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Lord Jim

Joseph Conrad: Lord Jim - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
titleLord Jim
authorJoseph Conrad
translatorHedwig Lachmann
publisherS. Fischer
addressBerlin
year1927
senderreuters@abc.de
created20040806
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Siebentes Kapitel

Ein nach auswärts bestimmtes Postboot war am Nachmittag hereingekommen, und der große Speisesaal des Hotels war mehr als halb voll mit Leuten, die eine Hundertpfund-Fahrkarte für eine Reise um die Welt in der Tasche hatten. Da waren verheiratete Paare, die die häusliche Langeweile mit auf die Reise genommen hatten; kleine und große Gesellschaften und Einzelgänger, die feierlich tafelten oder lärmende Gelage hielten; doch alle dachten, plauderten, scherzten oder schalten, wie sie es zu Hause gewohnt waren, und zeigten sich nicht empfänglicher für neue Eindrücke als die Koffer in ihren Zimmern oben. Von nun ab würden sie das Schildchen mit sich tragen, daß sie an dem und jenem Platz gewesen waren, genau wie ihr Gepäck. Sie würden stolz sein auf diese Auszeichnung ihrer Persönlichkeit und dauernd die Zettel auf ihren Handkoffern als dokumentarischen Ausweis kleben lassen, als einzig bleibende Spur ihres bildenden Unternehmens. Die schwarzen Diener trippelten geräuschlos über den glatten Fußboden; ab und zu erscholl das Lachen eines Mädchens, leer und harmlos wie ein Geist, oder man hörte während einer kurzen Pause im Tellerklappern ein paar Witzworte über das letzte Skandälchen an Bord, die eine näselnde Stimme der grinsenden Tafelrunde zum besten gab. Zwei reisende alte Jungfern, entsetzlich aufgedonnert, arbeiteten sich gehässig durch die Speisekarte und zischelten miteinander, mit welken Lippen in den hölzernen Gesichtern, verschroben wie herausgeputzte Vogelscheuchen. Ein wenig Wein öffnete Jims Herz und löste seine Zunge. Wie ich bemerkte, war auch sein Appetit gut. Es schien, als hätte er die unsere Bekanntschaft einleitende Episode irgendwo versenkt. Sie sollte ein für allemal aus der Welt geschafft sein. Und die ganze Zeit hatte ich diese blauen, knabenhaften Augen vor mir, die unbeirrt in die meinen blickten, das junge Gesicht, die kraftvollen Schultern, die offene, bronzene Stirn mit einem weißen Strich unter den Wurzeln seines lockigen blonden Haares, dieses Äußere, das mir auf den ersten Blick so zu Herzen sprach: das freie Wesen, das arglose Lächeln, den jugendlichen Ernst. Er war vom rechten Schlag; er war einer von uns. Er sprach gemäßigt, mit einer Art gelassener Offenheit und mit einer ruhigen Haltung, die das Ergebnis männlicher Selbstzucht oder eines völligen Mangels an Scham oder Einsicht sein konnte, bloßer Dickfelligkeit oder eines ungeheuren Selbstbetrugs. Wer will es sagen? Nach unserm Ton zu schließen, hätten wir von einer dritten Person, einer Fußballpartie oder dem vorjährigen Wetter reden können. In meinem Hirn wogte es von Vermutungen, bis eine Wendung in unserm Gespräch mir die Möglichkeit gab, ganz beiläufig zu bemerken, daß diese Gerichtsverhandlung doch furchtbar quälend für ihn gewesen sein müßte. Er streckte seinen Arm über den Tisch und umklammerte wortlos meine Hand, die neben dem Teller lag. Es durchfuhr mich. »Es muß furchtbar schwer für Sie sein«, stammelte ich, ganz verwirrt von diesem stummen Gefühlsausbruch. »Es ist – die Hölle«, brach er mit erstickter Stimme los.

