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Lord Jim

Joseph Conrad: Lord Jim - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
titleLord Jim
authorJoseph Conrad
translatorHedwig Lachmann
publisherS. Fischer
addressBerlin
year1927
senderreuters@abc.de
created20040806
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Zehntes Kapitel

Er verschränkte die Finger und riß sie wieder auseinander. Nichts konnte wahrer sein: er war in der Tat in einen bodenlosen Abgrund gesprungen. Er war von einer Höhe herabgestürzt, die er nie wieder erklimmen konnte. Mittlerweile war das Boot über die Buglinie hinausgekommen. Es war zu dunkel, als daß sie einander sehen konnten, und sie waren überdies vom Regen geblendet und halb ersäuft. Es war, meinte er, als würde man von einer Flutwelle durch eine Höhle geschwemmt. Sie hatten die Bö im Rücken; der Kapitän hatte, wie es scheint, ein Ruder über Heck ausgelegt, um das Boot vor dem Wind zu halten, und zwei oder drei Minuten lang schien das Ende der Welt durch eine Sintflut in undurchdringlicher Finsternis gekommen. »Die See zischte wie zwanzigtausend Kessel.« Das Gleichnis stammt von ihm, nicht von mir. Nachdem der erste Stoß vorüber war, muß der Wind nicht sehr heftig gewesen sein, und Jim selbst gab bei der Verhandlung zu, daß die See in jener Nacht keinen Augenblick sonderlich hoch ging. Er kauerte sich im Bug zusammen und warf einen verstohlenen Blick zurück. Er sah nur einen gelben Schimmer des Topplichts, zwinkernd und matt wie ein letzter Stern vor dem Erlöschen. »Es entsetzte mich, daß es noch da war«, sagte er. Das waren seine Worte. Was ihn entsetzte, war der Gedanke, daß das Ertrinken noch nicht vorbei war. Kein Zweifel, er wünschte das Grauenvolle so schnell wie möglich hinter sich zu haben. Keiner von den Bootsinsassen gab einen Laut. Im Dunkel schien das Boot zu fliegen, doch konnte es wohl kaum viel Fahrt gemacht haben. Nun ging der Regenvorhang über sie weg, und das schreckliche, die Besinnung raubende, zischende Geräusch folgte dem Regen in die Ferne, bis es ganz aufhörte. Dann war alles still bis auf das leise Plätschern längs der Bootsseiten. Jemand klapperte heftig mit den Zähnen. Eine Hand berührte Jims Rücken. Eine schwache Stimme sagte: »Du da?« Eine andere rief zitternd: »Es ist gesunken!« und alle zusammen standen auf, um achteraus zu blicken. Sie sahen keine Lichter. Alles war schwarz. Ein dünnes, kaltes Geriesel schlug ihnen ins Gesicht. Das Boot schaukelte leicht. Das Zähneklappern wurde heftiger, verstummte und fing zweimal von neuem an, bevor der Mann seinen Frostschauer so weit bemeistern konnte, um zu sagen: »Ge – ge – ra – rade zur Z – Z – Zeit ...Brrrr.« Jim erkannte die Stimme des Obermaschinisten, der mürrisch sagte: »Ich sah es sinken. Ich wandte zufällig den Kopf.« Der Wind hatte sich fast völlig gelegt.

Sie lauschten in die Nacht hinaus, die Köpfe gegen den Wind, ob nicht etwa Hilferufe zu ihnen drängen. Anfangs war er dankbar, daß die Nacht das Schauspiel vor seinen Augen verhüllt hatte; dann aber erschien es ihm als der Gipfelpunkt eines fürchterlichen Mißgeschicks, davon zu wissen und nichts gesehen und nichts gehört zuhaben. »Seltsam, nicht wahr?« unterbrach er sich in seiner abgerissenen Erzählung.

