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Lord Jim

Joseph Conrad: Lord Jim - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
titleLord Jim
authorJoseph Conrad
translatorHedwig Lachmann
publisherS. Fischer
addressBerlin
year1927
senderreuters@abc.de
created20040806
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Achtzehntes Kapitel

Sechs Monate später schrieb mir mein Freund (er war ein zynischer Junggeselle, der über das mittlere Alter hinaus war, im Ruf der Verschrobenheit stand und eine Reismühle besaß) und erging sich, da er wohl aus der Wärme meiner Empfehlung entnommen hatte, daß ich es gerne hören würde, in Lobpreisungen über Jims Vorzüge. Sie waren anscheinend von einer ruhigen, wirksamen Art. »Da ich bisher für jegliches Individuum meiner Gattung nicht mehr habe aufbringen können als resignierte Duldsamkeit, so habe ich bis jetzt allein in einem Haus gelebt, das selbst in diesem siedeheißen Klima als zu groß für einen einzelnen Mann gelten muß. Ich habe ihn vor einiger Zeit veranlaßt, bei mir zu wohnen. Es scheint, daß dies kein Fehlgriff war.« Es kam mir beim Lesen dieses Briefes vor, als ob mein Freund in seinem Herzen mehr als Duldsamkeit für Jim entdeckt hätte – daß er eine wirkliche Freundschaft für ihn zu empfinden begann. Natürlich gab er sehr bezeichnende Gründe hierfür an. Der erste war, daß Jim in dem Klima seine Frische bewahrte. Wäre er ein Mädchen gewesen – schrieb mein Freund –, so hätte man sagen können, daß er blühe – bescheiden blühe – wie ein Veilchen, nicht wie eine dieser schreiend grellen tropischen Blumen. Er sei nun schon sechs Wochen in seinem Haus und habe ihm bislang noch nicht auf die Schulter geklopft und »alter Knabe« zu ihm gesagt oder ihn so behandelt, daß er sich als vorsintflutliches Tier vorkommen müsse. Er habe auch nicht die ermüdende Schwatzhaftigkeit des jungen Mannes. Er sei gutmütig, habe nicht viel zu sagen, sei – Gott sei Dank – keineswegs klug, schrieb mein Freund. Doch schien es, daß Jim klug genug war, um den Witz des Hausherrn würdigen zu können, während diesem seine Natürlichkeit Spaß machte. »Der Tau liegt noch auf ihm, und ich komme mir selber weniger abgelebt vor, seit ich den glücklichen Einfall hatte, ihm ein Zimmer in meinem Hause anzubieten, und er die Mahlzeiten mit mir teilt. Neulich setzte er es sich in den Kopf, durchs ganze Zimmer zu gehen, einfach nur, um die Tür für mich zu öffnen; seit Jahren habe ich mich nicht so in Verbindung mit der Menschheit gefühlt. Lächerlich, nicht wahr? Natürlich spüre ich, daß er irgend etwas angestellt hat, worüber Sie Bescheid wissen – aber wenn es auch eine schlimme Sache ist, so meine ich doch, man sollte ihm verzeihen können. Was mich angeht, so traue ich es ihm höchstens zu, daß er Äpfel vom Baum gestohlen hat. Ist es viel schlimmer? Sie hätten mich vielleicht aufklären sollen; aber wir beide sind nun schon seit so langer Zeit Heilige geworden, daß Sie die Jahre, wo wir noch sündigten, wahrscheinlich schon aus dem Gedächtnis verloren haben. Vielleicht, daß ich Sie eines Tages fragen werde, und dann erwarte ich, daß Sie mir Aufschluß geben. Ich mag ihn nicht selber fragen, bis ich eine Ahnung habe, was es sein kann, überdies ist es auch noch zu früh. Mag er ruhig erst noch ein paarmal die Tür für mich aufmachen...« Soweit mein Freund. Ich war dreifach erfreut – über Jims gute Führung, über den Ton des Briefs und meine eigene Klugheit. Offenbar hatte ich gewußt, was ich tat. Ich verstand mich auf Charaktere, und so weiter. Wie, wenn sich daraus gar etwas Unerwartetes und Wundervolles entwickeln würde? An jenem Abend, da ich unter dem Schatten meines Sonnensegels in einem Deckstuhl lag (es war im Hafen von Hongkong), legte ich den ersten Stein zu einem Luftschloß für Jim.