Am Nachbartisch blickten bei dieser Bewegung und diesen Worten zwei Weltbummler, mit Lakaien hinter ihren Stühlen, erschrocken von ihrem Eispudding auf. Ich erhob mich, und wir begaben uns auf die vordere Galerie, um unsern Kaffee einzunehmen und zu rauchen.

Auf kleinen achteckigen Tischen brannten Kerzen in Glasglocken. Büsche steifer Blattpflanzen trennten die einzelnen Gruppen bequemer Korbstühle, und zwischen den Säulen, deren rötliche Schäfte den Schein aus den großen Fenstern auffingen, hing die Nacht dunkel und glänzend, wie eine reiche Gewandung. Die gleitenden Lichter von Schiffen grüßten aus der Ferne wie untergehende Sterne, und die Hügel jenseits der Reede glichen den runden, schwarzen Massen lastender Gewitterwolken.

»Ich konnte nicht fliehen«, begann Jim. »Der Kapitän konnte es tun – nun ja, für ihn mag es angehen. Ich konnte nicht, und ich wollte nicht. Sie haben sich alle irgendwie aus der Klemme gezogen, doch bei mir war das etwas andres.«

Ich hörte mit gespannter Aufmerksamkeit zu und wagte nicht, mich in meinem Stuhl zu rühren; ich wollte wissen – und bis auf den heutigen Tag weiß ich nicht, kann nur erraten. Er war mitteilsam und zurückhaltend im selben Atemzug, als hätte das Bewußtsein eingeborener Reinheit die Wahrheit, die ans Licht wollte, bei jeder Wendung zurückgehalten. Er sagte in einem Ton, in dem jemand seine Unfähigkeit bekennen würde, von einer zwanzig Fuß hohen Mauer hinunterzuspringen, daß er nun nie mehr nach Hause gehen könne; und diese Erklärung erinnerte mich an den Ausspruch Brierlys, »daß der alte Pfarrherr auf seinen Seemannssohn große Stücke hielte«.

Ich kann nicht sagen, ob Jim etwas von dieser besonderen Vorliebe wußte; aber die Art, wie er von seinem »alten Herrn« sprach, zielte wohl darauf ab, mir den Begriff beizubringen, daß der gute, alte ländliche Dekan der herrlichste Mensch sei, den je seit Anbeginn der Welt die Sorge um eine große Familie gedrückt habe. Er sprach es nicht klar in Worten aus, aber er setzte die Annahme als selbstverständlich voraus, was sehr innig und reizend war, aber um so schmerzlicher berührte, wenn man zu den bisherigen Elementen der Geschichte nun auch das Los der fernen lieben Menschen in Anschlag brachte. »Er hat es nun schon alles aus den Zeitungen erfahren«, sagte Jim. »Ich kann dem armen Mann nun nie wieder vor die Augen treten.« Ich wagte nicht aufzublicken, bis er hinzufügte: »Ich könnte es ihm nie erklären. Er würde nicht begreifen.« Dann blickte er auf. Er rauchte in Gedanken versunken und fing nach einer Weile, sich aufraffend, von neuem an. Er gab sofort den Wunsch zu erkennen, daß ich ihn nicht mit seinen Mitschuldigen im – sagen wir, im Verbrechen – verwechseln sollte. Er war keiner von ihnen. Er war völlig anderer Art. Ich gab kein Zeichen abweichender Meinung. Ich hatte nicht die Absicht, ihn um der unfruchtbaren Wahrheit willen auch nur des kleinsten Lichtstrahls erlösender Gnade zu berauben, der auf seinen Weg fiel. Ich weiß nicht, wieviel davon er selbst glaubte, ich weiß nicht, was er damit bezweckte – wenn er überhaupt einen Zweck verfolgte –, und ich vermute, daß er es selbst nicht wußte; denn es ist mein Glaube, daß kein Mensch je ganz hinter die eigenen listigen Kniffe kommt, durch die er sich dem grimmen Schatten der Selbsterkenntnis zu entziehen sucht. Ich gab keinen Laut von mir in der ganzen Zeit, während er erwog, was er beginnen sollte, »wenn diese dumme Untersuchung zu Ende wäre«.