Mir erschien es gar nicht so seltsam. Er muß die unbewußte Überzeugung gehabt haben, daß die Wirklichkeit nicht halb so furchtbar, qualvoll und rachedurstig sein konnte wie die Schreckbilder seiner Phantasie. Ich glaube, daß in diesem ersten Augenblick sein Herz sich wand unter all der Qual, daß seine Seele eine Vorstellung der vertausendfachten, namenlosen Not und Verzweiflung von achthundert Menschen hatte, die ein plötzlicher Tod in der Nacht überfällt; warum hätte er sonst gesagt: »Mir war, als müßte ich aus dem verfluchten Boot springen und eine halbe Meile – mehr – wer weiß wie weit – bis zu demselben Fleck zurückschwimmen, um zu sehen ...?« Woher dieser Wunsch? Erkennt ihr seine Bedeutung? Warum zurück zum selben Fleck? Warum nicht einfach untertauchen, wenn er den Tod wollte – warum zurück zum selben Fleck, um zu sehen – als hätte erst seine Einbildungskraft die Gewißheit haben müssen, daß alles vorüber war, bevor der Tod ihm Erlösung bringen konnte? Mag doch einer von euch eine andere Deutung geben. Es war einer der wunderlichen, aufregenden Lichtblicke mitten im Nebel – eine außerordentliche Offenbarung. Er brachte es vor wie die natürlichste Sache der Welt. Er bezwang seinen Wunsch, und dann wurde er sich der Stille bewußt. Das hob er mir gegenüber hervor. Rings um diese geretteten, zitternden Menschenleben schmolzen Meer und Himmel zu einer Unendlichkeit zusammen, still wie der Tod. »Man hätte eine Stecknadel fallen hören können«, sagte er mit zuckenden Lippen, wie jemand, der sich zu beherrschen sucht, während er etwas besonders Ergreifendes erzählt. Eine Stille! Gott allein, der ihn geschaffen hatte, wie er war, weiß, was sie in seinem Herzen bewirkte. »Ich hätte nicht geglaubt, daß ein Fleck auf Erden so still sein kann«, sagte er. »Man konnte das Meer nicht vom Himmel unterscheiden; nichts war zu sehen und nichts zu hören. Kein Lichtschein, keine Form, kein Laut. Man hätte meinen können, jedes Stückchen trockenes Land sei versunken und alle Menschen auf Erden mit Ausnahme von mir und diesen Jammerwichten im Boot ertrunken.« Er stemmte die Knöchel gegen den Tisch, auf dem Kaffeetassen, Likörgläser und Zigarrenstummel ein buntes Durcheinander bildeten. »Ich muß wohl so etwas geglaubt haben. Alles war verschwunden, und – alles war vorbei ...« Er seufzte tief auf... »mit mir.«

Marlow richtete sich mit einem jähen Ruck auf und schleuderte seine Manila weit von sich. Sie zog eine Feuerspur an dem Vorhang der Schlingpflanzen, wie eine Spielzeugrakete. Niemand rührte sich.

Nun, was haltet ihr davon? rief er mit plötzlicher Lebhaftigkeit. Ist er sich nicht treu geblieben? Sein gerettetes Leben war zunichte, weil er keinen Boden unter den Füßen hatte, weil in seinen Augen sich nichts spiegelte, in seinen Ohren nichts erklang. Vernichtung – he! Und all die Zeit ein umzogener Himmel, ein totes Meer, eine unbewegte Luft. Nur Nacht. Nur Schweigen.

So ging es eine Weile, und dann fühlten sie sich plötzlich und einstimmig bewogen, sich über ihr Entrinnen auszulassen. »Ich wußte von Anfang an, es würde untergehen.« – »Nicht eine Minute zu früh.« – »Mit knapper Not davongekommen, sackerment!« Er sagte nichts, aber die Brise, die abgeflaut hatte, sprang wieder auf, wurde nach und nach kräftiger, und die See mischte ihre murmelnde Stimme in die wieder erwachte Gesprächigkeit, die auf die wortlosen Augenblicke des Schreckens folgte. Die Patna war gesunken! Sie war gesunken! Kein Zweifel. Niemand hätte helfen können. Sie wiederholten dieselben Worte fort und fort, ohne aufzuhören. Es stand von Anfang an fest, daß sie untergehen würde. Die Lichter waren aus. Ohne Frage. Die Lichter waren aus. »Nicht anders zu erwarten. Mußte hinunter...« Es fiel ihm auf, daß sie so sprachen, als hätten sie weiter nichts als ein leeres Schiff hinter sich gelassen. Sie meinten, sowie die Patna erst einmal zu sinken angefangen, könne sie nicht lange dazu gebraucht haben. Es schien ihnen eine Art Befriedigung zu gewähren. Sie versicherten einander gegenseitig, daß sie nicht lange gebraucht haben konnte. – »Einfach hinuntergesaust wie ein Senkblei.« Der Obermaschinist erklärte, das Topplicht sei im Augenblick des Sinkens »wie ein weggeworfenes Streichholz« niedergefallen, über diese Bemerkung brach der Zweite in ein hysterisches Gelächter aus: »Wie g-g-gut, wie g-g-gut!« – »Seine Zähne klapperten wie eine elektrische Schnarre«, sagte Jim, »und plötzlich fing er an zu weinen. Er plärrte und heulte wie ein Kind, schluchzte und jappte: ›O Gott! o Gott! o Gott!‹ Dann war er eine Weile ruhig, bis er von neuem anfing: ›Oh, mein Arm! Au, au, au, mein Arm!‹ Ich hätte ihn niederschlagen mögen. Einige saßen auf den Achtersitzen. Ich sah nur ihre Umrisse. Stimmen kamen an mein Ohr, ein Gemurmel, ein tonloses Gebelfer. All das war schwer zu ertragen. Auch fror ich und konnte nichts tun. Ich glaubte, wenn ich mich rührte, müßte ich mich über Bord fallen lassen und...«

