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Lord Jim

Joseph Conrad: Lord Jim - Kapitel 36
Quellenangabe
typefiction
titleLord Jim
authorJoseph Conrad
translatorHedwig Lachmann
publisherS. Fischer
addressBerlin
year1927
senderreuters@abc.de
created20040806
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Sechsunddreissigstes Kapitel

Mit diesen Worten hatte Marlow seine Erzählung beendet, und sein Zuhörerkreis war unter seinem zerstreuten, versunkenen Blick aufgebrochen. Die Männer verließen unverzüglich, ohne eine Bemerkung zu machen, in Paaren oder allein die Veranda, als hätte der letzte Eindruck dieser unvollständigen Erzählung, ihre Unvollständigkeit an sich, wie auch der Ton des Sprechers, eine Erörterung vergeblich und eine Auslegung unmöglich gemacht. Jeder schien seinen eigenen Eindruck mit fortzunehmen; aber nur ein einziger von all den Zuhörern sollte das letzte Wort der Geschichte vernehmen. Es gelangte zu ihm, mehr als zwei Jahre danach, in der Heimat, in Form eines dicken Pakets, das in Marlows steiler, eckiger Handschrift adressiert war.

Der Bevorzugte öffnete das Paket, blickte hinein, legte es dann hin und ging zum Fenster. Seine Zimmer lagen in dem höchsten Stockwerk eines hohen Gebäudes, und er konnte den Blick durch die klaren Scheiben weithin schweifen lassen, als befände er sich in der Laterne eines Leuchtturms. Die schrägen Dächer glitzerten, die dunklen, gebrochenen Firste folgten einander wie Wellen ohne Kamm, und aus den Tiefen der Stadt unter seinen Füßen erhob sich ein wirres, unaufhörliches Gemurmel. Die zahlreichen, überall verstreuten Kirchtürme ragten wie Leuchtfeuer über einem Gewirr von Untiefen ohne Fahrwasser; der strömende Regen vermischte sich mit der sinkenden Dämmerung eines Winterabends; und das Dröhnen einer großen Turmuhr, das die Stunde anzeigte, rollte in vollen, düsteren Schlägen, mit einem schrillen, zitternden Klang im Kern, dahin. Er zog die schweren Vorhänge zu.

Das Licht seiner verschleierten Studierlampe träumte wie ein eingehegter Teich, seine Tritte verhallten auf dem Teppich, seine Wandertage waren vorbei. Keine Horizonte mehr, unbegrenzt wie die Hoffnung, keine Dämmerungen in den wie Tempel feierlichen Wäldern auf der stürmischen Fahrt nach dem ewig unentdeckten Land jenseits des Hügels, des Stroms, jenseits der Woge. Die Stunde schlug! Nie mehr! Nie mehr! – Aber das geöffnete Paket unter der Lampe brachte die Töne, die Erscheinungen, den Duft selbst der Vergangenheit zurück – eine Menge verblassender Gesichter, ein Gewirr leiser Stimmen, die an den Ufern ferner Meere unter einer sengenden, verzehrenden Sonne erloschen. Er seufzte und setzte sich nieder, um zu lesen.

Zuerst sah er drei verschiedene Umhüllungen. Eine Menge engbeschriebener, zusammengehefteter Seiten; einen losen Bogen grauen Papiers mit ein paar Worten in einer Handschrift, die er nie zuvor gesehen hatte, und dazu einen erklärenden Brief von Marlow. Aus diesem fiel ein anderer, durch die Zeit vergilbter und an den Kniffen ausgefaserter Brief heraus. Er nahm ihn auf, legte ihn beiseite, wandte sich Marlows Schreiben zu, überflog die Anfangszeilen, hielt inne und las hernach bedächtig wie einer, der sich mit langsamem Fuß und gespanntem Blick einem unentdeckten Lande nähert.

