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Lord Jim

Joseph Conrad: Lord Jim - Kapitel 27
Quellenangabe
typefiction
titleLord Jim
authorJoseph Conrad
translatorHedwig Lachmann
publisherS. Fischer
addressBerlin
year1927
senderreuters@abc.de
created20040806
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Siebenundzwanzigstes Kapitel

Schon hatte die Legende ihm übernatürliche Kräfte zugeschrieben. Jawohl, man erzählte sich, es seien auf höchst verschlagene Weise Stricke gelegt worden, viele Männer hätten mit großer Anstrengung ein seltsames Triebwerk in Gang gesetzt und jede Kugel habe beim Abschuß langsam das Gebüsch zerteilt, wie ein wilder Eber das Unterholz durchbricht, aber... und die Weisesten schüttelten den Kopf. Es war etwas Verborgenes in alledem, ohne Zweifel; denn was vermag die Stärke von Stricken und von Männerarmen? Es lebt eine widerspenstige Seele in den Dingen, die durch wirksame Zauber- und Beschwörungskünste bezwungen werden muß. So meinte der alte Sura – ein höchst achtbares Familienhaupt von Patusan –, mit dem ich eines Abends eine Unterhaltung hatte. Sura war jedoch ein berufsmäßiger Hexenmeister, der viele Meilen in der Runde alle Reissaaten und Ernten überwachte, um die widerspenstige Seele der Dinge im Zaum zu halten. Diese Beschäftigung schien er für eine sehr anstrengende zu halten, und vielleicht sind die Seelen der Dinge auch wirklich widerspenstiger als die Seelen der Menschen. Was das einfache Volk der umgrenzenden Dörfer angeht, so glaubte und sagte es (als die natürlichste Sache der Welt), daß Jim die Kanonen auf seinem Rücken den Berg hinaufgetragen habe – zwei auf einmal.

Jim pflegte über solche Reden vor Wut jedesmal mit dem Fuß zu stampfen und mit einem bittern, kurzen Lachen auszurufen: »Was will man mit solchen Jammerwichten anfangen? Sie sitzen die halbe Nacht auf und erzählen sich den größten Unsinn, und je verlogener er ist, desto besser scheint er ihnen zu gefallen!« In dieser Gereiztheit waren die Spuren des tiefgehenden Einflusses zu merken, den seine Umgebung auf ihn ausübte. Es gehörte mit zu seiner Unfreiheit. Der Ernst, mit dem er die Behauptungen bestritt, war spaßhaft, und ich sagte schließlich: »Mein lieber Junge, Sie nehmen doch nicht an, daß ich das Zeug glaube.« Er sah mich ganz verdutzt an. »Ich hoffe doch nicht«, sagte er und brach in ein schallendes Gelächter aus. »Immerhin, die Kanonen waren da, und bei Sonnenaufgang gingen sie alle zusammen los. Himmel! Sie hätten die Fetzen fliegen sehen sollen«, rief er. Dain Waris an seiner Seite, der mit einem ruhigen Lächeln zuhörte, senkte die Augenlider und scharrte ein wenig mit den Füßen. Es scheint, daß die gelungene Aufstellung der Kanonen Jims Leuten solches Zutrauen einflößte, daß er es wagte, die Batterie in der Obhut zweier älterer Bugis zu lassen, die zu ihrer Zeit Kämpfe gesehen hatten, und sich zu Dain Waris und der Sturmabteilung zu gesellen, die in der Schlucht verborgen waren. In der Dämmerung krochen sie langsam bergauf, und als sie zwei Drittel der Höhe erklommen hatten, legten sie sich in das nasse Gras und erwarteten den Sonnenaufgang, der das vereinbarte Zeichen war. Er sagte mir, mit welcher angstvollen Erregung er den raschen Aufstieg der Sonne beobachtete, wie ihm, erhitzt von der Arbeit und dem Klettern, wie er war, der kalte Tau das Mark in den Knochen gefrieren machte; wie er fürchtete, daß er, ehe die Zeit zum Vorrücken kam, wie ein Blatt zu zittern und zu beben beginnen würde. »Noch nie im Leben ist mir eine halbe Stunde so langsam vergangen«, erklärte er. Mittlerweile wurde das Bollwerk gegen den Himmel sichtbar. Die über den ganzen Abhang verstreuten Männer kauerten an den dunklen Steinen und tropfenden Büschen. Dain Waris lag flach an seiner Seite. »Wir sahen uns an«, sagte Jim und legte die Hand sacht auf seines Freundes Schulter. »Er lächelte mich so heiter an, und ich wagte nicht, die Lippen zu bewegen, aus Furcht, in einen Schüttelfrost auszubrechen. Auf mein Wort, es ist wahr! Ich troff von Schweiß, als wir unser Versteck aufsuchten – so können Sie sich denken...« Er sagte, und ich glaube es ihm, daß er in bezug auf den Ausgang keine Befürchtungen hatte. Er fürchtete nur, daß er nicht die Kraft haben würde, diesen Schüttelfrost zu unterdrücken. Er machte sich keine Sorgen um den Ausgang. Er hatte nur auf die Spitze des Berges hinaufzukommen und dort zu bleiben, was auch geschehen mochte. Es gab kein Zurück für ihn. Die Leute vertrauten ihm unbedingt. Ihm allein! Seinem bloßen Wort...

