung der Sache vernichtet, der Sache, für die ich mich aus eigenem Antrieb begeistert... Ich, der vorsichtige, peinliche Geschäftsmann... Halwig hätte an die alte, vergessene Geschichte nie gedacht.«

Er stieß unzusammenhängende Worte hervor, er verwünschte sich als den Urheber der Enttäuschung, die seinem Freunde bevorstand.

»Wissen Sie denn, was diese Enttäuschung bedeutet?« rief er. »Ich will es Ihnen sagen...«

»Ich weiß es«, unterbrach ihn Lotti beschwichtigend. »Halwig ist nur noch auf sein Talent angewiesen, und dieses ist erschöpft... Sprechen wir ruhig, ich bitte... Nehmen wir an, Herr Doktor, der Prozeß wäre günstig für ihn entschieden worden. Die Summe, deren er bedarf, um das Gut seiner Schwiegereltern zu erwerben, läge da in diesem Schranke, was dann?«

»Was dann?«

»Würden Sie sagen: Schließe den Kauf, ziehe dich auf das Land zurück mit deiner jungen verwöhnten Frau? – Ich kenne sie nicht, aber ich glaube, sie wird die Freuden der Geselligkeit, der Stadt, nicht missen können.«

Schweitzer lachte auf.

»Nein, Sie kennen sie nicht. Die Stadt hat ihr nichts zu bieten; sie tanzt nicht... Theater, Konzerte, Kunstsammlungen, was bedeuten ihr die? Sie ist ja blind, sie ist ja taub, sie hat vor allem andern keine Seele und kein Herz, außer für ihren Mann, für Papa und Mama, und für die sauberen Brüder, den Kiki und den Koko, oder wie man sie nennt... Sie hat ja nichts als die ganz tierische, ganz unmündige und gedankenlose Zärtlichkeit für das Nest, aus dem sie hervorgegangen ist... für eine Familie – welche Familie! mehr noch als jede andere eine Brutstätte des Vorurteils, das Grab der Nächstenliebe, denn was nicht zu ihr zählt, zählt überhaupt nicht... Oh, was gäbe ich, um Halwig aus dieser Familie zu lösen!... Ein Opfer wäre seinen Peinigern entrissen, das ihnen überantwortet ist für die Dauer des ganzen Lebens. – Fort nach England mit Papa und Mama, und auf das Land mit der Tochter und mit den seidenen Vorhängen, und mit der Menagerie, und mit den Reitpferden, und mit den Zigaretten... Fort«, brach er plötzlich aus, »wenn ich wieder frei atmen soll, fort – aus meiner Nähe!«

Er beugte sich zurück und drückte die geballten Fäuste an seine Augen.

Eine Pause tiefen Schweigens trat ein.

»Was wird geschehen?« sprach Lotti endlich.

