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Lord Jim

Joseph Conrad: Lord Jim - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
titleLord Jim
authorJoseph Conrad
translatorHedwig Lachmann
publisherS. Fischer
addressBerlin
year1927
senderreuters@abc.de
created20040806
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Vierzehntes Kapitel

Ich schlief wenig, frühstückte eilig und unterließ nach einigem Zögern die Morgenvisite auf meinem Schiff. Es war wirklich sehr unrecht von mir, denn obwohl mein Erster Offizier nach jeder Richtung ein ganz vortrefflicher Mensch war, so konnte er mir doch Unheil anrichten, denn er neigte sehr zum Schwarzsehen, und wenn er nicht zur erwarteten Zeit einen Brief von seiner Frau bekam, so geriet er ganz aus dem Häuschen vor Wut und Eifersucht, verlor alle Übersicht, fing mit jedem Streit an, der ihm in die Quere kam, und heulte entweder in seiner Kabine oder entwickelte solches Temperament, daß er die Mannschaft hart an den Rand der Meuterei trieb. Die Sache kam mir immer ganz rätselhaft vor: sie waren schon dreizehn Jahre verheiratet; ich sah sie einmal, und offen gesagt, ich konnte nicht recht begreifen, wie ein Mann wegen einer so reizlosen Person zum Sünder werden sollte. Ich weiß nicht, ob es nicht unrecht von mir war, daß ich davon Abstand nahm, dem armen Selvin darüber die Augen zu öffnen; der Mann bereitete sich eine Hölle auf Erden, und mittelbar litt auch ich darunter; aber ein – zweifellos falsches – Zartgefühl hielt mich davon ab. Die ehelichen Beziehungen der Seeleute wären überhaupt ein Kapitel für sich. Ich könnte da Beispiele geben... Doch ist hier nicht der Ort und die Zeit dazu, und wir reden ja von Jim, der unverheiratet war. Wenn sein phantasievolles Gewissen oder sein Stolz, wenn all die abenteuerlichen Geister und finsteren Schatten, die unheilschwangeren Gefährten seiner Jugend, ihn daran hinderten, vor dem Block zu fliehen, so war ich, den man natürlich solcher Gefährten nicht verdächtigen konnte, unwiderstehlich gezwungen, hinzugehen und seinen Kopf fallen zu sehen. Ich lenkte meine Schritte nach dem Gerichtsgebäude. Ich erwartete nicht, sonderlich erschüttert, erbaut, ergriffen oder nur erschreckt zu werden – obwohl, solange noch Leben vor einem liegt, ein tüchtiger Schreck mitunter recht heilsam ist. Doch ebensowenig erwartete ich, daß ich so entsetzlich niedergedrückt werden würde. Die Bitterkeit seiner Strafe lag in der frostigen und gewöhnlichen Atmosphäre. Die wahre Bedeutung des Verbrechens ist der Vertrauensbruch an der menschlichen Gesellschaft, und von diesem Gesichtspunkt aus war er kein gemeiner Verräter; aber seine Aburteilung hatte einen versteckten, heimlichen Charakter. Da war kein hohes Schafott und kein rotes Tuch (hatten sie auf Tower Hill rotes Tuch? es hätte hingehört), auch keine ehrfurchtsvolle, vor seiner Schuld schaudernde und über sein Schicksal zu Tränen gerührte Menge – kein Hauch düsterer Vergeltung. Da war auf meinem Wege der leuchtende Sonnenschein, allzu grell, um Trost spenden zu können, die Straßen voll von einem schreienden Farbendurcheinander, das wie ein beschädigtes Kaleidoskop wirkte: gelb, grün, blau, blendend weiß, das Braun einer unbekleideten Schulter, ein Ochsenwagen mit einem roten Dach, ein Trupp eingeborener Infanterie in mausgrauen Röcken und staubigen Schnürstiefeln, ein eingeborener