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Lord Jim

Joseph Conrad: Lord Jim - Kapitel 29
Quellenangabe
typefiction
titleLord Jim
authorJoseph Conrad
translatorHedwig Lachmann
publisherS. Fischer
addressBerlin
year1927
senderreuters@abc.de
created20040806
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Neunundzwanzigstes Kapitel

Dies war die herrschende Ansicht über Jims eheliche Abendspaziergänge. Ich war bei mehr als einer Gelegenheit der Dritte und empfand dabei jedesmal peinlich die Gegenwart von Cornelius, der schwer gekränkt in seinen gesetzlichen Vaterrechten und mit jenem besonderen Zug um den Mund in der Nachbarschaft umherschlich, als wollte er beständig mit den Zähnen knirschen. Aber habt ihr nicht schon die Beobachtung gemacht, daß dreihundert Meilen jenseits der Telegraphendrähte und Postbootverbindungen die hohlen Nützlichkeitslügen unserer Zivilisation hinwelken und sterben, um durch reine Ausgeburten der Phantasie ersetzt zu werden, denen die Vergänglichkeit, oft auch der Reiz und manchmal die tiefe, verborgene Wahrheit von Kunstwerken eigen ist? Die Romantik hatte Jim zu ihrem Helden auserkoren – und das war das Wahre an der Geschichte, die im übrigen völlig falsch war. Er versteckte sein Juwel nicht. Er war tatsächlich sehr stolz darauf.

