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Lord Jim

Joseph Conrad: Lord Jim - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
titleLord Jim
authorJoseph Conrad
translatorHedwig Lachmann
publisherS. Fischer
addressBerlin
year1927
senderreuters@abc.de
created20040806
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Zwanzigstes Kapitel

Spätabends betrat ich sein Studierzimmer, nachdem ich einen matt erleuchteten, prunkvollen, aber leeren Speisesaal durchschritten hatte. Das Haus war ganz still. Ein ältlicher, schweigsamer javanischer Diener, in einer Art Livree von weißer Jacke und gelbem Sarong, schritt mir voran; nachdem er die Tür geöffnet und mit leiser Stimme »O Herr!« gesagt hatte, trat er beiseite und verschwand auf so geheimnisvolle Weise, als wäre er ein Geist gewesen und hätte sich nur für diesen besonderen Dienst einen Augenblick lang verkörpert. Stein rückte mit seinem Stuhl herum und schob gleichzeitig seine Brille über die Stirn hinauf. Er begrüßte mich mit seiner ruhigen, warmen Stimme. Nur eine Ecke des großen Zimmers, wo sein Schreibpult stand, war von einer verschleierten Studierlampe hell erleuchtet; der übrige Teil des geräumigen Gemachs verschwamm in formloser Dunkelheit, wie eine Höhle. Enge Regale mit dunklen Kästen von gleichmäßiger Form und Farbe reihten sich an den Wänden, nicht vom Fußboden bis zur Decke, sondern wie ein schwarzer, etwa vier Fuß breiter Gürtel. Käferkatakomben. Hölzerne Tafeln hingen in unregelmäßigen Zwischenräumen darüber. Auf eine von ihnen fiel das Licht, und das Wort Coleoptera glänzte in seinen goldenen Buchstaben geheimnisvoll auf. Die Glaskästen, die die Schmetterlingssammlung enthielten, waren in drei langen Reihen auf dünnbeinigen kleinen Tischen aufgestellt. Einer dieser Kästen war von seinem Platz genommen worden und stand auf dem Pult, das mit länglichen, von einer sehr kleinen Handschrift bedeckten Papierstreifen vollgestreut war.

»So sehen Sie mich – so«, sagte er. Seine Hand lag über dem Kasten, wo ein Schmetterling in einsamer Größe seine dunkelbronzenen, etwa sieben Zoll breiten, von zartweißem Geäder durchzogenen und prachtvoll gelbgepunktet umsäumten Flügel ausspannte. »Nur ein einziges solches Exemplar haben Sie in Ihrem London, und das ist alles. Ich werde diese meine Sammlung meiner kleinen Geburtsstadt vermachen. Ein Teil von mir. Das beste.«

Er lehnte sich im Stuhl vor und schaute angespannt, das Kinn über den Kasten gebeugt. Ich stand hinter ihm. »Wunderbar«, flüsterte er und schien meine Gegenwart zu vergessen. Seine Geschichte war merkwürdig. Er war in Bayern geboren und hatte als zweiundzwanzigjähriger junger Mensch tätigen Anteil an der revolutionären Bewegung von 1848 genommen. Da seine Freiheit bedenklich bedroht war, mußte er fliehen und fand zuerst eine Zuflucht bei einem armen republikanischen Uhrmacher in Triest. Von da machte er seinen Weg nach Tripolis, mit einer Mustersammlung billiger Uhren, die er auf den Straßen feilbot. – Allerdings kein sehr großartiger Anfang, der aber doch sein Gutes hatte, denn dort in Tripolis war es, wo er die Bekanntschaft eines holländischen Reisenden machte, eines sehr berühmten Mannes, glaube ich, dessen Name mir aber entfallen ist. Er war Naturforscher, engagierte Stein als eine Art Assistenten und nahm ihn nach dem fernen Osten mit. Sie reisten zusammen und getrennt vier Jahre oder noch länger im Archipel herum und sammelten Insekten und Vögel. Dann kehrte der Naturforscher in seine Heimat zurück, und Stein, der keine Heimat hatte, blieb bei einem alten Händler, den er auf seinen Reisen im Innern von Celebes – wenn man sagen kann, daß Celebes ein Inneres hat – kennengelernt hatte. Dieser alte Schotte, der einzige Weiße, dem zu jener Zeit in dem Lande zu leben gestattet war, war ein Günstling des Oberhauptes der Wajostaaten, das eine Frau war. Stein hat es mir oft erzählt, wie dieser Mensch, der auf der einen Seite leicht gelähmt war, ihn, kurz bevor ein neuer Schlaganfall ihm den Rest gab, am eingeborenen Hofe eingeführt hatte. Er war ein großer Mann mit weißem Patriarchenbart und von ehrfurchtgebietender Gestalt. Er kam in die Ratshalle, wo all die Rajahs, Schranzen und Häuptlinge um ihre Königin versammelt waren, eine fette, runzlige Frau (sehr frei in ihrer Rede, wie Stein sagte), die auf hohem Lager unter einem Baldachin lehnte. »Sieh her, Königin, und ihr, Rajahs, dies ist mein Sohn«, proklamierte er mit Stentorstimme. »Ich habe mit euren Vätern gehandelt, und wenn ich tot bin, soll er mit euch und euren Söhnen handeln.«

