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Lord Jim

Joseph Conrad: Lord Jim - Kapitel 32
Quellenangabe
typefiction
titleLord Jim
authorJoseph Conrad
translatorHedwig Lachmann
publisherS. Fischer
addressBerlin
year1927
senderreuters@abc.de
created20040806
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Zweiunddreissigstes Kapitel

Jim stellte sich so, daß er sie vor sich hatte, und trieb sie wie eine Herde durch die Tür: all die Zeit über war die Fackel aufrecht im Griff einer kleinen Hand geblieben, die nicht ein einziges Mal gezittert hatte. Die drei Männer gehorchten ihm, völlig stumm, mit willenlosen Bewegungen. Er stellte sie in einer Reihe auf. »Hängt euch ineinander ein«, befahl er. Sie gehorchten. »Der erste, der den Arm herauszieht oder sich umdreht, ist ein toter Mann«, sagte er. »Marsch!« Sie schritten in starrer Haltung zusammen hinaus; er folgte, und an seiner Seite trug das Mädchen, in einem schleppenden weißen Gewand, das Licht. Ihr schwarzes Haar fiel bis zum Gürtel hinab. Aufrecht und biegsam schien sie zu schweben, ohne die Erde zu berühren. Man hörte nichts als das seidige Rascheln und Pfeifen des langen Grases. »Halt!« rief Jim.

Das Flußufer war steil; eine große Frische kam herauf, das Licht beschien den Rand des glatten dunklen Wassers, das ohne Welle dalag; rechts und links liefen die Formen der Häuser unter den scharfen Umrissen der Dächer ineinander. »Bringt Scherif Ali meine Grüße – bis ich selber komme«, sagte Jim. Keiner von den dreien rührte den Kopf.

»Springt!« donnerte er. Das Wasser klatschte über den dreien zusammen, ein Sprühregen spritzte herauf, schwarze Köpfe tauchten krampfhaft auf und verschwanden; aber ein großes Prusten und Sprudeln dauerte fort und wurde dann schwächer, denn sie tauchten eifrig, da sie einen Schuß als Scheidegruß befürchteten. Jim wandte sich an das Mädchen, das wortlos und aufmerksam zugesehen hatte. Sein Herz schien ihm plötzlich zu groß für seine Brust zu werden und würgte ihn in der Kehle. Das war wohl der Grund, warum er kein Wort hervorbrachte, und sie, die seinen Blick erwiderte, schleuderte die brennende Fackel mit einem hohen Schwung des Armes in den Fluß. Die rötliche Flamme flog weit dahin durch die Nacht, erlosch zischend, und das ruhige, sanfte Sternenlicht floß ungehemmt auf die beiden herab.

Er hat mir nicht erzählt, was er sagte, als er schließlich seine Stimme wiedererlangte. Ich glaube nicht, daß er viel zu sagen wußte. Die Welt war still, die Nacht umwehte sie, eine jener Nächte, die dazu geschaffen scheinen, zärtliche Gefühle unter ihren Schutz zu nehmen; und es gibt Augenblicke, wo unsere Seelen, ihrer dunklen Hülle ledig, von einer köstlichen Empfindsamkeit erglühen, die manches Schweigen beredter macht als Worte. Das Mädchen nun, sagte er mir, »klappte ein wenig zusammen. Die Aufregung – müssen Sie wissen. Der Rückschlag. Verteufelt müde muß sie gewesen sein – und all das. Und – und – im übrigen – sie hatte mich eben gern, sehen Sie... Ich auch... wußte es gar nicht... war mir nie in den Sinn gekommen...«

Bei diesen Worten stand er auf und ging in einiger Erregung hin und her. »Ich – ich liebe sie innig. Mehr als ich sagen kann. Es läßt sich nicht sagen. Man sieht seine Handlungen ganz anders an, wenn man einsieht, wenn man gezwungen wird, einzusehen, daß das eigene Dasein notwendig ist – unerläßlich notwendig, sehen Sie – für einen zweiten Menschen. Ich also werde gezwungen, das zu empfinden. Wundervoll. Aber stellen Sie sich nur vor, was ihr Leben gewesen ist. Es ist zu außergewöhnlich schrecklich. Sagen Sie selbst! Und ich, der ich sie hier so finde – wie wenn man auf einen Bummel ausgeht und plötzlich auf einen stößt, der an einer dunklen Stelle am Ertrinken ist. Himmel! Keine Zeit zu verlieren. Nun, auch darin liegt Vertrauen ... ich glaube, ich bin ihm gewachsen...«

