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Lord Jim

Joseph Conrad: Lord Jim - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
titleLord Jim
authorJoseph Conrad
translatorHedwig Lachmann
publisherS. Fischer
addressBerlin
year1927
senderreuters@abc.de
created20040806
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Achtes Kapitel

Wie lange er so unbeweglich bei der Luke stand, jeden Augenblick gewärtig, daß das Schiff unter ihm sinken und ein Wasserschwall ihn auf den Rücken nehmen und wie ein Stück Holz hin und her schleudern würde, – das kann ich nicht sagen. Nicht sehr lange – vielleicht nicht länger als zwei Minuten. Ein paar Männer, die er nicht erkennen konnte, fingen an, schläfrig miteinander zu sprechen; auch hörte er, er konnte nicht sagen, wo, ein sonderbares Geräusch scharrender Füße, über all diesen schwachen Lauten lastete die fürchterliche Stille, die einer Katastrophe vorangeht, die aufreizende Stille des Augenblicks vor dem Krach; dann kam es ihm in den Sinn, daß er vielleicht Zeit hätte, vorzustürmen und die Taue von den Klammern abzuschneiden, damit die Boote flott würden, wenn das Schiff unterging.

Die Patna hatte eine lange Brücke, und alle Boote waren dort oben, vier auf der einen Seite und drei auf der andern, das kleinste an Backbord, neben dem Steuergerät. Er versicherte mir, offenbar ängstlich bemüht, damit Glauben zu finden, er sei immer sorgfältig darauf bedacht gewesen, sie für augenblicklichen Gebrauch bereitzuhalten. Er kannte seine Pflicht. Ich zweifle nicht, daß er in dieser Hinsicht ein hinlänglich guter Offizier war. »Ich glaubte immer, daß es gut sei, für das Schlimmste gerüstet zu sein«, erklärte er und streifte mein Gesicht mit einem prüfenden Blick. Ich nickte zustimmend zu diesem gesunden Grundsatz, wandte aber angesichts der geheimen Schwäche des Mannes den Blick ab.

Er fing also mit unsichern Schritten zu laufen an. Er mußte über Beine springen und vorsichtig sein, um nicht gegen die Köpfe zu stolpern. Plötzlich packte einer von unten seinen Rock, und unter seinem Arm ertönte eine angsterfüllte Stimme. Das Licht der Lampe, die er in der rechten Hand trug, fiel auf ein emporgewandtes, dunkles Gesicht, dessen Augen ihn mit der Stimme zugleich beschworen. Er hatte genug von der Sprache aufgeschnappt, um das Wort Wasser zu verstehen, das mehrmals in flehentlichem, fast verzweifeltem Ton wiederholt wurde. Er machte einen Satz, um fortzukommen, und fühlte, wie ein Arm sein Bein umklammerte.

»Der Kerl hängte sich an mich wie ein Ertrinkender«, sagte er. »Wasser, Wasser! Welches Wasser meinte er? Was wußte er? So ruhig ich konnte, gebot ich ihm, loszulassen. Er hielt mich auf, die Zeit drängte, andere Schläfer rührten sich schon; ich brauchte Zeit – Zeit, die Boote flottzumachen. Er hatte meine Hand ergriffen, und ich fühlte, daß er im Begriff war zu schreien. In heller Angst vor der Panik, die daraus entstanden wäre, holte ich mit meinem freien Arm aus und schleuderte ihm die Lampe ins Gesicht. Das Glas klirrte, das Licht ging aus, doch der Schlag befreite mich von ihm, und ich rannte davon – ich wollte zu den Booten gelangen; ich wollte zu den Booten gelangen. Er sprang hinter mir her. Ich wandte mich gegen ihn. Er wollte nicht still sein, versuchte zu schreien; ich hatte ihn halb erdrosselt, bevor ich begriff, was er wollte. Er wollte Wasser, Wasser zum Trinken; sie waren auf knappe Ration gesetzt, wissen Sie, und er hatte einen kleinen Jungen bei sich, der mir öfter aufgefallen war. Sein Kind war krank – und durstig. Er hatte mich vorbeikommen sehen und bettelte um einen Trunk Wasser. Weiter nichts. Wir waren unterhalb der Brücke, im Dunkeln. Er hörte nicht auf, nach meinen Handgelenken zu greifen; es war kein Loskommen von ihm. Ich stürzte in meine Koje, riß meine Wasserflasche heraus und drückte sie ihm in die Hand. Er verschwand. Erst dann merkte ich, wie sehr ich selbst eines Tranks bedurft hätte.« – Er stützte sich auf einen Ellbogen und bedeckte die Augen mit der Hand.