In dieser einfachen Form erbte Stein des Schotten Ausnahmestellung und sein ganzes Handelskapital zugleich mit einem befestigten Hause am Ufer des einzigen schiffbaren Flusses im Lande. Kurz danach starb die alte Königin, die so frei in ihrer Rede war, und das Land wurde von verschiedenen Thronanwärtern in Unruhen gestürzt. Stein schloß sich der Partei eines jüngeren Sohnes an, desselben, von dem er dreißig Jahre später nie anders sprach als von »meinem armen Mohammed Bonso«. Sie vollbrachten beide ungezählte Heldentaten; sie bestanden wundervolle Abenteuer und hielten einmal eine vierwöchige Belagerung im Hause des Schotten mit einer Gefolgschaft von nur zwanzig Mann gegen eine ganze Armee aus. Ich glaube, die Eingeborenen sprechen von diesem Krieg bis auf den heutigen Tag. Mittlerweile scheint es Stein aber nicht versäumt zu haben, auf eigene Faust jeden Schmetterling oder Käfer zu beschlagnahmen, dessen er habhaft werden konnte. Nach acht Jahren voll Krieg, Unterhandlungen, falschen Waffenstillständen, plötzlichen Ausfällen, Versöhnung, Verrat und so fort und gerade, als der Friede endgültig befestigt schien, wurde sein armer Mohammed Bonso vor den Toren seiner eigenen Residenz, als er in angeregtester Stimmung von einer erfolgreichen Jagd auf Rehwild zurückkehrte, ermordet. Dieses Ereignis machte Steins Stellung äußerst unsicher, aber er wäre vielleicht geblieben, hätte er nicht kurze Zeit danach Mohammeds Schwester verloren (»meine teure Gattin, die Prinzessin«, pflegte er feierlich zu sagen), die ihm eine Tochter geschenkt hatte. Mutter und Kind starben binnen drei Tagen an einer ansteckenden Krankheit. Er verließ das Land, das ihm durch seinen grausamen Verlust unerträglich geworden war. So endete der erste, abenteuerliche Teil seines Lebens. Der folgende war davon so verschieden, daß, wäre nicht die Wirklichkeit seines Kummers gewesen, diese ganze seltsame Vergangenheit ihm wie ein Traum hätte erscheinen müssen. Er hatte etwas Geld; er fing das Leben neu an und erwarb im Laufe der Jahre ein beträchtliches Vermögen. Anfangs war er ziemlich viel durch die Inseln gereist, aber das Alter kam über ihn, und in der letzten Zeit verließ er nur selten sein geräumiges Haus, das drei Meilen von der Stadt entfernt in einem ausgedehnten Garten gelegen und von Stallungen, Kanzleien und Bambushütten für seine vielen Diener und Untergebenen umgeben war. Er fuhr jeden Morgen in seinem Einspänner zur Stadt, wo er ein Kontor mit weißen und chinesischen Angestellten hatte. Er besaß eine kleine Flotte von Schonern und einheimischen Fahrzeugen und handelte mit Inselprodukten in großem Maßstabe. Im übrigen lebte er einsam, aber nicht menschenscheu, mit seinen Büchern und seiner Sammlung, klassifizierte und ordnete Exemplare ein, stand in Briefverkehr mit den Entomologen ganz Europas und arbeitete an einem beschreibenden Katalog seiner Schätze. Dies war die Geschichte des Mannes, dessen Rat ich über Jims Fall einholen gekommen war, ohne eine bestimmte Hoffnung. Bloß zu hören, was er zu sagen hatte, würde schon eine Erleichterung sein. Ich war sehr erwartungsvoll, aber ich achtete die tiefe, fast leidenschaftliche Versunkenheit, mit der er einen Schmetterling betrachtete, als könnte er in dem bronzenen Schimmer dieser zarten Schwingen, ihren weißen Linien, der prächtigen Zeichnung andere Dinge erblicken, ein Bild von etwas Unvergänglichem, das der Zerstörung widerstand, wie diese leblosen Gewebe, die einen vom Tode unberührten Glanz entfalteten.

