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Lionel Lincoln oder die Belagerung von Boston

James Fenimore Cooper: Lionel Lincoln oder die Belagerung von Boston - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorJames Fenimore Cooper
titleLionel Lincoln oder die Belagerung von Boston
publisherVerlag von S. G. Liesching
printrunZweite Auflage
year1851
translatorEduard Mauch
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20150324
modified20170303
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Sechstes Kapitel.

Ja, wär' er fetter: – doch ich fürcht' ihn nicht.
Nur selten lächelt er, und lächelt so,
Als ob's ihn ärgerte, als zürnt' sein Geist,
Daß ihn zum Lachen bringen konnt' ein Ding.

Julius Cäsar.    

 

Im Laufe der folgenden Woche erlangte Lionel in Betreff der Lage der Kolonien noch weitere Kenntniß von manchen unbedeutenderen Umständen, welche man allerdings als in diese Zeit fallend sich denken kann, die aber die Gränzen unserer Erzählung weit überschreiten würden. Seine Waffenbrüder empfingen ihn mit jener Herzlichkeit, die ein reicher, hochgebildeter und freier, wenn nicht jovialer Kamerad gewiß war unter Leuten zu finden, welche hauptsächlich nur dem Vergnügen und dem äußeren Scheine lebten. Gewisse Anzeichen von ungewöhnlich wichtigen Bewegungen waren am ersten Tag der Woche unter den Truppen zu bemerken und seine eigene Stellung in der Armee ward gewissermaßen auch von diesen Veränderungen betroffen. Statt zu seinem eignen Regiment zu stoßen, erhielt er Befehl, sich bereit zu halten, ein Kommando in einem leichten Corps zu übernehmen, welches die Uebungen zu dem solchen Truppen eigenthümlichen Dienst schon begonnen hatte. Da man wohl wußte, daß Boston Major Lincoln's Geburtsort war, bewilligte ihm der kommandirende General mit der in seinem Charakter liegenden Nachsicht und Güte einen, wiewohl nur kurzen, Urlaub, damit er den in seiner Lage natürlichen Gefühlen frei sich hingeben könne. Es wurde bald allgemein angenommen, daß Major Lincoln, obwohl er beabsichtigte, in der Armee von Amerika zu dienen, wenn die traurige Alternative des Aufrufs zu den Waffen eintreten sollte – doch vorderhand auf zwei Monate Erlaubniß habe, sich nach Belieben zu amüsiren. Solche, die sich weiser als gewöhnliche Leute glaubten, sahen oder meinten in dieser Anordnung einen tief angelegten Plan von Seiten Gage's zu sehen, der den Einfluß und die Gewandtheit des jungen Eingeborenen unter seinen Freunden und Verwandten dazu benützen wollte, Letztere wieder zu den loyalen Gesinnungen zurückzubringen, welche, wie man fürchtete, so manche von ihnen zu hegen aufgehört hatten. Aber es lag in dem Charakter der Zeit, daß man unbedeutenden Sachen große Wichtigkeit beilegte und eine geheime Politik in Handlungen argwohnte, welche ihre Quelle allein in der Zuneigung hatten.

Uebrigens war nichts in dem Benehmen oder der Lebensart, welche Lionel annahm, was diese Vermuthungen hätte bestätigen können. Er wohnte für seine Person fortwährend im Hause von Mrs. Lechmere, hatte jedoch, da er die Gastfreundschaft seiner Tante nicht zu sehr in Anspruch zu nehmen wünschte, in der Nachbarschaft eine Wohnung gemiethet, wo seine Bedienten sich aufhielten und wo er, wie man allgemein wußte, seine Visiten, sowohl Höflichkeits- als Freundschaftsbesuche, empfing. Kapitän Polwarth ermangelte nicht, laute Klage über diese Anordnung zu führen, welche mit einem Male alle Vortheile wieder aufhob, die er sich von der Möglichkeit eines freien Eintritts in dem Hause seiner Geliebten unter dem Titel des Freundes versprochen hatte. Da aber Lionel's Haushalt mit jener Freigebigkeit eingerichtet wurde, welche einem jungen Manne von seinem großen Vermögen zukam, so fand der dem Ueberfluß nicht abholde Leichtinfanterie-Offizier bei dem Tausche manche Quellen des Trostes, welche nicht existirt hätten, wenn die ernste Mrs. Lechmere dem Hausdepartement vorgestanden wäre. Lionel und Polwarth waren als Knaben in derselben Schule, als Jünglinge im nämlichen Kollegium zu Oxford gewesen und hatten später mehre Jahre lang im nämlichen Corps gedient. Obgleich vielleicht nicht zwei Menschen in ihrem Regiment sowohl an Geist, als an Körper wesentlicher von einander verschieden waren, so ist doch gewiß, daß eben in Folge jener unerklärlichen Laune, welche uns gerade unser Gegentheil lieb gewinnen läßt, nicht leicht zwei Offiziere in der Armee auf besserem Fuße mit einander standen und eine engere rückhaltlosere Freundschaft unterhielten. Es ist unnöthig, uns hier über dieses eigenthümliche Verhältniß weiter auszulassen; man findet sie täglich und noch zwischen weit verschiedeneren Menschen, als Resultat des Zufalls und der Gewohnheit, besonders wenn das Band, wie im gegenwärtigen Fall, durch unzerstörbare Gutmüthigkeit auf der einen Seite zusammengehalten wird. In dieser letzteren Eigenschaft, wenn in keiner andern, zeichnete sich Kapitän Polwarth vor Jedermann aus. Sie trug eben so viel, als seine Wissenschaft in der Kunst zu leben, zu dem gedeihlichen Zustande der körperlichen Hälfte unseres Mannes bei und machte den Umgang mit seinem weniger materiellen Theil zu allen Zeiten befriedigend, wenn nicht angenehm.