Mir kroch ein Schauer den Rücken herunter; es war alles so seltsam. Die Finger der Hand, die seine Brauen beschattete, zitterten leicht. Er brach das kurze Schweigen.

»Solche Dinge erlebt man nur einmal und... Ah! Nun! Als ich endlich auf die Brücke kam, machten die Kerle die Boote von den Klampen los. Ein Boot! Ich rannte die Leiter hinauf, als ein heftiger Schlag, der auf meinen Kopf abgesehen war, mich an der Schulter traf. Er hielt mich nicht auf, und der Obermaschinist – sie hatten ihn endlich aus seinem Bettkasten herausgekriegt – holte von neuem mit der Fußlatte gegen mich aus. All dies schien mir natürlich – und grauenhaft – grauenhaft. Ich wich dem elenden Narren aus, hob ihn in die Höhe wie ein kleines Kind, und in meinen Armen flüsterte er: ›Nicht doch! Nicht doch! Ich dachte, Sie wären einer von den Niggern.‹ Ich schleuderte ihn weg, er rutschte die Brücke entlang und riß dem kleinen Kerl – dem Zweiten Maschinisten – die Beine unterm Leib fort. Der Kapitän, der an dem Boot herumarbeitete, drehte sich um und kam mit gesenktem Kopf auf mich zu, knurrend wie ein wildes Tier. Ich rührte mich nicht. Ich stand so unbeweglich da wie diese hier.« Dabei tippte er mit dem Knöchel an die Wand neben seinem Stuhl. »Es war, als ob ich schon alles gehört, alles gesehen, zwanzigmal alles durchlebt hätte. Ich fürchtete sie nicht. Ich zog meine Faust zurück, und er hielt inne und murmelte: ›Ah! Sie sind es. Packen Sie an, flink!'

Das waren seine Worte. Flink! Als ob einer hätte flink genug sein können. ›Werden Sie nicht etwas tun?‹ fragte ich. – ›Ja. Auskneifen‹, knurrte er über die Schulter weg.

