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Lother und Maller

Friedrich Schlegel: Lother und Maller - Kapitel 21
Quellenangabe
typelegend
authorFriedrich Schlegel
titleLother und Maller
booktitleRomantische Sagen des Mittelalters
publisherInsel Verlag
printrunErste Auflage
editorHermann Hesse
year1986
firstpub1823
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20131206
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Zwanzigstes Kapitel

Darauf ging Otto zu König Orschier, und führte Klage gegen Zormerin, daß sie ihm sein Insiegel gestohlen und damit einen falschen Brief an seinen Burggrafen in Pavia geschrieben, daß dieser mußte Lothern freilassen. Herr König, sagte er, wegen dieser Verräterei verlange ich Urteil und Recht gegen Eure Tochter. – Hat sie diese Bosheit getan, sagte König Orschier, so will ich sie verbrennen lassen. Hiermit schickte er einen Ritter zu ihr, der mußte sie rufen; sie saß eben und ließ sich von Synoglar alles erzählen, wie es mit Lothern ergangen war, und was sich alles mit ihr zugetragen. Da sie die Botschaft vom König, ihrem Vater, vernahm, ging sie sogleich zu ihm. Als König Orschier sie sah, rief er ihr mit zorniger Stimme entgegen: Tochter, König Otto klagt dich an, du habest ihm sein Insiegel gestohlen, damit habest du einen falschen Brief gemacht, und diesen an seinen Burggrafen nach Pavia geschickt, daß er Lothern aus dem Gefängnisse lassen solle. – Vater, wäre ich ein Mann, ich wollte das verantworten, Leib gegen Leib, gegen jeden, der mich dessen beschuldigt. Aber ich bin eine Frau, und kann mich nun nicht verteidigen. – Ihr könnt nicht leugnen, sprach Otto, ich fand meinen Siegelring vor Eurer Türe liegen. Das Blut in den Adern erstarrte mir vor Schrecken, als ich ihn liegen sah, aber Eure schönen Worte, und Eure freundlichen Gebärden machten, daß ich es gleich wieder vergaß. – Herr, erwiderte Zormerin, war ich Euch freundlich mit Worten und Gebärden, so geschah es aus Liebe, wie Ihr wohl werdet wissen, denn ich glaubte damals, mein Gemahl, Herr Lother, wäre tot, so wie Ihr es bezeugtet. Nun dieser aber noch lebt, hat alles sich zwischen uns verändert, und Gott behüte mich, daß ich einen andern Mann nehmen sollte; auch bin ich unschuldig an dem, wessen Ihr mich anklagt. – Da trat einer von Ottos Gesellen, Herna genannt, hervor, es war derselbe, der damals das Kleid zu Lother in den Turm getragen, und ihn mit unvorsichtigen Reden beleidigt hatte. Gnädige Frau, sprach Herna, Ihr könnt es nicht leugnen, Ihr habt meinen Herrn verraten; sucht Euch nun einen Ritter, der für Euch kämpfe, den will ich bestehen für meinen Herrn, König Otto, so soll Euch dann Euer Vater nach Euerm Verdienste richten. – Es muß gekämpft sein, sprach Orschier, darum, Tochter, gehe und suche dir einen, der für dich kämpfe.

Zormerin ging hinaus, und schickte wohl nach dreißig ihrer Diener, zu deren jedem sie das Zutrauen hatte, daß er für sie in den Tod gehen würde; aber sie fand nicht einen, der den Kampf für sie bestehen mochte, denn Herna war als ein starker Kämpfer im Lande bekannt. Nun lag Zormerin auf ihren Knien und flehte zu Gott, daß er sie nicht verlassen möchte, da sie alles nur getan hatte, um ihrem Eheherrn getreu zu bleiben und ihm zu helfen. Gott erhörte Zormerins Gebet, und Lother war schon ganz nah an Konstantinopel. In der letzten Herberge, wo er die Nacht zubrachte, eh er in die Stadt hineinging, kaufte er einen falschen Bart von einem Bettler, der ihn immer getragen, und den Leuten vorgeredet hatte, er sei ein Pilger und käme vom heiligen Grabe, dafür gaben ihm die Menschen Almosen. Diesen Bart kaufte Lother nebst einem vollständigen Pilgeranzug, und ging so verkleidet nach Konstantinopel. Hier kehrte er bei seinem alten Wirt, Salomon, ein, doch gab er sich ihm nicht zu erkennen, er wollte von niemand gekannt sein, und traute sich keinem Menschen an. Salomon und seine Hausfrau nahmen ihn auf, als einen frommen Pilger, und bewirteten ihn sehr wohl.

