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Lord Jim

Joseph Conrad: Lord Jim - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
titleLord Jim
authorJoseph Conrad
translatorHedwig Lachmann
publisherS. Fischer
addressBerlin
year1927
senderreuters@abc.de
created20040806
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Siebzehntes Kapitel

Er kam schließlich herein; aber ich glaube, es war hauptsächlich wegen des Regens; der strömte gerade mit verheerender Gewalt, ließ aber allmählich nach, während wir sprachen. Jim trat sehr nüchtern und gesetzt auf, sein Benehmen war das eines von Natur schweigsamen, von einer Idee besessenen Mannes. Ich redete von der materiellen Seite seiner Lage; ich hatte nur das eine Ziel im Auge, ihn vor Erniedrigung, völligem Ruin und Verzweiflung, wie sie dort draußen einen freund- und heimatlosen Mann so rasch umfängt, zu retten; ich drang in ihn, meine Hilfe anzunehmen; ich brachte vernünftige Gründe vor; und jedesmal, wenn ich zu seinem jugendlichen, umdüsterten Gesicht aufblickte, hatte ich das unbehagliche Gefühl, daß ich ihm keine Hilfe gewährte, sondern vielmehr einem geheimnisvollen, unerklärlichen und unnennbaren Begehren seiner wunden Seele hemmend im Wege stand.

»Ich denke, Sie haben die Absicht, in der üblichen Weise zu essen, zu trinken und unter Dach zu schlafen«, entsinne ich mich, in gereiztem Ton gesagt zu haben. »Sie sagen, daß Sie das Geld, das Ihnen zukommt, nicht anrühren wollen« ... Er machte eine abwehrende Gebärde. (Als Offizier der Patna hatte er noch den Sold von drei Wochen und fünf Tagen zugute.) »Nun, das ist in jedem Fall zu wenig, um in Betracht zu kommen; aber was werden Sie morgen tun? Wohin wollen Sie sich wenden? Sie müssen leben...« – »Das ist nicht das Wesentlichste«, entfuhr es ihm kaum hörbar. Ich überhörte es und fuhr fort, das zu bekämpfen, was ich für die Skrupel eines übertriebenen Feingefühls hielt. »Aus hundert einleuchtenden Gründen«, schloß ich, »müssen Sie zulassen, daß ich Ihnen helfe.« – »Es steht nicht in Ihrer Macht«, sagte er sanft und einfach und von irgendeiner Idee beherrscht, die ich wie einen Weiher durchs Dunkel schimmern sah; doch verzweifelte ich daran, je nahe genug hinzugelangen, um sie ergründen zu können. Ich betrachtete seinen gutgebauten Körper. »Wie dem auch sei«, sagte ich, »ich kann wenigstens dem Teil von Ihnen helfen, den ich sehe. Mehr beanspruche ich nicht.« Er schüttelte zweiflerisch den Kopf, ohne mich anzusehn. Ich wurde sehr warm. »Aber ich kann es«, beharrte ich. »Ich kann noch mehr tun. Ich tue mehr. Ich vertraue Ihnen...« – »Das Geld...« begann er. – »Wahrhaftig, Sie verdienen, daß man Sie zum Teufel schickt«, rief ich mit gemachter Entrüstung. Er war erschrocken, lächelte, und ich lenkte ein. »Das Geld kommt überhaupt gar nicht in Frage. Sie sind zu oberflächlich«, sagte ich (und zur gleichen Zeit dachte ich bei mir selbst: ›So, da hast du's, und vielleicht habe ich es gerade erraten') »Sehen Sie hier diesen Brief, den ich Ihnen mitgeben will. Ich schreibe an einen Mann, den ich nie um eine Gefälligkeit gebeten habe, und ich schreibe über Sie in Ausdrücken, die man nur von einem guten Freunde gebraucht. Ich übernehme die unbedingte Verantwortung für Sie. Das tue ich. Und wenn Sie sich einen Augenblick überlegen, was das bedeutet...«

Er hob den Kopf. Der Regen hatte aufgehört; nur die Traufe draußen vor dem Fenster fuhr fort, mit läppischem Trip-trip Tränen zu vergießen. Es war lautlos still in dem Zimmer, in dessen Ecken die Schatten, fern von dem Lichtkreis der aufrechten dolchförmigen Kerzenflamme, sich zusammendrängten; nach einer Weile erschien sein Gesicht von dem Abglanz eines sanften Lichts übergossen, als wäre der Morgen schon angebrochen.

