Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Joseph Conrad >

Lord Jim

Joseph Conrad: Lord Jim - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
titleLord Jim
authorJoseph Conrad
translatorHedwig Lachmann
publisherS. Fischer
addressBerlin
year1927
senderreuters@abc.de
created20040806
Schließen

Navigation:

Sechzehntes Kapitel

Die Zeit kam, da ich ihn, umgeben von Liebe, Vertrauen, Bewunderung und unter dem Strahlenschein einer Legende der Kraft und Tapferkeit sehen sollte, wie einen Helden. Es ist wahr – ich versichere es euch; so wahr ich hier sitze und euch ein Bild von ihm zu geben versuche. Er wiederum hatte die Fähigkeit, sich jederzeit seinen Traum und seine Sehnsucht vor Augen stellen zu können, ohne die es in der Welt keinen Liebenden und keinen Abenteurer gäbe. Er errang sich im Urwald viel Ehre und arkadische Glückseligkeit – von Unschuld will ich nicht reden –, und das bedeutete für ihn ebensoviel, wie für einen andern die Ehren und das Glück der großen Welt. Glück, Glück – wie soll ich sagen? – schäumt unter jedem Breitengrad in goldenem Becher: in dir, in dir allein ist das, was seine Würze ausmacht, und du selbst kannst dir den Trunk berauschend machen, so sehr du willst. Er war von der Art, die tief schlürft, wie ihr euch ja nach dem Vorhergehenden denken könnt. Ich fand ihn, wenn auch nicht gerade berauscht, so doch erhitzt von dem Elixier an seinem Munde. Er hatte es nicht sofort erreicht. Er hatte erst, wie ihr wißt, eine Prüfungszeit unter verruchten Schiffslieferanten durchzumachen gehabt, die ihm viel Leiden und mir Sorgen verursacht hatte, da ich mich doch gleichsam für ihn verbürgt hatte. Ich weiß nicht, ob ich selbst jetzt schon völlig beruhigt bin, nachdem ich ihn in seinem ganzen Glanz erschaut habe. So habe ich ihn zuletzt gesehen, – herrschend, doch in völligem Einklang mit seiner Umgebung – dem Leben der Wälder und dem Leben der Menschen. Ich gestehe, daß ich einen starken Eindruck empfing, muß aber vor mir selbst zugeben, daß dieser Eindruck kein bleibender war. Er war durch seine Einsamkeit geschützt, in inniger Berührung mit der Natur, die ihren Liebhabern so reichlich ihre Treue vergilt. Doch bringe ich es immer noch nicht fertig, mir ihn wahrhaft in Sicherheit zu denken. Ich werde ihn immer so vor Augen haben, wie ich ihn durch die offene Tür meines Zimmers sah, als er sich die äußeren Folgen seiner Verfehlung vielleicht zu sehr zu Herzen nahm. Ich freue mich natürlich, daß meine Bemühungen etwas Gutes – ja sogar etwas wie Glanz – gezeitigt haben; doch manchmal will es mir scheinen, als wäre es für meine Gemütsruhe besser gewesen, wenn ich nicht zwischen ihm und Chesters verfänglich großmütigem Anerbieten gestanden hätte. Ich möchte wohl wissen, was seine üppige Phantasie aus der Insel Walpole gemacht hätte – diesem hoffnungslos in den Fluten des Meeres verlorenen Krümel dürren Landes. Ich hätte wohl kaum je davon erfahren, denn ich muß euch sagen, daß Chester, nachdem er einen australischen Hafen angelaufen hatte, um seinen vorsintflutlichen Kahn zu flicken, mit einer Bemannung von insgesamt zweiundzwanzig Köpfen in den Stillen Ozean hinausdampfte und daß die einzigen Nachrichten, die möglicherweise auf sein geheimnisvolles Schicksal Bezug haben können, die Meldungen von einem Orkan sind, der etwa einen Monat später über die Walpoleriffe weggefegt sein soll. Von den Argonauten zeigte sich nie wieder eine Spur. Finis. Der Stille Ozean ist der verschwiegenste aller lebendigen, aufbrausenden Ozeane: der eisige Antarktische kann ja auch ein Geheimnis bewahren, doch mehr in der Art eines Grabes.