»Er wird den Kontrakt unterschreiben, ihn nicht einhalten können, das Gut wird unter den Hammer kommen, und Halwig und die schöne Frau... nun, er kann immerhin noch taglöhnern gehen bei irgendeinem publizistischen Unternehmen, und sie wird sich an das Nadelgeld einer Taglöhnersfrau gewöhnen oder zu Papa und Mama nach England reisen müssen, wenn sie es nicht vorzieht, das Nächstliegende zu ergreifen und die teuflische Macht, die ihr innewohnt, auszuüben. – Oh! Führe uns nicht in Versuchung! das heißt, bringe uns nie in Gelegenheit, all das Schlechte, dessen wir im Fall der Not fähig wären – zu tun... Eine nichtswürdige Empfindung in der Brust eines braven Menschen – Sie ahnen nicht, was die gebiert – Sie ahnen nicht einmal, daß es die geben kann. Gräßlich! – stöhnte er, nahm sich zusammen und fügte in scharfem Tone hinzu: »Sehen Sie, Fräulein, in diesem Schranke liegen Schätze. Wirklich, respekteinflößende Schätze. Und doch sind sie nur Bruchteile des Besitzes ihrer Eigentümer. Diese Eigentümer haben unbedingtes Vertrauen zu mir, sie haben mir noch niemals nachgerechnet... Wenn ich einmal irrte, in einem Ausweis, beim Addieren, und das Unwahrscheinlichste geschähe, gerade der fehlerhafte Ausweis würde eingesehen, je nun! der gute Schweitzer hätte eben einmal seinen Kopf nicht beisammen gehabt. Sind die Papiere nicht bei ihm? Überhaupt nicht aufzutreiben?... Je nun, der gute Schweitzer hat sie aus Versehen in den Ofen oder in das Kehricht geworfen, aber gestohlen, daß er sie gestohlen hat, würden seine Klienten nicht glauben. Und wenn er selbst es ihnen erzählte, würden sie denken, daß er ein Narr, aber nicht, daß er ein Dieb geworden ist. Wenn ich mich denn irrte... wenn ich mich genau um die Summe irrte, um die es sich handelt, was hätte ich dann getan?... Etwas, das mich vielleicht zum Wahnsinn oder zum Selbstmord treiben würde, ein Verbrechen, das größte, das ich begehen kann, denn es wäre ein Verbrechen gegen meine eigenste, angeborne Natur, und doch nichts im Vergleiche zu dem Elend, das über den unglückseligen Halwig hereinbricht, wenn ich ihn seinem Schicksale überlasse.-

»Was denken Sie?« fragte Lotti, »sagen Sie es mir offenherzig, Herr Doktor...«

»Offenherzig?« rief er. »Ich könnte das Geld stehlen, das er braucht, und als Sie an meiner Tür schellten«, seine Stimme sank zu einem fast unhörbaren Flüstern herab, »war ich halb und halb entschlossen, es zu tun.«

»Lieber Doktor«, sprach Lotti, merkwürdig wenig erschüttert durch diese furchtbare Selbstanklage, »machen Sie sich nichts weis. Den Vorsatz hätten Sie nicht ausgeführt. Es muß auf andere Art geholfen werden...«

Sie seufzte tief auf: »Und jetzt sagen Sie mir, wieviel kostet das Gut?«

Schweitzer nannte den Preis, fügte aber hinzu: »Der Wert ist mindestens das Doppelte... Wollen Sie es kaufen?« rief er plötzlich aus, »ich höre, daß Sie im Besitz eines Nibelungenhortes sind, einer Uhrensammlung«, er lächelte gutmütig, aber doch auch sehr spöttisch, »ein totes Kapital, das ist heutzutage fast eine Sünde. Fräulein Feßler, verkaufen Sie Ihre Uhren und kaufen Sie das Gut! Es wäre nicht völlige Hilfe, aber es wäre viel, die Eltern würden wir dadurch los... und dann ließe sich weiterdenken. Kaufen Sie das Gut! Für die Administration will ich sorgen. Kaufen Sie das Gut! Vom alleinigen Standpunkte des Nutzens aus, ohne jeden Nebengedanken, kann ich Ihnen nicht genug dazu raten.«

Der praktische Geschäftsmann in ihm kam mit einem Male zum Vorschein und führte eine Zeitlang ausschließlich das Wort. Die offenbaren, auf der Hand liegenden Vorteile jedoch, für die er sich bereit erklärte gutzustehen, schienen Lotti kein Interesse abzugewinnen. Sie wollte etwas ganz anderes wissen. Sie fragte: »Wenn Sie jetzt zu Halwig gingen und ihm ankündigten, daß sein Prozeß gewonnen ist, würde er nicht erfahren wollen, wie das zugegangen, den Brief nicht sehen wollen, der die Nachricht brachte?«

Schweitzer starrte sie mit aufgerissenen Augen an: »Was soll das?«

»Antworten Sie mir! Ist er ein solches Kind in Geschäftssachen, daß man ihn glauben machen könnte...«

»Den?« unterbrach sie Schweitzer, »alles kann man dem aufbinden. Geschäftssachen! noch ganz andere Leute sind Kinder in Geschäftssachen... aber um Gottes willen... Sie haben einen Rettungsplan, ich seh's. Sie werden helfen, Sie!...« Er faltete die Hände, er vermochte nicht weiterzusprechen.