Polizist in dunkler, zu knapper Uniform mit Glanzledergürtel, der mich mit orientalisch mitleidigen Blicken ansah, als ob sein wandernder Geist bei der unvorhergesehenen Begegnung mit dieser – wie nennt man es? – Avatara-Inkarnation übermäßiges Leid empfände. Unter dem Schatten eines einsamen Baumes im Hof saßen die in dem Prozeß wegen tätlicher Beleidigung Beteiligten in malerischer Gruppe wie auf einer ein Lager darstellenden Chromolithographie in einem östlichen Reisebuch. Man vermißte nur den herkömmlichen Rauch und die grasenden Lasttiere im Vordergrund. Eine blanke, den Baum überragende gelbe Mauer, die das Licht zurückwarf, erhob sich dahinter. Der Gerichtssaal war düster; der Raum schien größer als zuvor. Hoch oben im Dunklen bewegten sich die Punkahfächer hin und her, hin und her. Vereinzelte Gestalten in wallenden Gewändern, die neben den nackten Wänden zwerghaft klein erschienen, saßen, wie in fromme Betrachtung versunken, in den leeren Bänken. Der Kläger, der geschlagen worden war; ein feister, schokoladenbrauner Mann mit rasiertem Kopf, saß, die eine Hälfte seiner fetten Brust entblößt und das hellgelbe Abzeichen seiner Kaste auf dem Nasenrücken, in pompöser Unbeweglichkeit da: nur die Augen rollten funkelnd im dämmrigen Licht, und die Nasenflügel bewegten sich heftig beim Atmen. Brierly ließ sich in seinen Stuhl fallen und sah erschöpft aus, als hätte er die ganze Nacht auf einer mit Schlacken bestreuten Bahn zum Wettkampf trainiert. Der fromme Segelschiffskapitän schien aufgeregt und machte unruhige Bewegungen, als hielte er sich nur mit Mühe zurück, uns ernsthaft zu Gebet und Buße zu ermahnen. Der Kopf des Polizeirichters, krankhaft blaß unter dem sorgfältig geordneten Haar, glich dem Kopf eines aufgegebenen Kranken, den man gewaschen, gebürstet und im Bett aufgerichtet hat. Er rückte die Vase mit Blumen beiseite – einen Strauß langstieliger, hell- und dunkelroter Blüten – und nahm einen großen Bogen bläuliches Papier in beide Hände. Er überflog ihn, stützte seine Ellbogen auf den Rand des Pultes und begann laut mit gleichmäßig deutlichem, gleichgültigem Ton zu lesen.

Beim Himmel! Ich sage euch, so dumm auch meine Scherze über Schafotte und herunterrollende Köpfe geklungen haben mögen – dies war bedeutend schlimmer als eine Hinrichtung. Ein schweres Gefühl von Endgültigkeit, ungemildert durch die Hoffnung auf Ruhe und Sicherheit, die dem Fall des Beils folgen mußten, lastete über all diesem. Diese Verhandlung hatte die ganze kalte Rachgier eines Todesurteils und die Grausamkeit einer Verurteilung zum Exil. So sah ich es an jenem Morgen an – und auch jetzt noch finde ich etwas Wahres an solch übertriebener Auffassung einer gewöhnlichen Begebenheit. Ihr könnt euch vorstellen, wie stark ich das damals empfand. Vielleicht konnte ich mich darum nicht dazu bringen, einzusehen, daß alles vorbei war. Ich trug die Geschichte immer mit mir herum, ich war ewig bereit, eine Meinung darüber einzuholen, als wäre sie noch nicht erledigt: eine persönliche Meinung – eine internationale Meinung – weiß Gott! Die des Franzosen zum Beispiel. Das Urteil seines eigenen Landes war in der leidenschaftslosen, bestimmten Form ausgesprochen worden, die eine Maschine gebrauchen würde, wenn Maschinen sprechen könnten. Der Kopf des Polizeirichters war von dem Papier halb verborgen, seine Stirne war wie Alabaster.

