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Lohengrin

Friedrich Huch: Lohengrin - Kapitel 1
Quellenangabe
typecomedy
booktitleTristan und Isolde / Lohengrin / Der fliegende Holländer
authorFriedrich Huch
year1911
firstpub1911
publisherMartin Mörikes Verlag
addressMünchen
titleLohengrin
pages53
created20080908
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Friedrich Huch

Lohengrin

Ein Puppenspiel

 

67 Prolog

        In diesem Dramolet – o Graus –
Da ziehen sich die Helden aus!
Im zweiten Akt, in aller Kühne,
Stehn sie in Hemden auf der Bühne!
Erschrecket nicht zu sehr! Bedenkt:
An Fäden werden sie gelenkt;
Erwägt, daß es nur Puppen sind!
Gefahrlos sind sie! Jedes Kind
Kennt solche Wesen wohl im Hemde,
Ja, ohne daß es euch befremde,
Läßt es sie manchmal selbst ganz nackt
Einhergehn, nur als Lederakt!
Doch still – denn gleich beginnt das Spiel:
Klatscht Beifall, wenn es euch gefiel!

68 Personen

Lohengrin

König Heinrich

Telramund

Ortrud

Elsa

Das Korps der Edlen

Soldaten


69 Erster Akt

Ufer der Schelde.

Telramund. Statt dieser Hexe aus dem kalten Norden –
Ach wäre Elsa doch mein Weib geworden!
Die liebte ich! Sie schlug mich aus, ich grollte,
Und kopflos nahm ich Ortrud, die das wollte.
Elsa nun auch in Ehegräuel zu stürzen
Will ich jetzt rachevoll die Schlinge schürzen.
Ein Gottesmann spukt hier herum;
Der scheint ein Individuum
Das sich für meine Pläne schickt;
Doch braucht's Nachdenken, wie es glückt.
Still! Da kommt Ortrud, sehr erregt,
Beinah gleichsam sturmgefegt.

Ortrud tritt auf.
Fluch über Elsa!

Telramund.             Wie? auch du?
Wieso? Wie kommst denn du dazu?
Sprich, und was lächelst du sardonisch?

Ortrud. Was fragst du? Bin ich nicht dämonisch?

70 Telramund. O doch.

Ortrud. Als Vogel hockt auf eines großen Käfigs Stangen
Der Knabe Gottfried, heimlich von mir eingefangen.
Nun sollst du sie des Brudermords verklagen:
Daß sie Gottfried im Fluß ertränkte, sagen.
Was sinnst du? Du hast nicht zu wählen:
Ich bin dein Weib, ich habe zu befehlen!

Telramund. Auch ich hab einen Racheplan,
Vielleicht schließt er sich deinem an!
Laß mich nur reflektieren,
Und beide kombinieren.

Ortrud. Vor Männergeist hab ich Respekt,
Weil selbst vom Mann was in mir steckt.
Gewöhnlich können Frauen
Nur lieben und verdauen.

Telramund. Ich hab's! Und da die Sache sehr prosaisch ist, will ich sie dir auch ganz prosaisch mitteilen: Elsa soll verklagt werden, sie wird nicht sterben, auch nicht eingekerkert, aber ihr Los soll schlimmer sein als Tod!

71 Ortrud. Wie das?

Telramund. König Heinrich wird heut morgen hier Gericht halten, da soll sich mein Plan in die Tat umsetzen! Lohengrin landet. Blick hin, da naht schon mein Werkzeug! Während der Mann dort langsam herankommt, will ich dir alles Nähere mitteilen. Der Geist Radbods, meines Vaters, wird mir beistehn!

Ortrud. Das ist doch mein Vater gewesen, soviel ich weiß?

Telramund. So? Nun, es ist gleich.

Sie treten etwas auf die Seite.

Lohengrin steigt an das Land, der Kahn mit dem Schwane bleibt am Ufer. Lohengrins Visier ist geöffnet; er nähert sich dem Vordergrunde.

Lohengrin. Ich bin nun schon den ganzen Fluß hinabgefahren,
Und nirgendwo stieß ich auf sündliches Gebahren.
Es müßte sich doch endlich etwas finden,
Das ich moralisch neu verschweißen, neu verbinden,
Aufs neu verleimen, kitten und vernieten könnte,
Ich, dem der Himmel Macht hiezu vergönnte;
72 Denn überall beinah in heutiger Zeit
Das Gegenteil von der Moral gedeiht,
Das man sehr richtig »Unmoral« benennet,
Wobei man durch die Negation bekennet,
Daß die Moral das eigentlich Primäre,
Die Unmoral jedoch das Sekundäre.

Er sieht sich um.

Kein Atom Sünde ist irgendwo zu entdecken, ich kann einmal ausruhn.

So will ich denn den Blick zum eignen Innern heben,
Denn schließlich möchte man doch auch persönlich leben.
Ach, und grad dieses wird mir so erschwert!
Nie find ich eignes Heim und eignen Herd!
Alle Versuche enden gleich mit Trennung,
Wenn man mich treibt zu meines Namens Nennung!

Ja ja, so liegen die Dinge. Und dabei ist es mir doch um Gotteswillen gar nicht um das Fleischliche zu tun, sondern nur um eine gute vegetarische Küche . . . Sehe ich da nicht zwei Menschen? Sie scheinen von hoher Geburt, ich werde sie anreden.

Gott schütz euch, ihr zwei Edeln!
Gibt's hier was einzufädeln?
Moralisch was zu nähen?
Was Gutes anzudrehen?

73 Telramund. Jawohl, und ihr wißt vielleicht aus der Bibel, daß unter Umständen anstatt des Fadens auch ein Kamel durchs Nadelöhr geht! Ich meine euch damit, nur metaphorisch.

Lohengrin. Wieso? Was soll das heißen?

Telramund. Verstand ich Euch, hört ich genau,
So sehnt Ihr Euch nach einer Frau.
Elsa, die Fürstin von Brabant,
Die paßt für Euren Ritterstand!

Ortrud. Und ich rate Euch im Guten: Sucht sie noch heute, und zwar noch heute vormittag, zu heiraten! Ich will es, ich befehle es!

