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Lockende Leidenschaft - Leidende Liebe

Renate Franken: Lockende Leidenschaft - Leidende Liebe - Kapitel 1
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typefiction
authorRenate Franken
titleLockende Leidenschaft - Leidende Liebe
publisherPabel
seriesJuwelen-Roman
volume641
year1963
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Renate Franken

Lockende Leidenschaft – Leidende Liebe

Es fing wie ein Märchen an ...

»Annemie – toll! Wundervoll – ich glaube, letzter Schrei, ja?« Carola Heiberg war überrascht in der Tür stehengeblieben. Jetzt kam sie näher und betrachtete die Schwester bewundernd.

Annemarie lachte und schaute wohlgefällig in den Spiegel.

»Ja, letzter Schrei. Und wirklich hübsch, nicht wahr?«

»Bildschön, aber etwas großartig«, nickte Carola, »hast du etwa heute noch etwas vor?«

Annemarie antwortete nicht gleich, sie zupfte an dem Ausschnitt des neuen Abendkleides, als sei da nicht alles in Ordnung. Sie sah wirklich bezaubernd aus. Das Kleid, aus einem warmgetönten, roten Seidenstoff, mit großen, goldenen Ornamenten bedruckt, bildete einen wundervollen Kontrast zu ihren hellblonden Haaren und den tiefblauen Augen.

»Ja«, sagte sie schließlich langsam, »ich habe noch etwas vor.«

»Tust ja mächtig geheimnisvoll«, neckte Carola und schaute die Jüngere forschend an.

»Weil du ja doch wieder meckerst...«

»Ah, dann weiß ich Bescheid«, fiel die Ältere ihr ins Wort, »aber da kann ich dir nicht helfen, solange du diese Freundin hast, werde ich meckern. Sie ist kein Umgang für dich, ich habe dir das oft genug gesagt. Und wenn du nicht vernünftig bist, werde ich es den Eltern sagen müssen, aber gern würde ich das nicht tun. Also, Annemarie...«

»Ach was«, Annemarie war sehr unwirsch, »immer dieses blöde Gerede. Helgard ist ein netter Kerl und in Ordnung. Was kann sie dafür, daß ihr alle nachsteigen? Sie hat es bestimmt nicht nötig, den Männern nachzulaufen. Und außerdem ist das ganze Gerede bloß Neid, purer Neid, weil Helgard...«

»Mädchen, wie oft soll ich dir denn sagen, daß es nicht von den Schwestern ausgeht, sondern...«

»Ja, ich weiß, von den Herren Ärzten, die sie abblitzen ließ, weil sie eben von ihnen ganz und gar nichts wissen will. Und überhaupt ist das ganze Krankenhaus ein großes Klatschnest. Nun fang noch mit Dr. Wilke an und mit dem Knilch, dem Heinrichs, dann reicht es mir. Schließlich wird ein Mädchen ja wohl noch mit einem Herrn ausgehen dürfen.«

Annemarie knallte die Haarbürste auf den kleinen Toilettentisch und drehte sich auf dem Absatz herum.

»Carola, mach kein brummiges Gesicht. Für Helgard lege ich die Hand ins Feuer. Oder«, Annemarie lachte spitzbübisch, »zumindest die Fingerspitzen. Und was mich anbelangt – ich bin doch deine Schwester, so weit wird der Apfel ja nicht vom Baum gefallen sein, wie?«

Carola konnte nicht anders. Sie mußte lachen. Dann, wieder ernst werdend, sagte sie liebevoll:

»Das weiß ich doch, Annemarie, aber gerade deshalb möchte ich nicht, daß du viel mit Helgard gesehen wirst und dich Mißdeutungen aussetzt.«

»Puh, jetzt wird's Ernst!« Annemarie schnitt eine Grimasse, schaute schnell noch einmal in den Spiegel und nahm ihr Handtäschchen. »Carola, ich verschwinde. Wird auch höchste Zeit für mich.«

Carola bekam noch eine Kußhand zugeworfen, dann stürmte Annemarie hinaus. Ein paar Türen klappten, dann die Stimme der Mutter, dann wurde die Haustür zugeschlagen. Unten im Vorgarten war Annemaries leichter Schritt zu hören.

Carola hatte ehrliche Angst um die Schwester. Sie wußte, in bezug auf Helgard Schmidt irrte sie sich nicht. Sie brauchte auf keinerlei Gerede zu hören, sie hatte ja selbst Augen im Kopf. Aber Annemarie vertraute blindlings, sie war für ihre einundzwanzig Jahre viel zu unbekümmert. Wenn nur Jürgen erst da wäre, er hatte mehr Einfluß auf Annemarie. Nun, die zwei Monate würden auch noch vergehen.

Sie raffte sich auf und verscheuchte die sorgenden Gedanken. Sie neigte durchaus nicht zur Schwarzseherei, die junge Schwester Carola, und nun gar heute, wo zwei wundervolle, dienstfreie Tage vor ihr lagen – da doch schon gar nicht. Mit einem Lächeln trat sie vor den Spiegel und musterte sich. Neben der um zwei Jahre jüngeren Schwester kam sie sich manchmal sehr alt und weise vor. Aber das war natürlich Unsinn. Ihre Augen blitzten. Sie hatte nicht sehr große, aber ausdrucksvolle graue Augen, ein weichgerundetes Gesicht, eine nicht gerade klassische Nase, dunkelblonde, kurzgeschnittene Haare; aber noch nie hatte Carola ihre Schwester um deren geradezu vollendete Schönheit beneidet. Sie war mit sich zufrieden.

Sie hätte auch mit Annemarie nicht tauschen mögen, die als Laborantin im selben Krankenhaus tätig war und natürlich viel mehr Freizeit hatte als eine Schwester. Carola liebte ihren Beruf, was jedoch nicht ausschloß, daß sie ihre freien Tage, die sie stets im Elternhaus verbrachte, nach Kräften genoß.

Sie griff nach ihrer Handarbeit. Heute würde sie mit den Eltern klöhnen, und das war immer wunderbar gemütlich. Morgen abend Theater, außerdem Einkaufsbummel, ausschlafen, na, mal sehen, was es sonst noch für Freuden gab. Und nun knipste Carola das Licht aus und ging ins Wohnzimmer.

*

Annemarie hatte sogar Laufschritt machen müssen, um nicht auf sich warten zu lassen, und dachte ärgerlich an Carola, die sie mit ihrer Moralpredigt unnötig aufgehalten hatte. Dabei war alles so harmlos, sie wußte es doch am besten. Und heute gäbe es einen Mordsspaß. Sie war riesig gespannt. Sie mußte sogar lachen, als sie daran dachte, was wohl Carola sagen würde, wüßte sie, daß sie heute mit zwei Türken ausgingen.

Helgard wartete natürlich schon und mit ihr, am Wagen stehend, die beiden Herren.

»Ich dachte schon, du läßt uns sitzen«, rief Helgard ihr lachend entgegen, »hat das Schönmachen so lange gedauert?«

»Ich wurde noch aufgehalten.« Annemarie begrüßte die Freundin und den ihr bekannten Dr. Mudschiraddin, dessen Name ihre Zunge noch immer stolpern ließ, obwohl er häufig ins Labor hinunterkam.

Er stellte ihr seinen Landsmann, Dr. Reschat Kütschükk, vor, und Annemarie lachte.

»Die türkischen Namen sind ja furchtbar, kaum zu behalten.«

»Sie werden sich daran gewöhnen, Fräulein Heiberg«, sagte Kütschükk ernst. »Uns geht es mit den deutschen Namen ebenso.«

Sie fuhren in Mudschiraddins Wagen der nahen Hauptstadt zu. Der türkische Arzt hatte die beiden jungen Mädchen, die er im Labor des Krankenhauses kennengelernt hatte, zu einem echt türkischen Essen in einem türkischen Lokal eingeladen, danach sollte dann irgendwo getanzt werden.

Annemarie, jung und erlebnishungrig, freute sich unbändig auf diesen Abend. Er würde bestimmt sehr interessant werden.

In dem mondänen Speiserestaurant herrschte schon reger Betrieb. Ein undefinierbarer, fremdartiger Duft hing über den Räumen, Sprachen aus allen Nationen schien man zu sprechen, ein buntes, bewegtes Bild bot sich den Eintretenden.

Helgard, in einem strenggeschnittenen schwarzen Kleid, saß mit damenhafter Gelassenheit auf dem kleinen Sofa und unterhielt sich mit den beiden Herren, während Annemarie mit einem fast kindlich offenen Staunen die neuen Eindrücke in sich aufnahm.

Helgard neckte sie ein paarmal mit ihrer stummen Begeisterung, aber Annemarie lachte nur und sagte kurz:

»Ich finde es herrlich interessant hier.« Und dann schaute sie wieder und ahnte nicht, daß auch sie viele Blicke auf sich zog.

Ihre lichte Schönheit, die noch den Zauber frischer, unberührter Jugend ausstrahlte, wirkte tatsächlich in dieser Umgebung besonders stark, und das etwas kapriziöse Kleid trug dazu bei, daß sie auffallen mußte. Selbst Helgard richtete manchmal einen schnellen, neidvollen Blick auf sie, während ihre Begleiter in wahrhaft orientalischer Gelassenheit zu verharren schienen und nur selten ihre schwarzen Augen auf ihr bildhübsches Gegenüber richteten.

Annemarie hatte kaum aufgeschaut, als ihr die Speisekarte gereicht wurde, und nur lächelnd gesagt:

»Bitte, wählen Sie – ich verstehe ja doch nicht, was die Namen bedeuten.« Helgard neigte sich auch nur flüchtig über die Karte. Lachend schüttelte sie den Kopf mit dem hochfrisierten roten Haar.

»Keine Ahnung, ich lasse mich überraschen.«

Die Herren lachten, blinzelten einander verständnisinnig zu und trafen ihre Wahl. In der Sprache ihrer Heimat gaben sie ihre Bestellung bei dem türkischen Kellner auf.

Als das Vorgericht kam, seufzte Annemarie tief auf, und nun richtete sich ihre Aufmerksamkeit ganz auf die fremdartigen Speisen, die man ihr vorsetzte.

Mit ungezwungener Heiterkeit stocherte sie darin herum und versuchte, immer erst zu ergründen, welcher Genuß ihr bevorstand.

Die etwas merkwürdigen kleinen Fische fanden ihren Beifall, das türkische Huhn dagegen, scharf und süß zugleich, mit Mandeln und Rosinen, Curry und Zwiebeln und was da noch alles drin sein mochte, ließ sie eine drollige Grimasse schneiden.

»Schmeckt sehr apart«, bemerkte sie lustig, »aber ich glaube nicht, daß ich es je kochen würde. Aber es gibt auch deutsche Gerichte, die ich nicht gern mag«, setzte sie, gleichsam als Trost für die Ausländer, hinzu.

»Mussaka ist gut, aber viel Knoblauch«, kommentierte sie ein aus Auberginen bestehendes Gericht.

»Du bist anspruchsvoll, mein Herz, ich finde, es schmeckt delikat«, sagte Helgard, »ich finde die türkische Küche wundervoll.«

Die Herren zeigten sich für Lob und Tadel gleich unempfindlich, sie lächelten nur und erklärten zuweilen.

Die Süßspeise fand Annemaries Beifall, und den Kaweh, diesen echten türkischen Mokka, lobte sie sehr.

»Er ist gut«, meinte Dr. Mudschiraddin, »aber noch nicht sehr gut. Ich bereite ihn besser.«

»Noch besser?« zweifelte Annemarie.

Er nickte.

»Noch besser«, betonte er mit Nachdruck.

Nach dem Essen suchten sie eine Nachtbar auf, die ebenfalls von einem international gemischten Publikum besucht wurde.

Annemarie, die noch nie in einer Großstadtbar gewesen war, gab es auf, sich noch zu wundern.

»Himmel, ist das interessant. Und das schummrige Licht – aufregend«, sagte sie vergnügt, und Helgard lächelte spöttisch und gönnerhaft zugleich.

Den Herren warf sie einen Blick zu, der zu sagen schien: Sie ist noch eine kleine Gans. Dann nahm sie in der ihr eignen, selbstbewußten Haltung Platz.

Dr. Mudschiraddin bestellte Sekt.

»Ich denke, Sie dürfen keine alkoholischen Getränke zu sich nehmen. Der Koran verbietet es doch, wie es heißt«, erkundigte sich Annemarie erstaunt.

»Es ist nicht so streng«, antwortete der Arzt, und sein Freund, der Geologe, fügte hinzu:

»Hier bekämen wir auch nichts anderes.«

»Und außerdem schmeckt das Zeug so gut, nicht wahr, Herr Dr. Kütschükk?« neckte Helgard.

»Es fällt mir sehr schwer, zu widersprechen«, gab Kütschükk zu. Er lächelte leicht.

Annemarie fand, daß beide Herren, im Vergleich mit den deutschen Männern, sehr ernst waren, fast schwermütig ernst. Aber es kleidete sie gut und paßte zu den großen schwarzen Augen und den bronzefarbenen Gesichtern, die nicht dunkler waren, als man sie bei Deutschen sah, die aus dem Gebirge kamen und von der Sonne verbrannt waren. Gut sahen sie jedenfalls beide aus, und irgendwie haftete ihnen etwas Geheimnisvolles an. Annemarie dachte an die Märchen aus Tausendundeinernacht. Dann tanzten sie, aber merkwürdigerweise holte Kütschükk Annemarie nur einmal, dann tanzte er nur noch mit Helgard.

Dr. Mudschiraddin sagte mit einem kleinen Lächeln:

»Mein Freund scheint bezaubert zu sein von den roten Feuerhaaren ihrer Freundin, lassen wir ihn.«

»Rote Haare sind selten in der Türkei, nicht wahr?«

»Rote Haare gibt es überhaupt nicht. Türkische Frauen haben schwarze Haare, keine blonden.«

Der Blick, der seine Worte begleitete, ließ Annemarie ahnen, daß er ihre blonden Haare schön fand.

Sie errötete leicht.

Sie tanzten. Dr. Abak Mudschiraddin sprach nicht. Annemarie hatte das Empfinden, als sei für ihn der Tanz eine sehr ernste, fast feierliche Angelegenheit. Sie schwieg und dachte daran, wie lebhaft und lustig sie sich sonst beim Tanzen unterhalten hatte.

Sie versuchte, Vergleiche zu ziehen. Was war nun schöner, das heitere Plaudern oder dieses etwas schwere Schweigen?

Aber sie kam zu keiner Antwort, denn eben zog ihr Tänzer sie fester in seinen Arm, wie es schien, um einen Zusammenstoß mit einem anderen Paar auszuweichen, und da spürte sie seinen warmen Atem, einen feinen und dennoch starken Duft, und da war ihr, als würde sie eingesponnen in den geheimnisvollen Zauber des Orients.

Sie schaute vorsichtig zu ihm auf, da sah sie seine weißen Zähne blitzen, und er sagte entschuldigend:

»Der große Herr tanzt wie ein Wilder. Man muß sich vor ihm in acht nehmen.«

Sie lachte auf und fühlte sich irgendwie befreit.

Der Sekt machte sich bemerkbar, die beiden Damen wurden lebhafter, lustiger, auch Dr. Kütschükk lachte öfter, nur Mudschiraddin blieb ziemlich ernst.

»Sie trinken fast gar nicht«, sagte Annemarie mit leichtem Vorwurf.

»Ich muß nachher fahren«, gab er ruhig zurück.

»Ja, richtig, wie gut, daß Sie daran denken«, stimmte Annemarie bei und reichte ihm übermütig ihr leeres Glas zum Füllen, »dann dürfen wir wegen der Heimfahrt beruhigt sein. Der Fahrer ist zuverlässig.«

Ihre blauen Augen blitzten, und der rote Mund lachte.

»Sie dürfen mir vertrauen«, erwiderte der Arzt, und wieder klang aus seinen Worten eine verborgene Schwermut.

Es war wundervoll, aufregend, es war ja viel interessanter als sonst. Annemarie stellte es immer wieder fest und gab sich mit kindlicher Freude dem Zauber der Stunde hin.

Schon um Mitternacht traten sie die Heimfahrt an.

»Die Damen müssen morgen wieder arbeiten«, sagte der Arzt, »und wir auch.«

Annemaries Gesicht drückte Bedauern aus, sie hätte noch länger bleiben mögen. Sie hatte doch noch so viel zu fragen und hörte so gern zu, wenn die Herren von ihrer schönen, märchenhaften Heimat, dem ganzen wundervollen Leben im Orient, erzählten. Himmel, da bekam man ja ordentlich Sehnsucht, das alles auch einmal sehen zu dürfen.

Sie sprudelte ihre Gedanken lebhaft hervor. Mudschiraddin lächelte. »Ich hoffe, ich habe noch öfter Gelegenheit, Ihnen von meiner Heimat erzählen zu können. Sie ist schön.«

Zuerst wurde Helgard vor ihrem Haus abgesetzt, langsam fuhr der Arzt weiter.

»Reschat, trinkst du noch Kaweh mit mir? Ich werde noch nicht schlafen können, ich mache mir noch einen Mokka.«

»Ich komme mit dir«, sagte Kütschükk, »ein schöner Tag muß mit Kaweh beschlossen werden.«

Annemarie hatte plötzlich das Gefühl, ausgeschlossen zu sein. Die beiden Herren taten ja, als sei sie nicht mehr da. In einer Aufwallung von Trotz dachte sie, ich werde mir auch noch einen Kaffee machen. Natürlich, nach diesem herrlich aufregenden Abend gehörte als Abschluß ein Kaffee dazu.

Freilich, wenn Mutter wach würde – na, sie würde schimpfen, tränke ihre Tochter noch mitten in der Nacht Kaffee.

Annemarie seufzte unwillkürlich ein wenig, als ihr diese Gedanken blitzartig durch den Kopf schossen; man war doch schrecklich abhängig, wenn man bei Eltern wohnte. Carola hatte es da entschieden besser, nur wußte sie ihre Freiheit gar nicht zu schätzen. Hatte das hübsche Zimmer im Schwesternhaus und kam doch treu und brav heim, sowie sie frei hatte.

»Nun müssen Sie mir sagen, wo ich abbiegen muß«, brach Mudschiraddin das Schweigen.

»Die dritte Straße links ist es.«

»Dann werden Sie gleich zu Hause sein, gleich schlafen können ...«

»Ich denke nicht daran. Sie haben mir Appetit gemacht, ich trinke auch noch Kawah, auf gut deutsch Kaffee«, lachte Annemarie.

»Allein?« meinte der Arzt, »das ist nicht gut. Es ist schöner, Gesellschaft zu haben, auch wenn man nicht viel spricht.«

»Sie haben gut reden, Sie haben Ihren Freund. Soll ich etwa meine Schwester wecken? Sie würde ...«

Ein leises Lachen unterbrach sie.

»Oh, ich kann Schwester Carola richtig sehen, sie würde ein ganz strenges Gesicht und böse Augen machen. Aber mögen Sie nicht mit uns kommen? Es wäre ...« Er schien nach dem richtigen Wort zu suchen und sagte lächelnd, »gemütlich! So sagt man doch!«

»Ja, so sagt man. Aber um diese Zeit noch zu Ihnen?« Annemarie zweifelte und versuchte, zu überlegen. Der Sekt spukte doch noch in ihrem Köpfchen hierum.

Mudschiraddin fuhr immer langsamer.

»Kann man es nur zu bestimmten Zeiten in Deutschland gemütlich haben?« fragte der Türke.

Da mußte Annemarie lachen, hell und klingend.

»Nein«, sagte sie lustig, »in Deutschland kann man es zu allen Zeiten gemütlich haben, wenn man nur will.«

»Dann wollen Sie.« Der Arzt sagte es so eindringlich ernst, als wolle er ihren Willen für eine große Aufgabe stählen. Annemarie stimmte zu. »Ich will.«

Mudschiraddin führ an der dritten Straße links vorbei und wendete. Wenig später hielt der Wagen nach schneller Fahrt vor einem hohen Haus. Es war eines jener Appartementshäuser, die es jetzt vielfach für Ausländer gab. Auch Kütschükk wohnte dort, die beiden Landsleute hatten sich in diesem Haus erst kennengelernt.

Als Annemarie die Treppen hinaufstieg, erschrak sie fast vor der eigenen Courage. Es war eine Schnapsidee, jetzt noch Kaffee trinken zu wollen. Und um diese Zeit mit zwei Ausländern!

Da hatte Mudschiraddin aufgeschlossen und überließ Annemarie höflich den Vortritt.

Unwillkürlich atmete Annemarie hörbar auf, als sie im hellen Licht um sich schaute. Das Zimmer, in dem sie sich befand, war absolut modern eingerichtet, es war irgendwie vertraut und beruhigend. Nur Kleinigkeiten erinnerten an den Orient, Dinge, die man auch in deutschen Häusern zuweilen fand.

Ein paar Wasserpfeifen, ein paar große Kissen, die auf dem Teppich lagen, sowie ein nicht sehr großer, prachtvoller Teppich. Annemarie hielt ihn richtigerweise für einen Gebetsteppich. Dann noch einige Gefäße aus Messing, reich ziseliert. Ein Bild, eine Moschee darstellend, die berühmte Haga Sofia.

»Gemütlich«, lobte Annemarie und schaute sich nach einer Sitzgelegenheit um.

»Nein, ein Sessel wäre jetzt nicht richtig. Sie werden lernen, wie man bei uns Kawah trinkt.«

Mudschiraddin hieß das Mädchen auf eines der Kissen sitzen, faßte nach ihren Fußgelenken, sanft und doch kräftig, und kreuzte ihre Beine vorschriftsmäßig zum Türkensitz.

»Schauen Sie auf Kütschükk – so wird es gemacht«, erklärte er, dabei ruhig. Annemarie fühlte wieder jenen eigenartigen Zauber auf sich wirken und lachte ein wenig hilflos.

»Nun sollen Sie sehen, wie man echten Kaweh bereitet.« Mudschiraddin hatte ihre Verlegenheit bemerkt, sprach unbefangen, holte einen niedrigen kleinen Tisch herbei, stellte das kleine Öfchen darauf, entzündete die Flamme, brachte die kleine Kupferkasserole mit dem Wasser, die kleinen Mokkaschalen und holte die Wasserpfeife herbei. Dann schaltete er das große Licht aus und ließ nur eine kleine, rotverschleierte Lampe brennen.

Nun saß auch er im Türkensitz auf einem Kissen und wartete schweigend auf das Kochen des Wassers.

Beklemmende Angst stieg in Annemarie auf. In welches Abenteuer hatte sie sich da nur eingelassen? Wenn das die Eltern, wenn das Carola wüßte! Aber da begann Mudschiraddin mit seiner tiefen, ruhigen Stimme zu sprechen. Ihr wurde leichter, das Abenteuer war jetzt nur noch seltsam und wundervoll. Mit gemessenen Bewegungen bereitete er jetzt den Mokka, ein köstlicher Duft erfüllte die weiche Dämmerung.

Dreimal sprudelte der Mokka schäumend auf,. Abak Mudschiraddin rührte in dem kleinen Kessel, es geschah mit einer merkwürdigen Feierlichkeit, dann füllte er die kleinen Schalen.

»Haben Sie gut aufgepaßt? Werden Sie es auch können?« fragte er lächelnd.

Annemarie nickte. »Ich glaube, ja.«

Der Mokka war stark und süß. Aber er schmeckte ihr.

Die Herren rauchten die langen, so eigenartig wirkenden Wasserpfeifen, und Annemarie knabberte von dem sehr süßen Konfekt, das nach Ingwer, Orangen und Kokosnuß schmeckte.

»Sieht sie nicht aus wie eine Lotosblume, unsere schöne junge Dame?« sagte der Arzt halblaut. Seine Stimme schwang wie eine dunkle Glocke. Reschat Kütschükk nickte ernst.

»Scheherezade konnte nicht schöner sein. Und diese goldenen Haare besaß sie nicht.«

Annemarie lachte, aber es klang unfrei und nicht so hell wie sonst. Da sprach der Arzt schon weiter.

»Aber sie trug auch Kleider aus Gold und rot, und sie war schön wie die Lotosblumen auf dem See, schön wie – Leila. Ich werde Sie Leila nennen.«

»Ach, das paßt doch nicht zu mir«, wehrte das Mädchen beklommen, »ich bin doch nichts weiter als eine ganz einfache deutsche Annemarie. Ich bin keine Leila.«

»Doch, Sie sind es. Sie sind zart und biegsam wie Leila, Sie sind schön wie Leila, und Ihre Augen sind so blau wie der Himmel über dem Bosporus. Sie ...«

»Hören Sie auf«, bat Annemarie hastig und machte eine Bewegung, als wolle sie aufspringen. »Wir sind diese Märchensprache nicht gewöhnt.«

»Ja«, nickte Abak Mudschiraddin, »in Deutschland weiß man nicht, wie man mit einer schönen Frau sprechen muß. Hier ist alles kalt, auch die Liebe.«

Annemaries Herz klopfte zum Zerspringen. Und sie wehrte sich, wehrte sich angstvoll gegen eine Verzauberung, die sie einhüllte wie ein zartes, goldenes Netz.

»Liebe kennt man nur im Orient«, kam Kütschükks Stimme, aber er sagte es so, als träfe er eine ganz sachliche Feststellung. Das flüchtige Lächeln, das sein Gesicht überflog, sah Annemarie nicht, sie hörte nur die kühle, ruhige Stimme und wurde ruhiger. Warum sollte man nicht Vergleiche ziehen dürfen zwischen den deutschen und der türkischen Mentalität? Das war – ja, das war doch höchstens interessant, mehr doch nicht.

Mudschiraddin antwortete, sprach ruhig über die Frauen seiner Heimat, und Kütschükk antwortete. Hin und her ging das Gespräch zwischen den Männern, als sei Annemarie nicht da, als träumten sie beide von der fernen Heimat, und das Mädchen lauschte wie gebannt auf jedes Wort. »Sie sind schön, unsere Frauen mit ihren schwarzen Haaren und den großen, schwarzen Augen, und daheim glaubte ich stets, es könnte keine schöneren Frauen geben auf der ganzen Welt. Aber nun weiß ich, es gibt schönere, die Frauen, mit den hellen Haaren, die wie gesponnenes Gold sind, und mit den Augen, die so blau sind wie Meer und Himmel, sind schöner, viel schöner«, murmelte der Arzt langsam, als spräche er zu sich selbst.

Annemarie war, als tränke sie schweren, berauschenden Wein, als lebe sie selbst in der Märchenwelt des Orients. Es kostete Kraft, viel Kraft, um sich loszureißen, um aufzutauchen aus der samtenen Dunkelheit, die sich über ihr Denken legte.

»Ich muß nach Hause«, sagte sie, und ihre Stimme klang heiser.

»Ja – es ist die Zeit«, nickte Mudschiraddin und erhob sich sofort. Hielt sie mit keinem Wort.

Kütschükk folgte seinem Beispiel, bemerkte träge:

»Ich bin wundervoll müde. Nun werde ich schlafen können.«

Ehe es Annemarie recht begriff, hatte er sich verabschiedet und war gegangen.

Der Arzt kam und brachte ihren Mantel. Hielt ihn ihr entgegen, und sie schlüpfte hinein. Dann drehte er sie sanft an den Schultern zu sich herum und hüllte ihr Gesicht in den Pelzkragen. Sie spürte seine Hände an ihrem Hals.

Seine Augen hielten die ihren fest, sie waren unergründlich und voller Geheimnis. Er hob die Hand, Annemarie überfiel ein Zittern, da lächelte er und zog mit dem Finger die Linie ihrer Augenbrauen nach. »Sie sind so fein geschwungen wie die Sichel des jungen Mondes«, flüsterte er.

»Lassen Sie mich, lassen Sie uns gehen«, stieß Annemarie erregt hervor.