»Ich schaffe Ihnen in einigen Tagen das nötige Geld«, sagte Lotti, »Ihre Sache ist es dann, Halwig damit zu betrügen. Aber – nicht einmal der Tod hebt das Versprechen auf, das ich von Ihnen fordere: Sie schweigen, Sie bewahren mir für immer das Geheimnis.«

Sie erhob sich und streckte ihm die Hand entgegen, die er feierlich ergriff.

»Ich frage Sie nicht«, sprach er, »welches Opfer bringen Sie? Auf welche Lebensfreude leisten Sie Verzicht, um das möglich zu machen? Ich frage: Vermögen Sie die Wohltat zu ermessen, die Sie erweisen?«

Lotti schüttelte den Kopf: »Vielleicht nicht. Ich tue nur, was ich nicht lassen kann: ich gebe ein im Grunde doch entbehrliches Gut hin, um die Seele eines Menschen zu retten, der mir einst teuer war.«

Damit nahm sie Abschied.

Sie begab sich nach dem Laden Gottfrieds, fragte dort vergeblich nach ihm – er war nicht zugegen, war schon vor geraumer Zeit fortgegangen. Als sie nach Hause kam, fand sie ihn, ihrer in sehnsüchtiger Ungeduld wartend.

»Was geht vor?« fragte er und stellte sich eilends in seine Fensterecke. »Ein merkwürdiges Leben führst du seit einigen Tagen.«

Er verfolgte mit den Augen jede ihrer Bewegungen.

Sie hatte den Hut abgenommen und beschäftigte sich mit dem Zusammenlegen ihres Tuches. Jetzt kam sie langsam auf den Tisch zugeschritten und ließ einen zerstreuten Blick über die ihrer harrende Arbeit gleiten. Gottfried hatte diese so appetitlich hergerichtet, daß ein echtes Uhrmacherherz dabei aufgehen mußte; allein dasjenige Lottis verleugnete sich in dem Momente gänzlich.

Sie nahm Platz, schob die kleinen Glasglocken samt ihrem zarten Inhalt beiseite und stützte die Ellbogen auf den Tisch. Mit trüben, etwas geröteten Augen betrachtete sie lange, wehmütig und wie fragend das Bild ihres Vaters. Endlich wandte sie sich zu Gottfried. Aber nicht wie um gewöhnlich Auskunft zu erhalten über den Gang einer Pendeluhr, über die Leistung eines Echappements und ähnliche angenehme Dinge, sondern mit einer Erkundigung nach dem ihr unangenehmsten Menschen – dem Agenten des Amerikaners.

Der war noch da und behelligte Gottfried nur zu oft mit seinen Besuchen. Er kam unter allerlei Vorwänden, hatte jedoch nur einen Zweck, den unerreichbarsten. Gottfried lächelte mitleidig.

»Die Uhrensammlung möcht er an sich bringen.«

»Er soll sie haben. Ich verkaufe die Uhren.«

Gottfried stieß einen Schrei des Erstaunens aus. Das war nicht im Scherz, war auch nicht obenhin wie die Andeutung einer Möglichkeit gesagt, das war ein ernster, wohlüberlegter Entschluß, den Gottfried mit innerster Empörung vernahm.

»Das tust du für Halwig!« brach er plötzlich los, und Lotti senkte bejahend das Haupt.

