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Lother und Maller

Friedrich Schlegel: Lother und Maller - Kapitel 25
Quellenangabe
typelegend
authorFriedrich Schlegel
titleLother und Maller
booktitleRomantische Sagen des Mittelalters
publisherInsel Verlag
printrunErste Auflage
editorHermann Hesse
year1986
firstpub1823
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20131206
projectidd512cda8
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Vierundzwanzigstes Kapitel

Nachdem Ludwig von Rom gereist war, bekam Lother eine Botschaft, sein Sohn wäre am Leben, und sei frisch und gesund; er habe zwei rote Kreuze mit auf die Welt gebracht, auch sei sein rechter Arm, mit dem er das Schwert führen sollte, ganz rot wie Blut, der andre Arm aber sei weiß. Dieser Botschaft war Lother froh, und sagte zu Maller: Lieber Geselle, ich muß nach Konstantinopel reiten, und muß meinen Sohn sehen. Laß dich unterdessen von den Ärzten wohl pflegen, daß du genesen mögest. Lieber Herr, sprach Maller, ich bitte Euch, bringt mir Scheidechin, meine Hausfrau, mit her zu mir. Das soll geschehen, sprach Lother; hiermit ritt er fort, setzte sich zu Schiffe, und fuhr ohne Aufenthalt nach Konstantinopel.

Als König Orschier und Lother sich wiedersahen, da fingen beide an gar sehr zu weinen, und ihr beider Leid ward wieder erneut um die schöne Zormerin. Die Amme brachte Lothern seinen kleinen Sohn herbei; Lother nahm ihn auf seine Arme, und sah ihn an, da flössen seine Tränen reichlich über das Kind: Marphone, du lieber Sohn, sprach er, die schönste frommste und treueste Frau auf dem Erdboden, die mußte um deinetwillen sterben. – Bei meiner Treue, sagte König Orschier, der Name soll ihm bleiben. Marphone bedeutet auf deutsch: Weh, daß du geboren. – Zwanzig Monate blieb Lother zu Konstantinopel, dann beurlaubte er sich bei seinem Schwager, um wieder nach Rom zu reisen. Beim Abschied sagte ihm König Orschier: er wolle Marphone in Konstantinopel bei sich behalten, und ihm das griechische Kaisertum geben; er solle wieder eine Frau nehmen, um einen Erben für das römische Reich zu haben. – Ich will Euch gehorchen, antwortete Lother, aber nie werde ich eine Frau lieben, wie ich die treue Zormerin liebte. – Da blieb Marphone zu Konstantinopel, und ward schön und groß, Lother aber reiste mit Scheidechin, Mallers Ehefrau, nach Rom. Hier fanden sie Mallern wieder völlig hergestellt, und die Freude die er hatte, Scheidechin wiederzusehen, war sehr groß.

Lother verlebte nun noch vier Jahre zu Rom, und zog mitunter gegen die Heiden, denen er vielen Schaden zufügte. Eine Ehefrau zu nehmen, konnte er sich aber nicht entschließen, Zormerin lebte immer noch in seinem Herzen. Unterdessen hatten die bösen Verräter nicht geruht; sie brachten Weisblume, die Königin von Frankreich, dahin, daß sie ihren Gemahl beredete, und er gab endlich nach vielem Zögern seine Einwilligung zum Kriege. Auch Lother versammelte ein großes Heer; viele Herren und Fürsten kamen ihm zu Hilfe. Auch Marphone, Lothers Sohn, der unterdessen ein starker mächtiger Ritter, und nach König Orschiers Tode Kaiser von Griechenland geworden war, kam seinem Vater mit einem mächtigen Heere zu Hilfe; auch Maller und die Seinigen fehlten nicht. So ward der blutigste Krieg geführt, wo Christen gegen Christen fochten, von dem je ist gehört worden. Viele Jahre dauerte der Krieg, wo ganze Länder zerstört, Kirchen und Klöster verbrannt, und mehr denn sechsmal hunderttausend Christen ihr Leben verloren, deren Blut die Ströme und Flüsse im Lande rot färbten. Endlich versöhnte sich Lother sanftmütig mit Ludwig, nachdem die verräterischen Räte alle gefangen und getötet waren.

