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Lord Jim

Joseph Conrad: Lord Jim - Kapitel 22
Quellenangabe
typefiction
titleLord Jim
authorJoseph Conrad
translatorHedwig Lachmann
publisherS. Fischer
addressBerlin
year1927
senderreuters@abc.de
created20040806
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Zweiundzwanzigstes Kapitel

Die Eroberung von Liebe, Ehre, Vertrauen – der Stolz und die Macht, die sie gibt, sind ein passender Vorwurf für eine Heldengeschichte; doch es ist die Auswirkung solcher Erfolge, die unsere Gemüter bewegt, und Jims Erfolge hatten keine. Dreißig Meilen Wald schlossen sie von den Augen einer gleichgültigen Welt ab, und der Lärm der weißen Brandung längs der Küste übertönte die Stimme des Ruhms. Der Strom der Zivilisation teilt sich gleichsam an einer Landzunge, hundert Meilen nördlich, zweigt sich nach Osten und Südosten ab und läßt die Täler und Ebenen, die Bäume und das alte Menschengeschlecht von Patusan vernachlässigt und einsam zurück, als ein unbedeutendes, zerbröckeltes Inselchen zwischen den beiden Armen eines mächtigen, reißenden Stromes. Man findet den Namen des Landes ziemlich oft in alten Reisebüchern. Die Kaufleute des siebzehnten Jahrhunderts holten sich dort Pfeffer, denn die Leidenschaft für Pfeffer schien in den Herzen der holländischen und englischen Abenteurer um die Zeit Jakobs des Ersten wie eine Liebesflamme zu brennen. Wo wären sie nicht nach Pfeffer hingegangen! Um einen Sack Pfeffer schnitten sie einander ohne Zögern die Gurgeln durch und schwuren ihre Seelen ab, die sie sonst so sorglich hüteten. Die tolle Hartnäckigkeit dieser Sehnsucht ließ sie dem Tode in tausendfacher Gestalt trotzen; den unbekannten Meeren, den ekelerregenden, seltsamen Krankheiten, Wunden, Gefangenschaft, Hunger, Pest und Verzweiflung. Sie machte sie groß! Beim Himmel! Sie machte sie zu Helden; ja, sie wuchsen in ihrem Kampf mit dem unbeugsamen Tode, der alt und jung seinen Tribut auferlegte, zu fast tragischer Größe an. Es scheint unglaublich, daß bloße Habgier den Menschen zu solchem Zielbewußtsein, zu so blinder, keine Mühe und kein Opfer scheuenden Beharrlichkeit befähigen könne. Und wirklich setzten ja die Leute, die so Leib und Leben wagten, alles, was sie hatten, um kümmerlichen Lohn aufs Spiel. Sie ließen ihre Gebeine an fernen Küsten bleichen, damit den Lebenden in der Heimat Reichtum zuflösse. Uns, ihren minder erprobten Nachfolgern, erscheinen sie groß, nicht als Handelsleute, sondern als die Werkzeuge eines in der Geschichte waltenden Schicksals, die, einer inneren Stimme, einem Trieb ihres Blutes, einem Zukunftstraum gehorchend, in unbekannte Fernen vordrangen. Sie waren wunderbar, und man muß zugeben, sie waren bereit für das Wunderbare. Sie erkannten es an in ihren Leiden, beim Anblick der Meere, in den Sitten fremdartiger Völkerschaften, dem Ruhm mächtiger Herrscher.

In Patusan hatten sie Pfeffer in großen Mengen gefunden und hatten von der Pracht und der Weisheit des Sultans einen großen Eindruck empfangen; doch, man weiß nicht wie, nach einem Jahrhundert wechselvoller Beziehungen gerät das Land allmählich aus dem Verkehr. Vielleicht war der Pfeffer versiegt. Wie dem auch sei, heute kümmert sich niemand darum; der Ruhm ist geschwunden, der Sultan ist ein blödsinniger Knabe mit zwei Daumen an der linken Hand und einem unsicheren, bettelhaften Einkommen, das er einer elenden Bevölkerung herauspreßt und sich von seinen vielen Onkeln stehlen läßt.

