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Lord Jim

Joseph Conrad: Lord Jim - Kapitel 26
Quellenangabe
typefiction
titleLord Jim
authorJoseph Conrad
translatorHedwig Lachmann
publisherS. Fischer
addressBerlin
year1927
senderreuters@abc.de
created20040806
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Sechsundzwanzigstes Kapitel

Doramin war einer der merkwürdigsten Männer seiner Rasse, die ich je gesehen habe. Seine Gestalt war für einen Malaien riesenhaft, aber er sah nicht einfach fett aus, sondern hoheitsvoll, gewaltig. Dieser bewegungslose Körper, in reiche Stoffe, farbige Seiden und Goldstickereien gekleidet; dieser ungeheure, von einem roten, golddurchwirkten Turbantuch umwundene Kopf; das flache, große, runde Gesicht, verrunzelt und zerfurcht, mit zwei halbkreisförmigen tiefen Falten, die zu beiden Seiten der weiten, kühnen Nüstern niederliefen und einen dicklippigen Mund umschlossen; der stierhafte Hals; die breite, faltenreiche Stirn über den stolzen, durchdringenden Augen: es war ein Ganzes, das, einmal erblickt, nie wieder vergessen werden konnte. Seine unbewegliche Ruhe (wenn er einmal saß, regte er selten mehr ein Glied) atmete majestätische Würde. Nie hörte man ihn die Stimme erheben. Sein Sprechen war ein heiseres, eindringliches Murmeln, das leicht verschleiert, wie aus der Ferne klang. Wenn er ging, stützten zwei untersetzte, derbe junge Burschen, mit schwarzen Käppchen auf dem Hinterkopf, seine Ellbogen: sie halfen ihm niedersitzen und standen hinter seinem Stuhl, bis er aufstehen wollte. Wenn er dann langsam, als fiele es ihm schwer, den Kopf nach rechts und links drehte, faßten sie ihn unter die Achsel und halfen ihm auf. Trotzdem wirkte er durchaus nicht bresthaft; im Gegenteil, all seine wuchtigen Bewegungen erschienen als Kundgebungen einer mächtigen, bedachtsamen Kraft. Man nahm allgemein an, daß er seine Frau in öffentlichen Dingen zu Rate zog; doch niemand hatte sie, soviel ich weiß, je ein Wort miteinander wechseln hören. Wenn sie in vollem Staat vor der weiten Öffnung saßen, so war es immer in vollkommenem Schweigen. Sie konnten in dem abnehmenden Licht die weite Ausdehnung des Waldlandes zu ihren Füßen überblicken, ein dunkles, schlafendes Meer düsteren Grüns, das sich wellenförmig bis zu der violett-purpurnen Gebirgskette hinzog; die glänzenden Krümmungen des Flusses, wie ein ungeheures S aus getriebenem Silber; zu beiden Seiten der Ufer das braune Band der Häuser, überragt von den Zwillingsbergen oberhalb der näheren Baumwipfel. Sie waren einer des andern wunderliches Gegenspiel: sie – leicht, zart, dürftig, flink, ein wenig hexenhaft, mit einem Anflug mütterlicher Geschäftigkeit in ihrer Ruhe; er, ihr gegenüber, riesenhaft und schwer, wie eine roh aus Stein gehauene Mannesgestalt, mit etwas Großmütigem und Unbarmherzigem in seiner Starrheit. Der Sohn dieser beiden alten Leute war ein ausgezeichneter Jüngling.