»Wunderbar!« wiederholte er und blickte zu mir auf. »Sehen Sie! Die Schönheit – aber das ist noch nichts –, sehen Sie die Vollendung, das Ebenmaß! Und so zart! Und so stark! Und so genau! Das ist Natur – der Ausgleich ungeheurer Kräfte. Jeder Stern ist so – und jeder Grashalm steht so – und der mächtige Kosmos in vollkommenem Gleichgewicht bringt – dies hervor. Dieses Wunder, dieses Meisterwerk der Natur – der großen Künstlerin.«

»Ich habe noch nie einen Entomologen so schwärmen hören«, bemerkte ich aufgeräumt. »Meisterwerk! Und was sagen Sie zum Menschen?«

»Der Mensch ist erstaunlich, aber er ist kein Meisterwerk«, gab er zur Antwort, ohne seine Augen von dem Glaskasten zu erheben. »Vielleicht war die Künstlerin nicht ganz bei Sinnen. He? Was meinen Sie? Manchmal will es mir so scheinen, als wäre der Mensch dahin gekommen, wo er nicht vonnöten, wo kein Platz für ihn ist; denn warum sollte er sich sonst so breitmachen? Warum sollte er von einem Ort zum andern rennen und ein schreckliches Wesen von sich machen, von den Sternen reden, Grashalme zertreten?...«

»Und Schmetterlinge fangen«, fiel ich ein.

Er lächelte, warf sich in seinen Stuhl zurück und streckte die Beine aus. »Setzen Sie sich«, sagte er. »Ich fing dieses seltene Exemplar an einem sehr schönen Morgen. Es war ein großes Erlebnis für mich. Sie können sich nicht vorstellen, was es für einen Sammler bedeutet, solch seltenes Exemplar zu fangen.«

