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Lord Jim

Joseph Conrad: Lord Jim - Kapitel 33
Quellenangabe
typefiction
titleLord Jim
authorJoseph Conrad
translatorHedwig Lachmann
publisherS. Fischer
addressBerlin
year1927
senderreuters@abc.de
created20040806
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Dreiunddreissigstes Kapitel

Ich war tief gerührt: ihre Jugend, ihre Unwissenheit, ihre liebliche Schönheit, die den schlichten Reiz und das kräftig Zarte einer wilden Blume hatte, ihr inständiges Flehen, ihre Hilflosigkeit übten auf mich eine Wirkung, die an Stärke kaum hinter ihrer unvernünftigen und natürlichen Furcht zurückstand. Sie fürchtete das Unbekannte, wie wir alle tun, und ihre Unwissenheit erweiterte das Unbekannte über alles Maß. Ich stand ihr dafür, für mich, für euch, für die ganze Welt, die sich doch so gar nichts aus Jim machte, noch ihn im geringsten brauchte. Es wäre mir wohl ein leichtes gewesen, ihr für die Gleichgültigkeit der wimmelnden Erde einzustehen, hätte mich nicht die Überlegung zurückgehalten, daß auch er diesem gefürchteten, geheimnisvollen Unbekannten angehörte und daß, wenn ich auch für alles übrige einstand, ich nicht für ihn einstehen konnte. Dies ließ mich zaudern. Ein Murmeln hoffnungslosen Schmerzes öffnete meine Lippen. Ich fing mit der Beteuerung an, daß ich zum mindesten nicht mit der Absicht gekommen sei, Jim wegzuholen.

Warum ich dann gekommen wäre? – Nach einer leichten Bewegung stand sie so ruhig wie eine Marmorstatue in der Nacht. Ich versuchte, ihr kurz zu erklären: Freundschaft, Geschäfte; wenn ich einen Wunsch in der Sache hätte, so wäre es eher der, ihn bleiben zu sehen... »Sie verlassen uns immer«, murmelte sie. Der Hauch eines traurigen Wissens aus dem Grabe, das ihre kindliche Treue mit Blumen bekränzte, schien in einem lichten Seufzer vorüberzuziehen... Nichts, sagte ich, könnte Jim von ihr trennen.

Es ist meine feste Überzeugung jetzt; es war meine feste Überzeugung damals; es war die einzig mögliche Folgerung aus den Tatsachen des Falles, die nicht noch gewisser wurde dadurch, daß das Mädchen wie im Selbstgespräch vor sich hinflüsterte: »Er schwor es mir.« – »Haben Sie ihn gefragt?« sagte ich.

Sie trat einen Schritt näher. »Nein. Niemals!« Sie hatte ihn nur gebeten, fortzugehn. Es war in jener Nacht am Flußufer, nachdem er den Mann getötet – nachdem sie die Fackel ins Wasser geschleudert hatte, weil er sie so ansah. Es war zu hell, und die Gefahr war vorläufig vorüber – für ein Weilchen – für ein kleines Weilchen. Er sagte dann, er wolle sie nicht Cornelius preisgeben. Doch sie hatte darauf bestanden. Er solle sie verlassen. Er sagte, er könne es nicht – es sei unmöglich. Er zitterte, während er dies sagte. Sie hatte gefühlt, wie er zitterte... Es bedarf keiner großen Phantasie, um die Szene vor sich zu sehen, ja, fast ihr Geflüster zu hören. Sie fürchtete auch für ihn. Ich glaube, sie sah in ihm damals nur ein auserkorenes Opfer von Gefahren, die sie besser als er selber verstand. Obwohl er durch nichts als seine bloße Gegenwart ihr Herz unterjocht, ihre Gedanken eingenommen und sich all ihrer Gefühle bemächtigt hatte, unterschätzte sie seine Aussichten. Es ist unverkennbar, daß zu jener Zeit jedermann seine Aussichten unterschätzte. Alles erwogen, schien er gar keine zu haben. Ich weiß, daß dies die Ansicht von Cornelius war. Er gestand es mir zur Bemäntelung der dunklen Rolle, die er in dem Komplott Scherif Alis zur Beseitigung des Ungläubigen gespielt hatte. Selbst Scherif Ali hatte, wie man nun bestimmt behaupten kann, für den weißen Mann nichts als Verachtung. Jim sollte, glaube ich, hauptsächlich aus religiösen Gründen ermordet werden. Einfach eine Tat des Glaubenseifers (und insofern höchst verdienstvoll) – im übrigen ohne große Bedeutung. Mit letzterem Teil dieser Ansicht stimmte Cornelius völlig überein. »Euer Hochwohlgeboren«, redete er in seiner widerwärtigen Art auf mich ein, bei der einzigen Gelegenheit, wo es ihm gelang, mich für sich zu haben – »Euer Hochwohlgeboren, wie sollte ich wissen? Wer war er? Was konnte er tun, um die Leute zu überzeugen? Was hatte Herr Stein sich gedacht, daß er einen solchen Knaben hersandte, der gegen einen alten Diener den Herrn spielte? Ich war bereit, ihn für achtzig Dollar zu retten. Für achtzig Dollar! Warum ging der Narr nicht? Sollte ich mich selber um eines Fremden willen erdolchen lassen?« Er kroch im Geiste vor mir auf dem Bauch, klappte seinen Körper vor Unterwürfigkeit beinah zusammen und hielt seine Hände in der Nähe meiner Knie, als wollte er sie jeden Augenblick umfangen. »Was sind achtzig Dollar? Eine unbedeutende Summe, um sie einem alten Mann zu geben, der von einem Teufel in Weibsgestalt für sein Leben ruiniert worden ist.« Hier weinte er. Doch ich greife vor. Ich stieß in jener Nacht erst auf Cornelius, nachdem ich mich mit dem Mädchen auseinandergesetzt hatte.

