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Lother und Maller

Friedrich Schlegel: Lother und Maller - Kapitel 7
Quellenangabe
typelegend
authorFriedrich Schlegel
titleLother und Maller
booktitleRomantische Sagen des Mittelalters
publisherInsel Verlag
printrunErste Auflage
editorHermann Hesse
year1986
firstpub1823
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20131206
projectidd512cda8
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Sechstes Kapitel

Als der Donnerstag kam, da ging der König an ein Fenster seines Palastes, bei ihm standen andre Herren, Grafen und Ritter, wohl an zweihundert; Zormerin stand auf der andern Seite, und bei ihr wohl dreißig Jungfrauen. Sie war gar köstlich gekleidet, auf ihrem Mantel glänzten die herrlichsten Edelgesteine, und vorn war er mit einem Karfunkel und einem schönen Rubin befestigt. Über diesem Karfunkel hatte ein Jude namens Pharao wohl sieben Jahre lang gearbeitet; er gab ihn der Sybille, diese gab ihn in den Tempel, welcher Christo zu Ehren erbaut ward; Pilatus schenkte ihn dem Kaiser, daß er ihn sollte leben lassen, da Vespasian Jerusalem zerstörte; der Kaiser gab ihn St. Clemens, dem Papst, dieser gab ihn dem Antonius, Vater der heiligen Helena. Diese führte ihn nach Konstantinopel und stellte ihn vor St. Sophien, da ward er zu dem Schatz gelegt. Diesen Mantel hatte König Orschier aus dem Schatz genommen, und seine Tochter damit geziert, einen schönern mochte man wohl in keinem Lande sehen; auch keine schönere Jungfrau, als Zormerin war; sie war von so großer Schönheit, daß sie nie ein Mann recht ansehen mochte, ohne in Liebe für sie zu entbrennen, so daß er sich von Stund an vor großer Liebe nicht zu raten wußte.

Otto kam zu Zormerin, als sie mit ihrem Fräulein Scheidechin in einem Fenster lag, dem Stechen zuzusehen. Liebe Jungfrau, sprach er, ich will hier bei Euch stehen, und dem Stechen zusehn, damit ich urteilen kann, wem man den Dank geben mag. – Was denkt Ihr? fing Zormerin gegen ihn an; wähnet Ihr schöne Frauen zu gewinnen mit Essen, Trinken und Schlafen, und mit müßigem Schwätzen? Wenn es sich denn also fügte, daß ich Eure Gemahlin würde, so möchte meine Ritterschaft und die ganze Welt wohl denken, was ich für einen feigen unseligen Mann geheiratet habe, der nicht mit dem Schwert dreinzuschlagen versteht. Um meinetwillen tut es, reitet hinaus, Ihr möchtet sonst in ein arges Gerücht kommen.

Otto mußte mit Schande von Zormerin hinunter zu dem Stechen gehen, und mußte sich schämenshalber zu Pferde setzen.

Jedermann kam zu dem Stechen, in Begleitung von Pfeifern, Trompeten und Posaunen. So kam auch Lother mit einer Menge seiner Gesellen und Ritterschaft; er hatte auch Pfeifer, Trompeten und Posaunen, und viele Herolde und Knappen, die in Haufen neben und hinter ihnen gingen, als wäre er ein großer König. Wer ist, sprach Orschier, der stattliche Ritter, der mit so ansehnlichem Gefolge kommt? – Es ist Otto von Lombardei, sprachen die Diener, der so sehr arm war; er muß den Reichtum gestohlen haben, wie käme er sonst dazu. – Otto wunderte sich nicht wenig, wo seinem Vetter Lother doch das Gut zu solchem Aufwand mochte hergekommen sein, und konnte deshalb seine Verwunderung nicht bergen. Maller ritt zu ihm hin, und sagte ihm: Nach Euern Gedanken müßten wir eigentlich in großer Not und Armut stecken, solche Gedanken mögt Ihr aber nur fahren lassen, es sei Euch nun lieb oder leid. Wer nach Bosheit ringet, dem wird solcher Lohn! – Otto tat als hörte er nicht, was Maller ihm sagte, und ritt immer vor sich hin. Zormerin sah nach niemand, als nach Lother, er allein gefiel ihr vor allen andern; so sah auch Lother oft zu Zormerin hinauf, und wenn er merkte, daß sie auf ihn sah, so ließ er lustig sein Pferd springen, und setzte über die Bänke mit solchem Mut, und so edelm Anstand, daß alle sich darüber freuten.