Telramund. Still, liebes Weib! Zu Lohengrin. Das Herz meiner Frau schlägt so stark und heiß zum Wohl der andern, daß es zuweilen ein wenig mit ihr durchgeht!

Lohengrin. Schön wär's! Doch darf ich meinen Namen nie verraten,
74 Noch was ich bin. Nur allgemeine Daten
Sind mir erlaubt; so laßt mich wieder scheiden;
Vielleicht, daß doch inzwischen innere Leiden
Stromabwärts weiter ausgebrochen wären;
Dort muß ich hin, daß sie sich nicht vermehren!
Es wächst so leicht und schnell der Sünde Samen:
Lebt wohl! Hebt die Hände. Nehmt beide meinen Segen! Amen.

Ortrud. für sich. Brrr! Ich als Heidin muß mir das gefallen lassen?!

Telramund. Halt, Freund! Hört meinen Rat und bleibt!
Geht's gut, seid Ihr noch heut beweibt!
Kreuzt nah am Ufer! Tönt dann die Trompete
Dreimal zum Kriegsruf, alsdann trete
Schnell an das Land . . . Ich darf doch »du« dich nennen,
Da wir uns jetzt schon etwas näher kennen?

Lohengrin. Natürlich! Gottes Kinder sind wir alle
Auf seiner Schöpfung Erdenballe,
Und dies vorausgesetzt, verbindet
Ein Bruderband das, was sich auf ihm findet.
Doch scheint's, daß du 'nen Kampf verlangst?
Vorm Fechten hab ich solche Angst!

75 Telramund. Du forderst mich, und ficht'st mit mir
Zum Scheine nur! Ich schwöre dir:
Ich fall sogleich zu Boden hin,
Und dir wird Elsa zum Gewinn!

Lohengrin. Ganz dunkel scheint mir zwar dies alles,
Doch ich vertrau dir! Keines Falles
Ist doch was Böses bei dem Handel?
Denn lauter ist mein Erdenwandel!

Ortrud. Was? Gleicht er etwa einem Schufte?

Lohengrin. Verzeih, ich meinte bloß . . .

Ortrud.                                                 Verdufte!
Acht' aufs Signal, komm nicht zu früh!
Dreimal ertönt es! – Hüh, Schwan, hüh!

Sie schlägt aufmunternd auf den Schwan los.
Lohengrin fährt ab.

Telramund. »Verdufte« war ausgezeichnet gesagt; ich möchte nicht kennen lernen müssen, was unter seiner 76 Rüstung steckt. Aber du bist etwas zu weit gegangen, liebes Weib!

Ortrud. Mag sein; die Kraft meiner Pläne reißt mich eben mit!

Telramund. Deiner Pläne?

Ortrud. Nun ja, ich habe doch dieses ganze erfunden. Aber mein hitzig-dämonisches Temperament könnte das folgende vielleicht stören; mach die Kleinigkeit alleine aus; ich gehe jetzt nach Hause und füttere Gottfried mit verdorbenen Sachen. Ab.

König Heinrich tritt auf und das Korps der Edlen.

Heinrich. Wieder einmal weil' ich, König Heinrich, hier,
Ich seh des Landes blütenreiche Zier
Um mich versammelt. Zwecklos wär mein Kommen,
Würde nichts Kriegerisch-Großes unternommen.
Glanz und Ruhm geziemt dem Fürsten;
Drum sag ich Euch: Heiß tut's mich dürsten
Nach Rache an der Ungarn Scharen,
Die von jeher historisch waren.

77 Korps der Edlen. Die Ungarn! Hört!
Ich bin verstört!
Wir sind verstört!
Die Ungarn! Hört!

Heinrich. Durch tapfren Kampf zu schnellem
Sieg Führt glorreich uns der wilde Krieg!

Korps der Edlen. Habt Ihr gehört?
Er selber schwört:
Es führt der Krieg
Durch Kampf zum Sieg!

Heinrich. Genug! Zuvörderst müssen wir
Gericht noch halten. Tretet hier
In diesen Kreis; ich nenn ihn »Ting«,
Das ist altdeutsch und heißet »Ring«.
Wer jemand anzuklagen hat –
Er trete vor!

Telramund nähert sich.   An Eidesstatt
Erkläre ich, obgleich 's mich kränkt:
78 Den eignen Bruder hat ertränkt
Elsa, die Fürstin von Brabant!

Korps der Edlen. Elsa? Der Tugend Unterpfand?

Heinrich. Ich muß von dieser Anklage, ohne daß ich es wußte, innerlich schon etwas vorausgeahnt haben, denn ich habe Elsa – als einzige Frau – gleich mitgebracht. Sie hätte hier sonst nicht das mindeste zu suchen.

Elsa, tritt vor!

Elsa kommt langsam aus dem Korps der Edlen heraus.

Heinrich.               Hast du gehört,
Was Telramund, der Edle, schwört?

Elsa hebt den Kopf in die Luft.

Heinrich. Antworte! Rede klüglich,
Und zweitens: Unverzüglich!

Elsa hebt auch die Arme in die Luft.

Heinrich. Was ist dir? Bist du ganz entrückt?

Korps der Edlen. Was ist ihr? Ist sie ganz entrückt?

79 Heinrich. Du fühlst, scheint's, wieder mal mystisch-erotisch;
Doch stehst du hier gleichsam vorm Amtsbureautisch.
Erwach! Welch' Antwort gabst du dem Gericht?

Elsa traumhaft.
Mein armer Bruder!

Heinrich.                       Das genügt uns nicht.

. . . Ich ersuche dich allen Ernstes: Komm zu dir und antworte sachlich und vernünftig!

Elsa bleibt wie zuvor.

Heinrich. Ich habe keine Zeit. Gefahr und Krieg drängt. Da Elsa uns keine positive Antwort geben will, überspringe ich alle weiteren Zeremonien und tue die Schlußaufforderung: Ist jemand da, der an ihre Unschuld glaubt, so trete er vor, zum Waffengang mit Telramund! Wir haben nun einmal noch diese etwas veraltete Institution.