Es waren mehrere Fragen gestellt worden. Die erste war, ob das Schiff in jeder Hinsicht seetüchtig für die Reise ausgerüstet war. Der Gerichtshof fand, daß dies nicht der Fall gewesen war. Beim nächsten Punkt handelte es sich darum, ob das Schiff bis zu dem Augenblick der Havarie mit seemännischer Sorgfalt geführt worden war. Dies wurde bejaht, der Himmel weiß, warum. Und dann hieß es, daß man die genaue Ursache des Unfalls nicht feststellen könne. Ein treibendes Wrack vermutlich. Ich selbst erinnere mich, daß eine norwegische Bark mit einer Pechkiefernladung um diese Zeit vermißt wurde, und das war gerade das richtige Fahrzeug, um in einem Sturm zu kentern und monatelang unter Wasser weiterzutreiben – als eine Art unterseeischer Dämon, der Schiffen im Dunkel ans Leben geht. Solche wandernden Leichname sind häufig genug im nördlichen Atlantischen Ozean, auf dem alle Schrecken des Meeres zu Hause sind – Nebel, Eisberge, unheildrohende tote Schiffe und langanhaltende, verderbendrohende Stürme, die sich wie ein Vampir an einen heften, bis Kraft und Mut und Hoffnung schwinden und der Mensch sich wie eine leere Muschel fühlt. Doch dort, in jenen Meeren, war das ein so seltenes Vorkommnis, daß es als planmäßige Vorkehrung einer bösen Macht erschien, die, wenn sie nicht auf den Tod des Pumpenmannes und Jims Vernichtung abzielte, ein völlig sinnloses Teufelswerk war. Diese Gedanken lenkten meine Aufmerksamkeit ab. Während einer Weile vernahm ich die Stimme des Polizeirichters als bloßen Klang; doch mit einmal formte sie sich zu deutlichen Worten ... »in äußerster Pflichtvergessenheit« sagte sie. Der folgende Satz entging mir, und dann fuhr die Stimme wieder gleichmäßig fort: »... im Augenblick der Gefahr die ihnen anvertrauten Menschenleben und Güter im Stich lassend...« und hielt dann inne. Ein Augenpaar unter der weißen Stirn entsendete einen dunklen Blick über den Rand des Schriftstücks. Ich sah mich hastig nach Jim um, als hätte ich erwartet, daß er verschwinden würde. Er war sehr still – aber er war noch da. Er saß errötet und blond und sehr aufmerksam da. »Daher...« begann die Stimme mit Nachdruck. Er starrte mit offenen Lippen und hing an den Worten des Mannes hinter dem Pult. Sie tönten in die Stille, von dem Wind, den die Punkahfächer verursachten, weitergetragen, und ich, der ich ihre Wirkung auf ihn beobachtete, fing nur die Bruchstücke der Amtssprache auf... »Der Gerichtshof... Gustav Soundso, Schiffer... aus Deutschland gebürtig... James Soundso, Offizier... Patente kassiert.« Ein Schweigen trat ein. Der Polizeirichter hatte das Schriftstück hingelegt und begann, auf die Armlehne seines Stuhls gestützt, unbefangen mit Brierly zu plaudern. Etliche schickten sich an fortzugehen, andere drängten herein, auch ich bewegte mich der Tür zu. Draußen stand ich still, und als Jim an mir vorbeikam, hielt ich ihn am Arm fest. Der Blick, den er mir zuwarf, brachte mich außer Fassung, als wäre ich für seinen Zustand verantwortlich gewesen: er sah mich an, als wäre ich das verkörperte Unheil. »Es ist vorüber«, brachte ich mühsam hervor. »Ja«, sagte er mit schwerer Zunge, »und jetzt soll niemand...« Er entzog mir seinen Arm mit einem Ruck. Ich behielt ihn im Auge, während er dahinging. Es war eine lange Straße, und er blieb eine Weile in Sicht. Er ging ziemlich langsam und schien nicht ganz sicher auf den Beinen. Am Ende meinte ich ihn sogar straucheln zu sehen.