»Selbstverständlich gehen wir«, gab er ruhig zurück, und Verwunderung lag in seiner Stimme, »darf man denn in Deutschland den Frauen nicht sagen, daß sie schön sind?«

Da war Annemarie völlig verwirrt, und tatsächlich – sie schämte sich. Was hatte sie eben nur gedacht? Es war doch alles völlig harmlos, nur eben anders, als sie es kannte.

Abak Mudschiraddin lachte leise und griff nach seinem Mantel. Annemarie musterte ihn verstohlen, seine harmlose Unbefangenheit wirkte überzeugend.

Während er sie heimfuhr, fragte er plötzlich:

»Wie ist eigentlich das Blutbild der Frau Lohmann ausgefallen?«

Annemarie war maßlos verblüfft, dann lachte sie, hell und befreit. Er sprach und dachte an Frau Lohmann. Und ich? fragte sie sich. Ich bin eine komplette Gans.

»Keine Ahnung, ich bin jetzt nicht im Dienst«, antwortete sie übermütig.

»Der Fall interessiert mich sehr«, erwiderte der Arzt ernst.

Wirklich, man kannte sich in ihnen nicht aus, dachte Annemarie, sie waren voller Rätsel und immer anders, als man dachte.

Carola wurde doch wach, als Annemarie kam, obwohl diese sich im Badezimmer ausgezogen hatte und so leise wie nur irgendmöglich gewesen war. Im Dunkeln hatte sie ins Bett schlüpfen wollen, da schaltete Carola das Licht an und blinzelte, schaute dann nach der Uhr.

»Drei Uhr?« fragte sie erstaunt. »Annemarie, so spät und mitten in der Woche, wie willst du morgen aufstehen?«

»Wie immer«, lachte Annemarie und wickelte sich in die Steppdecke.

»War es so hübsch?« erkundigte sich die Ältere, sie fühlte sich schon fast ausgeschlafen.

»Sehr«, antwortete Annemarie schläfrig, »aber erzählt wird morgen, jetzt bin ich müde.«

Das Licht erlosch, ein Gutenachtgruß hin und her, Carola schlief sofort wieder ein. Annemarie wachte noch.

Sie überlegte, was sie morgen der Schwester und den Eltern vorschwindeln konnte. Die Wahrheit durfte sie auf keinen Fall sagen.

Hm, eine private Party, zu der Helgard sie mitgenommen hatte. Ja, das würde gehen, kam auch öfter vor, auch bei Carola. Und außerdem, war es etwa nicht beinahe so? Helgard hatte doch diesen Abend inszeniert, denn eigentlich war sie mit dem Dr. Mudschiraddin verabredet gewesen. Sie hatte nur nicht allein mit ihm gehen wollen und deshalb Annemaries Begleitung erbeten. Ja, so war es. Und da wollte Carola behaupten, Helgard sei leichtfertig.

Annemarie drehte sich auf die Seite und war sehr zufrieden. Und nun tauchten sie alle wieder auf, die bunten, märchenhaften Bilder dieses Abends, und begleiteten sie bis in ihre Träume.

*

Am Nachmittag sagte Karin Burger telefonisch ab.

»Carola, meine Angina ist im Anrücken, ich kann nicht mit ins Theater gehen«, sagte sie heiser.

»Ich höre«, erwiderte Carola, »wann läßt du dir endlich die Mandeln rausholen?«

»Wenn ich nicht so feige wäre«, kam es kläglich zurück.

»Angsthase. Na, ich komme morgen, und dann mache ich dir die Hölle heiß.«

»Einem kranken Kind?« kam es vorwurfsvoll zurück.

»Ja, erbarmungslos; denn was du machst, ist barer Unfug. Aber,, darüber sprechen wir morgen. Und nun pack dich ins Bett, schwitze, gurgele und laß dich wieder so richtig plagen, Tschüß, mein Herz.«

Also, mit Karin war es nichts, die mußte ihre Mandeln pflegen. Carola überlegte kurz, dann drehte sie an der Wählscheibe. Das Krankenhaus meldete sich, dann das Labor, dann Annemarie.

»Karin ist krank, magst du heute mit mir ins Theater gehen? Hoffmannsthal, das Welttheater.«

»Nee, danke für Hoffmannsthal. Ich bin müde und muß heute früh schlafen.«

»Das hast du von deiner Bummelei«, spöttelte Carola, ohne im geringsten gekränkt zu sein. »Na schön, dann gebe ich die Karte zurück.«

Carola legte auf und machte sich fertig für den Stadtbummel. Die Mutter wollte daheim bleiben, sie mochte ihr Rheuma nicht der feuchten Herbstluft aussetzen.

Carola ging am Fluß entlang, der grau und träge dahinfloß und sein sommerliches Leuchten und Glitzern verloren hatte. Sie gab die Theaterkarte ab und schlenderte durch die vielen kleinen, sich eng windenden Altstadtgassen, in denen sich ein Geschäft an das andere reihte. Schmale, altmodische Schaufenster, die kaum ahnen ließen, daß sich hinter ihnen erstaunlich große und sehr moderne Läden befanden. Hier und da schon ein Hinweis auf Weihnachten.

Hm, es wurde allmählich Zeit, zu überlegen, womit man die Lieben beglücken wollte.

Carola genoß dieses geruhsame Dahinschlendern und Nichtstun. Alle Menschen schienen es sehr eilig zu haben, nur sie hatte Zeit. Herrlich. In aller Ruhe machte sie ein paar Einkäufe. Vor einem Schaufenster mit Wintermänteln blieb sie stehen.

Schick, die neue Mantelmode, wirklich flott, stellte sie fest, liebäugelte mit einem dunkelgrünen Prachtstück mit einem weichen Bisamkragen, schaute an sich herunter und musterte dann ihr Spiegelbild im Schaufenster.

Na, braun war auch noch ziemlich modern, vor vier Jahren war es letzter Schrei gewesen. Aber grün wäre mal was anderes. Freilich, dann vier Jahre grün? Vielleicht noch länger? Der Braune dachte noch gar nicht daran, kaputtzugehen, nicht mal schäbig wurde er. Man sollte nicht so gute Qualitäten kaufen. Es war ein Jammer, Krankenschwestern trugen die Zivilklamotten nie auf, weil sie meist in Tracht, das hieß in diesem Fall im grauen Lodenmantel, liefen. Und dann hatte man das zweifelhafte Vergnügen, immer hinter der Mode herzuhinken.

Carola drehte sich mit einem Ruck um. Quatsch, der Braune war noch sehr modern.

Im Umdrehen stieß ihre Nase an was Weiches, sie schaute auf, lachte. Auch der Herr, den sie fast umgerannt hätte, lachte.

»Hoppla, Carola, bist du aber stürmisch. Hast du es denn so eilig?«

»Ja. Ich wollte schnell meiner Eitelkeit entfliehen.« Sie deutete auf das Schaufenster.

»Aha, verstehe.« Der junge Ingenieur schmunzelte verständnisvoll. »Da kommt auch die barmherzige Schwester nicht vorbei.«

»Nein – Schwestern sind auch Menschen.«

Sie gingen zusammen weiter. Auch Hausmann ging heute abend ins Theater. »Geht Annemarie auch?«

»Nein.«

»Sie macht sich ja jetzt mächtig rar. Man sieht sie nirgends.«

Carola streifte ihn mit einem Blick. Die Enttäuschung, daß er Annemarie wieder nicht sehen würde, war ihm anzusehen.

»Ich habe auch keine Ahnung, was sie augenblicklich treibt, ich bin ja wenig daheim. Mit den sommerlichen Freuden ist es vorbei, nun sitzt man wieder mehr in der Stube.«

Das sollte ein kleiner Trost sein, aber Hausmann zuckte die Achseln. »Die anderen trifft man doch überall und nirgends, nur deine Schwester ist wie in der Versenkung verschwunden.«

Sein hübsches, ehrliches Gesicht sah betrübt aus. Carola mochte ihn stets gern, den langen Werner Hausmann, und er tat ihr leid.

Gleichzeitig zürnte sie der Schwester, die sich jetzt meist in Helgards Gesellschaft und in deren höchst fragwürdigem Freundeskreis befand.

»Sie wird schon wieder auftauchen«, tröstete sie lächelnd, »wenn erst diese dunklen Wochen vorüber sind. Dann geht der winterliche Festbetrieb los, der November ist immer eine stille Zeit.«

»Klug gesprochen.« Hausmann hatte sich gestrafft und lachte wieder. »Was schreibt Heinz?«

»Es geht ihm blendend. Er lernt unheimlich und hat nette Freunde gefunden.«

»Um Freundinnen wird er sich kaum bemühen«, neckte Hausmann.

Carola errötete leicht.

»Weiß ich's? Ich nehme doch als sicher an, daß er sich die Amerikanerinnen auch ansehen wird. Im Kolleg wird er schon mit ihnen zusammentreffen. Und Parties gibt es drüben auch, wir haben sie ja von dort importiert.«

»Stimmt. Aber ein Jahr ist schnell vorbei.« Nun klang seine Stimme tröstend.

»Schneller, als man denkt. Nun ist er schon zwei Monate drüben, und mir ist immer noch, als sprächen wir erst darüber, was er tun soll. Es kam alles so überraschend, dieses Stipendium drüben.«

Vom nahen Kirchturm dröhnten fünf Schläge.

»Himmel, da rede ich hier und habe um vier eine Besprechung. Carola, es tun mir leid, ich muß rennen.«

Sie reichten einander die Hand. Hausmann eilte weiter, Carola schaute ihm nach.

Dann mußte sie grüßen. Immer wieder tauchten bekannte Gesichter auf. Kein Wunder, sie lebte hier vom ersten Tage ihres Lebens, der Vater war leitender Beamter der Stadtverwaltung, jeder kannte die Familie Heiberg.

Langsam schlenderte Carola weiter. Vor dem Ratscafé blieb sie überlegend stehen, dann ging sie schnell entschlossen hinauf. Einen freien Tag mußte man genießen. Mutti schrieb Briefe und wollte nicht gestört sein.

Sie erwischte noch einen der begehrten Fensterplätze und freute sich an dem bewegten Bild, das die Straße mit all den eilenden Menschen bot.

Ein Herr betrat das Café; seine Augen überflogen den großen Raum, er suchte nach einem Platz. Sie hafteten an dem jungen Mädchen, das dort in einem hellen Jerseykleid am Fenster saß und dessen flott geschlungene Krawatte einen lustigen Farbfleck bildete. Das Gesicht kam ihm bekannt, ja, vertraut vor. Dann glitt ein Lächeln über sein etwas strenges Gesicht.

Richtig, das war ja Schwester Carola – nur sah sie heute anders aus als sonst. Die Schwesterntracht veränderte doch sehr.

Er überlegte kurz, dann setzte er sich an einen freien Tisch in der Mitte des Raumes. So gut kannte er die junge Schwester noch nicht, um sie bitten zu können, an ihrem Tisch sitzen zu dürfen.

Carola aß mit wahrer Hingabe ihre Sahntorte, trank ihren Kaffee und sah kaum nach den anderen Tischen. Die Straße war interessanter, und man konnte dabei die Gedanken so hübsch spazieren wandern lassen. Sie bemerkte den Arzt erst, als sie durch die Tischreihen dem Ausgang zuschritt.

Dr. Sieveking verneigte sich grüßend, mit einem leichten Neigen des Kopfes ging sie an ihm vorbei.

Sie lächelte ein wenig, als sie die Treppen hinunterging. Sieveking hatte heute auch frei, da würde Schwester Margarete wieder stöhnen. Die beiden gewiß nicht untüchtigen Assistenzärzte waren in ihren Augen nichts weiter als junge Dachse, die noch nichts konnten. Und den Türken? Nicht ausstehen konnte sie ihn. Sie schwor auf den erst kürzlich von auswärts gekommenen Stationsarzt, Dr. Sieveking, und behauptete, die Station sei noch nie so schlecht mit Ärzten besetzt gewesen. Sie bedauerte den Stationsarzt.

Carola fand die Assistenzärzte tüchtig, aber in bezug auf den Dr. Mudschiraddin befand sie sich in voller Übereinstimmung mit der Stationsschwester, nicht ausstehen konnte sie ihn.

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Im Labor herrschte Hochbetrieb. Das war jeden Morgen so. Die Laborantinnen arbeiteten an den verschiedensten Apparaten und Geräten, beugten sich über Mikroskope, und der alte Laborant ließ die kleine Zentrifuge laufen. Schwestern kamen und gingen. Brachten eilig alle möglichen Proben zur Untersuchung oder fragten schon nach Ergebnissen. Dazwischen Ärzte.

Annemarie saß am Mikroskop und zählte und bedauerte im stillen den Patienten, dem dieses furchtbare Blutbild gehörte.

Plötzlich war ein feiner und doch sehr eindringlicher Duft neben ihr, sie brauchte nicht aufzuschauen, sie wußte, wer neben ihr war. »Darf ich sehen?«

Ein dunkler Kopf beugte sich ganz dicht neben ihr vor, berührte leicht ihre Wange.

»Herr Doktor, der Patient gehört nicht zu Ihrer Station, Sie sind im falschen Bezirk«, versuchte sie zu scherzen und schaute, den Kopf nach hinten drehend, auf.

»Oh – es ist ganz richtig«, erwiderte Mudschiraddin ernsthaft, »ich interessiere mich für alles. Ich bin in Deutschland, um viel zu lernen.«

Sie rückte ein wenig zur Seite, damit er besser sehen könne und fühlte wieder den eigenartigen Zauber, der von diesem Mann ausging.

Plötzlich eine frische, energische Stimme.

»Äh, Herr Mudschiraddin, schauen Sie schon nach? Ich wollte eben auch ...« Der Türke richtete sich hastig auf.

»Dieser Fall betrifft uns nicht. Ich schaue mir nur gern auch andere Befunde an.«

Sievekings Gesicht blieb unbewegt.

»Bitte, lassen Sie sich nicht stören, Herr Mudschiraddin.«

Sieveking ging zu dem Laboranten, der ihm Auskunft gab, und dann neigten sich beide über ein Mikroskop, unter das Sieveking schnell ein Glasplättchen schob, das ihm gereicht wurde. Sein Gesicht nahm den Ausdruck gespannter Aufmerksamkeit an, trotzdem fragte er beiläufig:

»Dr. Mudschiraddin scheint oft im Labor zu sein?«

Der Laborant warf einen schnellen, Blick hinüber zu Annemarie.

»Ja, er interessiert sich für alles hier«, sagte er knapp. Dann blieb es einen Augenblick still, bis Sieveking sich aufrichtete. »Na schön, ich sehe nun klar. Gut, daß Sie mich angerufen haben, besten Dank.«

Er nickte dem Älteren freundlich zu und verließ eilig den großen Raum. Seine Augen streiften flüchtig das schöne blonde Mädel, das so eifrig arbeitend an seinem Platz saß. Mudschiraddin war verschwunden. Mittags sah er die junge Laborantin im Gespräch mit Schwester Carola im Dienstzimmer stehen.

Bei seinem Kommen schauten sie beide auf, und die Laborantin sagte schnell:

»Also, es bleibt dabei, Carola.«

»Ja. Und bitte, grüße Mutti. Ich komme heute abend schnell einmal zu ihr.«

Annemarie war, den Arzt flüchtig grüßend, hinausgeeilt. Carola wandte sich den Krankenpapieren zu, in die sie Eintragungen machen wollte.

»War das Ihre Schwester?« fragte Sieveking fast gegen seinen Willen.

»Ja. Sie ist unten im Labor.«

Carola blickte nur flüchtig auf, als sie antwortete.

Sieveking schaute einen Augenblick nachdenklich vor sich hin, es war, als überlege er scharf, dann setzte er sich neben den kleinen Schreibtisch.

»Bitte den Krankenbericht von Frau Wiegand, Schwester Carola.«

Dann war es ganz still, der Arzt las, und Carola schrieb, aber Sieveking vermochte sich nicht gut zu konzentrieren, da war ein Gedanke, der immer wieder kam und beunruhigte. Und ein paarmal schaute er sinnend in das klare, reine Gesicht unter dem weißen Häubchen.

*

Es regnete in Strömen, als Annemarie das Krankenhaus verließ. Sie schlug den Mantelkragen hoch und entschloß sich, den Heimweg anzutreten. Eigentlich hatte sie noch ein paar Besorgungen machen wollen, aber selbst der Schirm war heute nur ein höchst unzulänglicher Regenschutz.

Sie eilte durch die Pforte. Vor dem Eingang stand ein Auto, eben stieg ein Mann aus und kam auf sie zu.

»Herr Dr. Mudschiraddin«, sagte sie erstaunt.

»Ich wollte eben fortfahren, da sah ich Sie kommen«, erwiderte der Arzt. »Ich habe heute eigentlich frei, aber ich hatte etwas vergessen. Darf ich Sie heimfahren?«

Annemarie freute sich.

»Herrlich. Bei diesem Wetter ist es kein Vergnügen, zu laufen. Ist es in Ihrer Heimat auch so kalt?«

Er schüttelte lächelnd den Kopf.

»In meiner Heimat scheint die Sonne.«

Annemarie glaubte ihm aufs Wort. Solch ein Hundewetter gab es wohl nur in Deutschland und den noch nördlicher gelegenen Ländern.

Mudschiraddin fuhr sehr langsam.

»Haben Sie inzwischen einmal Kaweh gekocht?« erkundigte er sich.

»Nein«, gab sie zögernd zurück, »ich kam noch nicht dazu.«

»Sagen Sie doch ehrlich, Sie haben nicht richtig aufgepaßt. Oder er schmeckt Ihnen doch nicht.«

Annemarie protestierte lebhaft.

Mudschiraddin tat, als zweifle er. Lockte er ihren Widerspruch noch stärker hervor?

»Ich wollte, ich könnte Sie überzeugen«, warf Annemarie hin. Ich habe ganz genau aufgepaßt, wieviel Kaffee Sie genommen haben, wieviel Wasser...«

»Das sagen Sie nur. Ich kann es nicht nachprüfen.«

»Und ich mache jede Wette ...«

»Wie wollen Sie es beweisen?«

Annemarie zuckte mit den Schultern. Ja, wie wollte sie das beweisen? Die Eltern würden sehr überrascht sein, brächte sie den Gast aus der Türkei mit. Sie waren in der Hinsicht sehr altmodisch und predigten dauernd, die Töchter möchten sich nicht um Ausländer kümmern, denn es wäre doch fürchterlich, würden sie ins Ausland heiraten, wie es jetzt so häufig der Fall war.

»Ich wüßte einen Weg«, begann der Mann langsam, »Sie legen bei mir die Prüfung ab, ob Sie Kaweh kochen können.«

»Nein, nein«, entgegnete Annemarie hastig und rückte etwas näher zur Tür.

»Schade, es hätte mich gefreut. Jetzt wäre die richtige Zeit und das richtige Wetter für Kaweh. Ich dachte nicht, daß deutsche Mädchen so ängstlich sind.«

»Sind es die türkischen Mädchen etwa nicht?« erkundigte sich Annemarie.

»Nein.« Mudschiraddin lachte, es klang ungewohnt heiter, »unsere Mädchen sind viel moderner, als man hier glaubt.«

»Aber es war doch einmal sehr streng, sie durften nur verschleiert gehen, lebten im Harem, durften keinen anderen Mann ansehen.«

»Märchen. Märchen aus Tausendundeinernacht. Diese Zeiten sind lange vorbei. Die türkischen Frauen sind so frei wie Sie, wie alle anderen, es gibt keine Unterschiede mehr. Sie arbeiten, studieren und sitzen mit den Männern genauso auf den Buden, wie man hier sagt, und debattieren. Und – trinken Kaweh, viel Kaweh.«

»So«, meinte Annemarie. Sie mußte das erst mal verdauen. Die jungen Türkinnen schienen demnach moderner zu sein als sie, die Deutsche. Komisch, man hatte da immer noch die alten, und wie sie wußte, längst überholten Vorstellungen.

Annemarie schaute durch die regennassen Scheiben, als könne sie da einen Rat ablesen. Sie bemerkte nicht, wie der Mann sie immer wieder gespannt ansah und schon zweimal um ein Häuserviereck gefahren war.

»Na schön«, sagte sie nach einiger Zeit, »Sie sollen nicht sagen, daß ich engherziger bin als die türkischen Mädchen.«

»Dank«, antwortete der Mann. Nun gab er Gas und fuhr schnell dem Stadtinneren zu.

In leiser Unruhe folgte ihm Annemarie, aber irgendwie war ihr das Zimmer schon vertraut.

Sie setzte sich auf das prächtige Seidenkissen und sah zu, wie er alles Notwendige herbeischaffte.

Mühsam drehte sie die schwer zu handhabende türkische Kaffeemühle.

»Kommen Sie, Ihre Hände sind zu klein und zu schwach ...«

»Nein«, sie bog sich zurück, »was die Damen in der Türkei können, werde ich wohl auch noch fertigbringen.«

Er ließ sie gewähren und rauchte seine Zigarette.

Und dann entzündete Annemarie das kleine Flämmchen und wartete auf das leise Brodeln des Wassers.

Wieder brannte nur die rote Lampe, wieder breitete sich jener dunkle Zauber aus. Annemarie träumte. Der Mann störte sie nicht. Sie raffte sich auf, als das Wasser sprudelte, und dann bereitete sie, wobei sie ihn immer wieder um Zustimmung heischend ansah, den schaumigen Mokka.

»Recht so?« fragte sie, als er kostete.

»Wunderbar. Ich glaube, ihn nie so gut getrunken zu haben.«

»Sie schwindeln«, lachte Annemarie.

»Schwindeln? Was ist das?« fragte er erstaunt.

Annemarie wurde rot. Wie sollte sie ihm dieses Wort erklären? Womöglich kränkte sie ihn schwer, wenn sie schwindeln mit Lügen übersetzte.

»Sie wollen Komplimente machen«, brachte sie schließlich unsicher heraus.

»Ah, ich verstehe.« Er nickte und sagte dann leise: »Wissen Sie nicht, daß alles besser schmeckt, wenn es die schönen Hände einer schönen Frau reichen?«

Das war nun zweifellos ein sehr hübsches Kompliment, aber daran dachte Annemarie jetzt nicht. Sie schaute nur verlegen weg und wurde rot.

»Es ist so«, fuhr der Mann mit Nachdruck fort, »und daß Sie schön sind, wissen Sie, Leila. Der Spiegel sagt es Ihnen jeden Tag. Der Spiegel und die Augen der Männer.«

»Da schaue ich nicht hin«, flüsterte Annemarie hilflos.

»Dann schauen Sie in meine Augen, Sie werden es lesen können, Leila.«

Sie wollte es nicht, und doch mußte sie es tun. Sie schaute ihn an, sah in diese unergründlichen, großen, nachtschwarzen Augen.

Eine bebende Angst überfiel sie und noch etwas, ein Gefühl lähmender Süße.

»Schön bist du, goldhaarige Leila«, lockte der Mann leise und neigte sich ihr zu. Sein Arm legte sich um ihre Schulter, sie sträubte sich nicht.

Sie sah die Augen, sah sein Gesicht immer näher kommen, ihre Lider schlossen sich.

Mit geschlossenen Augen empfing sie seinen Kuß.

Erst nach langer Zeit sagte er leise, mit dunkler, schwingender Stimme: »Ich liebe dich, schöne Leila,«

Sie antwortete nicht. In ihr war ein Aufruhr ohnegleichen. Seine Nähe war verwirrend, löschte alles Denken aus.

Wieder spürte sie seine Lippen. Und jetzt war ihr, als müsse sie sagen: Ich liebe dich, Abak.

Abak hieß er, schoß es ihr durch den Sinn, wie fremd das klang.

Sie hörte seine leisen, zärtlichen Worte, hörte, wie er in der bilderreichen Sprache des Orientalen von seiner Liebe zu dem hellen, blonden Mädchen sprach.

Es war ein Märchen, es war das Glück, dachte Annemarie und konnte sich schon nicht mehr vorstellen, wie das Leben ohne ihn gewesen war. Ihre Hände umschlossen sein Gesicht, ihre Augen strahlten ihn in leidenschaftlicher Hingabe an.

»Abak«, bekannte sie leise, »ich glaube, ich habe immer auf dich gewartet. Es ist ein Märchen.«

Beinahe demütig küßte er ihre Hände.

»Leila, kleine, süße Lotosblume«, stammelte er beglückt, »du gehörst mir. Ich werde dich mitnehmen in meine Heimat, wir werden glücklich sein. Du, meine Herrin, meine Leila.«

Annemarie überlegte nichts. Es erschien so selbstverständlich, daß sie ihm folgen würde in seine Heimat, wenn seine Zeit hier um war.

Abak Mudschiraddin entwarf in glühenden Farben ein Bild des Orients und des heute so modernen Lebens dort. Und doch sei es anders als hier; heißer, glühender, schöner. Er hatte Freunde, die sich auch blonde Frauen mitgebracht hatten: Deutsche, Schwedinnen, Engländerinnen – oh, wie glücklich waren diese Frauen, dem kalten Norden entflohen zu sein. Wie glücklich waren diese Ehen. Sie wurden von ihren Männern angebetet, verwöhnt, die Frauen, die so hell wie Lilien waren.

Annemarie lag in seinen Armen und ließ sich einspinnen in das glitzernde, bunte Gespinst, das er von dem künftigen Leben entwarf. Sie lauschte ihm mit gläubiger Andacht, fühlte selig die Hand, die sie unablässig streichelte, und dachte beglückt: Das war die Liebe, die ganz große Liebe, von der sie so oft geträumt.

Ein flüchtiger, fast verächtlicher Gedanke flog zu einem deutschen Mann. Werner – was war er für ein lederner, nüchterner Bursche gegenüber Abak?

Fester schmiegte sie sich in die Arme des Mannes, zärtlicher wurden ihre Küsse.

Dunkel, wie eine lästige Mahnerin, stieg die Erinnerung in ihr auf, daß irgendwo Menschen auf sie warteten, Menschen, die jetzt gar nicht wichtig waren.

»Abak«, sagte sie fast traurig, »Liebster, ich muß heim. Meine Eltern warten und wären ärgerlich, wenn ich unpünktlich komme.«

»Schon?« fragte er so traurig, daß es sie rührte.

Sie nickte stumm.

Da erhob er sich und zog sie sanft empor.

»Leila, ich muß dich heute noch einmal sehen, Leila, es muß möglich sein. Können wir uns nicht irgendwo treffen?«

Annemarie überlegte kurz. Unmöglich erschien es auch ihr nicht, ihn heute noch einmal sehen zu können.

Aber sich mit ihm in einem Lokal treffen – sie zauderte. Sie würden wahrscheinlich Bekannten begegnen. Abak würde sofort als Ausländer auffallen, morgen wüßten es schon die Eltern. Die Stadt war klein und der Klatsch groß.

»Leila«, drängte der Mann und bog ihren Kopf zurück, schaute sie beschwörend an, »komm, Leila, komm, wohin du willst, nur sehen muß ich dich doch.«

»Gut – ich komme zu dir, Abak«, erwiderte sie fest.

Sie kannte keine Angst mehr, sie vertraute restlos. Sie sollte ja seine Frau werden. Es war nicht auszudenken, das Glück, das große, große Glück.

*

Nun hatte Annemarie auch keine Zeit mehr für Helgard. Carola hätte zufrieden sein können. Aber sie war dennoch beunruhigt.

Annemarie war ja kaum noch zu Hause, wie die Eltern verärgert sagten. »Das Mädel hat jetzt noch einen Kinofimmel, bekommen«, grollte die Mutter unzufrieden, »ich dachte, über dieses Alter sollte sie langsam hinaus sein.«

Und der Vater knurrte und behauptete immer wieder, er werde einen Schlußstrich unter diese Kinolauferei ziehen und energisch mit Annemarie sprechen.

Nur, sie war seine Jüngste, sein Liebling, auch wenn er das nie zugegeben hätte. In Annemarie war seine Jugend wieder auferstanden, genauso hatte seine Frau als Mädchen ausgesehen. Und Annemarie war so zärtlich, wußte so reizend zu schmeicheln.