Wir lassen Lother hier in der Herberge und kehren zu Zormerin, die keinen Kämpfer fand. Unterdessen sprach Herna eines Tages zu Otto: Herr, es dauert lang, eh Zormerin einen Kämpfer findet, und Ihr könnt Euch nimmer an ihr rächen, solange ihr Vater, König Orschier, noch lebt, dieser läßt sich wohl von ihren Bitten noch erweichen. Wollt Ihr aber mir meinen Willen lassen, so will ich Euch bald von König Orschier befreien, dann seid Ihr Herr von Konstantinopel und von Zormerin. – Kannst du dies, sprach Otto, so soll es dir wohl gelohnt werden. Da bereitete Herna ein Gift, das war so stark, daß man des Todes war, sobald man es hinuntergenommen hatte. König Orschier aber trug einen goldnen Ring, darin war ein köstlicher Edelstein gefaßt; dieser Stein hatte unter dem heiligen Kreuze gelegen, als unser Herr Jesus Christus daran die Marter litte, und als Longinus ihn mit dem Speer in die Seite stach, da floß etwas von dem heiligen Blut über den Stein, davon behielt er die Eigenschaft, daß er jedes schädliche Gift merkte, wenn man es nur auf dreißig Schritte nahe brachte, und sogleich aus dem Ring sprang. Niemand wußte um die Eigenschaft des Steines als König Orschier.

Als er nun bei der Tafel saß, und seinen großen goldnen Becher forderte, da wußte Herna das Gift hineinzutun, daß niemand es merkte. Als aber der Becher vor dem König niedergesetzt ward, da sprang der Edelstein aus dem Ring wohl dreißig Schritte weit in den Saal. König Orschier stand sogleich von der Tafel auf, voller Schrecken. Wie, habe ich es wohl verschuldet, rief er, daß man mich vergiften will? Ich wüßte doch niemand, dem ich etwas zuleid getan hätte. – Herr, sagte Otto, das Gift ist sicher nicht Eurentwegen hergestellt worden, ich will also nur lieber heimreiten in mein Land, eh ich mich hier vergiften lassen soll! – Sie gaben den Wein einem Hunde zu saufen, der sogleich davon starb, da war es also gewiß, daß es Gift sei. – Ach, ach weh mir! rief Orschier klagend, wer mag es wohl sein, der meines Todes so sehr begehrt? – Herr, sprach Herna, keiner kann dies sein als Eure Tochter; sie kann keinen Kämpfer finden, also meint sie, Euch auf die Seite zu schaffen, um dann hier im Reiche allein zu regieren, dann meint sie des Kampfes entladen zu sein. Eure Tochter Zormerin klage ich darum an, und wer mir widerspricht, der muß mit mir kämpfen! – Wohlan, sprach Orschier, bringt meine Tochter her. Da liefen wohl zehn Ritter zu Zormerin, und ergriffen sie hart. – Ihr lieben Herren, sprach sie, was wollt Ihr mit mir? – Einer von ihnen sagte: Fräulein, Ihr müßt verbrannt werden wegen des Giftes, das Ihr Euerm Herrn Vater vorgesetzt habt. Leugnen hilft Euch nichts, denn es ist mit dem Ringe bewährt. – Jesus behüte mich, sagte Zormerin, welche Reden führt Ihr da? Ewiger Gott, in deinen Schutz befehle ich mich, sie gehen verräterisch mit mir um. Sie wurde wie eine Verbrecherin hinweggeführt. Als sie vor ihrem Vater erschien, da fiel sie auf ihre Knie vor ihm nieder: Vater, rief sie, erlaubt, daß ich mich verantworte, denn nie kam solche Freveltat mir in den Sinn! Schnöde Verbrecherin, rief Orschier, du kannst die Tat nicht leugnen, du hast mich vergiften wollen! Nein, nimmermehr, bei dem Tod, den ich leiden soll und muß. – Frau, sprach Otto, Ihr sollt verbrannt werden, das habt Ihr an mir wohl verdient, denn für mich habt Ihr das Gift bereitet, auch habt Ihr meinem Todfeind herausgeholfen; und wer dies leugnet, der mag hervortreten, und es gegen meinen Kämpfer bestreiten. Herna warf bei diesen Worten seinen Handschuh hin, es fand sich aber niemand, der ihn aufnahm. Da rief König Orschier seinen Marschall, und sprach: Marschall, ich befehle sie dir, richte du sie, und schone ihrer nicht, denn sie soll nicht mehr meine Tochter sein, ich verleugne sie, und will nicht essen oder trinken, bis sie ihre gerechte Strafe empfangen. – Zormerin weinte bitterlich, und ward hinweggeführt; und vor dem Palast ward ein Pfahl an einem Holzstoß aufgerichtet, daran sollte sie verbrannt werden.