All dies weiß ich natürlich von Stein. Er nannte mir ihre Namen und gab mir einen knappen Umriß vom Leben und Charakter eines jeden. Er war gesteckt voll mit Wissen über die Eingeborenenstaaten wie ein amtlicher Bericht, nur bei weitem unterhaltender. Er mußte alles wissen. Er trieb in so vielen Distrikten Handel, und in manchen, wie beispielsweise in Patusan, war seinem Hause allein von den holländischen Behörden durch besondere Erlaubnis eine Niederlassung gestattet worden. Die Regierung vertraute seiner Besonnenheit, und es verstand sich von selbst, daß er das ganze Risiko übernahm. Seine Angestellten verstanden das auch, aber es lohnte sich anscheinend auch für sie der Mühe. Er redete am Morgen beim Frühstück durchaus offen mit mir. Soviel er wußte (die letzten Nachrichten waren, wie er genau feststellte, dreizehn Monate alt), war äußerste Unsicherheit des Lebens und Eigentums an der Tagesordnung. Es gab widerstreitende Gewalten in Patusan, und eine von ihnen war Rajah Allang, der schlimmste von des Sultans Onkeln, der Beherrscher des Flusses, der das Aussaugen und das Stehlen besorgte und die eingeborenen Malaien, die, völlig schutzlos, sich nicht einmal durch Auswandern retten konnten – »denn in der Tat«, bemerkte Stein, »wohin könnten sie gehen und wie sollten sie fortkommen?« – bis zur völligen Ausrottung bedrückte. Die Welt (die von hohen, unzugänglichen Bergen umgeben ist) war dem Hochgeborenen zur Herrschaft übergeben worden, und diesen Rajah kannten sie: er war aus ihrem eigenen Königshause. Ich hatte späterhin das Vergnügen, diesen Herrn kennenzulernen. Es war ein schmutziger, kleiner, aufgebrachter alter Mann mit bösen Augen und einem schwachen Mund, der alle zwei Stunden eine Opiumpille schluckte, der allgemeinen Sitte zum Trotz keine Kopfbedeckung trug und sich das Haar in wilden Strähnen um sein vertrocknetes, finsteres Gesicht hängen ließ. Wenn er Audienz erteilte, pflegte er auf ein bühnenartiges Gestell in einer Halle zu klettern, die mit ihrem Bambusfußboden und dem durch dessen Ritzen sichtbaren zwölf bis fünfzehn Fuß tiefen Haufen von Unrat und Abfall darunter wie eine verfallene Scheune aussah. Dort und in dieser Weise empfing er uns, als ich ihm, von Jim begleitet, einen zeremoniellen Besuch abstattete. Es befanden sich etwa vierzig Leute in dem Raum und vielleicht dreimal soviel unten in dem großen Hofe. Es war eine ständige Bewegung, ein Kommen und Gehen, Stoßen und Raunen in unserem Rücken. Ein paar Jünglinge in bunten Seidengewändern leuchteten aus der Ferne her; die meisten, Sklaven und niedere Vasallen, waren halbnackt, in zerlumpten, mit Asche und Schmutzflecken bedeckten Sarongs. Ich hatte Jim niemals so undurchdringlich ernst, so selbstbeherrscht und hoheitsvoll gesehen. Inmitten dieser dunkelfarbigen Männer schien seine kräftige, weißgekleidete Gestalt mit dem blonden, welligen Haar allen Sonnenschein auf sich zu sammeln, der sich durch die Spalten in den geschlossenen Läden der Halle, mit ihren Mattenwänden und ihrem Strohdach, hindurchzwängte. Er erschien wie ein Geschöpf nicht nur von einer andern Art, sondern von einer andern Wesenheit. Hätten sie ihn nicht in einem Kanoe ankommen sehen, so hätten sie wohl glauben können, er sei von den Wolken zu ihnen herabgestiegen. Er war aber in einem wackeligen Einbaum gekommen, auf einem Blechkoffer, den ich ihm geliehen hatte, sitzend (mit geschlossenen Knien und ganz still, damit das Ding nicht umkippte) – auf seinem Schoß einen Revolver, Marinemodell – den ich ihm beim Abschied geschenkt – den er aber infolge göttlicher Vorsehung oder aus irgendeiner verkehrten Annahme, die ihm ganz ähnlich sah, oder endlich aus unbewußter Klugheit ungeladen mit sich herumzutragen beschlossen hatte. So fuhr Jim den Patusanfluß hinauf. Nichts hätte nüchterner und unsicherer sein, nichts in höherem Grade den Eindruck des Zufälligen, der Verlassenheit machen können. Seltsames Verhängnis, das allen seinen Handlungen das Ansehen einer Flucht gab, einer kopflosen Desertion – eines Sprungs ins Unbekannte.