Bei gegenwärtiger Gelegenheit übernahm der Kapitän die Aufsicht über die innere Oekonomie in Lionel's Hause mit einem Eifer, der nach seinem eigenen Geständniß nicht ganz uneigennützig war. Nach den Vorschriften des Regiments war er gezwungen, dem Namen nach die MeßSo nennen die Engländer den Offiziertisch in den Regimentern. A. d. U. zu frequentiren, wo seine Talente und Wünsche durch gewisse unumstößliche Bestimmungen und ökonomische Gebräuche eingeengt waren, die nicht leicht überschritten werden konnten. Bei Lionel aber bot sich ihm eine schon längst gewünschte Gelegenheit, wo er nach seinen eigenen Regeln leben konnte, ohne daß er die Kosten in Anschlag zu bringen nöthig hatte. Wenn auch die Armen der Stadt bei ihrem Mangel an Beschäftigung nothwendig durch reiche Beiträge an Geld, Kleidung und Lebensmitteln unterstützt werden mußten, die selbst aus den entferntesten Theilen der Kolonien zu ihrer Hülfe zusammenströmten, so fehlte es doch auf den Märkten noch nicht an allen Lebensbedürfnissen für Alle, welche die Mittel zum Einkaufen besaßen. Bei solcher Beschaffenheit der Dinge gab sich Polwarth bald zufrieden, und in den ersten vierzehn Tagen nach Lionel's Ankunft war am Regimentstisch schon allgemein bekannt, daß Kapitän Polwarth regelmäßig bei seinem alten Freund, Major Lincoln, speise, obwohl der Letztere in Wahrheit mehr als die Hälfte dieser Zeit die Gastfreundschaft der übrigen Stabsoffiziere genoß.

In der Zwischenzeit vernachläßigte Lionel seine Bekannten in der Tremontstraße keineswegs, und machte seine Besuche mit einer Theilnahme und einer Emsigkeit, welche die Schüchternheit bei seinem ersten Eintritt uns kaum hätte erwarten lassen. Bei Mrs. Lechmere freilich machte er nur geringe Fortschritte in der Vertraulichkeit: denn, jederzeit gleich förmlich und höflich, war sie stets in einen Nimbus künstlicher, aber kalter Abgemessenheit gehüllt, die, hätte er auch den Wunsch dazu gehabt, ihm nur wenig Gelegenheit geboten haben würde, die Scheidewand ihres berechnenden Temperaments zu durchbrechen. Bei seinen jugendlicheren Verwandtinnen jedoch war in wenigen Tagen der Fall ein ganz verschiedener. Agnes Danforth, die nichts zu verbergen hatte, begann unmerklich an der Männlichkeit und Grazie seines Wesens Gefallen zu finden, und noch vor dem Ende der ersten Woche verfocht sie die Rechte der Kolonisten, lachte über die Thorheiten der Offiziere und gestand ihre eigenen Vorurtheile mit einer Vertraulichkeit und guten Laune, welche sie bald wiederum zum Liebling ihres englischen Cousins machte, wie Lionel von ihr genannt wurde. Das Betragen von Cäcilie Dynevor aber fand er weit verlegener, wenn nicht geradezu unerklärlich. Tage lang saß sie ferne, schweigsam und zurückhaltend, und auf einmal, wie durch plötzliche Eingebung, wurde sie wiederum heiter und natürlich; dann leuchtete ihre ganze Seele in den strahlenden Augen, ihre unschuldige muntere Laune durchbrach die Bande des Zwangs und machte nicht nur sie, sondern auch Alle um sie her glücklich und froh. Manche volle Stunde quälte sich Lionel, um den Grund dieser unerklärlichen Veränderlichkeit zu erfassen, die sich in dem Benehmen der jungen Dame zu verschiedenen Zeiten kund gab. Es war etwas ungemein Reizendes selbst in der Beschaffenheit ihrer Launen, was in ihm, bei ihrer wunderschönen Gestalt und ihrem seelenvollen Antlitz, ein besonderes Interesse für sie erweckte, so daß er allmählich ein genauerer Beobachter ihrer Wunderlichkeit wurde und insgeheim sich hingezogen fühlte, mit wärmerem Antheil auf ihre Bewegungen zu blicken. In Folge dieses Eifers verlor Cäcilien's Betragen fast unmerklich von seiner Veränderlichkeit und wurde mehr gleichförmig anziehend, während Lionel durch ein unerklärliches Uebersehen bald vergaß, diesen Wechsel in's Auge zu fassen oder selbst dessen Anziehungskraft zu vermissen.

In einer gemischten Gesellschaft, wo Vergnügen, Geselligkeit und eine Menge von Gegenständen darauf hinwirken, die Aufmerksamkeit zu zerstreuen, würden solche Veränderungen, wenn sie überhaupt Statt fänden, kaum die Folgen von mondenlangem Umgange seyn, in einer Stadt aber wie Boston, wo die Meisten von Denen, mit welchen Cäcilie verkehrt hatte, bereits geflohen waren, und die Zurückgebliebenen hauptsächlich nur mit sich und für sich selbst lebten, war dieß die höchst natürliche Wirkung sehr augenscheinlicher Ursachen. So hatte bei den Beiden Etwas wie Neigung, vielleicht wohl auch ein tieferes Interesse während dieser denkwürdigen vierzehn Tage Wurzel gefaßt – einer Zeit, die noch ungleich wichtigere Ereignisse, als sie in den Schicksalen einer einzelnen Familie vorzukommen pflegen, in's Daseyn gerufen hatte.

Der Winter von 1774 auf 1775 war eben so sehr durch seine Milde bemerklich gewesen, als das Frühjahr sich kalt und zögernd erwies. Gleich jeder Jahreszeit in unserem veränderlichen Klima waren aber die frostigen Tage des März und April mit solchen untermischt, an denen eine heitere Sonne Gedanken an den Sommer zurückrief, und diese hatten ihrerseits wieder anderen Platz gemacht, wo Ströme kalten Regens, vom Ostwinde hergejagt, jede Annäherung zu einer milderen Temperatur wieder zu hintertreiben schienen. Viele dieser stürmischen Tage fielen in die Mitte des April, und während ihrer Dauer war Lionel nothgedrungen zu Hause geblieben.