Sie hatten ihn spät bekommen. Vielleicht war er nicht ganz so jung, wie er aussah. Vier- oder fünfundzwanzig ist nicht so jung, wenn ein Mann schon mit achtzehn Jahren Vater einer Familie ist. Wenn er in das große, mit feinen Matten bekleidete und ausgelegte und von einer hohen Decke aus weißem Stoff überspannte Gemach eintrat, wo das Paar, von einem äußerst ehrerbietigen Gefolge umgeben, im Staat dasaß, pflegte er geradewegs auf Doramin zuzugehen, um seine Hand zu küssen – die dieser ihm majestätisch überließ – und dann hinüber neben seiner Mutter Stuhl zu treten. Ich kann wohl sagen, daß sie ihn vergötterten, aber ich habe niemals gesehen, daß sie ihm einen offenen Blick gegönnt hätten; sie befanden sich da allerdings in ihrem öffentlichen Wirkungskreis. Das Zimmer war gewöhnlich gedrängt voll. Die feierliche Förmlichkeit der Begrüßungen und Verabschiedungen, die tiefe Ehrfurcht, die sich in den Gebärden, den Gesichtern, in dem leisen Flüstern äußerte, sind einfach nicht zu beschreiben. »Es ist wirklich sehenswert«, hatte Jim mir versichert, als wir auf unserm Rückweg über den Fluß fuhren. »Sie sind wie die Menschen in einem Buch, nicht wahr?« sagte er strahlend. »Und Dain Waris – ihr Sohn – ist der beste Freund (außer Ihnen), den ich jemals hatte. Was Herr Stein einen guten .Kriegskameraden‹ nennen würde. Ich habe Glück gehabt. Himmel! Habe ich Glück gehabt, wie ich damals mehr tot als lebendig zwischen sie hineintaumelte.« Er beugte sinnend den Kopf, dann fügte er, sich aufrichtend, hinzu:

»Freilich habe ich dabei nicht geschlafen, aber...« Er schwieg wieder. »Es schien auf mich zuzukommen«, murmelte er. »Mit einmal sah ich, was ich zu tun hatte...« Kein Zweifel, daß es auf ihn zugekommen war; und zwar, wie natürlich, durch Krieg, da diese Macht, die sich ihm bot, die Macht war, Frieden zu stiften. Lediglich in diesem Sinne ist Macht so oft wirklich Recht. Ihr müßt nicht glauben, daß er seinen Weg sofort erkannt hätte. Als er ankam, war die Gemeinschaft der Bugis in einer höchst bedenklichen Lage. »Sie hatten alle Angst«, sagte er zu mir – »jeder hatte Angst für sich selbst; während ich so klar wie möglich sehen konnte, daß sie sofort etwas unternehmen mußten, wenn sie nicht einer nach dem andern zwischen dem Rajah und dem hergelaufenen Scherif untergehen wollten.« Aber dies nur zu sehen, war noch nichts. Als ihm der Gedanke gekommen war, mußte er ihn widerstrebenden Köpfen einbleuen, durch die Bollwerke der Furcht und der Selbstsucht hindurch. Es gelang ihm schließlich. Und das war noch immer nichts. Er mußte die Mittel ausfindig machen. Er fand sie – einen verwegenen Plan; und seine Aufgabe war halb getan. Er mußte einer Menge Leuten, die versteckte und törichte Gründe hatten, zurückzubleiben, sein eigenes Zutrauen beibringen; er mußte alberne Eifersüchteleien beschwichtigen und vielerlei sinnloses Mißtrauen ausreden. Ohne das Gewicht von Doramins Einfluß und seines Sohnes feurige Begeisterung hätte er nichts erreicht. Dain Waris, der vornehme Jüngling, war der erste, der an ihn glaubte; es bestand zwischen ihnen jene eigenartige, tiefe, seltene Freundschaft zwischen der braunen und weißen Rasse, in der gerade die Verschiedenartigkeit zwei menschliche Wesen durch tiefverborgene Zuneigung noch enger verbindet. Von Dain Waris sagte sein eigener Stamm mit Stolz, daß er wie ein Weißer zu kämpfen verstand. Das stimmte; er hatte diese Art Mut – den offenen Mut, möchte ich sagen –, aber er hatte auch europäischen Geist. Man trifft dort manchmal solche Menschen und ist erstaunt, unvermutet eine vertraute Gedankenwendung zu entdecken, ungetrübte Einsicht, Zielbewußtheit und einen Zug von Opfersinn. Klein, aber äußerst wohlgebaut, hatte Dain Waris eine stolze Haltung, ein gesittetes, gewandtes Benehmen, ein Temperament wie eine klare Flamme. Sein dunkles Gesicht, mit großen schwarzen Augen, war ausdrucksvoll in der Bewegung und gedankenvoll in der Ruhe. Er war schweigsam von Natur; ein fester Blick, ein spöttisches Lächeln, eine artige Bedachtsamkeit schienen auf großen Rückhalt an Klugheit und Macht zu deuten. Solche Wesen eröffnen dem Auge des Abendländers, das so oft von bloßen Oberflächen angezogen wird, die verborgenen Möglichkeiten der Rassen und Länder, über denen das Geheimnis unvordenklicher Zeiten liegt. Er vertraute Jim nicht nur; ich bin davon überzeugt, daß er ihn auch verstand. Ich spreche von ihm, weil er es mir angetan hatte. Seine – wenn ich so sagen darf – schneidende Ruhe und zugleich sein kluges Eingehen auf Jims Bestrebungen sprachen mich an. Es war mir, als stünde ich an dem Ursprung der Freundschaft. Wenn Jim die Führung übernahm, so hatte der andere den Führer gefangengenommen. In der Tat war Jim ein Gefangener in jeglichem Sinn. Das Land, die Leute, die Freundschaft, die Liebe waren gleichsam die eifersüchtigen Hüter seines Leibes. Jeder Tag fügte ein Glied zu den Ketten dieser sonderbaren Freiheit. Ich überzeugte mich von Tag zu Tag mehr davon, je mehr ich von der Geschichte hörte.

