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Lord Jim

Joseph Conrad: Lord Jim - Kapitel 40
Quellenangabe
typefiction
titleLord Jim
authorJoseph Conrad
translatorHedwig Lachmann
publisherS. Fischer
addressBerlin
year1927
senderreuters@abc.de
created20040806
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Vierzigstes Kapitel

Brown wollte einfach Zeit gewinnen, indem er Kassim geschickt hinhielt. Denn er war sich darüber klar, daß er, um einen richtigen Schlag zu tun, mit dem weißen Mann verhandeln mußte. Er konnte sich nicht vorstellen, daß ein solcher Kerl (der im Grunde doch verflucht schlau sein mußte, um die Eingeborenen so unterzukriegen) die Hilfe abweisen würde, die ihn der Notwendigkeit dauernden, vorsichtigen, gefährlichen Heuchelns enthob – und das war ja wohl die einzig mögliche Richtschnur für einen einzelnen Mann. Er, Brown, würde ihm die Macht bieten. Kein Mensch konnte da zaudern. Es kam alles darauf an, ein klares Einvernehmen herzustellen. Natürlich würden sie teilen. Der Gedanke, daß da ein Fort war – ihm zur Hand – ein richtiges Fort, mit Artillerie (dies wußte er von Cornelius), erregte ihn. Wenn er nur erst einmal drin war, dann... Er würde bescheidene Bedingungen stellen. Natürlich nicht gar zu niedrige. Der Mann war, scheint's, kein Narr. Sie würden wie Brüder zusammen arbeiten, ... bis die Zeit käme für einen Streit und einen Schuß, der alles ins Lot bringen würde. Mit der grimmigen Gier nach Plünderung wünschte er den Augenblick herbei, da er mit dem Mann sprechen könnte. Schon schien das Land ihm zu gehören, daß er es in Stücke reißen, auspressen und wegwerfen könne. Mittlerweile galt es, Kassim hinzuhalten und zu täuschen, erstens, um Futter zu bekommen – und zweitens, um sich noch eine Möglichkeit offenzuhalten. Aber die Hauptsache war, Tag für Tag etwas zu essen zu haben. Im übrigen war er nicht abgeneigt, für den Rajah Krieg zu führen und dem Volk, das ihn mit Schüssen empfangen hatte, eine Lehre zu geben. Kampflust war über ihn gekommen.