Und in dieser Verschwiegenheit spüren wir etwas wie selige Endgültigkeit, in die wir uns alle mehr oder weniger aufrichtig fügen, denn was könnte uns sonst die Vorstellung des Todes erträglich machen? Das Ende! Finis! Das zwingende Wort, das das Gespenst des Schicksals aus dem Haus des Lebens vertreibt. Das eben vermisse ich – trotz dem Zeugnis meiner Augen und seinen eigenen ernsthaften Versicherungen –, wenn ich auf Jims Erfolg zurückblicke. Solange das Leben währt, lebt die Hoffnung; richtig; aber auch die Furcht. Ich will nicht sagen, daß ich meine Handlungsweise bereue oder etwa gar schlaflose Nächte deswegen hätte; und doch drängt sich der Gedanke auf, daß er soviel Wesens aus seiner Schande machte, während es allein auf die Schuld ankommt. Er war für mich – wie soll ich sagen – nicht durchsichtig. Er war nicht klar. Und man darf argwöhnen, daß er über sich selbst auch nicht klar war. Er hatte seine verfeinerte Empfindlichkeit, seine verfeinerten Gefühle und Wünsche – eine Art übersteigerter, vergeistigter Selbstsucht. Er war – wenn ich so sagen darf – sehr verfeinert; sehr verfeinert – und sehr unglücklich. Eine etwas gröbere Natur hätte die Spannung nicht ertragen; sie wäre mit einem Seufzer, einem Stöhnen oder selbst mit einem Aufschrei darüber weggekommen; eine noch gröbere wäre mit Ahnungslosigkeit gepanzert und völlig gleichgültig geblieben.

Aber er war zu anziehend oder zu unglücklich, als daß man ihn den Hunden oder auch nur Chester hätte vorwerfen mögen. Das empfand ich, während ich über mein Papier gebeugt dasaß, und er in meinem Zimmer litt und kämpfte und so furchtbar verstohlen nach Atem rang; ich empfand es, als er auf die Veranda hinausstürmte, als wollte er sich hinunterstürzen – und es doch nicht tat; ich empfand es mehr und mehr, während er draußen stand und sich undeutlich vom Hintergrund der Nacht abhob, als stünde er am Ufer eines finsteren, hoffnungslosen Meeres.

Ein plötzliches schweres Gerumpel ließ mich aufblicken. Das Geräusch schien vorüberzurollen, und dann fiel ein greller, forschender Schein auf das blinde Antlitz der Nacht. Das blendende Flackern schien unmeßbar lange anzuhalten. Das Grollen des Donners nahm zu, während ich nach Jim hinsah, der sich scharf und dunkel am Gestade eines Meers von Licht abhob. In dem Augenblick, als das Leuchten seinen Höhepunkt erreicht hatte, strömte in einem letzten Krachen die Nacht zurück, und er entschwand meinen geblendeten Augen so völlig, als wäre er in Atome zerstoben. Ein ungestümer Seufzer wurde laut; wütende Hände schienen an den Sträuchern zu reißen, die Baumwipfel zu schütteln, Türen zuzuschlagen, Fensterscheiben zu zertrümmern. Er trat herein, schloß die Tür hinter sich und fand mich über den Tisch gebeugt: meine plötzliche Angst vor dem, was er sagen würde, raubte mir fast den Atem. »Könnte ich eine Zigarette haben?« fragte er. Ich schob ihm die Schachtel hin, ohne den Kopf zu heben. »Ich muß – muß Tabak haben«, stammelte er. Ich atmete erleichtert auf. »Einen Augenblick«, brummte ich vergnügt. Er schritt ein paarmal auf und ab. »Das ist vorbei«, hörte ich ihn sagen. Ein einzelner, ferner Donnerschlag tönte wie ein Notsignal vom Meere her. »Der Monsun kommt früh dies Jahr«, klang es im Gesprächston hinter mir. Dies gab mir den Mut, mich umzusehen; ich hatte gerade den letzten Umschlag adressiert. Er rauchte in gierigen Zügen, mitten im Zimmer, und obwohl er das Geräusch, das ich gemacht hatte, gehört haben mußte, blieb er noch eine Weile mit dem Rücken gegen mich gekehrt.