Die Geschichte! Ob ich die Geschichte gehört habe! Ich hörte sie auf dem Marsch, im Lager (ich mußte das Land nach unsichtbarem Wild durchsuchen); einem Teil davon lauschte ich auf einem der Zwillingsberge, dessen letzte hundert Fuß ich auf Händen und Knien erklettert hatte. Unsere Geleitmannschaft (wir hatten von Dorf zu Dorf ein Gefolge von Freiwilligen) hatte sich mittlerweile in halber Höhe des Abhangs auf einem ebenen Fleck gelagert, und in der stillen Abendluft wehte uns der Geruch von Holzrauch zu wie ein starker, köstlicher Duft. Auch Stimmen tönten zu uns herauf, wunderbar in ihrer wesenlosen Klarheit. Jim saß auf dem Stumpf eines gefällten Baumes, zog seine Pfeife heraus und begann zu rauchen. Neues Gras und Strauchwerk war im Wachsen; unter einem dichten Dornbusch zeigten sich Spuren einer Aufschüttung. »Es ist alles von hier ausgegangen«, sagte er, nachdem er lange sinnend dagesessen hatte. Auf dem andern Berg, zweihundert Meter jenseits eines dunklen Abgrunds, sah ich eine Reihe hoher, geschwärzter Pfähle, hie und da zerstört; die Überreste von Scherif Alis uneinnehmbarem Lager. Aber es war dennoch genommen worden. Das war Jims Idee gewesen. Er hatte Doramins altes schweres Geschütz auf den Berg hinaufgeschafft; zwei rostige, eiserne Siebenpfünder und eine Anzahl kleiner Erzkanonen, die nur noch für die Münze gut waren. Aber wenn sie auch eigentlich dazu bestimmt waren, zu Geld gemacht zu werden, so konnten sie schließlich doch, wenn man sie rücksichtslos bis zur Mündung vollstopfte, auf geringe Entfernung einen brauchbaren Schuß geben. Die Schwierigkeit war nur, sie auf den Berg hinaufzubringen. Jim zeigte mir, wo er die Taue befestigt hatte, erklärte mir, wie er aus einem hohlen Klotz, der sich um einen spitzen Pfahl drehte, ein Gangspill zurechtgemacht hatte, und wies mir mit seinem Pfeifenkopf die Umrisse des Erdwerks. Die letzten hundert Fuß Steigung waren die schwersten gewesen. Er hatte die Verantwortung für den Erfolg auf sich genommen. Er hatte die Kriegspartei veranlaßt, die ganze Nacht hart zu arbeiten. Große, in Zwischenräumen entzündete Feuer flackerten den ganzen Abhang hinunter, »aber hier oben«, erklärte er, »arbeitete der Aufzug im Dunkeln«. Von der Spitze aus sah er die Männer wie Ameisen bei der Arbeit. Er selbst war die ganze Nacht wie ein Eichhörnchen hinauf- und hinuntergeklettert, hatte auf der ganzen Linie Anweisungen erteilt, Mut zugesprochen, nach dem Rechten gesehen. Der alte Doramin hatte sich in seinem Lehnstuhl den Berg hinauftragen lassen. Sie hatten ihn auf dem ebenen Platz des Abhangs abgestellt, und er saß da im Schein der großen Feuer – »erstaunlicher alter Knabe – der richtige alte Häuptling«, sagte Jim, »mit seinen kühnen kleinen Augen – und hatte ein paar riesenhafte Feuersteinpistolen auf den Knien. Prächtige silberbeschlagene Dinger aus Ebenholz mit wundervollen Schlössern und von einem Kaliber wie eine alte Hakenbüchse. Ein Geschenk von Stein – wie es scheint – als Gegengabe für den bewußten Ring. Stammten aus dem Besitz des alten M'Neil. Gott weiß, wie der dazu gekommen war. Da saß er, bewegte weder Hand noch Fuß; hinter ihm eine Flamme von Reisigholz, und eine Unzahl Leute um ihn herum, schreiend, zerrend – der feierlichste, ehrwürdigste alte Knabe, den man sich denken kann. Er würde nicht viel Glück gehabt haben, wenn Scherif Ali sein höllisches Pack auf uns losgelassen und meine Schar in die Flucht getrieben hätte. Nun, so oder so, er war heraufgekommen, um dort zu sterben, wenn es schiefginge. Himmel! Ich kann Ihnen sagen, es durchschauerte mich, ihn so zu sehen – wie einen Fels. Aber der Scherif muß gedacht haben, wir seien verrückt, und nahm sich nicht die Mühe, nachzusehen, was wir da trieben. Niemand hielt es für möglich, daß es gelingen könnte. Wahrhaftig! Ich denke, selbst die Burschen, die dabei zogen und schoben und schwitzten, glaubten nicht, daß es gelingen könnte.«