Offenbar teilte er Brierlys verächtliche Ansicht über diese vom Gesetz angeordneten Untersuchungen. Er gestand, mehr laut denkend als zu mir sprechend, daß er nicht wisse, wohin er sich wenden solle. Das Patent dahin, die Karriere in die Brüche, kein Geld, um fortzukommen, keine Arbeit irgendwo in Sicht. Zu Hause könnte er vielleicht etwas finden, aber das hieße, seine Familie um Hilfe angehen, und das wollte er nicht. Er sehe keine andere Wahl, als gemeiner Matrose zu werden – vielleicht könne er einen Posten als Steuermannsmaat auf einem Dampfer bekommen. Dazu sei er wohl gut genug... »Ja, glauben Sie?« fragte ich unbarmherzig. Er sprang in die Höhe und ging zu der steinernen Balustrade, über die er sich in die Nacht hinauslehnte. Dann kam er und stellte sich hinter meinen Stuhl, noch verdüstert von einer niedergekämpften Erregung. Er hatte sehr wohl verstanden, daß ich nicht seine Fähigkeit, ein Schiff zu steuern, bezweifelte. Mit etwas schwankender Stimme fragte er mich, warum ich das gesagt hätte? Ich sei »unendlich gut« zu ihm gewesen. Ich hätte nicht einmal gelacht, als – hier stockte er – »Sie wissen doch, – das Mißverständnis – machte mich so zum Tölpel.« Ich versicherte ihm mit Wärme, daß für mich ein solches Mißverständnis kein Grund zum Lachen sein könnte. Er setzte sich und leerte bedächtig die kleine Tasse Kaffee bis auf den letzten Tropfen. »Damit gebe ich aber keineswegs zu, daß die Bemerkung zutreffend war«, erklärte er bestimmt. – »Nein?« sagte ich. – »Nein«, war seine entschiedene Antwort. »Wissen Sie denn, was Sie getan hätten? Wissen Sie es? Und Sie halten sich doch nicht für« ... er würgte ein wenig... »Sie halten sich nicht für einen... einen... Hund?«

Und bei diesen Worten – auf Ehre – sah er mir forschend ins Gesicht. Es war offenbar eine Frage, in gutem Glauben, eine Frage! Doch er wartete die Antwort nicht ab. Ehe ich mich sammeln konnte, fuhr er fort, die Augen starr vor sich hin gerichtet, als läse er etwas Geschriebenes von der Nacht ab. »Es hängt alles davon ab, daß man bereit ist. Ich war's nicht. Nicht – nicht damals. Ich will mich nicht entschuldigen; ich möchte nur erklären – ich möchte, daß jemand versteht – jemand – ein Mensch wenigstens! Sie! Warum nicht Sie?«