Seine Hand tastete verstohlen auf dem Tisch herum, rührte an ein Likörglas und zog sich hastig zurück, als hätte sie glühende Kohle angefaßt. Ich schob ihm die Flasche hin. »Nehmen Sie nicht noch eins?« fragte ich. Er sah mich ärgerlich an. »Glauben Sie nicht, daß ich Ihnen sagen kann, was zu sagen ist, auch ohne mich aufzupulvern?« fragte er. Die Herde der Weltbummler hatte sich zurückgezogen. Wir waren allein; nur im Dunkel war eine aufrechte, weiße Gestalt verschwommen zu erblicken, die, als sie sich bemerkt sah, hervorschlich, zögerte und stumm wieder verschwand. Es war spät geworden, aber ich drängte meinen Gast nicht.

Mitten in diesem trostlosen Zustand hörte er, wie seine Gefährten auf jemand einschimpften. »Warum bist du denn nicht gesprungen, du Mondkalb?« sagte eine scheltende Stimme. Der Obermaschinist war aufgestanden und tappte sich nach vorn, offenbar mit feindlichen Absichten gegen »den größten Esel, der je gelebt hat«. Der Kapitän schrie mit heiserer Stimme von seinem Platz am Ruder Schimpfworte herüber. Jim hob bei diesem Lärm den Kopf und hörte den Namen »Georg«, während ihn eine Hand im Dunkeln vor die Brust stieß. »Was kannst du zu deiner Verteidigung sagen, Erznarr?« forschte jemand mit so etwas wie tugendhafter Entrüstung. – »Sie hatten es auf mich abgesehen«, sagte er, »zogen über mich los – über mich... in der Meinung, ich sei Georg.«

Er hielt inne, versuchte zu lächeln, wendete die Augen ab und fuhr fort: »Der kleine Zweite streckt seinen Kopf dicht unter meine Nase: ›Donnerwetter, es ist ja der dammliche Erste!‹ – ›Was!‹ brüllt der Kapitän vom andern Ende des Bootes. – ›Nein!‹ schreit der Obermaschinist. Und auch er bückte sich, um mir ins Gesicht zu sehen.«

