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Lother und Maller

Friedrich Schlegel: Lother und Maller - Kapitel 17
Quellenangabe
typelegend
authorFriedrich Schlegel
titleLother und Maller
booktitleRomantische Sagen des Mittelalters
publisherInsel Verlag
printrunErste Auflage
editorHermann Hesse
year1986
firstpub1823
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20131206
projectidd512cda8
wgs
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Sechzehntes Kapitel

Sie verließen Paris und reisten manchen Tag. Von ihrer Reise sage ich nichts; sie gingen so lange, bis sie wieder in die Lombardei kamen, da gingen sie miteinander zu Rate, wie sie sich unkenntlich machen wollten, um unerkannt durch das Land zu kommen. Zormerin verkaufte ihren schönen Pelz, den sie anhatte, und kaufte sich eine Laute dafür, denn sie konnte gar schön die Laute schlagen. Maller, der die Kräuter wohl zu finden wußte, färbte sich und auch Zormerin das Antlitz und die Hände damit; es konnte kein Mensch sie in dieser Gestalt erkennen. – Maller, lieber Geselle, sprach Zormerin, als sie sah, wie entstellt sie beide waren, laßt uns nach Pavia gehen, und dort erfahren, ob Lother tot ist oder noch lebt, ich bitte Euch gar sehr darum, denn niemand erkennt uns in dieser Verkleidung. – Weil Ihr denn ein so schönes Handwerk versteht, sagte Maller, so bin ich dies gern zufrieden; ihr könnt mit Euerm Lautenspiel so viel verdienen, als wir nötig haben, um nicht Hungers zu sterben. Auch kleiden soll mich König Otto noch dazu; ich will sagen, ich sei Euer Gemahl, Ihr sollt Maria heißen und ich will mich Dietrich nennen. – Das ist recht, sprach Zormerin, und nun nur schnell, so rasch wie möglich, nach Pavia, daß wir von Lother hören.

Unterdessen, daß diese so wanderten, lag Lother in einem tiefen Turm; zu essen und zu trinken ward ihm auf Ottos Geheiß genug gereicht. Nun begab es sich am heiligen Pfingstfeste, da man König Otto ein neues Gewand brachte, und als er es anlegen wollte, fand es sich, daß es um eine Handbreit zu lang war. Da er nun den Schneider, der es gemacht hatte, sehr schalt, sprach einer der Kammerdiener: Herr, Ihr habt seit langer Zeit schon Lothern von Frankreich in Eurer Gefangenschaft, und er ist seitdem noch nicht neu gekleidet worden. Er ist von hoher Geburt und Euer nächster Verwandter, darum wäre es wohl schicklich, Ihr schicket ihm das Gewand, zumal es Euch zu lang ist; ihm wird es aber ganz recht passen, da er viel länger ist als Ihr seid. – Es mag sein, sprach Otto, geh, bringe es ihm.

Der Kammerdiener ging mit dem Gewand zu Lothern, den er sehr betrübt in dem Turm liegend fand. Der Diener grüßte ihn und redete ihn freundlich an: Mein Herr, der König Otto sendet Euch dies Gewand, Ihr möchtet es anlegen. – Lother stand auf, zog es an, und es paßte ihm trefflich. Da entfuhr dem Kammerdiener ein unvorsichtiges Wort, das er nachmals wünschte, nicht gesagt zu haben. Er sagte nämlich: Herr, das Kleid ist Euch so ganz passend, als ob es für Euch gemacht wäre, meinem Herrn, dem Könige, war es etwas zu lang. – Was heißt das? rief Lother, werde ich so in der Welt verachtet, darf Otto mir schicken, was ihm nicht paßt? O muß ich dies erleben! Weh mir! bin ich denn so verstoßen, so will ich nicht Essen oder Trinken mehr je verlangen! – Zog damit das Kleid wieder aus, schnitt und riß es in kleine Stücken entzwei, und trat mit Füßen auf die Stücke. Geh nun, sagte er dem Kammerdiener, sag dem Turmhüter, ich will weder essen mehr noch trinken, ich will nicht länger leben, daß mir niemand etwas bringe! – Dem Kammerdiener tat es sehr leid, so gesprochen zu haben; er ging traurig zum König Otto und erzählte ihm den Verlauf, auch alles, was Lother geredet hatte. Da fing es den Otto an ein wenig zu erbarmen, und es tat ihm sehr leid, daß der Kämmerer das gesagt hatte.