Nun fing das Stechen an; wer die Bretter nicht eben traf mit dem Speer, dem schlug der Schwengel an dem Helm, daß er vom Pferde fallen mußte. Dies widerfuhr manchem, der sich sehr stattlich dünkte. Otto nahm seinen Speer unter den Arm; und rannte so greulich zu, daß er weder sah noch hörte, denn er saß auf einem guten Roß. Da er aber nah an das Brett kam, wider welches man stechen mußte, da erschrak er so sehr, daß er das Brett nicht traf; der Speer ward ihm in der Hand herumgedreht; dicht an dem Brett war eine Pfütze voll Mist und Unrat; da er nun das Brett nicht getroffen, sondern selber vom Schwengel getroffen wurde, so konnte sein Pferd sich nicht halten, sondern fiel mit ihm in die Pfütze, darin ward Otto wie ein Schwein besudelt und herumgewälzt. Maller fing an laut zu lachen. Schweig, Maller, sagte Lother, täte das ein andrer als du, ich würde es ihm nicht verzeihen. Lother war so treu, daß es ihm immer leid tat, wenn dem Otto etwas Übels widerfuhr, obgleich dieser gar schlecht an ihm handelte. Zormerin aber hätte nicht einen Wagen voll geschlagenen Goldes dafür genommen, daß Otto gefallen war.

Nun rannte Lother mit seinem Speer gegen das Brett, mit solcher Macht, daß der Stecken oben entzwei brach, woran das Brett hing, und dieses hinunterfiel; ebenso stach er auch die andern fünf Bretter herab. Maria, Gottes Mutter, riefen die Ritter, wer sah je einen so starken Ritter? – Herr, sprachen die Herolde zu König Orschier, gebt diesem Ritter so viel Güter, und so viel Pferde, als Ihr immer wollt, Ihr könnt ihm doch nimmer so viel geben, als er verdient. Zormerin, voller Freude, sprach zu Scheidechin: Der Rotkopf hat mich verloren! Geh, eile zu Maller, sag ihm in meinem Namen, sein Herr möchte in seiner Herberge heute offenen Hof halten, ich werde ihm Geld genug dazu schicken; was ich auch schicken mag, ist er dennoch mehr noch wert.

Scheidechin richtete den Auftrag an Maller aus, worauf dieser sich gar höflich bedankte, und sogleich zu seinem Herrn auf den Platz ritt, um ihm den Befehl der Königstochter zu hinterbringen. Lother berief zehn Herolde zu sich, und ließ durch diese alle Herren, sowohl Ritter als Knechte, Edelleute, Bürger und Bürgerinnen, wes Alters oder Standes sie sein mochten, zu sich auf den Abend in seine Herberge einladen, um sich mit ihm und seinen Gesellen gütlich zu tun, mit Essen, Trinken und anderer Ergötzung. Da sprach einer zu dem andern: Wer hat wohl diesem Erbärmlichen so viel Geld und Gut gegeben? Es kann nicht mit rechten Dingen zugegangen sein; denn erst kürzlich wollte er sein Roß aus Armut verkaufen, und nun will er offnen Hof halten. Das ist ja eine große Hoffart; morgen früh, beim Frühstück, wird er sich wohl aus dem Staube machen. So schwatzten die Leute; Lother aber war fröhlich, und dankte Gott von ganzem Herzen, daß es ihm den Tag so glücklich ergangen war. Zormerins Gunst war ihm mehr, denn alle das Gold was sie ihm schickte, und seine Sorge ging nur dahin, wie er dieses seinen Gästen wieder zugute kommen lassen wollte; darum sprach er zu Maller: Lieber Geselle, verlasse dich nicht auf den Wirt allein, sorg selber, daß wir genug haben mögen. – Sorgt nicht, sprach Maller, was in der Stadt zu haben ist, das soll bei uns diesen Abend nicht fehlen; ritt hin zur Herberge, rief den Wirt Salomo. Herr Wirt, rief er, schafft Rat, denn mein Herr hält diesen Abend hier offnen Hof, und er hat durch zehn Herolde einladen lassen: Ritter, Grafen, Herren, Bürger und Bürgerinnen, alt und jung, groß und klein, und jedermann, der mit uns essen will; es darf uns also an nichts fehlen. – Das soll geschehen, lieber Herr, sprach der Wirt, bringt wen ihr wollt, ich will Eure Gäste wohl bedienen. Ging darauf hinaus und bereitete das Gastmahl auf das köstlichste. – Da das Stechen vorbei war, ritt jedermann nach Hause, um die Rüstung abzulegen, und sich alsdann zu Lother in die Herberge zu begeben.

 

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