Ich machte eine kurze Fahrt nach Norden, und als ich zurückkehrte, fand ich einen zweiten Brief meines Freundes vor. Ich öffnete ihn vor allen andern. »Soviel ich weiß, fehlen mir keine Löffel, ich habe mich nicht danach erkundigt. Er ist fort, mit Hinterlassung eines förmlichen Entschuldigungsbriefchens auf dem Frühstückstisch, das entweder dumm oder herzlos ist. Wahrscheinlich beides – mir ganz einerlei. Gestatten Sie mir zu sagen – falls Sie noch mehr solche geheimnisvolle junge Männer auf Lager haben sollten –, daß ich meinen Laden geschlossen habe, endgültig und für immer. Dies ist die letzte Schrulle, der ich nachgegeben habe. Glauben Sie ja nicht, daß ich mich einen Pfifferling drum schere; doch man vermißt ihn sehr bei den Tennispartien, und so habe ich um meinetwillen eine annehmbare Lüge im Klub vorgebracht...« Ich warf den Brief beiseite und machte mich daran, den Stoß auf meinem Tisch durchzugehen, wobei mir ein Schreiben von Jim in die Hände kam. Ist es zu glauben, wie der Zufall oft spielt? Jener kleine Zweite Maschinist der Patna war in einem ziemlich trostlosen Zustand aufgetaucht und hatte eine zeitweilige Beschäftigung dadurch gefunden, daß man ihn die Maschinen in der Reismühle nachsehen ließ.

»Ich konnte die Vertraulichkeit des kleinen Kerls nicht ertragen«, schrieb Jim von einem Seehafen aus, der siebenhundert Meilen südlich von dem Platze lag, wo ich ein so weiches Nest für ihn gefunden hatte. »Ich befinde mich zur Zeit bei Egström & Blake, Schiffslieferanten, als ihr – nun – ihr Laufbursche, um das Ding beim rechten Namen zu nennen. Als Referenz habe ich ihnen Ihren Namen genannt, den sie natürlich kennen, und wenn Sie ein Wort zu meinen Gunsten einlegen wollten, so könnte es eine dauernde Stellung sein.« Ich war ganz zermalmt unter den Ruinen meines Luftschlosses, aber natürlich schrieb ich, wie gewünscht. Vor Ende des Jahres hatte ich eine Fahrt dorthin zu machen und hatte dabei Gelegenheit, ihn zu sehen.

Er war noch bei Egström & Blake, und wir trafen uns in dem sogenannten »Salon«, in den man vom Laden gelangte. Er hatte gerade wieder einem Schiff seinen Geschäftsbesuch gemacht und kam mit gesenktem Kopf auf mich zu, gefaßt auf eine Standpredigt. »Was haben Sie zu Ihrer Entschuldigung vorzubringen?« begann ich, sobald wir uns begrüßt hatten. – »Was ich Ihnen schrieb – nichts mehr«, sagte er störrisch. – »Hat der Kerl geschwatzt – oder was sonst?« fragte ich. Er sah mich mit einem verlegenen Lächeln an: »O nein! Das nicht. Er machte es zu einer vertraulichen Angelegenheit zwischen uns. Er tat höchst geheimnisvoll, jedesmal, wenn ich in die Mühle kam. Er blinzelte mir vertraulich zu, als wollte er sagen: wir wissen, was wir wissen. Ganz unverschämt kriecherisch und vertraulich, und so...« Er warf sich in einen Stuhl und starrte auf seine Beine. »Eines Tages waren wir zufällig allein, und der Kerl hatte die Frechheit zu sagen: ›Nun, Herr James‹ – man nannte mich dort Herr James, als wäre ich der Sohn des Hauses gewesen –, ›da sind wir also wieder einmal zusammen. Hier ist es besser als auf dem alten Schiff – was?‹... War es nicht schauderhaft? Ich sah ihn an, und er machte ein verständnisvolles Gesicht. ›Haben Sie keine Bange, Herr‹, sagte er. ›Ich weiß, was ein Gentleman ist, und ich weiß, wie ein Gentleman fühlt. Ich hoffe, Sie werden mich hier nicht herausschmeißen. Ich habe sowieso eine schlimme Zeit gehabt, seit dem Krach wegen der alten, klapperigen Patna.‹ Herrgott! Es war entsetzlich. Ich weiß nicht, was ich gesagt oder getan hätte, wenn mich nicht gerade Herr Denver gerufen hätte. Es war Frühstückszeit, und wir gingen zusammen über den Hof und durch den Garten nach dem Hause. Er fing mich in seiner liebenswürdigen Art zu necken an... Ich glaube, er hatte mich gern...«