Der Wind hatte plötzlich abgeflaut. Der Regen fiel wieder, und das sanfte, ununterbrochene, etwas geheimnisvolle Geräusch, womit das Meer einen Regenschauer empfängt, erhob sich wieder ringsum in der Nacht. »Sie waren zuerst zu verblüfft, um ein Wort mehr herausbringen zu können«, erzählte er gleichmütig, »und was hätte ich ihnen zu sagen gehabt?« Er stockte ein wenig und sprach dann mit Anstrengung weiter. »Sie hießen mich wer weiß was alles.« Seine Stimme, die zu einem Flüstern herabgesunken war, wurde manchmal unversehens von Ingrimm durchschüttert, als hätte er von unsagbaren Gemeinheiten geredet. »Ganz gleich, was sie mich hießen«, sagte er bitter. »Ich hörte Haß aus ihren Stimmen heraus. Sie konnten es mir nicht verzeihen, daß ich im Boot war. Sie waren außer sich darüber. Es machte sie ganz toll...« Er lachte hart auf... »Aber es hielt mich ab – sehen Sie! Ich saß mit gekreuzten Armen auf dem Dollbord!...« Er setzte sich behende auf den Rand des Tisches und kreuzte die Arme... »So – sehen Sie? Ein kleiner Ruck nach hinten, und ich wäre unten gewesen – den andern nach. Ein kleiner Ruck – der winzigste, winzigste...« Er runzelte die Stirn und sagte nachdrucksvoll, während er mit dem Mittelfinger die Stirn berührte: »Der Gedanke saß mir hier – die ganze Zeit. Und der Regen – kalt, dick, kalt wie Schmelzschnee – kälter noch – auf meinem dünnen Baumwollanzug – nie mehr im Leben werde ich solche Eiseskälte fühlen, ich weiß es. Und der Himmel war schwarz – völlig schwarz. Kein Stern, kein Licht weit und breit. Nichts außerhalb dieses gottverfluchten Bootes, und die beiden vor mir. die mich ankläfften wie ein paar gemeine Köter einen angebundenen Dieb. Japp! Japp! Was haben Sie hier zu suchen? Nette Sorte! Erst zu vornehm, um Hand anzulegen. Aber doch noch zur Zeit aufgewacht aus dem Dusel, he? Um sich hereinzustehlen? He? Japp! Japp! Schämen Sie sich was! Japp! Japp!‹ – Einer suchte den andern mit seinem Gebell zu übertönen. Der dritte schrie vom Steuer her sein gemeines Kauderwelsch durch den Regen – ich sah ihn nicht und verstand nicht, was er sagte. Japp! Japp! Wau – Wau – Wau – Wau! Japp! Japp!‹ Es hörte sich gut an; es erhielt mich am Leben, sage ich Ihnen. Es hat mich gerettet. Sie schrien auf mich ein, als wollten sie mich mit dem Lärm über Bord treiben ... ›Ich wundere mich, daß Sie sich zu springen getrauten. Sie sind überflüssig hier.— Hätte ich gewußt, wer es war, hätte ich dich ins Wasser geschmissen – falscher Hund. Was hast du mit dem andern gemacht? Woher nahmst du denn den Mut zu springen – Feigling? Was hindert denn uns drei, dich über Bord zu feuern?‹... Sie waren ganz außer Atem. Der Regen erstarb weit weg. Dann nichts mehr. Nichts mehr rund um das Boot, kein Laut. So? Sie wollten mich über Bord haben? Wahrhaftig! Sie hätten ihren Willen haben können, wenn sie nur still gewesen wären. Mich über Bord schmeißen? Wirklich? ›Probiert's!‹ sagte ich. – ›Ich, für zwei Pfennig.'—,Ich bin mir dafür zu gut!‹ –so schrien sie durcheinander. Es war so dunkel, daß ich sie nur unterscheiden konnte, wenn einer oder der andere sich bewegte. Weiß der Himmel! Sie hätten es nur versuchen sollen.«

Ich konnte mich nicht enthalten, auszurufen: »Was für eine merkwürdige Geschichte!«

»Nicht schlecht – was?« sagte er, wie verwundert. »Sie behaupteten, ich hätte aus irgendeinem Grunde den Pumpenmann beiseite geschafft. Zu welchem Zweck? Und was zum Teufel konnte ich überhaupt wissen? War ich nicht in dies Boot hineingekommen, ich wußte nicht wie? In dies Boot – ich...« Die Muskeln um seinen Mund verzogen sich zu einer unbewußten Grimasse, die die Maske seines gewöhnlichen Ausdrucks durchbrach – ein jähes, flüchtiges Licht, wie ein Blitz, der über zusammengeballtes Gewölk fährt. »Gut, ich sprang hinein. Ich befand mich doch dort in ihrer Gesellschaft, also war kein Zweifel daran. Aber ist es nicht schrecklich, daß man getrieben wird, etwas Derartiges zu tun – und dafür verantwortlich ist? Was wußte ich von ihrem Georg, nach dem sie lamentierten? Ich entsann mich, daß ich ihn auf dem Deck zusammengekauert hatte sitzen sehen. ›Feiger Mörder!‹ nannte mich der Obermaschinist in einem fort. Es schienen die beiden einzigen Wörter zu sein, die ihm einfielen. Mir war es gleich, nur sein Gebell fiel mir auf die Nerven. ›Maul halten!‹ sagte ich. Hierauf brüllte er mit Zetergeschrei: ›Sie haben ihn gemordet. Sie haben ihn gemordet.‹ – ›Nein‹, schrie ich, ›aber dich will ich still machen.' Ich stand auf, und er fiel mit einem furchtbaren Plumps nach rückwärts über die Querbank. Ich weiß nicht, warum. Vielleicht war es zu dunkel. Wahrscheinlich hatte er drübersteigen wollen. Ich sah ihm ganz ruhig nach, und gleich begann der erbärmliche kleine Zweite zu winseln. ›Sie werden doch keinen Krüppel mit einem gebrochenen Arm niederschlagen – und Sie wollen auch noch ein feiner Herr sein!‹ Ich hörte ein paar schwere Tritte und ein grunzendes Geschnaufe. Das andre Vieh kam auf mich zu. Ich sah ihn sich bewegen – riesenhaft, unförmlich –, wie man einen Mann im Traum oder im Nebel sieht. ›Nur her‹, rief ich. Ich hätte ihn wie ein Bündel Werg über Bord geworfen. Er blieb stehn, brummte etwas in den Bart und torkelte zurück. Vielleicht hatte er den Wind gehört. Ich hatte nichts gemerkt. Es war die letzte schwere Bö, die wir hatten. Er ging zu seinem Ruder zurück. Es tat mir leid. Ich hätte versuchen mögen, zu... zu...«