Dann nahm Marphone wieder Abschied von seinem Vater Lother und zog mit seinem Heer zurück nach Konstantinopel. – Maller bekam Botschaft, wie seine liebe Ehefrau, Scheidechin, gestorben sei, da trauerte er viel um sie, und beweinte sie aufrichtig, konnte auch nimmer froh werden von da an, und da er seinen Herrn und Freund Lother auf Lebenszeit unglücklich wußte. Es kam ihm in den Sinn, er möchte wohl Vater und Mutter noch einmal sehen, er beurlaubte sich also von dem Kaiser Lother, und ritt nach Montsysson. Vorher mußte er aber Lothern versprechen, wieder nach Rom zu kommen, und nicht zu lange zu verweilen. Zu Montsysson fand er seinen Vater und seine Mutter, auch seinen Bruder, König Ansys und seine Söhne, auch den wilden Bastard, Dietrich von Karthago. Sie alle freuten sich sehr, Maller wiederzusehen, er aber konnte keine Freude mehr haben; da er kaum vier Wochen bei ihnen sich aufgehalten hatte, da sagte er, er wolle wieder nach Rom zu Kaiser Lother, nahm Abschied von allen Freunden, küßte seine Mutter mit weinenden Augen, und ritt fort. Als er vor die Stadt kam, da ward sein Herz mit Traurigkeit umfangen, und ihn gereute so sehr all das Christenblut, das er vergossen, daß er vom Pferde absteigen, und sich niedersetzen mußte. Hier dünkte ihm, als rief eine Stimme vom Himmel ihm zu, er solle ein Einsiedler werden, ein hartes Leben führen, und seine Sünden im Gebete und in der Einsamkeit büßen. Da ließ er sein Pferd laufen, ging tief in den Wald hinein, wo keines Menschen Fuß je hinkam, und hier lebte er als ein Einsiedler, schlief auf der harten Erde, trug den eisernen Harnisch auf seinem bloßen Leib, ohne ihn abzulegen, weder bei Tag noch bei der Nacht; aß wilde Wurzeln, die er sich selber ausgrub, trank Wasser, und kasteite seinen Leib sehr.

