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Lord Jim

Joseph Conrad: Lord Jim - Kapitel 38
Quellenangabe
typefiction
titleLord Jim
authorJoseph Conrad
translatorHedwig Lachmann
publisherS. Fischer
addressBerlin
year1927
senderreuters@abc.de
created20040806
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Achtunddreissigstes Kapitel

Das Ganze beginnt, wie ich Ihnen schon gesagt habe, mit dem Mann namens Brown, lautete der erste Satz in Marlows Erzählung. Da Sie sich im westlichen Teil des Pazifischen Ozeans herumgetrieben haben, muß Ihnen sein Name schon untergekommen sein. Er war der Verbrecher an der australischen Küste. Nicht, daß er oft dort zu sehen gewesen wäre; aber er wurde unfehlbar in all den Räubergeschichten, die einem Besucher aus der Heimat aufgetischt werden, vorgeritten; und die mildeste dieser Geschichten, die man sich vom Kap York bis zur Eden Bai von ihm erzählte, hätte, an der richtigen Stelle vorgebracht, reichlich genügt, einen Mann an den Galgen zu bringen. Es wurde einem auch nie vorenthalten, daß er vermutlich der Sohn eines Barons war. Wie dem auch sei, sicher ist, daß er von einem englischen Schiff in den guten alten Zeiten des Goldgrabens entlaufen war und in wenigen Jahren der Schrecken verschiedener Inselgruppen in Polynesien wurde. Er pflegte Eingeborene zu stehlen, um sie als Sklaven zu verkaufen, einsame weiße Handelsleute bis aufs Hemd auszuziehen und sie, nachdem er sie so beraubt hatte, noch aufzufordern, auf dem Strande ein Duell auf Schrotflinten mit ihm durchzukämpfen – was schließlich nach dortigem Brauch ganz anständig scheinen konnte, wäre der andere nicht schon ohnedies vor Schreck halbtot gewesen. Brown war ein moderner Freibeuter gleich seinen berühmten Vorbildern; aber was ihn von seinen zeitgenössischen Räuberbrüdern, wie Bully Hayes oder dem honigsüßen Pease oder dem parfümierten, stutzerhaften Schurken, der als der »Schmutzige Dick« bekannt war, unterschied, das war die Unverschämtheit, die aus seinen Missetaten sprach, eine überströmende Verachtung für die Menschheit im allgemeinen und für seine Opfer im besonderen. Die andern waren gewöhnliche, gierige Schufte, er hingegen schien von einer besonderen Absicht geleitet. Er konnte einen Mann berauben, nur um ihm seine verächtliche Meinung darzutun, und er konnte beim Erschießen oder Verstümmeln eines harmlosen Fremden ein solches Übermaß wilder Rachsucht an den Tag legen, daß noch der letzte Desperado sich davor hätte entsetzen können. In den Tagen seines größten Ruhms besaß er eine bewaffnete Bark, die mit einer gemischten Mannschaft von Kanaken und entlaufenen Walfischfängern besetzt war, und rühmte sich, mit wieviel Recht, weiß ich nicht, daß ihm eine achtbare Firma von Kokosnußhändlern im stillen die Kosten vorgeschossen habe. Späterhin – heißt es – entführte er die Frau eines Missionars, ein ganz junges Geschöpf aus Clapham, das in einer momentanen Aufwallung den milden, plattfüßigen Tugendbold geheiratet hatte und, plötzlich nach Melanesien versetzt, aus dem Gleichgewicht gekommen war. Es war eine dunkle Geschichte. Die Frau war zur Zeit, als sie sich von ihm entführen ließ, krank und starb auf seinem Schiff. Man erzählt sich – als den wunderbarsten Teil der Geschichte –, daß er sich über ihrem Leichnam einem Ausbruch des wildesten, finstersten Schmerzes hingab. Sein Glück verließ ihn sehr bald danach. Er verlor seine Bark an den Felsen von Malaita und verschwand für einige Zeit, als wäre er mit ihr untergegangen. Er tauchte in Nuka-Hiva wieder auf, wo er einen alten, von der Regierung ausgemusterten französischen Schoner kaufte. Welches einträgliche Unternehmen er im Auge gehabt haben mag, als er diesen Kauf machte, kann ich nicht sagen, aber es ist sicher, daß in Anbetracht von Gerichtshöfen, Konsuln, Kriegsschiffen und internationaler Kontrolle die Südsee zu heiß für einen Herrn seines Schlages werden mußte. Offenbar verlegte er den Schauplatz seiner Tätigkeit weiter westlich, denn ein Jahr später spielt er eine unglaublich kühne, wenn auch nicht sehr nutzbringende Rolle in einer halb spaßhaften Geschichte in Manila Bai, wobei ein diebischer Statthalter und ein flüchtiger Zahlmeister die Hauptpersonen sind; hernach machte er mit seinem altersschwachen Schoner die Philippinen unsicher, im Kampf mit einem widrigen Geschick, bis er schließlich, immer seinen vorbestimmten Kurs steuernd, in Jims Geschichte hineinsegelt, als ein blinder Spießgeselle der dunklen Mächte.

