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Lord Jim

Joseph Conrad: Lord Jim - Kapitel 25
Quellenangabe
typefiction
titleLord Jim
authorJoseph Conrad
translatorHedwig Lachmann
publisherS. Fischer
addressBerlin
year1927
senderreuters@abc.de
created20040806
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Fünfundzwanzigstes Kapitel

»Hier war ich drei Tage lang Gefangener«, raunte er mir zu (es war bei Gelegenheit unseres Besuchs bei dem Rajah), während wir uns langsam durch einen gleichsam von Ehrfurcht betäubten Haufen von Vasallen in Tunku Allangs Hof den Weg bahnten. »Ekelhaftes Loch, was sagen Sie? Und ich konnte überdies nichts zu essen kriegen, wenn ich nicht einen Krach drum schlug, und dann bekam ich auch nichts weiter als ein Schüsselchen Reis und einen gebackenen Fisch, nicht viel größer als ein Stichling – hol' sie der Henker! Himmel! Hab' ich in diesem stinkenden Loch gehungert, mit ein paar dieser Vagabunden zusammengepfercht, die mir ihre widerlichen Fratzen dicht unter die Nase schoben! Ich hatte Ihren famosen Revolver bei der ersten Aufforderung hergegeben. War froh, das verflixte Ding los zu sein. Sah ja wie ein Narr aus mit dem leeren Schießeisen in der Hand.« In dem Augenblick bekamen wir Audienz, und er nahm sofort gegen seinen ehemaligen Kerkermeister eine unerschütterlich ernste und feierliche Haltung an. Oh! Großartig! Ich muß lachen, wenn ich daran denke. Aber auf mich machte er auch Eindruck. Der alte verrufene Tunku Allang konnte seine Furcht nicht verbergen (er war kein Held, trotz der Ruhmestaten seiner stürmischen Jugend, die er zu erzählen liebte); und zugleich bekundete sein Benehmen gegen seinen ehemaligen Gefangenen ein verhaltenes Zutrauen. Man bedenke! Selbst wo er am meisten gehaßt sein sollte, vertraute man ihm noch. Jim benutzte – soweit ich der Unterhaltung folgen konnte – die Gelegenheit, eine Strafpredigt zu halten. Ein paar arme Dorfbewohner waren auf dem Wege zu Doramins Haus, wo sie ein paar Stückchen Gummi oder Bienenwachs gegen Reis einzutauschen wünschten, überfallen und ausgeraubt worden. »Doramin war der Dieb«, schrie der Rajah. Eine bebende Raserei schien sich des alten, gebrechlichen Körpers zu bemächtigen. Er gebärdete sich ganz unheimlich auf seiner Matte, fuchtelte mit Händen und Füßen und schüttelte seine zottigen Haarbüschel – ein Bild ohnmächtiger Wut. Alles um uns herum riß die Augen auf und ließ die Kinnbacken hängen. Jim begann zu reden, entschieden, kühl, und verbreitete sich eine Weile über den Text, daß niemand gehindert werden dürfte, sich redlich seinen und seiner Kinder Unterhalt zu verschaffen. Der andere saß da wie ein Schneider auf seinem Tisch; er hatte die Hände auf beide Knie gelegt, den Kopf gesenkt und heftete durch die grauen Haarsträhnen hindurch, die ihm über die Augen fielen, seinen Blick auf Jim. Als Jim geendet hatte, herrschte tiefe Stille. Niemand schien nur zu atmen; kein Laut war zu hören, bis der alte Rajah leise seufzend aufblickte und rasch mit einer Kopfbewegung sagte: »Ihr hört, meine Leute! Keine solchen Spaße mehr!« Dieser Befehl wurde mit tiefem Schweigen aufgenommen. Ein ziemlich dicker Mann, der offenbar eine Vertrauensstellung einnahm, mit klugen Augen, einem breiten, sehr dunklen, knochigen Gesicht und heiter dienstfertigem Wesen (ich hörte später, daß es der Henker war), reichte uns zwei Tassen Kaffee auf einem Messingtablett, das er aus den Händen eines niederen Bediensteten nahm. »Sie brauchen nicht zu trinken«, raunte Jim mir schnell zu. Ich begriff den Sinn anfangs nicht und sah ihn bloß an. Er nahm einen kräftigen Schluck und saß ruhig da, die Untertasse in der linken Hand haltend. Mit einmal überkam mich eine große Wut. »Warum in Teufels Namen«, flüsterte ich ihm mit liebenswürdigem Lächeln zu, »setzen Sie mich einer so dummen Gefahr aus?