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Lord Jim

Joseph Conrad: Lord Jim - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
titleLord Jim
authorJoseph Conrad
translatorHedwig Lachmann
publisherS. Fischer
addressBerlin
year1927
senderreuters@abc.de
created20040806
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Elftes Kapitel

Er hörte mich an, den Kopf zur Seite geneigt, und wieder konnte ich einen flüchtigen Blick durch einen Riß in dem Nebel tun, in dem er sich bewegte und sein Wesen hatte. Die trübe Kerze, die unter der Glaskugel flackerte, gab nur spärliches Licht; ihm im Rücken lag die dunkle Nacht mit den klaren Sternen, deren fernes Glänzen das Auge in die Unendlichkeit noch tieferen Dunkels verlockte; doch wähnte ich, in einem geheimnisvollen Lichte seinen Knabenkopf zu sehen, als wäre die Jugend in ihm einen Augenblick lang aufgeflammt und dann erloschen. »Es ist unendlich gut von Ihnen, mir so zuzuhören«, sagte er. »Es tut mir wohl. Sie ahnen nicht, was es für mich bedeutet. Sie...« die Worte schienen ihm zu fehlen. Es war ein Einblick in seine Seele. Er war ein junger Mensch von der Art, wie man sie gerne um sich hat; so, wie man sich gern einbildet, selbst gewesen zu sein, von der Art, deren Erscheinung jene Blütenträume wieder in einem erweckt, die man längst erloschen, dahingeschwunden wähnte und die, gleichsam von einem fremden Funken wieder entfacht, tief drunten auf dem Grunde zu einem Flämmchen aufflackern, Licht geben... Wärme... Ja, ich tat einen Einblick in ihn... und es war nicht der letzte dieser Art... »Sie wissen nicht, was es für einen Menschen in meiner Lage bedeutet, Glauben zu finden, vor einem älteren Manne sich das Herz frei zu reden. Es ist so schwierig – so furchtbar ungerecht – so schwer zu verstehen.«

Die Nebel zogen sich wieder zusammen. Ich weiß nicht, wie alt ich ihm erschien – und wie weise? Nicht halb so alt, wie ich mir damals vorkam; nicht halb so nutzlos weise, wie ich wußte, daß ich war. Sicherlich, in keinem andern Beruf als in dem des Seemanns fliegen die Herzen derer, die schon von Stapel gelaufen sind, um zu schwimmen oder zu sinken, so sehr den Jungen zu, die am Beginn ihrer Laufbahn stehen und mit leuchtenden Augen auf den Glanz der weiten Wasserfläche schauen, der nur der Widerschein ihrer eigenen feurigen Blicke ist. Es ist eine so wundervolle Unbestimmtheit in den Erwartungen, die jeden von uns zur See gezogen haben, eine so herrliche Vielfältigkeit, ein so schöner Durst nach Abenteuern, die ihr eigenster und einziger Lohn sind. Was wir erreichen – nun, wir wollen nicht davon reden; aber kann einer von uns sich eines Lächelns erwehren? Bei keiner andern Lebensweise ist die Illusion weiter von der Wirklichkeit entfernt – bei keiner andern ist der Anfang so reine Illusion – kommt die Ernüchterung so rasch – ist die Unterjochung so vollkommen. Haben wir nicht alle mit derselben Sehnsucht begonnen, mit demselben Wissen geendet, die Erinnerung an das geliebte Trugbild durch die öden Tage der Zerfallenheit geschleppt? Was Wunder, daß die Zusammengehörigkeit stark empfunden wird, wenn ein schwerer Schlag niedersaust; daß außer der Berufskameradschaft noch ein umfassenderes Gefühl in Kraft tritt – das Gefühl, das den Mann mit dem Kinde verbindet. Da stand er vor mir und wähnte, daß Alter und Weisheit ein Mittel gegen den Stachel der Wahrheit finden könne, stellte sich mir als ein junger Mensch in einer ganz verteufelten Patsche dar, einer Patsche, über die Graubärte feierlich den Kopf schütteln und dabei ein Lächeln verbergen. Und er hatte erwogen, ob er sich den Tod geben sollte – Teufel auch! Darüber hatte er nachgegrübelt, weil er bedachte, daß er sein Leben gerettet hatte, dessen ganzer Zauber doch in der Nacht mit dem Schiff versunken war. Was war natürlicher! Es war sicherlich tragisch genug und seltsam genug, um laut nach Erbarmen zu schreien, und worin war ich besser als die übrige Menschheit, daß ich ihm meine Teilnahme hätte versagen sollen? Und während ich noch sinnend auf ihn blickte, schloß sich der Riß im Nebel wieder, und seine Stimme sprach –

