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Lother und Maller

Friedrich Schlegel: Lother und Maller - Kapitel 19
Quellenangabe
typelegend
authorFriedrich Schlegel
titleLother und Maller
booktitleRomantische Sagen des Mittelalters
publisherInsel Verlag
printrunErste Auflage
editorHermann Hesse
year1986
firstpub1823
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20131206
projectidd512cda8
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Achtzehntes Kapitel

Den andern Morgen früh legte Maller eine schöne Rüstung an, die er von Zormerin bekommen hatte, und ritt auf den Platz vor dem Palast, wo das Stechen sollte gehalten werden; der Knecht aus der Herberge, Gernier genannt, begleitete ihn als sein Knappe. Zuerst sah Maller, wie sein Bruder mit König Ansys' Tochter zusammengegeben wurde; sobald dies geschehen war, begab sich ein jeder hin zu turnieren. Zehn Fürsten hielten auf dem Rennplatz, um gegen jedermann zu stechen, der es verlangen würde. Die Frauen gingen auf ein schönes Gerüst, welches eigentlich dazu verfertigt war. Ihrer waren wohl dreihundert an der Zahl; Rosemunde, Mallers Mutter, saß in der Mitte bei König Ansys' Tochter, und die Frauen von beiden Seiten um sie her. Vortreffliche Schönheit, Anmut und Zierde war genug da zu sehen; aber auch genug Hoffart und Übermut. Mancher schöne Ritter hatte seine Liebste dort, und manche Frau, die von Herzen wünschte, ihr Mann möchte nicht lebendig aus dem Turniere kommen.