»Mann über Bord«, sagte eine tiefe Stimme hinter mir. Als ich mich umdrehte, sah ich einen entfernten Bekannten, einen Westaustralier. Chester hieß er. Auch er hatte Jim nachgesehen. Er war ein Mann von riesigem Brustumfang, mit einem mürrischen, glattrasierten, mahagonifarbenen Gesicht und zwei stumpfen, borstigen, eisengrauen Bartbüscheln auf der Oberlippe. Er war Perlenfischer, Strandwächter, Händler, ich glaube auch Walfischfänger gewesen; mit seinen eigenen Worten – ein Mann kann auf See alles und jedes sein, nur kein Seeräuber. Der Stille Ozean im Norden und Süden war sein eigenstes Jagdgebiet, aber er hatte die weite Reise gemacht, um sich nach einem billigen Dampfer umzutun, den er kaufen wollte. Neuerdings hatte er, wie er sagte, eine Guanoinsel entdeckt, aber der Zugang war gefährlich, und der Ankergrund konnte keineswegs als sicher gelten. »So gut wie eine Goldmine«, war seine stehende Rede. »Man fährt mitten hinein in die Walpoleriffe, und wenn es wahr ist, daß man nirgend unter vierzig Faden Tiefe Ankergrund finden kann – was weiter? Dann sind ja noch die Orkane da. Aber es ist doch eine Sache ersten Ranges. So gut wie eine Goldmine. Besser. Doch keiner will's riskieren. Ich kann keinen Kapitän oder Schiffseigner dazu kriegen, hinzugehn. So bin ich zu dem Entschluß gekommen, das herrliche Zeug selbst fortzuschaffen« ... Das war's, wozu er den Dampfer brauchte, und ich wußte, daß er gerade zu der Zeit mit einer Parsenfirma in einem scharfen Handel stand, wegen eines vorsintflutlichen, als Brigg getakelten Kastens von neunzig Pferdekräften. Wir hatten uns schon mehrmals getroffen und gesprochen. Er sah Jim verständnisvoll nach. »Nimmt sich's zu Herzen?« fragte er spöttisch. – »Außerordentlich«, sagte ich. – »Dann taugt er nichts«, meinte er. »Wozu das Geflenne? Um ein Stück Eselshaut. Das hat noch nie einen Mann gemacht. Man muß die Dinge sehen, wie sie sind – wenn nicht, dann kann man sich gleich begraben lassen. Man wird nie etwas ausrichten. Sehn Sie mich an. Ich habe es mir zur Lebensregel gemacht, mir nie etwas zu Herzen zu nehmen.« – »Ja«, sagte ich, »Sie sehen die Dinge wie sie sind.« – »Ich wollte, ich sähe meinen Teilhaber des Wegs kommen. Das ist's, was ich sehen wollte«, sagte er. »Sie kennen doch meinen Teilhaber? Den alten Robinson. Ja, den Robinson. Kennen Sie ihn nicht? Den berüchtigten Robinson. Den Mann, der mehr Opium geschmuggelt und mehr Seehunde eingesackt hat als der gerissenste Strandräuber. Es heißt, daß er die Robbenschoner auf dem Wege nach Alaska angriff, wenn der Nebel so dick war, daß allein der liebe Gott einen Menschen vom andern unterscheiden konnte. Robinson, der ›Heilige Schrecken‹. Das ist der Mann. Er beteiligt sich an dieser Guanosache. Die größte Chance, die er je gehabt hat.« Er näherte seinen Mund meinem Ohr. »Kannibale? – Nun ja, man hat ihn vor Urzeiten so genannt. Erinnern Sie sich an die Geschichte? Ein Schiffbruch auf der Westseite der Stewartinsel; ganz recht; sieben kamen an Land, und es scheint, sie gerieten sich in die Haare. Mit manchen Menschen ist aber nichts anzufangen – sie können einer schlimmen Sache nicht die gute Seite abgewinnen – sehen die Dinge nicht, wie sie sind – wie sie sind, mein Lieber! Und was ist die Folge? Das ist doch klar! Verdruß, Verdruß – höchstwahrscheinlich