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Literaturkritiken

Ernst Weiß: Literaturkritiken - Kapitel 9
Quellenangabe
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typereview
authorErnst Weiss
booktitleDie Ruhe in der Kunst
titleLiteraturkritiken
publisherAufbau-Verlag Berlin und Weimar
printrun1. Auflage
editorDieter Kliche
year1987
isbn3351004273
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Jack London, König Alkohol

Eines der unheimlichsten Bücher, die in den letzten zehn Jahren erschienen sind, ist Jack Londons jetzt erst in deutscher Übertragung zugänglich gemachter autobiographischer Roman »König Alkohol«. Die Bezeichnung autobiographischer Roman darf nicht wörtlich genommen werden. Was an dem Werke autobiographisch ist, das ist nicht romanhaft und kann es nicht sein, und wenn man andererseits unter Roman das gestaltete, in feste Formen gegossene Erlebnis versteht, kommt das Buch Londons schon deshalb nicht in Betracht, weil ihm jede Form fehlt. Es ist nicht »gebaut«, kaum richtig erzählt, kaum chronologisch geordnet. Trotzdem ein Werk, das man an jeder Seite aufschlagen kann und vom blutigsten, erschüttertsten, wahrsten Leben erfüllt finden wird. Es ist ungleichmäßig, wie die Tage des Lebens, die sich nicht gleichen, tief und seicht, ewig und phrasenhaft, klar und wirr – aber Leben ist es, denn dieser Jack London hat einen selbst im Kitschigen bezwingenden Gehalt an echtem Fleisch, echter Seele, echter Bitterkeit, echtem Traum und echter Realität. Eine ähnliche, in sich widerspruchsvolle Mischung wird man in der deutschen Literatur möglicherweise in den Gefühlsorgien der jungen Stürmer und Dränger zu Goethes Frühzeit finden, aber auch in diese Gattung gehört es nicht, denn es schreibt dieses Buch ein Mann, der dem bitteren, illusionslosen Leben schon jahrzehntelang ins Auge gesehen hat, dem der Erfolg nicht versagt geblieben ist und der daher das Metaphysische nie auf Kosten des Realen und Positiven hervorheben wird.

Was Jack London, der gewaltige Dichter des »Schrei der Wildnis« hier wollte, ist ziemlich klar zu sehen: ein Tendenzbuch gegen den Alkohol, um den freien Verkauf des Alkohols an jugendliche Individuen, an beeinflußbare, schwache Seelen und starke Muskelnaturen verbieten zu lassen. Dies ist gelungen. Das heute über Nordamerika ausgedehnte Alkoholverbot, die Prohibition, ist die unmittelbare Folge dieses Buches gewesen. Aber mit dieser heute auch in Deutschland aktuellen Tat ist die Bedeutung des Werkes durchaus nicht erschöpft. Denn, während London den Alkohol bekämpft, verflucht, verabscheut und mit dem Speichel einer geradezu persönlichen Wut bespritzt, erliegt er noch im Schreiben dem Gifte, er umarmt es, liebend wie ein Mann, er läßt sich von ihm tragen, wie ein Zweidecker von der Explosivkraft des Benzins oder Alkohols – im Motor, er wirft dem Gifte nicht mehr vor, es hätte ihm alles Lebenswerte genommen, sondern er dankt ihm, huldigt ihm ritterlich, beugt sein Knie, und wenn ein Amerikaner, ein Selfmademan, ein zu Ruhm und Reichtum gelangter Schriftsteller von europäischer Bedeutung beten kann, dann betet dieser hier, Jack London, zum Alkohol. Jack London spricht von vielen Trinkern, man hört ihn aber nur von sich sprechen, und das ist gut so. Durch den gewollten, den zur Bekräftigung der soziologischen Tendenz zusammengerafften Schwall von Erlebnissen, Gedanken, Todesängsten und himmlischen Räuschen, tierischen Räuschen, durch das ganze chaotische Gewitter von gewolltem Leben und gemußtem Leben kommt plötzlich eine Seite bedrucktes Papier, auf der das menschliche Herz bloßliegt, blüht, blutet, unbeschreiblich, bezaubernd und ganz einfach in seiner Wahrhaftigkeit.