Maller ritt hin zu den Leuten, welche die Speere austeilten, und verlangte auch einen Speer. Als sie ihn aber nur von einem einzigen Knechte begleitet sahen, da sprachen sie: Wer seid Ihr? wo kommt Ihr her? wes Landes? waren Eure Wappen zur Schau gestellt? – Sie sind zur Schau gestellt worden, mein Knecht wird es bezeugen. – Man wollte es ihm dennoch nicht glauben, als zwei Herolde, welche zufällig dabei standen, darauf schwuren, das Wappen den Tag vorher zur Schau gestellt gesehen zu haben. Nun erst bekam Maller einen Speer. Er führte ganz seines Vaters Wappen, bis auf den halben Löwen, diesen hatte er dazusetzen lassen. Als er nun in die Schranken einritt, wunderte sich ein jeder über dieses Wappen; selbst der alte König Galyen war erstaunt, woher der Fremde dies Wappen habe. Da Maller nun in die Schranken ritt, und vor dem König vorbeikam, neigte er sich höflich und ehrerbietig vor ihm. Der König dankte ihm freundlich und redete ihn an: Ich wundere mich des Wappens, das du führst, Geselle, denn es ist ganz mein Wappen, ausgenommen den halben Löwen. Drum sage mir, wo hast du es her? – Herr, ich habe mir das Wappen nach meinem Willen malen lassen; nicht Euch damit zu kränken, sondern Euch zu ehren und zu preisen; darum bitte ich Euch, daß Ihr mir vergönnt, damit zu stechen. – Was, rief einer von den Rittern, du übermütiger Lecker, wie darfst du dich unterstehen, des Königs Wappen zu führen? – Macht nicht so viel Worte, entgegnete Maller, und erzürnt Euch nicht so sehr, ich bitte Euch gar sehr darum! Bringt mir einen Eurer tapfersten Gesellen, ich will dies Wappen an ihm bewähren! – König Galyen mußte lachen über des Mallers kecke Rede. Geselle, sprach er, dies Wappen soll dir zu führen erlaubt sein, unter der Bedingung, daß du gegen einen Ritter stichst, den ich dir zuschicken will, und machst du dem Wappen alsdann keine Ehre, so will ich dir so mitspielen, daß alles dem Wappen verkehrt werde, das oberste soll zuunterst kommen. – Das geschehe, Herr, erwiderte Maller, doch habe ich zuvor noch ein Begehren, das Ihr mir gnädigst zusagen möchtet. – Es sei dir gewährt, was ist dein Begehren? – Man hat ausgerufen, daß man vier Lanzen brechen müsse, ehe man den Dank verdient, ich bitte mir aus, acht Lanzen brechen zu dürfen. – Der König, nachdem er eingewilligt, ritt fort und ließ sich waffnen. Er legte eine unbekannte Rüstung an, als ein fremder Ritter, zog in die Schranken, und begehrte gegen Maller zu stechen, der auch gleich dazu bereit war. Sie rannten beide gegeneinander. Maller aber traf seinen Vater grade an das Visier an seinem Helm, so daß ihm der Helm vom Kopfe fiel und seine Lanze dabei zerbrach. Der König mußte fallen, er mochte wollen oder nicht. Da liefen mehr denn hundert hinzu, den König wieder aufzuheben; Maller konnte vor den Leuten nicht erkennen, daß es sein Vater selber gewesen, den er heruntergestochen, er wäre sonst gewiß niedergekniet und hätte ihn um Gnade und Verzeihung gefleht. Man trug den König hinweg in seinen Palast, hier ließ er sich entwaffnen und einen Becher mit Wein reichen, den trank er aus, dann setzte er sich wieder zu Pferde und sagte zum Bastard von Cüneber: Ich bitte Euch, brecht gegen den Abenteurer ein paar Speere. Wo Ihr ihn niederstecht, will ich Euch alsdann reich beschenken. – Der König erwählte den Bastard dazu, weil er sehr groß und stark und tapfer war. – Er rannte auch sogleich gegen Maller, und ward von ihm, so wie der König, niedergestoßen, indem er ihn in das Visier traf, dabei fiel das Pferd dem Bastard so hart auf, daß ihm ein Bein zerbrach. Er schrie so entsetzlich vor Schmerz, bei dem Fall, daß alle, die es hörten, glaubten, er würde sterben. König Ansys ließ seinen Sohn von der Stechbahn tragen, und alle Fürsten betrübten sich um ihn. Da rief König Galyen einen frommen Grafen, der schon in vierzehn Schlachten das Panier vor dem Könige getragen hatte. Graf Richard, lieber Neffe, sprach Galyen, ich bitte Euch, brecht eine Lanze mit dem Abenteurer. Herr, antwortete der Graf, mich dünkt, es ist heute kein guter Stern, gegen den Abenteurer zu stechen, ich will bis morgen warten. – Geon, König Ansys' ältester Sohn, winkte nun Mallern mit der Hand, und Maller war auch gleich bereit; er wäre lieber gleich gestorben, als an diesem Tage den Dank nicht zu gewinnen, weil er dann hoffte, sich von seinen Eltern und Freunden desto lieber als den Ihrigen erkannt zu sehen, und desto eher auf Hilfe für Lother zählen zu dürfen. Denn seinen Freund hatte er beständig im Sinn und vergaß ihn nicht einen Augenblick bei allem, was er tat. Maller stach auch den Geon hinunter, daß er mit einem Fuß im Steigbügel hängenblieb, und so ward er vom Pferde in der Bahn herumgeschleift. Es entstand ein Getümmel und Geschrei unter dem Volk bei diesem Anblick, als ob die Erde bebte. Da ritt sein Bruder Otger zu ihm, und bat ihn, eine Lanze mit ihm zu brechen. Das geschieht nimmermehr, entgegnete Maller, ich wollte um alles in der Welt nicht gegen Euch rennen; mich selber halte ich für sehr gering, und achte mich keineswegs, aber Eurentwegen täte es mir sehr leid, Euer Vater und Mutter und Eure Braut die möchten mich wohl verfluchen, wenn ich Euch herunterstäche, darum renne ich nicht gegen Euch. Bei meiner Treue, sprach Otger, Ihr seid ein sehr tugendhafter Ritter; wollt Ihr bei meinem Vater und bei mir hier bleiben, so wollen wir Euch gut halten. – Ich danke Euch sehr, erwiderte Maller, es möchte sich vielleicht tun lassen, wenn ich einen guten Herrn fände, so diente ich ihm wohl. Darauf ritt Otger wieder fort.

Maller brach die acht Speere gar ritterlich und mit schönen Turnieren; obgleich er bei dem vierten schon den Dank verdient hätte, und die Herolde schon anfingen sein Lob und seinen Sieg mit vielen schönen Worten auszurufen, so ließ er es doch nicht dabei bewenden, bis er seine acht Speere allesamt gebrochen und acht Ritter damit heruntergestochen hatte. König Galyen befahl seinen Pfeifern und Spielleuten, den Maller nach seiner Herberge zu geleiten, und auch die Herolde zogen mit schönen Gesängen vorauf, da ließ Maller eine schöne Mahlzeit zubereiten von Geflügel, Fisch und Wildbret, auch Wein genug, und bewirtete alle, die da kommen wollten.