Als dies die Bürger in der Stadt erfuhren, da ward der Jammer um Zormerin allgemein. Männer, Weiber und Kinder, und alles was in der Stadt war, das klagte und weinte um sie. Salomo, der Wirt, nebst seiner Frau, die weinten auch gar kläglich; da fragte sie Lother um die Ursache des großen Trauerns. Weh uns, rief die Wirtin, sollten wir nicht weinen? Des Königs einziges Kind, die schöne Zormerin, soll heute verbrannt werden. –

Lother erschrak so, daß ihm sein Blut ganz kalt zum Herzen fuhr. Ohne Abschied zu nehmen, und ohne sich zu bedanken, ging er aus der Herberge hinaus nach dem Palast zu. Vor dem Palast war ein Gedränge, daß Lother kaum hindurchkommen konnte. Eben führte man Zormerin herbei; sie hatte kein andres Gewand an, als einen schlechten Unterrock, so hatte der Marschall es befohlen. Er stellte sich hoch auf ein Gerüst, daß jedermann ihn sehen konnte, und nachdem er dem Volke Stille geboten, fing er an: Ihr Herren, wir müssen unser Fräulein zum Tode verurteilen, wenn ich zuvor dreimal werde gefragt haben, ob niemand für sie gegen Herna kämpfen wollte. Findet sich einer, der für sie kämpft und den Streit für sie gewinnt, so ist sie frei, und der im Kampf verliert, muß hängen; findet sich aber niemand, der für sie streiten will gegen Herna, oder, der für sie streitet, verliert, so muß sie nach Urteil und Recht verbrannt werden. Da fragte der Marschall einmal, aber da war niemand, der für sie antworten wollte. Zormerin fiel auf ihre Knie und weinte heiße Tränen; sie sah die Ritterschaft an: Ihr lieben Herren, erlöst mich von dieser unverschuldeten Todesstrafe, man beschuldigt mich falsch, mir geschieht Unrecht! So rief sie immerfort, aber die Ritterschaft schwieg stille; da fragte der Marschall zum zweitenmal, und jetzt erst gelang es dem Lother sich durchzudrängen; er trat hervor mit seinem langen Bart und seinem Pilgerstab. Hört mich, ihr Herren, rief er laut, vergönnt mir für das Fräulein zu kämpfen, denn mich dünkt, man geht verräterisch mit ihr um; ich komme soeben vom heiligen Grabe, und habe nichts, als was ich am Leibe trage, wollt Ihr mich aber waffnen, so will ich kämpfen gegen diesen Schalk, der da steht, und überwindet er mich, so sollt Ihr mich an den Galgen hängen; aber ich vertrau auf Gott, der den Unschuldigen beisteht, denn ich weiß, das Fräulein ist unschuldig der Tat, der man ihr Schuld gibt. Als er ausgeredet, da erhob sich ein Murmeln unter dem Volke; einer sprach zu dem andern: Ich hoffe, der Pilgrim ist von Gott hergesendet worden, unser Fräulein zu erlösen. Zormerin sprach bei sich: Ach, soll der Pilgrim für mich streiten, und er ist viel kleiner als Herna, o Gott, nimm mich in deinen Schutz! Sie rief den Pilgrim zu sich: Lieber Bruder, kämpfe mutig für