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Lionel Lincoln oder die Belagerung von Boston

James Fenimore Cooper: Lionel Lincoln oder die Belagerung von Boston - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorJames Fenimore Cooper
titleLionel Lincoln oder die Belagerung von Boston
publisherVerlag von S. G. Liesching
printrunZweite Auflage
year1851
translatorEduard Mauch
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20150324
modified20170303
projectid025dd028
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Siebentes Kapitel.

Wächter, ihr sollt. So muß der arme Diener,
Wenn Andere ruhig in den Betten schlafen,
Im Dunkel wachen, ringsum nur Kält' und Regen.

König Heinrich VI.    

 

Zwei oder drei Tage schönes lindes Frühlingswetter folgten auf den Sturm, und während dieser Zeit bekam Lionel seinen alten Reisegefährten nicht wieder zu Gesicht. Job dagegen hing sich in einer vertrauenden Hülflosigkeit an den brittischen Krieger, die das Herz seines jungen Beschützers rührte, der sich aus diesem Umstand ein richtiges Bild von der Art der Mißhandlungen entwerfen konnte, welche der arme Blödsinnige häufig von den rohen Soldaten erdulden mußte. Meriton versah auf Lionel's ausdrücklichen Befehl bei dem Burschen das Amt des Garderobemeisters, zwar mit augenscheinlichem Widerwillen, aber zum offenbaren Vortheil der äußeren Erscheinung, wenn auch nicht gerade zur Vermehrung des Glücks auf Seite seines Pflegbefohlenen. Während dieser kurzen Zeit verwischte sich der leichte Eindruck, den die im vorigen Kapitel geschilderte Scene auf Lionel gemacht hatte, durch die erfreuliche Aenderung des Wetters und das wachsende Interesse, das er in der Gesellschaft seiner jugendlichen Verwandtinnen empfand. Polwarth ersparte ihm jede Sorge für das Hauswesen und so verwandelte sich der eigenthümliche Schatten von Trauer, der zu Zeiten so merklich in den Zügen des jungen Mannes hervorgetreten war, allmählig in einen strahlenderen, freudigeren Blick. Polwarth und Lionel hatten einen Offizier gefunden, der früher mit ihnen in dem nämlichen Regimente in England gedient hatte und jetzt eine Compagnie Grenadiere kommandirte, die zur Besatzung von Boston gehörten. Dieser Gentleman, ein Irländer mit Namen M'Fuse, eignete sich sehr gut dazu, der Kochkunst des Offiziers von der leichten Infanterie alle Ehre zu erweisen. Obwohl ihm alle jene ausgezeichneten, wissenschaftlichen Kenntnisse fehlten, wodurch Polwarth, wie man wohl behaupten konnte, in dieser Kunst sich hervorthat, so besaß er doch eine starke Vorliebe für Alles, was nur einen feinen Geschmack verrieth und war in Folge dieses doppelten Anspruchs auf Lionel's Bekanntschaft ein häufiger Gast bei den von Polwarth veranstalteten Abendbanketten. So finden wir ihn am Abend des dritten Tags dieser Woche an der Seite seiner beiden Freunde an einer reichlich versehenen Tafel, zu deren Besetzung mehr als gewöhnliche Geschicklichkeit aufgeboten worden war, wenn überhaupt die wiederholten Erklärungen jenes Schülers Heliogabal's in dieser Beziehung irgend Glauben ansprechen durften.