Herr Karl Heiberg nahm öfter einen Anlauf, seine Tochter zu größerer Häuslichkeit zu ermahnen, aber dann legte sie die Arme um seinen Hals, küßte, streichelte, bettelte – und ging. Ging wieder ins Kino.

»Du bist wahrlich ein tapferer Held«, spottete seine Frau dann mit lachendem Vorwurf. »Ich glaube, ich werde das Machtwort sprechen müssen.« Und Herr Heiberg entschuldigte sich. Er tat das auf eine sehr nette Art.

»Wenn sie dir nicht so ganz und gar ähnlich sähe, Käthe, dann wäre es leichter. Aber wenn sie mich mit diesen verflixten blauen Augen anstrahlt, genau wie du, Käthe, dann ...«

Und damit war dann auch Frau Käthe entwaffnet. Sie lachte und sah dabei, trotz des Rheumas, sehr jung und immer noch hübsch aus.

Im Städtchen begann man zu raunen.

Hätte man die Annemarie in aller Öffentlichkeit mit einem Ausländer gesehen, dann hätten es die Eltern sehr bald erfahren, dann hätte man ja mal eine harmlose Andeutung machen können.

Aber die Annemarie, dieses ganz aus der Art geschlagene Mädchen, wurde häufig beobachtet, wie sie in einem Haus verschwand, in dem nur Ausländer wohnten. Nicht nur Männer, gewiß – aber da man sie wiederum wiederholt mit einem Fremden im Wagen hatte durch die Straßen fahren sehen, wenn er sie heimbrachte, so war kaum anzunehmen, daß sie eine Ausländerin in jenem Hause besuchte.

Man redete darüber, verdammte die Annemarie und bedauerte die armen Eltern, nur hatte niemand den Mut, den Eltern diesen schweren Schlag zu versetzen.

Einige von den Jüngeren hätten es vielleicht fertiggebracht, mit Carola darüber zu sprechen, aber gerade jetzt war Carola nirgends zu sehen.

Im Herbst liebten es die Menschen ganz besonders, krank zu werden. Jedes Krankenhausbett war belegt.

Man hatte ohnehin viel zu wenig Schwestern, also mußte mehr gearbeitet werden als sonst. Außerdem galt es, die Weihnachtsfeiern vorzubereiten.

Carola kam immer nur zu kurzen Besuchen zu den Eltern und stöhnte über die viele Arbeit.

Und mit einem Gesicht, das nie verdrossen und abgespannt, aber immer froh und zufrieden aussah, tat sie ihren Dienst. Die Kranken behaupteten, sich gleich wohler zu fühlen, käme sie nur ins Zimmer.

Schwester Margarete hörte so manches Lob und gab es auch neidlos, beinahe stolz, weiter.

»Die Schwester Carola hat die richtige Art«, sagte sie zu Dr. Sieveking, »sie ist die geborene Krankenschwester. Sonnig und heiter, energisch und warm. Wenn's aber not tut, ist sie auch ernst und verständig. Sie wird sogar mit der Frau Beseler fertig, und vor der haben wir doch alle kapituliert.«

Sieveking nickte. Er wußte es selbst, daß Schwester Carola eine vorzügliche Pflegerin war und sich ein umfangreiches Wissen angeeignet hatte.

»Ja, die Frau Beseler«, meinte er lächelnd, »sie ist eine reiche Frau und hat noch nicht begriffen, daß Reichtum keine Versicherung gegen Krankheiten ist.«

Arzt und Schwester lächelten einander verständnisinnig an – bei solchen Patienten hieß es, den Humor nicht zu verlieren. Dann konnte man sie ertragen.

Schwester Margarete zog eine Spritze auf und ging damit in ein Krankenzimmer, der Arzt blieb zurück und trat sinnend ans Fenster. Hinter sich hörte er einen schnellen Schritt, gleichzeitig nahm er einen feinen Duft wahr.

Er brauchte sich gar nicht umzudrehen, er wußte, wer eingetreten war. Moschus und die Rosen von Schiras, dachte er ärgerlich, wie kann ein Mann sich nur so parfümieren! Was bei Frauen nett sein mag, ist bei Männern Gestank.

Er hörte ein Räuspern und drehte sich um.

Mudschiraddin stand in abwartender Haltung im Zimmer.

»Ist noch etwas zu tun? Mit den Iv-Spritzen bin ich fertig.«

»Dann können Sie Schluß machen«, antwortete Sieveking und zwang sich, freundlich zu sein, »ich bin auch gleich fertig.«

Sie verabschiedeten sich, Mudschiraddin ging zur Tür und stieß fast mit Schwester Carola zusammen, die ein Tablett in der Hand trug. Sie hatte gerade Medikamente ausgeteilt.

Mudschiraddin entschuldigte sich mit großer Höflichkeit.

Die Schwester nickte kurz und ging an ihm vorbei. Stellte das Tablett auf den Tisch, seufzte tief auf, schaute dem Davongehenden nach und krauste die Nase.

»Na, Schwester,« was ist? Behagt Ihnen mein Kollege aus der Türkei nicht?« fragte Sieveking lächelnd und doch mit heimlicher Spannung.

Carola lachte verschmitzt.

»Soll ich ehrlich sein, Herr Doktor?«

Über sein kantiges Gesicht flog ein stärkeres Lächeln.

»Ich halte Ehrlichkeit für eine große Tugend, Schwester.«

»Na dann«, Carola holte betont tief Luft, ehe sie weitersprach, »also, mir ist er gräßlich, der Herr aus dem Orient. Er kommt mir manchmal vor wie eine schöne, geschmeidige Katze.«

»Also, schön finden Sie ihn immerhin«, stellte Sieveking amüsiert fest.

»Da ich ehrlich sein soll, ja. Er sieht zweifellos sehr gut aus, aber – schöne Männer sind mir ein Greuel, und wenn sie obendrein undurchsichtig sind, wie dieser Mann, dann reicht das aus, um ihn mir unsympathisch zu machen.«

»Sie sagten &‹undurchsichtig&›; mir geht es ebenso. Aber vielleicht tun wir ihm unrecht, und es ist nur das Fremdartige, das wir als unangenehm empfindend«

Carola überlegte kurz.

»Möglich«, antwortete sie dann lebhaft, »er kommt aus einer ganz anderen Welt, die sich auch heute noch sehr von der unseren unterscheidet. Ich stünde ihm wahrscheinlich auch ganz anders gegenüber, würde er nicht, wie so viele Ausländer, sich für deutsche Mädchen interessieren. Mag es noch so ehrlich gemeint sein, die Mädchen werden ja doch nur unglücklich, sie werden sich im Orient nie einleben. Und das kann ich nicht verzeihen. Die Männer, die hierher kommen, sind intelligent und sehen den Unterschied, der zwischen unserem und ihrem heimatlichen Leben besteht.«

Carola atmete tief auf, als sie geendet hatte.

Sieveking sah sie nachdenklich an. Es war, als wolle er etwas erwidern, dann schwieg er jedoch. Erst nach einer kurzen Pause sagte er still: »Es wäre gut, wenn alle Mädchen so dächten, aber leider ist es gerade das Fremdartige, das so viele reizt. Wir können das doch fast täglich beobachten, man braucht nur mit offenen Augen über die Straße zu gehen.«

»Und das, obwohl ganz öffentlich immer wieder vor diesen Mischehen gewarnt wird«, stimmte Carola zu, und dann glitt ein Lachen über ihr Gesicht, »aber es ist ein Wunder, wenn selbst unsere Frau Beseler strahlt, wenn Dr. Mudschiraddin ihr Zimmer betritt.«

Nun lachte Sieveking ebenfalls – auch ihm war es nicht entgangen, daß die Vierzigjährige den türkischen Arzt anhimmelte.

»Eine alte Weisheit – auch Alter schützt vor Torheit nicht«, ergänzte er heiter. »Übrigens ist diese junge Liebe dem Heilverlauf sehr förderlich, es geht der Patientin doch sehr viel besser, seit sie sich nun bei uns so wohl fühlt.«

Schwester Carola begann aufzuräumen, gleichzeitig kam die Stationsschwester, gefolgt von den Assistenzärzten. Dann begann sich ein lebhaftes Gespräch über den »Zugang« zu entwickeln.

»Mit der Frau bekommen wir Kummer«, meinte Schwester Margarete, und Sieveking nickte.

»Ich fürchte auch, aber noch haben wir kein klares Bild, Ich werde noch einmal nach ihr sehen.«

Grüßend ging er hinaus.

»Wenn noch was zu retten ist, schafft er es«, behauptete die Stationsschwester. »Wir können froh sein, daß er die Station hat.«

»Er stellt eine unerhört gute Diagnose«, fügte Dr. Schneider anerkennend hinzu, und Dr. Balke riet:

»Na, dann gucken Sie ihm mal ab, wie er das macht. Gute Nacht, die Herrschaften.«

Er ging hinaus. Dr. Schneider folgte ihm. Schwester Margarete instruierte die Nachtschwester, die eben gekommen war. Carola machte die letzten ordnenden Handgriffe. Ihre Gedanken waren nicht ganz bei der Sache.

Sie dachte an Helgard Schmidt, die sie neulich im Theater mit einem Ausländer gesehen hatte, der zweifellos auch aus östlichem Ländern kam. Hoffentlich ließ sich Annemarie von dieser Freundin nicht zu sehr beeinflussen, es wäre nicht auszudenken. Und sie besaß ja leider keinen sehr festen Willen, die jüngere Schwester.

Nach Weihnachten werde ich mich wieder mehr um sie kümmern, nahm sich Carola vor, und dann ist ja auch Jürgen da.

*

Dr. Gerrit Sieveking ging das Gespräch nach, das er mit Schwester Carola geführt hatte. Es beschäftigte ihn während der nächsten Tage immer wieder. Manchmal hingen seine Augen für einen Moment fast mitleidig an dem heiter-gelassenen Gesicht seiner Mitarbeiterin. Seit er ihre innere Einstellung kannte, ließ ihm sein Verantwortungsgefühl keine Ruhe mehr. Sie schien doch völlig ahnungslos in bezug auf ihre Schwester zu sein, aber mußte sie es nicht erfahren?

Sein ohnehin etwas strenges Gesicht wurde in diesen Tagen noch herber, wenn er mit Dr. Mudschiraddin sprach. Er hatte Mühe, seine Abneigung nicht merken au lassen, und konnte es doch nicht hindern, daß er diesem Mann manchmal finster nachsah, weil er Unglück über eine ganze Familie bringen würde.

Als man eines Mittags kurz vor Schluß des Morgendienstes im Dienstzimmer zusammen stand, nur Schwester Carola und Dr. Mudschiraddin waren noch irgendwo auf Station beschäftigt, sagte Dr. Balke grinsend:

»Unten im Labor tut sich ja allerlei. Ich hörte vorhin, daß Schön-Helgard ins Morgenland auswandern will. Es soll eine ganz reelle Verlobung gegeben haben. Nun bin ich bloß gespannt, wann es ihr die Schwester unserer Carola nachmachen wird, und ...«

In diesem Augenblick trat Schwester Carola ein und schaute den Sprecher fragend an.

»Was ist mit Schwester Carola?« fragte sie, »hat sie was verbockt?«

Einen Augenblick betretenes Schweigen, Balke faßte sich zuerst:

»Aber Schwester, das kommt ja bei Ihnen gar nicht vor. Wir stellten nur fest, daß Sie Frau Beseler wunderbar gezähmt haben, sie frißt Ihnen ja aus der Hand.«

Es war, als atmeten alle auf. Carola erklärte harmlos:

»Ach, sie war ja gar nicht so schlimm. Anfangs fühlte sie sich ja auch wirklich nicht wohl. Seit es ihr bessergeht, ist sie doch sehr nett und paßt sich an.«

»Ihre Geduld und Ihre gute Laune möchte ich auch mal haben«, meinte Balke und nickte ihr vergnügt zu. Die Herren gingen zu Tisch, Carola hatte heute den Mittagsdienst. Sie hatte ein paar kleinere Arbeiten erledigt und saß am Schreibtisch, als der Stationsarzt kam.

Dienstbereit wollte sie sich erheben, denn es lag immer ein besonderer Grund vor, wenn ein Arzt wähnend der Mittagspause kam.

Sieveking wehrte ab.

»Bleiben Sie sitzen, Schwester Carola, ich möchte mich mit Ihnen einen Augenblick privat unterhalten.«

Er stellte sich ans Fenster, verschränkte die Arme über der Brust und schaute einen Augenblick nachdenklich vor sich hin.

Carola wurde unruhig und blickte ihn fragend an. Der sonst so energische, selbstbewußte Mann kam ihr unsicher vor. Was konnte er ihr sagen wollen; seine hellen Augen war so tiefernst. Unsicher war auch seine Stimme, als er zu sprechen begann.

»Schwester Carola, wenn Sie einen Menschen in ein schweres Unglück rennen sehen, würden Sie da ruhig zuschauen?«

»Nein«, kam es fest zurück, »auf gar keinen Fall.«

Aber nun stand sie doch auf und fühlte sich von einer unbestimmten Angst gepackt. Da kam seine Stimme, ruhig und sicher.

»So denke ich auch, Schwester, und deshalb glaube ich, Ihnen nicht verschweigen zu dürfen, was Sie wissen müssen, zumal ich nach dem Gespräch, das wir kürzlich über Dr. Mudschiraddin miteinander führten, Ihre Ansicht kenne. Also kurz – zwischen Ihrer Schwester und Mudschiraddin besteht eine scheinbar sehr starke, freundschaftliche Beziehung. Ich vermute, es wird weder Ihnen noch Ihren Eltern angenehm sein.«

Sieveking schwieg.

Carola war förmlich zurückgeprallt, hatte sekundenlang in heftiger Abwehr die Hände ausgestreckt, ließ sie nun müde fallen und senkte das Gesicht, aus dem alle Farbe gewichen war.

»Das kann doch nicht sein – das kann doch nicht sein«, murmelte sie verstört und wußte doch, daß Sieveking nie etwas sagen würde, was nicht felsenfest begründet war. Und nun gar, wenn es sich um solche Dinge handelte.

»Schwester Carola, leider ist nicht daran zu zweifeln«, versicherte der Arzt ernst und legte seine Hand leicht auf ihre Schulter, »ich hätte mir diese Mitteilung gern erspart, aber ich sah keine andere Möglichkeit. Mit Ihrer Schwester zu sprechen, wäre sinnlos gewesen. Mudschiraddin hätte es wahrscheinlich sofort erfahren, und – er ist mein Kollege. Und vermutlich dürfte auch Ihr Einfluß auf Ihre Schwester größer sein als der eines Fremden.«

Carola hörte die Worte, aber sie rauschten ohne Eindruck an ihr vorbei. Ihre Gedanken jagten und hetzten, manches, was sie bisher kaum beachtet hatte, gewann jetzt an Bedeutung. Sie sah klar, erschreckend klar. Angst würgte sie, und gleichzeitig erfaßte sie ein Gefühl tiefster Beschämung. Sievekings Arm legte sich jetzt um ihre Schulter, seine Stimme kam warm und beschwichtigend:

»Schwester, Sie dürfen nun nicht gleich zu schwarz sehen. Eine Gefahr, die man kennt, hat schon viel von ihrer Gefährlichkeit verloren, das wissen Sie doch. Und was Sie sonst noch denken mögen, Sie sagten selbst, Mudschiraddin ist ein schöner Mann, er ist auch klug und gebildet, man muß sich nicht wundern, wenn er einem jungen Mädchen sehr gut gefällt.«

»Er ist Mohammedaner und kommt aus einem Land, das uns ferner ist als Amerika«, stieß Carola tonlos hervor.

»Ja«, stimmte Sieveking zu,, »seine Religion und die auch heute noch starke Bindung an überlieferte Traditionen machen ja eine Ehe mit ihm für Ihre Schwester zu einem Wagnis, das in anderen bekannt gewordenen Fällen sehr unglücklich verlaufen ist.«

»Und wie kann dann dieser Mann...?« Carola brach hilflos, ab.

»Er ist nicht so schuldig, wie Sie denken. Ihm sind seine Religion und die Sitten seiner Heimat vertraut, er kann sich gar nicht vorstellen, daß sich eine Ausländerin in seiner Heimat unglücklich fühlen könnte. Bitte verfallen Sie nicht in den Fehler, ihn etwa anzugreifen, wenn Sie mit Ihrer Schwester sprechen werden, Sie erreichten genau das Gegenteil dessen, was Sie anstreben.«

Carola blickte ihn ernst und mit leiser Verwunderung an. Sie begriff, er hatte ihr eben einen guten, einen ausgezeichneten Rat gegeben. Aber warum tat er das? Warum nahm er so starken Anteil am Geschick eines ihm doch völlig fremden Mädchens? War es wirklich nur Pflichtgefühl? Er hielt ihrem eindringlichen Blick stand, sein Gesicht wirkte nicht mehr so streng, sondern entspannt, fast gütig, und die Augen leuchteten ihr warm und offen entgegen.

Carola konnte es nicht hindern, eine feine Röte stieg in ihr Gesicht, eine neue Unruhe überkam sie, sie wandte ihre Augen ab.

»Ja«, gab sie etwas unsicher nach dieser winzigen Pause zu, die vielleicht nur sekundenlang währte, »wahrscheinlich hätte ich es ganz falsch gemacht Ich bin so böse auf meine Schwester, aber damit richtet man nichts aus.«

»Es ist begreiflich, daß Ihre erste Reaktion ein kräftiger Zorn ist«, erwiderte Sieveking voller Verständnis, »aber Sie müssen klug sein. Anders werden Sie bei Ihrer Schwester nichts erreichen.«

Er war zurückgetreten und vergrub seine Hände in den Taschen des weißen Mantels.

Schwester Carola starrte traurig vor sich hin.

»Es ist furchtbar«, murmelte sie leise, »meine Eltern wären entsetzt, wüßten sie, was Annemarie tut. Sie dürfen es nicht wissen. Und mein Bruder, er wird ab Januar hier im Hause als Assistenzarzt in der Chirurgie arbeiten, wenn er die Sache erfährt – es ist nicht auszudenken.«

Sieveking hatte Mühe, ein Erschrecken zu verbergen. Wenn der Bruder auch nur etwas von dem Klatsch hörte, der über seine Schwester im Umlauf war, die Folgen wären nicht zu übersehen.

»Schwester Carola«, tröstete er, »nehmen Sie die Sache nicht zu schwer, und sprechen. Sie vor allem erst einmal mit Ihrer Schwester. Vielleicht ist alles viel einfacher, als wir jetzt denken.«

»Das glaube ich nicht«, seufzte Carola schwer, »und ob ich mit meiner Schwester fertig werde? Sie kann sehr eigenwillig sein.«

»Nun, Sie müssen es zunächst versuchen, und dann sprechen wir wieder darüber. Nur nicht den Kopf hängenlassen, Schwester Carola, so kenne ich Sie ja gar nicht.«

Seine Stimme klang warm und gut, Carola riß sich zusammen.

»Ich habe Ihnen noch gar nicht gedankt ...«

»Das fehlte noch«, unterbrach sie der Arzt, »sich auch noch für unangenehme Nachrichten bedanken sollen, was? Und nun noch – Schwester Carola, Sie werden doch nicht?« Fast erschrocken und dennoch lächelnd sah er sie an.

Carola verrieb eine Träne in ihren Augen.

»Nein«, versprach sie dann resolut, »ich werde auch nicht. Heulen kann ich später immer noch.«

Ich hoffe, es wird nicht notwendig sein. Und nun sehen Sie, daß Sie bald mit Ihrer Schwester sprechen können.«

Er reichte ihr die Hand, Carola spürte den festen Druck, dann war sie allein.

Und nun wurde sie förmlich überfallen von quälenden Gedanken, von Vorwürfen, die sie sich selber machte. Hatte sie denn auch genug auf Annemarie aufgepaßt? Hätte sie nicht energischer darauf dringen sollen, daß die Freundschaft mit Helgard Schmidt ein Ende nahm? Diese Helgard war doch bekannt für ihre Liebe für Ausländer.

Und als sie überlegte, was sie Annemarie sagen wollte, wurde sie noch mutloser. Das Schicksal hatte ihr da eine schwere, eine sehr schwere Aufgabe zugewiesen.

Ahnte denn Dr. Sieveking überhaupt, wie schwer es sein würde, ein verliebtes Mädel zur Vernunft zu bringen?

Carola erinnerte sich, bei ihrer beruflichen Tätigkeit schon Fälle erlebt zu haben, bei denen ganze Familien unglücklich wurden, und nur – weil ein junger Mensch liebte und sich einbildete, ohne diese Liebe und den geliebten Menschen nicht sein zu können. Sie hatte manchen Selbstmordversuch miterlebt; und manchmal hatte man auch nicht mehr helfen können.

Schwester Carola überlief ein eiskaltes Entsetzen, als sie an diese Möglichkeit dachte. Annemarie war ja so impulsiv und so wenig gewöhnt, zu leiden.

Unsinn, das grübelnde Mädchen verjagte die unheilvollen Gedanken. Wie konnte sie gleich an das Schlimmste denken? Sieveking würde sie auslachen oder ärgerlich sein.

Und da war plötzlich ein Gedanke, der sie froher machte. Ich bin ja nicht allein, dachte sie dankbar, er wird mir raten, wenn ich nicht weiter weiß.

*

Carola ließ sich noch an diesem Nachmittag gegen fünf Uhr von der Stationsschwester freigeben. Sie wußte ja, daß sie nur um diese Zeit, unmittelbar nach Dienstschluß im Labor, Annemarie treffen würde. Der Urlaub wurde ihr auch sofort bewilligt, denn es mußte schon etwas sehr Wichtiges sein, wenn Schwester Carola so plötzlich darum bat.

Sie eilte hinunter ins Labor. Annemarie war gerade im Begriff, ihren Mantel anzuziehen.

»Annemarie, bitte, komm doch einen Augenblick mit zu mir, ich möchte gern etwas mit dir besprechen.«

Die Jüngere schaute überrascht.

»Nanu – so eilig? Und überhaupt ...« Sie machte ein mißtrauisches Gesicht, dann atmete sie auf.

»Ach so, wegen Weihnachten, wie?

Carola nickte und zwang sich, möglichst harmlos auszusehen, erst mußte sie Annemarie auf ihrem Zimmer haben, mit ihr allein sein. Ahnte sie nur das geringste, lief sie bestimmt wütend und trotzig davon. Annemarie warf sich schwungvoll in den Sessel.

»Nun schieß los, Carola! Welche Überraschungen hast du für unsere alten Herrschaften vorgesehen?«

Carola zauderte kurz, bekämpfte die Angst, die in ihr war, dann sagte sie offen:

»Deshalb wollte ich dich nicht sprechen. Es – es handelt sich um dich, Annemarie. Ich habe Angst um dich, große Angst. Ich hörte, daß man von einer engen Verbindung zwischen dir und Dr. Mudschiraddin spricht und...«

»Wer hat dir das hinterbracht?«

Annemarie war aufgesprungen und stand kampfbereit vor der Schwester.

»Das ist doch unwichtig. Es scheint überdies ein allgemeines Gerede im Gange zu sein. Ich ...« Wieder überlegte sie krampfhaft. Klug soll ich sein, dachte sie verzweifelt und wußte doch schon jetzt, daß sie einen schweren, wenn nicht gar hoffnungslosen Kampf kämpfte. »Ich bin sehr unglücklich darüber, Annemarie. Dr. Mudschiraddin ist ja sehr nett, aber er ist doch ganz anders als wir. Er ist Mohammedaner, du kannst ihn doch nicht im Ernst heiraten wollen?«

»Und warum nicht?« fragte Annemarie mit geradezu verletzender Kälte. »Was spielt seine Religion für eine Rolle dabei? Wir lieben uns, alles andere ist unwichtig.«

»Es ist nicht unwichtig, Annemarie – seine Religion ...«

»Bei uns heiraten auch Katholiken und Protestanten.«

»Richtig, aber sie sind doch beide Christen. Und sie haben die Heimat gemeinsam, leben unter demselben Gesetzen, haben dieselben Sitten.«

»Die hat man in der Türkei auch. Ehe du mir Moral predigen willst, hättest du dich mal ein bißchen mit der türkischen Geschichte beschäftigen sollen. Da lebt man auch nicht mehr hinter dem Mond, sondern ist sehr modern, genau wie wir.«

Annemaries Augen blitzten. Sie fühlte sich der Schwester hoch überlegen, Abak hatte ihr doch so viel von dem Leben in seiner Heimat erzählt.

Da Carola nicht gleich antwortete, fragte sie spöttisch:

»Ich glaube, du denkst noch an Harem und finsteres Mittelalter.«.

Carola schüttelte den Kopf.

»Nein«, entgegnete sie tiefernst, »ich weiß nur, daß es auch dort einen großen Umsturz gegeben hat, aber das Alte ist trotzdem noch da. Vieles will man ja auch gar nicht ändern, weil man dort ganz anders denkt als bei uns.«

»Und wenn, ich weiß es besser, als du in Artikeln zusammengelesen hast. Und wenn du dir Abak anschaust, wirst du ja zugeben müssen, daß er nichts anderes ist als unsere deutschen Männer. Und gerade er lebt ja nun schon ein paar Jahre bei uns und macht hier jetzt noch seinen Facharzt. Wo willst du da einen Unterschied sehen?«

Carola erkannte, Annemarie war ihr völlig entglitten; da war ein Einfluß, der so stark war, daß niemand dagegen ankämpfen konnte. Sie hatte Mühe, die große Mutlosigkeit zu überwinden, die sie überkommen wollte.

»Annemarie, Liebes«, bat sie, »das alles ist es ja nicht. Du willst es jetzt nicht glauben, aber du würdest todunglücklich werden, das ist gewiß. Man hört es doch immer wieder, daß auch andere Mädchen ...«

Annemarie hielt sich die Ohren zu und sagte heiter:

»Oh, hör auf, hör doch schon auf, Carola, du meinst es auf deine Art gut, aber du kennst Abak nicht. Nicht so wie ich.«

Und nun ging ein Strahlen über ihr schönes Gesicht, und die Augen leuchteten glücklich.

Carola war erschüttert. Annemarie liebte ihn sehr, sie war ihm ganz verfallen.

»Liebes, ich kann nicht«, brach es aus Carola heraus, »selbst eure Liebe wird euch nicht glücklich machen. Und du wirst völlig ausgeliefert sein, allein in einem fremden Land.«

»Ich habe ihn, ich brauche keine anderen Menschen!«. unterbrach Annemarie heftig.

»Auch uns nicht? Die Eltern, Jürgen, mich? Annemarie ...«

Für einen Augenblick war es, als schwanke die Jüngere. Dann schüttelte sie lächelnd den Kopf.

»Du weißt nicht, was Liehe ist, Carola, sonst würdest du mich verstehen. Euch werde ich sehr vermissen, aber Ohne Abak kann ich nicht leben!«

Eine geradezu fanatische Inbrunst stand hinter diesen Worten. Carola wußte, sie hatte verloren.

Mächtiger als Kindes- und Geschwisterliebe war jene Liebe, die sie mit dem Fremden verband und die ihr Unglück werden würde.

Der Kopf mit dem weißen Häubchen sank tief herab. Carola kämpfte gegen Tränen, sie wollte nicht weinen, sie durfte es nicht, sie mußte stark bleiben.

Annemarie aber stand noch immer, aufrecht und mit hochrotem Kopf. Sie glaubte, ihre eigenen Worte noch zu hören, und empfand ein Gefühl des Stolzes, daß sie für ihre Liebe, für den geliebten Mann kämpfen mußte.

»Carola«, begann sie nach längerem Schweigen, »nimm die Sache nicht tragisch, sie ist es nicht. Heute heiraten viele Mädchen Ausländer, die Grenzen von früher gibt es nicht mehr. Die Welt ist kleiner geworden. Entfernungen spielen keine Rolle mehr.«

»Aber Entfernungen kosten Geld.«

»Abak ist reich. Und er ist gut, er wird mir keinen Wunsch abschlagen. Er vergöttert mich.« Ganz innig klangen die letzten Worte, und ihre Augen leuchteten vor Zuversicht und Glück.