Er hatte sich eines Abends aus dem Besuchszimmer der Mrs. Lechmere zurückgezogen, während der Regen in fast horizontaler Richtung gegen die Fenster schlug, um einige Briefe zu vollenden, die er noch vor Tisch an den Agenten seiner Familie in England angefangen hatte. Als er in sein eigenes Gemach trat, fand er mit Befremden das Zimmer, das er leer verlassen hatte und eben so wieder zu treffen hoffte, auf eine Weise besetzt, wie er dieß nicht zu finden erwartet hatte. Die Flamme eines großen Feuers prasselte im Kamin und spielte in lieblichem Wechsel mit den flackernden Schatten der Geräthschaften, indem sie jeden Gegenstand in fremdartigen und phantastischen Formen vergrößerte. Als er in die Thüre trat, fiel sein Auge auf einen dieser Schatten, der sich an der Wand ausdehnte und, an der getäfelten Decke sich brechend, die gigantischen, aber scharfen Umrisse einer menschlichen Gestalt zeigte. Sich erinnernd, daß er seine Briefe offen gelassen, und nicht zu viel auf die Diskretion Meriton's vertrauend, schritt Lionel leise einige Schritte näher, so daß er um die Draperie des Betts blicken konnte, und gewahrte zu seiner Verwunderung, daß der Eingedrungene nicht sein Diener, sondern der bejahrte Fremde war. Der alte Mann saß, den offenen Brief in der Hand, den Lionel geschrieben hatte, und war so sehr in dessen Inhalt vertieft, daß die Fußtritte des Andern von ihm noch immer unbeachtet blieben. Ein weiter grober Ueberrock, der von Wasser triefte, verhüllte fast seine ganze Gestalt, obwohl die weißen Haare, die um sein Haupt hingen, und die tiefen Linien seines ausdrucksvollen Gesichts nicht zu verkennen waren.

»Ich hatte nicht die geringste Kenntniß von diesem unerwarteten Besuche,« sagte Lionel und schritt rasch bis in die Mitte des Zimmers vor, »sonst hätte ich nicht so lange gesäumt, Sir, in mein Zimmer zurückzukehren, wo Sie, wie ich fürchte, Langweile gehabt haben müssen, da Sie nichts als dieses Gekritzel zu Ihrer Unterhaltung vorfanden.«

Der alte Mann wandte das Papier von seinem Gesichte ab, und große Thränentropfen wurden dadurch in seinen Augen sichtbar, die hinter einander die hohlen Wangen hinabrollten und endlich auf den Boden niederfielen. Der stolze, unwillige Ausdruck verschwand bei diesem Anblick aus Lionel's Zügen, und er war im Begriff, auf geziemendere Weise in seiner Rede fortzufahren, als der Fremde, dessen Auge sich vor dem Zorn des jungen Mannes nicht gesenkt hatte, seiner Absicht zuvorkam.

»Ich verstehe Sie, Major Lincoln,« sagte er ruhig; »aber es kann triftige Gründe sogar für einen größeren Treubruch geben, als der ist, dessen Sie mich beschuldigen. Zufall, und nicht Absicht, hat mich hier in Besitz Ihrer geheimsten Gedanken gesetzt und zwar in Betreff eines Gegenstandes, der für mich hohes Interesse hat. Sie haben mich während unsrer Reise oft gedrängt, Sie mit all' Dem bekannt zu machen, was Sie am meisten zu wissen wünschten – ein Ansinnen, zu welchem ich, wie sie sich erinnern werden, stets geschwiegen habe.«

»Sie äußerten, Sir, Sie seyen Herr eines Geheimnisses, an welchem meine Gefühle, wie ich gestehen will, den innigsten Antheil nehmen, und ich bin in Sie gedrungen, meine Zweifel durch die klare Wahrheit zu entfernen, aber ich begreife nicht –«

»Wie ein Wunsch, mein Geheimniß zu besitzen, mir einen Anspruch darauf gibt, in die Ihrigen einzudringen, wollten Sie sagen,« unterbrach ihn der Fremde; »auch ist das nicht der Fall. Aber ein Interesse an Ihren Angelegenheiten, das Sie jetzt noch nicht verstehen können, das aber durch diese glühenden Thränen bekräftigt wird – die ersten, welche seit Jahren aus einer Quelle fließen, die ich vertrocknet geglaubt hatte, sollte und muß Ihnen genug seyn.«

»Das ist es auch,« sagte Lionel, ergriffen von dem melancholischen Klang seiner Stimme, »es ist's, ja, wahrlich es ist's, und ich will keine weitere Erklärung über diesen unerfreulichen Umstand hören. Sie fanden Nichts darin, dessen bin ich gewiß, worüber ein Sohn Ursache haben sollte, sich zu schämen.«

»Ich finde hier viel, Lionel Lincoln, worauf ein Vater mit Recht stolz sehn dürfte,« erwiederte der alte Mann. »Es war die Kindesliebe, in diesem Briefe hier von Ihnen dargelegt, was meinen Augen diese Thränen entpreßte; denn wer, wie ich, über das gewöhnliche Alter der Menschen hinausgelebt hat, ohne die Liebe zu kennen, die der Vater für sein Kind fühlt und welche dieses für den Urheber seiner Tage empfindet, der müßte alles natürliche Mitgefühl überlebt haben, wenn er da nicht sein Unglück inne würde, wo der Zufall ihm Gesinnungen, wie diese, vor die Seele führt.«

»Sie sind also nie Vater gewesen?« sagte Lionel, indem er einen Stuhl nahe zu seinem betagten Gefährten hinrückte und sich mit einer Miene des wärmsten Antheils, dem er sich nicht entziehen konnte, niedersetzte.