Ich schmunzelte behaglich in meinem Schaukelstuhl. Seine Augen schienen sich weit über die Wand hinaus, auf die sie sich hefteten, in unbestimmte Ferne zu verlieren; und er erzählte, wie, eines Nachts, ein Bote von seinem »armen Mohammed« kam und ihn aufforderte, nach der »Residenz« – wie Stein es nannte – zu kommen, die neun oder zehn Meilen weit entfernt war und zu der man auf einem Reitweg über eine bebaute Ebene gelangte, hie und da mit Waldinseln durchsetzt. Früh am Morgen brach er von seinem befestigten Hause auf, nachdem er seine kleine Emma in die Arme geschlossen und der »Prinzessin«, seinem Weibe, das Kommando übertragen hatte. Er beschrieb, wie sie ihm, eine Hand auf dem Bug des Pferdes, bis ans Tor das Geleite gab; sie trug eine weiße Jacke, goldene Nadeln im Haar und über der linken Schulter einen braunen Ledergürtel mit einem Revolver darin. »Sie redete, wie Frauen reden«, sagte er, »legte mir ans Herz, daß ich mich in acht nehmen und vor Anbrach der Nacht zurück sein sollte und wie unrecht es von mir sei, allein zu gehen. Es war Krieg und das Land nicht sicher; meine Leute legten kugelfeste Laden an das Haus und luden ihre Gewehre, und sie bat mich, ihretwegen nicht in Sorge zu sein. Sie könnte das Haus gegen jedermann verteidigen, bis ich zurückkehrte. Und ich lachte vor Vergnügen. Ich freute mich, sie so tapfer und jung und stark zu sehen. Auch ich war damals noch jung. Am Tor faßte sie meine Hand, drückte sie einmal heftig und ließ sie fallen. Ich hielt mein Pferd draußen an, bis sich die Riegel des Tores hinter mir geschlossen hatten. Einer meiner schlimmen Feinde, ein Mann von sehr hoher Abkunft – und dazu ein großer Schurke –, schweifte mit einer Bande in der Gegend umher. Ich ritt vier, fünf Meilen in kurzem Galopp; es hatte in der Nacht geregnet, aber die Nebel waren aufgestiegen, und das Antlitz der Erde war rein; es lächelte mich an, frisch und unschuldig wie das eines kleinen Kindes. Plötzlich wird eine Salve abgefeuert – zwanzig Schüsse auf einmal mindestens, schien es mir. Ich höre das Schwirren der Kugeln an meinem Ohr, und mein Hut rutscht mir in den Nacken. Es war eine kleine Intrige, Sie verstehen. Sie veranlaßten meinen armen Mohammed, nach mir zu schicken, und legten mir dann einen Hinterhalt. Ich übersehe alles in einer Minute und überlege – dies erfordert ein bißchen Geschicklichkeit. Mein Pony wiehert, bäumt sich und steht still, und ich sinke langsam mit meinem Kopf auf seine Mahne. Es fängt zu gehen an, und mit einem Auge sehe ich über seinen Hals hinweg, zu meiner Linken, vor einem Busch Bambusstauden eine dünne Rauchwolke hängen. Ich denke: ›Aha! meine Freunde, warum wartet ihr nicht ein bißchen länger, bevor ihr schießt? Dies ist euch noch nicht gelungen. O nein!‹ Ich greife mit der Rechten – leise – leise – nach meinem Revolver. Es waren im ganzen nur sieben solche Kerle. Sie stehen vom Grase auf und machen sich mit aufgenommenen Sarongs ans Rennen, schwingen Speere über ihren Köpfen und schreien einander zu, das Pferd zu greifen, weil ich tot sei. Ich ließ sie so nah kommen wie diese Tür hier, und dann – puff, puff, puff, jedesmal gezielt noch dazu. Noch einen Schuß feure ich auf eines Mannes Rücken, aber ich verfehle ihn. Zu weit schon. Und dann sitze ich allein auf meinem Pferd, den klaren Himmel über mir und die Körper dreier Männer vor mir auf der Erde. Der eine war wie ein Hund zusammengekauert, der andere lag auf dem Rücken und hatte einen Arm über den Augen, als wollte er sich vor der Sonne schützen, und der dritte zieht sein Bein sehr langsam hoch und streckt es mit einem Stoß wieder gerade. Ich beobachte ihn aufmerksam von meinem Pferd aus, aber er bleibt ganz ruhig, rührt sich nicht mehr. Und wie ich nach seinem Gesicht blicke, um noch ein Zeichen des Lebens zu entdecken, sehe ich einen schwachen Schatten über seine Stirn huschen. Es war der Schatten dieses Schmetterlings. Sehen Sie sich die Form des Flügels an. Diese Art fliegt hoch und sehr rasch. Ich hob meine Augen und sah ihn davonflattern. Ich denke – kann es möglich sein?‹ Und dann verlor ich ihn. Ich stieg herunter, nahm mein Pferd am Zügel und meinen Revolver in die andere Hand und blickte rechts und links, nach allen Seiten. Schließlich sah ich ihn zehn Fuß weit entfernt auf einem kleinen Schmutzhaufen sitzen. Mein Herz fing heftig an zu schlagen. Ich lasse mein Pferd los, halte meinen Revolver in der einen Hand und reiße mit der andern meinen weichen Filzhut vom Kopf. Ein Schritt. Sachte. Noch ein Schritt. Patsch! Ich hatte ihn! Als ich mich erhob, zitterte ich vor Erregung wie eine Feder, und als ich diese wundervollen Flügel öffnete und mich überzeugte, was für ein seltenes und außergewöhnlich vollkommenes Exemplar ich hatte, drehte sich mir der Kopf, und meine Beine überkam eine solche Schwäche, daß ich mich auf die Erde setzen mußte. Als ich noch für den Professor sammelte, war es mein sehnlicher Wunsch gewesen, ein solches Exemplar zu erjagen. Ich unternahm lange Reisen und legte mir große Entbehrungen auf. Ich hatte in meinem Schlaf von ihm geträumt, und hier hatte ich ihn plötzlich in meinen Fingern – ganz für mich! Wie der Dichter sagt:

»So halt' ich's endlich denn in meinen Händen
Und nenn' es in gewissem Sinne mein.«

Er sprach das letzte Wort mit verschwebender Stimme, wodurch es einen besonderen Nachdruck erhielt, und wandte sein Gesicht langsam von mir ab. Er begann schweigend und emsig eine langgestielte Pfeife zu stopfen und blickte mich dann wieder, den Daumen auf die Öffnung des Pfeifenkopfs drückend, bedeutsam an.

»Ja, ja, mein guter Freund. An jenem Tage blieb mir nichts mehr zu wünschen übrig. Ich hatte meinen Hauptfeind tüchtig geärgert; ich war jung, stark; ich besaß Freundschaft; die Liebe einer Frau war mein; ich hatte ein Kind, das mein Herz erfüllte – und selbst das, wovon ich in meinem Schlaf geträumt hatte, war mir in die Hände gefallen!«

Er zündete ein Streichholz an, das hell aufflackerte. Sein gedankenvolles, ruhiges Gesicht zuckte flüchtig.

»Freund, Weib, Kind«, sagte er langsam und starrte auf die kleine Flamme – »phh!« Das Streichholz war ausgeblasen. Er seufzte und wandte sich wieder zum Glaskasten. Die zarten, herrlichen Flügel bebten leise, als hätte sein Atem für einen Augenblick dieses prachtvolle Ziel seiner Träume wiederbelebt.

Die »Arbeit«, begann er dann wieder in seinem gewöhnlichen sanften und heiteren Ton und deutete auf die Papierstreifen auf seinem Pult, »schreitet tüchtig vorwärts. Ich war dabei, dies seltene Exemplar zu beschreiben... Na! Und was bringen Sie Neues?«

»Um Ihnen die Wahrheit zu sagen, Stein«, sagte ich mit einer Anstrengung, die mich überraschte, »ich kam hierher, um Ihnen auch ein Exemplar zu beschreiben...«

»Schmetterling?« fragte er ungläubig und belustigt.

»Nichts so Vollkommenes«, antwortete ich, plötzlich von allerhand Zweifeln entmutigt. »Einen Menschen!"

»Ach so!« murmelte er, und sein mir zugewandtes, lächelndes Gesicht wurde ernst. Dann sagte er langsam, während er mich ansah: »Nun – ich bin auch ein Mensch.«

Da habt ihr ihn, wie er war; er wußte einen so großmütig zu ermuntern, daß ein überängstlicher Mann dicht vor dem Bekenntnis fast noch ein wenig zögern konnte; wenn ich aber zögerte, so war es nicht für lange.

Er saß mit gekreuzten Beinen da und hörte mich bis zu Ende an. Bisweilen verschwand sein Kopf völlig in einer dicken Rauchwolke, und ein teilnehmendes Knurren ertönte dahinter vor. Als ich geendet hatte, setzte er sich gerade, legte seine Pfeife nieder und beugte sich, die Ellbogen auf die Armlehne seines Stuhls gestützt und die Fingerspitzen aneinandergeschlossen, mit ernster Miene zu mir vor.