Carola preßte die Lippen zusammen. Hatte es denn Zweck, auch nur noch ein Wort zu sagen? Und dann drängte sich doch noch eine Frage auf ihre Lippen.

»Und warum kam er dann noch nicht und sprach mit den Eltern? Warum mußt du erst deinen guten Ruf aufs Spiel setzen?«

Unwillig warf Annemarie den Kopf in den Nacken.

»Willst du das nicht unsere Angelegenheit sein lassen? Was gehen mich die Leute an? Mögen sie reden, einen Grund werden sie immer finden. Außerdem habe ich es mit Rücksicht auf euch vermieden, mich mit ihm in der Öffentlichkeit zu zeigen und ...«

»Und wo habt ihr euch dann getroffen?«

Einen Augenblick zeigte Annemarie Verlegenheit, dann sagte sie hitzig: »Auch das dürfte unsere Angelegenheit sein. Ich bin kein Kind mehr. Und ich habe auch nicht Lust, deine Unkereien anzuhören. Ich hatte ohnehin eine Eselsgeduld. Mache du dir keine Sorgen um uns, es ist überflüssig. Könntest mir nur den Gefallen tun, den Mund zu halten. Wir wollten erst nach Weihnachten mit den Eltern darüber sprechen. Und wenn du es schon mir zuliebe nicht tun willst, dann schon die Eltern. Sie werden ohnehin kopfstehen.«

»Also, das siehst du wenigstens ein«, sagte Carola bitter.

Annemarie zuckte die Schultern.

»Trotzdem kann ich ihnen nicht helfen. Mein Leben gehört mir. Also laß sie noch in Ruhe Weihnachten feiern.«

Carola antwortete nicht.

Sie hielt Annemarie aber auch nicht mehr zurück, als sie schwieg. Es war ja doch nichts mehr zu retten.

*

So ganz ruhig war Annemarie jedoch nicht, wie es äußerlich den Anschein hatte. Stiller als sonst saß sie mit den Eltern beim Abendessen.

»Schlecht gelaunt, meine Tochter?« neckte der Vater, der seinen Liebling still beobachtet hatte.

Annemarie warf den Kopf zurück und lachte.

»Keine schlechte Laune, Papa, ich muß noch mal weg ...«

»Was, heute auch wieder?«

»Das ärgert mich ja. Madrigalchor – aber ich habe es versprochen.«

Sie zuckte die Achseln.

»Da solltest du auch hingehen, wenn du nur sonst nicht dauernd fortlaufen würdest. Kino ...«

»Hach, Mutsch!« Annemarie schüttelte vorwurfsvoll den Kopf und brachte es sogar fertig, die Eltern verschmitzt anzublinzeln. »Du begreifst aber auch gar nichts! Wird ja bald Weihnachten, nicht? Soll ich da etwa immer allein auf meinem Zimmer sitzen und fummeln? Und wenn alle Mütter durchaus was Selbstgemachtes haben wollen, da hocken wir uns eben zusammen.«

»Also war das Schwindel mit der Kinoschwärmerei«, lächelte Frau Käthe aufatmend, und der Vater schaute seine Jüngste in liebevollem Stolz an.

War sie nicht ein Prachtkerl? Saß da fast jeden Abend und machte Handarbeiten für die Mutter.

Annemarie nützte die günstige Stimmung.

»Muß ich beim Geschirrspülen helfen?« fragte sie bittend. »Ich wollte noch auf einen Sprung zu Inge, ehe ich in den Chor gehe.«

»Dann lauf schon«, erlaubte die Mutter großmütig. Und Annemarie verabschiedete sich eilig.

Es drängte sie förmlich zu dem Geliebten.

Unterwegs dachte sie an die Handarbeit, die gar nicht existierte. Handarbeiten gibt es auch fertig zu kaufen, beruhigte sie sich schnell. Mochte es eben mehr Geld kosten, was kam es darauf an?

Im Laufschritt durcheilte sie die Straßen, nur bei ihm sein, das war ihr Wunsch.

Sein Fenster war noch dunkel, aber was tat das? Sie hatte einen Schlüssel zu seiner Wohnung, wenn sie nur dort auf ihn warten konnte, wo alles, alles von ihm sprach. Er würde bald kommen, sein Dienst dauerte ja immer länger, und wie konnte er ahnen, daß sie heute früher kam, daß sie so unbändige Sehnsucht nach ihm hatte?

Sie betrat die kleine Wohnung, die nur aus einem größeren Raum, einer kleinen Schlafnische und dem Duschraum bestand, an den eine winzige Kochecke grenzte.

Sie bewegte sich, als sei sie hier zu Hause. Dem Wandschrank im Schlafraum entnahm sie ein sattblaues Schleiergewand, das mit Goldstickereien verziert war.

Abak hatte es ihr geschenkt, sie zog es an. Er liebte es, wenn sie ihm in diesem, in reiche Falten fallenden Gewand gegenübersaß, und sie selbst fand sich schön darin. Ihre sportlichen Kleider paßten einfach nicht zu diesen zauberhaften Kawehstunden.

Eilig begann sie, alle Vorbereitungen zu treffen, stellte Geschirr und Geräte zurecht, Abak sollte sich freuen, wenn er heimkam.

Sie hatte das schon öfter gemacht, aber heute war sie unruhig und hastig. Immer lauschte sie nach der Tür, und als sie ihn schließen hörte, eilte sie ihm entgegen.

»Abak, man will uns trennen!« stieß sie heftig hervor und umklammerte ihn so fest, als solle diese Trennung sofort erfolgen, als wolle man sie ihm entreißen.

Mudschiraddin hatte aufgehorcht. Er fragte ruhig:

»Wer will uns trennen, Leila, mein Kleinod?«

Sie berichtete lebhaft und voller Temperament und beteuerte immer wieder, daß sie nichts, aber auch nichts von ihm trennen könne.

»Dann ist alles gut. Du gehörst mir. Und was mir gehört, das behalte ich«, erklärte der Mann gelassen.

Er saß schweigend neben ihr, während sie den Kaweh bereitete. Es sah reizvoll aus, wie sie mit schönen, langsamen Bewegungen, so, wie sie es von ihm gelernt hatte, hantierte, nicht einmal die langen, weiten Ärmel schienen sie zu stören.

Sie reichte ihm die Schale. Er trank, lächelte ihr zu.

»Leila, du kannst, wenn du willst, auch zum Islam übertreten, dann haben wir beide eine Religion, falls das deine Schwester so sehr stören sollte. Aber du mußt es nicht.«

Annemarie lächelte. Beglückt und voller Hingabe, war er nicht wunderbar? War er nicht wahrhaftig großmütig?

Sie legte beide Arme um seinen Hals.

»Ich will, was du willst, Abak! Du machst mich glücklich.«

Aber am Morgen war sie wieder da, die Unruhe. Würde Carola vorläufig noch schweigen? Annemarie wollte in ihrem Glück nicht gestört werden, nicht früher, als unbedingt notwendig.

Während der kurzen Frühstückspause ging sie hinüber zu Helgard. Sie lehnte sich an den Arbeitstisch und sagte leise:

»Du, Helgard – der große Krach bahnt sich schon an. Carola weiß alles. Sie machte gestern gewaltiges Theater.«

»Du hast dich doch hoffentlich darüber nicht aufgeregt!« Mit den wasserhellen Augen schaute Helgard die Freundin kalt forschend an.

»Ein bißchen schon«, gab Annemarie mißmutig zu.

»Ist doch Quatsch. Ich habe es dir schon lange gesagt, macht es wie wir. Weihnachten feiern wir Verlobung, Reschat und ich.«

»Deine Mutter hat auch Verständnis – aber meine Eltern? Ich darf gar nicht daran denken.«

»Ja, meine Mutter ist prima.« Helgard nickte selbstbewußt. »Deine Eltern leben noch immer ein bißchen auf dem Mond. Ein bißchen – sehr bürgerlich, finde ich.«

»Nun sag schon, was du wolltest – spießbürgerlich«, grollte Annemarie mit unterdrückter Heftigkeit, »das weiß ich selbst. Aber deine Mutter ist noch jünger und macht gern noch mit. Und du hast keinen Vater, meine Mutter wäre nicht so schlimm.«

»Na«, meinte Helgard skeptisch, »ich weiß nicht. Aber meine Mutter freut sich schon, wenn sie mich besuchen kommen wird. Die brächte es glatt fertig und bleibt gleich ganz da.«

Als Annemarie sich wieder an die Arbeit begab, war sie mißmutiger als vorher. Das Gespräch mit der Freundin hatte sie nicht ermutigen können. Sie empfand es unklar: Den Rat, den sie sich hatte holen wollen, den hatte sie nicht bekommen.

Und Abak konnte ihr auch nicht raten. Er wußte ja nicht, wie die Menschen hier dachten, denn in seiner Heimat galten ja ganz andere Sitten.

Annemarie merkte es nicht, daß sie sich jetzt etwas eingestand, was sie gestern bei Carola noch heftig bestritten hatte.

*

Sieveking wußte mit einem Blick in das blasse, unausgeschlafene Gesicht der Schwester, daß sie mit ihrer Mission gescheitert war. Es wäre kaum notwendig gewesen, daß sie seinen schnellen, fragenden Blick mit einem stummen, fast unmerklichen Kopfschütteln beantwortete.

Sobald sich eine Gelegenheit bot, sagte er leise zu ihr:

»Es hat nicht geklappt, wir sprechen noch darüber.«

Sie nickte stumm. Langsam schloß sie sich dem kleinen Zug an, der sich anschickte, die Morgenvisite zu machen.

Ihre Augen streiften flüchtig Dr. Abak Mudschiraddin. Ihr. war, als läge ein kleines Spottlächeln um seinen Mund, sie hatte es heute nicht fertiggebracht, ihm auf seinen Gruß zu danken. Sie war an ihm vorbeigeeilt, als habe sie den Mann im weißen Kittel nicht bemerkt. Haß war ihr bisher fremd gewesen, jetzt wußte sie, was Haß ist ... Mit einem Gesicht, dem man ansah, wie wenig sie bei der Sache war, stand sie in den Krankenzimmern.

Sie merkte es nicht, daß Dr. Sieveking sie wiederholt besorgt musterte, daß Mudschiraddin sie heimlich beobachtete und auch Schwester Margarete sie ein paarmal erstaunt ansah.

Sie hielt sich zurück und wartete gleichmütig. Dann hält eine Patientin sie am Kleid zurück und fragt leise:

»Schwester, sind sie krank?«

»Aber nein, Frau Lüders.«

»Sie sehen aber so aus. Sie lachen nicht, sind traurig ...«

Carola schüttelte den Kopf und zwang ein Lachen herbei.

»Aber, Frau Lüders, was Sie alles sehen. Ich bin vergnügt wie immer, nur ein bißchen müde, ich habe gestern zu lange an meinen Weihnachtsarbeiten gesessen.«

In den Augen der einfachen Frau leuchtete Verständnis. Sie nickte ihrer Pflegerin zu, und Carola dankte ihr herzlich. Und nun hatte sie wieder ihre Sorgen für sich.

Es durfte nicht sein, daß sogar die Patienten ihren Kummer merkten.

Jetzt bemerkte sie auch die sorgenden Blicke Dr. Sievekings, erst voller Unruhe, darin verstand sie ihn, mit einem winzigen Lächeln nickte sie ihm zu.

Später waren sie einen Augenblick allein.

»Schwester Carola, ich hatte gedacht, wir könnten unter Mittag die Sache besprechen, aber ich muß zu einem Konzilium. Und für Sie ist es auch besser, Sie schlafen eine Stunde. Sie sehen sehr müde aus.«

»Ich habe nicht besonders gut geschlafen«, gab sie zu.

»Kein Wunder. Also, Sie schlafen nachher, und dann setzen wir uns vielleicht heute abend irgendwo zusammen, oder haben Sie etwas vor?«

Verblüfft sagte sie: »Nein«.

»Gut, ich gebe Ihnen am Nachmittag noch Bescheid.« Sieveking nahm wieder dienstliche Haltung ein, denn ein Arzt trat auf ihn zu.

Verwirrt zog sich die junge Schwester zurück. Diese große Anteilnahme, Sievekings an einer Sache, die ihn doch nur oberflächlich interessieren konnte, war ihr unbegreiflich. Und doch – es war schön, nicht ganz allein in diesem Kampf zu stehen.

Als sie im Schwesternhaus am Postfach vorbeiging, entdeckte sie in ihrem Fach einen Brief. Sie zog ihn heraus, er war von Heinz Rennekamp.

Als sie, völlig ausgekleidet wie immer, im Bett lag, begann sie zu lesen.

Als sie geendet hatte, flatterte der Brief achtlos zur Seite. Sie verschränkte die Arme hinter dem Kopf und starrte an die weiße Decke. Also Heinz wußte es schon, hatte es drüben in Amerika eher gewußt, als sie hier.

»Paß mal ein bißchen auf Annemarie auf; ich glaube, sie macht Dummheiten. Setz dem verrückten Gör den Kopf zurecht, ich würde es liebend gern tun, wäre ich jetzt bei euch. Hast du Hausmann in letzter Zeit gesehen? Ich nehme an, er wird einen gewaltigen Zorn haben.«

So schrieb der Freund. Noch gestern vormittag hätte sie sich den Kopf zerbrochen, was er wohl mit diesen unklaren Andeutungen meinen mochte, heute wußte sie es. Plötzlich bleckte sie von allen Seiten das Unheil an.

Nein, sie konnte auch jetzt nicht schlafen, die Schwester Carola. Sie lag ganz still, grübelte und sprach in Gedanken mit Annemarie, appellierte an ihre Vernunft, an ihr gutes Herz – oh, sie fand viele Worte. Aber sie wußte, daß sie nicht überzeugen würde. Annemarie würde sich die langen Reden kaum anhören, die Carola ihr in Gedanken hielt. Als sie wieder aufstehen mußte, kochte sie sich, als Ersatz für den Mittagsschlaf, einen starken Kaffee.

Als sie. ins Stationsgebäude ging, sah sie Sieveking im Eingang stehen. Er sah ihr entgegen, und ihr war, als habe er auf sie gewartet.

»Schwester Carola, können Sie sich gegen acht Uhr bereit halten? Ich würde im Wagen auf Sie warten, etwas unterhalb der Pforte in Richtung Stadt, und dann suchen wir uns eine ruhige Weinstube und halten Lagebesprechung.«

Seine letzten Worte sollten scherzhaft klingen, aber Carola lächelte bitter.

»Und dann wird man auch von der anderen Heiberg reden können, daß sie im Dunklen Herren ...«

Er ließ sie nicht aussprechen. Er faßte nach ihren Händen und preßte sie mit schmerzhaftem Druck und sagte erregt:

»Mädchen, Sie sind verrückt.« Er atmete tief auf und fuhr ruhiger fort:

»Entschuldigen Sie, aber das war wirklich ein bißchen viel. Aber Sie haben recht, wozu heimlich tun, ich werde hier an der Pforte auf Sie warten.«

Sie schaute ihn sehr ernst an.

»Herr Doktor, auch Sie würden ins Gerede kommen, das geht hier sehr schnell.«

Er fiel ihr ins Wort; seine Stimme klang schwer und nachdrücklich:

»Wenn man Sie und mich zusammen sieht, wird man nicht reden, das garantiere ich Ihnen. Ich denke, ich werde nicht umsonst warten, wie?«

Carola vermochte nur zu nicken, erst nach kurzer Pause kam ein schwaches »Nein – ich komme ...«

»Also gut.«

Sieveking hielt ihr die Tür auf, dann verschwand er in dem langen Korridor, während sie die Treppe hinaufging.

Der Mann hat ein Selbstbewußtsein, dachte sie beklommen und fand sich nicht mehr zurecht. Warum tut er das alles? Das war die Frage, auf die sie keine Antwort wußte.

Als sie abends mit ihm zusammentraf, stand er an seinem Wagen und begrüßte sie freundlich.

Schon beim Einsteigen sah sie, wie zwei vorübergehende Schwestern verdutzt guckten und dann lebhaft miteinander zu sprechen begannen.

»Herr Doktor?« fragte sie kläglich, »haben Sie das eben gesehen?«

»Stört es Sie etwa?«

»Morgen ist es durch alle Stationen, daß ich mich zu Ihnen ins Auto setzte.«

»Ja, bei uns wird schnell gearbeitet«, bemerkte er gelassen.

Da schwieg Carola, soviel Gleichgültigkeit gegen die Menschen war wirklich unverständlich.

Noch unverständlicher war, daß er sie in das zwar kleine, aber von der ganzen Gesellschaft des Städtchen vielbesuchte Weinrestaurant führte.

»Herr Doktor, das muten Sie mir zu«, meinte sie etwas ärgerlich. Sie dachte an die Eltern, die auch oft in der »Sonne« waren.

»Es sitzt sich aber sehr nett dort, wie ich feststellte«, kam es ruhig zurück, und da hatte er auch schon seine Hand unter ihr Ellbogengelenk gelegt und dirigierte sie nach seinen Wünschen.

»Wenn die Türken auch so sind, dann wundert mich überhaupt nichts mehr«, stieß sie ärgerlich hervor. Er lachte.

»Wahrscheinlich sind sie genauso, aber es gibt eben doch gewisse Unterschiede, über die wollen wir ja gerade sprechen.«

Sie hatte erwartet, bekannte Gesichter zu sehen, aber als sie jetzt durch die wenigen Tischreihen. ging, war es doch mehr als peinlich, unbefangen zu grüßen.

Er führte sie zu einem Tisch, auf dem ein kleines Kärtchen lag. »Reserviert«, stand darauf.

»Der Tisch ist nicht frei«, machte Carola aufmerksam.

»Doch, er ist für uns reserviert. Ich erwarte später noch einen Freund mit seiner Frau. Ihr Einverständnis habe ich vorausgesetzt. Dr. Wilhelm ist nämlich Orientalist, er lebte auch, um die orientalischen Sprachen an der Quelle zu studieren, jahrelang im Orient und könnte uns vielleicht wertvolle Hinweise geben.«

Soviel Hilfsbereitschaft überstieg fast Carolas Begriffsvermögen.

»Herr Doktor – Sie sind ja sehr gründlich«, hob sie beklommen hervor.

»Das ist bei solch' einer verfahrenen Situation auch notwendig. Den Wilhelms können Sie übrigens vertrauen, restlos, Schwester Carola. Mit ihm habe ich schon die Schulbank gedrückt, und seine Frau kenne ich seit unserer gemeinsamen Studienzeit. Ich konnte es deshalb wagen, sie ins Vertrauen zu ziehen. Aber nun berichten Sie, wie verlief die Aussprache?«

Carola erzählte. Sie sprach knapp und sachlich, aber immer wieder klang die Angst durch, daß die Eltern unglücklich werden würden, und ein erbitterter Haß gegen den Mann, der all das Unglück verschuldete.

»Sie ist ihm restlos verfallen, das war anzunehmen«, räumte Sieveking ernst ein. »Das Fremdartige reizt, da kommen wir biederen Deutschen einfach nicht mit.« Er lächelte leicht, als er schloß.

Carola schaute ihn ernst an, als wolle sie prüfen, ob auch er als biederer Mann zu bezeichnen sei, dann stellte sie mit Nachdruck heraus:

»Das eben verstehe ich nicht. Mich stößt gerade das Fremde ab, denn das letzte Verstehen ist doch da unmöglich.«

»Das sagen Sie, aber die meisten Mädchen denken anders. Denen sind wir viel zu langweilig, viel zu bekannt.«

Unwillkürlich mußte sie ein wenig lachen. Sie vergaß, daß Sieveking ihr Vorgesetzter war, und meinte in leichtem Neckton:

»Das klingt ja nach trüber Erfahrung, Herr Doktor.«

Er nickte.

»Ja«, gab er zu. »Ich bin ein gebranntes Kind. Ich war einmal fast verlobt, da spannte mir im letzten Augenblick auch ein Ausländer die Braut aus. Allerdings war es ein Amerikaner, aber meine damalige Braut fand ihn viel interessanter als mich.«

Darauf wußte Carola nichts zu erwidern, sie musterte ihn nur scheu.

Ihren vorsichtigen Blick bemerkend, fügte er leichter hinzu:

»Es ist lange vorbei, Schwester.«

»Aber Sie haben nicht geheiratet?«

Sie brach erschrocken ab.

»Stimmt, aber das hat mit der alten Sache nichts mehr zu tun. Anfangs – nun ja, da machte sie mir zu schaffen, aber dann stürzte ich mich in die Arbeit und vergaß darüber, daß ich eigentlich einmal heiraten müßte. Aber ich denke, es ist noch nicht zu spät. Ich bin jetzt fünfunddreißig, was meinen Sie, Schwester? Ob ich alter Mann wohl noch eine nette Frau finden werde?«

Carola wurde bei dieser Frage glühend rot, und ihre Augen wichen den seinen aus.

»Herr Doktor, welche Frage«, zwang sie sich zu einem Scherz, »erwarten Sie, daß ich Ihnen Komplimente mache?«

»Nein, aber falls Sie mich noch für einigermaßen passabel halten, bin ich beruhigt. Aber nun zu unserem Thema.«

Sein Gesicht wurde ernst, er überlegte und sagte nach kurzem Schweigen:

»Es sieht im Augenblick ziemlich hoffnungslos aus, zumal der Hausklatsch von einem Parallelfall zu berichten weiß. Eine Kollegin Ihrer Schwester will sich ja, wie es heißt, demnächst auch mit einem Türken verloben. Die beiden jungen Damen werden sich also gegenseitig Mut machen und die große Liebe gegen die böse Welt verteidigen wollen. Mit guten Worten oder Drohungen wird man da nichts erreichen, wir müßten schon durch Tatsachen überzeugen können, und die hoffe ich, von meinem Freund zu erhalten.«

Das klang einleuchtend, aber doch nicht beruhigend.

»Ich kann mir nicht vorstellen, mit welchen Tatsachen wir überzeugen könnten«, zweifelte Carola bedrückt. »Und was ich nicht begreife – warum setzen Sie sich so sehr für meine Schwester ein?«

Einen Augenblick sahen sie einander wortlos an. Dann sagte Sieveking ruhig:

»Ich hoffe, Ihnen dafür später einmal eine Erklärung geben zu können, Schwester Carola. Im Augenblick ist es noch unwichtig.«

»Wir melden uns zur Stelle.«

Eine tiefe Stimme unterbrach mit diesem heiteren Zuruf einen Augenblick stärkster Spannung.

Sieveking sprang auf und begrüßte seine Freunde, stellte vor, und Carola spürte sofort, diesen Menschen durfte sie vertrauen.

Eine neue Flasche Wein kam, dann steuerte Sieveking rasch auf sein Ziel los. Mit wenigen Worten legte er den Fall klar.

Dann erklärte Wilhelm: »Gegen einen Türken ist durchaus nichts einzuwenden, aber ein Mädchen heiratet dort nicht nur den Mann, sondern seine ganze Sippe. Und da liegt das ganze Unglück dieser Mischehen verwurzelt. Eine junge Türkin kennt es nicht anders, als daß sie ganz in der Familie ihres Mannes aufgeht und mit seiner Sippe, die meist sehr zahlreich ist, in einem Hause lebt. Junge Ehepaare, die für sich in einer eigenen Wohnung leben, sind immer noch selten anzutreffen. Man sieht das Zusammenleben von jung und alt als selbstverständlich an, und selbst der zärtlichste junge Ehemann wird kein Verständnis dafür haben, daß seine ausländische Frau darunter leidet und nicht von der Schwiegermutter überwacht werden will.«

Es war fast ein kleiner Vortrag, den Dr. Wilhelm hielt, und er wäre für Carola gewiß äußerst interessant gewesen, hätte nicht die Sorge um Annemarie ihr Herz immer schwerer werden lassen.

Als er geendet hatte, herrschte einen Augenblick Schweigen. Jeder sann noch dem Gehörten nach.

»Wenn Ihre Schwester mit ihm hier in Deutschland leben würde, sähe die Sache ganz anders aus«, sagte Frau Wilhelm mit dem Versuch, zu trösten, »aber ob er das tun würde, ist eine andere Frage.«

»Es wäre ein Ausweg«, gab Dr. Sieveking zu, »hier lebten sie nach unseren Gesetzen und Sitten, aber soviel ich weiß, geht er in die Heimat zurück. Es bestehen da wohl schon ganz bestimmte Pläne und Verpflichtungen in seiner Vaterstadt, ich glaube nicht, daß er sich davon lösen wird.«

»Dann wird es hart für Sie, mein Fräulein Heiberg«, sagte Wilhelm warm.

»Vor allem für meine Eltern«, gab Carola bedrückt zu.

»Es sieht nicht sehr rosig aus«, meinte Sieveking, als er sie heimfuhr, »aber vielleicht geben ihr die Schriften, die Wilhelm Ihnen schicken will, zu denken.«

»Ich glaube, sie bringt nicht einmal noch soviel Vernunft auf, um diese Schriften überhaupt zu lesen.«

»Nicht soviel denken, Schwester Carola, alles der Zeit überlassen«, sagte Sieveking und schien nicht zu ahnen, daß Carola nun erst recht viel denken mußte.

Auf die Vermutung wäre er aber nie gekommen, daß Carola aus seinem Verhalten den Schluß folgerte, er selbst liebe die schöne Annemarie und wolle sie deshalb vor einer unglücklichen Ehe bewahren, sie möglicherweise sogar für sich gewinnen.

Carola grübelte hin und her und kam zu keinem anderen Ergebnis. Nur war auch das ihr sehr unverständlich; denn Annemarie besuchte Dr. Mudschiraddin in seiner Wohnung, sie schien ihm völlig verfallen zu sein; Carola wagte nicht auszudenken, wie stark die Bindung geworden war. Konnte Sieveking sich da noch wünschen, Annemarie für sich zu gewinnen? War er so großzügig, um über alles Gewesene hinweggehen zu können? Ja, liebte er Annemarie so sehr?

Als Carola diese Überlegungen zum erstenmal anstellte, waren in ihr nur Staunen und Verwunderung.

Aber am nächsten Tage, als sie ihn einmal heimlich forschend ansah, weil ihr alles so unbegreiflich erschien, war schon ein feiner Schmerz in ihr.

Selbst wenn Annemarie sich von Mudschiraddin löste und vielleicht zu Sieveking fand, glücklich würde er mit ihr nicht. Davon glaubte Carola überzeugt zu sein. Und er war doch schon einmal enttäuscht worden, wirklich, er tat ihr leid, sehr leid.

*

Carola verbrachte ihren letzten freien Tag vor Weihnachten daheim, um der Mutter helfen zu können und um Annemarie jene Schriften zu geben, die Dr. Wilhelm ihr geschickt hatte und die sie selbst mit größter Spannung gelesen hatte.

Fast war sie überzeugt, daß Annemarie zur Besinnung kommen würde, wenn sie las, wie ihr künftiges Leben sein würde.

Annemarie lächelte spöttisch, als Carola ihr die Hefte und Broschüren gab.

»Du bist ja rührend besorgt, wo hast du die Schwarten bloß aufgetrieben?«

»Das ist ja egal. Bitte, lies sie.«

»Na schön, sowie ich Zeit habe. Es eilt ja nicht sehr.« Annemarie setzte sich auf ihr Bett und zog die Schuhe aus.

»Du könntest doch wenigstens einmal anfangen, es ist ja noch nicht spät«, drängte Carola.

»Heute noch? Wenn ich schon daheimbleiben mußte, dann will ich wenigstens mal ausschlafen.«

Annemarie war über die an sie gestellte Zumutung offensichtlich empört, als sie jedoch Carolas enttäuschtes und unglückliches Gesicht sah, eilte sie zu ihr hinüber, schlang ihren Arm um ihren Nacken und sagte mit einem Anflug einstiger Zärtlichkeit:

»Ach, Große, nimm es doch nicht so tragisch. Du machst dir viel zuviel Sorgen um mich. Es ist aber völlig überflüssig. Abak ist doch Arzt, gehört nur einer anderen Nation an, das ist alles, und das macht dir nun soviel Kummer.«

»Lies doch, lies«, bat Carola inbrünstig, »dann wüßtest du ja, weshalb es mir soviel Kummer macht, Annemarie.« Annemarie krauste das Näschen.