... Ich glaube nicht, daß Sie vergessen haben, fuhr der Brief fort. Sie allein haben eine Anteilnahme für ihn gezeigt, die die Erzählung seiner Geschichte überlebte, obwohl Sie meiner Erinnerung nach nicht zugeben wollten, daß er sein Schicksal gemeistert hatte. Sie prophezeiten ihm das Unglück des Überdrusses und Ekels an der erworbenen Ehre, der selbstgestellten Aufgabe, der aus Jugend und Mitleid entsprungenen Liebe. Sie hatten gesagt, Sie kennten »solcherlei Dinge«, sowohl die scheinbare Zufriedenheit, wie die unvermeidliche Enttäuschung, die sie geben. Sie sagten auch – ich wiederhole Ihre Worte –, daß »ihnen das Leben weihen« (mit ihnen ist die Menschheit mit brauner, gelber oder schwarzer Haut gemeint) »das gleiche sei, wie seine Seele an ein Vieh zu hängen«. Sie behaupteten, daß »solcherlei« nur wertvoll und von Dauer ist, wenn es sich auf den festen Glauben an die Wahrheit von Ideen gründet, die der Rasse nach unsere eigenen sind, in deren Namen die Ordnung und Gesittung eines ethischen Fortschritts eingesetzt sind. »Wir brauchen dies als Rückhalt«, hatten Sie gesagt. »Wir brauchen einen Glauben an seine Notwendigkeit und Gerechtigkeit, wenn wir aus unserem Leben ein würdiges und bewußtes Opfer machen wollen. Ohne dies ist das Opfer nur Vergeßlichkeit, das Sichhingeben nicht besser als das Sichverlieren.« Mit anderen Worten, Sie waren der Meinung, daß wir in den Reihen kämpfen müssen, sonst zählen unsere Leben nicht. Möglich! Sie müssen es wissen – ich sage es ohne Bosheit –, der Sie sich an manches Abenteuer gewagt haben und immer davongekommen sind, ohne die Flügel zu verbrennen. Der springende Punkt ist jedoch, daß Jim ganz allein dastand und nur mit sich selbst fertig zu werden hatte, und es fragt sich, ob er sich nicht am Ende doch zu einem mächtigeren Glauben, als es die Gesetze von Ordnung und Fortschritt sind, bekannte.

Ich gebe Ihnen den bloßen Bericht. Vielleicht bilden Sie sich ein Urteil – wenn Sie gelesen haben. Es liegt doch ein gut Teil Wahrheit in dem volkstümlichen Ausdruck »umwölkt sein«. Es ist unmöglich, ein klares Bild von ihm zu gewinnen, besonders, da wir ihn durch die Augen anderer zu sehen bekommen. Ich habe kein Bedenken, Ihnen alles, was ich weiß, von jener letzten Episode mitzuteilen, die, wie er zu sagen pflegte, »zu ihm gekommen war«. Man möchte gerne wissen, ob das vielleicht jene äußerste Gelegenheit, jene letzte, befriedigende Gelegenheit war, auf die er meiner Meinung nach immer gewartet hatte, bevor er eine Botschaft an die makellose Welt formen wollte. Sie erinnern sich, daß er, als ich ihn zum letztenmal verließ, gefragt hatte, ob ich bald nach Hause ginge, und mir dann plötzlich nachrief: »Sagen Sie ihnen ...!« Ich hatte – ich gestehe es – neugierig und voll Hoffnung auf das, was folgen sollte, gewartet— doch hörte ich ihn nur noch schreien: »Nein, nichts.« Das war damals alles – und es wird nie mehr sein; es wird keine andere Botschaft erfolgen als vielleicht eine, wie sie sich jeder aus der Sprache der Tatsachen, die oft soviel rätselhafter als das kunstvollste Wortgefüge sind, deuten kann. Er machte allerdings noch einen Versuch, sich zu befreien; aber auch dieser schlug fehl, wie Sie sich überzeugen werden, wenn Sie den hier beigefügten grauen Foliobogen prüfen. Er hatte versucht, zu schreiben; bemerken Sie die gewöhnliche Handschrift? Es ist überschrieben: »Das Fort Patusan.« Ich nehme an, daß er seinen Plan ausgeführt hat, aus seinem Haus einen Verteidigungsplatz zu machen. Es war ein trefflicher Plan: Ein tiefer Graben, ein von einer Schanze gekrönter Erdwall, und an den Ecken auf Erhöhungen aufgestellte Kanonen, um jede Seite des Vierecks zu bestreichen. Doramin hatte eingewilligt, ihm die Kanonen zu liefern, jeder Mann seiner Partei wußte auf diese Art, daß es einen sicheren Platz gab, auf den sich jeder treue Anhänger im Fall einer plötzlichen Gefahr stützen konnte. Alles dies zeigte seine besonnene Fürsorge, seinen Glauben an die Zukunft. Diejenigen, die er »meine Leute« nannte – die befreiten Gefangenen des Scherifs –, sollten mit ihren Hütten und kleinen Fleckchen Land unter den Mauern der Festung einen besonderen Stadtteil von Patusan bilden. Im Innern wollte er selbst ein unüberwindlicher Feind sein. Das Fort Patusan. Kein Datum, wie Sie sehen. Was ist Zahl und Name bei einem Schicksalstag? Es ist auch unmöglich zu sägen, wen er im Sinne hatte, als er die Feder zur Hand nahm: Stein – mich – die Welt im allgemeinen – oder war es nur der ziellose, entsetzte Aufschrei eines einsamen Mannes, der seinem Schicksal gegenübersteht? »Etwas Furchtbares ist geschehen«, schrieb er, bevor er die Feder zum erstenmal wegschleuderte; beachten Sie den Tintenklecks unter diesen Worten, der einer Pfeilspitze gleicht. Nach einer Weile hatte er noch einmal probiert, wie mit einer Hand aus Blei kritzelnd, eine Zeile zu schreiben. »Ich muß jetzt sofort...« Die Feder hatte gespritzt, und nun gab er es auf. Dies ist alles; ein weiter Schlund tat sich vor ihm auf, den weder Blick noch Stimme umspannen kann. Ich kann es verstehen. Das Unsagbare überwältigte ihn; seine eigene Persönlichkeit überwältigte ihn – die Gabe jenes Schicksals, das er nach besten Kräften bemeistert hatte.