»Ich bin beides – Gemahl und Vater – zu einer Zeit gewesen; das ist aber schon so lange her, daß jetzt kein selbstisches Band mehr übrig ist, das mich an die Erde fesselte. Das Alter ist der Nachbar des Todes, und Kälte des Grabes weht auch aus seinem wärmsten Athem.«

»Sprechen Sie nicht so,« fiel Lionel ein, »Sie thun wahrlich Ihrer eigenen feurigen Natur Unrecht. – Sie vergessen Ihren Eifer zum Wohle dieser, von Ihnen so genannten, unterdrückten Kolonien.«

»Das ist nur noch das Flackern der ersterbenden Lampe, die am meisten flimmert und leuchtet, wenn die Quelle ihrer Hitze dem Versiegen am nächsten ist. Aber obwohl ich in Ihre Brust kein Feuer zu gießen vermag, das ich selbst nicht besitze, so kann ich doch die Gefahren bezeichnen, welche das Leben im Uebermaß bietet und mag vielleicht als Leuchtthurm dienen, wenn ich nicht länger zum Piloten tauge. Das ist der Zweck, Major Lincoln, weßhalb ich dem Sturme dieser Nacht getrotzt habe.«

»Ist irgend etwas vorgefallen, was dringende Gefahr im Gefolge hätte und ein solches Opfer nöthig machen kann?«

»Sehen Sie mich an,« sagte der Greis voll Ernst – »ich habe den größten Theil dieses blühenden Landes als Wildniß gesehen; meine Erinnerung geht zurück bis zu jenen Zeiten, wo der Wilde und das Thier des Waldes mit unsern Vätern um ein gut Theil des Landes kämpfte, das jetzt Hunderttausende im Ueberflusse nährt, und meine Zeit muß nicht nach Jahren, sondern nach Menschenaltern gezählt werden. Hat wohl, meinen Sie – hat ein solches Wesen noch viele Monden oder Wochen, oder selbst nur Tage zu erwarten?«

Lionel schlug verwirrt die Augen zu Boden, während er antwortete:

»Sie können freilich nicht mehr auf viele Jahre hoffen; aber bei der Thatkraft und Mäßigkeit, welche Sie besitzen, möchten doch Tage und Monden, so glaube ich, Ihr Leben in zu enge Schranken einschließen.«

»Was!« rief der Andere, indem er eine farblose Hand von sich streckte, in der selbst die vorragenden Adern die Symptome eines allgemeinen Nachlasses der Natur zeigten: »bei diesen welken Gliedern, diesen grauen Haaren, diesen eingesunkenen Leichenaugen, wollen Sie mir noch von Jahren sprechen! mir, der ich mich nicht erdreiste, um Minuten zu bitten, wenn sie des Gebetes Werth wären – so lange schon und so schwer ist meine Prüfung gewesen!«

»Es ist allerdings Zeit, an jenen Wechsel zu denken, wenn er uns so nahe erscheint.«

»Gut denn, Lionel Lincoln, – alt, schwach und auf der Schwelle der Ewigkeit stehend, bin ich doch meinem Grabe nicht näher, als dieses Land, dem Sie Ihr Blut geweiht haben, einem mächtigen Kampfe entgegengeht, der seine Institutionen bis auf ihre Grundlagen erschüttern wird.«

»Ich kann nicht zugeben, daß die Zeichen der Zeit ganz so unheilverkündend sind, als Ihre Furcht sie machen möchte,« erwiederte Lionel lächelnd. »Sollte auch das Schlimmste eintreffen, was man fürchten kann, so wird England die Erschütterung nur fühlen, wie die Erde den Ausbruch eines ihrer Vulkane empfindet! Doch wir reden in eitlen Bildern, Sir: wissen Sie irgend Etwas, das die Befürchtung einer unmittelbaren Gefahr rechtfertigte?«

Ein überraschender Strahl der Augen erhellte plötzlich das Gesicht des Fremden und ein sarkastisches Lächeln zog über seine bleichen Züge, als er leise antwortete:

»Nur Die haben Ursache zu fürchten, welche bei der Veränderung die Verlierenden seyn werden! Ein Jüngling, der die Fesseln seiner Wächter abwirft, wird nicht leicht an seiner Fähigkeit, sich selbst zu regieren, zweifeln. England hat diese Kolonien so lange am Gängelbande geführt, daß es endlich vergißt, wie sein Sprößling nun auch allein gehen kann.«

»Nun, Sir, überschreiten Sie sogar die wilden Plane der Kühnsten unter jenen Männern, welche sich selbst ›Söhne der Freiheit‹ nennen! – wie wenn Freiheit auf irgend einem Punkt der Erde mehr begünstigt und genährt würde, als unter der gesegneten Constitution von England! Das Aeußerste, was jene verlangen, ist Abhülfe von Beschwerden, wie man's nennt, von denen viele, wie ich mir denke, nur in der Einbildung bestehen.«

»Hat man einen Stein je aufwärts rollen sehen? Lassen Sie nur einen einzigen Tropfen amerikanisches Blut im Zorn vergossen werden, und seine Spur wird nicht mehr auszulöschen seyn.«

»Unglücklicher Weise ist der Versuch schon gemacht worden, und doch sind seitdem Jahre vorübergerollt, während England in seiner Stellung verharrt und sein Ansehen behauptet.«

»Sein Ansehen!« wiederholte der alte Mann; »Major Lincoln, gewahren Sie nicht gerade in der Geduld dieses Volks, so lange es sein Unrecht selbst einsah, eben jene Grundsätze, welche es unnachgiebig und unüberwindlich machen müssen, wenn es einmal in seinem Rechte seyn wird? Doch wir verschwenden unsre Zeit – ich kam, Sie an einen Ort zu führen, wo Sie mit eignen Augen und Ohren Etwas von dem Geiste hören und sehen sollen, der das Land durchdringt: Sie werden mir folgen?«

»Sicherlich nicht in einem solchen Sturme.«

»Dieser Sturm ist nur eine Kleinigkeit gegen den, welcher über euch hereinbrechen wird, wenn ihr nicht umkehrt auf eurer Bahn. – Aber folgen Sie mir, ich wiederhole es: wenn ein Mann von meinen Jahren die Nacht nicht scheut, darf dann ein englischer Krieger zaudern?«

Lionel's Stolz war berührt, und eines Versprechens sich erinnernd, das er früher seinem bejahrten Freunde gegeben hatte, ihn zu einer solchen Scene zu begleiten, traf er die nöthigen Aenderungen in seinem Anzug, um seinen Stand verborgen zu halten, warf einen weiten Mantel zum Schutz gegen den Regen um sich und wollte eben das Zimmer verlassen, als er durch die Stimme des Andern aufgehalten wurde.