« Ich trank natürlich, es half ja nichts, und fast unmittelbar danach nahmen wir Abschied. Während wir, begleitet von dem klugen, heiteren Henker, durch den Hof zu unserem Boot hinuntergingen, sagte Jim, daß es ihm sehr leid täte. Es sei ja natürlich eine bloße Möglichkeit gewesen. Er persönlich mache sich nichts aus Gift. Nur die entfernteste Möglichkeit. Man hielte ihn – versicherte er mir – für unendlich mehr nützlich als gefährlich, und daher... »Aber der Rajah hat eine schreckliche Angst vor Ihnen, das kann jeder sehen«, hielt ich ihm, ich gestehe es, mit einer gewissen Verdrießlichkeit entgegen, denn ich hatte schon die ganze Zeit über ängstlich auf die ersten Anzeichen einer gräßlichen Kolik gewartet. Ich war furchtbar aufgebracht. »Wenn ich hier von irgendwelchem Nutzen sein soll und meine Stellung bewahren will«, sagte er, während er an meiner Seite im Boot Platz nahm, »muß ich mich der Gefahr aussetzen: ich tue es wenigstens einmal im Monat. Viele von den Leuten erwarten von mir, daß ich das tue – für sie. Sie sagen, daß er Angst vor mir hat. Aber natürlich. Wahrscheinlich fürchtet er mich, weil ich seinen Kaffee nicht fürchte.« Dann zeigte er mir eine Stelle an der nördlichen Seite des Palisadenzauns, wo die Spitzen einiger Pfähle abgebrochen waren: »Hier bin ich an meinem dritten Tag in Patusan herübergesprungen. Sie haben die Pfähle noch nicht wieder erneuert. Guter Sprung, was?« Einen Augenblick später kamen wir an einer schmutzigen kleinen Bucht vorbei: »Dies ist mein zweiter Sprung. Ich nahm einen Anlauf und wollte drüber weg, sprang aber zu kurz. Dachte wohl, es würde mir an den Kragen gehen. Ich verlor meine Schuhe im Schlamm. Und die ganze Zeit dachte ich, wie gräßlich es sein müßte, einen ekligen Lanzenstich in den Rücken zu bekommen, während ich so im Schmutz steckte. Ich weiß noch, wie übel mir davon war, daß ich so im Schlamm herumpantschte. Ganz fürchterlich übel – als hätte ich etwas Faules gegessen.«

So war es – und das Glück rannte neben ihm her – sprang über die Bucht, zappelte an seiner Seite im Schmutz... immer noch verschleiert. Das Unerwartete seines Eintreffens war das einzige, versteht ihr, das ihn davor rettete, sofort mit dem Kris abgetan und in den Fluß geworfen zu werden. Sie hatten ihn, aber es war, als hätten sie ein Schemen, ein Gespenst gepackt. Was bedeutete es? Was damit anfangen? War es zu spät, ihn zu beschwichtigen? Sollte man ihn nicht lieber ohne Verzug töten? Aber was würde dann geschehen? Der elende alte Allang wurde beinahe verrückt vor Angst und über die Schwierigkeit, zu einem Entschluß zu kommen. Mehrmals wurde die Ratssitzung abgebrochen, und die Ratgeber stürzten holterdiepolter zur Tür und auf die Veranda hinaus. Einer – heißt es – sprang sogar, fünfzehn Fuß tief, hinunter und brach sich das Bein. Der königliche Reichsverweser von Patusan hatte wunderliche Launen, zu denen es auch gehörte, in jede noch so wichtige Beratung Ruhmesgesänge einzuflechten, wobei dann der Rajah sich so weit erhitzte, daß er schließlich, den Kris in der Hand, von seinem Thron herunterraste. Aber abgesehen von solchen Unterbrechungen nahmen die Beratungen über Jims Schicksal Tag und Nacht ihren Fortgang.