Ich sende Ihnen noch einen alten Brief – einen sehr alten Brief. Er wurde in seiner Schreibmappe gefunden, wo er ihn sorgfältig verschlossen hatte. Er ist von seinem Vater, und aus dem Datum ist ersichtlich, daß Jim ihn wenige Tage, bevor er sich auf die Patna begab, erhalten haben muß. Es war also der letzte Brief, den er je von Hause erhielt. Er hatte ihn all die Jahre wie einen Schatz gehütet. Der gute alte Pfarrherr hatte eine besondere Vorliebe für seinen Sohn, der Seemann geworden war. Ich habe da und dort einen Satz gelesen. Nichts steht darin als Liebe. Er sagt seinem »lieben James«, daß sein letzter langer Brief sehr »treuherzig und unterhaltend« war. Er solle »die Leute nicht streng und voreilig beurteilen«. Vier Seiten landläufige Moral und Familiennachrichten. Tom war ordiniert worden. Carries Mann hatte »Verluste«. Der Alte setzt sein Vertrauen gleichmäßig auf die Vorsehung und die bestehende Ordnung des Weltalls, hat aber ein Augenmerk auf all ihre kleinen Gefahren und kleinen Vergünstigungen. Man sieht ihn fast leibhaftig vor sich, grauhaarig und heiter in dem geweihten Bezirk seines mit Büchern besetzten, verblichenen und behaglichen Studierzimmers, wo er vierzig Jahre lang gewissenhaft immer und immer wieder den Kreis seiner kleinen Gedanken über Glauben und Tugend, über die rechte Art zu leben und den einzig richtigen Weg zu sterben durchlaufen hatte; wo er so viele Predigten niedergeschrieben hatte, wo er mit seinem Jungen, dort drüben, auf der andern Seite der Erde, plaudert. Doch was tut die Entfernung? Die Tugend ist auf der ganzen Welt dieselbe, und es gibt nur einen Glauben, eine einzig begreifliche Art, zu leben und zu sterben. Er hofft, sein »lieber James« würde niemals vergessen, daß, »wer einmal der Versuchung nachgibt, sich in demselben Augenblick der Gefahr der ewigen Verderbnis aussetzt. Darum beschließe fest, niemals, aus welchen Gründen es auch sei, etwas zu tun, was Du für unrecht hältst.« Es steht auch noch etwas von einem Lieblingshund darin; und ein Pony, »auf dem ihr Jungens alle geritten seid«, ist vor Alter blind geworden und mußte erschossen werden. Der Alte ruft den Segen des Himmels an; die Mutter und alle Töchter, die gerade zu Hause sind, senden Grüße... Nein, es steht nicht viel in dem vergilbten, abgegriffenen Brief, der nach so vielen Jahren seiner zärtlichen Verwahrung entglitten war. Er wurde niemals beantwortet, aber wer kann sagen, welche Zwiesprache er mit all den schweigsamen, farblosen Gestalten von Männern und Frauen hielt, die diesen stillen Erdwinkel, so frei von Kampf und Gefahren wie ein Grab, bevölkern und alle ausnahmslos die Luft ungetrübter Rechtlichkeit atmen. Es scheint erstaunlich, daß er dazugehörte, er, zu dem so viele Dinge »gekommen waren«. Nichts kam jemals zu ihnen – ihnen fiel nicht unversehens das Schicksal in den Rücken und forderte sie zum Kampf. Da sind sie alle, von dem milden Geplauder des Vaters heraufbeschworen, alle diese Brüder und Schwestern, Bein von seinem Bein und Fleisch von seinem Fleisch, mit klaren, unbewußten Augen in die Welt schauend, – und neben ihnen erscheint er mir, endlich zurückgekehrt, nicht mehr ein bloßer weißer Fleck im Herzen eines ungeheuren Geheimnisses, sondern in voller Größe, mißachtet unter all diesen friedvollen Gestalten, von finsterem, romantischem Aussehn und immer stumm, dunkel – umwölkt.

