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Lord Jim

Joseph Conrad: Lord Jim - Kapitel 23
Quellenangabe
typefiction
titleLord Jim
authorJoseph Conrad
translatorHedwig Lachmann
publisherS. Fischer
addressBerlin
year1927
senderreuters@abc.de
created20040806
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Dreiundzwanzigstes Kapitel

Er kam erst am nächsten Morgen wieder. Er war zum Abendessen und über Nacht dortbehalten worden. Es hatte noch nie einen so wundervollen Menschen gegeben wie Herrn Stein. Jim hatte einen Brief an Cornelius in der Tasche (»an den Burschen, der den Laufpaß bekommen soll«, erklärte er mit vorübergehender Dämpfung seines Überschwangs) und zeigte stolz einen silbernen Ring, wie ihn die Eingeborenen tragen, der vom Gebrauch schon sehr dünn geworden war und nur noch schwache Spuren von Ziselierung aufwies.

Dieser sollte ihm zur Einführung bei einem alten Mann namens Doramin dienen – einem der wichtigsten Männer dort draußen – einem großen Tier –, der Herrn Steins Freund in dem Lande gewesen war, wo er all die Abenteuer gehabt hatte. Herr Stein nannte ihn »Kriegskamerad«. Kriegskamerad war gut. Nicht wahr? Und sprach Herr Stein nicht ausgezeichnet Englisch? Er hatte gesagt, er habe es in Celebes so gut gelernt – gerade dort! Furchtbar komisch! Nicht? Er sprach es mit einem Akzent – etwas schnarrend – ob ich das bemerkt hätte? Der alte Doramin habe ihm den Ring gegeben. Sie hätten Geschenke gewechselt, als sie zum letztenmal Abschied nahmen. Etwas wie ein Versprechen ewiger Freundschaft. Doch fein – nicht? Mußten ums liebe Leben aus dem Lande ausreißen, nachdem der Mohammed – Mohammed – wie hieß er doch – ermordet worden war. Ich kannte die Geschichte ja wohl. Doch unerhört, nicht?...

So ging es in einem Atem fort. Messer und Gabel in der Hand, die Backen leicht gerötet und die Augen um einige Schatten dunkler, was bei ihm ein Zeichen von Erregung war, saß er da und vergaß zu essen. (Er hatte mich beim Frühstück angetroffen.) Der Ring war eine Art Beglaubigung für ihn. »So was, wie man es in Büchern liest«, warf er mit Kennermiene ein, und Doramin würde ihm sicher nach Kräften zur Seite stehn. Herr Stein hatte dem Alten bei einer Gelegenheit das Leben gerettet; nur durch Zufall, hatte Herr Stein gesagt, aber er – Jim – hatte darüber seine eigene Meinung. Herr Stein war gerade der Mann, es auf einen Zufall ankommen zu lassen. Gleichviel. Ob Zufall oder Absicht, jedenfalls würde es ihm sehr dienlich sein. Er hoffte nur, daß der gute alte Kerl nicht mittlerweile ins Gras gebissen habe. Herr Stein wußte es nicht. Er hatte seit über einem Jahr nichts von ihm gehört; es herrsche ein ewiger Krieg unter ihnen, und der Fluß sei gesperrt. Verteufelte Sache, das; aber keine Bange; er würde schon irgendwie durchrutschen.