Er öffnete und schloß seine gekrümmten Finger, und seine Hände zuckten ein paarmal, in einer gierigen, grausamen Bewegung. »Ruhig, ruhig«, ermahnte ich.

»Eh? Was? Ich bin nicht aufgeregt«, widersprach er, empfindlich getroffen, und stieß mit einem krampfhaften Zucken seines Ellbogens die Kognakflasche um. Ich sprang auf und schützte meinen Stuhl. Er machte einen Satz vom Tisch herunter, als wäre eine Mine in seinem Rücken geplatzt, und wandte mir zwei wild erschrockene Augen und ein bis in die Nasenflügel erbleichtes Gesicht zu. Er war äußerst beschämt. »Verzeihung! Wie ungeschickt von mir!« stammelte er verlegen, während der durchdringende Geruch vergossenen Alkohols uns in der kühlen, klaren Dunkelheit der Nacht plötzlich in die Atmosphäre eines ordinären Kneipgelages einhüllte. Im Speisesaal waren die Lichter ausgelöscht worden; unser Licht glimmte vereinzelt in der langen Galerie, und die Säulen standen vom Sockel bis zum Kapital im Schatten. Das hohe Eckgebäude des Hafenamts, das sich im Sternenschein mit klaren Umrissen auf der Esplanade erhob, bildete den etwas düsteren Hintergrund zu diesen Vorgängen.

Er versuchte gleichgültig auszusehen.

»Ich glaube, ich bin jetzt weniger ruhig, als ich es damals war. Ich war zum Äußersten bereit. Das waren Kleinigkeiten...«

»Es muß recht kurzweilig in dem Boot gewesen sein«, bemerkte ich.

»Ich war bereit«, wiederholte er. »Nachdem die Schiffslichter verschwunden waren, hätte wer weiß was in dem Boot oder in der Welt passieren können, es hätte nichts ausgemacht. Ich fühlte das, und es war mir recht. Es war auch gerade dunkel genug. Es war, als wären wir rasch in ein geräumiges Grab eingemauert worden. Kein Zusammenhang mit irgend etwas auf Erden. Keine Meinung, die irgendwie in Betracht kam. Es war alles belanglos.« Zum drittenmal während dieser Unterhaltung lachte er schrill auf, aber es war niemand mehr um die Wege, der ihn hätte für nur betrunken halten können. »Keine Furcht, kein Gesetz, kein Ton, keine Augen – nicht einmal unsere eigenen, wenigstens bis – bis Sonnenaufgang.«

Ich war von der zwingenden Wahrheit seiner Worte betroffen. Es ist etwas Eigentümliches um ein kleines Boot auf weitem Meer. Über den Leben, die den Schatten des Todes entronnen sind, hängen die Schatten des Wahnsinns. Wenn dein Schiff versagt, versagt die ganze Welt; die Welt, die dich gemacht, bewahrt, unter ihre Obhut genommen hat. Es ist so, als wären die Seelen der Menschen, über einem Abgrund schwebend und an die Unendlichkeit verloren, jedem Übermaß an Heldentum, Torheit oder Niedertracht preisgegeben. Gibt es nun auch, was Glauben, Denkart, Liebe, Haß, Überzeugung, ja selbst nur das Aussehen greifbarer Dinge angeht, nahezu so viele Schiffbrüche, wie es Menschen gibt, so war doch dieser besondere Fall durch das Schmähliche seiner Begleitumstände so vereinzelt, daß diese Männer von der übrigen Menschheit, deren Verhalten niemals solch teuflischer Versuchung ausgesetzt gewesen, völlig abgeschnitten waren. Sie waren so wütend auf ihn, weil er kein überzeugter Schuft war: er verbrannte sie mit seinem Haß gegen die ganze Geschichte. Er hätte gern an ihnen blutige Rache dafür genommen, daß sie ihm eine so grausige Gelegenheit in den Weg gelegt hatten. Verlaßt euch drauf, daß ein Boot auf hoher See das Vernunftwidrige, das auf dem Grunde jedes Gedankens, jeder Empfindung und Gefühlsregung schlummert, an den Tag bringt. Es gehörte mit zu der grotesken Gemeinheit dieses besonderen Seeabenteuers, daß es nicht zu einer Schlägerei kam. Es war von Anfang bis zu Ende nichts als Drohung, ein täuschend echter Schwindel, von der furchtbaren Verachtung der dunklen Mächte in Szene gesetzt, deren wirkliche Schrecken, immer dicht vor dem Triumph, nur durch die menschliche Standhaftigkeit niedergehalten werden. Ich fragte, nachdem ich eine Weile gewartet hatte: »Nun, was geschah?« Eine nutzlose Frage. Ich wußte schon zu viel, um auf die Gunst eines einzigen, versöhnlich stimmenden Zugs, auf die Fürsprache eines Anfalls von Wahnsinn, einer seelischen Umnachtung, zu hoffen. »Nichts«, sagte er. »Mir war es ernst, aber sie wollten bloß krakeelen. Es geschah nichts.«