Sie war selbstlos, als sie in Jim drang, sie zu verlassen und sogar das Land zu verlassen. Seine Gefahr war es, die sie zuvörderst im Auge hatte – auch wenn sie sich selbst – vielleicht unbewußt – hätte retten wollen –, man muß eben bedenken, welche Warnung sie bekommen hatte, welche Lehre sie aus jedem Augenblick des kürzlich beendeten Lebens ziehen mußte, in dem all ihre Erinnerungen wurzelten. Sie fiel ihm zu Füßen – so erzählte sie mir – dort am Fluß, in dem heimlichen Licht der Sterne, das nichts als große Massen schweigender Schatten und verschwommene offene Räume hervortreten ließ und den breiten Strom, auf dem es matt blinkte, zur Unendlichkeit ausdehnte. Er hatte sie aufgehoben. Er hob sie auf, und dann hörte sie auf zu kämpfen. Natürlich. Starke Arme, eine zärtliche Stimme, eine kräftige Schulter, an die sie ihren armen, einsamen Kopf lehnen konnte. Das Verlangen – das namenlose Verlangen des wehen Herzens, des verworrenen Gemüts nach dergleichen – die Forderungen der Jugend – die Notwendigkeit des Augenblicks. Was wollt ihr? Man kann es verstehen – wenn man nicht unfähig ist, irgend etwas unter der Sonne zu verstehen. Und so war sie es zufrieden, aufgehoben und gehalten zu werden. »Sie müssen wissen – beim Himmel! Das ist Ernst – kein Unsinn dabei!« wie Jim mit verlegenem, erregtem Gesicht hastig an der Schwelle seines Hauses geflüstert hatte. Wegen des Unsinns bin ich nicht so sicher, aber sicher war nichts Leichtherziges in ihrer Herzensgeschichte; sie trafen sich unter dem Schatten eines Unsterns, wie Ritter und Magd zusammenkamen, um unter verwunschenen Ruinen Gelübde zu tauschen. Das Sternenlicht war so recht für diese Liebe geeignet, ein so schwaches und fernes Licht, daß es Schatten nicht zu Formen modeln und nicht einmal das jenseitige Ufer eines Stromes enthüllen kann. Ich blickte in jener Nacht auf den Strom, vom selben Punkte aus; er rollte stumm und schwarz dahin wie der Styx; am nächsten Tage ging ich fort, aber ich werde wohl niemals vergessen, wovor er sie retten sollte, als sie ihn beschwor, sie zu verlassen, solange es noch Zeit wäre. Sie sagte mir, was es war, gelassen – sie war nun viel zu sehr in ihrer Leidenschaft befangen, um noch erregt zu sein – mit einer Stimme, so ruhig wie ihre weiße, in der Dunkelheit halb verschwimmende Gestalt. Sie sagte mir: »Ich wollte nicht weinend sterben.« Ich glaubte, nicht recht gehört zu haben.