Mittlerweile durchwanderte er den Hof, von einigen gemieden, von andern angestaunt, aber bewacht von allen und dem Messer jedes Lumpenkerls preisgegeben. Er nahm einen kleinen, verfallenen Schuppen in Besitz, um darin zu schlafen; die Ausdünstungen von Schmutz und Unrat belästigten ihn furchtbar; doch scheint es, daß er trotzdem seinen Appetit nicht verloren hatte, denn er sagte mir, daß er die ganze Zeit über hungrig gewesen sei. Ab und zu kam »ein wichtigtuerischer Esel« als Abgesandter des Rats zu ihm gelaufen und stellte in honigsüßem Ton ein merkwürdiges Verhör mit ihm an. Kamen die Holländer, das Land einzunehmen? Wünschte der weiße Mann den Fluß hinunter zurückzufahren? Was war der Grund, daß er in ein solch armseliges Land gekommen war? Der Rajah wünschte zu wissen, ob der weiße Mann eine Uhr zurechtmachen könnte! Sie brachten ihm tatsächlich eine in Neuengland hergestellte Nickeluhr, und aus bloßer unerträglicher Langeweile beschäftigte er sich damit, das Läutewerk in Gang zu bringen. Es scheint, daß ihm wirklich erst, während er sich so in seinem Schuppen die Zeit vertrieb, ein Licht über die außerordentliche Gefahr aufging, in der er schwebte. Er ließ das Ding fallen – sagte er – »wie eine heiße Kartoffel« und trat eiligst hinaus, ohne die leiseste Ahnung, was er tun wollte, oder besser, konnte. Er wußte nur, daß die Lage unerträglich war. Er schlenderte ziellos an einem auf Pfählen ruhenden, baufälligen kleinen Speicher vorbei, und sein Blick fiel auf die zerbrochenen Palisaden; und dann setzte er sofort – sagte er – ohne vorhergehende Denkarbeit sozusagen, ohne die Spur von Erregung, seine Flucht ins Werk, als führte er einen monatelang gereiften Plan aus. Er ging zuerst unauffällig zurück, um einen guten Anlauf zu haben, und als er sich umwandte, sah er knapp an seinem Ellbogen einen Würdenträger stehen, von zwei Lanzenmännern begleitet, der ihm eine Frage stellen wollte. Jim rannte »ihm grade unter der Nase« los, kam »wie ein Vogel« über die Palisaden und landete auf der andern Seite in einem Sturz, daß ihm alle Knochen knackten und er glaubte, sein Kopf ginge in Stücke. Er raffte sich sofort auf. Er dachte an gar nichts; alles, dessen er sich erinnern könne – sagte er –, sei ein gellendes Geschrei; die ersten Häuser von Patusan lagen vierhundert Meter vor ihm; er sah die Bucht und legte unwillkürlich Tempo zu. Die Erde schien unter seinen Füßen rückwärts zu fliehen. Er tat einen Sprung von der letzten trockenen Stelle, fühlte, wie er durch die Luft flog und wie er, ohne Fall, aufrecht in einer außerordentlich weichen, klebrigen Schlammbank stand. Erst als er seine Beine bewegen wollte und nicht konnte, kam er »zu sich selbst«. Er dachte an die »verteufelt langen Speere«. Angesichts des Umstandes übrigens, daß die Leute innerhalb der Palisaden erst zum Tor, dann zum Landungsplatz hinunter rennen, die Boote flottmachen und um eine Landspitze herumfahren mußten, hatte er einen größeren Vorsprung als er wähnte, überdies lag die Bucht, da gerade Ebbe war, ohne Wasser da – trocken konnte man nicht gut sagen –, und so war er für eine Zeit vor allem, außer etwa einem sehr weiten Schuß, sicher. Der höhergelegene feste Grund war etwa sechs Fuß vor ihm. »Ich dachte trotzdem, daß ich dort umkommen müßte«, sagte er. Er griff und langte verzweifelt mit den Händen in die Höhe, erreichte damit aber nur, daß sich ein Haufen eklig kalten, glänzenden Schlamms vor seiner Brust bis in Kinnhöhe auftürmte. Es schien ihm, als begrübe er sich lebendig, und dann schlug er wie wahnsinnig aus und schleuderte den Schlamm mit den Fäusten um sich. Er flog ihm auf den Kopf, ins Gesicht, in die Augen, in den Mund. Er sagte mir, daß er plötzlich des Hofraums wie eines Ortes gedachte, an dem er vor Jahren sehr glücklich gewesen war. Er sehnte sich – so sagte er –, wieder dort zu sein und die Uhr auszubessern. Die Uhr auszubessern – das war sein Gedanke. Er machte Anstrengungen, entsetzliche, schnaubende, prustende Anstrengungen, Anstrengungen, die ihm fast die Augäpfel aus den Höhlen trieben und ihn zu blenden drohten und in einem allerletzten, unerhörten Kraftaufwand gipfelten, der die Erde zu zerreißen und von seinen Gliedern abzuschütteln schien – und fühlte, wie er mühsam das Ufer hinaufkletterte. Er