Und die aufgehende Sonne fand ihn noch genau so, wie er zuerst im Bug aufgesprungen war. Welche Beharrlichkeit in der Bereitschaft! Er hatte auch die Ruderpinne die ganze Nacht in der Hand gehalten. Sie hatten das Steuerruder über Bord fallen lassen, als sie versuchten, es einzusetzen, und während sie im Boot hin und her rannten, um auf jede mögliche Weise vom Schiff klarzukommen, muß die Pinne irgendwie nach vorn gestoßen worden sein. Es war ein langes, schweres Stück Hartholz, und anscheinend hatte er es an sechs Stunden umklammert gehalten. Wenn das nicht bereit sein heißt! Könnt ihr ihn euch vorstellen, die halbe Nacht stehend, das Gesicht dem Tosen des Regens preisgegeben, wie er auf die dunklen Formen und ihre undeutlichen Bewegungen starrt und das Gehör anspannt, um das spärliche, leise Gemurmel auf den Achtersitzen aufzufangen? Was haltet ihr davon? Ist das nun Festigkeit des Muts oder die Energie der Angst? Und die Ausdauer ist ebenfalls unleugbar. Sechs Stunden ungefähr in Verteidigungsstellung, sechs Stunden gespannter Unbeweglichkeit, während das Boot, je nach den Launen des Windes, langsam dahinfuhr oder nicht weiterkonnte; während das Meer, still geworden, schließlich ganz schlief; während die Wolken über seinen Kopf dahinzogen; während der Himmel aus lichtloser, schwarzer Unendlichkeit sich zu einem dunklen, schimmernden Gewölbe zusammenschloß, das von einem nach Osten zu fahlen, im Zenit verblassenden Glanz durchfunkelt war; während die formlosen Gestalten Umrisse annahmen, sich abhoben; zu Schultern, Köpfen, Gesichtern, Zügen wurden – ihn mit stumpfen Blicken anstarrten und in der bleichen Dämmerung ihr wirres Haar, ihre zerrissenen Kleider und blinzelnden roten Lider zeigten. »Sie sahen aus, als hätten sie eine Woche lang betrunken in der Gosse gelegen«, schilderte er anschaulich; und stammelte dann etwas von einem Sonnenaufgang, von dem man habe auf einen schönen Tag schließen können. Ihr kennt die Gewohnheit des Seemanns, bei jeder Gelegenheit das Wetter zu erwähnen. Und was mich betrifft, so genügten seine wenigen gemurmelten Worte, um die Vorstellung in mir wachzurufen, wie der untere Sonnenrand sich von der Linie des Horizonts löste, ringsum, soweit das Auge reichte, kleine Wellchen die See überliefen, als schauerten die Wasser, da sie den Lichtball geboren, und ein letzter Hauch der Brise die Luft wie ein befreites Aufatmen durchzog.

»Sie saßen auf dem Achtersitz, Schulter an Schulter, der Kapitän in der Mitte, wie drei schmutzige Eulen, und starrten mich an«, sagte er mit grimmigem Haß, der den alltäglichen Worten eine ätzende Beimischung gab, wie wenn ein Tropfen eines starken Giftes in ein Glas Wasser fällt; doch meine Gedanken weilten bei dem Sonnenaufgang. Ich stellte mir vor, wie das hehre Gestirn, des Pünktchens Leben nicht achtend, die klare Wölbung des Himmels hinanstieg, um gleichsam von einer größeren Höhe herab den eigenen, vom stillen Meere widergespiegelten Glanz beschauen zu können. »Sie riefen mich vom andern Ende an«, sagte Jim, »als wären wir gute Freunde gewesen. Ich hörte sie. Sie baten mich, ich sollte vernünftig sein und das ›vermaledeite Stück Holz‹ wegwerfen. Warum ich denn solch Aufhebens machte? Sie hätten mir doch nichts zu Leide getan, oder? Sie hätten nichts Schlimmes gemeint... Nichts Schlimmes!«

Sein Gesicht wurde dunkelrot, als ginge ihm der Atem aus.