Unterdessen er in seiner Herberge für seine Gäste alles bereitete, kam König Galyen und brachte den Dank zu ihm in die Herberge. Es war ein vortreffliches Roß, darauf lag ein goldner Sattel, die Steigbügel waren von seidnem Gewebe, mit Edelsteinen und Perlen wohl verziert. Zwei Königinnen führten es, die eine war die schöne Rosemunde, Mallers Mutter, und die andere König Ansys' Tochter. König Ansys selber, König Galyen und sein Sohn, Otger, und viele andere Fürsten kamen mit und folgten dem Roß, so wie auch viel schöne Frauen und die beste Ritterschaft folgte. Auf dem Rosse saß ein kleiner Edelknabe, der war mit seidnem Gewand wohl gekleidet und mit köstlichen Kleinodien geziert, auf dem Kopf trug er einen goldnen Kranz, der war mit Edelsteinen reich besetzt; auch die beiden Königinnen, welche das Roß führten, waren mit goldnen Kronen aufs herrlichste geschmückt und mit reichen Gewändern gekleidet. In so schöner Ordnung, und mit so herrlichem Gefolge, gingen sie durch die Stadt, bis nach Mallers Herberge. Als Maller sie kommen sah, ward sein Herz froh und er dankte Gott im stillen.

König Galyen sprach: Herr, empfangt diesen Dank, Ihr habt ihn mit Eurer ritterlichen Tugend wohl verdient. – Habe ich den Dank verdient, entgegnete Maller, so verdanke ich es Gott, der mir die Kraft dazu verliehen, und dann den schönen Frauen, die mir im Sinne lagen. Darauf nahm er den Becher, gab seinem Vater zu trinken, dann seiner Mutter, und dann seinem Großvater, gleichfalls Galyen genannt, dann seinem Bruder Otger. Das nahm König Ansys übel, daß er den vieren vor ihm zu trinken gab, er glaubte verschmäht zu sein, kehrte sich um und wollte hinausgehen. Edler König, rief Maller, laßt es Euch nicht verdrießen, daß ich den vieren habe zuerst zu trinken gereicht: denn der erste, dem ich gab, das war der, der mich erzeugte; die zweite die, welche mich getragen; dann gab ich meinem Ahnherrn, von dem mein Vater und ich abstammen, und dann meinem Bruder. Mit diesen Worten fiel er seinem Vater um den Hals, drückte und küßte ihn, dann umarmte er seine Mutter auch und rief: Seht Euern Sohn, Maller, den König Karl von Frankreich erzogen! Da war die Freude gar groß, Maller wurde von allen willkommen geheißen, und sehr geliebkost von allen Verwandten und Freunden. Der Knecht Gernier drang durch das Volk, fiel Maller zu Füßen und bat ihn um Verzeihung, daß er seinen Scherz mit ihm getrieben und ihn verspottet hatte. Du hast mir wohl gedient, sprach Maller, ich will dich dafür lohnen. Er schlug ihn zum Ritter, und gab ihm ein Land nebst großem Gut. Dem Wirt gab er das Roß nebst den Schätzen, welche er zum Dank erhalten, bat ihn, daß er zu Gott flehe, daß er ihm in seinem Vorhaben beistände; dies versprach auch der Wirt, und darauf lud Maller ihn und seine Frau zur Tafel ein, und sie begaben sich allesamt nach dem Palast, wo die Tische mit vortrefflichen Speisen schon bereitstanden. Ehe sie sich aber zu Tische setzten, trug Maller noch sein Begehren vor, und bat um Hilfe für Lothern und für seine Hausfrau Scheidechin, erzählte auch alles, was ihnen begegnet, und die Verräterei des falschen Otto. Ich gehe nicht eher zu Tische, will mich nicht eher ergötzen, nicht ruhen oder rasten, bis ich Hilfe gefunden für meinen Herrn, Lother, und für meine Hausfrau. – Lieber Sohn, rief Mallers Ahnherr, ich werde dich nicht verlassen! Auch ich nicht, sprach Galyen, ich helfe dir mit fünfzehntausend Gewaffneten. Auch ich, lieber Bruder, rief Otger, helfe dir nach bestem Vermögen. Und ich nicht minder, sagte König Ansys, ich will Lother, meinen Anverwandten, nicht in Not stecken lassen. Da war Mallers Herz hoch erfreut, er dankte allen und umarmte sie; dann fiel er vor seinem Vater auf die Knie nieder und bat ihn um Verzeihung, daß er gegen ihn gestochen hatte. Das verzieh ihm sein Vater willig und segnete seine ritterliche Kraft. Rosemunde konnte nicht aufhören ihn zu liebkosen, zu herzen und zu küssen, sie war voller Freude, einen so tapfern Sohn zu haben; und alle setzten sich fröhlich und voll Freude an die Tafel nieder, wo sie vergnügt aßen und tranken und miteinander kosten, bis Otger mit seiner Braut sich schlafen legte.

Des andern Tages schrieben die Fürsten sogleich die Briefe und schickten sie nach allen ihren Ländern, daß jeder, der waffenfähig wäre, sich rüste, und daß jeder sich zu ihnen versammle. Maller blieb dabei und trieb sie an, daß alles desto eher in Ordnung kam und alles auf das rascheste zum Zuge bereit war.

 

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