lag der Länge nach auf dem festen Grund und sah das Licht, den Himmel. Dann kam ihm wie ein glücklicher Gedanke der Einfall, daß er schlafen wollte. Er behauptet, daß er tatsächlich einschlief, daß er – vielleicht eine Minute, vielleicht zwanzig Sekunden oder auch nur eine Sekunde – geschlafen habe und daß er sich deutlich erinnere, mit einem heftigen Ruck erwacht zu sein. Er blieb eine Weile still liegen, erhob sich dann, von Kopf bis zu Fuß mit Schlamm bedeckt, und stand reglos da, bei dem Gedanken, daß er durch Hunderte von Meilen von Menschen seiner Art getrennt war, allein, wie ein gehetztes Tier, ohne von irgendwem Hilfe, Zuneigung oder Mitleid erwarten zu können. Die ersten Häuser waren nicht mehr als zwanzig Meter weit weg; und erst das verzweifelte Schreien einer erschreckten Frau, die ein Kind fortzuschleppen versuchte, brachte ihn wieder in Bewegung. Er rannte barfuß weiter, über und über mit Schlamm bedeckt, so daß er keinem menschlichen Wesen mehr glich. Er durcheilte mehr als die Hälfte der Ansiedlung. Die flinkeren Frauen flohen rechts und links, die langsameren Männer ließen fallen, was sie in Händen hatten, und starrten mit aufgerissenen Mäulern. Er war ein fliegender Schrecken. Er erzählt, daß er bemerkt habe, wie die kleinen Kinder aus Leibeskräften zu laufen anfingen, auf ihre kleinen Bäuche fielen und um sich schlugen. Er sauste zwischen zwei Häusern einen Abhang hinauf, kletterte verzweifelt über einen Verhau von gefällten Bäumen (es verging zu der Zeit in Patusan keine Woche ohne ein Gefecht), brach durch einen Zaun in ein mit Mais bebautes Stück Land, wo ein aufgeschreckter Knabe einen Stock nach ihm warf, stolperte auf einen Pfad und rannte mehreren bestürzten Männern in die Arme. Er hatte gerade noch soviel Atem, um »Doramin! Doramin!« hervorzukeuchen. Er erinnerte sich, wie er einen Abhang hinauf halb getragen, halb geschoben wurde und sich plötzlich im Innern einer weiten Einzäunung mit Palmen und Obstbäumen vor einem wuchtigen Mann befand, der inmitten des denkbar größten Aufruhrs in gediegener Breite auf einem Stuhl saß. Er stöberte in Schlamm und Kleidern herum, um seinen Ring hervorzuholen, und wunderte sich, als er plötzlich auf dem Rücken lag, wer ihn umgestoßen hatte. Sie hatten ihn einfach losgelassen, wißt ihr, aber er konnte nicht stehen. Am Fuß des Abhangs knallten vereinzelte Schüsse, und über den Dächern der Ansiedlung erhob sich ein dumpfes Schwirren durcheinanderredender Stimmen. Doch er war in Sicherheit. Doramins Leute verrammelten das Tor und flößten Jim Wasser ein. Doramins alte Gattin, voller Geschäftigkeit und Mitleid, teilte schrille Befehle an ihre Mädchen aus. »Die alte Frau«, sagte er sanft, »machte ein Wesens mit mir, als wäre ich ihr eigener Sohn gewesen. Sie legten mich in ein riesiges Bett – ihr Staatsbett –, und sie lief ein und aus, sich die Augen wischend, und klopfte mir den Rücken. Ich muß ein Bild des Jammers gewesen sein. Ich lag einfach da wie ein Hund, ich weiß nicht wie lang.«

Er schien eine große Zuneigung zu Doramins alter Frau zu haben. Sie ihrerseits hatte eine mütterliche Liebe zu ihm gefaßt. Sie hatte ein rundes, nußbraunes, sanftes, ganz runzliges Gesicht, große, tiefrote Lippen (sie kaute beständig Betel) und zwinkernde, wohlwollende Augen. Sie war ewig in Bewegung, schalt unaufhörlich und sprengte eine Schar junger Frauen mit klaren, braunen Gesichtern und großen ernsten Augen herum, ihre Töchter, ihre Mägde und Sklavinnen. Ihr wißt, wie es in diesen Haushalten zugeht: es ist gewöhnlich unmöglich, das Frauenvolk seiner Stellung nach zu unterscheiden. Sie war sehr mager, und selbst ihre weiten Obergewänder, vorn mit juwelenbesetzten Schließen zusammengehalten, machten an ihr nur einen dürftigen Eindruck. Ihre nackten dunklen Füße steckten in gelben chinesischen Strohpantoffeln. Ich selbst habe sie herumflitzen sehen, mit ihrem außerordentlich dicken, langen grauen Haar, das ihr über die Schultern fiel. Sie hatte derbe, zänkische Ausdrücke, war von vornehmer Abkunft und sehr reizbar und rechthaberisch. Am Nachmittag pflegte sie ihrem Mann gegenüber in einem sehr großen Lehnstuhl zu sitzen und anhaltend durch eine breite Maueröffnung hinauszusehen, die eine weite Aussicht auf die Niederlassung und den Fluß gewährte.