noch ein Schlag auf den Kopf. – Und recht geschieht ihnen. Die Sorte ist am besten aufgehoben, wenn sie tot ist. Wie man sagt, soll ein Boot I. M. S. Wolverine ihn gefunden haben, nackt, wie Gott ihn erschaffen hat, auf Tang kniend und einen Psalm singend; es fiel gerade leichter Schnee. Er wartete, bis das Boot eine Ruderlänge vom Ufer entfernt war – und dann: auf und davon. Sie jagten eine Stunde lang hinter ihm her, über die Strandkiesel, bis ihn ein Stein, den ein Seesoldat schleuderte, hinters Ohr traf und er besinnungslos hinfiel. War er allein? Natürlich. Aber das ist wie die Geschichte von den Robbenschonern; der liebe Gott allein weiß, was davon wahr und was erlogen ist. Der Kutter forschte nicht lange nach. Sie hüllten ihn in einen Dienstmantel und fuhren mit ihm, so rasch sie konnten, davon, denn die Nacht und das Wetter brachen herein, und das Schiff feuerte alle fünf Minuten Signalschüsse ab, um sie zurückzurufen. Drei Wochen drauf war er heil wie immer. Er wollte von der Sache kein Aufhebens gemacht haben; er preßte die Lippen zusammen und ließ die Leute schreien. Es war schlimm genug, daß er sein Schiff und alles, was er besaß, verloren hatte; er brauchte nicht noch obendrein die Schimpfnamen, die man ihm an den Kopf warf. Das ist der Mann für mich.« Er winkte jemand am Ende der Straße zu. »Er hatte ein paar Kröten, so mußte ich ihn zu meinem Geschäft zuziehen. Mußte! Es wäre sündhaft gewesen, sich solchen Fund entgehen zu lassen, und ich war rein auf dem trockenen. Es schnitt mir freilich ins Fleisch, aber ich konnte die Sache sehen, wie sie war. Und wenn ich schon teilen muß – denk' ich –, dann tu' ich's mit Robinson. Ich ließ ihn im Hotel beim Frühstück zurück, und er sollte mich hier abholen kommen, denn ich habe eine Idee... Ah! Guten Morgen, Kapitän Robinson... lieber Freund von mir – Kapitän Robinson.«

Ein abgezehrter Patriarch in weißem Drellanzug, einen Sonnenhut mit grüngefüttertem Rand auf dem vor Alter zitternden Kopf, kam mit schlurrenden Schritten über die Straße auf uns zu und blieb, mit beiden Händen auf einen Regenschirm gestützt, stehen. Ein weißer Bart mit bernsteingelben Streifen hing ihm unordentlich bis zum Gürtel. Er zwinkerte mir mit seinen zerknitterten Augenlidern blöde zu. »Sehr erfreut. Sehr erfreut«, piepste er liebenswürdig und wackelte. – »Bißchen taub«, flüsterte mir Chester zu. – »Haben Sie ihn sechstausend Meilen weit geschleppt, um einen billigen Dampfer zu kriegen?« fragte ich. – »Ich hätte ihn unbesehen zweimal rund um die Welt gefahren«, sagte Chester mit ungeheurer Energie. »Der Dampfer wird unser Glück machen, mein Sohn. Ist es meine Schuld, daß alle Schiffer und Schiffseigner im ganzen gesegneten Australasien ausgemachte Esel sind? Ich sprach einmal drei Stunden lang mit einem in Auckland. ›Senden Sie ein Schiff hin‹, sagte ich, ›senden Sie ein Schiff. Ich gebe Ihnen die Hälfte der ersten Ladung umsonst, unentgeltlich, nur um die Sache in Schwung zu bringen.‹ Sagt er drauf: ›Ich täte es nicht, und wenn man an keinen andern Platz der Welt mehr ein Schiff schicken könnte.