Er machte mir mit seinem aufgeregten Geplauder einen fast beängstigenden Eindruck. Er war redselig wie ein Junge am Vorabend der großen Ferien, mit der Aussicht auf köstliche Streiche vor sich, und dieser Gemütszustand bei einem ausgewachsenen Mann und in diesem Zusammenhang hatte etwas Erstaunliches, das an Tollheit grenzte, etwas Unsicheres und Gefährliches. Ich war gerade im Begriff, ihn zu bitten, er solle die Dinge doch ernst nehmen, als er Messer und Gabel fallen ließ (er hatte zu essen oder vielmehr unbewußt etliche Bissen hinunterzuschlucken begonnen) und um seinen Teller herum zu suchen anfing. Der Ring! Der Ring! Wo zum Teufel... Ach! da war er... Er legte seine große Hand darauf und prüfte nacheinander alle seine Taschen. Himmel! Wäre kein Spaß, wenn er den verlöre. Er überlegte angestrengt, mit geschlossener Faust. Halt! Nun hatte er's. Er würde das verflixte Ding um den Hals hängen! Und er machte sich sofort daran, indem er zu dem Zweck eine Schnur hervorholte (die wie ein Schuhsenkel aussah). Da! So ging es! Es wäre doch verwünscht, wenn... Er schien nun zum erstenmal mein Gesicht zu sehen, und es tat seinem Redefluß ein wenig Einhalt. Ich könnte mir wahrscheinlich nicht vorstellen, sagte er mit kindlichem Ernst, welche Wichtigkeit er diesem Geschenk beilege. Es bedeute ihm einen Freund; und es sei etwas Gutes darum, einen Freund zu haben. Er wisse etwas davon. Er nickte mir bedeutsam zu, doch bevor ich ihm abwinkte, stützte er seinen Kopf in die Hand und saß eine Weile schweigend da, mit den Brotkrumen auf dem Tischtuch spielend... »Die Tür zuschlagen – das war sehr gut gesagt«, rief er aufspringend und fing an, im Zimmer auf und ab zu schreiten. Der ungestüme, ungleiche Schritt, der Bau der Schultern, die Haltung des Kopfes gemahnten mich wieder an jene Nacht, da er so, beichtend, erklärend – was ihr wollt – vor allem aber lebend – vor mir lebend unter seiner eigenen kleinen Bürde, mein Zimmer durchmessen hatte, mit all seiner unbewußten Schmiegsamkeit, die noch aus dem Quell der Kümmernis selbst Trost schöpfen konnte. Es war die gleiche Stimmung, die gleiche und doch eine andere, wie ein wankelmütiger Gefährte, der einen heute auf den rechten Weg und morgen mit denselben Augen, demselben Schritt und derselben Lebhaftigkeit hoffnungslos in die Irre führt. Sein Schritt war selbstbewußt, seine unsteten, verdunkelten Augen schienen nach etwas im Zimmer umherzuspähen. Einer seiner Tritte klang lauter als der andere – was wahrscheinlich an seinen Stiefeln lag – und erweckte den sonderbaren Eindruck einer unsichtbaren Hemmung in seinem Gang. Eine Hand steckte tief in der Hosentasche, die andre schwang er plötzlich über seinem Kopf. »Die Tür zuschlagen!« schrie er. »Ich habe darauf gewartet. Ich will noch zeigen... Ich will... Ich bin zu allem bereit... Ich habe davon geträumt ... Himmel! Heraus aus all dem hier... Himmel! Das ist doch endlich Glück. Warten Sie nur... Ich will...«

Er schüttelte trotzig den Kopf, und ich gestehe, daß ich, zum ersten- und letztenmal während unserer Bekanntschaft, unversehens gewahr wurde, daß ich ihn gründlich satt hatte. Wozu diese Prahlerei? Er stampfte, die Arme närrisch schwenkend, durch das Zimmer und tastete ab und zu auf seiner Brust nach dem Ring unter seinen Kleidern. Was sollte das aufgeregte Getue bei einem Mann, der als Handlungsgehilfe angestellt werden sollte, und noch dazu an einem Platz, wo es keinen Handel gab? Warum das Weltall herausfordern? Das war nicht die richtige Geistesverfassung, um an irgendein Unternehmen zu gehen; eine ungeeignete Geistesverfassung, nicht nur für ihn, sagte ich, sondern für jeden Menschen. Er blieb vor mir stehen. Ob ich wirklich so dächte? fragte er, keineswegs herabgestimmt und mit einem Lächeln, in dem ich plötzlich etwas Anmaßendes zu entdecken glaubte. Aber ich bin eben auch um zwanzig Jahre älter als er. Die Jugend ist anmaßend; es ist ihr Recht – ihre Notwendigkeit; sie muß sich behaupten, und jede Selbstbehauptung in dieser Welt der Zweifel ist eine Herausforderung, eine Anmaßung. Er ging in eine ferne Zimmerecke, und als er zurückkam, machte er sich daran, mich, bildlich gesprochen, zu zerreißen. Ich spräche so, weil ich – selbst ich, der ich so endlos gut zu ihm gewesen sei – nicht vergessen könnte, was – was geschehen war. Und gar die andern – die – die – Welt! War es denn ein Wunder, daß er heraus wollte, um jeden Preis, und draußen bleiben wollte – das weiß Gott! Und da redete ich noch von einer richtigen Geistesverfassung!