Jim schwieg eine Weile.

»Ich weiß, daß er mich gern hatte. Gerade das erschwerte die Sache so. Solch prachtvoller Mensch! An jenem Morgen schob er seine Hand unter meinen Arm... Auch er tat vertraut mit mir.« Er brach in ein kurzes Lachen aus und ließ das Kinn auf die Brust fallen. »Pah! Wenn ich daran dachte, wie dieser unverschämte kleine Bengel mit mir gesprochen hatte« – seine Stimme fing plötzlich zu zittern an –, »so bekam ich einen Widerwillen vor mir selber... Sie wissen vermutlich...« Ich nickte... »Beinahe wie ein Vater«, rief er; seine Stimme brach. »Ich hätte ihm die Wahrheit sagen müssen. Ich konnte es nicht so weitergehn lassen – finden Sie nicht auch?« – »Nun?« fragte ich nach einer Weile. – »Ich zog es vor, zu gehen«, sagte er leise; »diese Sache muß begraben sein.«

Wir hörten, wie draußen im Laden Blake seinem Partner Egström mit scheltend erhobener Stimme Vorwürfe machte. Sie waren seit Jahren zusammen, und jeden Tag, von dem Augenblick, da die Türen geöffnet wurden, bis zur letzten Minute, wo sie sich schlossen, konnte man hören, wie Blake, ein kleiner Mann mit schlichtem, glänzend schwarzem Haar und kleinen runden Augen, seinen Kompagnon mit verbissener Wut herunterschimpfte. Der Ton dieses immerwährenden Gekeifes gehörte zum Haus wie das Inventar; selbst Fremde kamen sehr bald dazu, es nicht zu beachten, oder sie murmelten »verflucht« durch die Zähne und standen auf, um die Tür des Salons zu schließen. Egström selbst, ein knochiger, plumper Skandinavier mit riesigem blondem Schnurrbart, ließ sich in seiner Geschäftigkeit nicht stören, erteilte Befehle, kontrollierte Pakete, schrieb an einem Stehpult im Laden Briefe und Rechnungen und benahm sich bei dem Gebelfer genau so, als wäre er stocktaub gewesen. Ab und zu ließ er ein verlegenes, ziemlich gleichgültiges »Ssst« hören, das ohne Wirkung blieb und auch keine erwartet hatte. »Sie sind hier ganz anständig zu mir«, sagte Jim. »Blake ist ein kleiner Kaffer, aber mit Egström ist gut auszukommen.« Er stand rasch auf und ging auf ein Teleskop zu, das in der Fensternische auf einem Dreifuß stand und auf die Reede gerichtet war. Er sah durch. »Das Schiff, das heute morgen ohne Wind draußen lag, hat jetzt eine Brise in die Segel bekommen und kommt herein«, sagte er resigniert; »ich muß ihm entgegenfahren.« Wir schüttelten uns schweigend die Hände, und er wandte sich zum Gehen. »Jim!« rief ich. Er drehte sich um, mit der Hand auf der Klinke. »Sie – Sie haben so etwas wie das große Los fortgeworfen.« Er kam noch einmal zu mir zurück. »Solch ein prächtiger alter Herr«, sagte er. »Wie konnte ich! Wie konnte ich?« Seine Lippen zuckten. »Hier kommt es nicht drauf an.« – »Oh! Sie – Sie –« fing ich an und suchte nach einem passenden Wort, aber bevor mir noch das rechte Wort einfiel, war er fort. Ich hörte Egströms tiefe sanfte Stimme zu ihm mit Herzlichkeit sagen: »Das ist die Sarah W. Granger, Freund Jim. Sie müssen machen, daß Sie zuerst an Bord kommen«, und gleich fiel Blake, nach Art eines wütenden Kakadus, schreiend ein: »Sagen Sie dem Kapitän, daß wir etwas von seiner Post hier haben. Das wird ihn herbringen. Hören Sie, Herr Dingsda?« Und Jim antwortete Egström mit einem knabenhaften Klang in seiner Stimme. »Schon gut. Ich laufe den andern den Rang ab.« Er schien sich ins Segeln geflüchtet zu haben, wie in den besten Teil dieses traurigen Geschäftsbetriebs.