»Sie wollten nicht weinend sterben?« sprach ich ihr nach. »Wie meine Mutter«, fügte sie rasch hinzu. Die Umrisse ihrer weißen Gestalt blieben unbewegt. »Meine Mutter hat bitterlich geweint, bevor sie starb«, erklärte sie. Eine unfaßbare Stille schien rings um uns aus dem Boden aufgestiegen zu sein – unmerklich, so wie in einer stillen Nacht die Flut einsetzt – und die vertrauten Landmarken der Gefühle verwischt zu haben. Es überkam mich Furcht, Furcht vor den unbekannten Tiefen, als hätte ich plötzlich mitten im Wasser den Boden unter den Füßen verloren. Sie erzählte mir weiter, sie habe während der letzten Augenblicke, da sie mit ihrer Mutter allein war, ihr Lager verlassen und sich mit dem Rücken gegen die Tür setzen müssen, um Cornelius draußenzuhalten. Er wollte herein und trommelte andauernd mit beiden Fäusten an die Tür, nur ab und zu innehaltend, um heiser zu schreien: »Laßt mich hinein! Laßt mich hinein! Laßt mich hinein!« In einem fernen Winkel wandte die auf ein paar Matten ausgestreckte, sterbende, schon nicht mehr der Rede mächtige Frau den Kopf herum, und unfähig, den Arm zu heben, schien sie mit einer schwachen Bewegung der Hand zu befehlen: »Nein! Nein!« und die gehorsame Tochter, die mit aller Kraft die Schultern gegen die Tür stemmte, sah das mit an. »Die Tränen stürzten ihr aus den Augen – und dann starb sie«, schloß das Mädchen unerschütterlich eintönig und rief mir damit mehr als durch alles andere, mehr als durch die statuenhafte Unbeweglichkeit ihrer weißen Gestalt, mehr als Worte es hätten tun können, das stumme, unabänderliche Grauen der Szene vor Augen. Sie hatte die Kraft, mich aus meiner Vorstellung vom Dasein hinauszujagen, aus jenem Obdach, das sich jeder von uns zurechtmacht, um sich in Augenblicken der Gefahr zu verkriechen wie eine Schildkröte in ihre Schale. Einen Augenblick lang sah ich eine Welt vor mir, die ein ödes, unheimliches Gepräge von Unordnung trug, während sie doch in Wahrheit, dank unseren unausgesetzten Bemühungen, eine so sonnige Anordnung kleiner Annehmlichkeiten darstellt, wie sie der menschliche Verstand nur aussinnen kann. Doch – es währte nur einen Augenblick: ich zog mich gleich wieder in meine Schale zurück. Man muß es ja – ihr wißt es –, obwohl ich über dem Chaos dunkler Gedanken, die ich etwa zwei Sekunden lang jenseits der Grenze ins Auge gefaßt hatte, alle meine Worte verloren zu haben schien. Doch auch diese kamen sehr bald zurück, denn auch Worte gehören zu dem schützenden Begriff von Licht und Ordnung, der unsere Zuflucht ist. Ich hatte sie zu meiner Verfügung bereit, noch ehe sie mir sanft zuflüsterte: »Er schwor mir, mich nie zu verlassen, als wir dort allein standen! Er schwor es mir!« ... »Und ist es möglich, daß Sie – Sie! ihm nicht Glauben schenken?« sagte ich aufrichtig vorwurfsvoll, wahrhaft empört. Warum konnte sie nicht glauben? Warum dies Festhalten an der Ungewißheit, dies Sichklammern an die Furcht, als wären Ungewißheit und Furcht die Bürgschaft ihrer Liebe gewesen? Sie hätte sich aus dieser ehrlichen Zuneigung ein Schutzdach voll unerschütterlichen Friedens machen sollen. Sie verstand es nicht – hatte vielleicht nicht das Geschick dazu. Die Nacht war mit einmal über uns gekommen; es war stockfinster, wo wir uns befanden, so daß sie, ohne sich zu rühren, dahingeschwunden war wie die Erscheinung eines sehnsüchtigen, irrenden Geistes. Und dann hörte ich wieder ihr ruhiges Geflüster: »Andere Männer haben dasselbe geschworen.« Es war wie die versonnene Erläuterung zu Gedanken voller Trauer und Grauen. Und sie fügte, womöglich noch leiser, hinzu: »Mein Vater hat es getan!« Sie hielt inne, um hörbar aufzuatmen. »Auch ihr Vater!« ... Das waren die Dinge, die sie wußte! Ich gab ihr sofort zur Antwort: »Oh! Aber er ist nicht so.« Dies wollte sie, wie es schien, nicht bestreiten. Doch nach einiger Zeit stahl sich das heimliche, seltsame Flüstern, träumerisch die Luft durchschwirrend, wieder an mein Ohr. »Warum ist er anders? Ist er besser? Ist er...« – »Auf mein Ehrenwort«, unterbrach ich sie, »ich glaube, ja.« Wir dämpften unsere Rede zu einem geheimnisvollen Raunen. In den Hütten von Jims Arbeitern (es waren größtenteils befreite Sklaven aus Scherif Alis Verschanzung) stimmte einer ein schrilles, schleppendes Lied an. Drüben über dem Fluß (wahrscheinlich bei Doramin) bildete ein großes Feuer, ganz verloren in der Nacht, einen glühenden Ball. »Ist er treuer?« murmelte sie. – »Ja«, sagte ich. – »Treuer als jeder andere«, wiederholte sie mit nachdrücklicher Betonung. – »Niemand hier«, sagte ich, »würde im Traum sein Wort bezweifeln—niemand würde es wagen – außer Ihnen.« Ich glaube, sie regte sich bei diesen Worten auf. »Tapferer«, fuhr sie in verändertem Ton fort.— »Furcht wird ihn niemals von Ihrer Seite hinwegscheuchen«, sagte ich ein wenig hastig. Das Lied brach plötzlich ab, und man vernahm in der Ferne das Sprechen mehrerer Stimmen. Auch Jims Stimme. Ich war verwundert über ihr Schweigen. »Was hat er Ihnen gesagt? Er hat Ihnen etwas gesagt?« fragte ich. Sie antwortete nicht. »Was ist's, das er Ihnen gesagt hat?« forschte ich weiter.