»Kurz, Major Lincoln,« sagte Polwarth, in seinem Lieblingstischgespräche fortfahrend, »der Mensch kann überall leben, wenn er nur etwas zu essen hat, in oder außerhalb England, das ist gleichgültig. Kleidung mag nöthig seyn, der äußeren Erscheinung wegen, aber Nahrung ist das einzige Unentbehrliche, was die Natur der animalischen Welt auferlegt hat, und nach meiner Ansicht sollte eigentlich jeder Mensch zufrieden seyn, wenn er hat, womit er die Mahnungen seines Hungers befriedigen kann. – Kapitän M'Fuse, Ihr würdet mich sehr verbinden, wenn Ihr den Lendenbraten nach der Richtung schneiden wolltet.«

»Was macht das, Polly,« entgegnete der Kapitän von den Grenadieren mit leichtem irischen Accent und mit dem seinen Landsleuten eigenen Humor, der sich deutlich in seinen schönen Gesichtszügen abspiegelte, »was liegt daran, wie ein Stück Fleisch zerlegt wird, wenn nur genug da ist, um, wie Du erinnert, die Mahnungen des Magens zu befriedigen?«

»Es ist eine mittelbare Erleichterung der Natur, die man nie vernachlässigen sollte,« entgegnete Polwarth, dessen gravitätischer Ernst bei seinen Banketten nicht leicht gestört wurde; »es erleichtert das Kauen und unterstützt die Verdauung – zwei Dinge, Sir, von großer Wichtigkeit für Kriegsmänner, welche oft so wenig Zeit für das Erstere und keine Ruhe nach ihrem Mahle haben, um die Letztere zu vollenden.«

»Er räsonnirt wie ein Armeelieferant, der gerne bewirken möchte, daß eine Ration für zwei ausreiche, wenn der Transport theuer ist,« rief M'Fuse, indem er nach Lionel hinblinzelte. »Deinen Grundsätzen gemäß, Polly, ist also die Kartoffel dein treuer Begleiter, denn solch ein Ding, gesetzt, daß es ein wenig mehlig ist, magst Du nach allen Richtungen schneiden, ohne den Kern zu verletzen.«

»Verzeiht mir, Kapitän M'Fuse,« sagte Polwarth, »eine Kartoffel muß gebrochen und darf durchaus nicht geschnitten werden – es gibt kein Gewächs, das mehr gebraucht und weniger verstanden wird als die Kartoffel.«

»Und wollt ihr, Päter Polwarth von Nesbitts leichter Infanterie,« fiel der Grenadier ein, indem er mit unendlicher Laune Messer und Gabel vor sich hinlegte, – »wollt Ihr Dennis M'Fuse lehren, wie man eine Kartoffel zerschneidet? Ich will gerne euch Engländer als Meister bei einem Ochsen anerkennen – dort habt ihr eure Lendenstücke und Damenrumpfe, und was ihr sonst noch wollt; aber bei mir zu Land ist das eine Ende an jedem Pachthof ein Sumpf, das andere ein Kartoffelfeld; – irisches Erbgut ist es, womit Ihr Euch solche Freiheiten herausnehmt, Sir.«

»Der Besitz eines Dings und die Kenntniß seines Gebrauchs sind zwei sehr verschiedene Eigenschaften – –«

»So gib mir die Eigenschaft des Besitzes,« unterbrach ihn wieder der hitzige Grenadier, »besonders wenn ein Stück von dem grünen Eiland in dem Streite berührt wird, und überlasse es einem alten Soldaten von den königlichen Irländern, seine Bissen selbst zu schneiden. Nun wett' ich eine Monatslöhnung, und das ist für mich so viel, als wenn der Major sagte, es gilt ein Tausend – Du kannst mir nicht sagen, wie viele Gerichte aus so einem einfachen Ding, wie diese Kartoffel, bereitet werden können und auch täglich in Irland bereitet werden.«

»Ihr röstet und siedet sie, gebraucht sie zum Füllen von zahmem Geflügel und manchmal – –«

»Alles alte Weiber-Kocherei!« unterbrach ihn M'Fuse, indem er tiefe Verachtung affektirte. – »Nun, Sir, wir haben sie mit Butter und ohne Butter, das macht zwei, dann haben wir sie mit Schalen und – –«

»Ohne Schalen,« sagte Lionel lachend. »Ich denke, wir überlassen diese eigenthümliche Streitfrage der Entscheidung Job's; ich sehe ihn eben dort in der Ecke, wie er den Gegenstand des Disputs in dem zuletzt genannten Zustand an einer Gabel hält, und mir scheint, daß er ihm trefflich schmecke.«