Es tut mir leid, daß ich Ihnen diesen Teil der Geschichte, den ich natürlich in der Hauptsache von Brown habe, nicht mit Browns eigenen Worten wiedergeben kann. Es war in der gebrochenen, gewaltsamen Rede des Mannes, der, während ihn schon die Hand des Todes an der Kehle würgte, mir seine Gedanken enthüllte, ein grausames Zweckbewußtsein, eine seltsame, rachsüchtige Einstellung auf seine eigene Vergangenheit und ein blinder Glaube an das Recht des eigenen Willens gegen die gesamte Menschheit, etwas von dem Gefühl, das den Anführer einer Rotte von Gurgelabschneidern bestimmen konnte, sich stolz »Gottesgeißel« zu nennen. Zweifellos war die natürliche, unsinnige Wildheit, die die Grundlage eines solchen Charakters ist, durch Fehlschläge, Mißgeschick und die Entbehrungen der letzten Zeit sowohl, wie durch die verzweifelte Lage, in der er sich befand, aufs äußerste getrieben; aber das Merkwürdigste von allem war, daß er, während er verräterische Bündnisse plante, in seinem Kopf das Geschick des weißen Mannes schon entschieden hatte und in hochtrabender, sorgloser Art mit Kassim unterhandelte – daß er bei alldem, fast unbewußt, den eigentlichen Wunsch hatte, die Dschungel-Stadt zu zerstören, die ihm Trotz geboten hatte, sie mit Leichen gepflastert und in Flammen aufgehen zu sehen. Während ich dieser erbarmungslosen, keuchenden Stimme lauschte, konnte ich mir vorstellen, wie er von dem Hügel auf sie herabgeblickt und sie mit Bildern von Raub und Mord erfüllt haben muß. Die nächste Umgebung der Bucht bot ein verödetes Aussehen, obwohl tatsächlich jedes Haus ein paar bewaffnete Männer barg, die auf der Lauer lagen. Plötzlich tauchte jenseits der wüsten Fläche, wo sich ein paar Fußpfade durch kleine Flecken niederen, dichten Buschwerks, mit Aushöhlungen und Schutthaufen dazwischen, hinzogen, ein einsamer, sehr klein aussehender Mann auf, der seinen Weg durch die verödete Straße zwischen verschlossenen, dunklen, leblosen Gebäuden nahm. Wahrscheinlich einer der Bewohner, der an das andere Ufer des Flusses geflohen war und zurückkam, um sich irgendein nötiges Gerät zu holen. Offenbar war er der Meinung, daß ihm in dieser Entfernung von dem Hügel jenseits der Bucht keine Gefahr drohte. Eine leichte, in Eile gebaute Verschanzung, mit seinen Freunden besetzt, befand sich gleich um die Ecke der Straße. Er ging gemächlich dahin. Brown sah ihn und rief augenblicklich den amerikanischen Deserteur an seine Seite, der sozusagen als Erster Offizier diente. Dieser dürre, schlottrige Kerl mit seinem stumpfsinnigen Gesicht kam und schleppte sein Gewehr träge nach. Als er begriff, was von ihm verlangt wurde, verzog er den Mund zu einem eingebildeten, mörderischen Grinsen, das zwei tiefe Falten in sein ledernes, gelbes Gesicht grub. Er rühmte sich, ein unfehlbarer Schütze zu sein. Er ließ sich auf ein Knie nieder, zielte aufgelegt durch die unbehauenen Zweige eines gefällten Baumes, feuerte und stand sofort auf, um nachzusehen. Der Mann in der Ferne wendete seinen Kopf nach dem Schuß, tat noch einen Schritt vorwärts, schien zu zaudern und stürzte jäh auf Hände und Knie. In die Stille hinein, die auf den scharfen Knall seines Gewehres folgte, bemerkte der »unfehlbare Schütze«, der seine Augen auf die Beute geheftet hielt, daß sich »die Freunde des Niggers dort nie mehr um seine Gesundheit zu sorgen haben würden«. Die Glieder des Mannes bewegten sich hastig unter seinem Körper, in dem Bemühen, auf allen vieren zu kriechen. Ein vielfältiger Schrei der Entrüstung und des Schreckens tönte durch die Luft. Der Mann sank mit dem Gesicht nach unten flach hin und regte sich nicht mehr. »Das hat ihnen gezeigt, was wir tun können«, sagte Brown zu mir. »Hat ihnen das Entsetzen, einen plötzlichen Tod zu sterben, in die Glieder gejagt. Das war's, was wir brauchten. Sie waren zweihundert gegen einen, und dies gab ihnen für die Nacht etwas zu denken. Keiner von ihnen hatte einen Schuß auf solche Entfernung für möglich gehalten. Der Hundsfott, der zu dem Rajah gehörte, spähte den Hügel hinunter und guckte sich die Augen aus dem Kopf.«

Während er dies sagte, versuchte er mit zitternder Hand den dünnen Schaum von seinen blauen Lippen zu wischen. »Zweihundert gegen einen. Zweihundert gegen einen... Das Entsetzen ... Entsetzen in ihre Glieder gejagt...« Seine Augen sprangen fast aus den Höhlen. Er fiel zurück, fuchtelte mit knochigen Fingern in der Luft herum, setzte sich wieder auf, in sich zusammengesunken, ganz behaart, wie ein Tiermensch aus einem Volksmärchen, schielte von der Seite nach mir, mit offenem Mund in seinem grauenhaften Todeskampf, ehe er nach diesem Anfall die Sprache wiedererlangte. Es gibt Anblicke, die man nie wieder vergißt.