Es war feierlich und zugleich auch ein wenig spaßhaft, wie es ja unvermeidlich ist, wenn ein Mensch versucht, das, was er nach eigener Meinung sein sollte, vor dem Feuer zu retten – diesen auf festgeprägtem Herkommen beruhenden Begriff, der vielleicht nur eine Spielregel ist, nicht mehr, aber doch so schauerlich wirksam, durch die Gewalt, die er sich über natürliche Regungen anmaßt, wie durch die unbarmherzigen Strafen, die er für Übertretungen bereithält. Er begann seine Erzählung sehr ruhig. Auf dem Dale Line Dampfer, der die vier, in einem Boot treibend, zur verschwiegenen Sonnenuntergangsstunde aufgenommen hatte, waren sie gleich nach dem ersten Tag scheel angesehen worden. Der fette Kapitän erzählte eine Geschichte, die andern schwiegen dazu, und zuerst wurde sie geglaubt. Man rückt ja armen Schiffbrüchigen, die man glücklich, wenn nicht von grausamem Tod, so doch von grausamen Qualen errettet hat, nicht mit Fragen auf den Leib. Später, nachdem sie Zeit gehabt hatten, über die Sache nachzudenken, mag den Offizieren des Avondale aufgestoßen sein, daß da etwas »nicht sauber« war; aber natürlich behielten sie ihre Zweifel für sich. Sie hatten den Kapitän, den Ersten Offizier und zwei Maschinisten des untergegangenen Dampfers Patna aufgenommen, und das genügte ihnen. Ich befragte Jim nicht über seine Gefühle während der zehn Tage, die er an Bord verbrachte. Aus der Art, wie er diesen Teil erzählte, konnte ich schließen, daß er von der Entdeckung, die er gemacht hatte – der Entdeckung über sich selbst –, hart betroffen war und sich nun bemühte, sie dem einzigen Mann, der ihre ganze Schwere zu beurteilen imstande war, wegzuexplizieren. Ihr müßt wissen, daß er nicht versuchte, ihre Bedeutung zu verkleinern. Dessen bin ich sicher, und darin liegt sein Vorzug, über die Empfindungen aber, die ihn bestürmten, als er an Land kam und den unvorhergesehenen Schluß der Geschichte hörte, in der er eine so erbarmungswürdige Rolle gespielt hatte, sagte er mir nichts, und es ist schwer, sich eine Vorstellung davon zu machen. Ob er wohl das Gefühl hatte, als wäre ihm der Boden unter den Füßen weggezogen worden? Ich wüßte es gern. Aber zweifellos gelang es ihm sehr bald wieder, einen festen Standpunkt zu gewinnen. Er war ganze vierzehn Tage an Land im Matrosenheim, und da noch sechs bis sieben andere Männer sich dort aufhielten, hörte ich zuweilen ein wenig von ihm reden. Ihr oberflächliches Urteil schien zu sein, daß er, abgesehen von seinen übrigen Mängeln, ein brummiger Patron sei. Er hatte diese Tage auf der Veranda zugebracht, in einem Liegestuhl vergraben, und war nur zu den Mahlzeiten oder spät nachts aus seiner Verborgenheit herausgekrochen, wo er dann allein, von seiner Umgebung losgelöst, unentschlossen und schweigend über die Kais irrte, wie ein vertriebener Geist, der keine Stätte hat. »Ich glaube, ich habe in der Zeit keine drei Worte mit einem lebenden Wesen gesprochen«, sagte er und fügte gleich hinzu: »Einer dieser Kerle wäre sicherlich mit etwas herausgeplatzt, was ich entschlossen war, nicht hinzunehmen, und ich wollte keinen Streit. Nein. Damals nicht. Ich war zu – zu... Ich hatte nicht das Herz dazu.« – »Das Schott hat's also doch ausgehalten«, meinte ich leichthin. – »Ja«, erwiderte er leise, »es hielt. Und doch schwöre ich Ihnen, daß ich fühlte, wie es mir unter den Händen nachgab.« – »Es ist seltsam, wieviel altes Eisen manchmal aushält«, meinte ich. In seinen Stuhl zurückgeworfen, Arme und Beine steif herunterhängend, nickte er ein paarmal mit dem Kopf. Es ließ sich kein traurigerer Anblick denken. Plötzlich hob er den Kopf; er richtete sich auf und schlug sich auf die Schenkel. »Ach! Was für eine Gelegenheit habe ich versäumt! Mein Gott! Was für eine Gelegenheit habe ich versäumt!« stieß er hervor, und dieses letzte »versäumt« entrang sich ihm wie ein Schmerzensschrei.