»Na schön«, sagte sie mißmutig, »ich will dir den Gefallen tun und schon heute mal reingucken.«

Nach einer knappen Stunde erklärte Annemarie:

»Nun habe ich für heute genug.«

»Und?« fragte Carola gespannt.

»Und?« echote Annemarie, »was hast du eigentlich erwartet? Daß ich nun Abak aufgeben werde? Nein, Große – ich sage mir: Papier ist geduldig. Und nun laß mich endlich in Ruhe. Ich will schlafen.«

Damit drehte sie sich auf die Seite.

Carola starrte noch einen Augenblick in fassungslosem Staunen zu ihr hinüber. Dann löschte sie das Licht.

Aber sie lag noch lange wach und fragte sich immer wieder: Kann Liebe so blind machen, daß man nichts anderes mehr sieht? Kann sie so vertrauensselig machen, daß man nichts anderes mehr glaubt?

Dann mußte es furchtbar sein, zu lieben.

*

Sieveking sah Carola sofort an, daß der seelische Druck größer geworden war.

Sowie sich eine Gelegenheit ergab, bat er sie in das Arbeitszimmer, in dem sich gerade niemand befand.

»Man braucht Sie nur anzusehen«, brummte er, »traurige Augen – also das Schwesterchen macht wieder Kummer.«

»Ja«, nickte sie und versuchte, wenn nicht froh, so doch gelassener auszusehen. »Sie hat einen Teil gelesen, aber es war sinnlos. Papier sei geduldig, das war ihr Kommentar.«

Sieveking schaute nun auch sehr mißmutig, ja ärgerlich drein. »Nun sind wir so klug wie zuvor. Was machen wir nun?«

»Ich habe schon gedacht, ob ich nicht mit ihm sprechen soll?«

Carola blickte den Arzt ratsuchend an.

»Mädchen«, erklärte Sieveking und fuhr sich mit der Hand über die Stirn, »das habe ich auch schon überlegt. Aber er ist genauso verliebt und ebensowenig zurechnungsfähig wie Ihre Schwester. Ich fürchte, Sie kommen nur in eine unangenehme Situation und erreichen doch nichts. Dasselbe gilt auch für mich. Würde ich mit ihm reden, wahrscheinlich würde er sich meine Einmischung energisch verbitten. Und mache ich nur eine leise Andeutung, daß die Sitten und Gesetze seines Landes sich von unseren unterscheiden, ist er sofort beleidigt. Wir wären es wahrscheinlich auch, denn jeder liebt seine Heimat und ist überzeugt, daß man dort glücklich sein kann. Es hätte also kaum Zweck, wenn ich ...«

»Aber Herr Doktor«, sagte Carola erschrocken, »das könnte ich doch gar nicht verlangen. Ich muß es wieder sagen, ich begreife sowieso nicht, daß Sie sich so hilfsbereit einsetzen.«

»Ja«, erwiderte Sieveking kopfschüttelnd, »Sie begreifen wirklich schwer, Schwester Carola.«

Seine Stimme klang so merkwürdig, daß sie ihn forschend ansah – und dann wurde sie rot, dunkelrot.

Ihre Hand wühlte unsicher in der Schürzentasche, in der sich meist ein paar Kleinigkeiten befanden. Sie sah an ihm vorbei.

»Nun?« fuhr Sieveking fast heiter fort, »ich denke, Sie werden noch mal hinter das große Geheimnis kommen. Aber was Ihren Vorschlag betrifft, versuchen Sie auch das noch. Viel Hoffnung mache ich Ihnen nicht, aber gewagt sollte es werden.«

Es fiel Carola schwer, einen Gedankensprung mitzumachen, denn sie hatte im Augenblick das Empfinden, als schwanke der Boden unter ihren Füßen.

Ihre Zustimmung kam deshalb etwas lahm.

»Ja, wenn Sie es raten ...«, sagte sie zögernd.

»Angst?« fragte er und schaute sie forschend und voller Güte an. Da hatte sie sich gefaßt.

»Nein, keine Spur. Angst habe ich nur, daß es auch wieder ein Mißerfolg sein könnte.«

»Also stellen Sie ihn – aber bitte hier im Hause, laufen Sie nicht auch noch in seine Wohnung. Und sollte er etwa unverschämt werden, dann will ich das wissen.«

»Sie sind so gut«, stotterte Carola verwirrt und ziemlich hilflos.

»Unsinn, machen Sie keinen Heiligen aus mir. Und nun arbeiten Sie wieder ein bißchen, es ist das beste Mittel, mit unangenehmen Gedanken fertig zu werden.«

Er sprach poltrig und faßte sie doch sehr sanft an der Schulter und führte sie zur Tür.

»Nun Kopf hoch, Mädchen, lassen Sie sich nicht unterkriegen.«

Sie spürte, wie seine Hand ihre Schulter noch einmal fest und warm umspannte, dann stand sie auf dem Korridor.

*

Carola hatte Weihnachten Dienst und erst Silvester und Neujahr frei. Aber am Heiligabend konnte sie doch nach dem Dienst schnell mit einem Taxi heimfahren, um daheim mitfeiern zu können.

Aber es schien, als sei die Stimmung der Familie in diesem Jahr nicht so glücklich und unbeschwert heiter wie sonst.

Sie waren doch alle beieinander, auch Jürgen war da; sie waren alle gesund, die Gabentische waren voll bepackt, der Weihnachtsbaum war wieder ganz besonders schön – und doch, war da ein Schatten, allen spürbar, nur hätte niemand sagen können, woher er kam.

Herr Heiberg saß in seinem Sessel, rauchte seine Festzigarre und erkannte, still beobachtend, nach einiger Zeit wenigstens die Richtung, aus der dieser dunkle Schatten kam.

»Mädels«, fragte er unwillig, »was ist los mit euch? Ich glaube gar, ihr seid nicht zufrieden, wie?«

Beide Töchter protestierten lebhaft. Sie bewunderten noch einmal das schöne Silber, das sie für die Aussteuer bekommen hatten, und die vielen anderen Kleinigkeiten, die ein Mädchenherz erfreuen konnten. Und Frau Heiberg stellte entrüstet fest:

»Na, wenn sie damit nicht zufrieden sind.«

Carola umarmte die Mutter und dankte liebevoll:

»Es ist alles so wunderschön, Mutti, ich freue mich so sehr. Aber ich bin ein bißchen müde, wir hatten gerade heute viel zu tun.«

»Ja, wenn die Hälfte der Schwestern nicht da ist...« Frau Heiberg wußte das und hatte sofort Verständnis für ihre Älteste. »Aber Annemarie ist schlecht aufgelegt.«

Dasselbe stellte jetzt auch der Vater fest.

»Annemarie, du bist heute eine Transuse. Und hast doch so ziemlich alles bekommen, was auf deinem Wunschzettel stand.« Herr Heiberg hatte gerade für seinen Liebling sehr tief in die Tasche gegriffen.

»Papilein, ich bin vergnügt wie immer«, behauptete Annemarie, streichelte ihn zärtlich und rief mit einer künstlichen Lustigkeit: »Aber wo bleibt der Punsch? Ich habe soviel singen müssen, daß mir die Kehle ganz ausgetrocknet ist, und nun soll ich auch noch lustig sein, wenn ihr mich auf dem trockenen sitzen laßt!«

Da lachte der Vater versöhnt, und Frau Heiberg eilte, den dampfenden Punsch zu holen.

Beide Schwestern bemühten sich nun ernstlich, nicht merken zu lassen, daß sie nicht froh waren wie sonst, und da Jürgen in glücklichster Stimmung war, weil er künftig in der Vaterstadt arbeiten konnte, stieg die Laune allmählich an.

Nur zwischendurch irrten die Gedanken der Schwestern ab.

Carola dachte voller Sorge an das, was auf die ahnungslosen Eltern zukam, und Annemarie war unglücklich, daß sie die Eltern und Geschwister zu hassen meinte, die sie daran hinderten, zu Abak zu gehen. Und der Arme hatte über Weihnachten Dienst! Ganz allein würde er im Dienstzimmer sitzen, während überall fröhliche Menschen das schönste Fest des Jahres feierten.

Und auch bei diesem Gedanken unterlief Annemarie ein Fehler – sie vergaß, daß Abak Mudschiraddin Weihnachten nicht das schönste Fest war, sondern ganz gewöhnliche Kalendertage.

Aber auch Carola dachte an den diensthabenden Arzt. Morgen würde sie mit ihm sprechen, eine günstigere Gelegenheit zu einer ungestörten Aussprache konnte es gar nicht geben.

Als die Schwester, die mit ihr zusammen Dienst hatte, sich zur Mittagspause zurückzog, atmete Carola tief auf. Jetzt war die richtige Stunde gekommen.

Ihr Herz pochte unruhig, als sie den Hörer abhob und ins Ärztezimmer hinüberläutete.

Mudschiraddin kam sofort.

»Was ist, Schwester Carola?« fragte er ruhig.

Sie mußte eine leichte Verlegenheit überwinden, denn er erwartete doch, daß sie ihn zu einer Patientin rief.

»Ich wollte Sie in einer privaten Angelegenheit sprechen, Herr Dr. Mudschiraddin.«

Ganz kurz blitzte es in seinen schwarzen Augen, dann war sein Gesicht wieder glatt und unbewegt, er neigte zustimmend den Kopf.

»Bitte, was wollen Sie mir sagen, Schwester?«

Carola überlegte kurz. Es war ja so schwer, mit diesem Mann zu sprechen, dessen Gesicht jetzt wie eine undurchdringliche Maske war.

»Herr Doktor, Sie ahnen es sicher, es handelt sich um meine Schwester«, begann sie unsicher, um dann immer ruhiger zu werden. »Ich mache mir ihretwegen große Sorgen, denn ich glaube nicht, daß sie glücklich werden wird, wenn sie die Heimat verlassen muß, um zu heiraten. Sie unterschätzt, was sie Ihretwegen aufgeben will. Sie ist sehr verwöhnt und auch eigenwillig, sie wird sich in Ihrer Heimat nicht einleben. Weil sie das selbst nicht einsehen will, möchte ich Sie bitten, dringend bitten, geben Sie Annemarie frei; es ist auch für Sie besser, glauben Sie mir das.«

Sie schwieg und blickte ihn erwartungsvoll an.

Er ließ sich Zeit mit seiner Antwort. Als er schließlich sprach, war seiner Stimme nicht die geringste Erregung anzumerken. Es war, als spräche er über eine Sache, die ihn persönlich kaum berührte.

»Ich habe Sie gehört, aber ich verstehe Sie nicht. Ehen zwischen Ausländern sind nicht ungewöhnlich, und ich hörte noch nie, daß sie unglücklich werden müssen. Meine Heimat ist ein schönes und modernes Land. Ich sehe keinen Grund, weshalb Annemarie sich dort nicht glücklich fühlen sollte. Und Sie haben vergessen, zu sagen, daß wir uns lieben, das ist aber wichtig. Das ist wichtiger als die Nationalität. Wir sind nicht Türke und nicht Deutsche, wir sind Mann und Frau. Und wir werden heiraten und sehr glücklich sein.«

Auf Carola wirkten die so ruhig und leidenschaftslos gesprochenen Worte wie Schläge, sie spürte es, wieder hatte sie die Schlacht verloren.

»Herr Dr. Mudschiraddin«, erwiderte sie fest und bemühte sich, eine sichere Haltung zu zeigen. »Sie irren. Die gegenseitige Liebe mag jetzt sehr groß sein, aber Annemarie wird Sie hassen lernen, kann sie nicht das Leben führen, an das sie gewöhnt ist. Das aber werden Sie ihr nie geben können.«

»Doch, ich kann das«, fuhr der Mann selbstbewußt und, wie sie spürte, gekränkt auf, »weshalb sollte ich das nicht können? Kennen Sie denn meine Heimat? Die Städte sind so modern wie hier, Annemarie wird ein schönes und bequemes Leben führen können als meine Frau. Und sie wird glücklich sein in unserer Liebe. Wissen Sie eigentlich, was Liebe ist, Schwester, daß sie so gering von ihr denken?«

Carola erschrak, seine Augen waren auf sie gerichtet, scharf, durchdringend, spöttisch.

Ihr Herz schlug schneller, immer schneller. Weiß ich denn, was Liebe ist? fragte sie sich unsicher und wich den Augen des Mannes aus. Da sprach er weiter.

»Weil Sie selbst so kalt sind, wissen Sie nichts von dem wärmenden Feuer der Liebe, können Sie nicht ahnen, wie glücklich sie macht. Und deshalb können Sie auch nicht urteilen. Lassen Sie uns unseren Weg gehen. Und bitte, stören Sie Annemarie nicht in ihrem Glück. Sie ist traurig darüber. Und wenn sie in Ihrem Haus leiden muß, hole ich sie schon jetzt in mein Haus. Sofort. Also, überlegen Sie, Schwester, denken Sie gut nach.«

Ehe Carola noch ein Wort sagen konnte, war er mit einer kurzen, sehr höflichen Verneigung gegangen.

Carola ließ sich schwer auf den Stuhl fallen. Sie verschlang die Hände im Schoß und starrte trüb vor sich hin.

Hoffnungslos! Es wurde immer hoffnungsloser. Mehr noch, der Mann drohte. Drohte mit einem Skandal.

Wenn er seine Worte wahr machte, es war nicht auszudenken. Und daß Annemarie ihm folgen würde, war sicher. Für sie gab es ja nur noch ihn, sie würde Eltern und Geschwister darüber vergessen, würde sich nicht darum kümmern, was sie ihnen antat. Später vielleicht, wenn sie zur Besinnung gekommen war – aber dann war es zu spät.

Verzweiflung trieb sie auf, ließ sie rastlos auf und ab wandern in dem kleinen Zimmer. Eine Wohltat wäre es gewesen, hätte eine Patientin sie jetzt gebraucht, aber die Glocke blieb stumm. Alle schienen ruhig zu schlafen.

Nun muß ich noch mit Jürgen sprechen, nun muß er es wissen, dachte sie unglücklich, und sah das Unheil auf sich, auf ihre ganze Familie zukommen.

Nein! Jürgen durfte nichts erfahren, das Unglück konnte nur noch größer werden.

Da, die Glocke – und gleichzeitig flammte das rote Licht auf. Schwester Carola atmete tief auf. Ihre Hände griffen nach dem Häubchen, rückten es zurecht, dann eilte sie den Gang entlang ins Krankenzimmer, wo man sie brauchte.

Oh, wie gut, daß man sie brauchte. Jetzt ging es ohne Pause weiter. Die ersten Besucher kamen, aus der Küche wurde der Kaffee geschickt, es gab alle Hände voll zu tun – es war keine Zeit mehr, an eigene Sorgen zu denken.

Es gab sogar kleine Freuden, denn einige Besucher brachten den Schwestern kleine Geschenke zum Dank für die Pflege, die sie Angehörigen angedeihen ließen. Und einige sprachen nette Worte des Bedauerns, daß die armen Schwestern auch Weihnachten Dienst tun mußten, wo der Beruf doch ohnehin so schwer sei.

Carola dankte und zwang sich, freundlich zu lächeln und heiter zu sein. Die Leute ahnten ja nicht, wie gut ihr heute die Arbeit tat, wie allein die Arbeit das Leben erträglicher machte.

Dann flutete der Besucherstrom wieder hinaus, es trat Ruhe ein, aber es gab noch viel zu tun.

Sie wußte es, daß er nun kommen würde, aber sie zuckte nun doch zusammen, als er plötzlich im Dienstzimmer stand. Sie hatte ihn nicht kommen hören.

Gelassen und ruhig stand er da und fragte höflich:

»Haben Sie die Spritzen aufgezogen, Schwester?«

»Einen Augenblick bitte ...«

Ihre Hände zitterten, als sie die Ampullen aus dem Schrank holte und aufzog, sie mußte sich zwingen, ruhig zu sein.

Er stand, mit dem Rücken gegen das Fenster gelehnt, und schaute ihr stumm zu. Es fiel kein Wort zwischen den beiden Menschen, es war, als habe es nie ein Gespräch zwischen ihnen gegeben.

Sie reichte ihm die fertige Spritze, nannte den Namen der Patientin, er kontrollierte vorschriftsmäßig und ging hinaus.

Das hält kein Mensch aus, dachte sie verzweifelt und lief nach der anderen Schwester, bat sie:

»Bitte, Schwester Irene, ich habe alle Spritzen aufgezogen, kümmern Sie sich doch darum. Ich bette inzwischen.«

Bloß diesen Mann nicht mehr sehen müssen, dachte Carola verzweifelt und konnte doch nicht ausweichen.

Carola hätte nun, wie sonst in jedem Jahr, heimfahren können, man wartete doch auf sie. Es war doch Weihnachten, sie hatte sich so sehr darauf gefreut.

Aber sie stand im Dienstzimmer und konnte sich nicht einmal entschließen, hinüber in ihr Zimmer zu gehen.

Die Nachtschwester guckte erstaunt herein.

»Ja, Schwester, immer noch hier? Na, wenn ich Sie wäre ...« Kopfschüttelnd verschwand sie wieder.

Ich muß gehen, befahl sich Carola.

Und dann tat sie etwas ganz anderes. Wie unter einem Zwang griff sie nach dem Telefonhörer und wählte.

Lauschte mit Herzklopfen, als das Rufzeichen kam, und sagte sich in bitterer Selbstverspottung: Unsinn, er wird gar nicht dasein. Und dann kam doch seine Stimme.

»Herr Doktor, bitte, entschuldigen Sie ...« Sie wußte vor Schreck über ihre Kühnheit, nicht weiter. Schon wollte sie, völlig kopflos geworden, wieder auflegen, da hörte sie ihn reden. Er hatte ihre Stimme sofort erkannt.

»Schwester Carola, was ist? Haben Sie wieder Kummer?«

»Ja.« Sie war kaum zu verstehen.

»Wo sind Sie jetzt?«

»Im Dienstzimmer. Aber ich will gerade gehen.« Sie antwortete ganz mechanisch, ohne nachzudenken.

»Gut. Ich komme sofort. Ich warte im Wagen vor der Pforte auf Sie.«

Das klang so energisch, daß sie nur noch mit einem gehorsamen »Ja« antworten konnte.

Sie legte den Hörer auf, und ihr Gesicht war nicht sehr klug dabei. Nun war sie völlig durcheinandergeraten. Sie begriff nicht, wie sie es überhaupt hatte wagen können, ihn anzurufen. Heute, am Weihnachtsabend anzurufen! Und er kam, er würde kommen!

Sie dachte es und eilte hinaus. Lief in ihr Zimmer, holte den Mantel. Sie durfte ihn doch nicht warten lassen.

Zitternd stand sie dann an der Pforte. Sah ein paar helle Lichter auf sich zukommen. Der Wagen hielt.

Sieveking sprang heraus. Er faßte nach ihren Händen und sagte weich:

»Mädchen, ich freue mich, daß Sie mich angerufen haben. Ich freue mich so sehr.«

Sie sah auch jetzt nicht sehr gescheit aus und ließ sich willenlos zum Wagen führen.

Sie saß neben ihm, er fuhr langsam weiter und bat:

»Nun erzählen Sie, Carola, denn daß Sie mich nicht in dienstlicher Sache anriefen, war mir klar, als ich Ihre traurige Stimme hörte. Sie haben mit ihm gesprochen, wie?«

»Ja.«

»Und?«

»Nichts.«

Das klang sehr trostlos.

Er faßte nach ihrer Hand.

»So, nun erzählen Sie. Aber bitte etwas ausführlicher als bisher.«

Seine Hand gab Wärme und Kraft, es war gut, sie zu spüren, es war auch gut, sich ausreden zu können.

»Es war, als spräche ich gegen eine Wand. Wie aus Holz geschnitzt, so kam er mir vor. Wenn er noch gestritten hätte, verteidigt, angegriffen – aber diese entsetzliche Ruhe; ich war wie erschlagen«, stellte sie abschließend fest.

»Armes Kind.«

Einen Augenblick war es ganz still. Der Wagen stand jetzt am Rande des Stadtparks.

»Und da haben Sie mich angerufen«, bemerkte er leise.

Sie empfand es als Vorwurf, entschuldigte sich:

»Ich wußte mir keinen Rat. Und ich bringe es nicht fertig, mit meinen Eltern zu sprechen.«

»Es war doch gut so. Es war ein Weihnachtsgeschenk für mich, Carola.«

Danach war es wieder still.

Nur Carolas Herz klopfte, daß sie glaubte, er müsse es hören. Und doch war eine große, glückliche Ruhe in ihr. Eine wundervolle Geborgenheit. Und ein heimliches Warten, eine ungeheure Spannung.

Draußen gingen lachende Menschen vorbei.

Carola riß sich zusammen. Erinnerte sich an das, was doch so wichtig war.

»Und was wird nun?« fragte sie still.

»Sie werden es Ihren Eltern nicht länger verschweigen können. Ich sehe nun auch keinen anderen Weg mehr. Aber sagen Sie, hat er sich wenigstens korrekt benommen, Sie sind so verstört.«

»Völlig korrekt«, bestätigte sie, denn es war doch sicher nicht unkorrekt, daß er behauptete, sie kenne die Liebe noch nicht.

Ihr war, als habe der Fremde sich geirrt, als wisse sie mehr, als sie selbst bis vor kurzem ahnte. Sie dachte es, und ein Zittern überfiel sie.

»Carola, Sie frieren. Es ist auch zu kalt, um hier länger zu stehen«, stellte Sieveking besorgt fest. »Wohin soll ich Sie jetzt fahren? Warum haben Sie auch noch die Tracht an, denn sonst ...«

»Nach Hause. Meine Eltern erwarten mich noch.«

»Na schön«, meinte er mit einem kleinen Lachen und ließ den Motor an, »man darf nicht unbescheiden sein. Immerhin sind Sie schon auf mich aufmerksam geworden.«

»Wie?« fragte sie verblüfft.

»Ja. Genauso ist es. Bis vor kurzem war ich für Sie nichts weiter als eine Art Krankenhausmöbel. Ich gehörte für Sie dazu wie der Krankenfahrstuhl oder wie das Fieberthermometer. Meinetwegen noch wie irgendein Patient, aber dem würden Sie mehr Aufmerksamkeit schenken. Inzwischen hat sich das ja nun sehr erfreulich geändert, und ich beginne zu hoffen.«

Er sagte nicht, was er erhoffte, und Carola bedauerte, daß die Stadt so klein war, sonst hätte sie vielleicht doch Näheres erfahren. Aber er war schon in ihre Straße eingebogen und suchte nach der Hausnummer.

»Da drüben, das helle Haus«, erklärte sie etwas unbeholfen.

Er hielt und sprach aus, was sie nur unklar gedacht hatte.

»Diese Stadt hat einen Fehler, sie ist zu klein. Ich wäre gern länger mit Ihnen gefahren.«

»Sie ist aber nicht größer«, warf Carola etwas töricht ein.

»Tatsächlich nicht«, bestätigte er lachend. »Oh, Carola – ich glaube, wir werden später noch oft über diese Zeit lachen.«

Das war nun wieder sehr dunkel. Carola hielt es für richtiger, sich zu verabschieden und auszusteigen.

Ehe sie jedoch dazu kam, zog er sie sanft zu sich herüber und lehnte ganz kurz seinen Kopf an ihre Wange.

»Nicht soviel sorgen, Carola, ja?« bat er weich.

»Nein«, versprach sie scheu und öffnete die Tür. Hastig stieg sie aus und reichte ihm dann die Hand.

»Fröhlich sein, Carola, und auch an das Schöne denken«, forderte er warm auf.

Sie nickte stumm und eilte davon.

Aber sie ging nicht ins Haus – nein, sie konnte jetzt nicht hineingehen, sie mußte einen Augenblick mit sich allein sein.

Leise, damit man sie ja nicht höre, ging sie um das Haus herum in den dunklen, winterlichen Garten. Stand dort an den Stamm einer Birke gelehnt und schaute den am Himmel ziehenden Wolken nach.

Ihr war, als habe sie eben ein Wunder erlebt, ein ganz großes Wunder. Und sie hatte gedacht, er würde alles für Annemarie tun. Und nun? Sie wagte es nicht auszudenken.

Was da auf sie zukam, war neu, war überraschend. Er hatte ja recht. Sie hatte in ihm nur den Arzt gesehen, nicht mehr. Es war eine Art Grundsatz, den sie sich aufgestellt hatte, als sie erkannte, daß Flirts zwischen Ärzten und Schwestern nicht selten waren.

Auch ihr hatte sich manchmal ein junger Arzt nähern wollen, aber Carola war skeptisch und wies jede Annäherung zurück. Sie ging noch weiter – sie ließ es gar nicht erst dazu kommen, daß man private Bindungen anzuknüpfen suchte. Sie hielt sich im Umgang mit den jüngeren Ärzten so streng an die dienstlichen Formen, daß niemand sie zu durchbrechen wagte.

Schwester Carola wurde für spröde und uneinnehmbar erklärt, manchmal auch für rückständig, und man ließ sie in Ruhe.

Und nun war es Sieveking gelungen, die Schranke zu durchbrechen und in die private Sphäre durchzustoßen. Die Sorge um Annemarie hatte sie ihre Grundsätze vergessen lassen, nicht einen Augenblick hatte sie daran gedacht, daß es sehr private Gespräche waren, die sie mit ihm führte.

Und nun war die eine große Vertraulichkeit entstanden. Mehr noch – Carola glaubte, noch einmal die sanfte Berührung zu spüren, als er seinen Kopf an ihre Wange legte. Ihr Herz schlug schwer, und doch wehrte sie sich.

Sie hatte zuviel gesehen und miterlebt, als daß sie zu blindem Vertrauen neigte. Und er hatte ja selbst gesagt, er habe sie auf sich aufmerksam machen wollen.

Das war ihm restlos gelungen, aber was wollte er noch? Das war doch nicht alles!

Carola fror. Sie sah den Mond hinter den Wolken hervorkommen, sein Licht gleißte weiß und kalt. Sie schüttelte sich. Das Leben war verwirrend, es war schwer. War es auch schön?

Carolas Gesicht wurde weich, in ihre Augen trat ein Leuchten, dann gab sie sich einen energischen Ruck.

Nur nicht träumen. Nur nicht enttäuscht werden...!

*

Am ersten Feiertag hatte sie ihn zweimal angerufen, als sich eine günstige Gelegenheit bot, ungestört zu telefonieren. Sie mußte wenigstens seine Stimme hören.

Am zweiten Tage hielt sie es nicht mehr aus. Ihr war, als müsse sie vor Sehnsucht vergehen.

»Abak, ich muß dich sehen. Bitte, sei um zwei Uhr unten in der Halle, nur ein paar Minuten, bitte.«

»Leila, ich werde auf dich warten«, versicherte der Mann zärtlich.

Als die Eltern ihr Mittagsschläfchen hielten, machte Annemarie sich für den Ausgang fertig. Jürgen saß im Wohnzimmer und las, die Gelegenheit war günstig.

Sie streckte den Kopf durch die Tür.

»Jürgen, ich gehe nur mal ein bißchen frische Luft schnappen.«

»Ein guter Gedanke, ich komme mit.« Der junge Arzt erhob sich und legte das Buch auf den kleinen Tisch.

»Jürgen«, Annemarie blickte ihn verlegen und bittend zugleich an, »ich möchte gern allein gehen.«

»Ah, daher der Lufthunger«, meinte der Bruder und lächelte verschmitzt.

»Ja, deshalb«, gab sie heiter zurück.

»Ja, dann bin ich wohl überflüssig. Aber bestell Werner einen Gruß von mir. Frage ihn, ob er übermorgen frei ist, ich möchte mal wieder einen Skat klopfen.«

»Hm, wenn ich daran denke«, sagte Annemarie unsicher und zog sich schleunigst zurück.