»Nicht wir sind es, die Welt und ich, die nicht vergessen können. Sie, Sie können nicht vergessen.«

Er zuckte nicht mit der Wimper und fuhr hitzig fort: »Alles und jedermann, jedermann vergessen.« ... Seine Stimme sank... »Außer Ihnen«, fügte er hinzu.

»Ja – mich auch – wenn es helfen würde«, sagte ich, gleichfalls leise. Hiernach verstummten wir für eine Weile, wie erschöpft. Dann fing er von neuem in ruhigem Ton an und sagte mir, daß Herr Stein ihm geraten habe, um unnütze Ausgaben zu vermeiden, etwa einen Monat zuzusehen, ob es ihm möglich sein würde, zu bleiben, bevor er anfinge, sich ein neues Haus zu bauen. Komische Ausdrücke gebrauchte er – Herr Stein. »Unnütze Ausgaben« war gut. »...Bleiben?« Aber selbstverständlich. Er würde schon bleiben. Nur hineinkommen müsse er – weiter nichts; er stehe gut dafür, er würde bleiben. Niemals wieder herauskommen. Es war leicht genug, zu bleiben.

»Seien Sie nicht vermessen«, sagte ich, von seinem drohenden Ton in unbehagliche Stimmung versetzt. »Wenn Sie lange genug leben, werden Sie auch zurückkommen wollen.«

»Was könnte mich wohl bewegen, zurückzukommen?« fragte er abwesend und heftete seine Augen auf das Zifferblatt einer Wanduhr.

Ich schwieg eine Weile. »So ist es also für immer?« sagte ich. – »Für immer«, wiederholte er träumerisch, ohne mich anzusehen; dann brach er in plötzliche Lebhaftigkeit aus. »Himmel! Zwei Uhr, und ich fahre um vier?«

Das stimmte. Eine Schonerbrigg der Firma Stein sollte am Nachmittag nach dem Westen in See gehen, und er hatte Weisung, mitzufahren, doch war nicht Befehl gegeben worden, die Abfahrt hinauszuschieben. Stein mußte es vergessen haben. Jim rannte davon, um seine Sachen zu holen, während ich auf mein Schiff ging, wo er mich auf seinem Weg nach der Außenreede noch einmal zu besuchen versprach. Er fand sich auch ein, in größter Eile, mit einem Lederköfferchen in der Hand. Das konnte nicht genügen, und ich bot ihm einen alten wasserdichten oder wenigstens dampfdichten Blechkoffer an. Er besorgte das Umpacken, indem er den Inhalt seines Köfferchens einfach ausschüttete, wie man einen Weizensack leeren würde. Ich sah drei Bücher in dem Haufen; zwei kleine in dunklen Einbänden und einen dicken grünen Band mit Goldschnitt – eine billige Gesamtausgabe von Shakespeare. »Sie lesen das?« fragte ich. »Ja. Das Beste, was es gibt, um einen aufzuheitern«, sagte er hastig. Mich setzte diese Würdigung in Erstaunen, aber es war keine Zeit, um über Shakespeare zu reden. Ein schwerer Revolver und zwei kleine Schachteln mit Patronen lagen auf dem Kajütentisch. »Bitte, nehmen Sie den«, sagte ich. »Vielleicht hilft er Ihnen, zu bleiben.« Kaum waren mir die Worte entschlüpft, als ich merkte, welch grausame Bedeutung sie haben könnten. »Vielleicht hilft er Ihnen, hineinzukommen«, verbesserte ich mich reuig. Er kümmerte sich jedoch keineswegs um versteckte Anspielungen; er dankte mir überschwenglich, stürzte hinaus und rief mir über die Schulter weg Lebewohl zu. Ich hörte durch die Schiffswand, wie er seine Bootsführer zur Eile antrieb, und sah durch die Heckfenster das Boot um die Gillung herumfahren. Er saß vorgebeugt und feuerte seine Leute mit Stimme und Gebärde an. Er hatte den Revolver in der Hand behalten und fuchtelte damit gegen ihre Köpfe, und ich werde niemals die erschrockenen Gesichter der vier Javanesen und den wahnsinnigen Schwung ihrer Ruder vergessen, die mir dieses Bild im Nu entrückten. Als ich mich umwandte, waren die beiden Patronenschachteln auf dem Kajütentisch das erste, was ich sah. Er hatte vergessen, sie mitzunehmen.