Korps der Edlen. Schwerer Konflikt! Soll ich es wagen
Mit ihm im Zweikampf mich zu schlagen?

80 Telramund für sich. Die Berechnung darf nicht schief gehn. Laut. So blast doch, ihr Trompeten; ehe ihr nicht dreimal geblasen habt, gehe ich auf nichts ein.

Drei Edle blasen; dreimal.

Heinrich. Nun wohl, wer kämpfen will, der melde sich!

Telramund. Seht! Seht! Was naht dort auf der Scheide sich?
Ein Ritter ist's, in heller Waffen Glanz!
Wohl! Auf zum Zweikampf! Auf zum Waffentanz!

Heinrich. Ihr scheint an Halluzinationen zu leiden! Ich sehe nichts! Seht ihr was, ihr Edlen?

Korps der Edlen. Zu jeder Stunde, allezeit
Sind wir zur Einfühlung bereit;
Jedoch in diesem Fall gebricht's
An Einfühlung: Wir sehen nichts.

Telramund. Noch einmal geblasen, ihr Trompeten, lauter! Für sich. Kommt denn der Kerl immer noch nicht? Abermals Trompetenstoß; dreimal. 81 Da ist er! Gott sei Dank, endlich!

Lohengrin landet und steigt aus. Sein Visier ist geschlossen.

Korps der Edlen. Sah einer solche Rüstung je?
Vom Wirbel geht sie bis zur Zeh!
Sie hüllt von Kopf zu Fuß ihn ein:
Sehr teuer muß die Rüstung sein.

Telramund für sich. Ich wundere mich, daß keiner von diesen Laffen einen Reim auf Kahn und Schwan macht, er liegt doch so nahe.

Heinrich. Wie seltsam ist dies! Ihr – Herr Ritter da:
Sagt: Seid Ihr eine Art Deus ex machina?

Lohengrin. Der Geist ist göttlich, fleischlich die Maschine,
In welchem Sinn ich jenes Prädikat verdiene.
    Zu Telramund.
Grüß Gott, Herr Ritter! ach da seid Ihr ja!
Kommt mir im Kampfe nur nicht allzu nah!

82 Korps der Edlen. Sarkastisch-freundlich war der Gruß,
Ironisch-furchtbar klang der Schluß!

Lohengrin. Mit den erhobenen Armen da die Dame –
Wenn ich nicht irre: Elsa ist ihr Name.

Telramund. Jetzt hört endlich einmal auf mit dem Gerede! Mein Fürst, gib das Signal zum Zweikampf!

Elsa läßt plötzlich die Arme sinken.
Ich wußte es! Verteidigung war nicht nötig!
Ein starker Held naht schutzerbötig!
Er wird für meine Unschuld kämpfen,
Es schlägt mein Herz in seligen Krämpfen!
Ach, ich bin es fast nicht wert,
Daß Ihr, grad' Ihr mich nun beehrt! Sie sinkt Telramund in den Arm.

Heinrich. Nun Gottlob, daß du endlich aus deiner Ekstase aufgewacht bist! Aber du hast dich in der Person geirrt: Telramund ist hier nicht Verteidiger, sondern Ankläger!

83 Elsa. Ha, meine Ahnung! Taumelt zurück und stürzt Lohengrin vor die Füße.

Heinrich. Die Ahnung hatte sich scheint's maskiert. Nun auf zum Kampf, ihr beiden Ritter!

Lohengrin. Einen Moment noch! Erst muß ich wissen worum es sich handelt! Man sagte mir, ich solle mich beeilen, herfahren, mit Telramund fechten, dann würde mir als Siegerlohn die Jungfrau-Fürstin!

Heinrich. Wenn in dem Kampf du Sieger bist,
Nach hiesigem Recht erwiesen ist,
Daß hier der Graf Unrecht auf Elsa häufte,
Behauptend, daß den Bruder sie ersäufte.
Elsa bekommt Ihr dann als Frau,
Und werdet Herr in diesem Gau.

Lohengrin. Ich freue mich, daß hier der Himmel
Durch mich eingreifet, um den Schimmel
Der Sünde zu beseitigen
Und Gutes draus zu zeitigen.

Er schlägt auf Telramund ein, der sogleich niederfällt.

84 Telramund leise. Bist du verrückt? Ich glaube, du willst mich allen Ernstes totstechen?

Lohengrin. Allerdings, denn du bist ein Verleumder!

Telramund. Hast du die Abrede vergessen?

Lohengrin. Ach so! Die Verleumdung war nicht ernst?

Telramund. Hättest du sonst die Kraft gehabt mich umzuwerfen?

Korps der Edlen. Halt, edler Mann! Halt! Du hast recht!
Gut bist du! Telramund ist schlecht!
Doch töt ihn nicht, da er ein Graf ist,
Und doch vielleicht im Grunde brav ist!

Elsa kniet.
Wie heißt du, Ritter? Sag's mir an,
Damit ich dir recht danken kann!

85 Lohengrin. Wie ich genannt – darf ich nicht nennen;
Doch gottgesandt bin ich; es kennen
Die Menschen mich an meinem Kahn:
Untrennbar ist von ihm der Schwan!

Telramund steht auf. Ich wußte, daß ich dem Reime nicht entrinnen würde.

Heinrich. Ich bitte mir aus, Telramund, daß Ihr Euch ruhig verhaltet. Ihr seid vorläufig moralisch tot! Stellt Euch in die Ecke!

Telramund tut es.

Lohengrin. So wie der Kahn an sich nicht zieht,
So ist der Mensch, wenn Gott ihn flieht,
Als totes Fahrzeug anzusehn,
Das auf demselben Platz bleibt stehn.

Heinrich. Sehr richtig. Doch weiter.

Lohengrin. Der Schwan jedoch ist abermals symbolisch,
Macht meine Sendung beinah apostolisch:
86 Sitz ich auf meiner Bank und zieht er mich –
So geht's von selbst! Und alsdann führt er mich
Ein jedesmal zum Orte wo ich hin soll,
Von dem ich vorher nie was weiß; so sinnvoll
Hat es mein Herr und Vater eingerichtet,
Daß ich, sein Sohn und Knecht, das Land durchsichtet
Nach Bösem aller Art; und ich kann sagen: Stets
Erspür ich seinen Herd; ein jedesmal gerät's!