»Sie sind im Irrthum,« sprach dieser; »es ist ein geheimer und, wie ich hoffe, nützlicher Besuch, den wir beabsichtigen, – Niemand darf Ihre Gegenwart ahnen, und wenn Sie ein würdiger Sohn Ihres braven Vaters sind, so brauche ich kaum noch beizufügen, daß mein Wort für Ihre Verschwiegenheit verpfändet ist.«

»Das Pfand wird respektirt werden, Sir,« antwortete Lionel stolz; »aber um zu sehen, was Sie mir zeigen wollen, werden wir doch wohl nicht hier bleiben?«

»Folgen Sie denn und verhalten Sie sich ruhig,« erwiederte der Greis, indem er sich umdrehte und die Thüre zu einem kleinen Gemach öffnete, das durch eines jener schmaleren Fenster erhellt war, deren wir schon bei der Beschreibung des Gebäudes erwähnt haben. Der Gang war finster und eng, doch der voranschreitende Führer trug Sorge, vor jedem Fehltritte zu warnen, und so stieg Lionel glücklich eine Reihe von Stufen hinab, welche eine besondere Verbindung zwischen der Hausflur und den oberen Gemächern bildeten. Am Fuß der Treppe hielten sie ein wenig, und der junge Mann drückte seine Verwunderung darüber aus, daß ein Fremder weit besser als er selbst mit einer Wohnung bekannt schien, die ihm seit vielen Tagen schon zur zweiten Heimath geworden war.

»Habe ich Ihnen nicht oft gesagt,« antwortete der Greis mit einer Strenge in seiner Stimme, die selbst in diesen verhaltenen Tönen hervortrat – »daß ich Boston fast an die hundert Jahre kenne? Wie viele Gebäude enthält es gleich diesem, und ich sollte ihre Bauart mir nicht gemerkt haben? Aber folgen Sie mir nur schweigend und seyen Sie klug.«

Er öffnete jetzt eine Thüre, welche sie aus einem Flügel des Gebäudes in den Hofraum führte, der es einschloß. Indem sie in's Freie heraustraten, bemerkte Lionel die Gestalt eines Menschen, der an den Wänden hinkroch, als ob er Schutz vor dem strömenden Regen suchte. In dem Augenblick, als sie erschienen, erhob sich die Gestalt und folgte, als sie sich nach der Straße wandten.

»Werden wir nicht beobachtet?« fragte Lionel und hielt, um den Unbekannten zu betrachten. »Wer folgt hier lauernd auf unsern Fersen?«

»Es ist der Junge,« antwortete der alte Mann, für welchen wir den Namen Ralph beibehalten müssen, wie ihn Job gewöhnlich nannte, wenn er den Gast seiner Mutter anredete, – »es ist der Junge, und er kann uns kein Leids zufügen. Gott hat ihm die Kenntniß von Vielem, was gut und was schlimm ist, gewährt, obgleich der Geist des Kindes zu Zeiten durch seine körperlichen Leiden recht geschwächt ist. Sein Herz aber gehört seinem Vaterlande und einer Zeit, wo dieses aller Herzen bedarf, um seine Rechte zu behaupten.«

Der junge brittische Offizier beugte das Haupt, um dem Sturm zu begegnen, und lächelte unter den Falten seines Mantels, welchen er fester um sich zog, als sie in den offenen Straßen der Stadt dem sausenden Winde entgegentraten. Sie waren rasch durch viele enge und winkliche Gassen gegangen, ohne daß ein Wort zwischen den Abenteurern gewechselt worden wäre. Lionel forschte bei sich nach dem besonderen, unerklärlichen Interesse, welches er an allen Handlungen seines Gefährten nahm und das ihn bei einem solchen Wetter aus Mrs. Lechmere's schützender Wohnung hatte verlocken können, um, er wußte nicht – wohin, zu wandern, und einem Unternehmen entgegenzugehen, das für seine Person selbst gefährlich werden konnte. Noch folgte er ohne Zögern, denn an diese vorübergehenden Gedanken reihte sich die Erinnerung an so manche neuere und wichtige Mittheilung, die er von dem alten Manne während ihres langen und vertrauten Zusammenseyns auf dem Schiffe erhalten hatte; auch fehlte es ihm nicht an einer natürlichen Theilnahme für Alles, was die Sicherheit und das Wohl seiner Vaterstadt berührte. Er behielt die Gestalt seines bejahrten Führers im Auge, während dieser ihm voranschritt, ohne den Sturm zu beachten, der seine verwitterte Gestalt zusammenschüttelte; hinter sich hörte er die schweren Fußtritte Job's, der so dicht an ihn herangerückt war, daß er einigermaßen noch von dem Schutze seines weiten Mantels mitgenoß. Kein anderes lebendes Wesen schien sich herausgewagt zu haben und selbst die wenigen Schildwachen, an denen sie vorüberkamen, versteckten sich, statt vor den Thüren, die sie bewachen sollten, auf und ab zu schreiten, hinter den Ecken der Mauern oder suchten Schutz unter dem Vorsprung eines begünstigenden Daches. Auf Augenblicke stürmte der Wind in die engen Zugänge der Straßen und durchfegte diese mit einer fast unwiderstehlichen Heftigkeit, ja mit einem Geräusch, das dem hohlen Branden der See nicht unähnlich war. In solchen Augenblicken war Lionel genöthigt, stehen zu bleiben und selbst ein wenig zurückzuweichen, während sein Führer, durch den Endzweck, der ihn leitete, aufrecht erhalten und durch sein Gewand nur wenig gehindert, der aufgeregten Phantasie Lionel's mit einer fast übernatürlichen Leichtigkeit durch die Nacht hinzugleiten schien. Endlich blieb der alte Mann, der einigen Abstand von seinem Begleiter genommen hatte, plötzlich stehen und ließ Lionel näher zu sich herankommen. Der Letztere bemerkte mit Erstaunen, daß sie Wurzel und Stamm eines Baumes vor sich hatten, der sonst an der Seite der Straße gestanden war und erst ganz kurz gefällt worden zu seyn schien.