Gerade das Zufällige daran fällt mir am meisten auf. Weder Stein noch ich hatten einen klaren Begriff von dem, was auf der andern Seite sein mochte, als wir ihn, bildlich gesprochen, auf die Achsel nahmen und ohne viel Umstände über die Mauer hoben. Ich wollte damit einfach nur sein Verschwinden bewerkstelligen. Stein hatte, was recht bezeichnend für ihn war, einen sentimentalen Beweggrund. Er gedachte, die alte Schuld, die er niemals vergessen hatte (mit gleicher Münze, nehme ich an) abzutragen. In der Tat war er sein ganzes Leben hindurch zu jedermann, der von den Britischen Inseln herkam, außerordentlich freundlich gewesen. Sein ehemaliger Wohltäter war allerdings Schotte – sogar in dem Maße, daß er sich Alexander Mc'Neil nannte –, und Jims Heimat lag weit südlich vom Tweed; aber in einer Entfernung von sechs- oder siebentausend Meilen erscheint Großbritannien, wenn auch nicht verkleinert, so doch verkürzt genug, um solche Einzelheiten geringfügig zu machen. Stein war zu entschuldigen, und seine angedeuteten Absichten waren so großmütig, daß ich ihn ernsthaft bat, sie vorläufig noch geheimzuhalten. Ich fühlte, daß keine Erwägung persönlichen Vorteils Jim beeinflussen, daß man es auf solche Beeinflussung gar nicht erst ankommen lassen durfte. Wir hatten mit einer andern Art Wirklichkeit fertig zu werden. Er brauchte eine Zuflucht, und eine Zuflucht um den Preis der Gefahr sollte ihm geboten werden – nichts mehr.

Über jeden andern Punkt war ich vollkommen offen mit ihm, und ich übertrieb sogar (wie ich damals meinte) die Gefahr des Unternehmens. In Wirklichkeit wurde ich ihr nicht gerecht; sein erster Tag in Patusan war beinahe sein letzter – wäre sein letzter gewesen, wenn er nicht so sorglos oder so hart gegen sich gewesen wäre und sich herbeigelassen hätte, den Revolver zu laden. Ich erinnere mich, wie seine störrische, aber müde Resignation allmählich der Überraschung, der Anteilnahme, dem Staunen und der knabenhaften Begierde wich, als ich ihm unseren kostbaren Plan für seine Weltflucht auseinandersetzte. Dies war die Gelegenheit, von der er geträumt hatte. Er konnte nicht begreifen, wie er es verdiente, daß ich... Er wollte gehängt sein, wenn er einsehen könnte, welchem Umstand er es verdankte... und es war Stein, Stein, der Kaufmann, der... doch, natürlich mir hätte er das zu... Ich fiel ihm ins Wort. Er schien wirr im Kopf, und seine Dankbarkeit verursachte mir unerklärliche Qual. Ich sagte ihm, wenn er diese Gelegenheit irgend jemand im besondern verdanke, so einem alten Schotten, von dem er nie gehört habe, der längst tot und von dem kaum mehr in Erinnerung geblieben sei als eine schreiende Stimme und eine rauhe Biederkeit. Er habe wirklich niemand zu danken. Stein lasse einem jungen Mann die Hilfe zukommen, die ihm selbst in seinen jungen Tagen zuteil geworden war, und ich hätte nichts weiter getan, als seinen Namen erwähnt. Bei diesen Worten errötete er und sagte schüchtern, indem er ein Stückchen Papier zwischen den Fingern hin und her drehte, ich hätte ihm stets Vertrauen gezeigt.