Ich ließ sofort mein Gig bemannen; aber Jims Ruderer legten unter dem Eindruck, daß ihr Leben an einem Faden hing, solang sie diesen Verrückten an Bord hatten, ein so rasendes Tempo vor, daß ich, bevor ich noch die Hälfte der Entfernung zwischen den beiden Schiffen zurückgelegt hatte, schon sah, wie er über die Reling kletterte und sein Koffer nachgereicht wurde. Alle Segel der Brigantine waren losgemacht, das Großsegel war gesetzt, und das Ankerspill fing gerade zu knarren an, als ich ihr Deck betrat: der Kapitän, ein schmucker, kleiner Mischling in den Vierzigern, in einem blauen Flanellanzug, mit lebhaften Augen, einem runden, zitronenfarbenen Gesicht und einem dünnen, kleinen, schwarzen Schnurrbart, der zu beiden Seiten seiner wulstigen, dunklen Lippen niederfiel, kam geziert lächelnd auf mich zu. Es zeigte sich, daß er trotz seinem selbstzufriedenen, heiteren Aussehen von kummervoller Gemütsart war. Als Antwort auf eine Bemerkung, die ich machte (während Jim für einen Augenblick hinuntergegangen war), sagte er: »O ja. Patusan.« Er würde den Herrn bis an die Mündung des Flusses bringen, aber »niemals hinaufsteigen«. Sein fließendes Englisch schien einem von einem Wahnsinnigen zusammengestellten Wörterbuch entnommen. Hätte Herr Stein von ihm gewünscht, daß er »hinaufsteige«, so würde er »ehrwürdigst« (wahrscheinlich wollte er sagen »ehrerbietigst« – aber der Teufel mag es wissen) – »ehrwürdigst Gegensätze erhoben haben, wegen der Sicherheit der Besitztümer«. Und wäre er damit nicht durchgedrungen, hätte er sich genötigt gesehen, »seinen Abschied zu quittieren«. Vor einem Jahr habe er seine letzte Reise dorthin gemacht, und obwohl Herr Cornelius Herrn Rajah Allang und den »Hauptvölkern viele Opfer sühnte«, unter Bedingungen, die den Handel zu einem »Fallstrick und zu Asche im Munde« machten, so war doch von »ungeantworteten Haufen« den ganzen Fluß entlang vom Gebüsch aus auf sein Schiff gefeuert worden, was seine Mannschaft genötigt habe, »wegen der Aussetzung der Glieder still in Verstecken zu verharren«, so daß die Brigantine beinahe auf einer Sandbank gestrandet, wo sie »jenseits der Menschenhilfe verderblich gewesen wäre«. Auf seinem breiten, einfachen Gesicht kämpfte ein ehrlicher Abscheu bei dieser Erinnerung mit dem Stolz auf seine Redegewandtheit, der er ein aufmerksames Ohr lieh. Er warf mir finstere und strahlende Blicke zu und beobachtete mit Genugtuung die unleugbare Wirkung seiner Ausdrucksweise. Dunkle Furchen liefen über die ruhige See, und die Brigantine, mit dem Vormarssegel am Mast und dem Großbaum mittschiffs, schien von dem Gekräusel verwirrt. Er erzählte mir noch mit Zähneknirschen, daß der Rajah eine »lachhafte Hyäne« (kann mir nicht vorstellen, wieso er von Hyänen wußte), ein andrer aber hundertmal falscher sei als die »Waffen eines Krokodils«. Während er mit einem Auge auf die Bewegungen der Mannschaft achtete, ließ er seiner Redekunst freien Lauf und verglich den Ort mit »einem Käfig wilder Tiere, die durch lange Unbußfertigkeit reißend geworden sind«. (Ich denke, er meinte Straflosigkeit.) Er habe nicht die Absicht, schrie er, »sich auszustellen, um absichtlich die Räuberei an sich geheftet zu sehen«. Die langgezogenen Rufe, die den Leuten beim Katten des Ankers den Takt angaben, verstummten, und er senkte die Stimme, »über und über genug von Patusan«, schloß er mit Nachdruck.