Ich glaube nicht, daß ich damals verstand, was er meinte. Die beiden andern hatten sich mittlerweile wieder aufgerafft und stürzten zusammen zum Boot. Sie trampelten, schnaubten, schoben, fluchten auf das Boot, das Schiff, aufeinander – auf mich. Alles halblaut. Ich rührte mich nicht, sprach nicht. Ich achtete nur auf die Schlagseite des Schiffs. Es lag so still, als wäre es im Trockendock aufgelegt – wahrhaftig, nicht anders.« Er hielt die Hand hoch, mit der Fläche nach unten, die Fingerspitzen gesenkt. »So«, wiederholte er. »Ich konnte über den Stevenlauf weg die Linie des Horizonts vor mir sehen, so klar wie eine Glocke; ich konnte in weiter Ferne das Wasser sehen, schwarz und funkelnd und still – still wie ein Teich, tödlich still, stiller, als ein Meer je gewesen – stiller, als ich es zu sehen ertragen konnte. Haben Sie je ein Schiff auf der Nase liegend treiben sehen, nur von einer alten Eisenwand, die zu morsch ist, um das Absteifen auszuhalten, am Sinken gehindert? Ja? Jawohl, absteifen! Ich habe daran gedacht, an alles Menschenmögliche habe ich gedacht; aber kann man in fünf Minuten ein Schott absteifen – oder selbst in fünfzig Minuten? Wo sollte ich Leute hernehmen, die hinuntergehen würden! Und das Holz – das Holz! Hätten Sie den Mut gehabt, den Hammer zum ersten Schlag zu schwingen, wenn Sie das Schott gesehen hätten? Sagen Sie nicht ja; Sie haben es nicht gesehen; niemand hätte es gewagt. Zum Teufel auch – um so was zu tun, muß man zum mindesten an eine Möglichkeit unter tausend glauben, an den Schatten einer Möglichkeit; und Sie hätten nicht daran geglaubt. Niemand hätte daran geglaubt. Sie halten mich für einen Hundsfott, daß ich hier stehe – aber was hätten Sie getan? Was! Sie können es nicht sagen – niemand kann es sagen. Man muß Zeit haben, sich umzudrehen. Was hätte ich tun sollen? Was sollte es für einen Wert haben, all diese Leute, die ich als einzelner doch nicht retten konnte – die niemand retten konnte – in wahnsinnigen Schrecken zu versetzen? Sehen Sie! So wahr ich hier auf diesem Stuhl vor Ihnen sitze...« Er atmete nach allen paar Worten hastig auf und warf flüchtige Blicke auf mein Gesicht, als wäre er in seiner Not um die Wirkung besorgt. Er sprach nicht zu mir, er sprach nur vor mir, in einem Wortstreit mit einer unsichtbaren Persönlichkeit, einem feindlichen und unzertrennlichen Teilhaber seines Daseins – einem zweiten Eigentümer seiner Seele. Dies waren Fragen, die über die Zuständigkeit eines Gerichtshofs hinausgingen: es war eine spitzfindige, folgenschwere Auseinandersetzung, die um den Wesenskern des Lebens ging und keines Richters bedurfte. Er brauchte einen Verbündeten, einen Helfer, einen Mitschuldigen. Ich fühlte wohl, daß ich Gefahr lief, überlistet zu werden, betört, verlockt, gepreßt vielleicht, in einem Streit Partei zu nehmen, der doch unmöglich zu entscheiden war, wenn man allen herrschenden Gewalten Rechnung tragen wollte – den guten mit ihren Forderungen und den bösen mit ihrer Not. Ich kann euch, die ihr ihn nicht gesehen und seine Worte nur aus zweiter Hand gehört habt, nicht schildern, wie gemischt meine Gefühle waren. Mir schien es, als sollte ich gezwungen werden, das Unbegreifliche zu verstehen – und ich kenne nichts, was dem Mißbehagen eines solchen Gefühls zu vergleichen wäre. Ich wurde gezwungen, einen Blick auf das stillschweigende Übereinkommen zu tun, das hinter aller Wahrheit steckt, und auf die innere Lauterkeit des Falschen. Er wandte sich an alle Seiten zugleich – an die Seite, die ständig dem Tageslicht zugewendet ist, wie an jene andere in uns, die, gleich der zweiten Mondhälfte, in ewigem Dunkel liegt und nur manchmal am Rande von einem fahlen, unheimlichen Licht gestreift wird. Er beherrschte mich. Ich gebe es zu, ich leugne es nicht. Der Fall war gewöhnlich, belanglos – alles was ihr wollt: ein verlorener Junge, einer unter einer Million – außer daß er einer von uns war; ein Erlebnis, so bar jeder Bedeutung, wie die Überschwemmung eines Ameisenhaufens, und dennoch ergriff mich das Geheimnis seiner Einstellung so stark, als hätte er in der vordersten Reihe seiner Mitbrüder gestanden, als wäre die verborgene Wahrheit in seiner Geschichte gewaltig genug, die Menschheit in ihrer Auffassung von sich selbst zu beeinflussen ...