Er versank wieder in Schweigen, sah mit einem stillen, abwesenden Blick voll wilden Verlangens der versäumten Heldentat nach; seine Nüstern blähten sich, als atmeten sie den berauschenden Duft dieser ungenützten Gelegenheit. Wenn ihr meint, daß mich das überrascht oder empört hätte, so tut ihr mir in mehr als einer Hinsicht unrecht. Ah, der Teufelskerl hatte Phantasie! Er wollte sich hingeben, sich opfern. In dem Blick, den er in die Nacht schickte, sah ich sein ganzes inneres Sein, hinausgestellt in das Fabelreich heroischer Träume. Er hatte keine Muße, das zu betrauern, was er verloren hatte, er war so völlig und ausschließlich von dem erfüllt, was zu erlangen ihm mißglückt war. Er war sehr weit von mir weg, der ich ihn aus drei Fuß Entfernung beobachtete. Mit jedem Augenblick drang er tiefer in die unmögliche Welt romantischen Vollbringens. Schließlich drang er bis zu ihrem Kern vor. Ein fremdartiger Ausdruck von Seligkeit breitete sich über seine Züge, seine Augen funkelten im Kerzenschein; er lächelte. Er war bis zu dem Kern vorgedrungen – wahrhaftig, bis zu dem Kern. Es war ein ekstatisches Lächeln, das eure Gesichter nie annehmen können, meins auch nicht, liebe Jungens. Ich erweckte ihn, indem ich sagte: »Sie meinen, wenn Sie beim Schiff geblieben wären.«

Er sah mich mit weitgeöffneten, schmerzerfüllten Augen und einem erschrockenen, leidenden Gesichtsausdruck an, als wäre er eben von einem Stern heruntergefallen. Keiner von uns wird jemals einen Menschen so ansehen. Ein Schauder schüttelte ihn, als ob ein kalter Finger an sein Herz gerührt hätte. Schließlich seufzte er tief auf.

Ich war in keiner barmherzigen Stimmung. Er reizte einen durch seine widerspruchsvollen Enthüllungen. »Es ist sehr bedauerlich, daß Sie das nicht vorher wußten!« sagte ich mit der unfreundlichsten Absicht; doch der tückische Pfeil verfehlte sein Ziel, er fiel sozusagen zu Jims Füßen nieder, und der dachte nicht daran, ihn aufzuheben. Vielleicht hatte er ihn nicht einmal bemerkt. Gleich darauf sagte er, sich bequem ausstreckend: »Hol's der Teufel! Ich sage Ihnen, es bog sich. Ich hielt meine Lampe längs des Winkelbands in dem Zwischendeck, als ein Stück Rost, so groß wie meine Handfläche, ganz von selbst von der Platte herunterfiel.« Er fuhr sich mit der Hand über die Stirn. »Das Ding bewegte sich und sprang weg wie etwas Lebendiges, als ich darauf hinsah.« – »Da war Ihnen wohl recht schlimm zumute«, warf ich ein. – »Glauben Sie denn, daß ich an mich selbst dachte, wo doch allein hundertsechzig Menschen knapp hinter mir in dem vorderen Zwischendeck lagen, – noch mehr achtern – noch mehr auf dem Hauptdeck, alle fest schlafend, nichts ahnend – dreimal soviel, als in den Booten Platz hatten, selbst wenn Zeit dazu gewesen wäre? Ich erwartete jeden Augenblick, während ich dastand, daß die Eisenwand bersten und das Wasser über sie hereinbrechen würde... Was konnte ich tun – was?«

Ich kann ihn mir leicht vorstellen, in dem mit Menschen angefüllten, höhlenartigen Raum, die Atemzüge der ahnungslosen Schläfer im Ohr, vor dem von der Kugellampe halb erleuchteten Schott, gegen dessen Außenseite sich der Ozean anstemmte. Ich kann ihn auf das Eisen starren sehen, wie vom Donner gerührt über den herunterfallenden Rost, niedergeschmettert von dem Bewußtsein des nahen Todes. Dies geschah, wie ich verstand, als sein Kapitän, der ihn wahrscheinlich von der Brücke herunterhaben wollte, ihn zum zweiten Male dorthin beordert hatte. Er sagte mir, daß seine erste Regung die war, loszuschreien und all diese Menschen den Sprung vom Schlaf ins Entsetzen tun zu lassen, aber es überkam ihn ein solch überwältigendes Gefühl seiner Hilflosigkeit, daß er keinen Laut hervorbringen konnte. Dies ist es, glaube ich, was man darunter versteht, daß einem die Zunge am Gaumen festklebt. »Zu trocken« war der knappe Ausdruck, mit dem er seinen Zustand kennzeichnete. Ohne einen Laut also kletterte er durch die Luke Nummer eins auf Deck. Ein Windsegel, das dort ausgebracht war, wehte ihm entgegen, und er erinnerte sich, daß der leichte Schlag der Leinwand gegen sein Gesicht ihn beinahe von der Leiter hinuntergeworfen hätte.