An demselben Tage kamen Zormerin und Maller zu Pavia an. Sie gingen auch sogleich an den Palast, und fragten den Türsteher: ob es erlaubt sei, vor dem König zu spielen und zu singen, dann sollte er sie hinauf in den Speisesaal führen. Der Pförtner wollte Scherz mit Zormerin treiben, und ihr um den Hals fallen, aber sie wehrte sich und gab ihm einen so kräftigen Stoß, daß ihm zwei Zähne ausfielen. Nun ward der Pförtner falsch, und wollte sie nicht hinauflassen. Dies sah ein Ritter, der nahm sich ihrer an, und führte sie beide grade hinauf in den Speisesaal, wo der König mit dem ganzen Hof, vielen Rittern und auch viel schönen Frauen an der Tafel saß. Otto dachte es wohl nicht, daß Zormerin und Maller ihm so nahe wären; hätte er sie unter dieser Gestalt erraten können, er würde Maller ohne Gnade haben töten lassen, denn diesen haßte er ganz besonders. Zormerin und Maller gingen an die Seite, wo sie die andern Spielleute sahen, und setzten sich bei ihnen nieder. Maller langte sogleich nach der Schale mit Wein, und trank sie auf einen Zug aus. Gott helf dir, sprachen die Pfeifer, wir sehen wohl, du bist unser einer. Als die Mahlzeit halb vorbei war, standen die Spielleute auf, einer pfiff, der andre orgelte, so daß jedermann sein Spiel trieb. Dann nahm Zormerin ihre Laute, und spielte darauf so süß und wohl, daß sie Otto stets ansah, ohne daß er sie doch erkannte. Ihr Lautenspiel gefiel ihm so wohl, daß er die andern Spielleute alle schweigen hieß, und nur ihr allein zuhorchte; sagte auch zu einem der Diener: Laß die Lautenspielerin reich begaben, weil sie mich so wohl ergötzt hat, daß sie auch von mir nicht sagen könne, ich sei karg oder unbemittelt. Diese Leute wandern überall mehr umher, als andre, wenn sie dann anderswohin kommt, so mag sie auch meinen Hof rühmen.

Edler Herr, sprach einer der Ritter, Ihr mögt wohl diese Spielleute begaben, damit sie Euer Lob an andern Orten preisen; gedenkt doch aber auch in solcher Stunde Euers Vetters Lothers, der in Euerm Turm gefangen liegt. Er ist Euer nächster Anverwandter, und wenn es nach dem Recht geht, so muß er Kaiser zu Rom werden. Ich habe gehört, Euer Kammerknecht habe ihn sehr betrübt, um eines Rockes willen, Ihr solltet wirklich nicht zugeben, gnädiger Herr, daß er nun so erbärmlich verderbe. Mein Rat ist, Ihr schickt ihm gute Speise und Trank, laßt ihm sagen, er solle guten Mutes sein, seine Sache würde noch wohl besser werden, Ihr würdet Euch mit ihm aussöhnen. Es wäre auch wohl gut, Ihr schicktet die Lautenspielerin zu ihm in den Turm, vielleicht, daß sie ihn ergötzt, und er wieder Mut faßt, ich weiß gewiß, er wird es Euch danken. – Es mag sein, sagte der König, und rief einen seiner Diener. Nimm Speise und Wein, sagte er, trage es meinem Vetter in den Turm. Dann befahl er auch Zormerin, sie solle ihre Laute nehmen, und mit dem Diener gehen, zu einem Gefangenen in den Turm, dem sollte sie auf ihrer Laute vorspielen, und ihn ergötzen. Ich will Euch eine gute Gabe dafür geben, sprach er. – Herr, was Ihr mir gebietet, das tue ich sehr gern, sagte Zormerin, und daran sagte sie gewiß die Wahrheit, denn keine noch so große Gabe hätte sie froher machen können, als daß sie den geliebten Gemahl sehen sollte. Ihr Herz klopfte sehr vor großer Freude und Erwartung; so auch dem treuen Maller, der sich nur fürchtete, man möchte ihnen die große Freude anmerken.