Ich gab zu, daß dies der Fall war, und fügte nach einer Pause hinzu, daß ich gewünscht hätte, er wäre immer meinem Beispiel gefolgt. »Sie meinen, ich tue es nicht?« fragte er ängstlich und murmelte in sich hinein, daß man, um das zu zeigen, erst eine Gelegenheit haben müsse; dann aber erhellte sich sein Gesicht, und er beteuerte, daß er mir niemals Veranlassung geben würde, mein Vertrauen zu bereuen, das – das...

»Mißverstehen Sie nicht«, unterbrach ich ihn. »Es liegt nicht bei Ihnen, mich irgend etwas bereuen zu lassen.« Ich würde keine Reue fühlen; wenn aber, so würde es einzig und allein meine Sache sein; andrerseits wollte ich ihm klar zu verstehen geben, daß dieses Abkommen, dieses – dieses – Experiment seine eigene Sache sei; er sei dafür verantwortlich, und niemand sonst. »Wieso? Wieso?« stammelte er. »Dies ist ja gerade das, was ich...« Ich bat ihn, nicht begriffsstutzig zu sein, und er sah ratloser aus als je. Er sei auf dem besten Wege, sich das Leben unerträglich zu machen... »Meinen Sie?« fragte er erschrocken; aber gleich darauf fügte er vertrauensvoll hinzu: »Ich fing doch schon an, es zu etwas zu bringen. Oder nicht?« Es war unmöglich, ihm böse zu sein: ich konnte mich eines Lächelns nicht erwehren und sagte ihm, daß, wer in früheren Zeiten es auf diese Weise zu etwas gebracht, damit geendet habe, ein Einsiedler in der Wildnis zu werden. – »Hol' der Teufel die Einsiedler!« erklärte er mit erfreulicher Offenheit. Natürlich habe er nichts gegen die Wildnis einzuwenden... Das freue mich, sagte ich. Denn ebenda würde er hinkommen. Doch würde er Leben genug dort finden, das glaube ich ihm versprechen zu können. »Ja, ja«, sagte er eifrig. Er habe den Wunsch gezeigt, fuhr ich unbeugsam fort, wegzugehen und die Tür hinter sich zu schließen... »So?« unterbrach er mich mit einer Anwandlung von Düsterkeit, die ihn von Kopf bis zu Fuß wie der Schatten einer vorüberziehenden Wolke einhüllte. Er war doch wirklich wundervoll ausdrucksfähig. Wundervoll! »So?« wiederholte er bitter. »Sie können doch nicht sagen, daß ich viel Aufhebens gemacht habe. Und ich will es auch durchhalten – bloß, zum Donnerwetter! zeigen Sie mir eine Tür!« – »Ganz recht. Gehen Sie!« fiel ich ein. Ich könne ihm das feierliche Versprechen geben, daß sie sich hinter ihm unerbittlich schließen würde. Sein Schicksal, welches es auch sei, würde im Dunkel bleiben, weil das Land, trotz seiner Verkommenheit, zu einer Einmischung noch nicht reif sei. Sobald er einmal darin sei, werde es für die Außenwelt sein, als hätte er niemals gelebt. Er würde nichts haben als die Sohlen seiner beiden Füße, um darauf zu stehen, und würde sich selbst den Boden hierzu erst erobern müssen. »Als hätte ich nie gelebt – das ist das Richtige, bei Gott«, murmelte er vor sich hin. Seine Augen, die an meinen Lippen hingen, funkelten. Wenn er die Bedingungen völlig begriffen hätte, schloß ich, so täte er gut daran, in den erstbesten Wagen zu springen und zu Stein zu fahren, um sich endgültige Weisungen zu holen. Er stürzte aus dem Zimmer, bevor ich meinen Satz ganz beendet hatte.

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