»Nichts Schlimmes!« stieß er hervor. »Urteilen Sie. Sie können es verstehen. Nicht wahr? Sie sehen es ein – nicht wahr? Nichts Schlimmes! Barmherziger Gott! Was könnten sie Schlimmeres getan haben? Ja, ja, ich weiß schon – ich sprang. Gewiß – ich sprang! Ich sagte Ihnen ja, daß ich sprang; aber weiß Gott, es war zuviel für einen Menschen. Es war genau so, als hätten sie einen Bootshaken nach mir geworfen und mich hinuntergezogen. Können Sie das nicht begreifen? Sie müssen es. Sprechen Sie – frei heraus!«

Seine unsteten Augen hefteten sich auf die meinen, fragten, bohrten, forschten, bettelten. Ich konnte nicht anders, ich mußte antworten: »Sie sind auf eine harte Probe gestellt worden,« – »Mehr als billig«, fiel er gierig ein. »Es war mir keine noch so kleine Chance gegönnt – mit einer solchen Bande, Und jetzt taten sie gut Freund – oh, verflucht nochmal! Gut Freund – Schiffskameraden. Im gleichen Boot. Man muß sich so gut wie möglich aus der Affäre ziehen. Sie hatten nichts Schlimmes beabsichtigt. Sie kümmerten sich keinen Deut um Georg. Georg war im letzten Moment um irgendwas in seine Koje zurückgegangen und war umgekommen. Der Mann war sichtlich verrückt. Sehr traurig, natürlich. ... Sie richteten ihre Blicke auf mich; bewegten die Lippen, wackelten mit den Köpfen in der Richtung auf mich zu – ihrer drei; sie winkten – mir! Warum auch nicht? War ich nicht gesprungen? Ich sagte nichts. Es gibt keine Worte für die Dinge, die ich hätte sagen mögen. Hätte ich in dem Augenblick den Mund aufgemacht, ich hätte wie ein Tier losgebrüllt. Ich fragte mich, wann ich erwachen würde. Sie drangen laut in mich, nach achtern zu kommen und ruhig anzuhören, was der Kapitän zu sagen hätte. Man würde uns sicher vor Abend aufnehmen, – wir wären ja mitten auf der Route des ganzen Verkehrs vom Kanal her, es sei jetzt eine Rauchfahne gegen Nordwest zu sehen.

Es gab mir einen furchtbaren Riß, dies schwache, schwache Fleckchen zu entdecken, diese leise Spur braunen Nebels, durch die die Grenze zwischen Meer und Himmel hindurchschien. Ich rief ihnen zu, daß ich von meinem Platz aus recht gut hören könne. Der Kapitän fing an zu fluchen, heiser wie eine Krähe. Es fiele ihm nicht ein, sich zu meiner Bequemlichkeit die Kehle auszuschreien. ›Haben Sie Angst, daß man Sie am Ufer hört?‹ fragte ich. Er glotzte mich an, als hätte er mich in Stücke reißen mögen. Der Obermaschinist riet ihm, mich sein zu lassen. Ich sei noch nicht wieder ganz richtig im Kopf. Der andere erhob sich im Heck – ein riesiger Fleischklotz – und redete – redete...«