Es wird weiter von ihm berichtet, daß er, als ein spanischer Patrouillenkutter ihn aufbrachte, lediglich versucht hatte, ein paar Geschütze für die Aufständischen durchzuschmuggeln. Wenn dem so ist, verstehe ich nicht, was er an der Südküste von Mindanao zu tun gehabt haben soll. Meine Meinung ist jedoch, daß er die Eingeborenendörfer längs der Küste gebrandschatzt hatte. Die Hauptsache ist, daß der Kutter eine Wache an Bord seines Schiffes legte und ihn in Begleitung nach Zamboanga segeln ließ. Aus irgendeinem Grunde sollten die Schiffe unterwegs eine der neuen spanischen Niederlassungen anlaufen – aus denen schließlich nichts Rechtes geworden ist –, wo sich nicht nur ein bevollmächtigter Zivilbeamter an Land befand, sondern auch ein stattlicher Küstenfahrer in der kleinen Bucht vor Anker lag; und dieses Fahrzeug, das in jeder Hinsicht viel besser war als sein eigenes, beschloß Brown zu stehlen.

Er war auf den Hund gekommen – wie er mir selber sagte. Die Welt, der er zwanzig Jahre lang mit wilder, feindlicher Verachtung auf den Leib gerückt war, hatte ihm von irdischen Gütern nichts abgegeben als ein kleines Beutelchen mit Silberdollars, das in seiner Kajüte so versteckt war, daß »selbst der Teufel nicht riechen konnte, wo es war«. Und das war alles – durchaus alles. Er war seines Lebens müde und fürchtete den Tod nicht. Aber dieser Mann, der mit einer bitteren, höhnischen Sorglosigkeit sein Leben um jede Laune wagte – er hatte eine Todesangst vor der Gefangenschaft. Er empfand eine wahnwitzige Furcht, die ihm den kalten Schweiß austrieb und ihm Nervenzufälle verursachte, bei dem bloßen Gedanken, eingesperrt zu werden – die Art Grauen, wie sie abergläubische Menschen bei dem Gedanken überkommen mag, von einem Gespenst umarmt zu werden. Der Zivilbeamte, der an Bord kam, um eine vorläufige Untersuchung über die Wegnahme anzustellen, untersuchte daher den ganzen Tag sehr eingehend und ging erst nach Einbruch der Dunkelheit, in einen Mantel eingehüllt, wieder an Land, wobei er große Vorsicht anwandte, die kleine Barschaft Browns in ihrem Beutel nicht klingen zu lassen. Hernach, da er ein Mann von Wort war, ermöglichte er es (gleich am nächsten Abend, glaube ich), den Staatskutter auf eine besondere Dienstfahrt auszusenden. Da der Kapitän keine Prisenmannschaft erübrigen konnte, begnügte er sich, bevor er abfuhr, alle Segel von Browns Schoner bis auf den letzten Fetzen wegzunehmen, und war so vorsichtig, seine beiden Boote ein paar Meilen weit entfernt an den Strand zu schleppen.