Marlow hielt inne, um seine ausgehende Manila neu in Brand zu setzen, schien die Erzählung völlig zu vergessen und begann plötzlich von neuem...

Meine Schuld natürlich. Es hat keinen Sinn, sich so gefangennehmen zu lassen. Es ist eine Schwäche von mir. Die seinige war von anderer Art. Meine Schwäche besteht darin, daß ich keinen Blick für das Nebensächliche habe – für die Äußerlichkeiten – keinen Blick für den Eimer des Lumpensammlers oder für die feine Wäsche des Nebenmanns. Der Nebenmann – das ist es. Ich bin schon so vielen Menschen begegnet – fuhr er mit plötzlicher Trauer fort – und manchmal mit einer... einer gewissen... Heftigkeit, sagen wir, wie diesem Burschen da – aber in jedem Fall war alles, was ich sehen konnte, einfach nur das Menschenwesen. Eine verdammt demokratische Art des Sehens, die wahrscheinlich besser ist als völlige Blindheit, mir aber – ich gebe euch mein Wort darauf – nie von Nutzen gewesen ist. Die Menschen wollen, daß man ihre feine Wäsche beachtet. Doch ich habe mich für diese Dinge nie begeistern können. Oh, es ist ein Mangel; es ist ein Mangel; und dann kommt so ein weicher Abend; eine Gesellschaft, zu faul zum Whist – und schließlich eine Geschichte...

Er hielt wiederum inne, wie um eine ermutigende Bemerkung abzuwarten, doch alles schwieg; nur der Gastgeber murmelte, als ob er widerstrebend eine Form erfüllte:

»Sie sind so spitzfindig, Marlow.«

Wer? Ich? sagte Marlow leise. O nein! Aber er war es; und so sehr ich mich auch bemühe, mein Garn gut zu spinnen, so bringe ich doch unzählige Schattierungen nicht heraus – es ist so schwer, sie mit farblosen Worten wiederzugeben. Denn was bei ihm die Sache so verzwickt machte, das war, daß er so furchtbar naiv war – der Unglücksmensch!... Bei Gott, es war unglaublich. Da saß er und erzählte mir, daß, so wahr ich ihn vor Augen hätte, nichts in der Welt ihn schrecken könnte, – und glaubte, was er sagte. Ich sag' euch, er war von einer fabelhaften Unschuld, und es war ganz ungeheuerlich, ungeheuerlich! Ich beobachtete ihn heimlich, als hätte ich ihn im Verdacht gehabt, daß er sich über mich lustig machen wollte. Er war überzeugt, daß nichts unter der Sonne, unter der Sonne, wohlgemerkt! ihm Angst einflößen könnte. Seit er »so groß« war – »ein ganz kleiner Knirps« –, hatte er sich für alle Gefahren vorbereitet, die einem zu Wasser und zu Lande drohen können. Er bekannte sich stolz zu dieser Art Vorsorge. Er hatte Gefahren und ihre Abwehr ersonnen, immer das Schlimmste erwartet, immer seine besten Kräfte eingesetzt. Er muß ein recht überspanntes Dasein geführt haben. Könnt ihr es euch vorstellen? Eine Reihenfolge von Abenteuern, ein ruhmgekröntes Heldendasein, jeder Tag seines inneren Lebens von der Gewißheit seiner Siegerlaufbahn vergoldet! Er vergaß sich; seine Augen glänzten fieberhaft; und bei jedem Wort, das er sprach, legte sich mir das Widersinnige von all dem schwer und schwerer aufs Herz. Mir war nicht nach Lachen zumute, und um selbst ein Lächeln zu verhüten, machte ich ein sehr dummes Gesicht. Er gab Zeichen von Gereiztheit.