Kaiser Lother war zu Rom, und wunderte sich sehr, daß Maller, sein Geselle, nicht wieder kam. Und als es sich gar zu lange verzog, da saß Lother selber auf mit einigen Gesellen, und sie ritten nach Montsysson, um nach Maller zu fragen. Keiner aber wußte etwas von ihm, sondern sie meinten alle, er müsse in Rom sein, und der Schrecken war so groß, als sie von Lother vernahmen, er sei nicht daselbst angelangt. Lother und die andern suchten ihn überall im ganzen Lande, aber er ward nirgends gefunden; da legte sich Rosemunde, Mallers Mutter, nieder, und starb vor großem Leid um ihren Sohn. Lother ritt wieder nach Rom. Drei Jahre gingen noch wohl darüber hin, und man konnte nichts von ihm erfahren. Da ward auch Lother krank, und wäre beinah vor Gram gestorben; er klagte und weinte ohne Unterlaß um ihn; und so oft jemand von Maller redete oder seinen Namen nannte, da mußte er immer wieder aufs neue weinen. Endlich ward er so krank, daß er zu Bette liegen mußte, und er ward ganz schwach von Sinnen. Da sagten die Ärzte: er müsse die große Klage zu führen aufhören. Lother ließ also in seinem ganzen Reiche den Befehl ergehen, niemand solle von Maller sprechen oder seinen Namen nennen; wer den Namen nennte, der müßte sterben. Da ward also Mallers vergessen, und sein Name nicht mehr gedacht. Nach drei Jahren, da war es gerade die Zeit, daß man die heilige Veronika in Rom vorzeigte, diese ward nur alle hundert Jahre einmal gezeigt. Nun gedachte Maller auch nach Rom zu gehen, um die heilige Veronika zu sehen. Er kam zu Rom an, und hatte einen langen Bart, sein Antlitz war bleich, und ohne Farbe oder Licht, denn er hatte in drei Jahren keine menschliche Speise zu sich genommen, und hatte kaum sein Leben erhalten. Er ging wie ein Pilger gekleidet, keiner seiner Freunde hätte ihn so erkannt. Er ging sogleich nach der St. Peterskirche, und sah Lother, seinen Gesellen, alle Tage vor sich hinein- und herausgehen. Da ging Maller einen Sonntag auf den Palast, wo Lother saß. Als dieser den Pilgrim sah, da bebte er zusammen, denn er erinnerte sich wie Maller ihm einmal gesagt hatte, er wollte noch einmal ein Pilgrim werden. Ach Maller, seufzte er bei sich selber, wüßte ich dich zu finden, ich wollte dich suchen von einem Ende der Welt bis zum andern. Maller hatte nichts von dem Verbote gehört, daß man vor dem Kaiser nicht seinen Namen nennen durfte, er ging also zu ihm, und bat ihn um Almosen um Gotteswillen, und auch um Eures Gesellen Mallers willen, wenn Ihr ihn je lieb gehabt. Bei diesem Namen da vergingen dem Kaiser die Sinne, sein Herz ward kalt, und so nahm er sein Messer, warf es nach dem Pilgrim, das Messer fuhr ihm tief in den Leib. O Lother, ich bin Maller, dein Geselle, den du erstochen hast, komm her zu mir, küsse mich, daß ich dir die Tat verzeihe.

Da sprang Lother hinzu, nahm den Pilger in seine Arme, und besah ihn von Kopf zu Fuß; da er ihn endlich erkannte, da fiel er in Ohnmacht neben ihm nieder; da er wieder zu sich kam, und den Jammer bedachte, den er angerichtet, da schrie er vor großem Schmerz, verfluchte sich und die Stunde in welcher er geboren, und wollte sich selber töten; Maller aber sammelte seine Kräfte, und hielt ihn ab. Herr, sagte er, mehrt nicht Eure Sünden, denkt an Gott; schreit auch nicht so sehr, daß man nicht gewahr wird, ich sei Maller, den Ihr getötet, denn wenn mein Vater es erfährt, und mein Bruder, so werden sie meinen Tod an Euch rächen wollen, welches Gott verhüten wolle. Gott und seine liebe Mutter wollen Euch verzeihen, ich verzeihe Euch von ganzem Herzen. Als er dies gesagt hatte, da sah er Lother an mit freundlichem Lächeln, und verschied in seinem Arm; seine Seele war so treuer Liebe voll, und ward in einem so bußfertigen Leben abgerufen, daß sicher ihm die ewige Seligkeit zuteil worden ist. Sein Körper ward von den Rittern in geweihter Erde bestattet; Lother aber verfiel in eine so große Krankheit, daß man glaubte, er würde nicht länger leben können. Endlich ward er doch so weit hergestellt, daß er wieder herauskonnte; er redete aber mit niemand mehr ein Wort, und war in tiefe Traurigkeit versenkt, woraus ihn nichts zu ziehen vermochte. Und als er einmal allein hinausgeritten war, und keine Begleitung mitnehmen wollte, da erwartete man vergebens seine Zurückkunft, er kam nicht wieder nach Rom. Als sein Sohn, Marphone, durch den kalabrischen Wald kam, da fand er ihn als Einsiedler in einer Klause am Walde, wo er auch bald darauf starb, in seines Sohnes Armen.

Hier endigt das Buch von Lother und Maller, den beiden treuen Gesellen.

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