Ich will erwähnen, daß das Mädchen uns kurz zuvor verlassen hatte. Er schlug sich auf die Brust. »Ja, ich fühle das, aber ich glaube, ich bin all meinem Glück gewachsen!« Er hatte die Gabe, in allem, was sich in seinem Leben ereignete, eine besondere Bedeutung zu finden. Dies war die Auffassung, die er von seinem Liebeserlebnis hatte; es war idyllisch, ein wenig feierlich und auch echt, denn sein Glaube hatte den ganzen unerschütterlichen Ernst der Jugend. Einige Zeit nachher sagte er mir bei einer andern Gelegenheit: »Ich bin erst zwei Jahre hier, und, auf mein Wort, ich kann mir nicht denken, daß ich noch anderswo leben könnte. Der bloße Gedanke an die Welt draußen flößt mir Schrecken ein; weil nämlich, wissen Sie«, fuhr er mit niedergeschlagenen Augen fort und sah seinem Fuß zu, der sich bemühte, einen trockenen Schlammbrocken plattzudrücken (wir schlenderten am Flußufer dahin) – »weil ich nämlich nicht vergessen habe, warum ich hierherkam. Noch nicht!«

Ich enthielt mich, ihn anzusehen, doch mir war, als hörte ich einen kurzen Seufzer; wir schritten eine Weile dahin, ohne zu sprechen. »Bei meiner Seligkeit«, fing er wieder an, »wenn etwas Derartiges vergessen werden kann, so glaube ich, habe ich ein Recht, es mir aus dem Sinn zu schlagen. Fragen Sie hier, wen Sie wollen.«... Seine Stimme bekam einen andern Ton. »Ist es nicht seltsam«, fuhr er sanft, fast wehmütig fort, »daß all diese Menschen, diese Menschen, die alles für mich tun würden, niemals dahin gebracht werden könnten, zu verstehen? Niemals! Wenn Sie mir mißtrauten, könnte ich die Leute nicht als Zeugen aufrufen. Dies ist hart. Ich bin töricht, nicht wahr? Was will ich mehr? Wenn Sie sie fragen, wer tapfer ist – wer wahr ist – wer gerecht ist – wem sie ihr Leben anvertrauen würden? – würden sie sagen: Tuan Jim. Und trotzdem können sie niemals die wirkliche, reine Wahrheit wissen...«

Dies sagte er zu mir am letzten Tag, den ich mit ihm verbrachte. Ich enthielt mich jedes leisesten Murmelns: ich fühlte, daß er im Begriff war, mehr zu sagen, ohne doch dem Kern der Sache näherkommen zu können. Die Sonne, deren volles Feuer die Erde zu einem tanzenden Staubkorn zusammenschrumpfen läßt, war hinter dem Wald versunken, und das von dem opalfarbenen Himmel ausgegossene Licht warf über eine schatten- und glanzlose Welt den Schein ruhiger und wie versonnener Größe. Ich weiß nicht, warum ich, während ich ihm zuhörte, so deutlich das allmähliche Dunklerwerden des Flusses und der Luft wahrnahm, die unwiderstehliche, langsame Arbeit der Nacht, die sich schweigend über alle sichtbaren Dinge legte, die Umrisse auslöschte, die Formen tiefer und tiefer wie unter sacht herabfallendem, ungreifbarem, schwarzem Staub vergrub.

»Himmel!« hub er unvermittelt von neuem an, »es gibt Tage, an denen man wie mit Dummheit geschlagen ist; aber ich weiß, ich kann Ihnen alles sagen. Ich rede so, als ob ich damit fertig wäre – mit dem verfluchten Teufelspech, das ich auf mir sitzen habe... Vergessen... Ich will gehängt sein, wenn ich es weiß! Ich kann ruhig darüber denken. Schließlich, was hat es bewiesen? Nichts. Sie denken wahrscheinlich anders...«

Ich murmelte einen Widerspruch.

»Gleichviel«, sagte er. »Ich bin zufrieden ... beinahe. Ich brauche nur dem ersten besten Mann, der mir begegnet, ins Gesicht zu sehen, um mein Selbstvertrauen wiederzuerlangen. Die Leute hier können nicht zum Verständnis dessen gebracht werden, was in mir vorgeht. Was tut es? Lassen Sie's gut sein. Ich hab's nicht allzu schlecht gemacht.«

»Nicht so schlecht«, sagte ich.

»Aber Sie möchten mich trotzdem nicht auf Ihrem eigenen Schiff haben – he?«

»Teufel auch!« rief ich. »Hören Sie damit auf.«

»Aha! Sehen Sie«, sagte er förmlich frohlockend. »Aber«, fuhr er fort, »versuchen Sie doch, das einmal einem von denen hier zu sagen. Sie würden Sie für einen Narren, einen Lügner oder noch für was Schlimmeres halten. Ich kann es also ertragen. Ich habe dies und jenes für sie getan, aber das ist's, was sie für mich getan haben.«

»Mein lieber Freund«, rief ich aus, »Sie werden für die Leute immer ein unlösbares Geheimnis bleiben.« Hierauf schwiegen wir.