Korps der Edlen. Wir glaubten einen Held zu sehn –
Nun ja – doch ist's auch so recht schön!

Elsa. Wie herrlich poetisch-mystisch war jedes Wort, das er sprach! Meine Sehnsucht, mein Ideal geht in Erfüllung!

Heinrich. Ihr sprachet allgemein, vermiedet die Person;
Doch frag ich eins: Seid Ihr von der Mission?

Lohengrin. Nicht ganz. Und doch – ich bin – das heißt – ich meine –
Nein nein, ich darf nicht Antwort geben – keine.

87 Elsa. Es wird immer mystischer! Mein Ritter, mein Retter, es drängt mich, dir ebenso geheimnisvoll-poetisch zu begegnen, damit du siehst: Unsere Seelen harmonieren miteinander; also:

Wenn ich abends mich entkleidete,
Und den Blick am eignen Körper weidete,
Meine Schönheit vor dem Mond entblößte,
Und mein Haar in seinem Scheine löste,
Wenn dann still in meiner Kemenate
Meine Dienerin mich zu kämmen nahte –
Mit rätselhaftem Urgefühle
Saß ich dann auf meinem Pfühle!
Ein tief geheimnisvolles Sehnen
Tat alle meine Glieder dehnen;
Ganz stark, und doch zugleich nur zag:
War das wohl schon die Liebe? Sag!

Lohengrin. Gepriesen sei des Himmels dunkles Walten!
Es drängt mich, diese Frage näher zu zerspalten!

Heinrich. Halt, guter Ritter! Tu das lieber nicht!
Doch sähen wir jetzt gerne dein Gesicht!
Du sollst es des Visieres nun entledigen –
Das kann die Diskretion unmöglich schädigen.

Lohengrin klappt das Visier hoch.

88 Elsa. Fast wie mein früherer Privatlehrer!

Korps der Edlen. Dies ist ein Urteil; sachlich, ohne Schwung.
Drum heißt's: Vorsicht in der Begeisterung.

Heinrich. Befriedigt dich der Anblick, Elsa?

Elsa. Und wie! Freut euch doch mit mir, ihr Edeln!

Korps der Edlen. Die Sehne war schon straff gezogen,
Nun schnellt Begeisterung vom Bogen.
Ganz untertänig zucken deine Edeln
Im Freudenrausch, und ihre Seelen wedeln.

Heinrich. Nun, wenn ihr alle so begeistert seid, will ich kein Spielverderber sein. Zu Elsa und Lohengrin.

In eines Kusses sanfter Umarmung
Erblüh euch die erste intime Erwärmung.

Elsa umhalst Lohengrin und küßt ihn.

89 Lohengrin. Gütiger Himmel! Sie hat mich so fest geküßt, daß ich Angst bekomme! Niemals bisher gab es so bedrohliche Nähe!

Elsa. Mir ward ganz seltsam . . . aber das macht gewiß die Neuheit.

Heinrich. Auf zum Palaste! Lasset seine Hallen
Beim Hochzeitsschmaus von Liedern froh erschallen!

Korps der Edlen. Heil Elsa von Brabant!
Heil Heide, ungenannt!

Heinrich, Edle ab; der Vorhang fällt halb.

Elsa. Halt! Halt! Um Gott, was ist das? Es legen sich um meine Seele Schleier, ich erkenne die Welt da draußen nur noch halb! Ein Schicksal zieht sich um mich zusammen, ich habe undeutliche Visionen! Telramund, was stehst du da wie ein Dämon in der Ecke? Wo ist Ortrud? Warum droht sie mir nicht?

90 Telramund tritt vor. Sie ist schon vor einer halben Stunde nach Hause gegangen; warum sollte sie dir drohen?

Elsa. Ich weiß nicht . . . aber es muß gedroht werden; ich fühle es deutlich in meinem Innern: Etwas droht!

Telramund. Ich sehe hier niemand außer Einem, der dir drohen könnte. Zu Lohengrin. Droht Ihr bitte, sie ist manchmal seltsam.

Lohengrin. Sehr gern, obgleich ich wirklich sagen muß . . . Droht ihr.

Elsa. Der?! Es dreht sich alles um!

Telramund. Es wird sich noch mehreres umdrehen.

Lohengrin. Mir schien, vorhin sprach seine Majestät
Von einer Atzung; und nur ganz diskret
91 Möcht ich . . . ein unbefangenes Wort wird leicht
Mißdeutet, und Ihr könntet gar vielleicht . . .
Wenngleich kein Anlaß vorliegt, denn es war
In meinem Leben nie ein Fall . . . obzwar . . .

Telramund. Schluß! Schluß! Deine Sätze sind wie Schüsseln, die serviert und wieder fortgenommen werden, bevor man zugreifen kann. Ich bekomme Appetit auf die Hochzeitsspeisen, die inzwischen kalt werden. Ganz unten an der Tafel wird sich vielleicht noch ein unbemerktes Plätzchen für mich finden lassen. Geht zum Palast, ich folge. Gebt euch den Arm, geniert euch nicht!

Elsa und Lohengrin gehn zögernd voran.

Telramund. Jetzt blüht und reift die Rache!
Doch ob mir bei der Sache
Recht wohl ist – ach, das fragt sich –
Denn Elsa – sie erregt mich!

92 Zweiter Akt

Halle. In der Mitte eine Tür.

Elsa, Lohengrin. Lohengrin ist im Panzer, aber ohne Helm.

Lohengrin. Elsa, mein teures Weib!
O glaube mir: der Leib
Ist sündlich! Nur der Geist
Uns hin zum Himmel weist!

Elsa. Weshalb soll man's den Frommen denn verwehren,
In inniger Ehgemeinschaft zu verkehren?