»Es pflegt immer das Unerwartete zu geschehen«, sagte ich begütigend. Meine Stumpfheit entlockte ihm ein verächtliches »Pah!« Wahrscheinlich meinte er, daß das Unerwartete ihm nichts anhaben konnte; nur das Unbegreifliche und nichts sonst konnte sich stärker erweisen als die vollendete Vorbereitung. Er war unversehens überrumpelt worden – und er murmelte zu sich selber Verwünschungen gegen Wasser und Himmel, gegen das Schiff und die Menschen. Alles hatte ihn verraten! Er war in jene Art hochgemuten Verzichts hineingetrieben worden, die ihn verhinderte, auch nur ein Fingerglied zu rühren, während die andern, die genau wußten, was zuerst zu geschehen hatte, sich gegenseitig umrannten und verzweifelt an dem Boot herumrackerten. Irgendwas daran war im letzten Augenblick schiefgegangen. Es scheint, daß sie es in ihrer Hast auf irgendeine geheimnisvolle Weise fertiggebracht hatten, den Schließbolzen des vordersten Bootsklampens festzuklemmen, und nun durch die Todesgefahr, in der sie schwebten, vollends um ihr bißchen Verstand gebracht waren. Es muß ein netter Anblick gewesen sein, die wahnwitzige Geschäftigkeit der drei Schufte unter all den Schlafenden auf dem reglosen Schiff! Wie sie auf allen vieren krochen, sich voll Verzweiflung aufrichteten, schoben, stießen, einander giftig anknurrten, jeder auf dem Sprung, den andern an der Kehle zu packen, zu morden, loszuplärren, nur durch die Furcht vor dem Tod zurückgehalten, der schweigsam, wie ein unerbittlicher Fronvogt, hinter ihnen stand. Weiß Gott! Es muß ein netter Anblick gewesen sein. Er sah es alles, er konnte darüber mit Zorn und Bitterkeit reden; er erfaßte es mit etwas wie einem sechsten Sinn, denn er schwor mir, daß er sich abseits von ihnen gehalten habe, ohne einen Blick, einen einzigen Blick auf sie und das Boot zu werfen. Und ich glaube ihm. Er hatte sicher genug damit zu tun, die gefährliche Schlagseite des Schiffes zu beobachten, das drohende Unheil, das mitten aus völliger Sicherheit aufgetaucht war – und war wohl wie gebannt durch den Gedanken an das Schwert, das an einem Haar über seinem phantastischen Kopfe hing.

Nichts bewegte sich vor seinen Augen, und doch konnte er es sich ungehindert ausmalen, wie die dunkle Linie des Horizonts sich plötzlich nach oben schwingen, die weite Wasserebene sich hochrecken, der Abgrund aufgähnen, ein hoffnungsloser Kampf sich entspinnen, der Sternenhimmel sich wie ein Grabgewölbe für immer über ihm schließen würde – das letzte Aufbäumen seines jungen Lebens – das schwarze Ende. Das konnte er. Wer, bei Gott! hätte es nicht gekonnt? Und ihr müßt bedenken, daß er ein vollendeter Künstler auf diesem Gebiete war, ein armer Teufel mit der Gabe blitzschneller, vorwegnehmender Phantasie. Die Geschichte, die sie ihm vorspiegelte, hatte ihn vom Kopf bis zur Zehe in kalten Stein verwandelt; doch in seinem Kopf ging ein rasender Tanz von Gedanken vor sich, ein Tanz von lahmen, blinden, stummen Gedanken – ein Wirbel grauenhafter Krüppel. Sagte ich euch nicht, daß er mir beichtete, als hätte ich die Macht gehabt, zu binden und zu lösen? Er bohrte tief, tief, in der Hoffnung auf meine Absolution, die ihm doch nichts geholfen hätte. Es war einer von den Fällen, wo kein frommer Betrug Linderung zu schaffen vermag, wo kein Mensch helfen kann; wo selbst der Schöpfer den Sünder seinem eigenen Ratschluß zu überlassen scheint.