»Ich verstehe sehr gut. Er ist romantisch.«

Er hatte die Diagnose des Falls für mich gestellt, und ich war zuerst ganz verwundert darüber, wie einfach die Sache war. In der Tat glich unser Beisammensein so sehr einer ärztlichen Konsultation – Stein, mit seinem gelehrten Aussehen, in einem Armstuhl vor seinem Tisch; ich, besorgt, etwas seitlich von ihm –, daß es ganz natürlich schien, zu fragen:

»Was ist da zu machen?«

Er hob einen langen Zeigefinger in die Höhe.

»Es gibt nur ein Mittel. Nur eines kann uns davon heilen, daß wir wir selber sind!« Der Finger kam mit einem kurzen Schlag auf das Pult herunter. Der Fall, den er vorhin so einfach hingestellt hatte, wurde womöglich noch einfacher – allerdings gänzlich hoffnungslos. Es entstand eine Pause. »Ja«, sagte ich, »streng genommen ist die Frage nicht, wie man geheilt werden kann, sondern wie man leben soll.«

Er stimmte mit einem Kopfnicken zu, etwas trübe, wie mir schien. »Ja! Ja! Wie Ihr großer Dichter sagt: Das ist die Frage...« Er nickte nochmals. »Ach ja! Sein... wie das!«

Er erhob sich, die Fingerspitzen auf den Tisch gestützt. »Wir wollen auf so verschiedene Weise sein. Dieser prachtvolle Schmetterling findet einen kleinen Schmutzhaufen und bleibt still darauf sitzen; aber der Mensch will niemals auf seinem Schmutzhaufen stillsitzen. Bald will er so sein, und bald will er wieder so sein...« Er hob die Hand und ließ sie wieder sinken... »Er will ein Heiliger sein, und er will ein Teufel sein, und sooft er die Augen zumacht, sieht er sich als einen sehr feinen Kerl – so fein, wie er niemals sein kann... Im Traum...«

Er ließ den Glasdeckel herunter, der mit scharfem Klang in das automatische Schloß einschnappte, nahm den Kasten mit beiden Händen auf und trug ihn mit priesterlicher Würde an seinen Platz zurück, schritt aus dem hellen Kreis der Lampe in das mattere Licht – in formlose Dämmerung zuletzt. Es machte einen seltsamen Eindruck – als hätten die paar Schritte ihn aus dieser dinglichen, verworrenen Welt hinausgeführt. Seine große Gestalt schwebte, als wäre sie ihrer Körperlichkeit entkleidet, lautlos, mit unbestimmten Bewegungen, über unsichtbaren Dingen; seine Stimme kam aus der Ferne her, wo man ihn schattenhaft hantieren sah, und klang nicht mehr eindringlich und nüchtern, sondern dröhnte voll und schwer – gedämpft durch die Entfernung.

»Und weil man die Augen nicht immer geschlossen halten kann, kommt dann das wirkliche Leid – der Seelenschmerz – der Weltschmerz. Ich sage Ihnen, mein Freund, es ist keine leichte Sache, dahinterzukommen, daß man seinen Traum nicht verwirklichen kann, daß man nicht stark genug oder nicht gescheit genug dazu ist. Ja!... Und dabei ist man doch solch feiner Kerl! Wie? Was? Gott im Himmel! Wie ist das möglich? Ha! Ha! Ha!«

Der Schatten, der sich zwischen den Gräbern der Schmetterlinge zu schaffen machte, lachte geräuschvoll.

»Ja! Diese schreckliche Sache ist sehr merkwürdig. Ein Mensch, der dazu geboren ist, fällt in einen Traum, wie ein anderer ins Meer fällt. Wenn er versucht, in die Luft herauszuklettern, wie unerfahrene Menschen es mitunter wagen, so ertrinkt er – nicht wahr?... Nein! Ich sage Ihnen: Das Rechte ist, sich dem toddrohenden Element zu unterwerfen und mit der Bewegung der Hände und Füße im Wasser zu bewirken, daß das tiefe, tiefe Meer einen trägt. Wenn Sie mich also fragen – wie man sein soll?«

Seine Stimme gewann außerordentlich an Kraft, als wäre er dort im Schatten durch eine geflüsterte Eingebung erleuchtet worden. »Ich will es Ihnen sagen! Auch hierfür gibt es nur einen Weg.«