Lohengrin. Mein Weib, lang könnt ich über diese Dinge
Dozieren, wenn ich überhaupt anfinge!
Nicht leugnen will ich, daß die Liebe
Ein Faktor ist im Weltgetriebe.
Doch soll den bösen Keim man töten.
Mich selbst – ich sag es mit Erröten –
Es ficht auch mich die Sünde an;
Nicht oft zwar, aber dann und wann.
Rein sei die Ehe! Morgens Tee
Mit Brödchen, ganz in deiner Näh;
93 Doch: nicht zu nah; es bleibe
Ein Zwischenraum zum Weibe!
Geschäfte dann; du weißt, ich muß
Die Welt durchspähn auf Ärgernus.
Du stopfst inzwischen meine Kleider –
Jawohl!! Denn das ist nötig – leider;
Zu Mittag leicht Gemüslein,
Und dünne Früchtenmüslein.
Die fahrende Beschäftigung
Sorgt schlecht für Darmes Kräftigung.
Dazwischen wird gebetet,
Im Herzen fromm gejätet.

Elsa. So wär die Frau nur Beterin,
Und Jäterin und Nähterin?
So steht's in nicht Gedichten,
Und in Romangeschichten!

Lohengrin. Berührung sei nicht unerlaubt,
So lang sie nicht die Unschuld raubt.
Jedoch die kleinste körperliche Irrung
Hat im Gefolge nur Gemütsverwirrung!

Elsa. Das klingt ja alles entsetzlich! Ortrud hat mich heute ganz lange aufgeklärt und mir gesagt, eine 94 richtige Ehe sei etwas Wunderschönes! Immer wieder hat sie das betont!

Lohengrin. Die Zeit, die alles klärt, wird auch diese Frage klären. Laß mich jetzt in Ruhe; gehn wir schlafen, ich bin totmüde; du weißt nicht, wie mein Beruf anstrengt. Bist du zufrieden?

Elsa. Ich weiß nicht.

Lohengrin. So komm.

Beide durch die Mitte ab.

Ortrud und Telramund kommen von links.

Ortrud. Hast du gehört? Ich bin recht enttäuscht! Aber trotzdem: Einige Überraschungen wird ihr dieser Mann doch noch bieten, wenn sie seine Gestalt nun etwas näher kennen lernt. Ich möchte gar zu gerne sehn, was für ein Gesicht sie macht, wenn sie gewahr wird, welch eingetrockneter Kern in dieser pompösen Rüstungshülse steckt!

Telramund. Du fürchterliches Weib! Ist Elsa schon
Verdient im Leid, verdient sie doch nicht Hohn!

95 Ortrud. Türschlosses Bohrgang
Verrät mir den Vorgang.
    Sieht durchs Schlüsselloch.
Das Schauspiel – es letzt mich,
Doch Elsa entsetzt sich!
Mir ist es erfreulich,
Doch ihr, so scheint's, gräulich.
Sie flieht vor dem Mann,
Der sie gewann!
Sie kommen herein
Im Unterkleide!
Lassen wir beide
Sie vorerst allein!
Dies Saalgewölbe, wie mir scheint,
Wird sie beruhigen; es vereint
Gediegenen Ernst mit frostiger Kühle,
Und wirkt besänftigend auf Gefühle.

Sie zieht Telramund mit hinaus.

Lohengrin und Elsa, beide in Nachtkleidern.

Elsa. Luft! Luft! Ihr herben, stolzen Pfeiler
Ragt steil – jedoch mein Gram noch steiler!
Erbärmlicher! Bekleide dich!
Ich schwör es dir: ich scheide mich!

96 Lohengrin. Vor Gott gelobtest du mir Treu!
Elsa! Des Himmels Rache scheu!

Elsa. Der Himmel hat sich schon gerächt!
Bekleide dich! O, mir wird schlecht!

Lohengrin. Elsa, ich bitte dich fußfällig:
Mach mich nicht wieder junggesellig!

Elsa. Erwähne deine Füße nicht,
Noch Arm, Bein, Hals, Kopf, Rumpf, Gesicht!

Lohengrin. Elsa, die Suche auf den Pfaden
Des Bösen läßt nicht Zeit zum Baden!

Elsa. Genug des Wassers war vorhanden!

Lohengrin. Doch muß ich, wie du weißt, stets landen!

Elsa. Und wenn du weiß wie Neuschnee wärst –
Das war die Vorbedingung erst!
97 Unnützer Streit! mein letztes Wort:
Fahr wieder ab! Geh wieder fort!

Lohengrin. Das werd ich auch! jedoch nur ab und zu!
Vorläufig setz ich mich zur Ruh!
Glaubst du, ich stritt umsonst mit Telramund?
Ich bleibe, und du hältst sofort den Mund!
Das Weib schuf Gott dem Manne untertan:
Demütig soll sie sich dem Ehherrn nahn!
Hausfrau! Bekleide dich und geh!
Zur Küche! Marsch! Ich wünsche einen Tee!
Eil dich! Bereite mir ein kleines Mahl!
Und schmeckt's mir nicht – – dann werde ich brutal!!

Elsa. Hilfe! Hilfe!

Telramund und Ortrud, von links.

Ortrud. Elsa! du mißgeratenes Weib!

Telramund. Wie? Halb bekleidet nur? O bleib!
Flieh nicht das Auge dessen,
98 Der nie dich tat vergessen!

Für sich. So furchtbar hatte ich mir dies Klappergestell von Ritter doch nicht vorgestellt.

Elsa. Mein Freund, mein Telramund! o rette,
Befreie mich von dieser Klette!
Nimm, wenn du willst, mich selbst dann hin!
Wenn ich nur seiner ledig bin!

Lohengrin. Graf Telramund! Durch Zweikampf überwand
Ich Euch, und trat dafür in Ehestand!

Telramund. Elsa! Ich nehme dich bei deinem Wort!
Er oder ich – einer von uns muß fort!
Ich bin im Harnisch – er im Nachtgewand –
Ein solcher Kampf wär ungerecht genannt.
Gleich bin ich wieder da; ich eile,
Daß ich des Streits Beding gerecht verteile! Ab ins Schlafzimmer.