Doch unter Browns Mannschaft befand sich ein Salomoninsulaner, der in seiner Jugend angeworben worden und Brown ergeben war, der Tüchtigste der ganzen Bande. Dieser Kerl schwamm zu dem Küstenfahrer hin – etwa fünfhundert Meter weit – mit dem Ende einer Warptrosse, die aus allem laufenden Gut zusammengestückelt war. Das Wasser war glatt und die Bucht dunkel; »wie das Innere einer Kuh«, beschrieb es Brown. Der Mann kletterte über die Reling, mit dem Tauende zwischen den Zähnen. Die Mannschaft des Küstenfahrers – lauter Tagalen – war an Land gegangen, zu einem Fest in dem Eingeborenendorf. Die beiden an Bord gebliebenen Schiffslieger erwachten plötzlich und sahen den Teufel. Er hatte glühende Augen und sprang rasch wie der Blitz auf Deck herum. Sie fielen auf ihre Knie, vor Schreck gelähmt, sich bekreuzigend und Gebete stammelnd. Mit einem langen Messer, das er in der Kombüse fand, erstach der Salomoninsulaner erst den einen, dann den andern, ohne sich um ihre Gebete zu kümmern; mit demselben Messer machte er sich dann daran, geduldig das Ankertau aus Kokosnußfasern durchzusägen, bis es unter der Klinge auseinanderriß. Dann tat er in der Stille der Bucht einen vorsichtigen Schrei, und Browns Bande, die mittlerweile ausgeguckt und in der Dunkelheit hoffnungsvoll die Ohren gespitzt hatte, fing an, sacht an ihrem Ende der Trosse zu ziehen. In weniger als fünf Minuten kamen die beiden Schoner mit einem leichten Stoß und einem Knarren ihrer Spieren zusammen.

Browns Bande begab sich, ohne einen Augenblick zu verlieren, auf das andere Schiff und nahm ihre Feuerwaffen und reichliche Munition mit. Sie waren insgesamt sechzehn: zwei davongelaufene Blaujacken, ein schmächtiger Deserteur von einem Yankeekriegsschiff, ein paar einfältige, blonde Skandinavier, ein verdrießlicher Mulatte, ein milder Chinese, der kochte – und die übrige unbeschreibliche Brut der Südsee. Sie waren alle vollkommen abgestumpft; Brown beugte sie seinem Willen, und er, der den Galgen nicht fürchtete, rannte vor dem Gespenst eines spanischen Gefängnisses davon. Er ließ ihnen keine Zeit, ausreichenden Proviant umzuladen; das Wetter war ruhig, die Luft schwer von Tau, und als sie die Taue loswarfen und vor einer schwachen Landbrise Segel setzten, flatterte die feuchte Leinwand nicht; ihr alter Schoner schien sacht von dem gestohlenen Schiff klarzukommen und zugleich mit der schwarzen Masse der Küste lautlos in die Nacht zu gleiten.

Sie kamen glatt davon. Brown schilderte mir ausführlich ihre Reise durch die Straße von Macassar. Es ist eine quälende, verzweifelte Geschichte. Sie hatten wenig Nahrungsmittel und Wasser, sie enterten verschiedene Eingeborenenschiffe und bekamen ein wenig von jedem. Mit einem gestohlenen Schiff wagte Brown natürlich nicht, einen Hafen anzulaufen. Er hatte kein Geld, etwas zu kaufen, keine Papiere vorzuzeigen und keine Lüge, die glaubhaft genug gewesen wäre, um ihm wieder hinauszuhelfen. Eine arabische Bark unter holländischer Flagge, die er eines Nachts vor Anker bei Poulo Laut überraschte, ergab etwas schmutzigen Reis, ein Büschel Bananen und eine Tonne Wasser, drei Tage böigen, nebligen Wetters aus Nordost verschlugen den Schoner quer durch die Javasee. Die gelben, schmutzigen Wogen durchnäßten die Rotte hungriger Räuber. Sie sichteten Postschiffe, die ihre vorgeschriebene Route einhielten; kamen an wohlausgerüsteten heimatlichen Schiffen vorbei, die mit rostigen Eisenwanten in dem seichten Wasser vor Anker lagen und auf einen Umschlag des Wetters oder den Stromwechsel warteten; ein englisches Kanonenboot, weiß und schmuck, mit zwei schlanken Masten, passierte eines Tages in der Ferne vor ihrem Bug; und bei einer andern Gelegenheit tauchte eine schwarze holländische Korvette mit schweren Spieren achteraus auf und dampfte mit bleierner Langsamkeit durch den Nebel. Sie schlüpften ungesehen und unbeachtet durch, eine Rotte hohläugiger, abgezehrter, vor Hunger rasender und von Furcht gehetzter Vagabunden. Browns Gedanke war, seinen Weg nach Madagaskar zu nehmen, wo er, aus nicht ganz hinfälligen Gründen, hoffte, den Schoner zu verkaufen oder, ohne daß man ihm viele Fragen stellte, vielleicht mehr oder weniger gefälschte Papiere dafür zu erlangen. Doch bevor er die lange Fahrt durch den Indischen Ozean antreten konnte, brauchte er Nahrungsmittel und Wasser.