Er stand an der Steuerbordseite der Brücke, so weit wie möglich abseits von dem Kampf um das Boot, der mit der Wildheit des Wahnsinns und der Heimlichkeit einer Verschwörung fortgesetzt wurde. Die beiden Malaien waren während der ganzen Zeit nicht vom Steuer gewichen. Man stelle sich einmal die handelnden Personen in dieser – Gott sei Dank! – einzigartigen Episode zur See vor: vier ganz außer sich an einer wütenden heimlichen Arbeit, und drei, die völlig reglos zusehen, oberhalb eines Sonnensegels, das die Ahnungslosigkeit von Hunderten menschlicher Wesen deckt, mit ihrer Not, ihren Träumen und Hoffnungen, sie alle von einer unsichtbaren Hand am Rande der Vernichtung aufgehalten. Denn daß sie das alle waren, unterliegt für mich keinem Zweifel: in Anbetracht der Verfassung, in der sich das Schiff befand, war das Bild so zutreffend wie nur möglich. Das Gesindel am Boot hatte allen Grund, vor Angst aus Rand und Band zu kommen. Offen gestanden, wäre ich an Bord gewesen, ich hätte keinen falschen Heller dafür gegeben, daß das Schiff von einer Sekunde zur andern über Wasser bleibe. Und doch schwamm es noch! Die schlafenden Pilger waren dazu bestimmt, ihre Pilgerfahrt zu einem andern bitteren Ende durchzuführen. Es war, als hätte die Allmacht, deren Gnade sie bekannten, ihrer armseligen Zeugenschaft auf Erden noch eine Weile länger bedurft, als hätte sie dem Ozean ein Zeichen »Du sollst nicht« gemacht. Ihr Entrinnen würde mir als ein unerklärliches Wunder erscheinen, wenn ich nicht wüßte, wie zäh altes Eisen sein kann – so zäh wie manche Menschen, die wir gelegentlich antreffen, die zu Schatten zusammengeschrumpft sind und doch noch dem harten Leben die Stirne bieten. Auch das Benehmen der beiden Rudergasten während dieser zwanzig Minuten ist nach meinem Dafürhalten kein kleines Wunder. Sie waren als Zeugen mit einem Schub Eingeborener aller Art von Aden zur Verhandlung herübergebracht worden. Einer von ihnen, der mit großer Schüchternheit zu kämpfen hatte, war noch sehr jung und sah mit seinem glatten, gelben, freundlichen Gesicht noch jünger aus als er war. Ich entsinne mich noch, wie Brierly ihn durch den Dolmetsch fragen ließ, was er damals gedacht hatte, und wie der Dolmetsch nach kurzer Zwiesprache sich mit gewichtiger Miene zum Gerichtshof wandte und sagte: »Er sagt, er dachte gar nichts.«

Der andere, mit geduldigen, blinzelnden Augen, die grauen Haarsträhnen von einem verwaschenen, kunstvoll geknoteten blauen Taschentuch umwunden, mit eingefallenen Backen und brauner, von einem Netz von Fältchen überdunkelter Haut, bekundete, er habe wohl das Gefühl gehabt, daß mit dem Schiff etwas Schlimmes vorginge, aber es war kein Befehl gegeben worden; er habe sich auf keinen Befehl besinnen können; warum hätte er das Steuer verlassen sollen? Auf weitere Fragen zuckte er seine dürftigen Schultern und erklärte, es sei ihm damals nicht in den Sinn gekommen, daß die Weißen aus Todesfurcht das Schiff verlassen wollten. Er könnte es auch jetzt nicht glauben. Sie mochten geheime Gründe gehabt haben. Er schüttelte bedeutsam seinen alten Kopf. Ja, ja, geheime Gründe. Er war ein Mann von großer Erfahrung, und dieser weiße Tuan möge nur wissen – er wandte sich zu Brierly, der den Kopf nicht hob –, daß er während seiner langen Dienstzeit zur See bei den Weißen in viele Dinge eingeweiht worden sei; – und plötzlich überschüttete er uns, die wir wie gebannt aufhorchten, mit einer Flut von seltsam klingenden Namen, Namen von längst verstorbenen Kapitänen, Namen von längst vergessenen Küstenfahrern, vertrauten Namen, die so entstellt aus seinem Munde kamen, als ob Jahrhunderte an ihnen ihr Werk getan hätten. Man brachte ihn endlich zum Schweigen. Eine Stille entstand im Gerichtshof – eine Stille, die mindestens eine Minute anhielt und schließlich in ein dunkles Gemurmel überging. Dieser Vorfall war die Sensation des zweiten Verhandlungstages und übte eine starke Wirkung auf alle Zuhörer, mit Ausnahme von Jim, der in sich versunken am Ende der ersten Bank saß und keinen Blick auf diesen merkwürdigen, vernichtenden Zeugen warf, der von einer geheimnisvollen Verteidigungstheorie erfüllt schien.