Sie zog unweigerlich die Beine hoch, der alte Doramin aber saß breit und vierschrötig da, ehrfurchtgebietend wie ein Berg auf einer Ebene. Er war nur von der »nakboda« oder Kaufmannskaste, aber die Hochachtung, die man ihm erwies, und die Würde, mit der er sich trug, waren auffallend. Er war das Oberhaupt der zweiten Macht in Patusan. Die Einwanderer von Celebes (etwa sechzig Familien, die mit Hörigen und so weiter an zweihundert Mann aufbieten konnten, »die den Kris tragen«) hatten ihn schon vor Jahren zu ihrem Oberhaupt gewählt. Die Männer dieser Rasse sind klug, unternehmend, rachsüchtig, jedoch von einem viel offeneren Mut als die übrigen Malaien und dulden keine Bedrückung. Sie bildeten die dem Rajah feindliche Partei. Natürlich gingen die Streitigkeiten um den Handel. Dieser war die Hauptursache der Parteikämpfe, der plötzlichen Ausfälle, die den und jenen Teil der Ansiedlung mit Rauch, Flammen, Schüssen und Geschrei erfüllten. Dörfer wurden verbrannt, Männer hinter die Palisaden des Rajahs geschleppt, um dafür getötet oder gefoltert zu werden, daß sie mit einem andern als ihm Handel getrieben hatten. Erst einen oder zwei Tage vor Jims Ankunft waren mehrere Familienoberhäupter des nämlichen Fischerdorfs, das er später unter seinen besonderen Schutz nahm, von einer Anzahl von des Rajahs Speermännern über die Klippen getrieben worden, unter dem Verdacht, daß sie für einen Handelsmann aus Celebes eßbare Vogelnester gesammelt hatten. Rajah Allang maßte sich das Recht an, der einzige Handelsmann in seinem Lande zu sein, und die Strafe für Verletzung des Monopols war der Tod; aber sein Begriff des Handels war von den gemeinsten Formen des Raubes nicht zu unterscheiden. Seine Grausamkeit und Habgier hatten keine andern Grenzen als seine Feigheit, und er fürchtete die geschlossene Macht der Männer von Celebes, nur – ehe Jim kam – fürchtete er sich nicht genug, um sich ruhig zu verhalten. Er ließ sie durch seine Untertanen bekriegen und glaubte sich salbungsvoll im Recht. Die Sachlage wurde noch verwickelter durch einen wandernden Fremdling, einen halbbürtigen Araber, der die Stämme im Innern (die Buschleute, wie Jim selbst sie nannte), vermutlich aus religiösen Gründen, zum Aufstand angestachelt und sich selbst in einem befestigten Lager auf dem Gipfel eines der Zwillingsberge festgesetzt hatte. Er schwebte über der Stadt Patusan wie ein Habicht über einem Geflügelhof, aber er verheerte das offene Land. Ganze Dörfer faulten verödet auf ihren geschwärzten Pfosten an den Ufern der klaren Ströme und ließen das Gras ihrer Wände, das Laub ihrer Dächer stückweise ins Wasser fallen, mit einem seltsamen Eindruck natürlichen Verfalls, als wären sie erdgewachsene Pflanzen, von den Wurzeln aus verdorrt. Die beiden Parteien in Patusan wußten nicht, welche von ihnen dieser Freischärler am ehesten plündern wollte. Der Rajah stand mit ihm in loser Unterhandlung. Einige von den Bugisansiedlern, der endlosen Unsicherheit müde, waren geneigt, ihn aufzunehmen. Die jüngeren Geister unter ihnen rieten spöttisch, »Scherif Ali mit seinen wilden Männern zu holen und Rajah Allang aus dem Lande zu treiben«. Doramin hielt sie mit Mühe davon ab. Er wurde alt, und obwohl sein Einfluß sich nicht vermindert hatte, war er der Lage nicht mehr gewachsen. So standen die Dinge, als Jim, nach dem Sprung über die Palisade des Rajahs, vor dem Oberhaupt der Bugis erschien, den Ring vorzeigte und, sozusagen, ins Herz der Gemeinschaft aufgenommen wurde.

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