Lohengrin. Was hat er vor? Ach, ich versteh ihn nicht!
Wenn nur nichts Schreckliches geschicht!

99 Ortrud. O diese Männer! Sehn sie nur ein Weiberbein,
Gleich schlägt der Blitz in ihre Leiber ein!
Elsa! Hast du vergessen ganz und gar,
Daß Telramund dein schlimmster Todfeind war?
Wo ist dein Wesen hin, das unschuldvolle?
Vergißt du gänzlich deine frühre Rolle?

Elsa. Bisher war alles mädchenhafter Zeitvertreib;
Erwacht, verwandelt bin ich nun zum Weib!
Ach, es erbebt mein Herz in wilden Schauern,
Ganz anders als in jenen frühren, flauern
Was liegt mir noch an einem Ehemann!
Das war's nicht, was das Schicksal mir ersann!
Die Liebe – nein, sie ist nicht notwendig verbunden
Mit Hochzeit, Ehestand; die höchsten Stunden
– So weiß ich – die ergeben sich nur dann,
Wenn man in freiem Ansturm sich gewann!

Lohengrin. Wie sündlich! Wie entsetzlich!

Telramund tritt durch die Mitte ein, im Hemde, mit zwei Schwertern.

Elsa. Begehrenswerter noch als ich mir dachte
Ist Telramund , so daß ich nach ihm schmachte.

100 Lohengrin. Jehova! Hilf! Errette mich!
Mein Schöpferlein! Ach hätte ich
Doch nie dies Land betreten!
Ich kann ja nichts als beten!

Aber vielleicht ist alles nicht ernst; auch bei dem ersten Zweikampf habe ich nichts begriffen, und er schlug dann doch zu meinem Besten aus. Telramund meint es ja gut mit mir – nicht wahr, Telramund?

Telramund. Jetzt sind wir beide gleich! Heran! ganz dicht!
Nimm dieses Schwert! Auf Tod und Leben: Ficht!
Was zögerst du? Fühl meines Degens Schärfe!

Lohengrin. Halt an! Halt an! Ich unterwerfe
Mich ohn Kampf. Das Wilde
Steht Gottes Ebenbilde
Nicht an.

Telramund.     Erklärst du dich für überwunden
Und Elsa ewig von dir losgebunden?

101 Lohengrin. Ich möchte ja gern, und es gibt auch einen Ausweg, eine Hintertür gleichsam, durch die Ihr mich entlassen könntet: Besteht Elsa darauf, daß ich meinen Namen nenne, so muß ich fort, bedingungslos, und was dann weiter geschieht, geht mich nichts mehr an.

Elsa. Nun also: Wie heißt du?

Lohengrin. Elsa, Elsa, fließt dir die Frage so leicht über die Lippe wie das Öl über mein Haar, wenn ich es morgens salbe? Ich will die Frage nicht gehört haben.

Elsa. Gut – ich frage abermals.

Lohengrin. Dreimal sollst du fragen.

Elsa. Zum dritten Male also.

Ortrud. Dies ist alles bei den Haaren herbeigezogen. Die Frage muß aus Elsa ganz von selbst herausquellen; das sagt mir mein einfaches, gesundes Gefühl.

102 Telramund. Steht so etwas in den Statuten?

Lohengrin. Nicht daß ich wüßte.

Telramund. Nun also, dann mußt du ihr Rede stehn, und zwar sogleich.

Kleine Pause; Lohengrin tritt ein wenig zurück und erhebt feierlich die Arme.

Lohengrin. Erschauert und erbebt!
Neigt euch! Denn jetzo schwebt – – –

Elsa. Nein, ich kann ihn jetzt nicht reden hören, er bringt mich aus meiner ganzen Stimmung.

Vorerst sei alles aufgehoben,
Und ruh bis morgen aufgeschoben.
Ganz ohne Neugier sag ich dies!
Mir ist es gleich, wie man Euch hieß!
Komm Telramund, wir beide,
Wir gehn jetzt auf die Weide.

Ortrud. Und ich soll das Schaf sein, das angebunden zusieht? Ich alarmiere das ganze Haus!

103 Telramund. Elsa, vermeiden wir Skandal!
Bedenk: Es ist das erstemal!
Das Weib sieht immer nur das eine,
Was es grad' wünscht; jedoch die Leine,
Die Zügel der Vernunft, die hält der Mann;
Auch in der Hitze lenkt er das Gespann
Mit starkem Griff. Elsa! Wirf einen Blick
Auf deinen frühren Ehherrn – und zurück
Wird dein Gefühl für heute Abend schäumen.
Nun gute Nacht! Laß uns von morgen träumen.

Elsa. Ich hab ihn eben intensiv fixieret
Und fühl mich wirklich etwas deprimieret.
Gut' Nacht denn, Liebster!

Ortrud.                                   Elsa, triumphier
Zu früh nicht! Noch gehört mein Mann nur mir!

Halt, Telramund! Was willst du in Elsas Schlafzimmer?

Telramund im Gehen. Meine Kleider holen! Ich kann doch nicht halb nackt auf die Straße!

104 Ortrud. Hiergeblieben! Du gehst mit mir zusammen hinaus! Ich zaubere dir auf der Treppe neue.

Beide ab.

Elsa zu Lohengrin.
Mein Freund: In welcher Lage
Ihr ruhn wollt bis zum Tage
– Es ist hier etwas kalt und leer –
Das überlaß ich Euch. Doch wer
Wie Ihr sich gern den Kopf zerbricht,
Dem zeigt sich sicher schon ein Licht. Geht zur Mitteltür.

Lohengrin. Elsa, Elsa, laß mich doch um Gotteswillen in mein Bett! Grade auf ein gutes, weiches Bett habe ich mich schon den ganzen Tag gefreut.

Elsa wirft die Tür vor Lohengrin zu und verschließt sie hörbar.

Lohengrin rüttelt an der Tür. Aufmachen! Ich will in mein Bett! Aufmachen!

105 Dritter Akt

Ufer der Schelde.

König Heinrich, erst allein.