So hielten also diese beiden Laskaren auf dem Schiff, das keine Fahrt mehr hatte, am Steuer aus und hätten dort den Tod gefunden, wenn dies ihr Schicksal gewesen wäre. Die Weißen hatten keinen Blick für sie, hatten wohl ihr Dasein vergessen. Jim dachte bestimmt nicht daran. Er dachte nur daran, daß er nichts tun konnte; er konnte nichts tun, da er doch allein war. Es war nichts zu tun, als mit dem Schiff unterzugehn. Es hatte keinen Zweck, viel Aufhebens davon zu machen. Wahrhaftig nicht. Er wartete aufrecht, ohne einen Laut, hatte sich wohl in eine Heldenpose hineingesteigert. Der Obermaschinist lief vorsichtig über die Kommandobrücke, um ihn am Ärmel zu zupfen.

»Kommen Sie zu Hilfe! Um Gottes willen, kommen Sie zu Hilfe!«

Er lief auf den Fußspitzen zum Boot und kam eilends wieder zurück, bettelte und fluchte in einem Atem und hängte sich wieder an Jims Ärmel.

»Ich glaube, er hätte mir die Hände geküßt«, sagte Jim grimmig, »und gleich darauf fährt er wutschäumend auf und raunt mir zu: ›Wenn ich Zeit hätte, würde ich dir gern den Schädel spalten.‹ Ich stieß ihn weg. Plötzlich umklammert er meinen Hals. Hol' ihn der Teufel! Ich schlug nach ihm. Ich schlug, ohne hinzublicken. ›Willst du nicht dein eigenes Leben retten, du verdammter Feigling‹, keuchte er. Feigling! Er nannte mich einen verdammten Feigling! ›Ha! Ha! Ha! Ha! Er nannte mich – ha! ha! ha!...«

Er hatte sich in den Stuhl zurückgeworfen und schüttelte sich vor Lachen. Ich hatte nie in meinem Leben etwas so Bitteres gehört wie dieses Gelächter. Es fiel wie ein Gifthauch auf all die Belustigungen mit Eseln, Pyramiden, Basaren und was sonst noch alles. Die ganze Galerie entlang verstummte das Stimmengewirr, alle Gesichter wandten sich mit einem Schlage nach uns, und es wurde so mäuschenstill, daß der Silberklang eines Teelöffels, der auf den Mosaikboden der Veranda fiel, sich wie ein heller Schrei anhörte.

»Sie müssen nicht so lachen, vor all diesen Leuten«, ermahnte ich. »Es macht einen schlechten Eindruck.«

Er gab durch nichts zu verstehen, daß er mich gehört hatte; erst nach einer Weile stammelte er gleichgültig mit einem starren Blick, der, weit weg von mir, von irgendeiner fürchterlichen Vision festgehalten schien: »Bah! Sie werden glauben, ich sei betrunken.«

Und nach seinem Aussehen hätte man schließen können, er würde danach keinen Ton mehr verlauten lassen. Aber – weit gefehlt! Er konnte ebensowenig das Reden lassen, wie er durch bloße Willensanstrengung hätte zu leben aufhören können.

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