Ich erinnere mich noch, wie er an diesem Punkt innehielt und den Blick auf mich richtete. »Soviel ich weiß, haben sie bis jetzt noch keine Ursache gehabt, es zu bereuen«, sagte er. »Niemals.« Er hoffe zu Gott, daß sie es niemals brauchten. Dann aber hätten sie sich unglücklicherweise angewöhnt, alles und jedes von ihm zu erwarten. Ich könne mir keine Vorstellung machen. Neulich sei ein alter Narr, den er nie in seinem Leben gesehen hatte, meilenweit aus einem Dorf hergekommen und habe von ihm wissen wollen, ob er sich von seiner Frau scheiden solle! Tatsache. Er könne es beschwören. Solche Sachen gebe es... Nicht zu glauben. Sei also der Kerl schwabbelnd und Betel kauend länger als eine Stunde auf der Veranda gesessen, habe geseufzt und nach allen Seiten gespuckt, mit einer wahren Leichenbittermiene, bis er endlich mit der Scherzfrage herausgeplatzt sei. Das jedoch sei gar nicht so komisch, wie es aussehe. Was solle man dazu sagen? – Gute Frau? – Ja. Gute Frau – aber alt; fing an, eine verdammt lange Geschichte von Messingtöpfen zu erzählen. Sie hatten fünfzehn – zwanzig Jahre, weiß Gott wie lange, zusammen gelebt. Sehr, sehr lange Zeit. Gute Frau. Hatte sie ab und zu mal – sehr selten – ein bißchen geschlagen, als sie jung war. Mußte das tun – um seiner Ehre willen. Plötzlich, auf ihre alten Tage, geht sie, leiht der Frau ihres Schwestersohns drei Messingtöpfe und fängt Tag für Tag ein Zetergeschrei mit ihm an. Seine Feinde verhöhnten ihn alle. Sein Antlitz sei besudelt. Die Töpfe nicht wiederzubekommen. Furchtbares Unglück. Keine Möglichkeit, solch einer Geschichte auf den Grund zu kommen; sagte ihm, er solle nach Hause gehen, und versprach, selbst hinzukommen und alles in Ordnung zu bringen. Es war wirklich keine Kleinigkeit. Erst eine Tagereise durch den Wald, ein zweiter Tag ging damit drauf, die Sache ins Lot zu bringen, indem man einer ganzen Schar von den Bauerntölpeln gut zuredete. Es sei Zündstoff für eine blutige Schlägerei in der Sache gewesen. Jeder Lümmel hatte für die eine oder andere Familie Partei genommen; und die eine Hälfte des Dorfes war bereit, auf die andere mit allem, was zur Hand war, loszugehen. Auf Ehre! Kein Spaß!... Anstatt sich um ihre Ernten zu kümmern. Verschaffte ihm seine elenden Töpfe wieder, natürlich – und brachte alle zur Ruhe. Gehörte gar nicht viel dazu. Konnte die schlimmsten Händel im Lande beschwichtigen, wenn er nur mit dem Finger winkte. Die Schwierigkeit war nur, hinter die Wahrheit zu kommen. Wußte noch heute nicht, ob er allen Parteien gerecht geworden. Es quälte ihn. Und das Geschwätz! Himmel! Was sie sagten, hatte nicht Hand, nicht Fuß. Lieber täglich eine zwanzig Fuß hohe Palisade stürmen. Wahrhaftig! Kinderspiel dagegen. Brauchte auch nicht soviel Zeit. Weiß Gott! Komische Gesellschaft, alles in allem – der alte Narr hätte sein Großvater sein können. Aber von einem andern Gesichtspunkt aus war es kein Spaß. Sein Wort brachte alles zur Entscheidung – seit der Vernichtung von Scherif Ali. »Eine fürchterliche Verantwortung«, wiederholte er. »Nein, wahrhaftig – Scherz beiseite, wäre es um drei Menschenleben gegangen, anstatt um drei alte Messingtöpfe, so wäre es dasselbe gewesen...«