Ich merke jetzt erst, daß ich eigentlich im ganzen nicht viel von ihr gesehen habe. Am besten erinnere ich mich an ihre ebenmäßige, oliven-farbene Blässe und das tiefe Blauschwarz ihres üppigen, flutenden Haares, das unter einem roten, weit auf dem wohlgeformten Hinterkopf sitzenden Käppchen hervorquoll. Ihre Bewegungen waren frei, sicher, und ihr Erröten dunkle Glut. Während Jim und ich plauderten, pflegte sie mit flüchtigen Blicken auf uns ab und zu zu gehen und hinterließ jedesmal einen Eindruck von Anmut und Reiz nebst einem deutlichen Gefühl von Wachsamkeit. Ihr Wesen zeigte eine seltsame Verbindung von Scheu und Kühnheit. Jedes hübsche Lächeln wurde sofort von einem Blick voll stiller, unterdrückter Angst verjagt, als wäre sie sich ständig einer drohenden Gefahr bewußt. Zuweilen setzte sie sich neben uns und lauschte, die Wange auf die zarten Handknöchel gestützt, unserm Gespräch; ihre großen, klaren Augen hingen an unsern Lippen, als hätte jedes gesprochene Wort eine sichtbare Gestalt. Ihre Mutter hatte sie schreiben und lesen gelehrt; von Jim hatte sie ein gut Teil Englisch gelernt und sprach es sehr anmutig, mit seiner eigenen, scharfen, knabenhaften Betonung. Ihre Fürsorge umgab ihn wie ein schützender Flügelschlag. Sie lebte so vollständig in seiner Betrachtung, daß sie etwas von seiner äußeren Erscheinung angenommen hatte; daß etwas in ihren Bewegungen, in der Art, wie sie den Arm ausstreckte, den Kopf wandte, den Blick auf einen richtete, an ihn erinnerte. Ihre wachsame Liebe war von einer Inbrunst, daß sie fast den Sinnen wahrnehmbar wurde; sie schien förmlich in der umgebenden Luft verstofflicht zu sein, ihn wie ein eigentümlicher Duft zu umschweben, wie ein gedämpfter, leidenschaftlicher Ton in der Sonne zu zittern. Wahrscheinlich haltet ihr mich auch für romantisch, aber das ist ein Irrtum. Ich erzähle euch die nüchternen Eindrücke von einem Stück Jugend, von einem seltsamen, bewegten Roman, den ich miterlebt habe. Ich beobachtete mit Teilnahme die Auswirkung seines – sagen wir – seines Glücks. Er wurde eifersüchtig geliebt, aber warum sie eifersüchtig war und auf was, das könnte ich nicht sagen. Das Land, das Volk, die Wälder waren ihre Mitverschworenen, indem sie ihn gemeinsam mit Wachsamkeit umstrickten und eine Atmosphäre der Abgeschiedenheit, des Geheimnisses, des unüberwindlichen Anheimgegebenseins um ihn woben. Es gab sozusagen kein Entrinnen; er war gefangen inmitten der Freiheit seiner Macht; und obwohl sie willig ihren Kopf zum Schemel seiner Füße gemacht hätte, behütete sie ihre Beute unerbittlich, als wäre er schwer in Gewahrsam zu halten gewesen. Selbst Tamb' Itam, der auf unseren Streifzügen seinem weißen Lord auf den Fersen folgte, schrecklich anzusehen, mit zurückgeworfenem Kopf, mit Waffen behängt wie ein Janitschar, mit Kris, Messer und Lanze (außerdem trug er noch Jims Gewehr) – selbst Tamb' Itam erlaubte sich das Gehaben eines unnachgiebigen Wächters, wie ein finsterer, aufopfernder Kerkermeister, der sein Leben für seinen Häftling hinzugeben bereit ist. Wenn wir an den Abenden spät noch aufsaßen, pflegte seine schweigsame, undeutliche Gestalt mit lautlosen Tritten unter der Veranda auf und ab zu gehen, oder ich konnte ihn, wenn ich den Kopf hob, unerwartet im Schatten starr aufgerichtet stehen sehen. Für gewöhnlich verschwand er nach einer Weile; aber wenn wir aufstanden, sprang er dicht an uns heran, wie aus dem Erdboden gewachsen, der Befehle harrend, die Jim ihm etwa erteilen wollte. Auch das Mädchen, glaube ich, ging niemals schlafen, bevor wir uns für die Nacht getrennt hatten. Mehr als einmal sah ich durch das Fenster meines Zimmers sie und Jim ruhig miteinander herauskommen und sich an das grobe Geländer lehnen – zwei engverschlungene, weiße Gestalten, sein Arm um ihre Hüften gelegt, ihr Kopf an seiner Schulter. Ihr sanftes Gemurmel tönte an mein Ohr, inbrünstig, zärtlich, mit einem wehmütigen Ton in der Stille der Nacht, wie das Selbstgespräch eines einzigen Wesens in zwei verschiedenen Klangarten. Später, wenn ich mich auf meinem Bett unter dem Moskitonetz hin- und herwälzte, konnte ich sicher sein, ein leises Knarren, ein gedämpftes Atmen und vorsichtiges Räuspern zu vernehmen – und ich wußte, daß Tamb' Itam noch auf der Lauer war. Obwohl er (durch die Gunst des weißen Herrn) seit kurzem ein Haus innerhalb der Umzäunung besaß, ein Weib genommen hatte und mit einem Kind gesegnet worden war, glaube ich, daß er, wenigstens solange ich mich dort aufhielt, jede Nacht auf der Veranda schlief. Es war sehr schwer, diesen treuen, grimmigen Wärter zum Sprechen zu bringen. Auch Jim bekam nur kurze, schroffe Antworten, sozusagen unter Verwahrung. Reden, schien er sagen zu wollen, wäre nicht seine Sache. Die längste Rede hörte ich von ihm eines Morgens, als er plötzlich seine Hand gegen den Hof ausstreckte und, auf Cornelius deutend, die Worte sprach: »Hier kommt der Nazarener!« Ich glaube nicht, daß er zu mir sprach, obwohl ich an seiner Seite stand, vielmehr schien er die entrüstete Aufmerksamkeit des Weltalls wecken zu wollen. Einige darauffolgende, halblaute Andeutungen über Hunde und den Bratengeruch erschienen mir besonders treffend. Der Hof, ein großer, viereckiger Platz, glühte in grellstem Sonnenlicht, und wie ihn Cornelius, voll sichtbar, überquerte, wirkte es unsagbar verstohlen, düster und heimlich. Er gemahnte einen an alles, was widerwärtig ist. Sein träger, mühsamer Gang glich dem Kriechen eines scheußlichen Käfers; die Beine allein bewegten sich mit widerlicher Emsigkeit, während der Oberkörper unbewegt dahinglitt. Er steuerte wohl gerade auf den Platz zu, zu dem er hinwollte, doch erschien durch die eine nach vorn geschobene Schulter die Richtung schräg. Oft sah man ihn langsam, als folgte er einer Spur, an der Veranda vorbeigehen und verstohlene Blicke hinaufwerfen oder gemächlich hinter einem Schuppen verschwinden. Daß er zu der Besitzung freien Zutritt hatte, war ein Beweis von Jims törichter Sorglosigkeit oder seiner maßlosen Verachtung, denn Cornelius hatte in einer gewissen Episode, die für Jim sehr übel hätte ausgehen können, eine, milde gesagt, sehr zweifelhafte Rolle gespielt. Sie hatte in Wirklichkeit nur noch zu Jims Ruhm beigetragen; doch alles trug zu seinem Ruhm bei, und es war die Ironie seines Schicksals, daß sein Leben, um das er einmal allzusehr gebangt hatte, nun geradezu gefeit schien.