‹ Vollendeter Esel, natürlich. Felsen, Strömungen, kein Ankergrund, steile Klippen zum Anlegen, keine Versicherungsgesellschaft würde das Risiko übernehmen, das Laden würde drei Jahre in Anspruch nehmen. Esel! Ich bat ihn fast kniefällig. ›Sehen Sie die Sache doch an, wie sie ist‹, sagte ich. ›Zum Teufel mit Felsen und Orkanen. Sehen Sie sie an, wie sie ist. Da ist Guano, die Zuckerpflanzer von Queensland würden sich auf dem Kai darum balgen, sage ich Ihnen.‹ Aber was wollen Sie mit einem Narren anfangen? ›Das ist einer von Ihren kleinen Späßen, Chester‹, sagte er... Ein Spaß! Ich hätte weinen mögen. Fragen Sie Kapitän Robinson hier... Und dann war da noch ein andrer Schiffsreeder – ein feister Kerl mit weißer Weste in Wellington, der zu glauben schien, daß ich es auf einen Schwindel abgesehen hätte. ›Ich weiß nicht, nach was für einem Narren Sie aus sind‹, sagte er, ›aber ich bin gerade beschäftigt. Guten Morgen.‹ Ich hatte Lust, ihn mit beiden Händen zu packen und durch das Fenster seines eignen Kontors zu schmeißen. Aber ich bezwang mich. Ich war mild wie ein Pfarrherr. ›überlegen Sie sich's, sagte ich. ›Bitte, überlegen Sie sich's! Ich will morgen nochmal vorsprechen.‹ Er brummte etwas von ›den ganzen Tag nicht zu Hause sein‹. Als ich die Treppe hinunterging, hätte ich vor Zorn mit dem Kopf gegen die Wand rennen mögen. Kapitän Robinson kann's Ihnen bestätigen. Der Gedanke, daß all dieses köstliche Zeug unter der Sonne brachliegt – wo es das Zuckerrohr himmelhoch emporschießen lassen könnte –, war um aus der Haut zu fahren. Das Glück von Queensland! Das Glück von Queensland! Und in Brisbane, wo ich einen letzten Versuch machte, sagten sie, ich sei wahnsinnig. Die Idioten! Der einzige vernünftige Mensch, dem ich begegnete, war der Kutscher, der mich herumfuhr. Er muß ein heruntergekommenes Herrschaftssöhnchen gewesen sein. Was, Kapitän Robinson? Sie erinnern sich doch an meinen Kutscher in Brisbane? Nicht? Der Bursch hatte einen großartigen Blick für alles mögliche. Er sah alles im Nu. Es war ein wahres Vergnügen, sich mit ihm zu unterhalten. Eines Abends, nach einem verfluchten Tag mit Schiffsreedern, war mir so übel, daß ich sagte: ›Ich muß mich betrinken, oder ich werde verrückt.‹ ›Ich bin Ihr Mann‹, sagt er, ›los!‹ Ich weiß nicht, was ich ohne ihn angefangen hätte. Was, Kapitän Robinson?«

Er stieß seinen Kompagnon in die Seite. »He! He! He!« lachte der Alte, blickte ziellos die Straße hinunter, dann mit umflorten, zwinkernden Augen auf mich... »He! He! He!« Er stützte sich schwerer auf den Regenschirm und senkte den Blick zu Boden. Ich brauche euch nicht zu sagen, daß ich mehrmals versucht hatte, loszukommen, aber Chester vereitelte jeden Versuch, indem er mich einfach am Rock festhielt. »Einen Augenblick. Ich habe eine Idee.« – »Was zum Kuckuck ist Ihre Idee?« platzte ich schließlich los. »Wenn Sie glauben, daß ich mit Ihnen zusammengehen will...« »Nein, nein, mein Lieber. Zu spät, wenn Sie auch noch so gern möchten. Wir haben einen Dampfer.« – »Sie haben das Gespenst eines Dampfers«, sagte ich. – »Gut genug für den Anfang – wir sind keine Pedanten. Was, Kapitän Robinson?« »Nein! Nein! Nein!« krächzte der alte Mann, ohne die Augen zu erheben, und das greisenhafte Zittern seines Kopfes bekam etwas nahezu Entschiedenes. »Sie kennen den jungen Menschen«, sagte Chester mit einem Nicken, das die Straße hinunterdeutete, von der Jim längst verschwunden war. »Man hat mir gesagt, daß Sie gestern im Malabar mit ihm gegessen haben.«