mich, ich schwöre dir, es geschieht mir Unrecht, ich bin unschuldig an der Verräterei, deren man mich beschuldigt. – Fräulein, ich kämpfe von Herzen gern für Euch, nur sorgt, daß ich Waffen und ein gutes Pferd erhalte. – Das soll Euch nicht fehlen; zuvor laßt mich den Stab küssen, der das heilige Grab berührte. Lother reichte ihr den Stab, und zwar so, daß sie den Ring an seiner Hand erblicken mußte, den sie wohl kannte, weil sie ihm denselben einst an den Finger gesteckt. Als sie den Ring sah, da lebte ihr innerstes Herz; sie sah den Pilgrim an, konnte ihn aber nicht erkennen vor dem langen Bart; da besah sie seine Hände, die waren weich und weiß; an diesen Händen und an seinen braunen Augen erkannte sie ihn endlich. Da sagte sie dem Marschall: Ich bin zufrieden mit diesem Kämpfer; ich hoffe, Gott der Herr hat ihn mir gesendet: wird er überwunden und aufgehenkt, so sollt Ihr mich zur Stunde verbrennen, und ich will Euch nicht um mein Leben bitten. – Da mußte Herna sein Pfand wieder hinwerfen, und der Pilgrim hob es auf. – Bist du ein Edelmann? fragte ihn Herna. – Niemand rühme sich selber, antwortete der Pilgrim, mein Schwert wird dir die Antwort geben.

Man erzählte dem Könige, was sich mit dem Pilger zugetragen, aber es war ihm ein Spott. – Herna ging fort, sich zu waffnen, denn der Pilger drang darauf, der Kampf solle sogleich beginnen. Der Marschall nahm Lother mit in sein Haus, hier gab er ihm eine gute Rüstung, die wußte der Pilger sich so gut anzulegen, und verstand alles so wohl, was zur Rüstung gehört, daß der Marschall sich sehr darüber wunderte. Darauf setzte er sich zu Pferd, hing seinen Schild über, und ergriff die Lanze; darauf setzte er sich fest in den Sattel, ritt hin und her, besah alles Zeug genau an dem Pferde, und versuchte sich mit ihm von allen Seiten. Mein Gott, dachte da der Marschall, wer sah je einen Pilgrim wie diesen! – Lieber Herr Marschall, sagte Lother, indem er sich bei ihm beurlaubte, nun bittet Gott für mich! – Hiermit ritt er auf den Platz, hier fand er Herna, der schon auf ihn wartete; und das war nicht mehr als billig, weil Herna den Handschuh hingeworfen hatte, mußte er auch der erste auf dem Platz sein. Lother ritt zu Zormerin, und reichte ihr die Hand, die sie an ihren Mund drückte mit heißer Liebe. Gott wolle dich behüten, dachte sie in ihrem Herzen; mit dem Gift geschieht mir Unrecht, und darum hoffe ich, du sollst den Sieg davontragen; aber den Brief habe ich freilich geschrieben, und hoffe, es wird nicht eine so schwere Sünde sein. – König Orschier saß an einem Fenster, und sah, daß der Pilgrim sehr wohl zu Pferde saß, darüber freute er sich. Geschieht meiner Tochter Unrecht, so wolle dir Gott helfen, dachte er auch still in seinem Herzen.