»Sehen Sie die Ueberreste der Ulme?« sagte Ralph, als die beiden Andern auch stehen geblieben waren; »die Axt hat endlich die Mutterpflanze niedergeschlagen, aber ihre Sprößlinge strecken die Schosse über einen ganzen Continent hin.«

»Ich verstehe Sie nicht,« erwiederte Lionel; »ich sehe hier nichts als den Stumpf eines Baumes; die Minister des Königs sind doch nicht etwa dafür verantwortlich, daß er nicht mehr hier steht?«

»Die Minister des Königs sind ihrem Herrn dafür verantwortlich, daß er jemals geworden, was er ist; aber sprechen Sie einmal mit dem Jungen neben Ihnen, er wird Ihnen seine guten Eigenschaften nennen.«

Lionel wandte sich gegen Job und bemerkte mit Staunen bei dem ungewissen Lichte des Mondes, daß der Blödsinnige mit unbedecktem Haupte in dem Sturme dastand und mit sichtbar ehrfurchtsvollem Grauen die Wurzel betrachtete.

»Das Alles ist mir ein Räthsel!« rief er endlich, »was weißt Du von diesem Stumpf, Bursche, daß Du so andächtig davor stehst?«

»Dieß ist die Wurzel des Freiheitsbaumes!« sagte Job, »und es ist Sünde, ohne einen ehrerbietigen Gruß an ihm vorüberzugehen!«

»Und was hat dieser Baum für die Freiheit gethan, daß er so tiefen Respekt sich verdient hätte?«

»Was! ei, saht Ihr je zuvor einen Baum, der schreiben und Stadtversammlungen ankündigen konnte, oder der im Stande war, das Volk darüber zu belehren, was der König mit dem Thee und mit seinen Stempeln beabsichtigte?«

»Und konnte dieser merkwürdige Baum solche Wunder verrichten?«

»Freilich konnt' er's und that es auch – wollte einmal der knickige Tommy darauf denken, das Volk durch einen seiner listigen Plane über Nacht zu überrumpeln – da durftet Ihr nur am nächsten Morgen hierher kommen und Ihr konntet eine Warnung auf der Rinde dieses Baumes lesen, die Euch Alles besagte und noch dazu, wie man seine Teufeleien zu nichte machen sollte; Alles schön geschrieben mit einer Handschrift, wie Meister Lovell selbst in den besten Tagen seiner edlen Schulmeisterzeit sie nicht besser zu Papier hätte bringen können.«

»Und wer brachte das Papier hieher?«

»Wer?« rief Job mit mehr Zuversicht, »ei, die Freiheit kam in der Nacht und heftete es selbst an. Als Nab noch keine Wohnung hatte, pflegte Job zuweilen unter dem Baum zu schlafen und manche Nacht hat er mit eigenen Augen gesehen, wie die Freiheit kam und das Papier anheftete.«

»Und kam sie als Weib?«

»Glaubt Ihr, die Freiheit wäre so thöricht gewesen, immer in Weiberkleidern zu kommen, daß Eure liederlichen Soldaten ihr auf den Straßen nachgelaufen wären,« sagte Job mit tief verachtender Gebärde. »Manchmal that sie's, ja, und manchmal nicht, wie sich's gerade traf, und Job war an dem Baume, als der alte Noll seine gottlosen Stempel aufgeben mußte, obgleich er es nicht eher that, bis die ›Söhne der Freiheit‹ seine Stempelbude auf den Werften umgeworfen und ihn selbst mit dem Lord Boot zusammen an den Aesten der alten Ulme aufgehängt hatten!«

»Gehängt!« sagte Lionel, indem er sich unwillkührlich zurückzog; »war der Baum je einmal ein Galgen?«

»Ja, für solche, die in effigie umkamen!« antwortete Job lachend; »ich wollte, Ihr hättet sehen können, wie der alte Stiefel als Satan ausstaffirt, herumbaumelte, während sie ihn hinaufzogen: sie gaben dem alten Jungen einen großen Schuh, um seinen gespaltenen Huf hineinzustecken.«

Lionel, der mit der eigenthümlichen Aussprache wohl vertraut war, welche seine Landsleute dem Buchstaben u gaben, begriff jetzt die Anspielung auf den Grafen Bute,Die Amerikaner sprechen den Buchstaben u mit dem harten Laut von oo aus, und daher kam der damalige Volkswitz, der Lord Bute mit boot (Stiefel) indentificirte. Lord Bute war zu Anfang der amerikanischen Unruhen Premierminister von England und wurde von dem Volk zu Boston in effigie als Stiefel am Freiheitsbaum aufgehängt. Dieser ›Freiheitsbaum‹ versah hier den nämlichen Dienst wie einst zu Rom die Statue Pasquino's. und als er jetzt die ganze Sache und den Gebrauch, wozu dieser merkwürdige Baum gedient hatte, deutlicher einzusehen anfing, erklärte er seinen Wunsch, weiter zu gehen.