Ich hörte späterhin, daß er so vorwitzig gewesen war, sich vor des Rajahs Haus inmitten einer Pfütze mit einem hänfenen Strick um den Hals an einen Pfahl binden zu lassen. Er hatte den größten Teil eines Tages und eine Nacht in dieser unangenehmen Lage verbracht, doch es ist aller Grund zur Annahme, daß es nur als eine Art Spaß gemeint war. Er brütete eine Weile über dieser gräßlichen Erinnerung, denke ich, und sprach dann in zänkischem Ton zu dem Mann, der nach achtern ans Ruder kam. Als er sich danach wieder an mich wandte, war sein Ton durchaus sachlich und leidenschaftslos. Er würde den Herrn an die Flußmündung bei Batu Kring bringen. (Stadt Patusan sei »dreißig Meilen innerlich gelegen«, bemerkte er.) Aber in seinen Augen, fuhr er fort – und ein Ton trübseliger, müder Überzeugung war an die Stelle seiner früheren Zungenfertigkeit getreten –, sei der Herr schon »beim Gleichnis eines Leichnams angelangt«. – »Was? Was sagen Sie?« fragte ich. Er nahm eine erschreckend wilde Haltung an und machte mit glänzender Nachahmungskunst die Bewegung des Erdolchens von hinten. »Schon wie der Körper eines Deportierten«, erklärte er mit der unleidlich eingebildeten Miene, wie sie seine Artgenossen anzunehmen pflegen, wenn sie eine Probe von Klugheit geliefert zu haben meinen. Hinter ihm bemerkte ich Jim, der mir schweigend zulächelte und mit einer Geste dem Ausruf Einhalt gebot, den ich schon auf der Zunge hatte.

Dann, während der Mischling, platzend vor Wichtigtuerei, seine Befehle schrie, die Rahen kreischten und die Taue aufgeschossen wurden, drückten Jim und ich uns, unbeachtet und allein, in Lee des Großsegels die Hand und wechselten die letzten eiligen Worte. Mein Herz war befreit von dem dumpfen Gefühl, das sich neben der Teilnahme an seinem Schicksal geregt hatte. Das alberne Geschwätz des Mischlings hatte den schrecklichen Gefahren seiner Zukunft mehr Wirklichkeit gegeben als die vorsichtigen Darlegungen Steins. Bei dieser Gelegenheit schwand die gewisse Förmlichkeit, die unsern Verkehr immer beherrscht hatte, aus unserer Rede; ich glaube, ich nannte ihn »mein lieber Junge«, und er hängte ein paar halbausgesprochenen Dankesworten ein »lieber Alter« an, als ob das Risiko, das er einging, ihn meinen Jahren gleichgesetzt und mir nähergebracht hätte. Es war ein Augenblick wirklicher, inniger Nähe, flüchtig und kurzlebig wie das Aufleuchten einer ewigen, erlösenden Wahrheit. Er gab sich Mühe, mich zu beruhigen, als wäre er der Gereiftere von uns beiden gewesen. »Schon gut, schon gut«, sagte er rasch und mit Wärme. »Ich verspreche, mich in acht zu nehmen. Ja; ich werde mich nicht in Gefahr begeben. Ich denke nicht dran. Ich will ja durchhalten. Grämen Sie sich nicht. Beim Himmel! Ich habe das Gefühl, als könnte nichts mir was anhaben. Was denn – das ist einmal Schweineglück! Das werde ich mir doch nicht verderben!«... Ja, wirklich! Ein seltenes Glück! Aber Glück bedeutet immer so viel, wie die Menschen daraus machen, und wie sollte ich das vorher wissen können! Wie er gesagt hatte – selbst ich, selbst ich konnte das Mißgeschick nicht vergessen, das in seinem Wege stand. So war es das beste für ihn, zu gehen.

Mein Boot war im Kielwasser der Brigantine zurückgeblieben, und ich sah ihn gegen das Licht der untergehenden Sonne, wie er seine Mütze hoch über dem Kopf schwenkte. Ich hörte einen undeutlichen Ruf: »Sie – werden – von – mir – hören.« Meine Augen waren vom Glitzern der See unter ihm zu sehr geblendet, um ihn klar sehen zu können; es war mir schon so bestimmt, daß ich ihn niemals klar sehen sollte; aber ich kann euch versichern, daß kein Mensch weniger »beim Gleichnis eines Leichnams angelangt« sein konnte, wie der Ausdruck des Unglücksraben gelautet hatte. Ich konnte noch das Gesicht des kleinen Jammermenschen, das in Form und Farbe einem reifen Kürbis glich, unter Jims Ellbogen hervorgucken sehen. Auch er hob seinen Arm, gleichsam zu einer nach abwärts zeigenden Bewegung. Absit omen!

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