»Geheimnis«, wiederholte er, bevor er aufblickte. »Nun, dann lassen Sie mich immer hierbleiben.«

Nachdem die Sonne untergegangen war, brach die Dunkelheit über uns herein, von jedem Hauch der Brise hergetragen. Inmitten eines Heckenpfades sah ich die starre, riesenhafte, wachsame und anscheinend einbeinige Silhouette von Tamb' Itam; und jenseits des dämmerigen Platzes entdeckte mein Auge etwas Weißes, das sich hinter den Pfeilern des Daches hin und her bewegte. Sobald Jim, mit Tamb' Itam auf den Fersen, sich auf seinen abendlichen Rundgang begeben hatte, ging ich allein nach dem Hause und fand mich unvermutet von dem Mädchen aufgehalten, das offenbar auf diese Gelegenheit gewartet hatte.

Es ist schwer, genau zu sagen, was sie mir eigentlich entringen wollte. Unverkennbar war es etwas sehr Einfaches – die einfachste Unmöglichkeit der Welt; wie zum Beispiel die genaue Beschreibung der Form einer Wolke. Sie wollte eine Versicherung, eine Feststellung, ein Versprechen, eine Erklärung – ich weiß nicht, wie ich es nennen soll: das Ding hat keinen Namen. Es war dunkel unter dem vorspringenden Dach, und alles, was ich sehen konnte, waren die flutenden Linien ihres Gewandes, das blasse, schmale Oval ihres Gesichts mit den weißblitzenden Zähnen und, mir zugewandt, ihre großen, dunklen Augen, in denen es heimlich zu flimmern schien, wie man es auf dem Grunde eines ungeheuer tiefen Brunnens wahrzunehmen glaubt. Was regt sich dort unten? fragt man sich. Ist es ein blindes Ungeheuer oder nur ein versprengter Schimmer des Weltalls? Es kam mir in den Sinn – lacht mich nicht aus –, daß, da alle Dinge ungleichartig sind, sie in ihrer kindlichen Unwissenheit unergründlicher war als die Sphinx, die allen, die des Wegs kamen, kindische Rätsel aufgab. Sie war nach Patusan gebracht worden, ehe ihre Augen offen waren. Sie war dort aufgewachsen; sie hatte nichts gesehen, sie wußte nichts, sie hatte keinen Begriff von irgend etwas. Ich frage mich, ob sie sicher war, daß es noch etwas anderes gab. Was für Vorstellungen sie sich von der Welt draußen gemacht haben mag, ist mir unbegreiflich. Alles, was sie von ihren Bewohnern kannte, waren ein verratenes Weib und ein unheimlicher Hanswurst. Ihr Liebhaber war auch von dort zu ihr gekommen, mit unwiderstehlicher Verführung begabt; aber was würde aus ihr werden, wenn er in jene unfaßbaren Bereiche zurückkehrte, die stets ihr Eigentum zurückfordern? Ihre Mutter hatte sie vor ihrem Tode mit Tränen davor gewarnt...

Sie hatte fest meinen Arm gepackt und, sobald ich stillstand, ihre Hand eilig zurückgezogen. Sie war kühn und zaghaft. Sie fürchtete nichts, aber sie war durch die tiefe Unsicherheit und die außerordentliche Fremdartigkeit gehemmt – ein tapferer Mensch, der im Dunkeln tappt. Ich gehörte zu dem Unbekannten, das Jim jederzeit als sein Eigentum zurückfordern konnte. Ich war in dessen Natur und Absichten eingeweiht; – der Vertraute eines bedrohlichen Geheimnisses; – vielleicht mit aller Macht begabt; ich glaube, sie war der Meinung, daß ich mit einem Wort Jim aus ihrer Umarmung hinwegzaubern könnte: es ist meine nüchterne Überzeugung, daß sie während meiner langen Unterhaltungen mit Jim Todesängste ausstand, wirkliche, unerträgliche Qualen, die sie zu dem Entschluß getrieben haben könnten, mich zu ermorden, wenn das Ungestüm ihrer Seele der furchtbaren Spannung, die es sich geschaffen hatte, gleichgekommen wäre. Dies ist mein Eindruck, und das ist alles, was ich euch wiedergeben kann: mir ging allmählich ein Licht auf, und indem es heller und heller wurde, überwältigte mich ein langsames, ungläubiges Staunen. Sie brachte mich dazu, ihr zu glauben, aber kein Wort von meinen Lippen kann die Wirkung ihres heftigen, leidenschaftlichen Geflüsters, des eindringlichen, sanften Tons, der plötzlichen, atemlosen Pausen und der beschwörenden Gebärde ihrer jäh ausgestreckten weißen Arme wiedergeben. Sie fielen nieder; die geisterhafte Gestalt schwankte wie ein junger Baum im Winde, ihr blasses, ovales Gesicht sank; es war unmöglich, ihre Züge zu unterscheiden; die Dunkelheit ihrer Augen war unergründlich; zwei weite Ärmel erhoben sich im Finstern wie ausgebreitete Flügel, und sie stand schweigend da, ihr Gesicht in den Händen vergraben.

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