Werner Hausmann – sie hatte schon ewig nicht mehr an ihn gedacht. Er hatte sie gern, sie wußte es, und es gab auch eine Zeit, wo sie darüber ganz glücklich gewesen war.

Aber Werner – sie sah ihn vor sich – du lieber Himmel, brav, tüchtig, fad. Welch ein Glück, daß noch keine Entscheidung gefallen war, daß sie frei war, als Abak in ihr Leben kam.

Werner redete nur von seinem Beruf, von Büchern, Sport, von lauter nüchternen Dingen. Abak hingegen?

Ihre Lippen lächelten zärtlich. Abak sprach von Liebe, vom Glück, von dem Märchen, das in seiner Heimat auf sie wartete. Sie konnte nie genug davon hören. Sie konnte es nicht erwarten, herauszukommen aus diesem hastigen, kühlen Deutschland. Sehnten sich nicht alle Menschen nach dem sonnigen Süden, nach dem blauen Meer und blühendem Überschwang? Und sie würde nicht nur kurze Urlaubstage, sie würde ihr ganzes Leben in einem herrlichen Land verbringen können.

Annemarie hatte das Krankenhaus erreicht, eilte mit flüchtigem Gruß durch die Pforte.

Er stand schon wartend im Eingang. Sie lachte ihm entgegen, ihr Lachen war Seligkeit.

Sie verschwanden im Haus, hielten sich einen kurzen Augenblick fest umschlungen, als hätten sie sich jahrelang nicht gesehen.

»Oh, wie ich diese Feiertage hasse. Deine Leila ist unglücklich, wenn sie nicht bei dir sein kann, Abak.«

»Meine Leila wäre noch viel unglücklicher, hätte ich das getan, was ihre Schwester will.«

»Abak! Was hat Carola ...? Entsetzt schaute sie ihn an.

»Ich soll dich hergeben, Leila, aber ich tue es nicht. Du gehörst mir«, flüsterte der Mann und strahlte, als er die jubelnde Zustimmung in den Augen der Geliebten las.

»Meine Schwester soll uns in Ruhe lassen«, forderte Annemarie nach einem schnellen Kuß böse.

»Das habe ich ihr mitgeteilt«, nickte Mudschiraddin.

Er liebte die schöne Annemarie auf seine Art, aber daß sich ihm Widerstände entgegenstellten, das machte sie ihm noch begehrenswerter.

»Abak, warum können wir nicht immer beieinander sein«, fragte sie klagend, »nun kommen noch zwei Feiertage, an denen ich dich kaum sehen kann.«

»Du wirst bald immer bei mir sein, Leila, Geliebte ...«

Sie standen in einem Winkel der Eingangshalle, ohne sich weiter um die Menschen zu kümmern, die um diese Zeit kamen und gingen. Der Arzt sah auf seine Uhr.

»Leila, ich muß wieder hinaufgehen. Man könnte mich brauchen, du weißt.«

»Ja, ich weiß.« Sie sah sich scheu um, und da die Halle gerade leer war, küßte sie ihn mit leidenschaftlicher Zärtlichkeit.

»Nun werde ich auch diesen Tag noch überstehen, und morgen, morgen, morgen bin ich bei dir, Abak.«

Langsam ging sie hinaus, ihr war, als habe dieser Tag nun alles Licht verloren.

Plötzlich verhielt sie den Schritt. Carola hatte mit Abak gesprochen, hatte sie trennen wollen. Sie überlegte kurz. Ja, Carola würde jetzt in ihrem Zimmer sein.

Annemarie eilte jetzt hastig auf das Schwesternhaus zu, lief die Treppe hinauf, stand, ohne anzuklopfen, in Carolas Zimmer, die erschrocken auffuhr. Sie hatte gerade noch geschlafen.

»Annemie?« fragte sie verwundert.

Da brach Annemarie schon los.

»Du hast mit Abak gesprochen. Du hast kein Recht. Und wenn du damit nicht endlich aufhörst, gehe ich für immer zu ihm, und dann mag werden, was will! Mir ist alles egal – hörst du! Ich lasse meine Liebe nicht angreifen, ich lasse Abak nicht angreifen. Oder gönnst du ihn mir etwa nicht? Ist es das, ja?«

Ihre Augen funkelten voller Spott. Der Gedanke, eben gekommen, wurde für sie fast zur Wahrheit. Da Carola nicht sofort antwortete, fuhr sie spöttisch fort:

»Hast dich wohl selbst in ihn verliebt, wie? Bist ja dauernd mit ihm zusammen ...«

Da war Carola aufgesprungen, da begriff sie die Ungeheuerlichkeit.

»Du mußt wahnsinnig geworden sein, du bist ja nicht mehr als normal zu bezeichnen; aber das kann ich beschwören, ich wäre todunglücklich, wäre ich an deiner Steile. Und nun geh, sprich kein Wort mehr, denn du weißt ja nicht, was du sprichst.«

Der furchtbare Ernst, mit dem Carola sprach, der tiefe Schmerz, der ihr Gesicht wie versteinert wirken ließ, beeindruckten.

Unsicher schaute Annemarie die Schwester an. Schluchzte auf.

»Carola, bitte, es war nicht so gemeint. Aber ihr treibt mich ja zur Verzweiflung. Ich liebe ihn doch, ich kann nicht mehr leben ohne ihn.«

»Ja«, antwortete Carola traurig, »du bist ihm ganz verfallen. Niemand wird dir helfen können, wenn du es nicht selber tust.«

Danach war es still in dem kleinen Zimmer, man hörte nur das bitterliche Weinen, das Annemarie förmlich schüttelte.

Carola führte die Weinende zum Bett und zwang sie mit sanfter Gewalt, sich zu legen. Sie legte ihr eine feuchte Kompresse auf die Stirn und flößte ihr ein Glas Rotwein ein.

»Bleib hier noch liegen, Annemarie, bis du ruhiger bist. Ich kann nicht mehr bleiben, ich muß jetzt auf Station.«

»Danke«, hauchte Annemarie, »ich weiß, du meinst es gut.« Dann drehte sie den Kopf zur Wand.

Leise ging Carola hinaus.

An diesem Abend rief sie daheim an, daß sie nicht mehr kommen könne, es seien ein paar Zugänge gekommen, sie müsse der Nachtschwester noch helfen.

Sie wußte, die Eltern waren jetzt enttäuscht, aber es wäre ihr unmöglich gewesen, heute vergnügt und unbefangen zu sein. Annemaries Ausbruch hatte sie so sehr erschüttert, daß sie ein Grauen packte. Konnte Liebe so sein, daß sie Besessenheit wurde, daß alles andere ausgeschaltet war? Dann mußte man sich ja davor fürchten.

*

Seit vielen Jahren war es Sitte im Städtchen, daß zum Jahresausklang ein Silvesterball im Saal des alten Rathauses stattfand. Es stand stets nur eine beschränkte Anzahl von Eintrittskarten zur Verfügung, die schon lange vorausbestellt worden und gewissermaßen immer in festen Händen waren.

Für Heibergs bestand eine dienstliche Verpflichtung, an diesem Ball teilzunehmen, und seit die Kinder erwachsen waren, freute sich die ganze Familie schon lange vorher auf diesen Ball.

Für Fremde war es nahezu unmöglich, eine Karte zu bekommen, und da Annemarie zu spät an diesen Ball dachte, mußte sie auf Mudschiraddins Anwesenheit verzichten.

Sie befand sich deshalb auch in denkbar schlechter Laune, als sie sich zusammen mit Carola für diesen Abend schön machte.

Aber auch Carola war bedrückt, es konnte ja gar nicht anders sein. Ihre Sorgen würden sie ja auf diesem Ball begleiten.

Gleichgültig streifte sie das Abendkleid über, das sie doch so sehr liebte, weil es mit seinem leuchtenden und dennoch sehr dezenten Himbeerrot einmal etwas ganz anderes war als die Schwesterntracht.

Nun schaute sie sich etwas mißmutig an, und Annemarie sagte gallig:

»Mächtig vergnügt, das Rot.«

Carola schwieg dazu. Sie wollte heute keinen Streit. Der Streit zwischen ihr und Annemarie lag in diesen Tagen förmlich in der Luft. Es war ein Wunder, daß die Eltern noch nicht aufmerksam geworden waren. Carola sehnte das Ende ihrer freien Tage herbei.

Und dann betraten sie alle später den festlich geschmückten Saal, die Eltern Heiberg mit ihren Kindern, und alle lächelten und grüßten nach allen Seiten. Selbst den beiden Töchtern war nicht anzumerken, daß Kummer sie zu diesem Fest begleitete.

Wie immer, saß man auch in diesem Jahr mit befreundeten Familien an einem Tisch. Es entwickelte sich schon vom ersten Augenblick an die heiterste Stimmung.

»Immer dieselben langweiligen Gesichter«, flüsterte Annemarie der Schwester zu und erhielt als Antwort einen verweisenden Blick. Der Tanz begann.

Und da geschah etwas Merkwürdiges. Annemarie Heiberg wurde zu diesem ersten Tanz nicht geholt. Und sonst war sie doch immer eine der begehrtesten Tänzerinnen gewesen!

Als Frau Heiberg sah, daß ihr schönes Kind keinen Tänzer gefunden hatte, verschlug es ihr fast die Sprache. Sie hatte heiter geplaudert, bis sie aufblickte und sah.

Ihre Augen glitten suchend über die Tanzfläche. Da waren doch lauter bekannte Gesichter, alle die jungen Herren, mit denen die Töchter sonst immer zusammentrafen, waren da. Auch Werner Hausmann. Er tanzte mit Gisela Anders und unterhielt sich lebhaft mit ihr. Unbegreiflich war das.

Frau Heiberg gab ihrem Mann mit den Augen einen Wink. Als er verstand, erhob er sich und führte seine Tochter zum Tanz.

Und Annemarie machte ein hochmütiges Gesicht und schaute an den alten Freunden vorbei.

Beim nächsten Tanz holte Jürgen die Schwester.

»Na, Kleine«, neckte er sie, »hast du dich mit Werner verkracht? Deshalb konntest du ihm wohl auch nicht sagen, daß er zum Skat kommen sollte, wie?«

»Frag nicht soviel«, entgegnete Annemarie gequält.

»Hm, na, es wird sich ja wieder einrenken, ist doch die ganz große Liebe, nicht wahr, Schwesterchen? Aber mit wem hast du dich denn neulich so geheimnisvoll getroffen?«

»Jürgen, bitte, laß das doch.«

Jürgen empfand Mitleid.

Vielleicht konnte er von Werner erfahren, was eigentlich vorgefallen war, es konnte sich doch nur um eine Lapalie, irgendein Mißverständnis, handeln. Die beiden schwärmten einander doch schon jahrelang an. Eigentlich hätte man nach Werners Staatsexamen mit der Verlobung rechnen können.

Erst jetzt fiel dem jungen Arzt auf, daß diese Verlobung nicht erfolgt war, und er und Hausmann hatten einander doch schon oft im Scherz »Schwager« genannt.

Nun war auch auf seine frohe Laune ein Schatten gefallen. Prüfend schaute er die Schwester an, kein Zweifel, sie litt innerlich, sie war nicht fröhlich, die Annemarie. Man mußte ihr helfen. Vielleicht war es besser, zunächst Carola zu fragen, ihr würde Annemarie sicher alles erzählt haben. Die beiden waren doch immer ein Herz und eine Seele gewesen.

Beim dritten Tanz steuerte Hausmann den Tisch an, an dem Heibergs saßen. Eltern und Sohn stellten es mit Genugtuung fest, da verneigte sich der junge Ingenieur vor Carola!

Carola folgte ihm mit einem Gesicht, als müsse sie sich entschuldigen, daß man sie geholt hatte.

Annemarie jedoch erhob sich schnell und eilte hinaus.

Die Eltern hatten Mühe, ein fröhliches Lachen zu zeigen, sie spürten, da kam etwas Dunkles auf sie zu. Jürgen stand auf und ging zur Bar, die in einer Ecke aufgeschlagen war und wo es schon lustig zuging. Carola aber fragte den Jugendfreund:

»Werner, was hast du mit Annemarie? Überhaupt, weshalb holt sie niemand zum Tanz?«

Sie fragte es hastig und erregt. Sie hätte nicht einmal in sein Gesicht blicken müssen, um die Antwort zu ahnen!

»Weißt du wirklich nicht, daß ich keine, aber auch nicht die geringste Veranlassung mehr habe, mit deiner Schwester zu tanzen?« fragte Hausmann bitter.

Carola schämte sich, sie schämte sich für ihre Schwester. Und sie fragte dennoch weiter:

»Werner, es ist so furchtbar, aber bitte, sag doch ehrlich, was weißt du? Ich will Annemarie nicht schonen, aber meine Eltern ...«

In seine Augen trat ein Schein des Mitleids, nur zu gut verstand er ihre Ängste.

»Ich weiß, was alle wissen, daß Annemarie bei einem türkischen Arzt aus und ein geht, daß sie mit ihm Auto fährt und sich von ihm küssen läßt. Wenn es dunkel ist«, fügte er mit neuer Bitterkeit hinzu und dann leiser: »Ich habe es selbst gesehen.«

»Es ist Wahnsinn«, erwiderte Carola tonlos und gab lächelnd den fröhlichen Gruß eines Paares zurück, das vorbeitanzte. Sie erinnerte sich erst später, daß es Dr. Wilhelm und seine Frau waren.

»Es gehört schon ein Schuß Wahnsinn dazu, um das zu riskieren«, bemerkte Hausmann herb.

»Werner, wird sie deshalb heute geschnitten? Es ist schon der dritte Tanz und ...«

»Ja«, nickte Hausmann, »von uns allen will niemand mehr etwas mit ihr zu tun haben. Das mußt du verstehen, Carola. Ich hoffe nicht, daß du mich für rachsüchtig und für die Ursache dieser Haltung der anderen hältst. Wenn ihr der Türke lieber ist als ich, jeder würde das verstehen, aber daß sie in seine Wohnung läuft, siehst du, da kommen wir nicht mit.«

Nur zu gut verstand Carola.

»Ich doch auch nicht, Werner«, sagte sie leise, den Tränen nahe, »und bisher weiß niemand von uns davon. Werner, ich bitte dich, hilf mir doch. Wenigstens über diesen Abend hinweg. Meine Eltern sind schon aufmerksam geworden, denke doch, welch ein Eklat für sie! Ihre Tochter wird geschnitten. Und Jürgen ist so heftig, es ist ja nicht auszudenken ...«

Nur mit Mühe hielt Carola die Tränen zurück.

Hausmann war erschüttert. Erst jetzt übersah er Annemaries unglückselige Leidenschaft mit all ihren Folgen. Und auch das wurde ihm jetzt klar, daß Annemarie nicht mehr Herrin ihres Willens, daß sie dem Fremden hörig geworden war. Sein Herz krampfte sich zusammen, es liebte ja noch immer, obwohl es verachten mußte.

»Carola«, antwortete er nach kurzem Schweigen, »die Sache geht in Ordnung. Deinen Eltern zuliebe, denn das hätten sie wahrlich nicht verdient.«.

»Werner ...« Carola vermochte nicht zu sprechen, aber ihre Augen dankten ihm. Sie atmete tief auf, eine schwere Last war abgefallen. Als Annemarie zurückgekommen war, kam als erster Tänzer Werner Hausmann zu ihr.

Aber das brachte er doch nicht fertig, mit ihr zu lachen und zu sprechen wie früher. Kein Wort kam über seine Lippen, und sie wagte es nicht, ihn anzusprechen. Unwägbares ging bei diesem Tanz in ihr vor – Schuldgefühl und Trotz, Sehnsucht nach Abak, tiefer Schmerz und Sehnsucht nach dem unbeschwerten Glück vergangener Tage beherrschten sie. Wie schwer konnte die Liebe sein.

Und dann kam ein Tanz und brachte für Carola eine große Überraschung. Dr. Sieveking stand vor ihr und bat sie um diesen Tanz.

Ganz hell waren ihre Augen plötzlich, ein Gefühl großer Geborgenheit überkam sie.

Er nahm sie fest in seinen Arm und führte sie sicher und gut. Seine Augen leuchteten, und er plauderte heiter:

»Daß Sie ein hübscher Kerl sind, wußte ich ja, aber daß Sie sogar schön sind, entdecke ich erst heute, Carola.«

Und da glitt endlich ein Lächeln über ihr Gesicht, nahm ihm die herbe Schwermut.

»Wollen Sie mich eitel machen, Herr Doktor?«

»Ich glaube, das wäre zwecklos. Sie scheinen auf dem Gebiet nicht sehr begabt zu sein. Allerdings – dieses freche rote Kleid – vielleicht waren Sie doch zumindest in dem Augenblick einmal eitel, als Sie es kauften. Das ist eine kleine Schwäche, aber sie gehört zu einer Frau. Bisher habe ich vergeblich bei Ihnen danach gesucht.«

Ehe Carola antworten konnte, wurde sie übermütig herumgeschwenkt.

»So, ich hoffe, jeder Einspruch ist Ihnen nun vergangen«, sagte er gleich darauf lachend.

»Nein«, erwiderte sie munter, »keineswegs. Ich möchte betonen, daß ich eine Menge Schwächen habe, die nur im Dienst nicht so stark in Erscheinung treten.«

»Ja«, meinte er ruhig, »deshalb trachte ich ja auch danach, Sie privat besser kennenzulernen. Und weil ich wußte, daß Sie heute hier sind, habe ich die guten Wilhelms so lange bestürmt, bis sie tatsächlich noch eine Karte für mich aufgetrieben haben. Ich möchte das neue Jahr unter guten Aspekten beginnen, Carola.«

Sie lachte nicht mehr, sie war ernst geworden.

»Herr Doktor, dann sollten Sie nicht mit mir tanzen, ich habe noch kein Jahr, so schwer begonnen wie das künftige. Es könnte anstecken.«

»Nein, Carola, das tut es nicht«, versicherte er warm, »ich hoffe eher, es wird umgekehrt sein.«

Sie schüttelte traurig den Kopf.

»Nein, bestimmt nicht. Mir ist eher, als zöge sich heute ein schweres Gewitter zusammen.«

Ihre Stimme klang so schwer, daß er betroffen aufhorchte.

»Etwas Neues, Carola?«

Sie nickte.

»Meine Schwester wird von unseren Freunden geschnitten. Man tanzt nicht mit ihr. Meine Eltern werden schon aufmerksam; ich fürchte, auch mein Bruder ...«

»Carola, armes Kind«, sagte der Arzt bedrückt, »was ist das für eine fürchterliche Geschichte. Ich könnte die Annemarie verprügeln.«

Fester zog er sie in seinen Arm, ganz dicht spürte sie seine Nähe, und seine Stimme klang weich und tröstend.

»Carola, wir werden diesen Abend zusammen gut überstehen. Ihre Schwester wird tanzen, und sollte ich, so schwer es mir fiele, sie zu jedem Tanz holen.«

»Herr Dr. Sieveking, warum ...?« Carola wollte hastig fragen und brach doch scheu ab.

»Darüber sollten Sie endlich einmal nachdenken, aber Sie denken ja nur noch an Ihre Schwester.«

Sie antwortete nicht, aber ohne es zu wissen, schmiegte sie sich etwas fester in seinen Arm. Und brennend heiß stieg ein Wunsch in ihr auf: Jetzt vergessen können, was so quälte, jetzt glücklich sein können. Da schwieg die Musik.

Die Eltern Heiberg und auch Jürgen beruhigten sich immer mehr. Annemarie wurde wieder eine begehrte Tänzerin. Und als der Abend weiter fortschritt, schauten sich die Eltern, ja auch die Bekannten, die mehr als diese wußten, erstaunt an. Es sah ja ganz so aus, als habe der Dr. Sieveking Absichten auf die schöne Annemarie. Er holte sie ja immer wieder und auffallend oft.

Und einige andere schüttelten verwundert den Kopf. Hatte der Sieveking denn keine Ahnung, mit wem er da so fleißig tanzte?

Carola aber tauschte mit Sieveking manchen verständnisinnigen Blick, als wolle sie auf diese Art gutmachen, daß er kaum mit ihr tanzen konnte.

Aber als das neue Jahr Einzug hielt, da war er neben ihr und griff als erster nach ihrer Hand, hielt sie mit festem Druck, und dann zog er sie an seine Lippen.

»Auf unsere Zukunft, Carola«, flüsterte er.

Sie lächelte ihm zu, sie wußte selbst nicht, wie zärtlich dieses Lächeln war, als sie mit ihm anstieß, Und für einen kurzen Augenblick wich der Druck, der auf ihr lastete. In den ersten Minuten des neuen Jahres streifte sie das Glück.

*

Das neue Jahr soll ein Katastrophenjahr werden, sagten die Leute und erzählten einander, was in den Sternen geschrieben stand und die Zeitschriften marktschreierisch verkündeten.

Carola Heiberg las diese Ankündigungen flüchtig, wenn sie bei den Patientinnen schnell einmal in eine Zeitschrift schaute, und hörte halb ungläubig, halb ahnungsvoll die Kommentare der kranken Frauen dazu an.

Und Annemarie, die gern Zeitschriften las und auch kaufte, dachte beklommen:

Sehr gut fing es nicht an, das neue Jahr. Und Abak war ja nicht bei ihr gewesen, als es begann.

Im Krankenhaus brachte der Jahresbeginn eine wahre Flut von Arbeit mit. Die Krankenbetten, die sich während der Feiertage so erfreulich geleert hatten, reichten plötzlich nicht mehr aus. Kaum, daß Ärzte und Schwestern den Zustrom an Neuerkrankungen zu bewältigen wußten. Ein jeder hatte sich geschleppt, um wenigstens noch die Feiertage in scheinbarer Gesundheit zu Hause zu verbringen, und nun kamen sie alle, nun hatten sie endlich Zeit, krank zu sein.

Sieveking und Schwester Carola fanden kaum Zeit, ungestört ein Wort miteinander zu sprechen.

Auch Annemarie hatte mehr Arbeit als sonst, im ganzen Labor wurde mit Hochdruck gearbeitet.

Helgard schien es spielend zu schaffen, Annemarie fühlte sich müde und abgespannt.

»Wir heiraten noch Ende Januar«, hatte Helgard vergnügt erzählt, »es ist höchste Zeit.«

Annemarie begriff, warum es höchste Zeit sei. Ein Zittern überfiel sie. Nur das nicht, dachte sie voller Unruhe.

Aber Helgard hatte es leicht, alles ging so einfach bei ihr. Nirgends gab es Komplikationen.

Auch die Mutter hatte von Helgards Verlobung erfahren, und nun wurde dieses Verlöbnis abends im Familienkreise besprochen.

»Die Mutter hätte das nie zugeben dürfen«, erklärte Herr Heiberg fest und wandte sich seiner Zeitung zu, ihn interessierte die Sache nicht sonderlich.

»Ich verstehe die Mutter ja auch nicht, aber freilich, eine alleinstehende Frau setzt sich schwerer durch als ein Mann«, entschuldigte Frau Käthe, »aber es ist schrecklich. Ich wäre todunglücklich, kämt ihr mit einem Orientalen an.«

Annemarie war froh, daß Carola nicht daheim war, sie fragte unsicher:

»Hältst du das für so schlimm, Mutti?«

»Aber Kind, welche Frage!« kam es unwillig zurück. »Die Lebensauffassungen sind ja so gegensätzlich, daß die Ehe früher oder später unglücklich werden muß. Stelle dir Helgard vor. Gerade sie durfte ja so ziemlich tun und lassen, was sie wollte. Und nun soll sie sich plötzlich unterordnen. Nicht nur unter den Willen ihres Mannes, nein, die ganze Familie wird sich einmischen, besonders die Eltern des Mannes. Sie ist die Fremde, steht immer allein. Und ehe sie die Sprache so gut beherrscht, daß sie sich über alle Dinge verständigen kann, dürfte schon nichts mehr zu retten sein.«

»Es wird doch aber auch Ausnahmen geben, Mutti!«

»Die werden so selten sein, daß man sich darauf besser nicht verläßt«, warf die Mutter skeptisch ein. »Der Vortrag, den ich im Sommer über diese Mischehen hörte, war geradezu erschütternd.«

»Scheußlich«, Annemaries Stimme war etwas heiser und bedrückt, »man kann sich das gar nicht vorstellen.«

»Ja«, erwiderte Frau Heiberg liebevoll, »das sollst du auch nicht, mein Herz. Ich weiß, du denkst nun an Helgard, aber auch du wirst sie nicht umstimmen können. Im Grunde bin ich ganz froh, daß ihr nun auseinanderkommt, denn gern habe ich es nicht gesehen, daß du dich so eng mit ihr befreundet hast.«

Jedes Wort der Mutter traf wie ein Schlag, tat weh und rief wiederum allen Trotz wach.

Wie klug sie alle reden konnten, dachte Annemarie aufsässig, dabei war noch kein Mensch drüben im Orient gewesen, alles wußten sie nur aus Büchern oder wer weiß woher. Scheinbar hatte es sich noch nicht herumgesprochen in Muttis Frauenbund, daß die Türkei inzwischen auch ein ganz moderner Staat geworden war.

Freilich – Kämpfe würde es geben – Annemarie schüttelte sich, als sie daran dachte. Abak hatte tatsächlich recht, es war besser, erst dann mit den Eltern zu sprechen, wenn seine Zeit hier um war. Dann mußte alles sehr schnell gehen, die Hochzeit und was sonst noch notwendig war, und da konnte man sie nicht mehr lange mit Vorwürfen und Ermahnungen quälen. Und wenn die Eltern dann sahen, wie glücklich ihre Annemarie war, dann würden sie schon ruhig werden.

Hoffentlich konnten sie ihr Geheimnis noch lange bewahren, Annemarie zitterte, daß Carola vor der Zeit sprechen könne.

Carola hatte auch die Absicht, mit den Eltern darüber zu sprechen. Da sie nicht helfen konnte, wollte sie die Verantwortung nicht länger allein tragen. Aber ihr graute vor dieser Aussprache. Immer mußte sie daran denken, sowie sie nur einen Augenblick allein war und ihren Gedanken freien Lauf lassen konnte.

Auch jetzt, während sie Spritzen sterilisierte. Sie war so eingesponnen in ihre trüben Gedanken, daß sie erschrocken zusammenfuhr, als plötzlich Jürgen vor ihr stand.

Unheimlich ruhig, entsetzlich blaß, nur seine Augen funkelten und verrieten, daß ein Sturm in ihm tobte.

»Carola«, sagte er heiser, »wußtest du, daß Annemarie mit dem Kollegen aus der Türkei ...«

Er brauchte nicht weitersprechen, ihr Gesicht verriet ihm, daß sie alles wußte.

»Und warum habe ich das nicht erfahren?«

Er packte sie so derb am Arm, daß es schmerzte. In seinen Augen lag ein Zorn, der Carola Entsetzen einflößte.

»Warum nicht?« herrschte er sie an, nicht laut, aber dieses Zischen war fast noch schlimmer, »warum muß ich das zufällig erfahren? Weil sich die Kollegen über meine schöne Schwester unterhielten und nicht merkten, daß ich im Nebenraum war? Du, antworte! Warum erfuhr ich das nicht von dir?«

»Jürgen, ich wollte in diesen Tagen mit den Eltern sprechen. Du bist immer gleich so heftig. Bitte, Jürgen, überlaß alles dem Vater ... Mische du dich nicht ein. Ich habe ja schon alles versucht, aber ...«

»Und wie ich mich einmischen werde«, stieß der junge Arzt in flammendem Zorn hervor. »Niederschlagen werde ich den Lump – und mit meiner sauberen Schwester rechne ich auch noch ab. Dir vergesse ich auch nicht, daß du mich nicht sofort gerufen hast, als du das süße Geheimnis erfahren hast. Aber erst werde ich mir den Kerl greifen ...«

Ehe Carola zur Besinnung kam, war er hinausgeeilt.