Er stand aufrecht, die schwelende Pfeife in der Hand, mit einem Lächeln auf den Lippen und einem Funken in den knabenhaften Augen. Ich saß auf einem Baumstumpf zu seinen Füßen, und unter uns erstreckte sich das Land, die Unendlichkeit der Wälder, düster im Sonnenschein und Wogen türmend wie das Meer; die Schlangenwindungen der Flüsse blitzten silbern auf, die grauen Tupfen der Dörfer lagen dazwischen, und hie und da schimmerte eine Lichtung wie eine helle Insel zwischen dem nächtigen Dunkel undurchdringlicher Baumwipfel. Eine brütende Düsterkeit lag über dieser weiten, eintönigen Landschaft; das Licht fiel darauf wie in einen Abgrund. Das Land verschlang das Sonnenlicht; nur in weiter Ferne, der Küste entlang, schien sich der leere Ozean, glatt und blank in schwachem Dunst, wie eine Wand aus Stahl zum Himmel zu heben.

Und so saß ich also an seiner Seite, hoch auf seinem denkwürdigen Berg, im Sonnenschein. Er beherrschte den Wald, das tausendjährige Dunkel, das alte Menschengeschlecht. Er war wie eine Figur, die man auf einen Sockel gestellt hat, um sie in ewiger Jugend die Macht und vielleicht auch die Tugenden nie alternder Rassen verkörpern zu lassen, die aus dem Dunkel emporgetaucht sind. Ich weiß nicht, warum er mir immer in symbolischem Lichte erschien. Vielleicht ist dies der wahre Grund für meine Anteilnahme an seinem Schicksal. Ich weiß nicht, ob ich ihm damit gerecht wurde, daß ich gerade in jenem Augenblick der Begebenheit gedachte, die seinem Leben eine neue Richtung gegeben hatte; aber die Erinnerung überkam mich lebhaft. Sie war wie der Schatten im Licht.

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