Mit einem eiligen Schlurren seiner Pantoffel tauchte er im gedämpften Licht und gleich darauf im hellen Schein der Lampe auf. Seine ausgestreckte Hand zielte auf meine Brust wie eine Pistole; seine tiefliegenden Augen schienen mich zu durchbohren, aber seine zuckenden Lippen brachten kein Wort hervor, und das streng erhabene Gefühl einer Gewißheit, die ihm das Dunkel eingegeben hatte, schwand aus seinem Gesicht. Die Hand, die nach meiner Brust gezeigt hatte, sank, er trat einen Schritt näher an mich heran und legte sie mir auf die Schulter. Es gebe Dinge, sagte er voll Trauer, die vielleicht nie gesagt werden könnten, doch habe er so viel allein gelebt, daß er manchmal vergesse – er vergesse. Das Licht hatte die Sicherheit zerstört, die ihn im fernen Schatten beseelt hatte. Er setzte sich und rieb sich, beide Ellbogen auf das Pult gestützt, die Stirn. »Und dennoch ist es wahr – es ist wahr. Sich dem toddrohenden Element hingeben ...« Er sprach in gedämpftem Ton, ohne mich anzusehen, die Hände zu beiden Seiten des Gesichts. »Das war der Weg. Dem Traum folgen, und nochmals dem Traum folgen – und so – ewig – usque ad finem...« Sein überzeugtes Flüstern schien vor mir eine ausgedehnte, unbestimmte Weite aufzutun, wie die eines dämmerigen Horizonts über einer Ebene, bei Morgengrauen – oder vielleicht bei einbrechender Nacht? Es ließ sich schwer entscheiden; aber es war ein bezauberndes und trügerisches Licht, das seinen linden Schleier über Fallstricke und Gräber warf. Steins Leben hatte mit Aufopferung begonnen; mit der Begeisterung für große Ideen, er war sehr weit gereist, auf verschiedenen Wegen, auf seltsamen Pfaden, und was immer er unternommen, er hatte es getan, ohne zu wanken, und darum ohne Scham und ohne Reue. Insofern hatte er recht. Das war der Weg, ohne Zweifel. Trotzdem lag die große Ebene, auf der die Menschen zwischen Gräbern und Fallstricken umherirren, sehr öde da unter dem linden Schleier des Dämmerlichts, verdunkelt in ihrem Mittelpunkt und von einem grellen Rande umsäumt, als ob ein Flammenabgrund sie umkreiste. Als ich schließlich das Schweigen brach, war es, um der Meinung Ausdruck zu geben, daß niemand romantischer sein könnte als er selbst. Er schüttelte langsam den Kopf und sah mich dann mit einem geduldigen und forschenden Blick an. Es sei ein Schande, sagte er. Da säßen wir und plauderten wie zwei Knaben, anstatt unsere Köpfe zusammenzustecken, um etwas Zweckmäßiges herauszufinden. – Ein zweckmäßiges Gegenmittel – gegen das Übel – gegen das große Übel – wiederholte er mit einem milden, nachsichtigen Lächeln. Doch unser Gespräch wurde darum doch nicht sachlicher. Wir vermieden, Jims Namen auszusprechen, als hätten wir Fleisch und Blut aus unserer Unterhaltung ausschalten wollen oder als wäre er nichts als ein irrender Geist, ein leidender und namenloser Schatten gewesen. »Na!« sagte Stein und erhob sich. »Heute nacht schlafen Sie hier, und am Morgen werden wir etwas Zweckmäßiges – Zweckmäßiges tun...« Er zündete einen zweiarmigen Leuchter an und ging mir voran. Wir kamen durch leere, dunkle Zimmer, vom Licht der Kerzen in Steins Hand begleitet. Der Schein glitt über gewachste Böden, hie und da über die glatte Fläche eines Tisches, hüpfte über die vorspringende Biegung eines Möbelstückes oder sprang senkrecht in fernen Spiegeln aus und ein, während man die Gestalten zweier Männer und das Flackern zweier Flammen kurz die glasige Leere durchqueren sah. Er ging langsam, artig vorgebeugt, einen Schritt voraus; eine tiefe, sozusagen lauschende Ruhe lag auf seinem Gesicht; die langen, lachsfarbenen, von weißen Fäden durchzogenen Locken hingen spärlich über seinen leicht gebogenen Nacken.