Auf dieser Fahrt sah ich ihn nicht mehr, aber bei der nächsten (ich hatte Verfrachtungsvertrag für sechs Monate) ging ich wieder in den Laden. Zehn Meter weit von der Tür hörte ich schon Blakes Schimpfen, und als ich hereinkam, warf er mir einen ganz jammervollen Blick zu; Egström hingegen trat freundlich lächelnd auf mich zu und streckte mir seine knochige Hand entgegen. »Freue mich, Sie zu sehen, Kapitän... Ssst... dachte mir schon, daß Sie wieder hier fällig sind. Was sagen Sie?... Ssst... Oh! Er! Er ist nicht mehr bei uns. Bitte, kommen Sie in den Salon«... Nachdem die Tür zugefallen war, wurde Blakes erhobene Stimme schwach, wie die eines Menschen, der verzweifelt in einer Einöde herumschreit... »Hat uns arg im Stich gelassen... hat sich schlecht gegen uns benommen – ich muß sagen...« – »Wo ist er hin? Wissen Sie es?« fragte ich. – »Nein. Es hat auch keinen Wert, nachzuforschen«, sagte Egström und stand bärtig und dienstfertig vor mir, mit linkisch niederhängenden Armen und einer dünnen, silbernen Uhrkette, die tief über einer zerknitterten blauen Sergeweste baumelte. »Ein Mann wie er hat kein bestimmtes Ziel.« Ich war zu bestürzt über die Mitteilung, um eine Erklärung dieses Ausspruchs zu verlangen, und er fuhr fort: »Er verließ uns – warten Sie mal – gerade an dem Tage, da ein vom Roten Meer zurückkehrender Dampfer mit Pilgern an Bord hier einlief, weil er zwei Schaufeln vom Propeller verloren hatte. Es ist jetzt drei Wochen her.« – »War nicht irgendwie die Rede von der Patna-Geschichte?« fragte ich, das Schlimmste befürchtend. Er fuhr in die Höhe und sah mich an, als wäre ich ein Hexenmeister: »Jawohl, ja! Wieso wissen Sie das? Ein paar Leute sprachen hier davon. Ein paar Kapitäne, der Direktor von Vanlos Maschinenwerkstätte am Hafen, zwei oder drei andere und ich. Jim war auch da, bei einem Butterbrot und einem Glas Bier; wenn wir Arbeit haben, Kapitän, nicht wahr, bleibt keine Zeit zu einem ordentlichen Frühstück. Er stand am Tisch und aß, und wir guckten durch das Teleskop nach dem Schiff, das hereinkam, und dabei fing der Direktor von Vanlo an, von dem Kapitän der Patna zu reden; er hatte einmal ein paar Reparaturen für ihn gemacht, und kam so darauf zu reden, was für eine alte Ruine die Patna war und was noch für Geld aus ihr herausgeschlagen worden war. Er erwähnte ihre letzte Reise, und dann fielen wir alle ein. Einer sagte dies, einer sagte jenes – nicht viel – was Sie oder sonstwer sagen würden; und dann wurde gelacht. Kapitän O'Brien von der Sarah W. Granger, ein großer, lauter, alter Mann mit einem Stock – er saß in diesem Lehnstuhl und hörte uns zu –, stieß plötzlich mit dem Stock auf den Fußboden und brüllte heraus: ›Schweinehunde!