Er gestand, daß seine Knie gehörig schlotterten, wie er auf dem Vorderdeck stand, abermals einen Haufen Schläfer vor sich. Die Maschinen waren angehalten worden, und der Dampf strömte aus. Von seinem tiefen Dröhnen hallte die Nacht wie eine Baßsaite. Das Schiff zitterte davon.

Er sah, wie hie und da ein Kopf sich von einer Matte erhob, eine unbestimmte Form sich aufrichtete, einen Augenblick schläfrig lauschte und wieder in das wogende Durcheinander von Kisten, Dampfwinden, Ventilatoren zurücksank. Er erkannte, daß all diese Menschen nicht genug wußten, um sich das seltsame Geräusch verstandesmäßig erklären zu können. Das Schiff, aus Eisen, die Männer mit weißen Gesichtern, all diese Erscheinungen und Töne, alles und jedes an Bord, war für diese unwissende, gläubige Menge gleich seltsam und ebenso vertrauenswürdig wie unbegreiflich. Es kam ihm der Gedanke, daß diese Unkenntnis ein Glück war. Aber der Gedanke war einfach entsetzlich.

Man darf nicht vergessen, daß er, wie es jeder andere Mann an seiner Stelle hätte sein müssen, der Überzeugung war, das Schiff würde jeden Augenblick untergehn; die überlasteten, rostzerfressenen Platten mußten schließlich unfehlbar zusammenbrechen wie ein unterwühlter Damm und eine jähe, alles überflutende Sturzwelle einlassen. Er stand still, den Blick auf diese ruhenden Leiber gerichtet, ein Gezeichneter, der sein Schicksal kennt und sich in der stummen Gesellschaft der Toten umsieht. Sie waren tot! Nichts konnte sie retten! Boote waren vielleicht für die Hälfte von ihnen da, aber es war keine Zeit. Keine Zeit! Keine Zeit! Es schien nicht der Mühe wert, die Lippen zu öffnen, Hand oder Fuß zu bewegen. Bevor er drei Worte ausstoßen, drei Schritte machen konnte, mußte er in die See hinuntertaumeln, die von den wahnwitzigen Kämpfen menschlicher Wesen schrecklich aufschäumen, von gräßlichem Hilfegeschrei widerhallen würde. Es gab keine Hilfe; er konnte sich genau vorstellen, was geschehen würde; er durchlebte es alles, wie er mit der Lampe in der Hand bewegungslos vor der Luke stand, – er durchlebte es bis in die letzte fürchterlichste Einzelheit. Ich glaube, er durchlebte es noch einmal, während er mir diese Dinge erzählte, die er vor Gericht nicht sagen konnte.

»Ich sah so deutlich, wie ich Sie jetzt sehe, daß ich nichts tun konnte. Es war, als ob meine Glieder zu Stein erstarrten. Ich dachte, ich könnte ebensogut stehenbleiben, wo ich war, und warten. Ich glaubte nicht, daß mir viele Sekunden blieben...« Plötzlich hörte der Dampf auf auszuströmen. Der Lärm, sagte er, sei zum Rasendwerden gewesen, die Stille aber wurde sofort unerträglich drückend.

»Ich glaubte ersticken zu müssen, bevor ich ertrank«, sagte er.