Vielleicht hatte er schon von Patusan gehört – oder vielleicht hatte er nur zufällig den Namen in kleinen Buchstaben auf der Karte gesehen, wahrscheinlich den eines ziemlich großen Dorfs, das in einem Eingeborenenstaat, abseits von den vielbefahrenen Routen und den Enden der Unterseekabel, völlig unbeschützt an einem Flusse lag. Er hatte – geschäftlich – solche Ausflüge schon früher gemacht, und dies hier war eine unbedingte Notwendigkeit, eine Frage von Leben oder Tod – oder vielmehr der Freiheit. Der Freiheit! Er war sicher, Proviant – Ochsenfleisch – Reis – Bataten zu bekommen. Dem traurigen Pack wurde der Mund wässerig. Vielleicht konnte eine Ladung von Produkten für den Schoner ergattert werden und – wer weiß – vielleicht sogar echte, klingende Münze. Einige dieser Häuptlinge und Dorfältesten konnten wohl dazu gebracht werden, freiwillig etwas herzugeben. Er sagte mir, er hätte eher ihre Zehen geröstet, als leer auszugehen. Ich glaube ihm. Seine Leute glaubten ihm auch. Sie erhoben kein Freudengeschrei, da sie ein wortkarges Gesindel waren, doch hielten sie sich wie die Wölfe bereit.

Das Glück war ihnen mit dem Wetter hold. Ein paar Tage Windstille hätten entsetzliche, nicht auszusprechende Dinge auf dem Schoner herbeigeführt; doch mit Hilfe von Land- und Seebrisen gelangte er in weniger als einer Woche durch die Sundameerenge an die Mündung des Batu Kring, wo er einen Pistolenschuß vom Dorf entfernt Anker warf.

Vierzehn Mann wurden in die Pinasse des Schoners gepackt (die sehr groß war, da sie zum Laden benutzt worden war) und fuhren den Fluß hinauf, während zwei als Wache an Bord blieben, mit hinreichendem Proviant, um zehn Tage lang vor dem Hungertod sicher zu sein. Flut und Wind halfen, und früh an einem Nachmittag trieb das große weiße Boot, mit vierzehn ausgesuchten Vogelscheuchen bemannt, die hungrig vorausspähten und an den Verschlußstücken billiger Gewehre herumfingerten, vor der Seebrise in das Bereich von Patusan. Brown rechnete auf den Schrecken, den sein plötzliches Auftauchen erregen mußte. Sie liefen kurz vor dem Umsetzen des Stroms ein, die Palisaden des Rajahs gaben kein Zeichen; die ersten Häuser auf beiden Seiten des Stroms schienen verödet. Ein paar Kanus jagten pfeilschnell dahin. Brown staunte über die Größe der Niederlassung. Eine tiefe Stille herrschte. Zwischen den Häusern flaute der Wind ab; zwei Ruder wurden ausgelegt, und das Boot hielt weiter stromaufwärts, da ihr Plan war, sich im Mittelpunkt der Stadt festzusetzen, bevor die Einwohner an Widerstand denken konnten.

Es scheint jedoch, daß das Oberhaupt des Fischerdorfs in Batu Kring es möglich gemacht hatte, beizeiten eine Warnung ergehen zu lassen. Als die Pinasse vor der Moschee hielt (die Doramin errichtet hatte; einem Bau mit Giebeln und Kreuzblumen aus geschnitzter Koralle), war der freie Platz davor voll von Leuten. Ein Schrei erhob sich, dem den ganzen Fluß hinauf ein Dröhnen von Gongs folgte. Von einem oberen Punkt waren zwei kleine Sechspfünder abgefeuert worden, und die Rundkugeln hüpften den Strom hinunter und ließen glitzernde Wasserstrahlen im Sonnenschein spritzen. Vor der Moschee begann eine schreiende Männerschar Salven von Schüssen abzugeben, die den Fluß entlangschnellten; von beiden Ufern aus wurde ein unregelmäßiges, rollendes Gewehrfeuer eröffnet, und Browns Leute erwiderten mit schnellem, wildem Schießen. Die Ruder waren eingezogen worden.