Jim schwieg nachdenklich. »Nun?« sagte ich. – »Was lag mir daran, was für eine Geschichte sie sich zurechtmachten?« schrie er rücksichtslos. »Mochten sie doch sagen, was sie wollten. Es war ihre Sache. Ich kannte die Geschichte. Nichts, was sie den Leuten weismachten, konnte daran für mich etwas ändern. Ich ließ ihn reden, beweisen – reden, beweisen. Er redete in einem Zuge, fort und fort. Plötzlich fühlte ich, wie meine Beine unter mir versagten. Ich war elend, müde – sterbensmüde. Ich ließ die Pinne fallen, drehte ihnen den Rücken zu und setzte mich auf die vorderste Rojebank. Ich hatte genug. Sie wollten von mir wissen, ob ich verstanden hätte, – ob es nicht wahr wäre, jedes Wort, das sie sagten? Es war weiß Gott wahr, in ihrem Sinne. Ich wandte den Kopf nicht. Ich hörte sie miteinander plappern. ›Der dumme Esel tut den Mund nicht auf.‹ – ›Oh, er versteht schon ganz gut.‹ – ›Laßt ihn gehn; er wird schon nicht zuwider sein.‹ – ›Was kann er tun?‹ – Was konnte ich tun? Waren wir nicht alle im selben Boot? Ich versuchte mich taub zu stellen. Die Rauchfahne war nach Norden zu verschwunden. Es herrschte Totenstille. Sie taten einen Trunk aus dem Bootswasserfaß, und auch ich trank. Hernach waren sie sehr geschäftig, das Bootssegel über den Dollbord zu spannen. Ob ich Ausguck halten wollte? Sie krochen hinunter, Gott sei Dank! mir aus den Augen. Ich war müde, zerschlagen, erschöpft, als hätte ich seit Kindheitstagen nicht mehr geschlafen. Ich konnte vor dem Geglitzer der Sonne das Wasser nicht sehen. Von Zeit zu Zeit kroch einer hervor, stellte sich auf, hielt Umschau und verzog sich wieder. Ich konnte unter dem Segel hervor Schnarchen hören. Sie konnten also schlafen. Einer von ihnen wenigstens. Ich konnte es nicht. Alles war Licht, Licht, und das Boot schien hindurchzufallen. Dann und wann war ich ganz überrascht, mich auf einer Bootsbank sitzend zu finden.«

Er begann mit gemessenen Schritten vor meinem Stuhl auf und ab zu gehen, die eine Hand in der Hosentasche, den Kopf nachdenklich gesenkt, und hob in langen Zwischenräumen den rechten Arm zu einer Gebärde, die einen unsichtbaren Eindringling aus dem Weg zu weisen schien.

»Wahrscheinlich meinen Sie, ich sei am Verrücktwerden gewesen«, begann er wieder in verändertem Ton. »Und das mögen Sie auch tun, wenn Sie bedenken, daß ich meine Mütze verloren hatte. Die Sonne kroch den ganzen Weg von Ost nach West über meinen bloßen Kopf, aber an jenem Tag konnte mir wohl nichts geschehen. Die Sonne konnte mich nicht wahnsinnig machen«... Sein rechter Arm schob die Vorstellung des Wahnsinns beiseite... »Auch töten konnte sie mich nicht« ... Wiederum drängte sein Arm einen Schatten zurück... »Es wich nicht von mir.«

»Wirklich?« sagte ich, über die Maßen erstaunt über diese neue Wendung, und betrachtete ihn mit derselben Empfindung, die mich wohl überkommen hätte, wenn er mir plötzlich, sich auf den Hacken herumdrehend, ein ganz neues Gesicht gezeigt hätte.

»Ich bekam keine Gehirnentzündung und keinen Gehirnschlag«, fuhr er fort. »Ich kümmerte mich überhaupt nicht um die Sonne über meinem Kopf. Ich überlegte so kühl wie irgendeiner, der nachdenkend im Schatten sitzt. Das schmierige Vieh von Kapitän streckte seinen klobigen, kurzgeschorenen Kopf unter der Leinwand hervor und stierte mich mit seinen glasigen Augen an. ›Donnerwetter! Sie werden sterben!‹ knurrte er und kroch wie eine Schildkröte in sich zusammen. Ich sah ihn. Ich hörte ihn. Er unterbrach mich nicht. Ich überlegte mir gerade da, daß ich das nicht wollte.« Er versuchte mit einem raschen Seitenblick meine Gedanken zu ergründen. »Wollen Sie sagen, daß Sie mit sich selbst zu Rate gegangen waren, ob Sie sterben sollten?« fragte ich so unbefangen, wie ich nur konnte. Er nickte, ohne stehenzubleiben. »Ja, es war so weit gekommen, während ich allein dasaß«, sagte er. Er machte ein paar Schritte bis an die Grenze, die er bei seinem Auf und Ab unbewußt einhielt, und als er sich umwandte, hatte er beide Hände tief in die Taschen vergraben. Er machte vor meinem Stuhl halt und blickte zu Boden. »Glauben Sie es nicht?« fragte er mit gespannter Neugier. Ich fühlte mich gedrungen, eine feierliche Erklärung abzugeben, daß ich unbedingt alles zu glauben bereit sei, was er mir mitzuteilen für gut hielte.

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