Der alte Mann hatte Job diese seine Erklärungen über die Sache geben lassen, nicht ohne lebhafte Neugier, welche Wirkung sie auf Lionel äußern würden; so wie dieser aber sein Verlangen aussprach, sich zu entfernen, wandte er sich und schritt weiter. Die Richtung ihres Wegs ging nun näher gegen die Werfte hin. Bald lenkte ihr Führer in einen engen Hofraum und trat in ein Haus von fast ärmlichem Ansehen, indem er sogar die gewöhnliche Förmlichkeit, seinen Besuch durch das übliche Klopfen an der Thüre anzukündigen, als überflüssig unterließ. Ein langer, enger und schwach erleuchteter Gang führte sie zu einem geräumigen Gemach weit hinten im Hof, das für die Aufnahme zahlreicher Volksversammlungen hergerichtet schien. In diesem Zimmer waren wenigstens hundert Männer versammelt, alle mit einem Gegenstand von mehr als gewöhnlicher Wichtigkeit beschäftigt, wie aus der Würde und dem strengen Ausdruck auf ihren Gesichtern hervorzugehen schien.

Da es Sonntag war, glaubte Lionel anfangs beim Eintritt in das Zimmer, sein alter Freund, der oft ein besonderes Interesse für religiöse Gegenstände verrieth, habe ihn in der Absicht hieher gebracht, einen Lieblingsredner über seine eigenthümlichen Sätze sprechen zu hören; er meinte darin einen schweigenden Vorwurf wegen der Vernachläßigung dieses heiligen Tags zu erkennen; denn einer solchen klagte ihn sein Gewissen plötzlich an, als er sich unerwartet in einer solchen Versammlung befand. Nachdem er aber durch einen dichten Haufen von Zuhörern durchgedrungen war, welche an dem unteren Ende des Zimmers standen, und ein schweigender Beobachter der ganzen Scene wurde, erkannte er bald seinen Irrthum. Das Wetter hatte alle Anwesenden genöthigt, in solchen Gewändern zu erscheinen, wie sie am besten zum Schutz gegen die Wut desselben paßten; ihr Aeußeres war rauh und vielleicht ein wenig zurückstoßend, aber in der ganzen Versammlung herrschte eine Ruhe, ein Anstand, welche die Mitglieder sämmtlich als Leute bezeichneten, die in hohem Grade die Eigenschaft der Selbstachtung besaßen. Wenige Minuten reichten hin, Lionel zu belehren, daß er sich mitten unter Männern befinde, welche sich über Fragen besprechen wollten, die mit den politischen Bewegungen der Zeiten in Verbindung standen, wenn es ihm gleich etwas schwer fiel, das eigentliche Resultat zu entdecken, das sie herbeiführen wollten. Für jede Frage waren ein oder zwei Sprecher – Leute, welche ihre Gedanken in vertraulichem Tone und mit der in der Provinz üblichen Aussprache ausdrückten, so daß er nicht länger daran zweifeln konnte, daß die Redner nichts weiter als Handwerker und Krämer aus der Stadt seyen. Die Meisten, wenn nicht Alle, zeigten eine Ueberlegung und Kälte, die ihre aufrichtige Theilnahme an der Sache, der sie sich geweiht, ein wenig in Zweifel hätte ziehen können, wenn sie nicht gelegentlich über die Minister der Krone Worte rohen und manchmal beißenden Spottes ergossen und vollkommene, feste Einigkeit darin bewiesen hätten, daß jeder Ausdruck des allgemeinen Willens ganz wie von einem berathenden Körper aufgenommen wurde. Gewisse Beschlüsse, worin die ehrfurchtvollsten Vorstellungen sich seltsam mit den kühnsten Behauptungen konstitutioneller Grundsätze mischten, wurden verlesen und ohne Widerspruch und dabei mit einer Ruhe genehmigt, die keinerlei heftige Aufregung verrieth. Lionel war besonders über die Sprache dieser geschriebenen Ansichten betroffen, die mit einer Reinheit und manchmal mit einer Eleganz des Styles ausgedrückt waren, welche deutlich zeigte, daß die Bekanntschaft des schlichten Handwerkers mit der Schrift, durch deren Perioden er sich eben durchgearbeitet hatte, noch eine ganz neue und nichts weniger als vertraute sey. Die Augen des jungen Kriegers wanderten von Gesicht zu Gesicht; er fühlte ein dringendes Verlangen, die geheimen Leiter der Scene zu entdecken, deren Zeuge er war; auch dauerte es nicht lange, so fiel ihm eine Person auf, die seinen Verdacht ganz besonders zu verdienen schien. Es war ein Mann, offenbar erst im mittleren Alter; sein Aeußeres, Gestalt sowohl als Kleidung, soweit sie unter seinem Oberrock hervorsah, zeigte, daß er auf einer durchaus höheren Stufe als die übrige Masse der Versammlung stand. Tiefe, aber männliche Ehrfurcht wurde diesem Manne augenscheinlich von Denen, welche ihm am nächsten standen, gezollt, und ein oder zwei Mal fanden zwischen ihm und den sichtbareren Leitern der Versammlung leise und ernste Mittheilungen Statt, welche den Verdacht Lionel's in der erwähnten Art erregten. Trotz des geheimen Mißfallens, welches der englische Offizier augenblicklich gegen einen Mann empfand, der seiner Ansicht nach seine Macht so weit mißbrauchte, daß er Andere zu Handlungen des Ungehorsams verführte, – konnte er sich doch den günstigen Eindruck nicht verhehlen, welchen die offene, furchtlose und gewinnende Miene des Fremden bei ihm hervorbrachte. Lionel hatte sich so gestellt, daß er seine Person, die zum Theil durch die höheren Gestalten Derer, die ihn umgaben, verdeckt wurde, beständig im Auge behalten konnte und bald erregte auch sein ernstes und neugieriges Hinblicken die Aufmerksamkeit des Andern. Bedeutungsvolle Blicke wurden während des übrigen Abends unter ihnen gewechselt, bis der Vorsitzende ankündigte, daß die Zwecke der Zusammenkunft erfüllt seyen und das Meeting aufhob.