Ich bejahte dies, und nachdem er bemerkt hatte, daß er auch gern gut und fein lebe, nur daß er augenblicklich jeden Pfennig sparen müsse – »kann nicht genug haben für's Geschäft – was, Kapitän Robinson?« –, warf er sich in die Brust und strich seinen buschigen Schnurrbart, während der berüchtigte Robinson sich hüstelnd an dem Regenschirm festhielt und nahe daran schien, widerstandslos zu einem Häuflein alter Knochen zusammenzusinken. »Sie müssen wissen, der Alte hat das Geld«, flüsterte mir Chester vertrauensvoll zu. »Ich bin so auf den Hund gekommen, weil ich diese gottverfluchte Sache zustande bringen will. Aber warten Sie nur, warten Sie nur. Es kommen bessere Zeiten.« ... Er schien plötzlich erstaunt über die Zeichen der Ungeduld, die ich gab. »Da schau' her!« rief er, »ich erzähle Ihnen da von der größten Sache, die es je gegeben hat, und Sie...« »Ich habe eine Verabredung«, wandte ich bescheiden ein. »Was weiter?« fragte er mit ungekünsteltem Staunen; »lassen Sie sie warten.« – »Eben das tue ich jetzt schon«, bemerkte ich. »Möchten Sie mir nicht lieber sagen, was Sie wollen?« Er hob mit einer scharfen Bewegung den Kopf: »Ich möchte den jungen Burschen haben.« – »Ich verstehe nicht«, erwiderte ich. – »Er taugt nichts, was?« meinte Chester lebhaft. – »Ich weiß nichts darüber«, sagte ich. – »Sie haben mir doch selbst gesagt, daß er sich die Sache zu Herzen nimmt. Nun, nach meiner Meinung ist ein Bursche, der... kurzum, er kann nicht viel taugen«, folgerte Chester. »Doch die Sache ist die, ich halte Umschau nach jemand, und er wäre gerade der rechte Mann für mich. Ich will ihn auf meiner Insel anstellen.« Er setzte eine gewichtige Miene auf. »Ich will vierzig Kulis dahin haben, und wenn ich sie stehlen müßte. Jemand muß das Zeug bearbeiten. Oh! ich will die Sache anständig aufzäumen: Holzbaracke mit Wellblechdach – ich kenne einen Mann in Hobart, der mir für die Materialien einen Wechsel auf sechs Monate akzeptiert. Jawohl. Alles in Ehren. Dann die Wasserversorgung. Da muß ich mich erst nach einem umschauen, der mir ein halbes Dutzend gebrauchte Wasserbehälter auf Kredit gibt. Um Regenwasser aufzufangen, he? Das soll er alles überwachen. Ich mache ihn zum Oberaufseher über die Kulis. Famose Idee, was? Was sagen Sie dazu?« – »Es regnet oft ganze Jahre lang keinen Tropfen auf Walpole«, sagte ich, zu verblüfft, um lachen zu können. Er biß sich auf die Lippen und schien verlegen... »Nun, ich werde ihnen eine bestimmte Summe aussetzen – oder für Ersatzmannschaft sorgen. Zum Henker damit! Darum handelt es sich nicht.«

Ich sagte gar nichts. Eine flüchtige Vorstellung kam mir: Jim auf einem schattenlosen Felsen, bis an die Knie in Guano watend, das Gekreisch der Seevögel in den Ohren, den unbarmherzigen Sonnenball über seinem Kopf, der leere Himmel und der leere Ozean, so weit das Auge reichen konnte, in der Gluthitze zusammenbrodelnd. »Ich wollte meinem schlimmsten Feind nicht raten«... begann ich. – »Was fehlt Ihnen denn?« rief Chester; »ich habe die Absicht, ihm eine gute Stellung zu geben – das heißt, natürlich, sobald die Sache in Gang gebracht ist. Rein nichts zu tun; zwei sechsschüssige Revolver im Gürtel... er braucht doch wahrhaftig keine Angst zu haben, daß vierzig Kulis ihm etwas tun können, wenn er zwei sechsschüssige Revolver hat und noch dazu der einzige bewaffnete Mann ist. Die Sache ist viel besser, als sie aussieht. Sie müssen mir ihn überreden helfen.