»Glauben Sie, ich kann es Ihnen sagen? Wie sollte ich es wissen? Wie sollte ich es verstehen?« rief sie am Ende. Ich hörte, wie sie sich bewegte. Es war, als ränge sie die Hände. »Es gibt etwas, was er nicht vergessen kann.«

»Um so besser für Sie«, sagte ich düster.

»Was ist es? Was ist es?« Sie legte außerordentliche Kraft in ihren beschwörenden Ton. »Er sagt, daß er sich gefürchtet hat. Wie kann ich das glauben? Bin ich denn ein verrücktes Weib, daß ich so etwas glauben soll? Ihr tragt alle eine Erinnerung mit euch herum! Ihr kehrt alle dazu zurück. Was ist es? Sagen Sie es mir! Was ist es für ein Ding? Ist es lebendig? – Ist es tot? Ich hasse es. Es ist grausam. Hat es ein Gesicht und eine Stimme – dieses Schreckliche? Wird er es sehen – wird er es hören? Vielleicht in seinem Schlaf, wenn er mich nicht sehen kann – und dann aufstehn und fortgehn? Ah! Ich werde ihm niemals vergeben. Meine Mutter hatte vergeben – aber ich, niemals! Wird es ein Zeichen sein – ein Ruf...«

Es war ein wundervolles Erlebnis. Sie mißtraute selbst seinem Schlummer und schien zu glauben, ich könnte ihr sagen, warum. So mag ein armer Sterblicher, vom Zauber einer Erscheinung umstrickt, sich mühen, einem andern Geist das ungeheure Geheimnis der Macht zu entreißen, die das Jenseits über eine körperlose, zwischen den Leidenschaften dieser Erde umherirrende Seele ausübt. Der Boden, auf dem ich stand, schien mir unter den Füßen zu weichen. Und dabei war es so einfach; aber wenn je die von unsern Ängsten und unserer Unruhe beschworenen Gespenster vor uns ohnmächtigen Geisterbannern für ihre Wirklichkeit Zeugnis abzulegen hatten – so habe ich – ich allein von uns allen, die wir im Fleische wandeln – vor der grauenhaften Hoffnungslosigkeit dieser Aufgabe geschaudert. Ein Zeichen, ein Ruf! Wie bildhaft im Ausdruck ihre Unwissenheit war! Ein paar Worte! Wie sie dazu kam, sie zu wissen, sie auszusprechen, kann ich mir nicht vorstellen. Frauen haben ihre Eingebungen im Drang von Augenblicken, die für uns nur schrecklich, sinnlos oder nichtig sind. Nur zu entdecken, daß sie eine Stimme hatte, war genug, einem ehrfürchtige Schauer ins Herz zu jagen. Hätte ein Stein, den man mit den Füßen wegschiebt, vor Schmerz aufgeschrien, es wäre nicht als größeres, erbarmungswürdigeres Wunder erschienen. Diese wenigen durch das Dunkel schwirrenden Laute ließen ihrer beider in Nacht gehülltes Leben vor meinen Augen in tragischer Größe erscheinen. Es war unmöglich, ihr das Verständnis beizubringen. Ich höhnte im stillen meine Ohnmacht. Und Jim, mein Gott – der arme Kerl! Wer sollte was von ihm wollen? Wer dachte seiner nur? Er hatte, was er wollte. Man hatte zu der Zeit vermutlich schon vergessen, daß er gelebt hatte. Sie hatten ihre Geschicke gemeistert. Sie waren tragisch.