Heinrich. Man soll den Teufel an die Wand nicht malen!
Ich tat frivol gegen die Ungarn prahlen;
Nun sind sie wirklich hergekommen
Und haben mich beim Wort genommen.
'S gibt wirklich Kampf! Mit den Soldaten
Muß ich an diesem Platz beraten.
Zugleich sandt' Elsas Mann geheimnisvoll
Zu mir . . . da ist nicht alles wie es soll!

Ortrud tritt auf.
Mein Herr und König! Telramund
Schloß mit Frau Elsa eklen Bund!
Bis jetzt im Wort nur! Die Bekräftigung
Fehlt noch! Zu anderer Beschäftigung
Hielt ich mit Müh den Pflichtvergessnen an;
Ich fleh inständig: Laßt mir meinen Mann!

Heinrich. Viel Überraschung bringt uns dieser Morgen:
Es häufen sich auf unserm Haupt die Sorgen.

106 Ortrud. Da kommt er! Von der andern Seite
Naht sie mit dem, der um sie freite!

Telramund kommt von links, Elsa und Lohengrin von rechts. Lohengrin trägt einen kleinen Handkoffer, den er sogleich niedersetzt.

Heinrich. Wer hier etwas zu sagen hat
Der sag es schnell! Gleich findet statt
Der Kampf gegen die Heiden!
Umschweife sind zu meiden.
Doch braucht's der Zeugen, die mit uns vereint
Die Klagen hören: Edle! He! Erscheint!

Korps der Edlen tritt auf.
Wenn man uns rufet, sind wir immer nah:
Raum und Entfernung ist für uns nicht da –

Elsa. Der Ritter hier, jetzt äußerlich
In Stahl, ist innen fürchterlich.
Es kam zu nächtigen Dramen,
Da fragt ich ihn nach Namen;
Er sagt, er muß sich von mir trennen,
Wenn ich ihn zwinge ihn zu nennen.

107 Heinrich. Ist dieses wahr?

Ortrud.                                     Wahr ist es schon,
Doch übte man auf sie Pression.

Heinrich. Wer übte sie?

Ortrud.                         Graf Telramund!

Telramund. Ganz gleich! Geschieden ist ihr Bund!
Hätt ich den Druck nicht ausgeübt –
Er hätte weiter sie geliebt,
Oder auch nicht . . . es gibt da Fragen,
Die die Beleuchtung nicht vertragen.

Heinrich. Dunkel erscheint, was Telramund da kündet!
Doch sei ein Nähres nicht ergründet.

Korps der Edlen. Wie schade! oder vielmehr: Nein!
Dein Takt – er soll gepriesen sein!

108 Heinrich. In Sachen dieser ganzen Heirat
Spiel ich ungern den Polizeirat.
Nun, wenn sie auseinandergeht:
Zu früh ist besser als zu spät.

Korps der Edlen. Welch tiefes Wort gibt er da kund!
Ja, Morgenstund hat Gold im Mund!

Heinrich. Die Frage um Elsas Ehe ist erledigt,
Ihr weiland Mann bleibt unentschädigt.
Den Namen nenne er zuletzt,
Das Wichtige sei vorangesetzt.
Der nächste Punkt betrifft Graf Telramund.
Herr Graf! Euch ward die Ehre etwas wund!
Im Zweikampf ward als lügnerisch erfunden,
Was wahr zu nennen Ihr Euch unterwunden!
Selbst wenn Ihr Euch von eurem Weibe trenntet –
Niemals Ihr Elsa Euer Eigen nenntet!

Ortrud. Bravo, bravo, Majestät!

Lohengrin. Mein Fürst, es würde meine Seele kränken,
Unedel von Graf Telramund zu denken!
109 Ich selber hab hier nichts mehr zu verlieren,
Drum soll mich reine Nächstenliebe zieren.
Doch hört nun alle: Seherisch mein Geist
Auf Ortrud als des Übels Quelle weist!
Ans Licht gelangt, was im Geheimen wächst:
Den Bruder Elsas hat sie selbst verhext!
Dort stößt mein Nachen an das Land! Ich ahne
Gottfried das Kind verzaubert in dem Schwane!

Der Nachen mit dem Schwan erscheint am Ufer.

Lohengrin. Gottfried! Du Erbe von Brabant:
Entzaubere dich! Steig an das Land!

Pause.

Ortrud. Nichts geschieht! Dies war also ein Irrtum! Ihr, namenloser Held, habt ihn wohl selbst verzaubert, was? – daß ihr mir eine so abstruse Tat zuschieben wollt?!

Lohengrin. Um Gottes und der Englein willen! in was für Verdächte bringt mich mein heiliger Eifer! Für sich. Und wenn es nun wirklich Gottfried gewesen wäre – ich hätte ja gar nicht abfahren können!

110 Korps der Edlen. Dies ist nicht Gottfried! Wär er's wirklich, meinen wir:
Es nicht zu zeigen wär zu taktlos von dem Tier!

Heinrich. Sehr wirr und dunkel scheint dies alles.

Elsa nachdenklich.
Der Schwan ist Gottfried keines Falles!
Hätt ich ihn wirklich selbst am Ende gar
Ertränkt, als ich noch somnambulisch war?

Heinrich. Wir verirren uns hier in ganz vage Hypothesen. Lassen wir die Frage ruhn; sie ist ein Problem und bleibt es. Zu Lohengrin.

Herr Ritter! Wiederum freier, wiederum lediger:
Sagt, wie Ihr heißt, und folgt dem Heer als Prediger!

Lohengrin auf das äußerste erschreckt. Dem Heer?? Ich habe hier nichts mehr zu suchen, man verlangt mich anderwärts, zu friedlicherem Streit!

111 Heinrich. Ausrede! Ihr seid faul und feige!

Lohengrin für sich. Wäre ich nur erst wieder in dem Kahn! Da holt mich niemand ein! Gottes Kraft ist größer als alle irdische Schnelligkeit.

Heinrich. Was murmelt Ihr da von Gottes Kraft?

Lohengrin. Nur ein Gebet für das Allgemeinwohl – jetzt, wo es in den Kampf geht –

Heinrich. So sagt doch endlich, wie Ihr heißt, denn wir müssen fort!