»Ich kann nicht anders. Ich werde dir alles erklären, aber nicht jetzt. Jetzt möchte ich nur den Abschied von meinen armen Uhren schon überstanden haben. Du wirst – ich bitte dich – mit dem Agenten sprechen. Es bleibt bei dem Preis, den der Amerikaner damals dem Vater angeboten. Weißt du, ob er den noch bezahlen will?«

»Das will er gewiß.«

»Bestelle ihn also... und gleich, wenn du mir eine Wohltat erweisen willst.«

Er blickte in ihr schmerzlich verzogenes Gesicht. »Ich werde dir die Wohltat erweisen, ihn nicht zu bestellen.«

»Gottfried!...«

»Lotti, Lotti!... Wie kannst du – und für den? Warum denn alles für den?«

Sein ganzes Innere war im Aufruhr, und Lotti verlor fast das Gefühl ihres eigenen Leids über der Teilnahme mit der bitteren Qual, mit welcher er rang und die auszusprechen ihm nicht gegeben war.

»Ich muß, siehst du!« sagte sie, »ich darf nicht anders.«

»Überleg's. Mir zuliebe... versuch einmal, etwas mir zuliebe zu tun, überleg's!... Es wird dich gereuen.«

»Es ist nicht mehr Zeit zu überlegen, ich habe mein Wort verpfändet – und gereuen? Ich glaube, daß es mich nie gereuen wird.«

»Auch dann nicht, wenn du erfahren wirst, daß du es umsonst getan hast? – Und das wirst du erfahren!«

Lotti widersprach ihm nicht, und Gottfried fuhr eifrig fort: »Ein solches Opfer... o wahrhaftig, der ein solches Opfer annimmt, der ist's nicht wert!«

»Er würde es nicht annehmen, wenn er davon wüßte. Geh jetzt und komm bald wieder, mit dem – Käufer.«

Sie wollte sich erheben, aber die Knie versagten ihr den Dienst, und sie lehnte sich erschöpft in den Sessel zurück.

Gottfried trat näher. »Du kannst nicht helfen, glaube mir, es ist hier nicht zu helfen.«

»Aber eine Frist zu gewinnen, und in dieser Frist die Gelegenheit...«

»Zu einem Wunder?« fiel Gottfried ein.

»Vielleicht.«

Er wandte sich unwillig ab, und Lotti sagte entschlossenen Tons: »Darf der Arzt, der einen Kranken aufgegeben hat, ein Mittel, ihn zu retten, unversucht lassen? Er darf es nicht – wegen seines eigenen Seelenfriedens, wegen dieses furchtbaren ›vielleicht‹, das dich böse gemacht hat.«

»Mich böse?!« rief Gottfried. Mit unbeholfener Zärtlichkeit erfaßte er ihre Hand, und wie ein Erstickender flüsterte er: »Was würde der Vater sagen?... Lotti, denk an ihn.«

»Ich habe zuerst an ihn gedacht und sage dir: er hätte es auch getan.«

Sie suchte ihm ihre Hand zu entziehen, er hielt sie fest und rief: »Mag sein... aber der Vater hätte dabei auch ein Wort für mich gehabt... Mißverstehe mich nicht!... ich hab ja gar kein Recht – ich meine nur, er hätte zu mir gesprochen: Das geschieht für einen andern – deshalb brauchst du nicht zu denken, daß mir der andere lieber ist als du.«

Er stockte, wie erschrocken über seine eigene Kühnheit, und gab die Hand Lottis plötzlich frei. Sie sah ihn an, bestürzt und angstvoll, mit Schamröte übergossen. Der Schmerzensschrei des schweigsamen Mannes erweckte in ihrer Brust einen Sturm von Selbstanklagen. Ihre Verwirrung vergrößerte noch die seine.

»Verzeih«, stotterte er, »ich gehe«, und wandte sich zur Flucht mit einer so ratlosen und hastigen Eile, daß Lotti – es schien ihr selbst unglaublich – über ihn lachen mußte. Er blieb stehen, halb empört, halb erfreut: »Du lachst?«

»Ich lache –« sie brach in Tränen aus: »Wir sind zwei alte, erbärmliche Weichlinge.«

»Weichlinge...« wiederholte er und näherte sich ihr schüchtern – »Lotti –«

»Gottfried –«

Und die »Geschwister Feßler« umarmten sich.

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