»Oder sagen Sie lieber« fuhr M'Fuse fort, »daß dieß eine Materie ist, woran das Urtheil Salomo's sich üben könnte, so wollen wir Seth Sage zum Kartoffelrichter ernennen, der, wenn sein scharfsinniges Gesicht den Namen nicht Lügen straft, etwas von der Weisheit des königlichen Juden an sich haben muß.«

»Nennt Seth nicht königlich,« sagte Job, während er in seiner Mahlzeit eine Pause machte. »Der König ist königlich und stolz, aber Nachbar Sage läßt Job herein kommen und essen wie ein Christ.«

»Der Bursche da ist nicht ganz ohne Vernunft, Major Lincoln,« fing Polwarth an; »er entwickelt im Gegentheil dadurch, daß er uns zur Essenszeit mit seiner Gegenwart beehrt, eine instinktartige Kenntniß des Guten und Bösen.«

»Der arme Schelm findet, fürcht' ich, nur wenig zu Hause, was ihn verleiten könnte, daselbst zu bleiben,« antwortete Lionel; »und da er eine der ersten Bekanntschaften war, die ich bei der Rückkehr in mein Vaterland machte, so habe ich Mr. Sage gebeten, ihn zu jeder schicklichen Stunde zuzulassen, besonders dann, Polwarth, wenn er Gelegenheit findet, Deiner Geschicklichkeit zu huldigen.«

»Ich bin erfreut, ihn zu sehen,« sagte Polwarth, »denn ich liebe einen ungelehrten Gaumen gerade so, wie ich Naivetät bei Weibern liebe. – Sey so gut und reiche mir eine Schnitte von der Brust jener wilden Gans, M'Fuse – nicht so weit vorwärts, wenn ich bitten darf; eure Zugvögel sind gern etwas zäh an den Flügeln – aber Einfachheit im Essen ist bei alle Dem das große Geheimnis des Lebens; dies und gehöriger Vorrath an Nahrungsmitteln.«

»Dießmal wirst Du Recht haben,« erwiederte der Grenadier mit Lachen, »denn dieser Bursche mag wohl einer der Flügelmänner des Trupps gewesen seyn und seine Schuldigkeit im Segeln doppelt gethan haben, oder habe ich ihn auch gegen den Strich angeschnitten! Aber Polly, Du hast uns nicht gesagt, welche Fortschritte ihr neuerdings in euren Leicht-Infanterie-Exercitien gemacht habt.«

Bis jetzt war Polwarth in den wesentlichen Theilen des Mahls so weit vorgeschritten, daß er einigermaßen seinen gewöhnlichen gutmüthigen Ton wieder annehmen konnte, und er antwortete daher mit weniger Gravität als zuvor:

»Wenn Gage nicht eine Reform mit unserer Lebensweise vornimmt, wird er uns alle noch zu Tod quälen. Du wirst wissen, Leo, daß alle Flankencompagnien vom Wachdienst frei sind, um eine neue Art des Exercitiums einzulernen. Das nennen sie eine Erleichterung, aber die einzige, die ich bei der Sache finde, besteht darin, daß wir uns zum Feuern niederlegen – das sind dann, ich muß bekennen, ein oder zwei köstliche Augenblicke.«

»Ich hab's manchmal in diesen zehn Tagen an deinem Seufzen gemerkt,« antwortete Lionel; »aber was halten Sie von diesem besonderen Exercitium, Kapitän M'Fuse? beabsichtigt Gage mehr damit als die gewöhnliche Dressur?«

»Da befragen Sie mich über etwas, Sir, wovon ich nichts verstehe,« sagte der Grenadier; »ich bin Soldat und gehorche meiner Ordre, ohne mich in Untersuchungen über den Gegenstand oder die Zweckmäßigkeit derselben einzulassen. Alles, was ich weiß, ist, daß sowohl Grenadiere als leichte Infanterie nicht mehr die Wache beziehen und daß wir jeden Tag mit Hin- und Hermarschiren ein schön Stück Weg über festen Boden zurücklegen, zu Polly's offenkundigem Mißbehagen und starker Abmagerung – er verliert eben so viel an Fleisch als er Grund gewinnt.«