« – »Nein!« schrie ich. Der alte Robinson hob erschrocken seine tränenden Augen, Chester sah mich mit unsäglicher Verachtung an. »Sie würden ihm also nicht dazu raten?« sagte er gedehnt. – »Keineswegs«, antwortete ich, entrüstet, als hätte er mich gebeten, ihm bei einem Mord behilflich zu sein, »übrigens weiß ich genau, daß er es nicht tun würde. Er ist wohl in einer bösen Klemme, aber, soviel ich weiß, nicht wahnsinnig.« – »Er ist zu gar nichts mehr nutz«, überlegte Chester laut. »Er hätte mir gerade gepaßt. Wenn Sie ein Ding nur so sehen wollten, wie es ist, würden Sie sich überzeugen, daß es gerade das Rechte für ihn ist. Und überdies... Was denn! Es ist eine großartige, zuverlässige Chance für ihn...« Er wurde plötzlich ärgerlich. »Ich muß unter allen Umständen jemand haben. So! Nun wissen Sie's...« Er stampfte mit dem Fuß und verzog den Mund zu einem widrigen Lächeln. »In jedem Fall könnte ich garantieren, daß die Insel nicht unter ihm wegsackt – das ist doch wohl sein heikler Punkt.« – »Guten Morgen«, sagte ich unvermittelt. Er sah mich an, als wäre ich ein unbegreiflicher Narr... »Wir müssen gehn, Kapitän Robinson«, schrie er plötzlich dem alten Mann ins Ohr. »Diese dämlichen Parsen erwarten uns, um den Handel abzuschließen.« Er nahm seinen Kompagnon mit festem Griff unter den Arm, schwang ihn herum und schielte mich über dessen Schulter weg unvermutet nochmals an: »Ich wollte ihm einen Gefallen tun«, behauptete er mit einer Miene und einem Ton, die mich in Harnisch brachten. – »Keinen Dank dafür – in seinem Namen!« gab ich zurück. –»Ei sieh! Sie sind ja verteufelt schneidig«, sagte er grimmig, »aber Sie sind wie die andern auch. Viel zu sehr in den Wolken. Sehen Sie zu, was Sie mit ihm anfangen.« – »Ich wüßte nicht, daß ich irgendwas mit ihm anfangen wollte.« – »Nein? Wirklich nicht?« sprudelte er hervor; sein grauer Schnurrbart sträubte sich vor Zorn, während der berüchtigte Robinson, auf seinen Regenschirm gestützt, an seiner Seite stand, geduldig wie ein ausgedientes Droschkenpferd, und mir den Rücken kehrte. »Ich habe keine Guanoinsel entdeckt«, sagte ich. – »Ich bin überzeugt, Sie würden sie nicht erkennen, wenn man Sie an der Hand hinführte«, parierte er schlagfertig; »und überhaupt muß man in dieser Welt eine Sache erst sehen, bevor man Nutzen daraus ziehen kann. Sie ganz und gar durchschauen, nicht mehr und nicht weniger.« – »Und andre dazu kriegen, sie zu sehen«, sagte ich mit einem Blick auf den gebeugten Rücken an seiner Seite. Chester fuhr mich an: »Seine Augen sind noch gut genug – keine Sorge! Er ist nicht von gestern.« – »Oh, Gott bewahre!« sagte ich. – »Kommen Sie, Kapitän Robinson«, brüllte er mit einer Art prahlerischer Ehrerbietung dem alten Mann unter den Hut; der »Heilige Schrecken« tat einen kleinen, unterwürfigen Hopser. Das Gespenst eines Dampfers wartete auf sie – Glückauf zum schönen Eiland! Sie machten ein wunderliches Argonautenpaar. Chester, wohlbeleibt und stattlich, schritt mit Eroberermiene gemächlich dahin; der andere, lang, verwüstet, vornübergebeugt, hing an seinem Arm und schob seine dürren Schenkel mit ängstlicher Eile vorwärts.

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