‹... Wir fuhren alle zusammen. Vanlos Direktor blinzelt uns zu und fragt: ›Was ist los, Kapitän O'Brien?‹ – ›Was los ist! Was los ist!‹ schrie der alte Mann; ›was habt denn ihr Indianer zu lachen? Dabei ist nichts zu lachen. Es ist eine Schande für die menschliche Natur – das ist es. Ich möchte nicht im selben Zimmer mit einem von den Kerlen gesehen werden. Jawohl, mein Herr!‹ Er richtete seinen Blick auf mich, und ich mußte aus Höflichkeit etwas sagen. ›Schweinehunde‹, sage ich, ›Sie haben ganz recht, Kapitän O'Brien, und ich möchte sie selbst nicht hier haben. Sie haben also in diesem Zimmer nichts zu befürchten. Wollen Sie nicht etwas Kühles zu trinken haben?‹ – ›Hol der Teufel Ihre Plempe, Egström!‹ sagte er mit glitzernden Augen. ›Wenn ich was zu trinken will, werde ich es schon sagen. Ich mache mich auf den Weg. Es stinkt hier jetzt.‹ Hierüber brachen alle in Lachen aus und gingen mit dem alten Mann fort. Und dieser verteufelte Jim legt das Butterbrot hin, das er in der Hand hatte, und geht um den Tisch herum auf mich zu; sein volles Glas Bier stand noch da. ›Ich gehe‹, sagt er – nichts weiter. – ›Es ist noch nicht halb zwei‹, sage ich; ›paffen Sie noch erst ein paar Züge.‹ Ich dachte, er wollte sagen, daß es Zeit für ihn sei, an seine Arbeit zu gehen. Als ich begriff, was er meinte, fielen mir die Arme herunter – so. Ich bekomme nicht alle Tage einen solchen wie ihn; er verstand das Segeln wie kein zweiter. Es machte ihm nichts aus, meilenweit, bei jedem Wetter, einem Schiff entgegenzufahren. Mehr als einmal kam es vor, daß ein Kapitän noch ganz voll von dem Eindruck zu uns hereintrat, und das erste, was er sagte, war: ›Das ist ein waghalsiger Narr, den Sie da zum Wasserkommis haben, Egström! Ich war gerade dabei, mich um Tagesanbruch unter geminderten Segeln hereinzutasten, da kommt aus dem Nebel dicht unter meinem Vordersteven ein Boot hervorgeschossen, halb unter Wasser, im Spritzwasser bis über den Masttopp, mit zwei erschrockenen Negern auf dem Boden und einem Kerl am Steuer, der wie ein Teufel schreit: ›He! He! Schiff ahoi! ahoi! Kapitän! He! He! Der Mann von Egström & Blake will zuerst mit Ihnen sprechen! He! He! Egström & Blake! Hallo! He! Hupp!‹ Den Negern einen Tritt – Reffe losgemacht – mitten in einer Bö – saust voraus und brüllt mir zu, Segel zu setzen, er wolle mir den Weg weisen – eher ein Teufel als ein Mensch. Ich habe in meinem ganzen Leben noch nie jemand so mit einem Boot umgehen sehen. Er kann doch nicht betrunken gewesen sein – was? so ein ruhiger, sanft redender Bursche noch dazu – errötete wie ein Mädchen, als er an Bord kam...‹ Ich sage Ihnen, Kapitän Marlow, niemand konnte bei einem fremden Schiff gegen uns aufkommen, wenn Jim draußen war. Die anderen Schiffslieferanten behielten nur gerade ihre alten Kunden und...«