Die Reliquien wurden gebracht, Herna und Lother schworen darauf, dann setzten sie sich wieder auf, und entfernten sich voneinander; nun ritten sie wieder zusammen, und trafen sich beide so hart, daß ihre beiden Pferde tot niederfielen unter ihnen. Sie sprangen wieder auf, zogen ihre Schwerter und schlugen so entsetzlich aufeinander ein, daß das Volk meinte, der Pilger müßte gleich vom ersten Streiche fallen, denn Herna war ein sehr großer starker Mann. Lother wehrte sich als ein tapferer Mann, er gab ihm einen Streich, daß das Blut durch den Harnisch niederfloß. Schalk, rief er ihm zu, seh dich vor, solche Streiche lernte ich am heiligen Grabe führen! – Herna ergrimmte über diese Rede, und drang hart auf Lother ein. Heiliger Gott, betete Zormerin inbrünstig, behüte den Mann, den ich liebe: wird er überwunden, und muß er sterben, so begehr auch ich keinen Tag länger zu leben. Herna führte einen solchen Streich gegen Lothern, daß er ihm den vierten Teil seines Schildes hinunterschlug. Wäre der Streich nicht von dem Schilde aufgefangen worden, so hätte er den Lother auseinandergehauen. Lother fehlte auch nicht, er schlug so auf Hernas Helm, daß ihm sein Schwert gegen den Helm zerbrach; da fluchte er dem, der das Schwert gemacht hatte. Das Volk schrie laut auf: Ach, unser Fräulein muß verbrannt werden! – König Orschier war sehr betrübt. Ach Tochter, seufzte er, muß ich die Stunde verfluchen, in welcher du mir geboren wurdest! – Zormerin fiel auf ihre Knie nieder, und begann gar andächtig und inbrünstig zu beten, und als sie ihr Gebet in großer Angst und im tiefen Jammer des Herzens ausgesprochen hatte, da vergingen ihre Sinne, und sie fiel ohnmächtig zur Erde nieder. –

Die beiden kämpften noch mutig, Herna schlug auf Lother, und dieser wich den Streichen aus, oder deckte sich mit seinem Schild. Endlich führte Herna einen so gewaltigen Streich, daß sein Schwert in Lothers Schild steckenblieb, so, daß er es nicht wieder herausziehen konnte. Als Lother dies sah, da ergriff er das Schwert bei der Spitze mit beiden Händen; Herna zog auf seiner Seite bei dem Griff, und Lother auf der seinigen bei der Spitze. Endlich, als Herna mit aller Kraft zog, da gab Lother auf einmal nach, so, daß Herna rücklings auf die Erde fallen mußte. Nun sprang Lother auf ihn, und stach ihm ein Messer in den Leib, daß es im Rücken wieder durchkam, doch war sein Herz nicht durchgestochen, so daß er nicht davon starb. Er ließ aber sein Schwert fallen, das ergriff Lother und warf es über die Schranken, lief dann wieder zu Herna und zog ihm den Helm ab; darüber ermunterte sich Herna wieder und sprang wieder auf seine Füße; nun rangen sie miteinander, keiner konnte den andern niederwerfen; endlich stieß Lother den Herna um, als dieser sich nach seinem Schwert umsah; Lother nahm wieder sein Messer und hieb ihm das Ohr, mit einem Teil der Backe, herunter. Du kannst nun dem Galgen nicht entlaufen, rief er ihm zu, denn wer dich mit einem Ohre sieht, der wird den Dieb wohl erkennen! Pilgrim, du hast mich gar übel zugerichtet, sprach Herna, willst du dich aber jetzt freiwillig von mir überwinden lassen, so will ich dir Gold und Geld genug, auch sonst viel köstliche Gaben geben. – Falscher Bösewicht! rief Lother, welche Schandtat mutest du mir zu! Und wisse, du Schalk, keinen Pilger hast du vor dir; ich bin Lother von Frankreich, dem du ein Gewand in den Turm brachtest. – Da erschrak Herna so, daß ihm sein Herz entfiel. Edler Herr, fing er an, ich ergebe mich Euch, ehe Ihr mich aber tötet, so laßt mich zum Könige Orschier gehen, daß ich ihm meine Verräterei bekenne, denn ich war es, der ihm das Gift bereitete. – Lother setzte sich nieder, denn er war gar sehr ermüdet, und wollte die Rede Hernas anhören; da setzte Herna sich ihm gegenüber, als wollte er gemächlich mit ihm sprechen, nahm aber sein Messer, ehe Lother sichs versah, und warf es nach ihm, das Messer durchfuhr aber nur den Panzer, verwundete aber Lothern zum Glück nicht, denn wäre es tiefer gegangen, es hätte ihm eine tödliche Wunde gemacht. Da sprang Lother wütend auf, zog sein Messer, und schlug damit so kräftig nach Herna, daß er ihm den Kopf bis auf die Zähne zerspaltete; da fiel Herna tot nieder zur großen Freude der schönen Zormerin und ihres Vaters. Alles Volk rief voller Freude: Gott, der Barmherzige, schickte uns den Pilgrim. Gesegnet sei die Stunde, da er hergekommen ist. – Lother ging zu Zormerin, nahm seinen Helm ab, und küßte sie auf den Mund mit seinem langen Bart, darüber lachte alles Volk sehr.