In diesem Fluß kentert der Strom sehr rasch, und das Boot, mitten in der Strömung, ganz von Rauch umhüllt, begann mit dem Heck voraus zu treiben. Längs der beiden Ufer wurde der Rauch auch immer dicker und lag als ein gerader Streifen unterhalb der Dächer, wie eine lange Wolke, die den Abhang eines Berges durchschneidet. Das Kriegsgeschrei, das dumpfe Dröhnen der Gongs, das Wirbeln von Trommeln, Wutgeheul, das Knallen von Schüssen verursachten ein furchtbares Getöse, in dem Brown betäubt, doch unbewegt am Steuer saß und sich gegen diese Leute, die sich zu verteidigen wagten, in einen rasenden Haß hineinarbeitete. Zwei seiner Leute waren verwundet worden, und er sah, daß ihm von einigen Booten, die von Tunku Allangs Palisade abgestoßen waren, unterhalb der Stadt der Rückzug abgeschnitten werden sollte. Es waren sechs Boote, alle voll besetzt. Während man ihm so auf den Leib rückte, bemerkte er den Eingang der engen Bucht, derselben, in die Jim bei Ebbe hineingesprungen war. Sie war zur Zeit randvoll. Dort steuerte er das Boot hinein, so daß sie landen konnten, und, um es kurz zu machen, sie setzten sich auf einem kleinen Hügel fest, etwa achthundert Meter von der Palisade entfernt, die sie von dieser Stellung aus tatsächlich beherrschten. Die Abhänge des Hügels waren kahl, doch auf der Spitze standen ein paar Bäume. Die hieben sie nieder, um daraus eine Brustwehr zu errichten, und waren vor Anbrach der Nacht recht gut verschanzt. Mittlerweile blieben die Boote des Rajahs in seltsamer Neutralität auf dem Fluß. Als die Sonne untergegangen war, flackerte ein hohes Feuer von vielem Reisigholz am Fluß unten auf und ließ die Dächer, die Gruppen schlanker Palmen und die schweren Büschel der Fruchtbäume zwischen den beiden Häuserreihen der Ufer dunkel hervortreten. Brown ließ das Gras um seine Stellung herum abbrennen; ein Ring von dünnen Flammen schlängelte sich rasch unter dem langsam aufsteigenden Rauch den Abhang des Berges hinunter; hier und da fing ein trockener Busch mit einem knisternden Geprassel Feuer. Der Brand schuf für die Gewehre des kleinen Trupps freies Schußfeld und erlosch schwelend am Rand der Wälder und längs der Schlammbänke der Bucht. Ein Streifen Dschungel, der an einer feuchten Schlucht zwischen dem Berg und der Palisade des Rajahs wucherte, tat ihm hier unter lautem Knallen platzender Bambusstämme Einhalt. Der Himmel war samtartig, dunkel und mit Sternen übersät. Der geschwärzte Boden rauchte von niedrigem, kriechendem Strauchwerk, bis eine kleine Brise kam und alles wegblies. Brown erwartete einen Angriff, sobald die Flut wieder hoch genug sein würde, um den Kriegsbooten, die ihm den Rückzug abgeschnitten hatten, die Einfahrt in die Bucht zu ermöglichen. In jedem Fall nahm er mit Bestimmtheit an, daß ein Versuch gemacht werden würde, seine Pinasse wegzunehmen, die unterhalb des Hügels in einer mattschimmernden Schlammpfütze lag. Doch von den Booten im Fluß wurden keinerlei Anstalten gemacht. Über der Palisade und den Häusern des Rajahs sah Brown ihre Lichter auf dem Wasser. Sie schienen auf der andern Seite des Stroms vor Anker zu liegen. Andere Lichter bewegten sich noch auf dem Fluß, liefen hin und zurück von Ufer zu Ufer. Auch aus den langen Mauern der Häuser den Strom aufwärts bis zur Biegung schimmerten Lichter, mehr noch darüber hinaus, und andere, vereinzelt, landeinwärts. Die großen Feuer zeigten ihm Gelände, Dächer, schwarze Pfähle, soweit er sehen konnte. Der Ort dehnte sich weithin aus. Die vierzehn verzweifelten Eindringlinge, die flach hinter ihren gefällten Bäumen lagen, hoben die Köpfe, um in das Treiben der Stadt zu blicken, die sich meilenweit den Fluß hinauf zu erstrecken und von Tausenden erzürnter Männer zu wimmeln schien. Sie sprachen nicht miteinander. Ab und zu hörten sie einen gellenden Ruf, oder ein vereinzelter Schuß wurde weit weg abgegeben. Doch um ihre Stellung herum war alles still und dunkel. Man schien sie vergessen zu haben, als hätte die Aufregung, die die Bevölkerung wach hielt, nichts mit ihnen zu tun gehabt, als wären sie schon tot gewesen.

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