Sie gingen mit dem Kammerdiener, der die Speisen trug; als sie in den Turm kamen, fanden sie Lother sehr krank auf dem Bett liegend. – Nehmt die Speisen wieder mit hinaus, sprach er, ich mag weder essen noch trinken. Hat König Otto mir diese Spielleute aus Spott geschickt? Er weiß es sehr gut, daß mich dies nicht ergötzen wird. Geht wieder hinaus mit Euerm Spiel, gute Frau, mich wird es nicht ergötzen. Zormerin sagte darauf zu dem Kammerdiener und dem Turmhüter: Liebe Freunde, geht Ihr nur hinaus, und schließt mich hier ein bei dem Herrn; ich will so süß spielen, daß es ihn doch ergötzen soll, dazu will ich ihm so süße Worte sagen, daß er mit Freuden jeden Heller mit mir teilen soll. Über diese Rede lachten der Kammerdiener und der Turmhüter, sie meinten, Zormerin sei eine Corinne. – Lother war erstaunt, als er sie reden hörte, doch konnte er weder sie noch Maller erkennen. Zormerin fing an zu spielen, der Diener ging hinaus samt dem Turmhüter, und ließ die beiden allein bei dem Gefangnen. Als Zormerin überzeugt war, daß die beiden weit genug entfernt, und alle Riegel und Schlösser zu waren, da fiel sie Lothern um den Hals, und weinte, und küßte ihn wohl tausendmal. O Lother, kennst du deine treue Zormerin nicht? Hier ist auch Maller, dein Geselle; um dich zu sehen, haben wir uns so verkleidet. Lother fing gar heiß zu weinen an, als er sie erkannte, und drückte beide an sein Herz, umarmt' und küßte sie unzähligemal. Küsset mich, lieber Herr, sagte Maller, denn ich habe Euch lieber, als alle Eure Freunde Euch haben. Euer Vater ist tot, und Euer Bruder, Ludwig, ist zum Könige gekrönt; dieser folgt aber Euern verräterischen Feinden, so daß Ihr bei ihm keinen Trost suchen dürft. Es kümmert ihn gar nicht, daß Ihr hier gefangen liegt. Eure Hausfrau und ich, wir waren zu Paris, und da ich so üblen Trost von Euerm Bruder erhielt, so habe ich sie hierhergeführt, damit wir erführen, wie es mit Euch steht, ob Ihr tot oder lebendig seid. Dann will ich sie nach Konstantinopel zum König Orschier führen, wir wollen mit ihm reden, daß er Pavia belagere, und Otto verderbe; König Orschier muß Euch helfen, wenn er bedenkt, wie Ihr ihn gegen die Heiden unterstütztet. Und nun, lieber Herr, wißt Ihr nichts von Scheidechin, meiner Hausfrau? Ist sie tot oder lebt sie? – Lieber Geselle, sie ist nicht tot, sie ward mit andern gefangen, und in eine andre Stadt geführt, dort ist sie wohl noch. Zormerin, du geliebtes Weib, wir haben in unsrer Ehe wenig Freude gehabt, möchte Gott uns aus dieser Betrübnis helfen! – Und nun weinten sie beide heftig, und jammerten sehr. Maller versuchte sie zu trösten: Ihr habt Unrecht, sagte er, daß Ihr Euch so übel gehabt, ist es Gottes Willen, so mag er Euer Leid bald in Freude verkehren. Ich wollte nur, daß ich Scheidechin, mein liebes Weib, bei mir hätte, ich wollte mich recht wohl mit ihr ergötzen. Ihr solltet Euer Leid vergessen, weil ihr beisammen seid. Ich will ein wenig in das Kämmerlein gehen, und euch allein lassen, denn ich gehöre nicht zu euch in Euern heimlichen Rat. – Geselle, sagte Lother, gebenedeit sei die, welche dich trug; dies Wort hieß Gott dich reden!

Sie waren solang beisammen, bis sie den Turmhüter kommen hörten, der die Türen aufriegelte, da mußten Lother und Zormerin mit betrübtem Herzen scheiden. Lother küßte Maller auf den Mund; gehab dich wohl, getreuer Geselle, arbeite nach besten Kräften, daß ich aus dem Gefängnis komme. – Ja Herr, mein Herz wird nimmer froh, Ihr seid denn aus der Gefangenschaft, und arbeiten will ich soviel als möglich, das schwöre ich Euch bei allen Heiligen. – Nun kam der Turmhüter, und hieß sie hinausgehen. Zormerin konnte sich fast nicht entschließen, auch ihre Tränen kaum zurückhalten, sehr weh tat ihr das Herz, als sie nun hinausging und Lothern zurücklassen mußte. – König Otto ließ Maller ganz neu kleiden, und Zormerin einen goldnen, reich mit Perlen bestickten Gürtel geben; behielt sie dann noch drei Tage an seinem Hof, und ließ es ihnen wohl gehen, dann nahmen sie Urlaub von König Otto und gingen aus der Stadt Pavia wieder hinaus. Als sie auf das Feld hinausgekommen waren, dankten sie Gott, daß sie nicht erkannt worden und ihren geliebten Herrn gesehen hatten, und empfahlen sich und ihn ferner in den Schutz des allmächtigen Gottes.

 

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