»Glaubst Du das wirklich?« rief der hocherfreute Kapitän von der leichten Infanterie; »dann habe ich doch nicht all die verdammte Bewegung umsonst gehabt. Sie haben uns den kleinen Harry Skip zum Exerciermeister gegeben, der, wie ich glaube, den flüchtigsten Fuß in der ganzen Armee hat. Seyd Ihr auch meiner Meinung, Meister Sage? Ihr scheint mir über den Gegenstand nachzusinnen, als ob er einen geheimen Reiz für Euch hätte.«

Die schon früher genannte Person, an welche Polwarth seine Frage richtete, stand mit einem Teller in der Hand in einer Stellung da, welche große Aufmerksamkeit, bei plötzlichem tiefem Interesse an der Unterredung verrieth; dabei waren jedoch seine Augen zu Boden geschlagen und sein Gesicht abgewendet, wie wenn Jemand unter ängstlichem Lauschen dennoch den besondern Wunsch hat, unbemerkt zu bleiben. Er war der Eigentümer des Hauses, in welchem Lionel seine Wohnung genommen hatte. Seine Familie war vor einiger Zeit auf das Land gezogen, wobei er den Vorwand gebrauchte, er könne sie an einem Orte wie Boston ohne Geschäfte und Hülfsquellen nicht ernähren; er selbst aber war in der doppelten Absicht zurückgeblieben, sowohl sein Eigenthum zu beschützen als auch seine Gäste zu bedienen. Dieser Mann hatte in nicht geringem Grade alle die Eigenschaften des Körpers und des Geistes, wie sie eine zahlreiche Klasse seiner Landsleute unterscheiden. In ersterer Beziehung war er eher über als unter der Mittelgröße, dünn, eckig und ungelenk, aber Sehnen und Knochen verriethen ungewöhnliche Stärke. Seine Augen waren klein, schwarz, funkelnd, und gaben zu erkennen, daß der Verstand, der aus ihnen hervorleuchtete, mit einer schönen Dosis abgefeimter List gepaart war. Der übrige Theil seines Gesichts erschien mager, bleich und streng verschlossen. Als Seth so plötzlich von Polwarth um seine Meinung befragt wurde, antwortete er mit der vorsichtigen Zurückhaltung, welcher er unveränderlich treu blieb:

»Der Adjutant ist ein rastloser Mann, aber das ist, denk' ich, nur um so besser für einen Leicht-Infanterie-Offizier. Kapitän Polwarth muß es jetzt, wo der General diese Neuerungen bei den Soldaten befohlen hat, besonders anstrengend finden, mit ihnen Schritt zu halten.«

»Und was ist wohl Eure Ansicht von diesen Neuerungen, wie Ihr sie nennt, Mr. Sage,« fragte M'Fuse; »Ihr seyd ein Mann von Beobachtungsgeist und müßt Eure Landsleute kennen; werden sie fechten?«

»Eine Ratte kämpft, wenn die Katzen ihr nachstellen,« sagte Seth, ohne die Augen von seinem Geschäft zu erheben.

»Aber glauben denn die Amerikaner, man stelle ihnen nach?«

»Ei, recht arg, so meint das Volk, Kapitän. Das Land war in großer Unruhe wegen der Stempel und der Taxen; aber ich sagte immer, wer nichts Schriftliches von sich gebe und nicht viel Geschmack für etwas Andres als die gewöhnliche Nahrung besitze, könne sich bei alle Dem nicht sehr durch die Gesetze bedrückt finden.«

»Dann seht Ihr also keine große Bedrückung darin, Meister Sage,« schrie der Grenadier, »wenn man von Euch verlangt, daß Ihr Euren Antheil an den Taxen bezahlt, um einen so braven Burschen wie mich in gehöriger Verfassung zu erhalten, damit ich Eure Schlachten schlage?«