»Ich fühlte mich verloren Es war eine Sache, auf die niemand gefaßt ist. Es war nicht wie ein Kampf, zum Beispiel.«

»Das nun freilich nicht«, stimmte ich ihm bei. Er schien verändert, als wäre er mit einmal reifer geworden.

»Man konnte ja nicht wissen...« stammelte er.

»Oh! Sie konnten nicht wissen...« sagte ich, wurde aber durch den Hauch eines leisen Seufzers versöhnt, der zwischen uns durchflog wie ein Nachtvogel.

»Nein«, sagte er mutig. »Es glich in etwas der elenden Geschichte, die sie sich zurechtgemacht hatten. Es war keine Lüge – aber es war auch nicht eigentlich wahr. Es war etwas... Man weiß, was eine offenbare Lüge ist. Zwischen Recht und Unrecht in dieser Sache war nicht so viel wie eines Haares Breite.«

»Was brauchten Sie mehr?« fragte ich; aber ich glaube, ich sprach so leise, daß er meine Worte gar nicht vernahm. Er hatte seinen Satz in einem Ton gesprochen, als wäre das Leben ein Netzwerk von Pfaden, zwischen denen Abgründe klaffen. Seine Stimme klang ganz vernünftig.

»Nehmen Sie einmal an, ich wäre nicht – ich will sagen: ich hätte bei dem Schiff ausgeharrt? Gut. Wieviel länger? Sagen wir, eine Minute – eine halbe Minute. Nun denn, in dreißig Sekunden, wie es damals sicher schien, wäre ich über Bord gewesen; und glauben Sie nicht, ich hätte mich an das erstbeste geklammert, was ich zu packen gekriegt hätte – Ruder, Rettungsboje, Gräting – irgendwas. Glauben Sie nicht?«

»Und wären gerettet worden«, warf ich ein.

»Hätte es wenigstens gewünscht«, gab er zurück. »Und das ist mehr, als ich wünschte, als ich...« er schauderte, als hätte er eine widerliche Medizin zu schlucken... »sprang«, stieß er mit krampfhafter Anstrengung heraus, deren Druck, als hätten ihn die Luftwellen fortgepflanzt, mich fast ein wenig in meinem Stuhl erschütterte. Er sah mich mit forschenden Blicken an. »Glauben Sie mir nicht?« rief er. »Ich schwöre!... Verflucht! Sie haben mich hier zum Reden gebracht und... Sie müssen!... Sie sagten, Sie wollten mir glauben.« – »Gewiß glaube ich Ihnen«, beteuerte ich in einem sachlichen Ton, der eine beruhigende Wirkung hatte. »Verzeihen Sie mir«, sagte er. »Natürlich hätte ich nicht über all dies zu Ihnen geredet, wenn Sie kein Gentleman wären. Ich hätte wissen müssen... ich – ich bin – ich bin auch ein Gentleman.« – »Natürlich«, sagte ich hastig. Er sah mir frei ins Gesicht und wandte den Blick dann langsam ab. »Nun verstehen Sie, warum ich schließlich doch nicht... warum ich nicht auf die Art Schluß machte. Ich wollte mich nicht verkriechen vor dem, was ich getan hatte. Und, in jedem Fall, wäre ich beim Schiff geblieben, so hätte ich mich mit allen Kräften bemüht, gerettet zu werden. Man hat schon gehört, daß Leute stundenlang auf offenem Meer getrieben haben und schließlich doch noch heil aufgelesen worden sind. Ich hätte es besser überstehen können als viele andre. Mein Herz ist gesund.« Er zog seine rechte Faust aus der Tasche und gab sich einen Schlag auf die Brust, daß es wie ferner Donner klang.