Um ferner den Feind zum Schießen zu verleiten und so den Standort der Posten erkennen zu können, die sich vielleicht im Buschwerk längs der Bucht verborgen hielten, schickte Brown den Mann von den Salomoninseln zum Boot hinunter nach einem Ruder, wie man einen Hund nach einem Stock ins Wasser schickt. Dies hatte keinen Erfolg, und der Kerl kam zurück, ohne daß ein einziger Schuß auf ihn abgegeben worden wäre. »Niemand da«, meinten einige der Männer. Es sei »unnatürlich«, bemerkte der Yankee. Kassim war mittlerweile unter einem starken Eindruck fortgegangen. Er war teils angenehm berührt, teils empfand er Mißbehagen. Gemäß seiner gewundenen Politik hatte er an Dain Waris einen Boten mit der Warnung geschickt, er solle nach dem Schiff der Weißen Ausschau halten, das, wie er erfahren habe, im Begriff sei, den Fluß heraufzukommen. Er verringerte absichtlich die Kriegsstärke des Schoners und ermahnte Dain Waris, die Durchfahrt unbedingt zu verhindern. Dieses Doppelspiel entsprach seinen Zwecken, die darauf ausgingen, die Streitkräfte der Bugis zu spalten und sie durch Kämpfe zu schwächen. Anderseits übersandte er im Laufe dieses Tages den versammelten Häuptern der Bugis in der Stadt den Bescheid, daß er die Eindringlinge zum Rückzug zu bewegen suche; zugleich überbrachten seine Boten die ernsthafte Bitte um Pulver für die Leute des Rajahs. Es war lange her, seit Tunku Allang für die zwanzig Stück Musketen, die in der Audienzhalle auf ihren Gestellen rosteten, Munition gehabt hatte. Der offene Verkehr zwischen dem Hügel und dem Palast brachte alle Gemüter in Aufruhr. Man fing schon an zu sagen, daß es Zeit wäre, Partei zu ergreifen. Es würde bald viel Blutvergießen und hernach viel Ungemach für viele Leute geben. Das staatliche Gebilde geordneten, friedlichen Daseins, wo jeder des kommenden Tages sicher war, der von Jims Händen errichtete Bau, schien an diesem Abend nahe daran, zu einem blutrauchenden Trümmerhaufen zusammenzusinken. Das ärmere Volk floh schon in die Wälder oder den Fluß aufwärts. Viele der Vornehmen hielten es für angemessen, dem Rajah ihre Aufwartung zu machen. Die Jünglinge des Tunku Allang verhöhnten sie unbarmherzig. Der alte Tunku Allang, der vor Furcht und Unentschlossenheit fast von Sinnen war, verharrte entweder in mürrischem Schweigen, oder er schalt sie heftig, daß sie mit leeren Händen zu kommen wagten: sie zogen höchst erschrocken ab; nur der alte Doramin hielt seine Landsleute zusammen und verfolgte unbeugsam seine Taktik. In einem großen Stuhl hinter der neuangelegten Verschanzung thronend, gab er in tiefem Kehlton seine Befehle, inmitten der fliegenden Gerüchte unbewegt wie ein tauber Mann.