»Ei, was das betrifft, Kapitän, so meine ich, wir könnten recht gut unser Fechten ganz allein besorgen, wenn die Lage es einmal erfordert; wiewohl ich nicht glaube, daß unser Volk ohne Noth besondre Lust dazu haben wird.«

»Aber was meint Ihr, wollen eigentlich eure ›Wohlfahrts-Ausschüsse‹ und eure ›Söhne der Freiheit‹, wie sie sich nennen, mit ihren Paraden von ›Taschenmännchen‹, ihrem Proviantaufhäufen, ihren Geschützfuhren und den andern fürchterlichen und schreckenerregenden Vorbereitungen? – Ha! Ehrlicher Seth, glauben sie etwa einen brittischen Krieger durch das Rasseln einer Trommel zu erschrecken, oder wollen sie sich wie Knaben am Feiertage mit Soldatenspielen erlustigen?«

»Ich sollte meinen,« sagte Seth mit unerschütterlichem Ernst und stets gleichbleibender Vorsicht, »das Volk beschäftigt sich eifrig damit und in allem Ernst.«

»Und wozu?« fragte der Irländer; »ihre eigenen Ketten zu schmieden, damit wir sie in Wahrheit in Fesseln legen?«

»Ei, ich sehe doch, daß sie die Stempel verbrannt, den Thee in den Hafen geworfen und seitdem die Verwaltung in ihre eigenen Hände genommen haben, und sollte eher daraus schließen, daß sie wohl ziemlich entschlossen sind, zu thun, was sie für's Beste halten.«

Lionel und Polwarth lachten laut auf und Ersterer bemerkte:

»Es scheint, Sie kommen mit unserem Wirthe nicht zum Schluß, Kapitän M'Fuse, obgleich so Manches klar vorliegt. Weiß man wohl, Mr. Sage, daß zahlreiche Verstärkungen in die Kolonien und besonders nach Boston kommen werden?«

»Nun ja,« erwiederte Seth, »mich dünkt, man hält das ziemlich allgemein für wahrscheinlich.«

»Und was ist die Wirkung all' dieses Dafürhaltens?«

Seth schwieg einen Augenblick, als sey er ungewiß, ob er den andern auch recht verstehe; dann antwortete er:

»Nun, da das Land beträchtlich bei der Sache betheiligt ist, so gibt's Manche, die da meinen, wenn die Minister den Hafen nicht öffnen, so werde es ohne viele weitere Worte vom Volke geschehen.«

»Wißt Ihr,« sagte Lionel ernst, »daß ein solcher Versuch geradezu zum Bürgerkrieg führen würde?«

»Ich vermuthe, man kann sicher darauf rechnen, daß ein solches Beginnen Störungen herbeiführen würde,« entgegnete sein phlegmatischer Wirth.

»Und Ihr, Sir, sprecht davon, wie von einer Sache, die nicht abgewendet und durch jedes Mittel, das der Nation zu Gebot steht, verhindert werden müßte? –«

»Ist der Hafen einmal geöffnet und das Auflagerecht abgeschafft,« sagte Seth ruhig, »dann wird ein Mann in Boston zu finden seyn, der sich verbindlich macht, alles Blut, das ferner vergossen werden wird, ohne irgend eine Vergütung aus seinen eigenen Adern nehmen zu lassen.«

»Und wer mag dieses furchtbare Geschöpf seyn, Meister Sage?« rief M'Fuse; »Eure eigene vollblütige Person etwa? – Was gibt's, Doyle, was verschafft mir die Ehre Eures Besuchs?«

Diese plötzliche Frage wurde von dem Kapitän der Grenadiere an die Ordonnanz seiner eigenen Compagnie gerichtet, welche in diesem Augenblick mit ihrer Riesengestalt, in der Stellung militärischen Respekts, die Thüre des Gemachs versperrte, als ob sie dem Offizier eine Meldung überbringen wollte.