Es ist ein Buch von einem Mann und ist ein Buch für Männer. Weich wird der Dichter nur dann, wenn er von Männern spricht, von jungen Seeleuten, die das Heimweh nach der Mutter im Alkohol ersäufen, von Kameraden, Seeräubern oder Austernräubern wie er selbst: »Je mehr ich dies Leben kennenlernte«, schreibt er, »desto begeisterter war ich von ihm. Nie werde ich die Glückseligkeit vergessen, als ich in der ersten Nacht an einem gemeinsamen Zug an Bord der ›Annie‹ teilnahm, mit rauhen, großen und unerschrockenen Männern, alten Hafenratten, von denen mehr als eine schon im Zuchthaus gesessen hatte und die alle auf gespanntem Fuße mit dem Gesetz standen und das Gefängnis verdienten.« Nun erzählt er eine herrliche kleine Biographie nach der andren und schließt die herrlichste und kleinste mit den Worten: »Er war zwanzig Jahre alt und hatte den Körper eines Herkules. Als er einige Jahre später in Benicia erschossen wurde, sagte der Totenbeschauer, er sei der breitschultrigste Mann, den er je auf dem Brett habe liegen sehen.« Das ist ganz Jack London, aber das ist auch ganz Amerika.

Ich nannte den Mann ritterlich gegen seinen Todfeind, gegen seinen Todfreund Alkohol. Er vertritt das ritterliche Amerika gegen das kommerzielle, die Prärie gegen Broadway. Denn Jack London ist der wahre Mann; seiner innersten Natur nach ist er der tätige, schaffende Bauer, der trotz allem aufbauende Kolonist und Pflanzer, der sich freudig und stolz in einem herrlichen, biblischen Kapitel der fünfzigtausend Eukalyptusbäume rühmt, die er sich zum ewigen Gedächtnis auf dem Hügel seines Landgutes gepflanzt hat. »La Motte pflügte den Boden, legte Fischteiche an, wurde von der Erde überwunden und zog fort, und für ein kurzes Weilchen taucht mein Name auf. Neben La Mottes Obstbäumen und Weinstöcken, neben seinem stolzen Hause und seinen Fischteichen habe ich mich selbst eingeschrieben mit fünfzigtausend Eukalyptusbäumen ...« Ritterlich, dankbar also auch gegen den Boden, den er bebaut, ritterlich, dankbar gegen das Schicksal: »Bloß nur mein unendliches, unbedingtes Glück, mein gnädiges Geschick, meine gütige Vorsehung«, sagt dieser auf dem wüsten Meer des Alkohols umhergetriebene Odysseus, »brachte mich unversehrt durch das Fegefeuer des Alkohols, mein Leben, meine Laufbahn, meine Lebensfreude sind nicht vernichtet.« An solchen Stellen ist von der Tendenz gegen den Alkohol nichts mehr geblieben. Hier widerspricht sich Jack London, und er weiß, er begreift mit seinem klaren, »weißen« Verstande, daß er sich widerspricht. Er gibt daher das Wort weiter, er verzichtet, für seine Person und für das ganze Geschlecht auf das Recht zu einer Entscheidung. Hier wird er prophetisch und nimmt schon so viele Jahre vor dem Kriege die unerbittliche Entwicklung voraus. Er, der kampffreudige, lebensstrotzende Amerikaner erwähnt das Wort: »Nie wieder Krieg!«, das ein Überlebender aus den alten Indianerkriegen und nicht ein nervenschwacher, westeuropäischer Pazifist geprägt hat, und er gibt, noch bedeutsamer, den Stab der Macht vom Manne weiter an die Frau. »Die Frauen sind die wahren Erhalter der Rasse. Die Männer sind die Vernichter, die Abenteurer und Spieler, und schließlich müssen die Frauen sie retten ...« Das ist das Wertvolle, das Bleibende an diesem Buche. Keine Theorie, sondern blutiges Leben und aus diesem Leben heraus Bescheidenheit, Mut, Dankbarkeit. Wie unnachahmlich sich dies alles in einer einzigen Seite mischt, mögen folgende Zeilen des Schlußkapitels beleuchten: »Lag ich zum Beispiel auf meinem Deckstuhl, las oder unterhielt ich mich mit andern, so weckte jede Erwähnung irgendeines Teiles der Welt sofort die Erinnerung an Trinken und gute Kameraden in mir. Große Tage, Nächte und Augenblicke tauchten in mir auf. ›Venedig‹ starrt mir von einer bedruckten Seite entgegen, und ich erinnere mich der Cafetische auf den Bürgersteigen. ›Die Schlacht von Santiago‹ – und ich: ›Ja, ich war dabei!‹ Aber ich sehe nicht den Walplatz vor mir, nicht den Kettleberg oder den Friedensbaum. Was ich sehe, ist das Café Venus an der Plaza von Santiago, wo ich eine bewegte Nacht hindurch mit einem sterbenden Trinksüchtigen sprach und trank.«

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