»Herrgott!« stieß er hervor. »Es ist edel von Ihnen!« Hätte er mir plötzlich im Hohn die Zunge herausgestreckt, hätte ich mich nicht mehr gedemütigt fühlen können. Ich dachte bei mir selbst: ›Geschieht mir recht, was habe ich mich mausig zu machen?‹... Seine Augen glänzten mir gerade entgegen, doch es war kein Spott darin. Auf einmal geriet er in zuckende Bewegung, wie ein Hampelmann an der Schnur. Seine Arme gingen in die Höhe und fielen, schwapp, wieder herunter, er wurde ein ganz andrer Mensch. »Und ich habe es nie bemerkt«, schrie er; dann biß er sich auf die Lippen und runzelte die Stirn. »Was für ein störrischer Esel ich gewesen bin«, sagte er sehr langsam, in zerknirschtem Ton,... »Sie sind ein Hauptkerl«, rief er dann mit erstickter Stimme. Er riß meine Hand an sich, als hätte er sie zum erstenmal gesehen, und ließ sie sofort wieder los. »Bei Gott! Das ist es, was ich – Sie – ich...« Er stotterte, und dann begann er schwerfällig, mit einem Rückfall in seine alte, ich möchte sagen, bockbeinige Art: »Ich wäre ein Vieh, wenn ich jetzt noch...« Seine Stimme versagte. »Es ist schon gut«, meinte ich. Ich war beinahe erschrocken über diesen Gefühlsausbruch, durch den eine seltsam gehobene Stimmung hindurchschimmerte. Ich hatte, sozusagen, versehentlich an der Schnur gezogen; ich verstand mich nicht recht auf den Mechanismus des Spielzeugs, »Ich muß jetzt gehen«, sagte er. »Bei Gott! Sie haben mir geholfen. Kann nicht still sitzen. Gerade das richtige...« Er sah mich mit verwirrter Bewunderung an. »Gerade das richtige ...«

Gewiß war es das richtige. Es war zehn gegen eins zu wetten, daß ich ihn vom Hungertod gerettet hatte, von jener besonderen Gattung, die stets, fast ausnahmslos, mit Trinken verbunden ist. Das war alles. Ich machte mir darüber nicht das geringste vor, wunderte mich aber, wie ich ihn so sah, wie wohl das Bild aussehen mochte, das er sich während der letzten drei Minuten so offensichtlich in den Kopf gesetzt hatte. Ich hatte ihm die Mittel aufgezwungen, die unumgänglichen Angelegenheiten des Lebens in geziemender Weise zu erledigen, sich in der üblichen Weise Nahrung und Wohnung zu verschaffen, während sein verwundeter Geist, wie ein flügellahmer Vogel, in einen Winkel hüpfen und flattern mochte, um dort an Ermattung zu sterben. Was ich ihm aufgedrängt hatte, war eine entschieden geringfügige Sache; und – siehe! durch die Art, wie er es aufnahm, schwoll es im trüben Licht der Kerze zu einem großen, undeutlichen, vielleicht gefährlichen Schatten an. »Sie sind mir nicht böse, daß ich nichts Passendes zu sagen weiß«, platzte er heraus. »Dazu kann man ja gar nichts sagen. Schon gestern abend haben Sie mir unendlich wohl getan. Daß Sie mir zugehört haben – wissen Sie. Ich gebe Ihnen mein Wort, ich habe öfter als einmal gedacht, der Schädel müßte mir in Stücke gehen...« Er schoß – buchstäblich schoß – hierhin und dorthin, stieß die Hände in die Taschen, zog sie wieder heftig heraus, setzte die Mütze auf. Ich hätte ihm soviel Lebhaftigkeit gar nicht zugetraut. Er kam mir vor wie ein trockenes Blatt, das ein Wirbelwind erfaßt hat, und eine geheime Furcht, ein unbestimmbarer Zweifel drückten mich in meinen Stuhl nieder. Mit einmal stand er unbeweglich still, wie von einer plötzlichen Erkenntnis gebannt. »Sie haben mir Vertrauen geschenkt«, erklärte er nüchtern. – »Oh! ums Himmels willen, mein Lieber, lassen Sie das doch!« beschwor ich ihn, als hätte er mich verletzt. – »Gut. Ich werde jetzt und fortan schweigen. Sie können mich aber nicht hindern, zu denken... Tut nichts!... Ich will noch beweisen...« Er ging rasch zur Tür, blieb mit gesenktem Kopf stehen und kam dann mit bedächtigen Schritten zurück. »Ich habe immer gedacht, wenn man ein neues Leben beginnen könnte... und nun haben Sie... gewissermaßen... ja... ein neues Leben.« Ich winkte mit der Hand, und er schritt hinaus, ohne zurückzublicken; sein Tritt verhallte hinter der geschlossenen Tür – der mutige Tritt eines Mannes, der dem hellen Tageslicht entgegengeht.

Ich aber, allein gelassen mit der einsamen Kerze, ich fühlte mich durchaus nicht erleuchtet. Ich war nicht mehr jung genug, um auf Schritt und Tritt die Herrlichkeit ins Auge zu fassen, die unsere Pfade in Glück und Unglück umsäumt. Ich mußte lächeln bei dem Gedanken, daß von uns beiden schließlich er derjenige war, der im Lichte ging. Und ich fühlte Trauer. Ein neues Leben, sagte er? Als ob das Anfangswort eines jeden Schicksals nicht in unauslöschlichen Lettern in einen Felsblock eingegraben wäre!

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