»Es sind Befehle gekommen, Sir, die Mannschaft eine halbe Stunde nach dem Zapfenstreich unter's Gewehr treten zu lassen und zum aktiven Dienst bereit zu seyn.«

Die drei Herren erhoben sich bei dieser Meldung zumal von ihren Stühlen, während M'Fuse ausrief: »Ein Nachtmarsch! Puh! Man will uns wieder zum Garnisonsdienst verwenden, denk' ich; die Liniencompagnien werden schläfrig und wünschen Erleichterung. – Gage hätte eine passendere Zeit wählen können, als die jetzige, ohne dadurch andere ehrliche Leute so bald nach einem Festmahle, wie das Deine, Polly, in Marsch zu setzen.«

»Gewiß steckt etwas Wichtigeres hinter einer so außergewöhnlichen Ordre,« fiel Lionel ein; »da könnt ihr im Augenblick schon den Zapfenstreich hören. Sind keine andere Truppen als Ihre Compagnie unter's Gewehr gerufen?«

»Das ganze Bataillon hat denselben Befehl, Euer Gnaden, und so auch das Bataillon leichte Infanterie; ich erhielt Befehl, es Kapitän Polwarth zu melden, wenn ich ihn träfe.«

»Das hat etwas zu bedeuten, ihr Herren,« sagte Lionel, »und es ist nothwendig, daß wir uns vorsehen. Wenn eins von den beiden Corps heute Nacht die Stadt verläßt, marschire ich als Freiwilliger mit, denn gerade jetzt ist es für mich Pflicht, mir über den Zustand des Landes Aufschluß zu verschaffen.«

»Daß wir heute Nacht marschiren werden, ist gewiß, Euer Gnaden,« fügte der Sergeant mit der Zuversicht eines alten Soldaten bei; »aber wie weit und auf welchem Wege, ist allein den Stabsoffizieren bekannt; jedoch glaubt die Mannschaft, daß wir bei den Collegien ausmarschiren werden.«

»Und was hat einen so gelehrten Glauben in ihre dummen Köpfe gesetzt,« fragte sein Kapitän.

»Einer der Leute, Euer Gnaden, welcher auf Urlaub gewesen, ist so eben zurückgekommen und berichtet, daß ein Trupp Herren von der Armee nahe bei den Collegien zu Mittag speisten – daß sie, als die Nacht kam, aufsaßen und die Straßen in dieser Richtung zu rekognosciren anfingen. Er wurde von vieren derselben gestellt und ausgefragt, als er über die Niederung ging.«

»All' das bestätigt meine Vermuthungen,« rief Lionel – »da ist einer, der uns wichtige Dienste erweisen kann – Job – wo ist der Simpel, Meriton?«

»Er wurde vor einer Minute hinausgerufen, Sir, und hat das Haus verlassen.«

»Dann schicke Mr. Sage herein,« fuhr der junge Mann nachsinnend fort. Einen Augenblick darauf wurde ihm berichtet, daß Seth ebenfalls auf befremdende Weise verschwunden sey.

»Die Neugierde hat ihn nach der Kaserne geführt,« sagte Lionel, »wo euch, ihr Herren, die Pflicht hinruft. Ich will noch ein kleines Geschäft besorgen, und euch in einer Stunde daselbst treffen; ihr könnt wohl nicht vor dieser Zeit marschiren.«

Das Geräusch eines allgemeinen Aufbruchs folgte. Lionel warf Meriton seinen Mantel zu und ertheilte ihm zugleich die nöthigen Befehle; darauf nahm er seine Waffen, und indem er sich bei seinen Gästen entschuldigte, verließ er das Haus wie Einer, der noch ein eiliges dringendes Geschäft vor sich sieht. M'Fuse fuhr fort, sich fertig zu machen, aber er that Alles mit der Bedachtsamkeit eines Soldaten, der zu viel Erfahrung besitzt, um leicht außer Fassung zu gerathen. Trotz seiner großen Kaltblütigkeit erschöpfte übrigens Polwarth's langes Zögern doch endlich die Geduld des Grenadiers, denn als er den Andern zum vierten Male einen Befehl wiederholen hörte, betreffend die Aufbewahrung gewisser Speisen, an welchen dieser noch im Geiste zu hängen schien, nachdem körperliche Trennung vom Schicksal geboten worden – rief er endlich hitzig:

»He, he, Mann, wie kannst Du Dich noch am Vorabend eines Marsches mit solch' epikuräischen Gelüsten befassen! Gerade der Soldat ist es, der euren Eremiten und Anachoreten ein Beispiel der Casteiung geben sollte; überdieß, Polly, ist diese Entfaltung von Sorge und Vorsicht an Dir am allerwenigsten zu entschuldigen, da Du wohl weißt, daß wir noch in dieser Nacht, für welche Du so sehr besorgt scheinst, eine geheime Expedition vorhaben.«

»Ich!« rief Polwarth; »so wahr ich hoffe, noch ein anderes Mahl zu mir zu nehmen, ich bin so unbekannt mit der ganzen Sache, als der geringste Korporal in der Armee – warum vermuthest Du anders?«

»Kleinigkeiten zeigen einem alten Krieger, wann und wo der Schlag geschehen soll,« erwiederte M'Fuse, während er ruhig seinen Militärmantel fester um seine derbe Gestalt wickelte; »habe ich nicht noch in dieser Stunde mit meinen eigenen Augen einen gewissen Kapitän der leichten Infanterie sich sehr eifrig mit schweren Vorräthen beladen sehen! Verdammt auch, Mann, denkst Du, ich hätte meine fünfundzwanzig Jahre gedient und wüßte nicht, daß, wenn eine Garnison ihre Magazine zu füllen anfängt, sie eine Belagerung erwartet?«

»Ich habe nichts weiter als Major Lincoln's Bewirthung mein gebührendes Compliment erwiesen,« erwiederte Polwarth; »aber weit entfernt, irgend besonderen Appetit gehabt zu haben, war ich im Gegentheil nicht einmal in der Lage, verschiedenen der Gerichte alle die Ehre zu erweisen, die ich ihnen gewünscht hätte. – Mr. Meriton, Ihr werdet so gut seyn, und den Ueberrest von diesem Geflügel in die Kaserne hinabschicken, wo mein Bursche es in Empfang nehmen soll; und da es ein langer und wohl auch hungriger Marsch werden mag, so legt noch die Zunge, das Huhn und etwas Ragout dazu; wir können es auf jedem Pachthof aufwärmen – auch das Stück Rindfleisch könnten wir nehmen, Mac – Leo findet besonderen Geschmack an einem kalten Stückchen: und Ihr dürft auch noch den Schinken beilegen, er wird besser als alles Andere halten, wenn wir lange ausbleiben sollten – und – und – ich denke, das ist Alles, Meriton.«

»Ich bin sehr froh, das zu vernehmen: wahrhaftig gerade so als wenn ich eine Kriegserklärung zu Charing-Croß ablesen hörte,« rief M'Fuse: – »Du hättest Commissär werden sollen, Polly – die Natur bestimmte Dich zu einem Armeelieferanten!«

»Lach' wie Du willst, Mac,« erwiederte der gutmüthige Polwarth; »Du wirst mir's danken, wenn wir zum Frühstück Halt machen; aber jetzt steh' ich zu Diensten.«

Als sie das Haus verließen, fuhr er fort: »Ich hoffe, Gage beabsichtigt nichts weiter, als uns ein wenig vorzupoussiren, um die Fouragierer und die Armeedepots zu unterstützen – eine solche Stellung könnte recht hübsche Vortheile darbieten, denn man könnte ein System in Gang bringen, das dem Tische der leichten Infanterie die Auswahl des ganzen Marktes sichern würde.«