Er beteuerte, daß er nicht daran gedacht habe, sich zu retten. Der einzige deutliche Gedanke, der in seinem Hirn Gestalt annahm, schwand und wiederkam, war: achthundert Menschen und sieben Boote; achthundert Menschen und sieben Boote.

»Jemand sprach laut in meinem Kopf«, sagte er beinahe wild. »Achthundert Menschen und sieben Boote – und keine Zeit! Man denke!« Er beugte sich über den kleinen Tisch hinweg zu mir vor, und ich suchte seinem Blick auszuweichen. »Glauben Sie, daß ich mich vor dem Tod fürchtete?« fragte er mit eindringlicher, leiser Stimme. Er schlug mit der offenen Hand auf den Tisch, daß die Kaffeetassen tanzten. »Ich kann beschwören, daß ich es nicht tat... bei Gott, nein!« Er gab sich einen Ruck und kreuzte die Arme; das Kinn sank ihm auf die Brust.

Durch die hohen Fenster klang das Klappern von Tafelgeschirr schwach zu uns herüber. Stimmen wurden laut, und einige Männer kamen in gehobener Stimmung in die Galerie heraus. Sie tauschten spaßhafte Erinnerungen über die Esel in Kairo. Ein blasser, ängstlicher Jüngling, der behutsam auf langen Beinen einherkam, wurde von einem rundlichen, protzigen Weltreisenden wegen seiner Einkäufe im Basar aufgezogen. »Nein, wirklich – glauben Sie, daß man mich so übers Ohr gehauen hat?« fragte er ernsthaft und bedächtig. Die Musikkapelle entfernte sich, Streichhölzer leuchteten auf und beschienen einen Augenblick geistlose Gesichter und mattglänzende weiße Hemdbrüste. Das vielfache Gesumm angeregter Tischgespräche klang mir sinnlos und unendlich fern.

»Ein Teil der Mannschaft schlief neben der Luke Nummer eins, meinem Arm erreichbar«, begann Jim von neuem.

Ihr müßt nämlich wissen, die Wachen auf dem Schiff waren so eingeteilt, daß alle Mann die Nacht durchschliefen und nur die gerufen wurden, die die Rudergasten und den Ausguck abzulösen hatten. Jim war versucht, den am nächsten liegenden Laskaren bei der Schulter zu packen, doch er tat es nicht. Etwas lähmte seinen Arm. Er fürchtete sich nicht – o nein! Er konnte eben nicht – das ist alles. Er fürchtete sich vielleicht nicht vor dem Tode, aber, wenn ich nicht irre, so fürchtete er sich vor all dem, was ihm vorangehen mußte. Seine vermaledeite Phantasie hatte ihm das ganze Grauen einer Panik vor Augen gestellt, das wilde Getümmel, die entsetzlichen Hilferufe, die vollgeschlagenen Boote – all die fürchterlichen Zwischenfälle einer Schiffskatastrophe, wie er sie so häufig hatte schildern hören. Es mag sein, daß er entschlossen war, zu sterben, aber er wollte ohne Schrecknisse sterben, in Ruhe, in einer Art friedvoller Ekstase. Eine gewisse Bereitschaft zum Untergang ist nicht so sehr selten, selten aber sind die Männer, die, mit dem undurchdringlichen Panzer des Entschlusses gewappnet, willens sind, eine verlorene Schlacht bis zum Letzten auszukämpfen. Die Sehnsucht nach Frieden wird stärker, je mehr die Hoffnung abnimmt, bis sie zuletzt selbst den Willen zum Leben besiegt. Wer von uns hier hat nicht schon dieses Aller-Erregung-Müde-Sein, das Vergebliche des Bemühens, das heftige Verlangen nach Ruhe beobachtet, wenn nicht am eigenen Leib erfahren? Solche, die mit unberechenbaren Gewalten zu kämpfen haben, kennen es wohl – die Schiffbrüchigen in Booten, die in der Wüste verlorenen Wanderer, alle, die sich gegen die vernunftlosen Naturmächte oder die blöde Roheit der Menge zur Wehr setzen mußten.

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