So veranschaulichte er die Auswirkung seines Kriegsglücks. Sie war in der Tat ungeheuer. Sie hatte ihn vom Kampf zum Frieden und durch Tod bis tief ins Innenleben der Leute geführt; doch das im Sonnenlicht düster hingebreitete Land bewahrte den Anschein unergründlicher, ewiger Ruhe. Der Klang seiner frischen jungen Stimme (es war erstaunlich, wie wenig Spuren von Abnutzung er zeigte) schwebte und verhallte leise über dem unwandelbaren Gesicht der Wälder, wie der Schall der großen Kanonen an jenem tauig kalten Morgen, da Jim keine andere Sorge gehabt hatte, als die Fieberschauer seines Körpers zu unterdrücken. Beim ersten Sonnenstrahl auf den reglosen Baumwipfeln hüllte sich der eine Berg, unter dem Knallen der Geschütze, in weiße Rauchwolken, und auf dem andern brach ein wildes Getöse los – Kriegsgeschrei und Rufe des Entsetzens, der Überraschung und des Hasses. Jim und Dain Waris waren die ersten, die Hand an die Verschanzung legten. Die volkstümliche Erzählung will wissen, daß Jim das Tor mit einem Finger niederwarf. Er natürlich stellte diese Tat eifrig in Abrede. Die ganze Verschanzung – pflegte er einem klarzumachen – war eine ganz armselige Sache. (Scherif Ali verließ sich hauptsächlich auf die unzugängliche Lage.) Und überhaupt war das Zeug schon in Stücke geschossen und hing nur noch wie durch ein Wunder zusammen. Er stemmte sich wie ein Narr mit der Schulter dagegen und stürmte Hals über Kopf hinein. Himmel! Wenn Dain Waris nicht gewesen wäre, hätte ihn ein tätowierter, pockennarbiger Vagabund mit seinem Speer wie einen von Steins Käfern auf ein Brett gespießt. Der dritte Mann, der eindrang, war, scheint's, Jims eigener Diener, Tamb' Itam. Das war ein Malaie aus dem Norden, ein Fremder, der nach Patusan eingewandert war und den Rajah Allang zwangsweise als Ruderer auf einem der Staatsboote festgehalten hatte. Er war bei der ersten Gelegenheit ausgekniffen, hatte eine notdürftige Zuflucht (aber sehr wenig zu essen) bei den Bugisansiedlern gefunden und sich an Jim angeschlossen. Seine Haut war sehr dunkel, sein Gesicht flach, seine Augen vorstehend und gallgelb unterlaufen. Es lag etwas Maßloses, nahezu Verranntes in seiner Hingebung an seinen weißen Lord. Er war unzertrennlich von Jim wie ein finsterer Schatten. Bei feierlichen Gelegenheiten pflegte er, die eine Hand auf dem Heft des Kris, in seines Herrn Fußstapfen zu treten und mit wildrollenden Blicken das gemeine Volk in Entfernung zu halten. Jim hatte ihn zum Oberaufseher seines Hauses gemacht, und ganz Patusan ehrte und schätzte ihn als eine Person von großem Einfluß. Bei der Einnahme der Verschanzung hatte er sich besonders durch die kalte Grausamkeit seiner Kampfesweise ausgezeichnet. »Die Sturmabteilung war so rasch vorgedrungen« – sagte Jim –, »daß es, trotz der Panik der Besatzung, innerhalb der Verschanzung fünf Minuten lang Mann an Mann heiß genug herging, bis ein dummer Esel die Schuppen aus Zweigen und trockenem Gras in Brand steckte und wir alle ums liebe Leben ausreißen mußten.«