»So – ich habe mich nun ziemlich durchgebissen«, sagte er und drehte sich plötzlich um. »Ein Teil ist abbezahlt – nicht alles. Ich bin neugierig, was nun kommt.« Sein Gesicht zeigte keine Erregung, es schien nur ein wenig dunkel und geschwollen, als hätte er lange den Atem angehalten. Er lächelte widerstrebend, wie es schien, und fuhr fort, während ich stumm zu ihm aufsah... »Ich danke Ihnen übrigens – Ihr Zimmer – wahre Wohltat – für einen, der so flügellahm ist...« Der Regen prasselte und rauschte im Garten; eine Traufe (die vermutlich ein Loch hatte) äffte draußen vor dem Fenster ein jammerndes Weinen vor, mit komischem Schluchzen und gurgelndem Wehklagen, von jähen Pausen unterbrochen ... »Ein Unterschlupf«, murmelte er vor sich hin.

Durch das schwarze Rahmenwerk der Fenster schoß ein verblaßter Blitzschein und verging ohne Donner. Ich überlegte, wie ich Jim am besten beikommen könnte (ich wollte nicht wieder abgeschüttelt werden), als er kurz auflachte. »Nicht besser als ein Vagabund jetzt...« der Zigarettenstummel schwelte zwischen seinen Fingern... »ohne den kleinsten – den kleinsten...« sagte er langsam; »und doch...« Er hielt inne, der Regen strömte mit verdoppelter Heftigkeit. »Irgendwann muß man doch auf so etwas wie eine Chance stoßen, um das alles wieder zurückzugewinnen. Man muß!« flüsterte er mit scharfer Betonung, auf meinen Stiefel blickend.

Ich wußte nicht einmal, was es war, das er so sehnlich wiederzugewinnen hoffte, was es war, das er so furchtbar entbehrte. Vielleicht war es so viel, daß es gar nicht auszudrücken war. Nach Chesters Worten ein Stück Eselshaut... Er blickte forschend zu mir auf. – »Vielleicht. Wenn das Leben lang genug ist«, brummte ich mit unbilliger Feindseligkeit durch die Zähne. »Zählen Sie nicht zu sehr darauf!«

»Himmel! Mir ist, als ob nichts mir je etwas anhaben könnte«, sagte er in einem Ton finsterer Überzeugung. »Wenn diese Sache mich nicht niederwerfen konnte, dann braucht mir nicht bange zu sein, daß mir nicht Zeit genug bleibt, mich da herauszuwinden und –« Er richtete den Blick empor.

Es kam mir in den Sinn, daß aus solchen wie er sich die große Armee der Heimatlosen und Landstreicher zusammensetzt, die immer tiefer und tiefer abwärts marschiert und in allen Gossen der Welt endet. Sobald er nur mein Zimmer, diesen »Unterschlupf«, verließ, würde er seinen Platz in den Reihen einnehmen und die Reise nach dem bodenlosen Abgrund antreten. Ich wenigstens hatte keine Illusionen; aber ich war es auch gewesen, der einen Augenblick vorher so sehr auf die Macht der Worte gebaut hatte und der nun nicht zu sprechen wagte, wie man auf schlüpfrigem Boden sich nicht getraut, weiterzugehen, aus Furcht, auszugleiten. Erst wenn wir uns mit den innersten Nöten eines anderen Menschen befassen, merken wir, wie unbegreiflich, schwankend und nebelhaft die Wesen sind, die das Licht der Sterne und die Wärme der Sonne mit uns teilen. Es ist so, als wäre die Einsamkeit eine harte, unumgängliche Vorbedingung des Daseins; die Hülle von Fleisch und Blut, auf die unsere Augen sich heften, entgleitet der ausgestreckten Hand, und es bleibt nur der wunderliche, flüchtige, keinem Trost zugängliche Geist, dem kein Auge zu folgen, den keine Hand zu greifen vermag. Es war die Angst, ihn zu verlieren, die mich zum Schweigen zwang, denn es drängte sich mir plötzlich mit unumstößlicher Gewißheit auf, daß ich mir niemals würde verzeihen können, wenn ich ihn in das Dunkel entschlüpfen ließ.