Fernes Waffengetöse, andauernd.

Heinrich. Ha! Sind sie schon da, die Heiden?

Elsa. Laßt ihn doch in Gottes Namen seinen eigenen Namen für sich behalten! Es interessiert ja niemanden!

112 Heinrich. Gut, er kann ihn uns auf dem Marsche mitteilen. Folgt uns!

Lohengrin für sich. Jetzt gilt es alles oder nichts! Mein Nachen ist dicht am Land, ich könnte hineinspringen!

Elsa! im Kahn sind Angedenken,
Die möcht ich dir zum Abschied schenken:
Ein kleines Flötlein! Darauf sollst du pfeifen,
Wenn dich Erinnrungen ergreifen!
Und auch ein Horn nimm als Geschenk,
Und bei dem Horne – Mein gedenk!
Ich hole schnell die Kleinigkeiten;
Tu dich aufs Lebewohl bereiten! Ab in den Kahn.

Heinrich. Was soll das heißen? Fährt er fort?

Lohengrin im Abstoßen. Ich komme gleich wieder!

Korps der Edlen. Täuscht mich mein Blick? Er flieht! Er flieht!
Der Kahn schon in der Ferne zieht!
113 Ein Wink, Fürst, und wir stürzen hinterdrein!
Als gute Schwimmer holen wir ihn ein!

Heinrich. Das fehlte noch! Laßt ihn nur ziehn!
Vielleicht war es der Lohengrin!
Und der muß fort – die Sage will es so.
Die Sache ist nun aus – ich bin ganz froh.

Soldaten treten auf.
Heil König Heinrich! König Heinrich Heil!
Die Heiden fliehen! Dir ward Sieg zuteil!
Dieweil man hier tat tagen,
Sind sie von uns geschlagen!

Heinrich. Wie? Hinter meinem Rücken
Konnt Euch der Sieg schon glücken?
He! Lohengrin, dreht wieder um!
Habt keine Angst! Der Kampf ist rum!

Er hört nicht – vielleicht war das doch nicht sein Name.

Telramund schreit. He! Mister Gottesmann!

114 Elsa. Laßt ihn doch laufen! Das mit den Geschenken war ja doch nur erfunden! Außerdem: Wie soll dies Lohengrin gewesen sein? Lohengrin ist der Sohn des Parsifal. Parsifal aber ist erst entstanden, als Lohengrin schon lange existierte. Also existiert Lohengrin eigentlich überhaupt nicht, – oder die ganze Genealogie ist ein Irrtum. War je ein Kind vor dem Vater da? Ihr seht: ich bin jetzt großartig aufgeklärt!

Heinrich. Sie hat recht! Tun wir die ganze langweilige Frage ab!

Auf! Folget mir in des Palastes Hallen!
Schar meiner Krieger! Schar meiner Vasallen!
Es sei bei Wein und königlichem Essen
Der Sieg gefeiert, und der Rest vergessen!

Alle. Heil König Heinrich, König Heinrich Heil!

Heinrich, das Korps der Edlen, die Soldaten ab.

Telramund. Komm, Elsa! Während sie dort trinken,
Laß uns in Liebe ganz versinken!

115 Ortrud. Ihr sollt nicht! Halt! ich will's nicht! Keinesfalls!

Telramund. Zeigst du uns an, kommst du um deinen Hals!

Ortrud. Wieso?

Telramund.       Von wegen Gottfried!

Ortrud.                                             O verflucht,
Daß ich bei einem Manne Diskretion gesucht!

Telramund. Ich bring, wenn mir's gefällt, das Tier, das momentan
Gottfried repräsentiert, verwahrt im Käfig an.
Am besten drum, dein Auge sieht
Auf nichts was nebenher geschieht!

Ortrud. Und dennoch sieg ich! Ist denn das Beweis,
Wenn du ein Tier vorführst – sagst, daß es Gottfried heiß?

Telramund. Am halsumwundnen Kettenband
Kennt man den Erben von Brabant!

116 Ortrud. Ha! das war dumm! Ich muß es eingestehn!
Doch mach ich einfach alles ungeschehn!

Telramund. Ich ahnte diesen Plan, und daß dein Zweck
Nicht anschlug, sucht ich sicheres Versteck!

Ortrud. Fluch über dich! Fluch über Elsa!
O, daß ich auch nicht früher hell sah! Schnell ab.

Elsa. Nun könnte doch Ortrud dich, mich, den König, das Korps der Edlen, die Soldaten, – überhaupt alle, alle ebenfalls in Tiere verwandeln, und dagegen ließe sich rein gar nichts machen!

Telramund. Das tut sie nicht! Die nächstliegenden Gedanken sind immer die fernsten.

Elsa. Ich hatte diesen Bruder lieb;
Doch wenn er nun ein Tier verblieb,
Bin ich nicht traurig; denn ich hörte sagen,
Daß Tiere glücklicher als Menschen leben,
117 Daß sie ihr Dasein unbekümmerter ertragen,
Daß sie viel mehr im Urzustande weben.
So freue ich mich nur! Komm, Telramund!
Siehst du die Laube da? Dort tu mir kund,
Was du von Liebe denkst im allgemeinen,
Und was dir im besonderen will scheinen.

Telramund. Die Liebe, Liebste, liebt das Schweigen –
So kann sie sich am innigsten bezeigen.

Beide gehen langsam und eng verschlungen ab.
Kleine Pause.

Lohengrin landet, steigt aus, sieht sich vorsichtig um und kommt zögernd in den Vordergrund.

Lohengrin mit leiser Stimme. Mein Handkoffer – ich habe meinen Handkoffer stehn gelassen . . . Da ist er. Nimmt ihn. Sind da nicht zwei Gestalten in der Laube? Ich will nicht hinsehn, aber ich ahne, wer es sein mag. Gott sei Dank bemerken sie mich nicht. Gott sei Dank, daß mich überhaupt niemand bemerkt hat. So entferne ich mich nun auf immer, ganz demütig, und ganz leise.

Schleicht zum Kahn zurück.

Ende.








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