Die Dämmerung sank herab und entzog zuerst den Leichnam des Mannes, der mit ausgestreckten Armen wie an den Boden genagelt liegengelassen worden war, den Blicken, und dann rollte lautlos die Nacht über Patusan herauf, und der Glanz ungezählter Welten ergoß sich über die Erde. Wieder flammten in dem freigelegenen Teil der Stadt große Feuer längs der einzigen Straße auf und enthüllten in ihrem Schein in Abständen die abfallenden Linien der Dächer, Teile von Strohwänden in wirrem Durcheinander, hie und da eine ganze Hütte auf den schwarzen Längsstrichen ihres hohen Pfahlgerüstes; und diese ganze Reihe von Wohnstätten schien sich im Licht der wehenden Flammen schwankend in das Düster des inneren Landes hineinzuwinden. Eine große Stille, in die die hintereinander aufsteigenden Feuer lautlos hineinragten, herrschte in der Dunkelheit am Fuß des Berges; aber von dem andern Flußufer, das, abgesehen von einem einzigen Feuer vor der Flußseite des Forts, ganz im Dunkel lag, ging ein wachsendes Geräusch aus, das von dem Stampfen vieler Fußtritte, dem Gesumm vieler Stimmen oder dem Rauschen eines weit entfernten Wasserfalls hätte herrühren können. In diesem Augenblick, gestand mir Brown, während er, seinen Leuten den Rücken zukehrend, dasaß und alles überschaute, überkam ihn ungeachtet seines eisernen Selbstvertrauens und seiner Verachtung das Gefühl, er sei nun doch mit dem Kopf gegen eine steinerne Mauer gerannt. Wäre sein Boot gerade flott gewesen, so, meinte er, hätte er versucht, sich fortzustehlen und sich der Gefahr der Verfolgung und des Hungertodes zur See ausgesetzt. Es ist sehr zweifelhaft, ob es ihm gelungen wäre, fortzukommen. Doch er versuchte es nicht. Dann schoß ihm der Gedanke durch den Kopf, die Stadt zu stürmen, doch sah er wohl ein, daß sie in der erleuchteten Straße schließlich wie Hunde aus den Häusern zusammengeschossen werden würden. Es waren zweihundert gegen einen – dachte er, während seine Leute um zwei Haufen glimmender Asche herumhockten, die letzten Bananen kauten und die wenigen Jamswurzeln rösteten, die sie Kassims Diplomatie verdankten. Cornelius saß verdrießlich dösend unter ihnen. Dann erinnerte sich einer der Weißen, daß im Boot noch Tabak geblieben war, und ermutigt dadurch, daß der Mann von den Salomoninseln heil davongekommen war, sagte er, er wolle gehen und ihn holen. Dies veranlaßte all die andern, ihre Verzagtheit abzuschütteln. Brown, der befragt wurde, sagte nur bitter: »Geh zum Teufel.« Er glaubte nicht, daß Gefahr dabei sei, im Dunkeln nach der Bucht zu gehen. Der Mann stieg über den Verhau und verschwand. Einen Augenblick später hörte man ihn in das Boot steigen und dann herausklettern. »Ich habe ihn«, schrie er. Ein Blitz und ein Knall, dicht am Fuß des Hügels, folgten. »Ich bin getroffen«, wehklagte der Mann. »Paßt auf, paßt auf – ich bin getroffen«, und augenblicklich gingen alle Gewehre los. Der Hügel sprühte Feuer und Qualm in die Nacht wie ein kleiner Vulkan, und als Brown und der Yankee mit Flüchen und Püffen die wilde Schießerei abstellten, scholl ein tiefes, wimmerndes Stöhnen von der Bucht herauf und gleich danach ein ohrenzerreißender Jammerton, der das Blut in den Adern erstarren machte. Dann ließ sich eine kraftvolle Stimme jenseits der Bucht in tönenden, unverständlichen Worten vernehmen. »Niemand soll jetzt schießen«, befahl Brown. »Was bedeutet das?«... »Hört ihr auf dem Berge? Hört ihr? Hört ihr?« wiederholte die Stimme dreimal. Cornelius übersetzte und sagte die Antwort vor. »Sprecht«, rief Brown, »wir hören.« Dann verkündete einer in dem gehobenen, hallenden Ton eines Herolds, während er beständig am Rande des Ödlands seinen Standpunkt wechselte, daß es zwischen den Männer der Bugis in Patusan und den Weißen nebst den zu ihnen gehörigen Männern auf dem Hügel keine Treue, kein Erbarmen, keinen Verkehr und keinen Frieden geben solle. In einem Gebüsch raschelte es. Schüsse wurden ins Blaue hinein abgefeuert. »Verfluchte Dummheit«, brummte der Yankee und stieß wütend den Kolben auf den Boden. Cornelius übersetzte. Der verwundete Mann unterhalb des Berges jammerte laut: »Holt mich hinauf! Holt mich hinauf!« und wimmerte dann weiter. Solange er sich auf der geschwärzten Erde des Abhangs gehalten hatte und hernach, als er in das Boot kroch, war er sicher genug gewesen. Es scheint, daß er sich in der Freude, den Tabak gefunden zu haben, vergaß und auf der falschen Seite heraussprang. Das weiße Boot, das hoch und trocken lag, ließ ihn sichtbar werden; die Bucht war an dieser Stelle nur etwa sieben Ellen breit, und auf dem andern Ufer hatte sich ein Mann im Busch versteckt gehalten.

Er war ein Bugis aus Tondano, der erst kürzlich nach Patusan gekommen war, und ein Verwandter des Mannes, der am Nachmittag erschossen worden war. Der unglaublich weite Schuß hatte in der Tat die Beobachter in Schrecken versetzt. Jener Mann, der sich völlig sicher wähnte, war vor den Augen seiner Freunde, mit einem Scherz auf den Lippen, niedergestreckt worden, und sie erblickten in dieser Tat eine Niedertracht, die sie zu wildester Wut aufstachelte. Der Verwandte, namens Si-Lapa, befand sich gerade, nur wenige Fuß weit entfernt, mit Doramin in der Verschanzung. Sie, der Sie diese Leute kennen, müssen zugeben, daß der Kerl ungewöhnlichen Mut bewies, als er sich erbot, allein im Dunkeln die Botschaft zu übermitteln. Beim Kriechen über den freien Platz war er nach links abgewichen und hatte plötzlich das Boot vor sich gesehen. Er stutzte, als Browns Mann schrie. Er setzte sich auf, das Gewehr an der Schulter, und als der andere sprang und sich dabei bloßstellte, drückte er ab und schoß dem armen Teufel drei schartige Metallstücke mitten in den Bauch. Dann legte er sich flach hin und stellte sich tot, während ein dünner Bleihagel dicht zu seiner Rechten durch die Gebüsche surrte und fegte; hernach sagte er schreiend seine Rede her, duckte sich und schlich fortwährend von einem Punkt zum andern. Mit den letzten Worten sprang er zur Seite, lag eine Weile still und gelangte unversehrt zu den Häusern zurück. Er hatte in dieser Nacht einen Ruhm erworben, den noch seine Kindeskinder künden würden.