»Also, ich danke Ihnen nochmals. Sie sind so – äh – ungewöhnlich – es gibt tatsächlich kein Wort –, ungewöhnlich! Weiß gar nicht, wie ich es verdient habe! Ich fürchte, ich bin nicht ganz so dankbar, wie wenn das nicht so gewaltsam über mich hereingebrochen wäre. Denn im Grunde... Sie, Sie selber...« Er stotterte.

»Möglich«, fiel ich ein. Er runzelte die Stirn.

»Gleichwohl, man ist verantwortlich.« Er sah mich lauernd an, wie ein Habicht.

»Und das ist richtig«, erwiderte ich.

»Nun ja. Ich bin nun damit zu Rande gekommen, und ich werde es mir von niemand ins Gesicht sagen lassen, ohne – ohne Sühne«; er ballte die Faust.

»Das sind wieder Sie selbst!« sagte ich mit einem – Gott weiß, wie unfrohen – Lächeln – doch er sah mich drohend an. »Das ist meine Sache«, sagte er. Ein Zug von unbezähmbarer Entschlossenheit glitt wie ein Schatten über sein Gesicht. Im nächsten Augenblick sah er wieder aus wie ein guter Junge, der etwas angerichtet hat. Er schleuderte die Zigarette weg. »Leben Sie wohl«, sagte er mit der plötzlichen Eile eines Mannes, der sich zur rechten Zeit darauf besinnt, daß eine dringende Arbeit auf ihn wartet; und dann machte er die nächsten paar Augenblicke nicht die leiseste Bewegung. Der Regen brauste mit dem ununterbrochenen Schwall einer reißenden Flut, mit ungehemmter, rasender Wucht hernieder, die Bilder von einstürzenden Brücken, entwurzelten Bäumen, unterwühlten Bergen vor einem erstehen ließ. Kein Mensch konnte der Sintflut Trotz bieten, die gegen unseren stillen Unterschlupf wie gegen ein bergendes Eiland antobte. Die durchlöcherte Traufe gurgelte, würgte, spie und platschte mit komischer Kraftentfaltung, wie ein Schwimmer, der um sein Leben kämpft. »Es regnet«, wandte ich ein, »und ich...« – »Regen oder Sonnenschein«, begann er schroff, stockte und ging ans Fenster. »Die reine Sintflut«, murmelte er nach einer Weile; er lehnte die Stirn an die Scheibe. »Es ist auch stockdunkel.«

»Ja, es ist sehr dunkel«, sagte ich.

Er drehte sich auf dem Absatz um, schritt durchs Zimmer und hatte wahrhaftig die Tor zum Korridor geöffnet, bevor ich von meinem Stuhl aufsprang. »Warten Sie«, rief ich, »ich will, daß Sie...« – »Ich kann heute nicht wieder Ihr Tischgast sein«, warf er mir entgegen, einen Fuß schon vor der Türe. – »Ich habe nicht die leiseste Absicht, Sie dazu aufzufordern«, schrie ich. Hierauf zog er den Fuß zurück, blieb aber mißtrauisch an der Türschwelle. Ich verlor keine Zeit, ihn ernsthaft zu bitten, er sollte nicht töricht sein, hereinkommen und die Tür schließen.

 << Kapitel 15  Kapitel 17 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.