»Er ist romantisch – romantisch«, wiederholte er. »Und das ist sehr schlimm – sehr schlimm... Auch sehr gut«, fügte er hinzu. – »Aber ist er?« fragte ich.

»Gewiß«, sagte er und stand mit dem Leuchter in der Hand still, doch ohne mich anzusehen. »Offenbar! Was ist es, das durch inneren Schmerz ihn sich selbst erkennen läßt? Was ist es, das für Sie und mich ihm – Sein gibt?«

In diesem Augenblick war es schwer, an Jims Dasein zu glauben – der aus einem ländlichen Pfarrhaus kam, im menschlichen Getriebe wie hinter Staubwolken untergetaucht, von den über ihm zusammenschlagenden Forderungen des Lebens und des Todes in einer kalten Welt erdrückt schien – doch seine unvergängliche Wirklichkeit drängte sich mir mit überzeugender, mit unwiderstehlicher Macht auf! Ich sah sie in lebhaften Farben, als wären wir auf unserem Gang durch die hohen, stillen Räume, bei den tanzenden Glanzlichtern und den in unergründlichen, durchsichtigen Tiefen plötzlich auftauchenden menschlichen Gestalten mit flackernden Kerzen, der nackten Wahrheit nähergekommen, die, wie die Schönheit selbst, rätselhaft, trügerisch, von Wellen überschäumt, in den stillen Wassern des Geheimnisses treibt. »Vielleicht ist er«, gab ich mit einem leichten Lachen zu, dessen unvermutet lauter Schall mich sofort die Stimme dämpfen ließ; »aber ich bin sicher, daß Sie sind.« Er schritt weiter mit hochgehaltenem Licht und auf die Brust gesenktem Kopf. »Nun ja – ich bin auch«, sagte er.

Er ging mir voran. Meine Augen folgten seinen Bewegungen, aber ich sah nicht das Haupt der Firma, den willkommenen Gast bei Nachmittagsempfängen, den Korrespondenten gelehrter Gesellschaften und Gastfreund wandernder Naturforscher; ich sah nur die Wesenhaftigkeit seines Schicksals, dem er mit nie wankenden Schritten zu folgen verstanden hatte, dieses in bescheidener Umgebung begonnene Leben, das reich war an großherziger Begeisterung, an Freundschaft, Liebe, Krieg – an all dem überschwenglichen Beiwerk der Romantik. An der Tür meines Zimmers sah er mir ins Gesicht. »Ja«, sagte ich, als führe ich in einem Gespräch fort, »und unter anderm träumten Sie törichterweise von einem gewissen Schmetterling; aber als Ihnen eines Morgens Ihr Traum in den Weg kam, ließen Sie sich die glänzende Gelegenheit nicht entgehen. Nicht wahr? Während er...« Stein erhob die Hand. »Und wissen Sie denn, wie viele Gelegenheiten ich mir entgehen, wie viele Träume ich fahren ließ, die mir begegnet waren?« Er schüttelte bedauernd den Kopf. »Mir scheint, daß manche davon sehr schön gewesen wären – wenn ich sie verwirklicht hätte. Wissen Sie, wie viele? Vielleicht weiß ich es selbst nicht.« – »Ob nun seine Träume schön waren oder nicht«, sagte ich, »er weiß von einem, den er bestimmt nicht greifen konnte.« – »Jedermann weiß von einem oder mehreren solchen«, erwiderte Stein; »und das ist der Kummer – der große Kummer..

Er gab mir auf der Schwelle die Hand und warf unter seinem erhobenen Arm einen Blick in mein Zimmer. »Schlafen Sie wohl. Und morgen müssen wir etwas Zweckmäßiges – etwas Zweckmäßiges tun...«

Obwohl sein eigenes Zimmer neben dem meinen lag, sah ich ihn den Weg zurückgehen, den wir gekommen waren. Er ging noch einmal zu seinen Schmetterlingen.

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