Lionel erhob sich aus seiner Stellung an der Wand und ließ sich von dem Strome der Menge in den dunkeln Gang drängen, durch welchen er in das Zimmer gelangt war. Hier verweilte er einen Augenblick, um seinen verlorenen Gefährten wieder zu entdecken, wobei er zugleich den geheimen Wunsch nicht unterdrücken konnte, das Benehmen eines Mannes näher zu beobachten, dessen Miene und Betragen so lange seine Aufmerksamkeit gefesselt hatte. Das Gedränge hatte sich merklich vermindert: er bemerkte, daß außer ihm nur Wenige zurückgeblieben waren, und noch würde ihm nicht aufgefallen seyn, daß er ein Gegenstand des Verdachts für diese Wenigen werden könne, hätte ihn nicht eine Stimme dicht neben ihm wieder zur Besinnung gerufen.

»Kommt Major Lincoln heute zu seinen Landsleuten als Einer, der in ihre Beschwerden einstimmt, oder als der begünstigte, hoffnungsvolle Diener der Krone?« fragte derselbe Mann, nach welchem er sich so lange vergeblich umgesehen hatte.

»Ist Sympathie für die Unterdrückten unvereinbar mit der Treue für meinen Fürsten?« fragte Lionel.

»Das nicht,« sagte der Fremde in freundlichem Ton, »man sieht dieß an dem Benehmen mancher braven Engländer unter uns, welche unsere Sache ergriffen haben – aber wir haben Anspruch auf Major Lincoln als auf einen Landsmann.«

»Vielleicht, Sir, möchte es eben jetzt wenig geeignet seyn, diesen Titel zu verläugnen, seyen auch meine Meinungen, welche sie wollen,« erwiederte Lionel, etwas stolz lächelnd; »dieß mag kein so sicherer Boden seyn, seine Meinung offen zu sagen, als etwa der Stadtgrund oder der Palast von St. James.«

»Wäre der König selbst heute Abend zugegen gewesen, Major Lincoln, würde er wohl einen einzigen Satz gegen die Constitution gehört haben, welche seine Person für heilig und unverletzlich erklärt hat?«

»Welches immer die Gesetzmäßigkeit Ihrer Gesinnungen seyn mag, Sir, so wurden diese doch sicherlich nicht in einer Sprache ausgedrückt, die für ein königliches Ohr gepaßt hätte.«

»Es mag nicht eben Kriecherei, oder auch nur Schmeichelei gewesen seyn, aber es ist Wahrheit – eine Tugend, die nicht weniger heilig ist als die Rechte der Könige.«

»Dieß ist weder der Ort noch die Gelegenheit, Sir,« sagte der junge Krieger rasch – »über die Rechte unseres gemeinschaftlichen Herrn zu streiten; aber sollten wir uns einst später in höherer Sphäre begegnen, wie mir nach Ihrem Benehmen und Ihrer Sprache wahrscheinlich dünkt, so werden Sie mich nicht lässig finden, seine Ansprüche zu vertheidigen.«

Der Fremde lächelte bedeutungsvoll, indem er erwiederte:

»Unsere Väter, glaube ich, sind oft in solcher Gesellschaft zusammengetroffen; verhüte Gott, daß ihre Söhne je auf weniger freundliche Art sich begegnen.«

Kaum war dieß gesprochen, als er mit einer Verbeugung zurücktrat und alsbald in der Dunkelheit des Ganges verschwand.

Lionel, der sich nun allein fand, suchte mit den Händen den Weg nach der Straße, wo er Ralph und den Schwachsinnigen traf, welche auf seine Ankunft warteten. Ohne nach der Ursache seines Zögerns zu fragen, schritt der Alte an der Seite seines Gefährten weiter und nahm, eben so unempfindlich gegen den Sturm wie zuvor, seinen Weg nach der Wohnung der Mrs. Lechmere.

»Sie haben nun eine anschauliche Probe von dem Geiste gehabt, der dieses Volk durchdringt,« hub Ralph nach einigen Augenblicken des Schweigens an; »glauben Sie noch immer, daß keine Gefahr vorhanden sey, und daß der Vulkan nicht ausbrechen werde?«

»Alles, was ich heute Abend gehört und gesehen habe, bestätigt allerdings eine solche Meinung,« erwiederte Lionel. »Leute am Vorabend einer Empörung prüfen übrigens selten so scharf und mit solcher Mäßigung. Ja, gerade der Zunder für den Brand – der Pöbel selbst – behauptet seine konstitutionellen Grundsätze und stellt sie unter den Mantel des Gesetzes, als wären die Leute ein Club gelehrter Advokaten.«

»Meinen Sie, das Feuer werde weniger anhaltend brennen, weil, was Sie den Zunder nennen, durch die Alles reifende Zeit vorbereitet wurde?« entgegnete Ralph. »Aber das kommt davon her, wenn man einen jungen Mann zur Erziehung in die Fremde schickt! Der Junge stellt seine nüchternen, ernsten Landsleute auf eine Stufe mit den europäischen Bauern!«

So viel konnte Lionel verstehen; aber ungeachtet der alte Mann noch längere Zeit heftig vor sich hinmurmelte, waren seine Worte doch zu undeutlich, als daß er deren Meinung hätte begreifen können. Als sie in den Theil der Stadt gelangt waren, der Lionel bekannter war, deutete ihm sein betagter Führer den Weg an, den er einzuschlagen hatte, worauf er sich mit den Worten verabschiedete:

»Ich sehe, Nichts als der letzte und schreckliche Beweis offener Gewalt wird Sie von der Absicht der Amerikaner, ihren Unterdrückern zu widerstehen, überführen. Gott wende die böse Stunde! aber wenn sie kommen wird, wie sie denn kommen muß, werden Sie Ihren Irrthum einsehen, junger Mann, und dann, darauf vertraue ich, werden Sie die natürlichen Bande nicht verleugnen, welche Sie an Ihr Vaterland, an Ihre Verwandten fesseln.«

Lionel würde etwas erwiedert haben, doch die raschen Schritte Ralph's vereitelten seinen Wunsch, denn ehe er Zeit zu sprechen fand, sah er dessen abgezehrte Gestalt wie ein körperloses Wesen durch die Schichten des strömenden Regens hingleiten und bald dem Auge völlig entschwinden, indem sie, gefolgt von den plumperen Umrissen des Blödsinnigen, in den düsteren Schatten der Nacht sich verlor.

 

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