Darauf führte sie ihn bei der Hand zu ihrem Vater und sprach: Ihr seht nun, mein Herr Vater, wie mir von den Lombarden ist Gewalt und Unrecht geschehen, nie habe ich Übels gegen meinen Herrn Vater zu tun gedacht, und werde es nimmer denken. – König Orschier sprach: Ich sehe es nun wohl ein, liebe Tochter; geh, nimm den Pilgrim mit dir, bewirte ihn wohl, gib ihm auch reiche Gaben, und wenn er weggeht, so will ich ihm ehrenvolles Geleit geben, soweit als er will. Lother dankte dem König höflich, darauf führten ihn Zormerin und Synoglar in eine heimliche Kammer, hier wusch er sich, daß ihm seine Farbe wieder hervorkam, und zog sich sauber an, dann ging er zu Zormerin in ihre Kammer, die ihn freudig umarmte, und wohl hundert und tausend Küsse auf seinen Mund drückte. Von ihrer großen Freude, daß sie beisammen waren, will ich schweigen, doch kann ein jeder sichs wohl denken. Zormerin verband seine Wunden, deren er viele hatte, und pflegte ihn wohl. Geliebte Frau, sprach Lother, wißt Ihr mir denn nicht zu sagen, wo Maller, mein treuer Geselle, geblieben ist? – Nein, ich weiß nichts von ihm, antwortete Zormerin, ich habe nichts von ihm gehört, seitdem er hier auf dem Saal dem Könige, meinem Vater, den Frieden aufkündigte; damals hatte der treue Mann im Sinn, er wolle zu seinem Vater ziehen, und den um Hilfe für Euch bitten, auch wolle er nicht eher ruhen oder rasten, bis er Euch aus der Gefangenschaft erlöst habe. – Ach, rief Lother aus, könnte ich ihm doch seine Treue je vergelten! –

Vierzehn Tage waren sie schon beisammen gewesen, da kam Scheidechin, Mallers Hausfrau, endlich auch nach Konstantinopel, und zu Zormerin, die sich herzlich freute sie wiederzusehen; auch nach ihren andern Frauen schickte sie sogleich, die sich in einer Herberge in der Stadt aufhielten, und ließ sie alle zu sich kommen. Als Scheidechin vernahm, daß Maller, ihr Gemahl, wohl noch am Leben sei, sie auch von Zormerin wohl gepflegt und genährt ward, sowohl mit Speisen und Getränk als auch mit Bädern und herrlichen Kleidern, da blühte sie wieder auf, und ward so schön als sie vorher gewesen war.

Hier wollen wir Zormerin und Lother ein wenig lassen, und uns einmal nach Maller, dem treuen Gesellen, umsehen.

 

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