Die verlorene Rotte auf dem Hügel aber ließ die zwei Häuflein Asche, um die sie trübselig herumsaß, verglimmen. Sie waren sehr niedergeschlagen und hörten mit gesenkten Blicken und zusammengepreßten Lippen ihrem Kameraden dort unten zu. Er war ein starker Mann und starb schwer, unter Schmerzenslauten, die bald schrill durch die Nacht hallten, bald zu einem seltsam heimlichen Klagen herabsanken. Nicht einen Augenblick hielt er inne.

»Was hat's für einen Wert?« hatte Brown ungerührt gesagt, als er den Yankee, der fortwährend Flüche murmelte, Anstalten machen sah, hinunterzugehen. – »Das ist wahr«, stimmte der Deserteur bei und gab sein Vorhaben widerwillig auf. »Hier ist nicht viel, womit man Verwundete erquicken könnte. Doch sein Geschrei macht die andern bange und läßt sie zu sehr an das denken, was hiernach kommt, Kapitän!« – »Wasser!« schrie der Verwundete mit außerordentlich kräftiger, klarer Stimme, die dann gleich wieder in Wimmern überging. »Ach ja, Wasser. Wasser wird er gleich genug haben«, murmelte der andere in sich hinein. »Es flutet.«

Endlich kam die Flut und beschwichtigte die Klagen und Schmerzensrufe; der Morgen begann zu grauen, als Brown, der mit aufgestütztem Kinn auf Patusan blickte, wie man sich eine unerklimmbare Felswand betrachten mag, weit weg, irgendwo in der Stadt, den kurzen, hellen Knall eines Sechspfünders hörte. »Was ist das?« fragte er Cornelius, der sich nicht von ihm wegrührte. Cornelius horchte. Ein gedämpftes, vielfältiges Geschrei rollte stromabwärts über die Stadt; eine große Trommel wurde geschlagen, und andere kamen nach, mit wirbelnden, dröhnenden Klängen. Kleine, verstreute Lichter blinkten in der dunklen Hälfte der Stadt, während den von den großen Feuern erhellten Teil ein tiefes, gedehntes Murmeln durchzog. »Er ist zurück«, sagte Cornelius. – »Was? Schon? Sind Sie sicher?« fragte Brown. – »Ja! Ja! Ganz sicher. Hören Sie nur den Lärm!« – »Warum machen sie den Krach?« fuhr Brown fort. »Aus Freude«, schnarrte Cornelius; »er ist ein sehr großer Mann, aber er weiß doch nicht mehr als ein kleines Kind, und so machen sie großen Spektakel, um ihm zu gefallen, weil sie es nicht besser verstehen.« – »So, so!« sagte Brown. »Wie kommt man an ihn heran?« – »Er wird herkommen und mit Ihnen sprechen«, erklärte Cornelius. – »Was meinen Sie, daß er sozusagen einen Spaziergang hierher machen wird?« Cornelius nickte im Dunkeln kräftig: »Ja. Er wird geradeswegs hierherkommen und mit Ihnen reden. Er ist wie ein Narr. Sie sollen sehen, was für ein Narr er ist.« Brown war ungläubig. »Sie sollen sehn, Sie sollen sehn«, wiederholte Cornelius. »Er fürchtet sich nicht – er fürchtet sich vor gar nichts. Er wird kommen und Ihnen befehlen, seine Leute in Ruhe zu lassen. Jeder soll seine Leute in Ruhe lassen. Er ist wie ein kleines Kind. Er wird geradeswegs zu Ihnen kommen.« Ach ja! Er kannte Jim gut – der »gemeine Iltis«, wie Brown ihn mir gegenüber nannte. »Ja, sicherlich«, beteuerte er voll Eifer. »Und dann, Kapitän, sagen Sie dem großen Mann mit dem Gewehr, daß er ihn totschießt. Sie schießen ihn einfach nieder, und dann werden Sie alle so in Schrecken setzen, daß Sie hernach mit ihnen tun können, was Sie wollen – kriegen können, was Sie wollen – weggehn, wann Sie wollen. Ha! Ha! Ha! Fein...« Er kam vor Ungeduld und Begierde fast ins Tanzen; und Brown, der über die Schulter weg nach ihm hinsah, erblickte zwischen kalten Aschenhaufen und dem Wust der Lagerstätten im unbarmherzigen Morgenlicht seine vom Tau durchnäßten Leute, hohläugig, verängstigt, zerlumpt.

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