Die Niederlage muß vollständig gewesen sein. Doramin saß inmitten des Kanonenrauchs, der sich rings um seinen großen Kopf ausbreitete, unbeweglich in seinem Stuhl auf dem Abhang und nahm die Nachricht mit einem tiefen Grunzen entgegen. Als er hörte, daß sein Sohn am Leben sei und die Verfolgung leite, machte er ohne einen weiteren Laut einen mächtigen Versuch aufzustehen; seine Diener eilten zur Unterstützung herbei, und nachdem man ihm ehrerbietigst aufgeholfen hatte, schlurrte er mit großer Würde an einen schattigen Ort, wo er sich, mit einem weißen Laken völlig zugedeckt, zum Schlafen niederlegte. In Patusan war die Erregung groß. Jim erzählte mir, daß er vom Berge aus, die Verschanzung mit ihren Trümmern, ihrer schwarzen Asche und den halbverkohlten Leichen im Rücken, immer wieder sehen konnte, wie sich der freie Raum zwischen den Häusern zu beiden Seiten des Stromes plötzlich mit einer wimmelnden Schar Menschen füllte und gleich wieder leerte. An seine Ohren tönte schwach von unten her der donnernde Schall von Gongs und Trommeln; die wilden Schreie der Menge drangen gedämpft zu ihm. Eine Unmenge Fahnen flatterten fern zwischen den braunen Dächern wie eine Schar weißer, roter und gelber Vögel. »Sie müssen es genossen haben«, murmelte ich und fühlte dabei, wie sich in mir die Mitfreude rührte.

»Es war... es war ungeheuer! Ungeheuer!« rief er laut und öffnete die Arme weit. Die plötzliche Bewegung durchfuhr mich, als hätte ich ihn die Geheimnisse seiner Brust vor der Sonne, den brütenden Wäldern, dem stählernen Meer bloßlegen sehen. Unter uns lagerte die Stadt in sanften Linien an den Ufern eines Flusses, dessen Strömung zu schlafen schien. »Ungeheuer!« wiederholte er ein drittes Mal, flüsternd, wie im Selbstgespräch.

Ungeheuer! Kein Zweifel, es war ungeheuer: das Siegel des Gelingens auf seinen Worten, die Eroberung des Stücks Erde, auf dem er stand, das blinde Vertrauen der Menschen, der Glaube an sich selbst, den er im Feuer und in der Einsamkeit des Vollbringens sich errungen hatte. – All dies schrumpft, wie ich euch schon vorher sagte, beim Erzählen zusammen. Ich kann euch den Eindruck seiner völligen Abgeschiedenheit nicht mit Worten beibringen. Natürlich war er dort in jedem Sinn der einzige seiner Gattung, doch die unvermuteten Eigenschaften seiner Natur hatten ihn in so nahe Berührung mit seiner Umgebung gebracht, daß diese Vereinsamung nur als die Wirkung seiner Kraft erschien. Seine Einsamkeit vergrößerte gewissermaßen seinen Wuchs. Nichts ringsum war mit ihm zu vergleichen, als wäre er einer jener Ausnahmemenschen gewesen, die nur an der Größe ihres Ruhms gemessen werden können; und sein Ruhm war, wohlverstanden, viele Tagereisen im Umkreis das Erstaunlichste. Man mußte erst einen langen, mühsamen Weg durch die Dschungel zurücklegen, ehe man aus dem Bereich seiner Stimme hinauskam. Seine Stimme hatte nicht den schmetternden, lärmenden Trompetenton der verrufenen Göttin, die wir alle kennen. Es klang in ihr vielmehr die Stille und der düstere Ernst des Landes ohne Vergangenheit, wo sein Wort die Wahrheit jedes entgleitenden Tages war. Es war ihr etwas von der Natur jenes Schweigens eigen, das einen in unerforschte Tiefen geleitete, das man beständig zur Seite hatte, weitreichend, durchdringend – und das mit geheimnisvollem Reiz auf den leisbewegten Lippen der Menschen lag.

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