Ihre starre Unbeweglichkeit vor mir drückte Erwartung aus, und mir war es zugedacht, daß ich aus dem Reich vergeßlicher Schatten für meinen Bruder reden sollte. Ich war tief ergriffen von meiner Verantwortlichkeit und ihrer Not. Ich hätte alles für die Macht gegeben, ihre zaghafte Seele zu beruhigen, die sich in ihrer unüberwindlichen Unwissenheit quälte wie ein kleiner Vogel, der gegen die grausamen Drähte eines Käfigs flattert. Nichts leichter, als zu sagen: »Keine Furcht!« Nichts schwerer. Wie tötet man die Furcht, möchte ich wissen? Wie schießt man ein Gespenst durchs Herz, haut ihm den Gespenstkopf ab, packt es an seiner Gespenstkehle? Es ist ein Unterfangen, in das man sich wohl im Traum einläßt, wo man dann froh ist, mit schweißtriefendem Haar und schlotternden Gliedern davonzukommen. Die Kugel ist nicht gegossen, die Klinge nicht geschmiedet, der Mann nicht geboren; selbst die geflügelten Worte der Wahrheit fallen zu Boden wie Bleiklumpen. In einem so verzweifelten Kampf braucht man einen gefeiten und vergifteten Speer, in eine Lüge getaucht, die zu fein ist, um auf Erden gefunden zu werden. Ein Unterfangen für einen Traum, meine Herren!

Ich begann meine Beschwörung mit schwerem Herzen, auch mit etwas wie dumpfem Ärger. Vom Hof herüber klang plötzlich Jims Stimme in strengem Verweis; er rügte die Versäumnisse irgendeines ungeschickten Tölpels. Nichts – sagte ich in scharfem Flüsterton –, nichts könne es in der unbekannten Welt geben, die ihr so darauf erpicht dünkte, sie ihres Glückes zu berauben, nichts, weder Lebendiges noch Totes, kein Gesicht, keine Stimme, keine Macht, die Jim von ihrer Seite reißen könnte. Ich holte Atem, und sie flüsterte sanft; »So hat er mir gesagt.« – »Er hat Ihnen die Wahrheit gesagt«, bekräftigte ich. – »Nichts«, seufzte sie und wandte sich dann jäh mir zu, mit einer kaum merklichen Verschärfung des Tons: »Warum kamen Sie zu uns – von dort draußen? Er spricht zu oft von Ihnen. Sie machen mir bange. Brauchen—brauchen Sie ihn denn?« In unser hastiges Raunen hatte sich eine verhaltene Wildheit eingeschlichen. – »Ich werde niemals wiederkommen«, sagte ich bitter. »Und ich brauche ihn nicht. Niemand braucht ihn.« – »Niemand«, wiederholte sie zweifelnd. – »Niemand«, bestätigte ich, von einer seltsamen Erregung ergriffen. »Sie halten ihn für stark, klug, mutig, groß – warum halten Sie ihn nicht auch für treu? Ich gehe morgen fort – und das ist das Ende. Sie werden nie wieder von einer Stimme von dort draußen beunruhigt werden. Diese Welt, die Sie nicht kennen, ist zu groß, um ihn zu vermissen. Verstehen Sie? Zu groß. Sie halten sein Herz in Ihrer Hand. Sie müssen das fühlen. Sie müssen das wissen.« – »Ja, ich weiß es«, hauchte sie, hart und still, wie eine Statue reden könnte.