Egström schien ganz überwältigt von Gefühlen.

»Wahrhaftig, ich kann sagen, es wäre ihm nicht zuviel gewesen, in einem alten Trog hundert Meilen ins Meer hinauszufahren, um für die Firma ein Schiff zu kapern. Wenn das Geschäft sein eigenes und erst in die Höhe zu bringen gewesen wäre, hätte er sich nicht mehr anstrengen können. Und nun... auf einmal... auf diese Weise! Ich denke bei mir: ›Aha! Weht der Wind daher? Gehaltserhöhung – das ist der Punkt.‹ Ich sage: ›Sie haben es doch nicht nötig, einen Sums mit mir zu machen. Sagen Sie, wieviel Sie haben wollen. Alles was recht ist.‹ Er sieht mich an, als müßte er etwas hinunterschlucken, was ihm in der Kehle steckengeblieben ist. ›Ich kann nicht bei Ihnen bleiben.‹ – ›Was faseln Sie da?‹ frage ich. Er schüttelt den Kopf, und ich konnte es ihm an den Augen ansehn, daß er schon so gut wie fort war. Nun machte ich mich über ihn her und beschimpfte ihn, daß es rauchte. ›Wovor laufen Sie weg?‹ frage ich. ›Wer ist Ihnen zu nah gekommen? Was treibt Sie fort von hier? Sie haben nicht soviel Verstand wie eine Ratte; die verlassen kein gutes Schiff. Wo wollen Sie eine bessere Stelle bekommen? Sie – na – dies und das.‹ Ich machte ihm ganz übel, sage ich Ihnen. ›Unser Schiff sinkt noch nicht‹, sage ich. Er sprang in die Höhe. ›Leben Sie wohl!‹ sagt er und nickt mir zu wie ein Lord, ›geben Sie sich keine solche Mühe, Egström. Ich versichere Ihnen, Sie würden mich gar nicht behalten wollen, wenn Sie meine Gründe wüßten.‹ – ›Das ist der größte Unsinn, den Sie je im Leben gesagt haben. Ich weiß, was ich will.‹ Er machte mich so närrisch, daß ich lachen mußte. ›Können Sie nicht wenigstens so lange bleiben, bis Sie dies Glas Bier ausgetrunken haben, Sie komischer Kauz, Sie?‹ Ich weiß nicht, was über ihn kam; er schien die Tür nicht finden zu können. Es war ganz komisch, sage ich Ihnen, Kapitän. Ich trank das Bier selbst. ›Nun, wenn Sie es so eilig haben, dann Prost!‹ sage ich. ›Nur, achten Sie wohl auf das, was ich Ihnen sage: wenn Sie es so weitertreiben, dann ist die Erde bald nicht mehr groß genug für Sie.‹ Er gab mir einen finsteren Blick und stürzte hinaus mit einem Gesicht, das kleine Kinder erschreckt hätte.«

Egström schnaufte schmerzlich und strich sich durch den bernsteingelben Schnurrbart. »Ich habe seitdem keinen finden können, der was taugte. Nichts als Ärger, Ärger, Ärger im Geschäft. Und wo haben Sie ihn auf getrieben, Kapitän, wenn es erlaubt ist, zu fragen?«

»Er war der Erste Offizier der Patna auf jener Reise«, sagte ich, in dem Gefühl, daß ich eine Erklärung schuldig war. Eine Weile blieb Egström still und vergrub seine Finger in den Haaren. Dann brach er los: »Und wer zum Teufel kümmert sich darum?« – »Wahrscheinlich niemand«, begann ich... »Und was zum Teufel ist denn mit ihm los, daß er soviel Wesens daraus macht?« Er stopfte sich plötzlich die linke Schnurrbarthälfte in den Mund und stand ganz paff da. »Jerum!« rief er aus, »habe ich ihm nicht gesagt, daß die Erde nicht groß genug für seine Bocksprünge sein würde?«

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