»Ja«, sagte ich. Er sinnierte, die Beine leicht gespreizt, das Kinn auf die Brust gesenkt. »Eines Haares Breite«, murmelte er. »Nicht eines Haares Breite zwischen diesem und jenem. Und damals...«

»Es ist schwer, ein Haar um Mitternacht zu sehen«, sagte ich, ein wenig boshaft, wie ich fürchte. Seht ihr nicht, was ich unter der Solidarität des Berufs verstehe? Ich zürnte ihm, als hätte er mich – mich! – betrogen, – mich um die Möglichkeit gebracht, meine jugendlichen Illusionen zu bewahren, als hätte er unser gemeinsames Leben des letzten Funkens seines Zaubers beraubt. »Und so machten Sie sich gleich davon, ohne zu fackeln.«

»Ich sprang«, verbesserte er mich nachdrücklich. »Ich sprang – wohlverstanden!« wiederholte er, und ich wunderte mich über die unverkennbare, doch dunkle Absicht darin. »Nun ja, es kann sein. Vielleicht konnte ich damals nicht sehen. Aber hernach im Boot hatte ich Zeit und Licht in Fülle. Da konnte ich auch nachdenken. Niemand würde es erfahren, natürlich, aber das erleichterte die Sache nicht für mich. Sie müssen das auch noch glauben. Ich brauchte all das Gerede nicht... Nein... Ja... ich will nicht lügen... ich brauchte es: ich brauchte es dringend – da. Glauben Sie denn, Sie oder sonst wer hätten mich dazu gebracht, wenn ich.... ich... ich fürchte mich nicht, die Wahrheit zu sagen. Und ich fürchtete mich auch nicht, nachzudenken. Ich sah den Dingen ins Gesicht. Ich dachte nicht daran, der Sache aus dem Weg zu gehen. Zuerst ja, in der Nacht, wenn diese Kerle nicht gewesen wären, da hätte ich vielleicht... Nein, weiß Gott, ich wollte ihnen nicht das Vergnügen machen. Sie hatten genug getan. Sie hatten sich eine Geschichte zurechtgemacht und schienen sie zu glauben. Aber ich wußte die Wahrheit, und ich wollte damit fertig werden – allein, in mir selbst. Ich wollte mich nicht auf eine so niederträchtige Weise unterkriegen lassen. Was hätte es schließlich auch bewiesen? Ich war furchtbar zerschlagen, lebensmüde, um die Wahrheit zu sagen. Aber was hätte es genützt, wenn ich – so – so – ausgekniffen wäre? Das war nicht das Rechte. Ich glaube – ich glaube, es wäre – es wäre doch nichts zu Ende gewesen.«

Er war auf und ab gegangen, doch mit dem letzten Wort wandte er sich mir kurz zu.

»Was halten Sie davon?« fragte er heftig. Eine Pause entstand, und plötzlich fühlte ich mich von einer tiefen, hoffnungslosen Müdigkeit befallen, als hätte mich seine Stimme aus einer Traumwanderung durch leere Räume aufgeschreckt, deren Unendlichkeit meine Seele quälte und meinen Körper entkräftete. »...Es wäre nichts zu Ende gewesen«, murmelte er hartnäckig nach einer kleinen Weile. »Nein! Das Rechte war, es allein, vor mir selber damit aufzunehmen – auf eine andere Gelegenheit zu warten – herauszufinden...«

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