Sie stand wie gelähmt.

Jürgen würde doch nicht gleich hier, auf der Station?

Blitzschnell kam Bewegung in sie, sie eilte ihm nach, da sah sie, daß er gerade die Treppe hinauflief.

Sie atmete auf.

Scheinbar hatte er doch noch soviel Beherrschung, nicht seine ganze Zukunft aufs Spiel zu setzen, indem er hier im Hause die Auseinandersetzung mit Mudschiraddin suchte.

Da fiel ihr ein, daß er ja heute dienstfrei war. Im Augenblick war das ein Glück, aber um so sicherer würde Jürgen ihn dann später in seiner Wohnung antreffen. Und was dann geschehen würde, es war nicht auszudenken. Sie überlegte mit jagenden Pulsen, sie suchte nach dem rettenden Ausweg, sie stellte mechanisch den Sterilisator ab, ohne sich weiter um die begonnene Arbeit zu kümmern, und dann lief sie hinaus.

Draußen auf dem Gang begegnete ihr die Schwesternschülerin.

»Haben Sie den Herrn Dr. Sieveking gesehen, Schwester Doris?«

»Wo brennt's, Schwester Carola?« hörte sie hinter sich die Stimme des Gesuchten, der gerade aus einem Krankenzimmer kam.

»Ich – Herr Doktor ...« Carola vergewisserte sich, daß sie allein waren, und fuhr erregt fort: »Mein Bruder hat alles erfahren. Er ist halb wahnsinnig und will Mudschiraddin stellen, es gibt ein Unglück ...«

»Noch nicht, Schwester Carola«, sagte Sieveking tröstend, »und wir werden dafür sorgen, daß Ihr Bruder keine Dummheiten macht.«

»Er ist sehr jähzornig, und wenn es nun gar um eine so schwerwiegende Sache geht – er wird nicht mit sich reden lassen, ich kenne ihn doch.«

Sie sprach leise, verzweifelt, Angst lag in ihren Augen, in ihrer ganzen Haltung, jetzt kam das große Unglück, vor dem sie schon so lange gezittert hatte.

»Carola«, beschwichtigte Sieveking weich, »Sie dürfen nicht gleich verzweifeln. Tapfer sein, Mädchen, wie bisher. Ihrem Bruder werden wir es unmöglich machen, daß er eine Dummheit anstellt. Ich will gleich mal schauen, ob er für die nächsten Stunden mit Arbeit versorgt ist, aus dem Dienst wird er ja kaum weglaufen. Wir sprechen nachher weiter, Carola.«

Er nickte ihr zu, seine Augen ruhten in offener, sorgender Liebe auf ihr. Carola hatte das Gefühl, als sei es in ihr etwas heller geworden. Er würde neben ihr sein in diesen schweren Stunden.

Sieveking hastete die Treppen hinauf, die zur chirurgischen Station führten. Er sah es mit einem Blick, im OP wurde noch gearbeitet. Er fragte nach Dr. Heiberg, um sicherzugehen, daß der junge Arzt jetzt dienstlich beschäftigt war.

»Er ist im OP.«

»Geht es noch lange?«

»Eine Stunde mindestens, es ist ein größerer Eingriff«, berichtete die Schwester.

Sieveking atmete auf, das war ein Zeitgewinn.

Aber was nun?

Langsam, hin und wieder in tiefer Nachdenklichkeit stehenbleibend, den Kopf gespannt erhoben, als lausche er angestrengt, ging er zurück auf seine Station.

Auch er bezweifelte, daß der junge Arzt sich überreden lassen würde, von einer Auseinandersetzung mit Mudschiraddin abzusehen. Sieveking wußte, daß er selbst in solch einem Fall auch nicht darauf verzichten würde, nur ruhiger würde er sein als der junge Kollege, dessen Jähzorn Carola schon immer fürchtete.

Es gab nur einen Weg, diese Aussprache unmöglich zu machen! Und da konnte nur einer helfen – der Chef. Das hieß jedoch gleich die höchste Instanz anrufen und war ein Entschluß, der reiflich überlegt werden mußte.

Im Ärztezimmer stand er noch ein paar Minuten am Fenster und erwog reiflich das Für und Wider. Dann war sein Entschluß gefaßt; es gab keine Wahl. Die Zeit drängte, jede Minute war kostbar.

Professor Brecht war zum Glück ein sehr verständnisvoller Mann, mit ihm konnte man darüber sprechen.

Sieveking mühte sich, die Vorgänge kurz zu schildern und so darzustellen, daß er seinem jungen Kollegen nicht schadete, indem er ihn zu einem jähzornigen Wüterich stempelte.

»Gut, daß Sie mit dieser Sache zu mir gekommen sind, Dr. Sieveking. Ich halte es auch nicht für gut, daß die beiden aneinandergeraten, man weiß nie, was dabei herauskommt. Ein Bruder, der mit dem Verführer seiner Schwester abrechnet ...« Der Professor zuckte mit den Schultern. »Es ist besser, man verhindert das. Weder mir noch den Heibergs kann an einem Skandal gelegen sein. Hätte ich nur eher von der Geschichte gewußt.«

Und nun schaute der Professor sinnend vor sich hin. Man sah ihm an, wie stark ihn das Problem beschäftigte, vor das er sich so plötzlich gestellt sah. Auch er wußte, es war keine Zeit zu verlieren.

»Sieveking«, sagte er nach ein paar Minuten schwer, »das ist eine ganz verteufelte Geschichte. Es gibt nur eine Möglichkeit, Dr. Mudschiraddin muß weg. Aber wie soll ich das im Handumdrehen bewerkstelligen? Haben Sie eine Idee?«

»Wegloben, aber auch dafür ist die Zeit zu kurz.«

»Tja – wegloben, das glaubt kein Mensch.« Der Professor lachte hart auf. »Nee, ich glaube, wir müssen schon sagen, daß wir ihn los werden wollen, anders kriegen wir ihn so schnell nicht weg. Versuchen müssen wir es mal. Aber inzwischen ...«

Er griff zum Telefon.

Und dann handelte er Zug um Zug.

Dr. Heiberg wunderte sich, als er plötzlich anstelle eines anderen Kollegen den Mittagsdienst übernehmen mußte. Das paßte ihm gar nicht in den Kram. Er hatte anderes vorgehabt. Ihm war, als müsse er mit seinem Zorn ersticken, sollte er nun noch bis zum Abend warten. Und doch mußte er sich fügen, durfte er das Haus nicht verlassen. Die Pflicht hielt ihn fest.

»So, den jungen Mann hätten wir zunächst in Sicherheit, er kann sich inzwischen ein bißchen abkühlen. Und nun wollen wir mal sehen, ob wir Glück haben.«

Der Professor hatte seine überlegene Ruhe wiedergefunden.

»Und nun muß uns mein Bruder aus der Klemme helfen«, bemerkte er fast gemütlich.

Sieveking begann zu hoffen. Der Bruder des Professors hatte eine große Privatklinik, die sich in Fachkreisen eines ausgezeichneten Rufes erfreute.

Er hörte, wie sein Chef brüderlich herzlich sprach und den Fall Mudschiraddin sogar humorvoll zu schildern wußte.

Als er den Hörer auflegte, sagte er zufrieden:

»Na, zumindest sind wir ihn für ein paar Wochen los, mehr ließ sich ja wahrhaftig in so kurzer Zeit nicht erreichen. Nun müssen wir dem Herrn noch mitteilen, daß diese Urlaubsvertretung, die er bei meinem Bruder machen soll, eine große Auszeichnung ist und er dort ungeheuer viel lernen kann – was ja auch zutrifft. Mal sehen, daß ich ihn schleunigst herbekomme. Und Sie, Sieveking, können inzwischen die Schwester Carola beruhigen. Aber ihre verliebte Schwester würde ich gern mal übers Knie legen. Bringt die ganze Familie durcheinander.«

Carola strahlte, als Sieveking ihr die frohe Botschaft brachte.

»Mein Gott, das ist ja unfaßbar – Rettung in höchster Not! Herr Doktor, wie soll ich Ihnen nur danken?«

Er lachte.

»Carola, billig wird die Sache für Sie nicht, das kann ich Ihnen schon jetzt verraten. Es kostet zunächst ein Rendezvous, denn in diesem Haus kann man ja kein ungestörtes Wort sprechen.«

Sie wollte erregt auffahren, aber seine Augen bannten sie. Er lachte nicht mehr, sondern schaute sie zärtlich bittend an.

Da nickte sie stumm.

»Mädchen, ich freue mich«, flüsterte er verhalten, und ehe sie wußte, was er tun wollte, hatte er sie ganz schnell in den Arm genommen, und ebenso schnell gab er sie wieder frei – ganz leicht hatten seine Lippen ihren Mund berührt.

»Das war ein kleiner Vorschuß, Carola«, scherzte er weich. Dann war sie allein. Ihr ganzes Wesen war erfüllt von grenzenloser Dankbarkeit. Und von Liebe, ja, jetzt wußte sie es ganz sicher, daß sie ihn liebte. Sie wußte es und konnte es doch nicht fassen.

Dr. Abak Mudschiraddin war aufs höchste überrascht, als er hörte, daß er noch am gleichen Tage abreisen solle, um eine Urlaubsvertretung zu übernehmen. Und das sollte eine Auszeichnung sein?

Einen Augenblick verharrte er schweigend, nichts regte sich in seinem Gesicht.

Der Professor beobachtete ihn scharf und ärgerte sich. Diese Gesichter sind einfach undurchdringlich. So verschlossen wie eine Gefängnistür.

Endlich entschloß er sich zu einer Antwort:

»Das ist sehr ungewöhnlich, Herr Professor.« Die Stimme war voller Mißtrauen.

Da entschloß sich der Professor zu rücksichtsloser Offenheit. Er sprach freundlich, aber er ließ Dr. Mudschiraddin wissen, daß sein Verhalten Anstoß erregt habe.

»Ich will sie heiraten«, sagte der Jüngere gekränkt, »kann man mir deshalb böse sein?«

»Nein«, erwiderte der Professor heftig, »deshalb würde Ihnen niemand böse sein. Aber Sie haben die junge Dame verleitet, Sie in ihrer Wohnung aufzusuchen. Das geschah über einen längeren Zeitraum, ohne daß Sie es für nötig hielten, offen bei den Eltern der jungen Dame um sie zu werben. Und das macht man Ihnen zum Vorwurf. Bei uns gelten in guten Familien dieselben strengen Sitten, wie in Ihrer Heimat. Ich möchte Ihnen deshalb ganz offen sagen, daß es uns nicht erwünscht ist, wenn Sie zurückkommen würden. Es liegt auch in Ihrem Interesse, wenn Sie um Ihre Entlassung bitten. Ich wäre dann bereit, Ihnen behilflich zu sein, in einem anderen Krankenhaus unterzukommen. Hier können Sie nicht länger bleiben.«

Dr. Mudschiraddin hatte die Worte des Professors, die einer Verurteilung gleichkamen, hingenommen, ohne mit der Wimper zu zucken. Mit undurchdringlichem Gesicht verneigte er sich höflich und sagte gelassen:

»Ich werde tun, wie Sie sagen, Herr Professor.«

Seine echt orientalische Ruhe war bewunderungswürdig.

Erst als er mit Dr. Reschat Kütschükk sprach, stieß er ein paar heftige Verwünschungen aus. Aber bald hatte er sich wieder gefangen.

»Und was wird mit Leila?« fragte Dr. Kütschükk.

»Leila?« sagte Mudschiraddin langsam, »sie ist süß, die kleine Leila, aber sie ist ein Weib, nicht wert, daß ein Mann seine Karriere für sie opfert. Ihr Vater ist in der Stadt ein mächtiger Mann, er ist stärker als ich, wie soll ich da kämpfen?«

»Du hast recht, Abak, das ist ein Weib nicht wert«, erwiderte Kütschükk zustimmend. »Aber wenn sie dir nachreist, Abak? Was ist dann?«

»Dann muß ich sie fortjagen«, entgegnete Mudschiraddin hart, »denn mich hat man ihretwegen verjagt.«

*

Annemarie erfuhr erst am anderen Morgen von Helgard, daß der Geliebte die Stadt verlassen hatte. Abends hatte sie daheim nicht fortgekonnt. Es war überhaupt sehr merkwürdig gewesen, die Eltern hatten kaum mit ihr gesprochen und ihr nur sehr kühl gute Nacht gesagt.

Als Helgard ihr die schreckliche Nachricht überbrachte, wurde sie blaß. Gleichzeitig überfiel sie ein heftiges Zittern.

»Helgard, das ist doch nicht wahr? Das kann doch nicht sein.«

»Nimm dich zusammen, Annemarie«, wies Helgard sie leise zurecht und fuhr fort: »Es ist wahr. Einzelheiten hat mir Reschat nicht gesagt, aber daß er deinetwegen fort mußte, ist sicher.«

»Und er ist gegangen?« schluchzte Annemarie fassungslos. »Er konnte gehen ohne Abschied? Ohne ein Wort ...

Annemarie brachte es nicht mehr fertig, sich zu beherrschen. Sie sprang auf und rannte, das Taschentuch vor den Mund gepreßt, um den Aufschrei zu ersticken, der sich hervorpressen wollte, hinaus.

Sie lief mit verstörtem Gesicht an den Menschen vorbei, die sie verwundert musterten, an Patienten, Ärzten, Schwestern, sie sah nichts und niemand.

Sie lief, über der leichten Bluse nur eine dünne Strickjacke tragend, durch die Pforte hinaus auf die Straße.

Ohne zu überlegen, schlug sie den Weg in seine Wohnung ein. Helgard hatte gelogen, er würde dasein. Er hatte heute nur frei und war deshalb nicht im Krankenhaus. Sie wußte doch, daß er frei hatte.

Er würde wahrscheinlich noch im Bett liegen, denn er schlief morgens gern sehr lange und würde seine kleine Leila auslachen, wenn sie ihm erzählte, was Helgard gesagt hatte. Und er würde böse sein, daß sie es auch nur einen Augenblick glauben konnte.

Und dann stand sie vor seiner Wohnung, aber niemand öffnete. Und sie hatte ihren Schlüssel nicht bei sich.

Und dann lief sie eine Treppe höher und klingelte wieder.

Kütschükk öffnete. Er war noch im Schlafrock, denn er arbeitete oft zu Hause und mußte nicht früh aufstehen. Er musterte sie mit einem Gesicht, das deutlich sein Mißbehagen widerspiegelte.

»Herr Kütschükk, wo ist Abak?«

Alle Angst, alle Verzweiflung lagen in dieser hastigen Frage.

Der Mann zuckte die Schultern.

»Weiß ich, wo? Er mußte plötzlich fort. Wohin hat er nicht gesagt.«

»Das ist nicht wahr! Ihnen hat er bestimmt gesagt, wohin er gefahren ist.«

»Ich kann mich nicht erinnern«, sagte Kütschükk gelassen, »die deutschen Namen sind schwer zu behalten.«

»Und er hat nichts für mich hinterlassen? Keinen Brief, kein Wort, nichts, gar nichts?« fragte Annemarie trostlos und hatte wieder Mühe, einen lauten Schrei zu unterdrücken. Sie hatte das Gefühl, vor Schmerz und Qual umsinken zu müssen.

Der Mann schüttelte langsam den Kopf.

»Nein. Nichts, gar nichts.«

»Das ist doch unmöglich«, murmelte das Mädchen mit erloschener Stimme, lehnte sich gegen die Wand und preßte die Faust gegen die Lippen, biß auf die Knöchel, als wolle sie durch körperlichen Schmerz die seelische Marter übertönen.

»Nichts«, sagte der Mann, und jetzt zuckte etwas Grausames in seinen Augen auf, »man hat ihn ja fortgejagt, weil Sie immer zu ihm gelaufen sind. Dafür muß er nun büßen. Soll er Ihnen dafür noch Dank sagen?«

In Annemaries Augen stand das Entsetzen, das Nichtbegreifenkönnen. Als ihr Hirn jedoch aufgenommen hatte, welche Ungeheuerlichkeit ihr eben gesagt worden war, da wandte sie sich mit einem Ruck und stürmte die Treppen hinunter, als würde sie von Furien gejagt.

Fort, nur fort, mehr vermochte sie nicht zu denken. Sie lief durch die Straßen und achtete nicht darauf, daß sie Aufsehen erregte. Sie ging erst langsamer, als sie völlig atemlos war und scharfe, schmerzende Stiche sie zu einem gemäßigteren Tempo zwangen.

Sie strebte den Parkanlagen zu, sie hatte das unklare Bedürfnis, irgendwo zu sitzen, allein zu sein. Endlich denken zu können. Ja, man mußte doch, mal darüber nachdenken, was da eigentlich alles passiert war. Das war doch eine ganze Menge. Das ging ja alles gar nicht so schnell in den Kopf.

Sie ging und ging und hatte vergessen, daß sie sitzen wollte. Es wäre auch unmöglich gewesen, denn alle Bänke waren im Winterquartier. Sie verließ den Park, und vor ihr zog langsam der Fluß vorbei. Er führte etwas Hochwasser und sah lehmig und aufgewühlt aus. An die Brückenpfeiler schlug es manchmal dumpf, der Fluß schleppte allerlei Holz, sogar Fässer mit sich, ein Zeichen, daß irgendwo die Ufer überschwemmt waren.

Annemarie war stehengeblieben. Sonderbar leer schaute sie auf die winterlich kahle Landschaft. Ein Frösteln überfiel sie. Sie wollte weiter, sie wollte nicht frieren, sie wollte heim.

Heim?

Und nun war ein erschrecktes, dann ein fast irres Lächeln in ihrem Gesicht. Und dann lachte sie ganz laut auf, es war schlimmer, als hätte sie bitterlich geschluchzt.

Das war ja alles vorbei. Abak wollte sie nicht mehr, und zu Hause, die wollten sie bestimmt auch nicht mehr. Die waren doch alle so anständig und ehrbar, sie wären doch ganz bestimmt froh, wenn die ungeratene Tochter verschwinden würde; möglichst für immer.

Und da stand sie auf der Brücke, beugte sich über das Geländer und starrte hinunter in die trübe Flut.

Schade, das Hochwasser sollte schlimmer sein, es war zu schwach. Es ließ sich sicher noch schwimmen, Annemarie war eine gute Schwimmerin. Ob ich es schaffe, unterzugehen? fragte sie sich, und ohne sich diese Frage zu beantworten, schwang sie sich mit einem jähen Schwung über das Geländer.

Ein paar Männer, die das Mädchen gerade bemerkt hatten, rannten entsetzt aus der Bauhütte, wo sie gerade, über ihre Pläne gebeugt, gestanden hatten.

Im Laufen rissen sie die Jacken herunter, dann sprangen gleich vier in den Fluß.

Die am Ufer zurückbleibenden waren wie gelähmt, dann holten sie Stangen und Stricke herbei.

»Hat keinen Sinn, wenn wir alle reinspringen«, meinte der eine.

»Das Boot«, schrien zwei andere und liefen zu dem Ruderboot, das in einem Schuppen verstaut war.

Es vergingen Minuten, die sich dehnten wie Stunden, dann hatte der eine Schwimmer das Mädchen entdeckt, war mit wenigen Sätzen neben ihr und packte sie an den Kleidern. Es war ein hartes Stück Arbeit, an Land zu schwimmen, vielleicht hätte er es ohne das Seil, das ihm zugeworfen wurde, gar nicht geschafft.

Er war ja wie gelähmt vor Entsetzen!

Das Mädchen, das er hielt, war ja Annemarie! Seine kleine Annemarie, die so treulos gewesen war.

Werner Hausmann mußte sich an das Ufer ziehen lassen, sich und seine kostbare Last.

Dann streckte er sich stöhnend auf dem kalten Boden aus. Er war fertig, vollkommen fertig. Er mußte es anderen überlassen, sich um Annemarie zu kümmern.

Die Arbeiter, die mit ihm ins Wasser gesprungen waren, kamen zurück. Sie schüttelten sich vor Frost, aber sie liefen schnell in die Bauhütte, dort war es warm.

»Herr Ingenieur«, rief einer und rüttelte Hausmann derb, »kommen Sie rein, Sie erkälten sich sonst.«

Hausmann blickte fragend auf, dann war er mit einem Satz auf den Füßen, jedoch nicht, um in die Bauhütte zu gehen, sondern um neben Annemarie niederzuknien.

»Wir müssen sie reinbringen, Leute, und ein Arzt muß her, schnell, ganz schnell.«

Er hob die leichte Last auf und trug sie in die Hütte. Er zeigte sich ruhig und machte die vorgeschriebenen Übungen zur Wiederbelebung.

In diesem Augenblick war in ihm nichts als Liebe und Angst, er vermochte nicht zu denken, er fühlte nur. Fühlte die schlimmsten Schmerzen seines bisherigen Lebens.

Und er wartete auf ein Lebenszeichen, auf ein kleines Zeichen nur ... Als die ersten, kaum spürbaren Atemzüge kamen, flüsterte er heiser:

»Wir lassen dich nicht weg, Annemarie, wir halten dich fest, ganz fest.«

Immer wieder machte er die gleichen, genau bemessenen Bewegungen. Als der Arzt kam, war nicht mehr viel zu tun.

Annemarie war zwar noch bewußtlos, aber sie atmete doch schon regelmäßig.

»Jetzt ist die größte Gefahr, daß sie eine Lungenentzündung bekommt«, sagte der Arzt, »ich bringe sie sofort ins Krankenhaus, Und Sie, meine Herren Retter, müssen schleunigst nach Hause, heiß baden, sich meinetwegen auch kräftig betrinken und dann für ein paar Stunden ins Bett.«

Hausmann selbst trug Annemarie zum Wagen des Arztes, bettete sie sanft auf dem Rücksitz und fuhr ihr mit zitternder Hand über das Gesicht. Er stöhnte schwer.

Dann lief er zu seinen Leuten, die er in seinem Wagen nach Hause fuhr, bis er endlich auch an sich denken konnte.

»Ein Zugang, Schwester Carola, nun sind wir unser letztes Bett los«, sagte die Stationsschwester seufzend und legte den Hörer auf. Eben kam die Meldung von der Pforte.

Wenige Augenblicke später standen die beiden Schwestern bereit, die neue Patientin aufzunehmen.

Der Arzt erschrak, als er Schwester Carola sah. Er stand mit wenigen Schritten bei ihr, deckte Annemarie, die auf dem Krankenwagen lag, mit seinem Rücken und sagte schnell:

»Schwester Carola, jetzt keinen Schreck kriegen, die Gefahr ist schon vorbei. Ihre kleine Schwester war ins Wasser gefallen, aber es ist alles in Ordnung.«

Carola war zurückgeprallt, sie taumelte leicht, dann riß sie sich mit aller Gewalt zusammen und schob den Arzt mit einer schnellen Bewegung zur Seite, stand neben der Bahre und starrte in das Gesicht der Schwester, stöhnte tonlos auf:

»Annemarie – warum hast du das getan?«

Und sie wußte doch, daß diese Frage Unsinn war. Annemarie hatte ja einen Grund gehabt. Nein, nein, schrie es gleichzeitig in Carola, das darf man trotzdem nicht tun, das nicht ...

Schwester Margarete war wie erstarrt. Die ungeheure Tragik dieses Augenblicks erschütterte sie. Schwester Carola trat an das Fußende des Wagens und schob ihn wortlos ins Krankenzimmer.

Wie ein Kind nahm sie die Schwester auf ihre Arme und legte sie sanft ins Bett, nachdem sie ihr schnell die nassen Kleider ausgezogen hatte. Schwester Margarete kam mit Wäsche, und dann war Dr. Sieveking da. Auch er hatte einen Schock zu überwinden, stieß entsetzt hervor:

»Carola, das ist ja furchtbar!«

Und Carola rief ihm verzweifelt zu:

»Hilf doch, hilf ...«

Sie bemerkte gar nicht, daß sie ihn duzte, sie wußte nur, er ist da, er wird helfen.

Als Annemarie nach einiger Zeit für einen Augenblick erwachte, war ihr Blick klar, sie erkannte Carola und hauchte schwach:

»Carola, ich bin schrecklich müde, ich stehe noch nicht auf.« Dann gähnte sie herzhaft und drehte sich auf die Seite. Sie schien nicht einmal bemerkt zu haben, daß sie sich nicht daheim in ihrem Bett befand.

Arzt und Schwester blickten einander aufatmend an.

»Das Schlimmste dürfte geschafft sein«, meinte Sieveking halblaut.

»Das Schlimmste?« fragte Carola bitter.

»Du hast recht«, antwortete er ernst. »Jetzt geht ja der ganze Tanz erst los.«

Sein Gesicht spiegelte die schweren Sorgen wider, die ihn jetzt überfielen.

Sie hatten leise das Zimmer verlassen. Draußen blieb Carola stehen und klagte:

»Ich mache mir Vorwürfe. Ich weiß nicht mehr, ob es richtig war, daß ich mich einmischte. Vielleicht hätte ich versuchen sollen, ihr anders zu helfen, vielleicht war dieser Mann ihr Schicksal ...«

»Nein, so ist es nicht. Er hätte ihr Schicksal werden können, wenn sie mit ihm gegangen wäre. Vielleicht wäre sie dann auch eines Tages ins Wasser gesprungen, aber ob sie dann jemand rausgeholt hätte?«

Eine ernste Mahnung lag in den Augen des Mannes.

»Ja«, sagte Carola müde, in stiller Verzweiflung, »es könnte auch so sein, wer weiß das? Ach, ich finde mich überhaupt nicht mehr zurecht.«

Ihre Augen füllten sich mit Tränen.

»Ich will dir helfen, den Weg zu finden, Carola«, tröstete Sieveking liebevoll.

»Meine Eltern wissen doch noch nichts. Jürgen hat doch noch nicht mit ihnen sprechen können, weil er Nachtdienst machen mußte. Er hat ihnen nur am Telefon gesagt, sie sollten Annemarie abends nicht weglassen. Sie ahnen zwar nun, daß etwas nicht stimmt, aber ...«

»Aber Sie müssen da nun durch, das können wir ihnen leider nicht abnehmen, Carola. Aber glaube mir, sie werden zwar ein paar Tage sehr unglücklich sein, aber sie werden sich schneller beruhigen, als du denkst. Die Verirrung deiner Schwester gehört nämlich schon der Vergangenheit an. Ja, guck nicht so ungläubig. Ihr Sprung ins Wasser beweist, daß Mudschiraddin sie aufgegeben hat, um sich beruflich nicht zu schaden. Die Sache ist zu Ende. Und damit ist gleichzeitig ein neuer Anfang da. Für uns alle, Carola.«

Er faßte nach ihren Händen und drückte sie fest.

Schwester Margarete hatte schon ein paarmal nach den beiden Menschen geschaut und achtete darauf, daß man sie nicht störte. Sie hatte Verständnis dafür, daß Schwester Carola jetzt mit ihren eigenen Sorgen beschäftigt war und der Arzt sie zu trösten versuchte; genauso, wie er es auch sonst mit den Angehörigen seiner Patienten tat.

Carola hatte einen Augenblick sinnend vor sich hingeschaut und dann leise erwidert:

»Ich will versuchen, es so zu sehen – und will hoffen, daß es so werden wird.«

»Es wird so werden, ganz gewiß«, versicherte Sieveking fest.

*

Es gab Tage, die randvoll angefüllt waren mit Verzweiflung und Kummer, mit Schmerz und Scham.

Die Eltern traf es wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Erst Jürgens Andeutungen am Telefon hatten sie unruhig werden lassen. Nun machten sie sich die bittersten Vorwürfe, ihr Kind nicht besser gehütet zu haben.

Herrn Heiberg wurde es eine Qual, ins Amt zu gehen, er litt unmenschlich in diesen Tagen; seine Frau wagte sich kaum auf die Straße. Ihr ganzes Leben lang hatten sie jedem frei ins Auge sehen können, und nun zwang sie ihr Kind, die Augen niederschlagen zu müssen. Und doch mußten sie in diesen Tagen ihr unglückliches, in die Irre gegangenes Kind seelisch stützen, mußten Annemarie helfen, sich wieder im Leben zurechtzufinden.