Die Geschichte der letzten Ereignisse werden Sie in den wenigen hier beigefügten Seiten finden. Sie werden zugeben müssen, daß sie an Romantik die wildesten Träume seiner Knabenzeit übertrifft, und dennoch ist für mein Gefühl eine Art tiefer, erschreckender Logik darin, als könnte unsere Phantasie allein die Wucht eines überwältigenden Schicksals auf uns loslassen. Die Unbesonnenheit unserer Gedanken prallt auf unsere Köpfe zurück; wer mit dem Schwert spielt, wird durch das Schwert umkommen. Dieses verblüffende Abenteuer, dessen verblüffendste Seite seine Wahrheit ist, kommt daher als eine unvermeidliche Folgeerscheinung. Etwas Derartiges mußte geschehen. Sie wiederholen sich das selbst und staunen dabei, daß so etwas ein Jahr vor diesem Jahr des Heils geschehen konnte. Aber es ist geschehen – und seine Logik läßt sich nicht bestreiten.

Ich schreibe es für Sie nieder, als wäre ich Augenzeuge gewesen. Die Mitteilungen, die ich erhielt, sind unvollständig, aber ich habe die Stücke zusammengefügt, und sie werden hinreichen, um ein verständliches Bild zu geben. Ich möchte wohl wissen, wie er selbst es erzählen würde. Er hat mir so sehr vertraut, daß ich manchmal meine, er müsse jeden Moment hereinkommen und die Geschichte mit seinen eigenen Worten erzählen, mit seiner nachlässigen und doch warmen Stimme, ganz nebenbei, in seiner ein wenig verwirrten, ein wenig mißmutigen, ein wenig gekränkten Art, die oft durch ein Wort, einen Satz einen Einblick in sein wahres Selbst gewährte und doch nie richtigen Aufschluß gab. Es ist schwer zu glauben, daß er nie wiederkommen wird. Ich werde nie mehr seine Stimme hören, noch seine glatte Haut, sein sonngebräuntes, rosiges Gesicht mit dem weißen Strich auf der Stirn und den jungen Augen wiedersehen, die sich in der Erregung zu einem unergründlich tiefen Blau verdunkelten.

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