»Das ist eine mächtige Vorbereitung um so eine alte eiserne Kanone, die einem Mann das Leben kosten würde, wenn er ihr eine Lunte nahe brächte,« sagte der ritterliche M'Fuse; »ich meines Theils, Kapitän Polwarth, wenn wir überhaupt gegen diese Kolonisten fechten sollen, möchte es auch thun, wie ein Mann; ich ließe die Bursche ein tüchtiges Arsenal zusammenbringen, daß wir, wenn's zu Schlägen kommt, doch auch eine kriegerische Affaire bekommen – wie nun die Sachen stehen, würde ich mich schämen, so wahr ich Soldat und Irländer bin, meine Bursche einen Hahn spannen und einen Angriff auf einen Haufen von Bauern machen zu lassen, deren Feuerwaffen mehr wie rostige Wasserröhren als wie Musketen aussehen, und deren ganzes Besitzthum ein halbes Dutzend Kanonen bildet, mit Zündlöchern, daß ein Mann den Kopf hineinstecken könnte, und mit Mündungen, gerade groß genug, um Marbelsteine durchzuwerfen.«

»Ich weiß nicht, Mac,« antwortete Polwarth, während sie eifrig ihren Weg nach den Quartieren ihrer Mannschaft fortsetzten; »selbst ein Marbelstein könnte einem den Appetit zum Mittagsmahl verderben, und die Eingebornen haben den großen Vortheil vor uns voraus, daß sie die Lebensmittel in ihrer Gewalt haben – der Unterschied in der Ausrüstung wird höchstens diesen Nachtheil wieder ausgleichen.«

»Ich will Niemandes Meinung in Sachen militärischer Beurtheilung bestreiten, Kapitän Polwarth,« erwiederte der Grenadier; »aber ich behaupte, es besteht ein wesentlicher Unterschied zwischen einem Soldaten und einem Metzger, wenn auch das Tödten ein gemeinsames Geschäft von beiden ist. Ich wiederhole, Sir, ich hoffe, daß diese geheime Expedition ein würdigeres Ziel hat, als blos diese armen Teufel, mit denen wir nächstens fechten sollen, der Mittel zu berauben, eine ehrliche Schlacht zu liefern; so will es die ächte Kriegslehre, Sir, das behaupte ich, ohne Rücksicht darauf zu nehmen, wer etwa dagegen streiten möge.«

»Deine Gesinnungen sind edel und männlich, Mac; aber bei all' Dem hat sicher Jeder sowohl die physische als moralische Verpflichtung, zu essen, und wenn eine Hungersnoth die Folge davon ist, daß man seinen Feinden erlaubt, Waffen zu tragen, so wird es zur heiligen Pflicht, ihnen dieselben abzunehmen; – nein – nein – ich muß Gage's Maaßregel, als für die gegenwärtigen Umstände sehr weise, vollkommen billigen.«

»Und er ist Euch sehr verbunden, Sir, für Eure Billigung,« erwiederte der Andere; – »ich fürchte, Kapitän Polwarth, so bald Generallieutenant Gage nöthig findet, an irgend Jemand um außerordentlichen Beistand sich zu wenden, wird er sich erinnern, daß da ein Regiment, genannt die königlichen Irländer, im Lande weilt, und daß er selbst nicht ganz unbekannt mit den Eigenschaften seiner eigenen Landsleute ist. – Ihr habt wohlgethan, Kapitän Polwarth, den Dienst der leichten Infanterie zu wählen – sie sind eine Art Fouragirer und wissen sich zu helfen; aber die Grenadiere, Gott sey Dank, lieben es, Männer und nicht Vieh im Felde zu treffen.«

Wie lange die Gutmüthigkeit Polwarth's die zunehmenden Anzüglichkeiten des Irländers ertragen haben würde, der sich immer mehr durch seine eigenen Beweise steigerte, läßt sich unmöglich bestimmen, denn ihre Ankunft in der Kaserne machte dem Streit ein Ende und unterdrückte die Gefühle, die er anzuregen begonnen hatte.

 

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