Sie hielten jeden berechtigten Vorwurf zurück, um Annemarie nicht zu einer neuen Verzweiflungstat zu treiben.

Es hatte sich doch nicht ganz verschweigen lassen, daß sie aus dem Leben hatte gehen wollen, als Mudschiraddin so plötzlich verschwand. Im Krankenhaus ahnte man sehr schnell die Zusammenhänge, und etwas drang immer hinaus ins Städtchen.

Jürgen versuchte in verzweifeltem Zorn zu erfahren, wohin Mudschiraddin gegangen war, aber er erhielt keine Auskunft. Er erstickte fast in Scham und Groll, aber der Professor sprach ernst und freundlich mit ihm und versuchte, ihn zu überzeugen, daß Annemaries Torheit, wie er es bezeichnete, nicht so unverzeihlich sei. Jürgen war nicht zu überzeugen. Er verkroch sich in sich selbst und ging allen Menschen aus dem Wege. Er hatte Annemarie auch nicht ein einziges Mal besucht.

Seine Vorgesetzten sahen einige Tage zu, wie er sich selbst innerlich zerfleischte, dann griffen sie zu einem bewährten Mittel: Sie überhäuften ihn so sehr mit Arbeit, daß ihm keine Zeit mehr blieb, an sich selbst zu denken.

Helgard Schmidt war noch am Tage des Unglücks aufgeregt erschienen und wollte Annemarie sehen.

Schwester Carola kam gerade dazu und wies sie zurück.

»Meine Schwester darf keine Besuche empfangen. Bitte, kommen Sie nicht wieder.«

Achselzuckend wandte Helgard sich ab. Sie fand das Theater, das Annemarie um ihre verlorene Liebe machte, ohnehin stark übertrieben. Einen anderen Besucher blickte Schwester Carola jedoch grenzenlos überrascht an.

»Werner – du?« fragte sie fassungslos, als er am Abend des Unglücks kam.

»Ja«, nickte Hausmann still, »ich habe sie doch aus dem Wasser geholt, und ...« Er machte eine kleine, hilflose Geste und schaute an Carola vorbei.

»Du warst es? Ich hörte nur, ein Bauarbeiter sei es gewesen ...«, erwiderte sie ganz benommen.

»Ja«, Hausmann, lachte kurz auf, »es sind noch drei von meinen Arbeitern mit ins Wasser gesprungen, aber ausgerechnet ich mußte sie finden.«

Einen Augenblick war es still zwischen den beiden Menschen.

Dann sagte Carola leise:

»Willst du sie sehen, oder wolltest du dich nur erkundigen, wie es ihr geht?«

»Was hältst du für richtig, Carola?«

»Das weiß ich auch nicht«, murmelte sie unsicher.

»Ich möchte sie sehen«, erwiderte Hausmann nach kurzem Schweigen fest.

Da führte Carola ihn bis zur Zimmertür.

»Bitte – sei vorsichtig«, bat sie voller Angst.

Er nickte stumm.

Annemarie lag wach, aber sehr schwach im Bett und starrte mit trüben Augen gegen die weiße Decke. Sie war unglücklich, aber seltsam müde. Es war, als sei sie es nicht selbst, die hier lag. Sie erinnerte sich an alles, aber es lag ein Schleier darüber.

Daß es starke Beruhigungsmittel waren, die ihre Empfindungen und Gedanken dämpften, wußte sie nicht.

Sie erkannte Werner Hausmann und schaute ihn verwundert an.

»Werner, wie kommst du hierher?« fragte sie leicht verwundert, aber nicht sonderlich erregt.

»Ich wollte sehen, wie es dir geht.«

»Ja?« Sie sagte es fragend, dann meinte sie ruhig: »Ich weiß es selber nicht, ich glaube, es hätte noch schlimmer sein können. Aber daß du kommen würdest, das hätte ich nie erwartet.«

Nun lag wieder das anfängliche Staunen in ihren Augen, aber es fehlte jede wirkliche Spannung.

»Ich mußte kommen«, nickte Hausmann still, »und ich werde morgen wiederkommen, ja?«

»Wenn du magst – ich freue mich«, erwiderte sie voller Gleichmut.

»Ich glaube, du mußt nun wieder Ruhe haben«, fuhr der junge Ingenieur etwas unbeholfen fort. »Morgen geht es dir sicher schon besser. Ich komme gegen Abend.«

»Das ist schön«, flüsterte Annemarie und streckte ihm die Hand entgegen. Carola hatte schon ein paarmal angstvoll auf die weiße Tür geschaut, jetzt sah sie ihn herauskommen.

Sie ging auf ihn zu. Er schaute sie an, aber sie hatte den Eindruck, als sähe er durch sie hindurch, so abwesend war sein Blick.

»Carola«, begann er schwer, »da habe ich eine harte Nuß zu knacken bekommen.«

»Werner ...« In ihren Augen glomm Verständnis und heißes Mitleid. Sie ahnte, was in ihm vorgehen mochte.

»Ja«, sagte er trübe, »ich komme morgen wieder. Wer mir das gesagt hätte!«

Und dann nickte er ihr schnell zu und ging eilig davon.

Carola schlief in diesen Nächten im Zimmer der Schwester, immer konnte man sie ja nicht in diesem dumpfen Dämmerschlaf lassen. Annemarie mußte sich allmählich wieder ihrer Situation voll bewußt werden und sich wieder ins Leben hineinfinden. Körperliche Schäden hatte das kalte Bad nicht hervorgerufen. Aber man fürchtete neue Verzweiflung und ging deshalb mit unendlicher Vorsicht vor.

Werner Hausmann kam jeden Abend.

Carola hatte den Eindruck, als sei er um Jahre älter geworden und als würde sein Gesicht von Tag zu Tag hagerer.

Sie wußte, seine Besuche taten Annemarie gut, sie schien sogar darauf zu warten, daß er kam. Dennoch meinte sie eines Abends leise:

»Werner, du solltest nicht jeden Tag kommen, es tut dir nicht gut, und Annemarie gewöhnt sich zu sehr daran.«

»Ach, laß nur, vorläufig werde ich kommen, und dann ...«, er zuckte mit den Schultern, »na, dann sehen wir weiter.«

Er ging ins Krankenzimmer, und Carola schaute ihm besorgt nach. Dann fiel ihr ein, daß er noch nie eine Blume oder sonstige kleine Aufmerksamkeit mitgebracht hatte. Ihr war, als würde ihr dadurch bestätigt, wie schwer es ihm fallen mochte, Annemarie zu besuchen. Und dennoch tat er es. Carola fand es unbegreiflich.

Ach, es war so vieles unbegreiflich in diesen Tagen. Sie selbst war es sich, denn sie schwankte in ihren Stimmungen ständig hin und her. Gerrit Sieveking hatte sie an dem Unglückstag abends ins Ärztezimmer kommen lassen. Er war allein, kam schnell auf sie zu und nahm sie fest in seinen Arm.

»Carola, Liebes, ich denke, wir müssen unser Rendezvous ein paar Tage verschieben. Ich möchte, daß deine Augen dann schon wieder etwas froher dreinschauen.«

Und dann küßte er sie sanft auf die Augen und sehr zärtlich auf den Mund.

»Carola, es wird alles gut«, raunte er weich und führte sie, den Arm um ihre Schultern gelegt, zur Tür. »Nur noch ein paar Tage Geduld, dann sieht die Welt wieder anders aus. Dann, Carola, werden wir glücklich sein.«

Über ihr verhärmtes Gesicht flog ein kleines, glückliches Lächeln. Dann faßte sie schnell nach seiner Hand und legte in scheuer Liebkosung ihre Wange daran. Eine Sekunde später war er allein.

Nun hatte die Liebe der beiden Menschen ein helles Licht angezündet, das in diesen schweren Tagen für sie leuchtete.

Carola registrierte jede Kleinigkeit, die darauf hindeutet, daß alles sich wieder zum Guten wende.

Werner Hausmanns Besuche spielten eine gewichtige Rolle; selbst den Eltern wurden sie zu einem starken Trost. Jürgen bereitete ihnen im Augenblick fast mehr Sorgen als Annemarie. Er war völlig unzugänglich und sah aus wie ein Kranker.

Eines Abends begegnete ihm Hausmann unten in der Eingangshalle. Jürgen blieb stehen und lächelte spöttisch, fast verächtlich.

»Mensch, Hausmann, ich habe gehört, du spielst den barmherzigen Samariter. Kehre zurück, alles vergeben, wie?«

Hausmann trat an ihn heran und maß ihn mit einem langen Blick, in dem ein schwerer, erschütternder Ernst lag.

»Und von dir höre ich, daß du den hochmütigen Pharisäer spielst«, erwiderten er scharf. »Bis zu einem gewissen Grade kann ich das auch verstehen, aber vielleicht denkst du mal darüber nach, wie mir zumute sein mag! Besonders wohl fühle ich mich als barmherziger Samariter nicht.«

Dr. Jürgen Heiberg musterte den Freund stumm. Aller Spott war aus seinem Gesicht gewichen.

»Mensch, Kerl, in deiner Haut möchte ich nicht stecken«, murmelte er impulsiv, »das ist ja wahnsinnig. Du, ausgerechnet du mußt sie herausholen! Und jetzt kommst du noch alle Tage. Werner, wie bringst du das fertig? Ich glaube, ich hätte sie an deiner Stelle losgelassen, als der entscheidende Moment war und ...«

»Hättest du nie getan, Jürgen«, fiel ihm Hausmann fest ins Wort. Heiberg senkte beschämt die Augen. Plötzlich schaute er wieder auf und sagte ruhig:

»Hast recht, ich hätte es auch nicht getan.«

»Siehst du, und da gibt eines das andere. Hat man sie zurückgeholt, fühlt man sich auch irgendwie verpflichtet, weiterzuhelfen. Wie weit, das weiß ich nicht.«

Ehe Jürgen antworten konnte, hatte der Freund sich schnell umgedreht und ging eilig hinaus.

Erschüttert blickte ihm der junge Arzt nach.

Am nächsten Morgen machte er einen ersten, kurzen Besuch bei seiner Schwester.

»Ihr seid alle so gut, ich habe es gar nicht verdient«, murmelte Annemarie. Sie war erschrocken über das schlechte Aussehen des Bruders.

»Nein«, stimmte Jürgen ehrlich zu, »verdient hast du es nicht. Aber eine Tracht Prügel käme ja nun doch zu spät. Sieh nun wenigstens zu, daß du dich bald wieder rausrappelst. Denk auch mal an unsere Eltern, ich glaube, die sind sogar froh, wenn sie dich wieder zu Hause haben.«. Das klang grollend und grob, aber auch brüderlich. Annemarie nickte ihm dankbar zu.

»Du hast recht, ich muß hier wieder raus«, entgegnete sie ernst.

An diesem Tage mühte sie sich redlich, über sich selbst und ihr einstiges Verhältnis zu Mudschiraddin nachzudenken.

Sie suchte nach ihrer großen Liebe, die doch noch dasein mußte und nicht gleich auf den ersten Hieb vernichtet sein konnte. Das gab es doch gar nicht. Liebe war doch bereit, zu verzeihen. So hieß es jedenfalls.

Und doch mußte sie feststellen, daß dieser Hieb tödlich gewesen war. Es regte sich nichts mehr für Abak Mudschiraddin. Wenn sie an Kütschükk dachte, dann packte sie noch nachträglich kaltes Entsetzen. Nie würde sie seine letzten Worte vergessen, nie die Wandlung, die mit ihm vorgegangen war. Daraus glaubte sie schließen zu können, daß Abak genauso handeln konnte. Er hatte es ja bewiesen, nicht nur mit Worten. Auf seinem vorgeplanten Wege ließ er sich nicht von einer Frau stören. Und ich? fragte sich Annemarie bitter.

Sie verstand sich selbst nicht mehr, sie schämte sich entsetzlich. Als Hausmann abends kam, sagte sie ruhig:

»Ich hoffe, daß man mich morgen oder übermorgen entläßt. Ich bin doch gesund, mir fehlt nichts mehr. Und dann werde ich kündigen, ich möchte weg hier, verstehst du das?«

»Es sieht ein bißchen nach Fahnenflucht aus, aber im Augenblick wird es richtiger sein, wenn du gehst. Es ist für alle Teile besser.«

Seine schonungslose Offenheit tat weh. Aber Annemarie schwieg. Nach einer Weile sagte sie ruhig: »Das dachte ich auch.«

Dann war es lange Zeit still. Ein Schweigen, das bedrückte, das quälte und das manchmal durch einen leisen, fast unhörbaren Seufzer unterbrochen wurde.

Schließlich sagte Werner Hausmann gequält:

»Annemarie, ich denke immerzu über alles nach, ich komme überhaupt nicht mehr zur Ruhe. Daß ich gerade dasein mußte, ich weiß nicht, ob das ein Fingerzeig sein sollte. Heute kann ich mich danach noch nicht richten. Ich weiß nicht, ob wir wieder da anknüpfen können, wo der Faden gerissen ist. Ich weiß vor allem nicht, ob ich je vergessen kann, was war, Annemarie!«

Das letzte war wie ein Aufschrei voller Qual und Verzweiflung. Wenn Annemarie je gefehlt, jetzt büßte sie. Und jetzt erkannte sie, welchen Reichtum an Liebe sie sich verscherzt hatte. Zuverlässiger, ehrlicher Liebe. Er nannte sie weder Leila noch Lotosblume, er hatte sie nie mit phantasievollen Schmeicheleien zu betören versucht. Werner war ein nüchterner, ruhiger Deutscher, aber man konnte vertrauen. Bei ihm wäre sie geborgen gewesen.

Sie schaute ihn an – es war, als sei sie um Jahre reifer geworden, so weich und freundlich war ihr Blick.

»Werner«, bat sie still, »du solltest dich nicht quälen. Ich werde bald gehen, dann wirst du wieder ruhiger sein. Und du wirst mich vergessen, Werner, es wäre das beste für dich.«

»Das weiß ich nicht«, flüsterte er tonlos, »man muß es der Zeit überlassen. Es gibt Dinge, die können wir nicht selbst tun, da werden wir getrieben.«

Als er am nächsten Abend kam, saß sie angekleidet im Sessel. Sie erhob sich rasch und kam ihm entgegen.

»Morgen gehe ich heim«, berichtete sie ruhig.

»Fühlst du dich wohl genug?« kam es besorgt zurück.

»Ja, es geht mir gut.«

Einen Augenblick schaute er sinnend an ihr vorbei, dann kam seine Stimme wieder, sie klang etwas ausdruckslos:

»Annemarie, ich sagte es gestern schon, ich weiß nicht, was wird. Ich konnte mich innerlich nie von dir lösen, und jetzt schon gar nicht. Aber du weißt, was zwischen uns steht. Und ich, ich weiß ja nicht, ob du noch einmal anknüpfen könntest. Wir müssen es abwarten, ja? Wir können jetzt nichts tun.«

Annemarie bekämpfte das Zittern, das sie überfiel, die Tränen, die sich hervordrängen wollten.

»Werner«, raunte sie tonlos, »ich bin es ja gar nicht wert, daß du dir soviel Kummer machst. Ich wünschte, du würdest mich vergessen, ganz schnell. Du hättest es verdient, glücklich zu sein.«

»Das Glück geht nicht nach Verdienst«, erklärte er ernst. »Aber es ist zwecklos, darüber zu sprechen. Gib du dir nun Mühe, alles zu überwinden, ich werde dir vielleicht schreiben. Würdest du antworten?«

»Ja, Werner, ich würde antworten.«

Einen Augenblick sahen sie einander still an. In beider Augen lag schmerzliche Liebe, beide verrieten mehr, als sie selbst wußten.

»Annemarie«, Hausmann packte sie derb an den Armen und schüttelte sie heftig, »ich könnte wahnsinnig werden! Was hast du mit uns gemacht?«

Und dann riß er sie an seine Brust – schob sie aber im gleichen Augenblick wieder von sich ab und umspannte nur noch leicht ihre Arme. »Annemarie, ich weiß nicht, was werden soll«, rief er verzweifelt, »hab Geduld.«

Eine zitternde Hand fuhr schmeichelnd über ihr Haar – dann war sie allein.

Und nun weinte Annemarie hemmungslos über ihre eigene Schuld.

*

Die Mutter hatte Annemarie abgeholt. Sie sah sehr verhärmt aus, umgab aber die Tochter mit liebevoller Fürsorge, als sei sie noch immer sehr krank.

Carola begleitete Mutter und Schwester bis zum Wagen. Sie hatte Angst, wie sich die nächste Zukunft entwickeln würde. Zwar hatten die Eltern gerade in diesen schweren Tagen rührende Beweise erhalten, daß man ihnen Annemaries Verirrung nicht nachtrug. Aber sie litten doch sehr, daß man sie nun heimlich bemitleidete. War es auch nur eine kleine Gesellschaftsschicht, in der sie lebten und die um Annemaries Verfehlungen wußte, so war es doch ihr ureigenster Lebenskreis. Carola schaute dem davonfahrenden Wagen einen Augenblick nach, dann ging sie zurück auf die Station.

Sieveking begegnete ihr.

»Na, ist sie fort, die Annemarie?« fragte er heiter.

Carola nickte.

»Ich bin gespannt, wie alles weitergeht«, nickte sie sorgenvoll.

»Wie bisher – von Tag zu Tag besser. Aber das interessiert mich im Augenblick überhaupt nicht, deine Schwester darf nicht das einzige Gesprächsthema zwischen uns sein. Du wirst heute auch auf deinen Mittagsschlaf verzichten müssen. Ich will nämlich mein Rendezvous haben. Punkt zwei erwarte ich dich an der Pforte.«

»Heute mittag?« fragte sie scheu, und ihr Herz schlug schneller.

»Ja, mein Herz, heute mittag. Schau, wie die Sonne scheint, ich glaube, das tut sie heute für uns. Also pünktlich sein, verstanden?«

»Ja«, erwiderte Carola beklommen und schaute ihm nach, wie er so schnell und elastisch den langen Korridor entlangging.

Dann riß sie sich zusammen und eilte weiter. Aber während der Arbeit war nun immer ein feines Klingen in ihrem Herzen. In ihren Augen lag ein glückliches Leuchten.

Später packte Carola eine sich immer mehr verstärkende Erregung. Das Mittagessen im Schwesternspeisesaal wurde eine Qual, es dauerte heute ja entsetzlich lange. Als sie endlich in ihrem Zimmer war, gab es neuen Kummer.

»Was ziehe ich an?« fragte sie sich beklommen, denn die meiste Garderobe hatte sie ja daheim bei den Eltern. Das grüne Winterkostüm mit dem kleinen Biberkragen war für diesen kalten Januartag eigentlich nicht warm genug, aber die Eitelkeit siegte. Carola zog das Kostüm, das sie, wie sie wußte, so gut kleidete, an.

Ihre Wangen glühten, als sie ihm die Hand reichte, und ihre Augen schauten an ihm vorbei.

»Schön bist du, Carola«, gestand er lächelnd, öffnete ihr den Schlag und wartete, bis sie eingestiegen war.

Wenig später fuhren sie los.

Sie saß ganz still neben ihm und machte, wie er ihr später lachend erzählte, ein richtiges Schulmädelgesicht.

Schnell hatte er die Stadt hinter sich gelassen und fuhr dem Walde zu, der sie in dichtem Kranz umgab und überall von den Höhen herunterzuklettern schien.

Auf einem Waldweg, zwischen hohen Tannen, der hell von der Sonne beschienen war, hielt er.

»So, Mädel, ich denke, das ist ein netter Platz für unsere Verlobung«, lachte er mit, glücklicher Heiterkeit, legte den Arm um ihre Schultern und zog sie zu sich herüber. »Du, wie willst du das bloß gutmachen, daß ich solange auf diese Stunde warten mußte?«

Er neigte sich über ihren Mund und küßte sie. Carola schlang die Arme um seinen Nacken.

»Carola«, murmelte er nach einiger Zeit verhalten, »du hast es mir so schwer gemacht. Ich liebe dich schon so lange, und du merktest es nicht. Du bist an mir vorbeigegangen wie an einem Kleiderschrank.«

»Aber du hast dich bemerkbar zu machen gewußt«, erwiderte sie zärtlich. »Und dann ging es nicht mehr anders, ich mußte dich lieben.«

Wieder war es einige Zeit still.

»Meine Carola«, flüsterte er glücklich, als er ihren Mund freigab. Sie streichelte zart über sein Gesicht und sagte bewegt: »Mein Gerrit ...«

Ihr Herz schlug vor Glück.

»Jetzt werden wir ein bißchen laufen, dabei kann man so herrlich Pläne schmieden, mein Mädel. In vier Wochen will ich nämlich verheiratet sein.«

»In vier Wochen?« fragte sie fassungslos.

»Ja, natürlich, lange genug sind wir ja schon verlobt. Ich brauche dich doch, meine Carola.«

Da schmiegte sie sich ganz fest an ihn und nahm sein Gesicht in ihre Hände.

»Gerrit, Liebster, ich bin so glücklich«, gestand sie leise. Dann küßte sie ihn.

Im Städtchen gab es gewaltiges Aufsehen, als Sieveking sich mit Carola Heiberg verlobte. Ja, es gab plötzlich Stimmen, die wissen wollten, die Sache mit der Annemarie und dem Türken sei nur böswillige Verleumdung gewesen. Wer sie damals auf ihren heimlichen Wegen gesehen hatte, sprach nicht mehr darüber.

Den Eltern Heiberg und dem Sohn tat es wohl, daß der geschätzte Arzt sich gerade jetzt durch seine Verlobung mit Carola zu ihnen bekannte. Es war nun alles nicht mehr so schlimm.

Diese Verlobung lenkte wohltuend von allen Sorgen ab. Es gab keine große Feier, nur einen Empfang am Sonntagvormittag. Aber man konnte doch beglückt feststellen, daß nicht nur alle alten Freunde und Bekannten, sondern noch weit mehr gekommen waren, als man gerechnet hatte.

Und wieder einen Monat später schrieb Carola, bebend vor glücklicher Erregung, ihren neuen Namen in das dicke Buch des Standesbeamten: Carola Sieveking.

»Frau Carola Sieveking«, verbesserte Ihr Mann glücklich, als sie nach einer kleinen Hochzeitsfeier im Wagen davonfuhren, um im Gebirge bei Schnee und Wintersonne ihre ersten gemeinsamen Tage zu verbringen.

»Du bist bezaubernd. Ich fürchte, ich werde dich maßlos verwöhnen.«

»Wenn ich mich ebenso maßlos revanchieren darf, dann bitte«, lachte sie schelmisch.

Annemarie ging wenige Tage nach Carolas Hochzeit fort. Die Eltern hatten ihren Entschluß gutgeheißen, auch wenn es sie schmerzte. Aber nur so konnte Annemarie wieder zur Ruhe kommen.

Mit Werner Hausmann war sie nur einmal zufällig in der Stadt zusammengetroffen. Bei dieser Gelegenheit hatte er sie um ihre neue Adresse gebeten. Noch immer tobte ein schwerer Kampf in ihm. Zum Abschied sagte er leise:

»Ich weiß noch nicht, ob ich schreiben werde, Annemarie, sei mir nicht böse.«

Sie bezwang den Schmerz, der sie wütend anfiel, und erwiderte tapfer:

»Ich überlasse alles dir, Werner – und der Zeit.«

Als Sievekings von der kurzen Hochzeitsreise zurückkamen, richteten sie sich zunächst in Sievekings kleiner Junggesellenwohnung ein. Es war etwas eng, aber sie fanden es wundervoll. Im Frühjahr sollte ja das Haus fertig werden, in dem sie eine Wohnung bekommen sollten. Carola hatte die schwere Zeit überwunden, sie war sonnig und heiter wie früher. Nur wenn sie an Annemarie dachte, empfand sie ein schmerzliches Mitleid mit der Schwester, die so schwer unter einer Verirrung leiden mußte. Und als sie Werner Hausmann traf, erschrak sie – er sah um Jahre älter aus, als er war.

Und Heinz Rennekamp schrieb ihr: »... Werner bat mich, ihm Näheres über die Verhältnisse hier zu schreiben, er möchte nach Amerika oder Kanada auswandern. Überhaupt hat sich ja bei Euch in letzter Zeit viel getan, die Neuigkeiten nahmen ja kein Ende. Daß Du nun schon verheiratet bist, will mir nicht in den Kopf. Meine beste Chance hast Du mir kaputt gemacht – wo soll ich nun einen einigermaßen passenden Ersatz für Dich auftreiben? ...«

Carola lächelte, als sie das las. Sie wußte, es war Heinz nicht allzu ernst. Sie hatten einander gern und waren gute Kameraden gewesen, mehr nicht. Ob mehr daraus hätte werden können? Carola glaubte nicht daran, sie standen einander im Alter zu nahe. Carola hatte sich immer einen Mann gewünscht, der älter war als sie, der ihr Geborgenheit gab, zu dem sie aufschauen konnte. Gerrit war der Mann, der ihr alles gab, was sie sich in ihren Mädchenträumen ersehnte – er war wundervoll.

Sie wurden sehr glücklich, die Sievekings, selbst als drei Kinder durch das helle Haus tobten, war ihre Liebe noch so jung, als hätten sie sich gerade erst gefunden.

Annemarie heiratete zwei Jahre später als ihre Schwester. Werner Hausmann glaubte, es wagen zu können. Seine Liebe zu ihr war so groß, daß er hoffte, sie werde ihn vergessen lassen, was war, zumal Annemarie sich sehr geändert hatte und ganz in ihrer Liebe zu ihm aufging.

Helgard Schmidt war einem schweren Schicksal entgegengegangen, als sie Reschat Kütschükk in seine Heimat folgte Einmal hatte ihre Mutter sie dort besucht und war entsetzt von dem Leben das ihre Tochter zu führen gezwungen war. Sie war höflich empfangen worden konnte jedoch ihre Tochter nicht einen Augenblick allein sprechen. Helgard war zum Islam übergetreten und hatte sich ganz den Sitten des Landes fügen müssen. Sie unterstand dem Befehl der Schwiegereltern, und ihr Mann ließ es zu; es war dort so Sitte. Als Frau Schmidt Helgard später wieder besuchen wollte, wurde ihr mitgeteilt, sie möge nicht kommen. Seit der Zeit war sie eine vergrämte Frau, die ständig nach einem Weg suchte, der ihrer einzigen Tochter die Freiheit wiedergeben würde.

Annemarie war ganz still, als sie hörte, wie furchtbar sich alles bewahrheitet hatte, was man ihr prophezeite. Ihr war dieses schwere Schicksal erspart geblieben – Helgard mußte es büßen. In Annemarie war nur noch tiefste, innigste Dankbarkeit gegenüber allen, die sie vor einem gleichen Schicksal bewahrt hatten.

Und als Werner vorschlug, mit ihr auszuwandern, weil er im Heimatstädtchen nicht mehr leben wollte, bat sie inbrünstig:

»Nicht ins Ausland, Werner, und wenn es das kleinste, kümmerlichste Nest ist – wenn es nur in Deutschland liegt.«

Werner verstand und ging mit ihr in eine Stadt, die mehrere hundert Kilometer von der Heimat entfernt lag.

Sie wurden glücklich, aber es war doch immer etwas Bitternis in ihrem Glück. Sie konnten es zeitweilig vergessen, aber stets, wenn sie für wenige Tage in der Heimat waren, spürten sie den dunklen Schatten, den die Vergangenheit warf.

Bei Carola und Gerrit war alles licht und hell. Sie wachten über ihrem Glück und hüteten es sorgsam. Tauchte aber einmal eine ernste Sorge auf, dann standen sie nebeneinander wie zu jener Zeit, als sie sich in der gemeinsamen Sorge um Annemarie fanden. Genauso meisterten sie dann ihr Geschick, ihre Liebe half ihnen dabei.

 


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