Ihr müßt wissen, daß er bald nach seiner Ankunft – tatsächlich viel zu früh für seine Sicherheit und natürlich lange vor dem Krieg – Doramins Haus verlassen hatte. Dazu hatte ihn sein Pflichtgefühl getrieben; er sagte, er müsse Steins Geschäfte wahrnehmen. Zu diesem Zweck setzte er mit gänzlicher Mißachtung seiner persönlichen Sicherheit über den Fluß und schlug sein Quartier bei Cornelius auf. Wie der letztere es zuwege gebracht hatte, die unruhigen Zeiten zu überdauern, kann ich nicht sagen. Als Steins Agent muß er schließlich doch bis zu gewissem Grade unter dem Schutz Doramins gestanden und sich irgendwie durch all die gefährlichen Wirren hindurchgewunden haben; wobei ich nicht den geringsten Zweifel habe, daß, zu welcher Taktik immer er auch gezwungen gewesen sein mag, sein Verhalten von jener Niedrigkeit bestimmt war, die das Kennzeichen des Mannes schien. Das war sein hervorstechendster Zug; er war von innen und außen gemein, wie andere Leute sich durch eine vornehme, ehrwürdige oder gütige Erscheinung auszeichnen. Es war sein innerstes Wesen, das alle seine Handlungen, Leidenschaften und Empfindungen durchdrang; er wütete gemein, lächelte gemein, war auf gemeine Art niedergeschlagen; sein Entgegenkommen und sein Unwille waren gleicherweise gemein. Ich bin überzeugt, daß seine Liebe das gemeinste der Gefühle gewesen wäre – aber kann man sich vorstellen, daß ein widerliches Insekt liebt? Und selbst noch seine Widerlichkeit war gemein, so daß eine bloß abstoßende Person in seiner Gegenwart edel erschienen wäre. Er hat seinen Platz weder im Hinter- noch im Vordergrund der Erzählung; man soll ihn nur sehen, wie er sich, unsauber und rätselhaft, an den äußeren Grenzen der Geschichte bewegt und ihre Anmut und jugendliche Reinheit befleckt.

Seine Stellung konnte nicht anders als äußerst elend sein, doch ist es möglich, daß er einige Vorteile daraus zog. Jim sagte mir, er sei anfangs mit einer widerlichen Bezeigung der freundschaftlichsten Gefühle empfangen worden. »Der Kerl konnte sich anscheinend vor Freude nicht lassen«, sagte Jim mit Ekel. »Er flog jeden Morgen auf mich zu und schüttelte mir beide Hände – das Scheusal! Aber ich wußte nie, ob ich auch was zum Frühstück bekommen würde. Wenn ich in zwei Tagen drei Mahlzeiten bekam, schätzte ich mich sehr glücklich, und er ließ mich jede Woche einen Wechsel auf zehn Dollar unterzeichnen. Er sagte, er sei überzeugt, Herr Stein verlange nicht von ihm, daß er mich umsonst beköstige. Nun – er beköstigte mich so gut wie gar nicht. Schob es jedesmal auf den ungeordneten Zustand des Landes, tat, als wollte er sich die Haare ausraufen, und bat mich zwanzigmal am Tage um Verzeihung, so daß ich ihn schließlich beschwor, sich darum doch keinen Kummer zu machen. Er machte mich ganz krank. Das halbe Dach seines Hauses war eingefallen, und das ganze Gebäude sah wie räudig aus; getrocknete Graswische staken heraus, und die Matten hingen zerrissen, mit umgebogenen Ecken an den Wänden. Er gab sich die größte Mühe, zu beweisen, daß Herr Stein ihm für die Handelsgeschäfte der letzten drei Jahre Geld schuldig sei, aber seine Bücher waren alle zerrissen und einige nicht zu finden. Er versuchte anzudeuten, daß an dem allen seine verstorbene Frau schuld sei. Widerlicher Schuft! Schließlich mußte ich ihm verbieten, den Namen seiner Frau zu erwähnen. Es brachte Juwel zum Weinen. Ich konnte nicht herausbringen, was aus all den Waren geworden war; in dem Lagerraum war nichts außer den Ratten, die es sich auf einem Lager von alten Säcken und Packpapier wohl sein ließen. Mir wurde von allen Seiten versichert, daß er einen Haufen Geld irgendwo vergraben hatte, aber natürlich konnte ich nichts von ihm herauskriegen. Ich führte ein Jammerleben in dem verdammten Haus. Ich versuchte gegen Stein meine Pflicht zu tun, aber ich hatte auch noch an andres zu denken. Als ich zu Doramin floh, bekam der alte Tunku Allang Angst und gab alle meine Sachen heraus. Es geschah umständlich und unter endloser Heimlichtuerei, durch einen Chinesen, der hier einen kleinen Laden hat; sobald ich aber das Bugisquartier verließ und meinen Wohnsitz bei Cornelius nahm, ging offen die Rede, daß der Rajah entschlossen sei, mich binnen kurzem umbringen zu lassen. Angenehm, nicht? Und ich wußte nicht, was ihn daran hätte hindern können, falls er wirklich entschlossen war. Das Schlimmste dabei war, daß ich mich des Gefühls nicht erwehren konnte, weder Stein noch mir selbst irgend etwas nützen zu können. Oh! Es war niederträchtig – die ganzen sechs Wochen lang.«

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