Ich fühlte, daß ich nichts erreicht hatte. Und was hatte ich erreichen wollen? Ich weiß es jetzt nicht mehr recht. In jenem Augenblick stand ich, von unerklärlichem Eifer erfüllt, wie vor einer großen und notwendigen Aufgabe. Es war die Rückwirkung des Augenblicks auf meinen Geist und mein Gefühl. Jeder unterliegt in seinem Leben solchen Einflüssen, die gewissermaßen von außen kommen, unwiderstehlich, unbegreiflich, als rührten sie von einer geheimnisvollen Stellung der Planeten her. Sie besaß, wie ich ihr gesagt hatte, sein Herz. Sie besaß dieses und alles sonst – wenn sie es nur glauben konnte. Was ich ihr zu sagen hatte, war, daß es in der ganzen Welt niemand gab, der Jims Herz, seinen Geist, seine Hand benötigte. Es war ein alltägliches Schicksal, und dennoch schien es ungeheuerlich, es von irgendeinem Mann zu sagen. Sie lauschte ohne ein Wort, und ihre Ruhe war jetzt wie der Widerspruch eines nicht zu überwindenden Unglaubens. Was sie sich um die Welt jenseits der Wälder zu kümmern brauchte? fragte ich. Von all den Scharen, die jene unbekannten Weiten bevölkerten, würde, das könnte ich ihr versichern, solang er lebte, weder ein Ruf noch ein Zeichen zu ihm dringen. Niemals. Ich ließ mich fortreißen. Niemals! Niemals! Ich entsinne mich mit Verwunderung der fast verbissenen Wildheit, in die ich mich verrannt hatte. Ich bildete mir ein, endlich das Gespenst am Kragen gepackt zu haben. In der Tat hat mir der ganze wirkliche Vorgang den scharfen und verblüffenden Eindruck eines Traumes hinterlassen. Warum sollte sie Furcht haben? Sie kannte ihn als stark, treu, klug, tapfer. Er war all das. Gewiß. Er war mehr. Er war groß – unbesiegbar – und die Welt brauchte ihn nicht, sie hatte ihn vergessen, sie würde ihn nicht einmal kennen.

Ich hielt inne; die Stille über Patusan war tief, und der schwache, trockene Ton eines an ein Kanu streifenden Ruders mitten auf dem Wasser ließ sie unendlich erscheinen. »Warum?« murmelte sie. Ich fühlte jene seltsame Wut, die einen während eines harten Kampfes überkommt. Das Gespenst machte den Versuch, sich meiner Umklammerung zu entziehen. »Warum?« wiederholte sie lauter. »Sagen Sie es mir.« Und da ich meiner Verwirrung nicht Herr wurde, stampfte sie wie ein verwöhntes Kind mit dem Fuß. »Warum? Sprechen Sie!« – »Sie wollen es wissen«, fragte ich außer mir zurück. – »Ja!« rief sie. – »Weil er nicht gut genug ist«, sagte ich roh. Während der kurzen Pause bemerkte ich, wie das Feuer am andern Ufer aufflammte, seinen Glutkreis erweiterte, wie ein erschrocken staunendes Auge, und plötzlich zu einem roten Pünktchen zusammenschrumpfte. Ich wußte erst, wie nah sie mir gewesen war, als ich die Umklammerung ihrer Finger auf meinem Vorderarm fühlte. Ohne die Stimme zu erheben, legte sie ein Unmaß an schneidender Verachtung, Bitterkeit und Verzweiflung hinein:

»Genau das hat er auch gesagt... Sie lügen!«

Die letzten beiden Worte rief sie mir im Eingeborenendialekt zu. »Hören Sie mich zu Ende!« bat ich; sie schöpfte zitternd Atem und stieß meinen Arm weg. »Niemand, niemand ist gut genug«, begann ich mit dem größten Ernst. Ich hörte ihren mit dem Schluchzen ringenden, furchtbar jagenden Atem. Ich ließ den Kopf hängen. Was half es? Schritte nahten; ich machte mich davon, ohne ein weiteres Wort...

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